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Full text of "Monatshefte für Politik und Wehrmacht auch Organ der Gesellschaft für Heereskunde"

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MONATSHEFTE 
FÜR POLITIK UND 

WEHRMACHT 
[AUCH ORGAN DER 
GESELLSCHAFT... 




Diniti?nrl bv CoOf^le 



Digiii^icu by ^^jy^L'^ 



Jahrbücher 



für die 



tsche Armee und Marine. 



Verantwortlich redigiert. 



von 



C3-. -^oxx l^ALAJRiJFVF 

Oberstlieutenant t. D. 



Achtundvierzigster Band. 

Juli bis September 1883. 



1^ 



b?:rlin. 

RICHARD WILHELML 

1883. 



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Inhalts- Verzeichnis. 



S«lte 



L 


Algerien und Tunesien. Von A. Janke. Hauptmann. (Fort- 








1 


II. 


Die Kriege der Vendee gegen die erste französischen Republik 
1793—1798. Eine militär-historische Skizze von A. v, Crousaz, 








20 


m. 


Ein neuer Vorschlag flir die Gestaltung einer Festungsfront und 






eines detachirt«n Fort«. Aus dem Russischen übersetzt von 






Trost, Lieutenant im Inf.-Reg. Nr. 71. koinmand. zur Kriegs- 






Akademie Mit einer Kart*> 


35 


IV. 




53 


V. 


Die Entwickelung der russischen Flotte seit dem Krimkriege. 








75 


VI. 


Aus au^'ländischen Militär- Zeitschriften .... 


87 


YII. 


L'mschiiu in der Militär-Litteratur 


96 


vm. 


Verzeichnis der neu erschienenen Bucher und der gröfsereu in 






den militiri.srhcn Zeitj^chrifteii des In- und Auslandes enthaltenen 






Aufsätze. II. Quartal 1883 


106 


IX. 


Algerien und Tunesien Von A. Janke, Hauptmann. (Fort- 








129 


X. 


Die Kriege der Vcnd^e gegen die erste französische Republik 






1793-179G. Kine lailitär-historische Skizze von A. T. Crousaz, 








153 


XI. 


Die Anforderungen an unsere Kasernen. (SchlufsJ . . . . 


176 


XIL 


Die Entwickelung der russischen Flotte seit dem Krimkriege. 








211 


XIII. 


Um.schftu in der Militlr-Littfratur . 








244 


XIV. 


Algerien und Tunesien. Von A. Janke, Hauptmann. (Furt- 








245 



496248 



XV. Dif Kriego der Vondöe gogoii die erste französische I'epublik 
1793 — 1796 Eiue iiiilitär-historische Skizze von A. v. Crousaz. 

Major z. I). (Fortsctziuig) . 264 

XVI. Die prenfsischoii Husaren bei der Ariin'e der \ erltüiideten 

Friodrich des Gn.fscn in dt'ii ■Talirf'n 17.')8— 17fi() . ■ ■ 

XVII. Grundzüge für eiue Neuorduung un»?re8 Ingenieur- and Festung« - 

WP3P11S . , . , . . . . . . . . . . . 3Ü3 

XVIII. Italiens wostlicho Vortt iditrini^'sfroiit und heutiges Befe-sti^ungs - 

systeni. Von C. Wintt-rbfr^ 310 

XIX. Die nfut'ste Sticfcl-Fra^'^e ..... 321 

XX. Kin Wort über Anonymität niiil Pseudonyniit.ii 3'.^6 

XXI. Stuarts letzter Raid vom Sattel ans gesehen 333 

XXII riiimhau in der ^lilitiir-I.ittorntur , , , , , Ml 




L 

Algerien und Tunesien. 




(Forlntsimg.) 

III. 

Ueber die Zeit vor dar phöiiiziflchen Einwanderung in Nord- 
West- Afrika bestehen sehr wenige historisch-beglaubigte Nachrichten. 
Wahrscheinlich sind die von den Oasen Siwah und Audschila bis 
an den Atlantischen Ozean verbreiteten Berber die ursprnnpHchen 
Bewohner; sie wurden im Altertum mit dem Namen Libyer be- 
zeichnet. Zur Zeit des Herkules sollen Einwanderer aus Persien und 
Medien gekommen sein, mit denen sich die reinen Libyer oder Berber 
vermischten, sodafs daraus die Numidier in Mauretanien entstanden 
seien. Vom 8. bis 5. Jahrhundert v. Chr. gelang es den Phöniziern 
sich des ganzen Küstengebiets zu bemächtigen, und Karthago 
begründete durch eine Reihe von Kolonien längs der Küste seine 
Macht. Das Gebiet der Numidier im Innern des Landes zerfiel in 
kleine Fürstentümer, unter deren Königen Karthago es verstand zu 
seinem eigenen Vorteil Zwietracht zu nähren. 

Als die Römer Karthago 146 niedergeworfen hatten und letzteres 
römische Proconsnlar- Provinz geworden war, wurde das Hinterland 
Nnmidien nicht in direkten Besitz genommen, sondern ihrem Bundes- 
genossen Gala, dem Fürsten der Massylier, überlassen. Zur Haupt- 
stadt machte sein Sohn Miisinissa die alte phonizische Seestadt ilippo, 
von nun an Kegius goheifsen, deren Ruinen sich noch in der Nähe 
von Bona vorfinden. Es begann eine Blütezeit für das ganze Land. 
Micipsa, des Letztgenannten Sohn, machte das mit Hülfe griechischer 
Kolonisten in Innern gegründet« Girta zur Hauptstadt, dem später 
durch Kaiser Constantin der Name Constantina beigelegt wurde. IKe 

fctrtitUr m m Pnnoii Anw» ma4 HhIm B1 XLVnt, 1. |. 



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2 Algtriflii und Tananen. 

Versuche Jugurthas, der mit dem ihm beim Tode seines Oheims 
Micipsa zagefallenen Anteil nicht zafri<xleii war und Um\hhängigkeit 
erstrebte, veranlafsten Rom zu weiteren Schritten. Nach glücklich 
beendetem siebenjährigen Kriege wurden die benachbarten Teile 
Numidiens mit dem alten Gebiete von Karthago vereinigt, der west- 
liche Teil dem Könige Bochus von Mauretanien zur Belohnung für 
seinen Verrat an Jugortha, die anderen Teile den Enkeln Masinissaa 
verliehen. 

Als während der Bürgerkriege die Republikaner und Pompejaner 
um Cato, Metellus Scipio und den Nuraidier- König Juba sich 
scharten, erschien Cäsar in Afrika, bemächtigte sich der Städte 
Leptis und Cirta und siegte bei Tliapsus, in Folge dessen die Führer 
ein tragisches P^ndr sich bereiteten. Ganz Nuniidien wiu'de römische 
Provinz unter Hallust als (louvemeur oder Pruconsul. Doch blieb 
der Name Numidien für das Land zwischen der alten Provinz Afrika 
uiid Mauretanien noch im Gebrauch. Südlich davon im Aures 
(Auraäius) hat die libysche Bevölkerung der wasserreichen, frucht- 
baren Tliäler ihre ünabhäugigkeit in wiederholten Aufständen gegen 
römische und später vandalische Herrschaft zu behaupten verstanden 
und ihre berberische Sprache inmitten der arabischen Umgebaug bis 
heute bewahrt. Als dann die mauretanischen Könige Bochus und 
Bogud starben und ihr Reich den Römern vermachten, wurde durch 
Augustus das Ganze als Königreich an Jnba II. übergeben, der an 
Stelle der altphöuizischeu Seestadt Jol eine neue Residenz Cäsarea 
errichtete^ wdcher das heutige Schenehel entspricht. Die römischen 
Imperatoren Terpflimitflik Veteiaoeii-Kolonwii nach Afrika. Unter 
Claudioa worde im Jahre 43 auch Blaoretanien unter Wegrfinmung 
des fetzten Königs dem rSmisdien Betebe einrerkibt und in die 
beiden Plrovinsen Manretania Oieariensis mit der ebengenannten 
Hauptstadt nnd Tingitana mit Tingis (jetzt Tanger) eingeteilt, 
welcbes letstere mdst Ton Spanien aus verwaltet wurde, weil 
das von Bebellen bewohnte schwer zugängliche Gebirgdand an der 
Mulnia die Verbindung erscbwerte. 

Die GebirgB * Bewohner Velsen es nicht an Tevschiedenen 
Empörungs-Yersuohen g^en die Börner fehlen, so beschäftigte 
Tacfarinas 8 Jahre lang die römischen Kr&fte, bis er von den durch 
Kaiser Tiberins gegen ihn ausgeschickten Ffihzern Oamillus und 
Dolabella besiegt wurde. Als Ptolemäus, der Sohn Jubas, auf Befehl 
von Oaligula getödtet war, entstand eine Insurrektion, die lange 
dauerte, sodaCa die Römer im Jahre 41 untn Suetonius Paullinus 
SU einem Feldznge in^ dem westlichsten Teile von Afrika geswungeu 



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Algerien and Tunesien. 



3 



wniden. Sie rficArten Uber den Ghrolaeii Atlas bis nun Flnase Gir 
and cor Oue Tafilet tot nnd emchteten in den TbSlem der Mnlnia 
eine Linie von Befeetigongen zur Sicherung des xQnuBcben Besitaes. 
Indenen sind die Anwohner des Qroften Atlai: die Antolen, Phamoer 
nnd andere Stamme niemab der rOmischen Hennchaft unterworfen 
gewesen, nnd auch Expeditionen, wie diejenige des SnetonioB PanUinne 
faae zum Bande der Wftete, eind ohne Folgen gebfieben. Trots dieser 
und einiger spaterer Insnirektionen, wie unter Gordian 287 und 
Julian 297, Terbreitete dch römische Kultur Aber ganz Noid-Afirika 
und machte es zu einem blQhenden Lande, zur Komhammer BSuropas, 
reich an Strafsen und 5ffBntlichen Gebinden, deren GrSfiie wir in 
ihren Ruinen noch heute bewundem können. Zahlreiche Denksteine 
am Nord-Bande der Sahara erinnern an die einstige Anwesenheit 
der Börner. Unter Maximin wurde 812 die alte Provinz Afrika in 
Bjzacena mit Numidien und in dio ei^outliclie Provinz eingeteilt, 
während Mauretanien ans der bisherigen Cäsariensis imd Titifiaua 
mit Sitifis (Setif) bestand; Tingitana blieb bei Spanien. 

Mehr als andere Ursachen waren für Afrika die religiösen 
Streitigkeiten im 3. bis 5. Jahrhundert varb&ngnisvoll , in denen 
l>erühmte Märtyrer wie der heilige Augastinos hervortraten. Sie 
sollten erst aufliören mit der Beligion selbst, die sie hervorgerufen. 
Noch zur Zeit der Völkerwanderung hatten die drei Mauretanien 
160 Bischofs-Sitze. Von dem Grafen Bonifacius herbeigerufen, stürzten 
sich die Vandalen unter Genserich mit 80,000 Mann über diese 
blühenden Länder und unterwarfen sie sich in weniger als 10 Jahren, 
Ihre fast 100jährige Herrschaft genügte, um jede Spur römisrhor 
Civilisatiou wieder zu vernichten. Beiisar wurde ausgesandt, um die 
Vandalen zu vertreiben; er landete mit 30,000 Mann bei Caput- 
Vada an der (ireuze von Byzacena und Tripolis, um sich dort den 
liUckzug nach Oyrenaica nnd Ägypten zu .sichern. Karthago öffnete 
ihm 533 die Thore. Gelinier riUkte den Römern bei Tricaraeron 
entgegen, wurde aber total geschlagen und mulate in die Berge von 
Pappua (heute Ednrh bei Bona) flüchten. Das Land wurde unter 
der ostromischeu Herrschaft .lustinians durch Exarchen regiert. 
Die Nomaden-Stämme hatten beim Sturze der N'andalen-Herrschaft 
einen Teil ihrer früheren Unaldiiitif^ngkeit wieder erlangt, sudafs die 
Byzantiner gegen sie vorgelien mufsten. Die Berge des Aures waren 
Mittelpunkt des Widerstandes und wurden durch Salomo, Bclisars 
Nachfolger, erobert sowie gegen neue Insurrektionen befestigt. Von 
dort drang er bis Sitifis und in die (iegend von Biskra vor. Sonst 
erstreckte sich die Herrschaft der Byzantiner nur auf die Küsten bis 

1* 



uiyiiizeo Dy GoOgI( 



4 



AlgvfiMi inid TnDosioii. 



an die ersten Ketten des Atlas. Tiugitana fiel 618 den Gothen in 
Spanien zu; 645/46 bemächtigte sich Gregor der Herrschaft in 
Suffettüa nud Byzacene, irittirend Karthago und die andwen Tdle 
Zeugitanas den Byzantinern treu blieben. Er wurde aber von den 
über Ägypten, Cyienaica und Tripolis heranrückenden Arabern 
646/47 geechlagen, die sich Suffetulas bemächtigten, jedoch gegen 
eine Kriegsentschädigung das Land wieder verliefsen, nm nach 
20 Jahren wiederzukehren. Sie gründeten unter Okba Keruan ihre 
künftige Hauptstadt und breiteten sich ans bis jenseits Fessan, sowie 
bis an den Atlantischen Ocean. Anfangs wurden sie von allen 
Berbern als Befreier angesehen; es gelang den sich mehr und mehr 
folgenden Arabern nur die Bewohner der Ebenen allmählich zu 
verdrängen, während die Bewohner der Berge, die Kabylen, ihre 
Unabhängigkeit bewahrten, obwohl sie äulserlich den Islam an- 
nahmen. In den auf den Sieg bei Guadalete 711 folgenden 8 Jahr- 
hunderten ist die Geschichte Nord- Afrikas mit denjenigen der Araber 
aufs innigste, verknüpft. Die fortwährenden Fehden der arabischen 
Fürsten und die damit zusammenhängenden Bürgerkriege ver- 
hinderten, dafs die arabische Kultur in Nord- Afrika eine so hohe 
Stufe einnahm als in Spanien. Um 935 gründete der arabische 
Fürst 5^iri auf der Stelle der romischen Veteranen-Kolonie Icosiura 
die Stadt Algier. Der Name soll aus >el Dschefair«, die Inseln, 
entstanden sein und von den kleinen, jetzt völlig verbundenen 
Inselchen im IJafeu von Algier herrühren. 

Als die im 15. Jahrhundert aus Spanien vertriebenen Mauren 
Nord-Afrika wieder bevölkerten, wäre es ihnen wohl gelungen, die 
Kultur anch hierhin zn tragen, wenn das Land nicht unter die rohe 
Herrschaft der Türken geraten w&re, welche dnrch Ihre wShrend 
dreier Jahrhunderte behaaptete Despotie das Land an dem gemacht 
haben, wie es die Franiosen vtnfriiden. Die aas Lesbos stammenden 
Gorsaren- Brüder Homk und Khereddin Barbarossa, welche das 
Mittelmeer von den Dardanellen bis zn den S&nlen des Herkules 
unsicher machten, wurden ron dem Herrscher Yon Algier 1516 gegen 
die Spanier au Hülfe gerufen, denen es unter Ximenes gelungen 
war, in Oran festen Fuls au fassen. Homk, der altere der beiden 
Bruder, benutste diese günstige Gelegenheit und machte sieh selbst 
Bum HertBcher von Algier. So wurde letsteies speaiell unter ihm 
und seinen Naehfolgem lum wichtigsten Seerftuberstaat, der nicht 
nur jede Empörung der Volker im Innern, sondern wShrend drder 
Jahrhunderte sogar den Angriffen £aat aller grSlaeren Staaten Europas 
siegreichen Widerstand geleistet hat. Wir wollen von den vielen 



Algvrim und Tonoriflii 



5 



Expeditionen der letzteren nnr diejenij^c Kaiser Karls V. gegen 
Khereddin erwähnen, der sich uutor dit? Hoheit des Sultans begehen 
hatte, um den Schutz der von diesem gelieferten Janitscharen zu 
geniefsen. Nachdem des Kaisers erijter Versuch geu^en Tunis ge- 
lungen war, entschlofs er sich trotz der vorgerückten Jahreszeit — 
es war im Oktober 1541 — zu einem Angriff auf Algier. 
24,000 Mann, darunter die Blüte des deutschen, italienischen und 
spanischen Adels erschieiu'ii auf der Flotte, welche aus 360 Fahr- 
zeugen bestand und von Andrea Doria befeliligt wurde, während 
Corte/, die Lundtruppen führte. Mit grofser Schwierigkeit wurde 
bei stfirker Brandung die Landung unweit von Algier zwischen der 
Mündung des Flusses Arat«ch und dem Thore Bab-a-Zun, wo heute 
der jardin d'essai liegt, bewerkstelligt. Am 26. Oktober gelang es 
dem Kaiser, eine die Stadt Algier beherrschende Anhöhe zu gewinnen, 
welche erst später von den Türken befestigt worden ist uud die 
davon den Namen Sultane Kalassy d. h. Fort des Kaisers trägt. 
Abi r das in d« ii nächsten Nächten eintretende Unwetter, verbunden 
mit Erdbeben und \Vülkenbrüchen, that dem kaiserlichen Heere 
solchen Schaden, dals die Hälfte der Schiffe verunglückte, dafs die 
Land-Armee wiederholten AngriflFen der Türken unter ihrem Dey 
£1 Hassan nicht mehr widerstehen konnte and am 28. den Rückzug 
aach dem östlich von Algier gelegenen Vorgebirge Maüfd antreten 
mubfco, wo ein T«il der Flotte Sdinti geftuMleii hatte. Dort in den 
RimiflD der alten r&miachen Stadt Bnaconia &nd der Kaieer Zuflucht 
▼or den feindliehen Angriffen nnd Lehenemittel von der Flotte. 
Letztere hatte die Hälfte der Schiffe, einen groüsen Teil der Vor- 
räte nnd der Belagern ugs- Artillerie Terlorm. Kaum die HlUte seines 
Heeres brachte der Kaiser nach Europa znr&ek. 

Es scheint als wenn diese Niederlage so schwer auf Europa 
gelastet habe, dals die Mlchte derselben sich den sehm&hlichsten 
Bedingungen gegenfiber diesem BSnberataate unterwarfen. Anderer^ 
seits ▼enoüabten die hSufigen Milserfolge der EoropSer, daCi die 
Algerier am so schamloser aoftraten. Der Dey hatte 1682 auf eine 
iranaSsische Anffordernng sor Übergabe damit geantwortet, dafe er 
den firanaSsischen Konsul in eine Kanone geladen und g^n die 
Flotte abgeschossen hatte. Erst eine firanzfisische Expedition unter 
Admiial Dnqneene habe 1683 Erfolg, so dab der Dej im folgenden 
Jahre zu einem Frieden genötigt wurde, in welchem er sich zur 
Herausgabe der franafisiBchen Sklaven yerpflichtete. GBnzUch fehl 
schlug eine spanische Expedition 1775. Von Ehefolg begleitet war 
eine Expedition der Amerikaner, welche am 20. Juli 1815 in der 



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6 



Algonen ond Taiwuea. 



Nähe von Katha|^na die algerische Flotte sehlug, um 28. vor 
Algier erschien vuid nach zweitägigen Verhandlungen den Frieden 
erzwang. 

Auf dem Wiener Congrefs 1814 — 15 erhielt England den 
Aultrag, die Barbaresken-Staaten zu zügeln und die Abschaffung 
der Christen-Sklaverei herbeizuführen, iin April 1810 erschien Lord 
Exmouth vor Algier und setzte fast Alles durch bis auf die Ab- 
schalfnng der Christen -Sklaverei, für welche er dem Dey drei 
Monate Bedenkzeit gewährte. Der letztere benahm sich unversehaiilt 
wie immer, selbst gegen die englischen Konsuln, die er gefangen 
setzen lieÜB. Aaeh wann inxwiBchen im Mü 850 Fahxsenge T«r- 
ieliiedeiier Naiioiieii bei Bona iHUurend der KoraUenfiafllierM über- 
ftdlen, ihre Bemannong war teilweiae niedergemetBoIt worden. Am 
27. Angiut eirachien Exmontb wieder mit 6 Idniensebiffen und 
4 Fregatten, vereinigte eich mit der mittellSndiechen Flotte ,Qnd 
bombardierte die Stadt, worauf sieh der Dey Omoa, durch die Ein- 
wohner resp. seine eigenoi fidSlisen geswangen, nach einigen Tagen 
mr Annahme der englischen Forderangen herbeilieis. 1211 Christen- 
Sklaven worden befreit 

Auf dem Aachener Congreb wurde 1818 wiedenim die Frage 
anflgeworfen, wie es möglich sei, dieee Geüsel an beseitigen. Frank- 
reich nnd fiingland worden aufgefordert, der Seer&aberei ein Ende 
au machen. Eine Flotten-Demonstration, welche im Juli 1819 seitens 
beider Machte ins Werk gesetat wurde, hatte keinen Eifbig. Die 
Yerhiltnisse blieben wie bisher, d. h. fast alle MSchte entrichteten 
Tribut odff Qesch^ke: England gab ein Eonsulats-Geschenk von 
600 Pfand Sterling, Schweden und Danemark jährlichen THbut und 
KriegB-Munition im Werte von 4000 Piastern, anberdem alle 10 Jahn 
bei Emeoerung der Vertrage ein Qeschenk von 10,000 Piastern, 
Toscana und Sardinien je 25,000 spanische Piaster, Hannover nnd 
Bremen zahlten bei jedem Konsulate-Wechsel beträchtliche Summen, 
ebenso Frankreich, nar Österreich war durch Vermittlung der Pforte 
von jedem Tribut frei. 

Der Dey Mustapha III. hatte 1790 dem jüdischen Kaufmann 
Bacri in Algier starke Getreide-Ausfuhren für die Armee der 
französischen Republik gestattet, an deren Lieferung er persönlich 
beteiligt war. Die franaosische Hegiemng liefs dem Dey von Zeit 
au Zeit Abschlags-Zahlungcn zukommen, zog aber starke Forderungen 
Marseiller Eaufleute an das Haus Bacri davon ab; darüber entstanden 
Konflikte zwischen dem Dey und Frankreich, die sich trotz mehr- 
facher Vereinbarungen bis in das Jahr 1827 verschleppten. Nachdem 



Algwlsii Qiid TniMwuin 



7 



der Dey Hussein, der Haupt-Gläubiger des Hauses Bacri sich mehr- 
fach schriftlich bei Frankreich beschwert hatte, kam sein Unwille 
beim Beiram-Feste am 19. April desfelben Jahres zum Ausbruch, 
indem er dem zum Feste ersohienmen französischen Konsul Deval 
mit der Fra<^e hart anfuhr: »Hiust Du mir einen Brief von Deinem 
Couverneiuent zu übergeben?« worauf der Konsul, dorn gerade Takt 
auch in seinem sonstigen Verhalten nicht nach<^erühnit wird, er- 
widerte: »Deine Hoheit weifs recht gut, dafs der Küiii^' von Frank- 
reich keinen Briefwechsi l mit dem Dey von Algier führen kann«. 
Der Dey wurde wüthend und schlug dem Konsul mit einem Fliegen- 
wedel von Pfauentedern in das Gesicht. Da der Dey für diese Be- 
leidigung Frankreichs nicht Genngthuung geben wollte, sah sich 
letzteres zu einer Blokade veranlafat, die vom 12. Juni au etwa 
3 Jahre dauerte und nur den Erfolg hatte, dafs der Dey am 18. Juni 
bereits die behufs Korallenfischerei an der Küste von Bona an- 
gelegten Niederlassungen zerstören lief«. Russland, Osterreich und 
Preufseu waren der französischen Expedition günstig, England nicht. 

1830 erschien der als Kriegs-Minister gerade nicht populäre 
General-Lieutenant Graf Bourmont mit einer neuen Flotte in der 
Stärke von 27,000 Mann I^ndungs-Mann.s( liaflen, 37,000 Mann Land- 
Truppen und 4000 Pferden vor Algier, landete am 14. Juni bei 
Sidi Ferruch, einer niedrigen Landzunge, die sich 5 Stunden westlich 
von der Hauptstadt 1700 m in das Meer erstreckt und zu beiden 
Seiten günstige Ankerplätze bietet. Die Algerier hatten merk- 
würdigerweise nichts gegen die Landung unternommen, der Dey 
Terliels sich aoBcheinend zu sehr auf den Heiligen, dessen Grabmal 
auf der IKübiiuel stand, oder et erwartete die FranBOsen an derselben 
Stelle, wo Karl V. gelandet war. Die Landung warde glücklich 
bewerbrtelligt, und die fransSsisclie weilse Fahne wehte bald anf dem 
neben der Moschee stehenden tone chica. Mit geringem Verlost 
warfen die Franiosen den Feind ans einigen Redonten heraus, lagerten 
ach Tor der Landznage, ihre beiden Flllgel an das Meer lehnend, 
und ▼erschanzten sich. Am dritten Tage hatte die Armee und die 
Flotte ein ähnliches Unwetter sa bestehen wie die Expedition 
Karls y. Der Aga, Oberbefehlshaber und zugleich Schwiegersohn 
des Dey, hatte sich in der Starke von 25—30,000 Mann, darunter 
die HSlfte zu PÜsrde, auf die Höhen von Steueli, anderthalb Stunden 
von Algier, zurfickgezogen und sich verschanzt. Am 19. Juni griff 
der Aga, von einem dichten Nebel begfinstigt, in 2 Kolonnen an 
und ▼ersuchte den linken Flügel der Franzosen zu umgehen und 
▼om Ufer abenschneiden. Die Oeschfitze der algerischen Bedoute 



8 ASfKdnk ud Timaiieii. 

sollten das Cetitniin unter Feuer nehmen und der Bey von Constantine 
mit seinen Beduinen und Kabylen den rechten Flügel angreifen. 
Die erste Linie der Franzosen wurde in Folge des überraschenden 
Angriffs auch wirklich geworfen and einige Verschanzungen Warden 
genommen. £s gelang aber den Franzosen durch Disziplin ond 
Tapferkeit und unter Mitwirkaug der GeschUtEe flirw Redovten und 
Schiffe, den Feind und der gaaaen Linie nurUdkiaflchlagen, sodals 
denelbe Ui in die Stadt Algier hinein flüchtete. Bin am 24. Joni 
emeaerter Angriff der Algerier miMaTig ebenfallB, nnd ab die 
firaniSBiBchen Befeetigungs -Anlagen auf der Landenge von Sidi 
Fermoh beendet nnd die schweren GeeehüfaEe gelandet waven, rflokte 
am Morgen dee 29. Jnni die fransSeiBche Armee vor, nm das Fort 
de rEmpeienr einmsdiHeben, weichest in Form eines UngKchen 
Ytereeks ans Backsteinen erlMnt, mit 6 kleinen Bastionen ▼er- 
sehen war, ond stBrmten eine Maner. Es wnrde sonSchst die 
wichtige H5he von Boiareah besetst, wo der Feind einige Gesckfitie 
anfgestellt hatte, die er aber bei Annihemng der Fhmzosen nach 
wenigen Schüssen in die Hohlwege warf. Sie überhöht in einer 
Entfernung von 8 km das feindlidie Fort nm 200 m. Der Yor- 
maisch war bei dem sehr serklüfbeten Terrain ein sehr schwieriger 
nnd hatte TerhIngniBYoU weiden künnen, wma die Algerier einen 
Angriff nntemommen oder nnr leiohie Yersohanaongen in diesem 
Terrain angebracht hätten. Es erfolgten aber nur Neckereien nnd 
Belfistigongen der Vorposten durch die reitenden Araber. So gelang 
es den Firanaosen, ihre Laufgraben g^en das Fort des Kaisers an 
eroffnen, von deren Bedeutung die Algerier keine Ahnung hatten. 
Erst am 3. Jnli yersuchten sie die Arbeiten zu aerstören. Am 
4. Juli lieCa Bourmont das Feuer aus 6 Batterien eroffnen, dem das 
feindliche Fort 4 Stunden widerstand, bis es durch einen Neger der 
Besatzung teilweise in die Luft gesprengt wnrde. Der Dey von 
Algier kapitulierte, nnd dem Saubstaat war endlich ein Ende 
bereitet. 

General Bourmont schlag am 5. Juli sein Hauptquartier in der 
Kasbah auf, in welcher der Dey 12 Jahre aus Furcht vor seinen 
eigenen Milizen wie ein Gefangener residiert hatte. Nur 47 Millionen 
Franks fanden sich im Staatsschatz vor, 1200 Kanonen wurden 
übernommen. Man schätzt die Kosten des Krieges auf 39, die Beute 
auf 54 Millionen Franks, sodafs 15 Millionen reiner Gewinn daraus 
hervorgingen. Die Verluste der Franzosen beliefen sich während 
der zwanzigtägigen Expedition auf 215 Offiziere, 3150 Mann. 

Bourmont sollte nicht lange die Früchte seines Sieges genieisea; 



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pp^-" 



ilgerfai und tmd&n. 9 

in Bezug auf die iimere Verwaltung that er verschiedene Mifsgriffe, 
auch eine Rekognoszierung gegen Blidah mifshmg, dagegen wurde 
Bona besetzt. Die unsicheren VerhäUnispe in Frankreich waren 
natürlich auch von Einflufn auf die iStimmung der Bevölkerung im 
Innern von Algerien. Die Juli-Revolution machte seinem Regiment 
ein Ende, und er wurde am 2. September bereits durch den General 
Clauzel ersetzt, der durch mehrere Rekognoszierungen die fran- 
zösische Herrschaft erweiterte und mehrere Corps eingeborener 
Soldaten unter dem Namen Spahi und Zuaven organisierte. Der 
Name der letzteren kommt von dem kriegerischen Kabylenstamme 
der Zauas, die nach Art der Schweizer in fremde Dienste traten. 

2 Bataillone wurden sofort formiert, als über in Folge Nichthaltens 
der Versprechungen ein grolser Teil desertierte, wurde nur ein Ba- 
taillon daraus gemacht. (Jeraischte Gerichtshöfe wurden eingesetzt. 
Am 17. November wurde auch zweistündigem Kampfe der wegen 
seiner Lieblichkeit die »Rose des Atlas« genannte Blidah mit 

3 Brigaden unter Royer in der Starke Ton 7000 Mann besetzt und 
der Marsch auf Medeah angetreten, wo der Anfangs ergebene, später 
widoBpeustige Bey von Xitery zeaidieftoi Es galt den Atlas sn 
flbentoigen nnd den von den Änbem besetgiten Iffiiiua-Pdii, die 
eiaemen Thore gemumi, cn nehmen. Die dnrdi den Gel de Teniah 
Iflhxende Stzalse ist nnr 2 m breit nnd Ton 200 m hohen 
FelewSnden eingeeehloseen. Mac Mahon, Adjutant des Brig»de^ 
(Senerab Adiard, drang znorat in den Pbb. Einige in TiraOlenr^ 
Schwiimen aa%elö8te Compagnien genügten aar Vertrdbnng des 
Feindes. Ab die Franzosen anf der Sfldseiie des Gebirges hinab- 
gestiegen waren, ergab eich Medeah am 24. Norember und bUeb 
von den Zoaven nnd 2 Bataillonen besetzt. Der <}enenl en ehef 
trat am 26. Norember den Bflekmarsch an. Inswiechen war die 
Garnison fon Blidah von den Ejibylen flberf allen; die dort zurück- 
gebliebene Garnison wäre bei dem entstehenden blntigen Gemetzel 
der Obermaoht erkgen, wenn nicht ihr Oberst durch folgende List 
sie gerettet hätte. Deiselbe rfickte mit zwei Compagnien heimlich 
zum Thore hinans, schlich sich im 8chntse der Dunkelheit an der 
Maner entlang nnd drang unter TrommelschaU zum Medeah-Thore 
hinein, wonms die im Bflcken angegriffenen Araber scUossen, dab 
es die aus Medeah zurückkehrende Kolonne sei, nnd schleunigst ab- 
zogen. Die Garnison von Medeah hatte ebenfalls verschiedene 
Angriffe der Kabylen zu bestehen, sodafe im Dezember eine neue 
Expedition und Verstärkung der Garnison um zwei Bataillone ndtig 
wurde. 



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10 



Algoiea und TvaamuL 



Trotz der noch ganz unsicheren Vorhältnisse sah sich die 
französische Regierung in der Besorgnis vor europäischen Ver- 
wickelungen am 1. Januar 1831 hewogen, die Rückkehr eines Teils 
der Armee und ilire Reduzierung um zwei Drittel, also auf 
9300 Mann anzuordnen, sodafs die Armee auch nur den Titel führte: 
>Besatzungs-Division von Afrika«. Die Räumung von Medeah am 
4. Januar war natürlich eine notwendige Folge davon, und es trat 
bald der alte Besitzstand ein, wie ihn Clauzt*! vorgefunden hatte. 
Der thatkräftige und verständige Gouvt i innir wurde am 20. Februar 
wegen eigenmächtigen Handelns abberufen, weil er mit dem Dey 
von Tunis Verträge wegen Oran und Oonstantine abgeschlossen 
hatte, die vom französischen Minist* liuin nicht genehmigt wurden, 
und durch den gefügigeren General Berthezene ersetzt. Der nicht 
zum General-Gouverneur, sondern nur zum (Jomraandeur der Be- 
satzungs-Division ernanute General fafstf zunächst die Administration 
in das Auge, da man eine Erweitern n<f der F^robenaig nicht 
wünschte, machte aber in der Besetzung der Behörden Mifsgriffe, 
sodaCs die Abneigung der Araber im Zunehmen begritl'en war. Auch 
durch die Kriegs-Operationen wurde weder die Erweiterung noch 
die Sicherheit der Kolonie befördert. Tm Mai wurde eine neue 
Expedition mit 4500 Mann gegen Medeah anteruommen, der dortiger 
Bey wurde befreit und mitgenommen, auf dem Rfickmarache aber 
wnrde die Kolonne beim HerabBte^n jom. Col de Teniah enuthafb 
von den Kabylen angegriffen and lebbaft dureb die ganze Mettdscba 
▼erfolgt« sodale sie mit bedeutenden Yorlnaten am 5. Juli Algier 
enreiebte. Dieaer Miberfolg steigerte die Kampfbegier der feind- 
licben St&mme, eodab die Franaoeen ganz ans der Ebene TerdiSngt 
und anf den Säbel, die uSobste Umgegend von Algier, benchitokt 
wnen. Die ErbSbnng des Armeestandes anf 16,000 Mann war eine 
dnichans notwendige Maisregel. Oran nnd Bona, letaterars unter 
Damrtoont mehrfach angegriffen, blieben im Besitz der Franzosen. 
Der Bey von Oran hatte sich gleich nach der Eroberung von Algier 
den Franzosen nntorworfen. Die den Baiea Ton Oran behensohende 
Position Ton Mers el Kebir, deren sich die Franzosen mittelst 
Handstreichs bemächtigt hatten, mofsten sie in Folge Yon Weisungen 
ans Paris au%eben; nur die Forts nach der Seeeeite wurden ge- 
sprengt. 

Berthezene wnrde noch im Dezember durch den ans Napoleons 
Sdinle stammenden General Saraiy, Herzog von Rovigo, ersetzt. 
Der YerBuch, ihm einen unabhängigen CiYil-Gonyemeur zur Seite 
zu stellen, war ein Milegriff und wnrde auch bald wieder anfgegeben. 



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Algerien and Tunesien. 



11 



Alfter wni^ durch feste Lager bei Knbft, Birlcadeiii, Tia[eniii und 
Dely-Ibrahim gedeckt; eine Reüie Ton Biockhatuemi TMrhand die- 
selben, sodaJs etwa 3 Qnadmt-Meilen der Umgegend Ton Algier 
gegen alle Angriffs gesehütrt waren. Anob dnrch die Anlage ndü- 
reicher Fahistralsen hat sich der Henog verdient gemaoht. Dagegen 
▼erstand er es nieht, sich das Vertrauen der Araber so gewinnen, 
reizte sie yielmehr durch grausame Kriegföbning. Noeh unter 
ssinem Vorgänger war ein eingebomor Aga mit 70,000 Franks 
angestellt, der dafär die Araber der Ebene im Zanme zu halten 
▼ersprach, wohingegen sich dio Franzosen nicht in ihre Angelegen- 
heiten mischen durften. Als die Gesandten eines arabischen Chefo 
mit Geschenken des Gouverneurs von Algier zurückkehrten, wurden 
sie im April 1832 in der Ebene im Gebiete des Stammes Kl Ufifia, 
swei Standen östlich von Maison carree, ausgeplündert. Der Herzog 
sehidkte noch in derselben Nacht, ohne die Intervention des Aga 
abzuwarten, die Fremdenlegion und die ChssseuiB d'At'rique ans, 
welche das Lager der El Uffia umzingelten und alle Insassen 
niedermetzelten. Es stellte sich nachträglich sogar herausi dab die 
liäuber gar nicht diesem, sondern einem benachbarten Stamme an- 
gehörten. Hierdurch sowie durch andere an arabischen Scheichs 
vorgenommenen Hinrichtungen rief er solche Gahrung bei den 
Arabern hervor, dal» die sämtlichen Stamme der Ebene, denen der 
At^a sich anschlofs, sich enipijrteii. In die Zelt des Her/o^s von 
Rovitjo fällt auch die Einrichtung des obenerwähnten Corps der 
Fremdenlegion, in welelu r jetle Nation Europas vertreten war. Die 
Erprobtesten der Legiouiiri' wurden in die Elite-Compagnien , die 
anderen in die cominignif du centre verteilt. Aufserdem wurden 
2 bataillons legers d'Afrique, gewöluilieh i)ataillons d'Afrique genannt, 
gegri'indet, in welche Leute aufgenommen wurden, die nach Ver- 
biifsuiig einer durch militärische Verbrecheu verwirkten bedeuteiuU-n 
Strafe wieder in die Armee zurücktraten. Dnrch gute Fdlirung 
erlaugten die Zephyrs, wie sie gewiilinlich genannt wurden, die 
Erlaubnis, wieder in ihr früheres Regiment cin/utrcten und auch 
ihre Dienstzeit zu beenden. Grofse Strenge war natürlich notwendig, 
und es bestand ein besonderer Straf-Codex für dieselben. 

Auch im Osten und Westen dauerte der kleine Krieg fort. 
Bei Bona, dessen sich der Bey von Constantine, wieder bemächtigt 
hatte, gelang es im Mär/ zwei französischen Ilauptleuten, sich durch 
eine kühne That der Kasbah zu bemächtigen; der eine von beiden 
war der später berühmt gewordene Kittiueister Yussuf. Die Stadt 
selbst wurde im Mai durch eine aus To u Ion angekommene Besatzung 



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X2 AlgoiMi and TvnMiai 

von 3000 Manu genommen. Im Westen trat Abd el Kader zum 
ersten Male auf und unternahm mit Unterstützung des Kaisers von 
Marokko einen Angriffs -Versuch auf Gran, wo General Royer 
kommandierte, hatte aber keinen Erf olg. Er war aus einer Marabut- 
Faiiülie vom Stamme Haschern herstammend in der seiner Familie 
gehörigen Ghetaa, einer Unterrichts-AiisUIt luuv eil Mascara, 1807 
geboren. Schon seine Eltern, die im Rufe der Heiligkeit ütauden, 
hatten grofseu Eintlufä; als die Bewohner des Westens sich gegen 
die Franzosen erhoben, erschien sein Vater vor Mascara, fiberwältigte 
die türkische Besatzung und wurde zum Oberhaupt erwählt. E!r 
schlug die Wfirde zu Gunsten seines Sohnes aus, der für ihn zum 
Emir ernannt wurde. Der junge Abd el Kader hatte eidi beiflifai 
dnnsh tortanffliidi» Gdatesgaben antgesfliehnet; religiöse Schfrilr- 
merei und MdanehoBe traten in aeinem Axlbrnma herror. Obwohl 
er, vom glühendsten Glanbena-Eifer erfüllt, den Fanatumna an er^ 
wecken matand, lag ihm doeh Oranaamkeit nnd Intoleranz fern. 

Die Araber der Eben« wurden am 2. Oktober bei Bnfarik blutig 
anls Haupt geschlagen. Zor grölberen Sieherheit wurde im Sahel 
die Stadt Koleah besetat, nm dort ein Lager zu enicbten. Auch 
eine Expedition g^en Blidah wurde am 22. November glücklieb 
dnrchgeftünrt, aodaia dnreh dieae Erfolge die Sieheibeit nnd daa 
gegenseitige Vertrauen zn wachsen schien, bia letaterea bd den 
Arabern wieder dadurch geatSrt wurde, dab der Henog von Bovigo 
zwei allerdinga gefiUirliche Seheicha, die er durch daa Yeiapreehen 
freien Gelmta nach Algier gelockt hatte, hinrichten Heb. Diea war 
seine letzte That ?or seiner im MSiz 1838 erfolgten Abreise nach 
FVnankreich. Sem bald darauf am 2. Juni eingetretener Tod wurde 
Ton den Arabern nat&rlioh als gerechte Strafe für aeine Grausamkeit 
angesehen. 

General Avizard übernahm ala iltester Offizier seine Vertretung 
und richtete auf Vorschlag seines Generalstabe-Chefs Tr^zel das 
sogenannte burean dea ambes ein, welches mit den arabische Chefs 
in sdiiriftlichai und mündlichen Verkehr zu treten hatte. Der 
Hauptmann Lamoriciere zeichnete sich als erster Chef desfelben aus 
und setzte durch unmittelbaren Verkehr mit den Arabern namentlich 
durch, da£s letztere die Märkte von Algier wieder besuchten, was 
sie unter des Herzogs Regime nicht mehr gewagt hatten. Gerade 
in dem Handelsverkehr lag ein Hnupthebel zur Anbahnung freund- 
licher Verhaltnisse, weshalb Abd el Kader denselben mit allen 
Mitteln zn verhindern suchte. Als General Voirol am 20. April 
das Kommando übernahm, bestand die Armee aus 23,545 Mann nnd 



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AlgflriiD und TnDMiAB* 



18 



1800 Pferden. Eine Expeditioiii welche General Deemichels, der 
Nachfolger von Royer im Eommando von Oran, gegen den Stamm 
der Graralas unternahm, rief den jungen Abd el Kader wieder auf 
den Schauplatz; er blockierte vom 27. April bis 8. Mai Oran, wurde 
aber in einem Treffen geschlagen und raufste nn verrieb teter Sache 
nach Mascara znrückkehren. Im Juli Hefa Desmichels Arzen uud 
Mostagauern beisetzen; ersteres ist Ilauptplatz für den Handel nach 
Marokko und hat nächst Mera el Kebir den besten Hafen der 
Provinz; es entspricht dem Arsenaria der Römer. In Arzen wohnte 
ein den Franzosen befreundeter Kabylenstamm, der aber von Abd el 
Kader zur Auswanderung gezwungen wurde. Moetaganem wurde 
von einem ebenfalls befreundeten Chef der Franzosen übergeben. 
In beiden Orten bUeben Garnisonen zurück, die aber für daä Ganze 
durch Zersplitterung nur schädlicli wurden. Der General verfuhr 
hierbei, sowie bei Abschlufs des Friedensvertrages mit Abd el Kader 
vom 26, Februar 1834 ganz selbstständig, ohne die Erlaubnis des 
General Voirol eingeholt zu haben, sodafs seine Abberufung erfolgte. 
Was den Friedensvertrag betrifft, der Abd el Kader als Herrscher 
dee Inneren der Provinz Oran anerkennt, sowie die Freiheit der 
Einfuhr von Waffen aus französischen Häfen und das Monopol der 
Ausfuhr von Arzen ihm zugesteht, so ist er als erstes diplomatisches 
Meisterstück Abd el Kaders von Interesse. Kurz nach Abschlufs 
desfelben wäre der Emir dem Angriff zweier ihm feindlicher Stämme 
unterlegen, wenn der französische Geneml ihm nicht Gewehre und 
Munition geechickt hatte. Der Emir bebandelte dia «Ubald nitter- 
woiflBotB MmaUb mit Hilde, nnd Mine Hefzachaft Uber dia gania 
Fkovins Onm von der marottaniaeben Grenie Ins an den Schaliff 
mit Ananahme dar firanaSaiachea Kllstenplätae war wieder geaichert 
Bongie, daa Saldae der Alten, war bereits am 29. September dea 
Torigen Jahiea dnreb eine ron Toolon besondara abgasohiokte 
Expedition unter Trösel besetat worden, blieb aber wihrend der 
naebaten Jahre dniab die NSha der Kabylen in stetem Bebigemngs- 
Zoetaade. Bona erfrente sieb der Bobe. Anch waren Bxpeditionen 
gegen die rinberifleben Hadscfanten im Weaten dar Metidscha nnter- 
nommen: dieaelben beeitaen TortreffUche Pferde nnd gelten fflr die 
besten Bmter des Landea. Ihr Gebiet swiacben Schifia nnd Scheiaehell 
iat anf der Ost- und Nordaeite dnrch Sfimpfe geschfitat Sonst 
seigten sieb die Araber der Ebene gaos Medlicb, sodals dorcb 
Straisenanlagen nnd Eanalbanten anm Anstrocbnen der Sfimpfe in 
der Metidscha dem Lande grober Nntaen gesebafflt werden konnte« 
Gegen Ende des Jahres 1834 erhielt Algerien eine nene 



14 Algerien und TonwieB. 

Orp^anisation. Die fraiizüsische Regiernng war eine Zeit lang 
zweifelhaft, ob nie die afrikanischen Er()l)erungen beihehaltiMi solle 
oder nicht. Man entschied sich für erstere^ und es wurde durch 
königliclie Ordonnanz vom 22. Juli 1834 festgeeetzt, dafe die »fran- 
zösischen Besitzungen im Norden von Afrika« durch einen General- 
Gouverneur verwahrt werden sollten. Voirol lehnte den Posten ab 
und wurde am 27. Juli durch den General Drouet d'KrIon ersetzt, 
der ein Veteran der Kaisi rziit, bereits TOjährig und abgestumpft 
war, sodafs es ihm an Thatkrai't und i:^nergie fehlte. Sowohl die 
Armee als die Araber sahen den General Voirol, der wegen seiner 
Milde und Biederkeit allgemein beliebt war, ungern scheiden. Unter 
Ditraet wuchs der Einfluls Abd el Kaders mehr und mehr; er über- 
schritt gegen den Tractat den Scheliff, rfiekte Aber Müianah gegen 
Medeah vor« deMen äeh Mnflk, der Scherif WlUrle» mit Hülfe 
sftdlicher Stämme bemächtigt hatte, schlug ihn und lieb ihn bis 
Beruagia, südQstlich Medeah, verfolgen. Der General-OonTemenr 
erkannte, daich den schlaaen jfldiachen ünterhSndler^nruid ter- 
leitet, die Rechtm&liBigkeit des Emir in solchen Handlmigen Öffantlich 
an, sodab es den Anachnn hatte, als hftttoi die fVamoeoi alle 
Eroberangs- nnd EolonisatioBS-Vermiche aufgegeben. Wenn Hedeah 
▼on fransösiBehen ^ßnippen besetit geblieben iri&re, so wflide der 
Besits später nicht soviel Blnt gekostet haben« 

Sonst kamen in der Provins Algier nnr «nige Expeditionen 
gegen die Hadschnten am 6. nnd 9. Jannar 1835 vor, Dronet Ifiate 
das arabisehe Bfireau wieder anf und setrte dafttr einen höheren 
Olfiiier als Aga der Araber in der Metidscha ein, der aber ohne 
jeden Einflols aof die Stämme blieb, sodafs die Ma&regel als keine 
g&nat^ beuichnet werden kann. Im Wkn worde bei Bnfiffik, einem 
wichtigen D^bonch^Pluikte in der Ebene, ein groüses Lager, welches 
dm Namen camp d*£rlon erhielt, nnd ein anderes bei Maelma 
errichtet. In der Proyins Qran ging es schlimmer her. Ans dem 
DesmichelB^schen Vertrage «gaben sich Schwierigkeiten, welche es 
dem Nachfolger Trezel nicht leicht machten, seiner Angabe, einer- 
seits mit dem Emir freandliche Verbindnngen zu unterhalten, 
andererseits aber anoh daftlr zn sorgen, dafs er kein Übergewicht 
Aber die Stämme erlange, zu genxlgen. Abd el Kader hatte versucht 
awei den Franzosen befreundete Stämme, die Duaz und die Smela 
ihnen mit Gewalt abtrünnig zu machen. Der General Trezel glaubte 
ihnen bewaffneten Schutz schuldig zn sein, verlöte sein Haupt- 
quartier in das camp du figuier am Ostende der Sebcha d'Oran nnd 
schlois mit beiden Stammen, die theilweise auf Seite der Franzosen 



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V 



AlgwiM miil TanMifln. 16 



verblieben, einen Tractfit, der sie noch heute zu ihren besten 
Alliierten macht. Der Krie^' war erklärt, die Feindseligkeiten hi^ 
scannen am 27, Juni, und Trt'zol rückte bis an den Fhifs Sig in eine 
Stelhmt^ vor, die gleich weit von seinen Verbindungen Oran, Arzeu 
und Mürtagauem entfernt war. Aber seine nur 2500 Mann be- 
tragenden Streitkräfte waren zu schwach gegenüber deuen des Emir, 
der über 8000 Reiter und 2000 Manu Fufsvolk gebot. Am 26. Juni 
gelang es ihm noch, die Araber ans dem Passe von Mnley Ismael 
und dem zu beiden Seiten des Sig betiudlieheu Lager zu vertreiben, 
allerdings mit einem Verluste von 52 Todteu und 182 Verwundeten, 
die stets mit transportiert wurden. Am 27. Juni blieben sich beide 
Parteien gegenüber stehen, am 28. hob Trezel sein Lager auf, um 
die Verwundeten nach Arzeu zu schaffen, wurde aber auf dem 
Rückuiarsch beim IVssieren eines Defilees zwischen den vom Feinde 
bereits besetzten Hii^^elu von Ilamiau auf der westlichen und den 
Sümpfen der Makta auf der ostlichen Seite von Abd el Kader an- 
gpgriÖeu. Die zur Deckung des Verwundeteu-Traas})ort,s und der 
Bagage kommandierten (Jompagiiien wurden unglücklicherweise mit 
iu den Kampf abseits von dem Transport gezogen, ein Teil der 
Kavallerie sprengte davon, sodafs die grölste Panik sich des Trans- 
ports bemächtigte und letzterer den Anfällen der Araber ausgesetzt 
war. Nor die Artillerie blieb, abgesehen von dem Verlust einer 
Haubitze, intact und deckte in Verbindung mit 40 Offizieren and 
Soldaten aQer Waffengattungen und 40 chassears d^Afrique, welche 
freiwi]% die Airieregarde flbenmiimCTi^ durch Benntzoug jeder 
▼orteübaften Stellnng den sehr gefährdeten Rückzog. 

An der Mfindnng der Miakta sammelte Tr^iel den Iteet seiner 
Kolonne, die einen Yerlnst von 262 Todten and 308 Verwundeten 
zn beUagen hatte, ond marschierte geordnet nach Anco, von wo er 
■eine Infanterie, Artillerie nnd daa Material dnachifien liefe und 
Anch aeine SsYallerie sa Wasser nach Oran hfttte schicken müsseni 
wenn ihm nicht der zor Untersnchnng der AiBure nach Oran ent- 
sendete Kommandant Lamoridtoe, der sieh in Arzeu tou dem 
traurigen Zustande llbersengt hatte, von Oran aus mit 800 Beitem 
ans dem Stamme der Duer entgegengerlickt wftre. Abd el Kader, 
der 3000 Mann verloren haben soll, schrieb im Obermut des Sieges 
an den Ctoneral-GouTemenr: »Der einfingige General in Oran hat 
mit mir Streit gesocht, nnd idi habe ihn gezfichtigt; ich hoffe jedoch, 
dab dies keine anderen Folgen ffir das gute Sinvemehmen zwischen 
dem Oberhanpte der Christen und mir haben werde.« In letzterem 
Punkte tinschte er sich nicht. Dagegen wurde Tr&el, der in echt 



• 

I 



10 Ugßdsa «ad Taattka, 

männlicher Wciso jede Verantwortung für die allzukühn unter- 
nommene Expedition auf seine Schultern nahm, abberufen, und 
ebenso wurde die Fremdenlegion, der Schlaffheit vorgeworfen wurde, 
an Spanien abgetreten, sodafs die Garnison von Oran auf ein 
Minimum reduziert war. Die Bataillone der Fremdenlegion, welche 
längs der Küste von Bona bis Oran zerstreut waren, wurden in 
Algier gesammelt und eingeschifft; eine Compagnie Italiener soll 
zuerst den verhängnisvollen Ruf >sauve qui peut« gethan haben. 

Aber auch der General-Gouverneur, der nahe daran war, die 
erwähnten Stämme der Duer und Smela dem Eiuir zu opfern, verliefs 
am 8. August Algier in Folge Aufforderung der französischen 
Regierung, bei der \^äeder die Aufgabe der Kolonie in Frage kam, 
bis Guizot erklärte, der Nationalehre halber müsse Algerien behauptet 
werden. Drouet wurde durch Clauzel ersetzt, der zum zweiten 
Male den Oberbefehl übernahm and die Verhältnisse der Franzosen 
nicht gerade günstig vorfand, zumal anch die Cholera sehr wütete. 
Er b^b ludi m Begleitung des Herzogs nm OrUana zunlehrt 
vmk der Ptotuis Orm imd bemhlo/is grölSrare Etpeditioneii gegen 
MaaoaiB und Tknuen. So worden VerBtirknngen nach Oran ge- 
Bcbiekt, sodab dort 11,000 Mann Im camp du figokr koncentriert 
waren. Die w der Taftia-Mfindnng gelegene Insel Baschgun wnrde 
besetzt, nm als Stfitzpnnkt gegen Tlemsen sa dienen. Sfit 8000 Mann, 
damnter 1000 eingebomen Beitem, bracb der Blarsdhall am 26. No* 
Tember von Oran anf, sehing die doppelt so starken Araber am 
1. Dezember am Sig, am & an der Kabra, wobei der Herzog yon 
Orleans Ideht Tenrandet wurde, nnd zog am 5. in Mascam ein, 
welohes ton Abd el Kader in Brand gesteckt worden war. Die Stadt 
words Yollends zentSrt, die Franzosen kebrten nack Oran suriiek, 
obne one Besatzung an binterlassen; so blieb die ESzpedition eigent- 
licb ohne materiellen Erfolg, und es ist entsehieden als ein sfacate- 
gisober Fehler zu bezeichnen, dab man den wichtigsten Ptankt der 
Plronnz ohne Grund wieder au^b. Dagegen wendete man sieh 
g^gen Hemsen, das Ton den Römern als Tremid Golonia gegrOndet 
war. Die Stadt, welche auf drei Seiten von tiefen Schluchten um- 
geben und nur auf der Sud' West-Seite zogftnglich ist, war ebrafieJls 
auf des Emirs Befehl von den Einwohnern verlassen und verbrannt 
mit Ausnahme des Me.schuar, eine Art von CitadeUe, in der sich 
eine dem Emir feindliche Besatzung von Kuluglis immor noch hielt. 
Dieselbe wurde am 13. Januar 1836 durch die Franzosen entsetset 
and ein aus Freiwilligen verschiedener Regimenter zusammengesetztes 
Bataillon von 500 Mann blieb unter dem Ingenieur>Kapitan Oavaignao 



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Algerien und Tonesienu 17 

zarück, während Abd el Kader, der nur zweiMeOen dam lugerte, 
mit einer Itkliten Kolonne verfblgt wurde, bei welcber Gelegenheit 
er beinalie in die BJkaAe des hebumften Kommandanten Ynsrof .ge- 
fallen wSre, wenn ihn nicht die Sehnelligkeit seinee Pferdes gerettet 
h&tte. Am 20. Jannar nnteinahm der Mareohatt eine Expedition 
nach der Tafna-Mflndnng, konnte jedoch gegen die Tapferkeit der 
Kabjlen nichts anarichten. Er kehrte nach Ttemsen aarftck nnd 
trat Ton dort am 7. Febmar den Bfiekmaiecfa anf Oxan an, wobei 
die Beiterei des Emir ihn verfolgte nnd apedell seiner Arrieregarde 
am Bio Salado am d. nnd 10. Febmar einige Yerlnste beibrachte. 
Am 12. Febmar tmf das Corps wieder in Oran ein. Ende Febmar 
wnrde mii 5000 Mann eine Expedition g^gen die Qarrabas und Ms 
in das Scheliff-Thal gemacht, ohne jedoch die Vorteile ansnntaen 
an kdnnen, da ma Teil der Trappen von Oran abberafen wnrde. 

Der Marschall Clanzel begab sieh im April nadi Frankreich, 
nm Tor der Depntierten-Kammer selbst die Sache Algeriens sn 
Tertreten. Am 15. April wnrde ein Lager von 8000 Mann an der 
Tafna^MlIndnng errichtet, tun mit Tlemsen in Yerbindnng zn treten. 
Anf dem Marsche nach letzterem wnrde eine Kolonne von 1500 Mann 
Infanterie, 180 Pferden und eingebomer Beitern unter Genend 
d*Arlanges pl5tslich von 10,000 arabischen Beitem nmringt und 
kam nur mit ,einem Verluste von 33 Todten und 180 Verwundeten 
in das Lager zurück, welches von Abd el Kader blokiert wnrde. 
Für den verwundeten Führer wurde der durch seine militärischen 
Eigenschaften herrorr^^de General Bugeand dorthin geschickt; 
mit 4500 Mann schiffte er sich am 28. Mai im Port-Vendres ein 
und landete am 5. — 7. Juni an der Tafna-Mündung, brach am 11. 
mit 6000 Mann auf, schlug die Araber nnd traf am 15. in Oran 
ein. Nach einigen Tagen marschierte er von dort auf Tlemsen, 
wobei er die Kräfte des Emir nnter steten Verlusten sorückdrlingte. 
Auf einem iweiten Marsche dorthin, den er von der Tafna- 
Mfindung aus nntemahm, erfocht er am 6. Jnli an der Sikkah 
einen bedeutenden Si^, durch den der Emir 12 — 1500 Mann und 
zum ersten Male gegen 120 Gefangeue verlor, sodafs er sich in der 
nächsten Zeit allen offensiven Unternehmungen enthalten mufete. 
Eine im November behnfs Verproviantierung von Tlemsen unter- 
noiinnene Expedition unter Genoral L'Etang wurde auf dem Kück- 
marsch überfallen und erlitt beflentendo Verluste. 

Zur selben Zeit nun wm do von dem inzwischen zurückgekehrten 
Marschall Clauzel, der entweder auf die ihm gemachten Ver- 
sprechunfjPTi der Kammer dder nnf seine eigenen Kräfte zu viel 

JaikrbüciiM ßr di« OMtMh« AraiM ssd Hmüm. B4. ZLVHI., 1. Q 



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18 



Algerian und TuMdan. 



bBnto, eine erste Expedition gegen Constantine begonnen, die 
▼erhSngnisToU werden eoUie, weil ne mit nngenfigenden Kiftften 
und sn nngfinetigw Jahreszeit nntemommen wurde, statt bis zun 
FrOlgabr ra warten. VoU an groÜMir Zn^ersiebt und mit jugend- 
liebem Bifer begann der alte Marsdiall die Expedition und setite 
sich, begleitet vom Herzoge toe Nemours und dessen Adjutanten 
Mac Mahon, am 13. November mit 9137 Mann von Bona aus in 
Marsch. Die Expedition war anfangs auf die erste H&lfte des 
Oktober festgesetzt, sie verzögerte sich aber in Folge verspäteter 
Ankunft und Koucentration der Streitkräfte. Oktober und November 
galten gewöhnlich noch als günstig. Das Wetter war zumeist auch 
gut, aia die Franzosen durch das schöne, frnchtbace Thal der 
Scybuse vorschritteu. Im befestigten Lager von Drean wurden die 
Artillerie- und Genie-Parks koncentriert'; za beiden Seiten der StraCse 
nach Constantine gelegen, sollte es gleichzeitig al^^ Offensiv- und 
DefensivPosition dienen. Am W. bu Eufra wurden die Franzosen 
bereits von einem der in Afrika häufig vorkommenden Stfirme 
überrascht; der begleitende Regen lieis den kleinen Bach so an- 
schwellen, dafs mehrere Pferde ertranken und 200 Mann in Folge 
des dnrchnäCstcn Lagers krank wurden. Es war der Anfang der 
nun eingetretenen Regenzeit. Bei Nechmeya war das dritte Biwak. 
Die erste Kette des Atlas trennte die Franzosen von dem Thal der 
St'vi»use; das Wetter hatte sich anfgi'kUirt, als das Gehirgp über- 
schritten wurde und man zu deu Tliernieu von Hamniam Herda 
(den alten atniar Tihilitanae) am Col de Mouhara und zu dem 
Lager von Guelma hinabstieg, wo die Ruiuen des alten Calama 
sich vorfinden. Yussnf Bey hatte die Avantgarde mit seinen SjDahis 
und ent'iclite zuerst drii Col dn Rjus el Akba, ohne dafs er vom 
Feinde besetzt war. Das (iberschrciten des < Jebirges war schwierig, 
namentlich für die Artillerie und die Fahrzeuge. Es muXsten voll- 
ständig neue Wege angelegt werden. Am W. Zenati änderte sich 
der Anblick des Landes; statt der bisherigen günstigen Vegetation 
war jetzt kein Baum, kein Strauch zu sehen.*) Als die Franzosen 
am 19. den W. Zenati überschritten hatten, fielen die ersten Schüsse 
vuu einem Detachement der Daira (Reiter des Bey), die Bevölkerung 
verhielt sich sonst ganz friedlich. Sturm und Regen, die nun last 
nicht mehr aufliören sollten, sowie Hagel und Schnee stellten sich 
ein; in dem Biwak vom 20. auf dem Plateau von Sumah lag der 
Schnee 3 Zoll hoch, 17 Mann erfroren in der Nacht, viele wurden 

•) Vergl. Sallast Jug. c. 17: «Ager fragrun fertUis, honm pccori, arbori 
infecundus, ooelo terraqao penaria aqaamm.'* 



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Algerim und TnDMiai. 



19 



krank oder hatten erfrorene < ilicdcr. /w ei Soldaten tödteten sich mit 
ihren Bajonetten aus Ver/weiHung. Die Wege waren grundlos, als 
mau sich am 21. im Thale des Merzug nach Constantine wendete. 
Nach grofseu Anstrengungen erschienen die Franzosen Nachmittags 
auf dem Plateau von Mauäurah vor Constantine; das Ziel dor 
Expedition war erreicht und dennoch sollte es ihueu nicht beachieden 
sein, in den Besitz desfelben zu gelangen. 

Als Cirta oder Kirta (isolierter Fels) war e.s zur numidischen 
Zeit Hauptstadt von Syphax, Masinis-sa, Micipsa, Adherbal, .Tuba. 
Unter Cäsar wurde es zur Kolonie erhoben und behielt die Namen 
Cirta Sittianorum (nach Publius Sittius, dessen Freischaren CHsar 
mit dieser Kolonie belohnte) und Cirta Julia bis zum 4. Jahrhundert, 
als es den Namen Constantine erhielt. In den vielen Kriegen 
bildete die Stadt stets den wichtigsten Stützpunkt; sie ist befestigt 
von der Natur, wie keine andere. Bei einer absoluten Höhenlage 
von c. 600 m ist sie auf dem linken Ufer des W. Rumel erbaut, 
der sie im Osten und Norden in einem tiefen, von fast senkrechten 
• Wauden eingeschlossenen Ravin nrnflieist, ähnlich wie die Alzette 
Luxemburg. Das trapezartige Plaiean, ein nackter Ealkfels, auf 
dem die Sbidt erbaut ist, senkt sidi Ton der Kasbah Ton Norden 
nach Sfiden nm 110 m. Hierauf gebt berror, daia nur von Süd- 
West ber ein natflrlieber Zugang zur Stadt vorbanden ist, und zwar 
Terlnndet daeelbet eine sebmale Landsunge die Stadt mit dem Platean 
Ton Cndiat-Atj. Jenseits des Rumel, der veracbiedene Wasserfüle 
in seinem Laufe bildet, die an Grolsartigkeit denen von TiToli bei 
Rom gleicbkommen, erbeben sieb Plateau9i welcbe die Stadt be^ 
herradien, so im Osten dasjenige von Mansnrab, auf welobem die 
FiBDsoseD inerst ersebienen. Ton ibm aus erscbemt die Stadt wie 
ein ausgebreiteter Burnus, dessen oapnebon dnrcb die Kasbab ge- 
bildet wird. Dio Verbindung wird durch eine auf dra Trilmmem 
einer rOmiscben erbaute Brücke in 70 m Höbe über dem Rumel 
bergesteillt; gegen sie ricbteten sich die Haupt-Angriffe der Frao- 
aosen in der Nacht vom 22. zum 28. November. 

Zwei Brigaden bemicbtigten sich der Hdhe von Cudiat-Aty und 
wiesen einen von etwa 1000 Mann aus der Stadt gemachten Ausfall 
zurück, wobei eie beinahe durch das Thor El Dsc^lhabia in diesdbe 
eingedrungen wknai. Die beiden anderen Brigaden und die Artillerie 
lagerten auf Mansurab. Das Wetter war aufserst ungünstig, Schnee, 
Kalte, Regen wechselten in der Nacht vom 21. zum 22. ab und 
riefen Mifastimmnng und Indisziplin unter den Truppen herror. 
Soldaten des 62. Regiments plünderten den Convoi von Lebensmitteln, 



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20 



Die Kriege der VendÄe 



den sie zu decken hatten, und fielen namentlich nLer Hen Brannt- 
wein her. Viele blieben todt und wurden ein Opfer ihrer Insub- 
ordination, weii:voIle Hülfeqnellen gingen den Franzosen verloren. 

Die Feld -Artillerie vermochte nichts aoaienrichten, vei^eblicb 
wnrde das Thor von El Kantara beschossen. In der Nnclit vom 
22. mm 23. November wurde die Bracke von den Sapeurs 
rekognosziert. Am 23. wurde das Artilleric-Fcuer fortgesetzt; bei 
Cadiai-Aty und auf dem linken Flügel der Position von Mansurah 
wurden die Angriffe der Araber abgewiesen. Die Nacht zum 24. 
war klar, sodafs die Araber die ßew^pingen der Franzosen erkennen 
konnten. 2 Bataillone und 2 Compagnien waren zum Angriff be- 
stimmt; weder die Anbrinjrung der Minen zur Zerstörung des 
Angriffs-Thors (Inreh die Siijxnirs, noch der 7ai voreilig unteriioiniiieiie 
AngritF der Infanterie gelangen. Auch der Angriti" bei Cudiat-Aty 
gelang nicht. Trotzdem soll Ben-Ai'ssa in Folge Mangels an Lebens- 
niittelii bereits entschlossen gewesen sein, am andern Morgen um 
8 ühr die Stadt zu übergeben. Aber schon hatte der Marschall 
den Rückzug beschlossen und ihn um 5 ühr bereits antreten lassen. 
Viele Verwundete und Kranke wurden vom Feinde überfallen und 
niedergemacht. Das Arrieregarden - Bataillon unter Changarnier 
wurde von 3000 Reitern attackiert, formierte Carree und wies die 
Angriffe ab. Fortwährend von den Arabern umschwärmt, setzte 
das Corps in ziemlicher Ordnung seinen Rückzug auf Bona fort, 
woselbst es am 1. Dezember eintraf, nachdem es einen Verlust von 
553 Todten und Vermilsten, 304 Verwundete zu beklagen gehabt 
hatte. (Fortaetzuug folgt) 



Die EriQge der Yend^e gegen die erste fran- 

zösisclie B.epül)lik 1793 Ms 1796. 

Sine iniUtfrhistoriadie Skiste 

von 

A. ?. Croosaz, 

I. D«r TcndMrieg naA sein Sdnnplati Im Hlgenelimi. 

Wie die erste franzSmsebe Be?olntion an sich erstaunlich war, 
80 bat rie ancfa ErataunlicheB hervorgetrieben. Nicht blos mit der 



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gefen die «nte firaiiBaaBcli« Biipnlilik im bis 1796. 21 

Haupt Wirkung uud dem Einzelwerke, sondern auch in Gegensätzen 
aller Art. Die Freiheitsstrebung wurde zur Tyrannei; wo raan alte 
Satzungen fortschaffte, traten dafür neue, welche schlimmer waren, 
in die Welt; der geplante Aufräumungs- verwandelte sich in einen 
wirklichen Zerstör im f^sprocefs. Der inneren Konsolidierunf? bedürftig, 
f^in«; Frankreicli doch von der Verteidigung gegen seine Nachliarn 
zum Angriff auf dieselben über, und während dies geschah, entstanden 
ihm anch heifse Bürgerkriege, ohne dafe diese den Drang nach 
Anisen vermindern oder vermöge seiner gedämpft werden konnten. 

Diese Bürgerkriege breiteten sich, als die Revolution auf 
dem Gipfel stand, im ganzen Umkreise ihres Heerdes. Schon den 
ensten Reformen von 1789 widerstrebte die Vendee und konnte nur 
mühsam beruhigt werden; die Gewultmafsregeln der zweiten National- 
versammlung erzeugten dort um so belangreichere Unruhen, und der 
Umsturz des Thrones nebst allem, was daran hing, bewirkte einen 
vollen Losbrach und Bürgerkrieg an der Atlantischen Kü.ste. 

Gleichzeitig damit zeigten sich auch im Norden uml Süden 
Frankreichs aufständische Bewegungen, nur sind .sie dort minder 
vom Royalisraus, als durch die Spaltungen der R^^pnblikaner unter 
sich hervorgenifen worden. Erstere waren nicht tief und lebens- 
Hilii^ genug, um sich in langer Dauer behaupten zu können, ganz 
anders aber verhielt es sich mit dem Aufstände der Vendeer. Er 
entsprang zumeist aus ihrer Pietät für Thron und Altar und beruhte 
aufserdem noch auf den Gegensätzen von Einfachheit und Kompli- 
kation, FriTolitat und Patnarchalismus ; so wudu er in einem 
Kampfe heran, in welchem jenes tcmi den YerdertnilaMn der Zeit 
Boeh nnberfibrte Volk begeistert nnd Tonwolelt für seine eigensten 
Lebensbedingungen stritt. Bei ibm koncentrierte sich die Bedent» 
samkeit jener damaligen Bürgerkriege Fhmkreiehs; er nnr Termocbte 
die KonTentsheere in langer Dauer snrOckzndrängen, nnd ibm 
mnlrten Ton Seiten der Repablik nngebenre Opfer gebracht werden« 
Wenn ibn die Übermacht endlich beewang, so lag doch in seinem 
ganaen Yertanfe etwas Sieghaftes, nnd sein anch den (Gegnern 
eindrucksvoller Rain vollaog sich nnr anlserlich. Dieser Bflrgerkrieg 
entrollte so originale Charakterbilder, wie man sie anderwärts kaum 
sah; die in ihm gemachte Erfahrung sog ihre Kreise, nnd es ist 
unberedienbar, wie weit Aber das Sichtbare hinaus Politik und 
Moral, Wissenschaft und Kriegskunst davon beeinflulst wurden. 

Die eigentliche Vendee*), dem froheren Kiederpoitou siemlich 



*) Nach dem FlttfacheD Yend^e gesaimt» wdehM tod Noidflo her cor 



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22 



Die Süege der YmiAe 



entsprechend, ist ein Departement im westlichen Frankreich, welches, 
zwischen der Atlantischen Küste und den Dej)artemeut« der unteren 
Loire, der Deux-Sevres und der niederen Cluit ente, einen nur kleinen 
AiLss(;hintt bildet. Dieses so abgelegene und « iLfonartige Liindchen 
gab, weil es das Herz der Bewegung war, doui in Rede stehendem 
Kriege seinen Namen; doch nahm letzterer ein viel weiteres Terrain 
ein, welches sich im Wesentlichen auf Teile der vonuungen Provinzen 
Aujou, Poitou und Bretagne erstreckte und die jetzigen Depar- 
tements Vend^e, Deux-Sevres, Maine et Loire und Loire inferieure 
eiuschlofs. 

Den Hauptteil des Kriegsschauplatzes bildete hier, wenn man 
wn dem nur dvreli Straiküge d«r Tendeer berShrten Terrain am 
rechten Loire-Ufer absehen will, ein zwischen den Wasserlinien des 
Aflaatisdien Meeree, der unteren Loire, des Thonet and der Seire- 
niortaise eingerahmtes Viereck, — dne Vendtfe weiteren Sinnes — 
welches, etwa 240 geographische Q. Meilen begreifend, am 1789 Ton 
650,000 Menschen bewohnt war. Diesen Baum teilt die Ton SSdosi 
nach Nordwest strömende Sevrenantaise in swel Hanptstacke, 
gleichsam ein Östliches nnd westUohes Kriegstheater; mit dem Übrigen 
Frankreich aber hSngt er nnr dorch eine niedrige Landhohe zu- 
sammen. Dieselbe tritt zwischen Parthenay and Niort ein nnd 
bildet, sich etwa 15 Meilen nordwestwärts erstreckoid, die Wasser- 
scheide dieses Terrains. In ihr selbst nnd ihren Abdachongen beruht der 
für den Vendeekri^ sehr belangreiche Bocage von Anjou und 
Poitou, welcher von einer groben Menge verschiedenartiger und zum 
Teil onter sich verschlungener Wasseradern durchkreuzt' wird. 
Zwischen ihnen, die meistens scharf eingesenkt sind, finden sich 
niedrige bewaldete Hfigel oder Felsenbildungen u. d|^., und wenn 
schon durch solche Formationen dieses Terrain unnbersdiaulich und 
schwer passierbar gemacht wird, so erhöht seine militSrisehe 
Schwierigkeit sich, dem Angreifenden gegenüber, auch noch ganz 
besonders durch die in demselben vorhandene eigenartige Landeskultur. 
Es ist nämlich durchweg in kleine quadratische Abschnitte zerlegt, 
die, durch Dämme nnd Gräben unter sich abgegrenzt, mit Baumen 
umstanden, jeder für sich eine Art kleiner Festung bilden. Die 
Hatten und Meiereien der Landbewohner zeigten sich zerstrout und 
unzugänglich, die wenigen und nur schmalen Fahrwq;e waren von 
so übler Beschaffenheit, dafs sich mit Fuhrwerkoi und Geschütz 
darauf kaum fortkommen lieb. An gröberen Stidten und industriellen 

SmnimrtaiM fliellit vnd 8 MeOan nordwefOidb von d«r ICQndiiiig der letrterai 
d«h mit üir verrinigi 



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gtgtn die ente firuiiöaisdM Bep«bUk 1798 bis 1796. 



28 



EtablistMiiuents fehlte es, und der ganze Bereich von welchem hier 
die Rede ist, schien einmal für den Patriarchalismus und zweitens 
für die Verteidigung ganz be.soiuies.s eingerichtet zu sein.*) 

Schon vermöge dieser Bodeubeschaffenheit und Isolierung bildete 
sich im Bocage auch ein eigentümlicher Volkssinn, durch den dann 
auch alle Einrichtungen und (iebräuche original werden mufstrn. 
Der Boden gehörte fast durcligäugig den zahlreich vorhundenen 
Edelleuteu, und diese überlielsea ihn, zum grofsen Teil, — mehr 
lehns- als pachtweise — den armen Bauern. Letztere vergalten 
dies ihren Grundherrn zumeist durch Arbeit, Hingebung und Ver- 
trauen;**) die Interessen Beider gingen zusammen, und es fehlte al.so 
hier an jeder Vorbedingung des im übrigen Frankreich herrschenden 
Mifevergnügens und Zwiespaltes. Auch gingen die^c Laudieute ganz 
au der Hand der Natur und Überlieferung. Hier gab es weder 
Anspruch noch Yerfeinerung; man kannte die hinter der Loire und 
d«ii Thouet befindliche Welt gar nicht, oder kümmerte sich nicht 
um ne — welchen Eindruck molste diesem nrsprünglichen Volke 
das KriegsgesdiMi TOn Osten her machen, dessen ünache ihm so 
gua nnTerstSndlSoh war! Die EdeUemte waren nicht reich, freuten 
sich aber ihres Besitatnms nnd besalwn ein stark ausgeprägtes 
Heimatsgefdhl. Nur selten kam einer derselben nach Ptois und 
noch seltener gefiel es ihm dort; sdne schlichte Lebensordnnng nnd 
sein JagdTergnügen anf eigener Scholle aog er den Überreisongen 
der Hauptstadt bedeutend vor. Die Bevölkerung der stidtisch 
formierten Orte dieser Region war nur gering und nahm von ihrer 
ISudlichen Nachbarschaft viel an; wo es darunter doch fremde 
Elemente gab, konnten sie sich in ihrer Vereinzelung nicht geltend 
machen.***) 

Dieses ganse Volk im Bocage war mutig und abgehSrtet, treu, 
fromm und rechtschaffen, aber auch seine mit diesen VorsSgen "Hand 
in Hand gehenden Fehler, welche anf gleichen Ursachen wie erstere 
beruhten, wurden anschaulich genug. Sdn Mut artete leicht in 
Wildbitit aus, die laoliaimg machte es unwissend und die Un- 
wissenheit milstiauisch. Zu seiner Ftömmigkeit mischte sich viel 
Aberglanbe, und duxth blinde Hingabe an die Priester ist seine 
Konservation starr nnd einseitig geworden. 

Die aui^halb des Bocage liegenden Teile unseres Kriegs- 



*) Hemoiret de Uadame de la Boelie Jseqnelein L 40~4i. 
Oenvxw de Toigot FT. S6^ 966. 
***) BeaaciisiDp, Bistoin de la gaene d« la T«ad4e LH. 96. 



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24 



Die K«ge der Vendte 



Schauplatzes waren von anderer oder ähnlicher Besc hiiöeuheit. Das 
Uferlaud der Loire, welches unter den Namen Maugea und 
Loroux*) ein Zubehör des Boeage bildete, besafs in seinen gröfsereu 
Städten, Saumur, Angers und Nantes, Haltpunkte der Kultur, durch 
welche seine Empfänglichkeit für alle Eindrücke von Aufsen ver- 
mittelt wurde. Uber die östlichen und südlichen (ireuzen des Bocage 
hinaus, also am uutt-ren Thouet, und andrerseits läugö der Sevre- 
niortaise, hier zuiual in den Strichen von Niort, Fontenay und 
Lucon, breiteten sich fruchtbare Ebenen, die mit Städten und 
Dörfern besetst, mit StraDsen and Wasserkommanikationen durch- 
kreuzt waren; hier wirkten also aUe natfirlichen Bewandniaae danraf 
hin, die BerAlkenrng derjenigen des flbrigen Frankrache iholicher, 
und das Land dem ftdseren Femde zugänglicher sa machen, ab 
weiter nOrdlich. An d«r ganian Meereekaste dieees Eri^gsBchaaplataes 
endlich sieht sich awischen den Mfinduugeu der SerreniortuBe nnd 
Loire, ahm vielleicht 20 Mdlen weit, der Marais hin,**) eine 
Meemiolerung mit firochtbarmi L&ndereioi, Brocken gelegten Moiisten 
nnd eingedeiohten Wiesen. Da man in dieser Region die Felder 
mit Grftben und Aufwfirfen onuchlolsi ond wegen der Tieflage 
des Bodens dieser leieht anter Wasser kam, auch die Wohnungen 
so xetstrent wie im Bocage h^^n, so boten sich hier kanm mindere 
Schwierigkeiten der Eriegführang dar, wie in jenem. In dem Terrain- 
abschnitte zwischen dem Ton, derVie***) nnd derMeereskfiste stimmten, 
abgesehen von dem freieren Terrain, die Enltnrrerh&ttnisse mit 
denen des Bocage sameist überein; den nördlichsten Teil des Bfarais 
bildete das swischen der untersten Loire nnd dem Meeresafer Ton 
Bonrgnenf halbinselartig eingerahmte pays de Beta, welches fftr 
den Yendeekrieg auch sehr wesentlich mit in Betrachtang kam. 
Dieser schon zd der Bretagne des linken Loii'eafers gerechnete 
Abschnitt erhebt sieh Uber das NiTcaa des anderen Marais, liegt 
aber tiefer nnd ist minder dnrdischnitten, als der mit ihm ostwärts 
snsammenhängende Bocage. Ebenso isoliert nnd kultorlos wie dieser, 
erzog er einen eben solchen Zustand ond Geist seiner Einwohner 
und erschien kriegerisch auch sehr anzugänglich. Allerdings ge- 
fährdete ihn in diesem Kriege das so nahe liegende Nantes, aber 
er besafs gegen selbiges in dem Lac de Qrand Liea and dessen 



•) Ersteres östlicher, lebttores westlicher. 
**) Beavchamp L 17. 

***) Der Yon geht von Norden her zu dem KSstenfliuae Lay; die Yie, ein 
ndrdliehorer XtUtenflnlki mikiidet bei 8t. Qillee. 



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gegen die erste firanzöeische Bepoblik 1793 bis 1796. 



25 



Ansflasse in die Loire*) immerhiii eine Schutzwehr. Dem Pays de 
Bell gegenüber und Ton der Küste des Hanus nur durch eine 
Meerenge geediieden, li^ die Inael Noimontier, welche in diesem 
Kriege auch dn Objekt des Kampfes war; 4 Meilen sQdlich von 
ihr befindet sich, etwa in der Höhe von St, Gilles, die kleine Insel 
d*Ten nnd steht so, als ein in das Meer Torspringender Ponkt, 
semlieh in der Mitte zwischen Noirmontier nnd der See- nnd 
Hafenstadt Sables d*01onne.**) 

Wenn man, nach dieser andeutenden Schilderung von Land nnd 
Leuten, dem Vendeekri^ jetzt noch näher tritt, so macht sich 
Torerst allgemein bemerkbar, dafs in selbigem zwei Revolutionen 
ganz Terschiedener Art mit einander rangen. Die Begriffe und 
Ordnungen der Welt waren auf den Kopf geatzt, denn das kultur- 
lose aber doch gute Vendeevolk wurde von einer recht eigentlichen 
Barbarei der Givilisatiou bedrängt, die Treue galt für Aufruhr, und 
die Untreue warf sich als Lcgitimitiit in di«j Brust. Auf dieser 
Mensur konnte das Menschenleben in seinen Gegen>;it/"ii studiert 
werden; hier fanden Politik und Poesie gleichmäfsig ihre Halt- 
punkte, und welche Höhen und Tiefen der Empfindung mufs der> 
jenige, welcher in dieser Krisis stand, durchlaufen, welch* eine 
Fundgrube der Erfahrung muCs sich ihm hier geöffnet haben! 

Für das militärische Auge stellt sich der Vendeekrig als ein 
Zusamraenhang aufserordentlicher Erscheinungen dar. Die eigentliche 
Kriegskunst blieb hier oft unwirksam, und es mufsten neue rtofechts- 
regeln erdacht, andere als die sonst gebräuchlichen Kriegsfaktoren 
verwendet werden. Wenn jenen Konventsheeren die zerstreute Ge- 
fecht.sordnuug schon geliiufig war, so reichte das in den Terrain- 
schwierigkeiten des Bocage nicht aus; wenn Ehrgeiz und Leiden- 
schaft, noch mehr die hinter ihnen stehende (tnülotine, sie mächtig 
vorwärts trieb, so sind diese Mächte hier in der Vendee von dem 
Todesmute und Verzweifelung eines für sein Alles kämpfenden 
Volkes nbertrüü'eu worden. Die Disziplin der Republikaner beruhte 
zumeist auf dem sie treibenden Terrorismus, diejenige des Vendee- 
volk«?s auf dem Gottvertrauen und der historisch begründeten 
Autorität ihrer Grundherrn; die Führer der einen Partei hatt« der 
Kevolutionsgeist, und diejenigen der anderen der Pairiarchalismus 

*) Der oben genannte See liegt 8 K. sttdweetlich Ton Nantes und wird 
durch die etwa eben so lange Achenau mit der unteren Loire verbunden. 

**} Sabk'S d'Olonno liefet 20 M. südwestlich von Sanraur am eutgegen- 
geu^tzten Endpunkt einer unseren Kriegsschauplatz durchschneidenden Diagonale. 



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26 



Die Kriege der Yendfe 



erzogen. Hier walteten Instinkt und naturwüchsige Kraft, die erst 
später kriegsniäfsig formiert wurden, dort sind alle Kriegshandlungen 
von einer dnrrh l/bcrreizuti^^ und Frivolität doch schon geschädigten 
Kunst bestimmt wurden. Wiese Gegner standen sich wie Varus 
und die Cherusker, wie Christ und Mongole gegenüber, und auch 
durch diesen Gegensatz ist ihr Kampf eigenartig gestaltet worden. 
Dazu kam die in diesen besonderen UmsiandeA Ton Tag zu Tag 
wachsoDde Aufregung beider Teile. Der Angreifer mulste siok 
Kerq^lifttem, irrte in Wildern nmber und veiBUik in Sümpfe; sein 
im Torain genan bekannter Widerpart aber ersab die BlSlben 
des Feindee, stand, wo es einen Handstreich ansnifObren galt, blits- 
sobnell vor ihm und aerstob dann wieder in alle Winde. Ffir 
ersteren gab es bei Tag nnd Nacht keine Bnhe; wenn sdne Leiden- 
schaft dttnjenigen, was an erdulden war, bisweilen erlag-, so flammte 
sie dann, somal bei jedem mflhselig ermngenen Vorteile, wieder 
desto hefl%er empor nnd steigerte sieh bis zur Wnt nnd Giansam- 
keit. Anch den Verteidiger ergriff, wenn er seine Häuser brennen, 
seine Familien bluten sah, ein Grimm der Verzweifelnng. Sein 
langer stiller Friede war ihm gestört, seine »Milch der frommen 
Denkart in g&hrend Braehenblnt verwandelt wordene; — auch er 
kannte dann keine Schonung, und der ganxe Krieg ist also flbemns 
grausam gefOhrt worden. Drang und Not weckten den Scharfsinn 
nnd trieben ungewohnliehe Kriegslisten hervor; von jenen Sumpf- 
nnd Waldrevieien ist viel Selbstlosigkeit nnd Heldentum, die in 
anderen Bewandnissen von der Geschichte und Poesie gefeiert wSren, 
verhilllt worden. 

Die Hauptpersonen dieses gmzen T^erspiels, zumal diejenigen 
der ro jaüstischen Partei, sind vom Kriege hinw^ggerafft, die Papiere 
des Vendeeheeree von den Republikanern vernichtet worden*) nnd 
es konnten also in Betreff eines so überaas verwickelten Stoffes nur 
lückenhafte oder parteiische Nachrichten hervorgehen. Ringsum 
stehen nuerledigto Fragesmehoi, und es bleibt zumal rätselhaft, wie 
dieser Krieg eines Riesen g^en dru Zwerg so lange dauern und der 
französischen Republik ^'röfeere Schwierigkeiten bereiten konnte, als 
der Kampf gegen all' ihre mächtigen äufiMoren Feinde. Das Terrain 

♦) Da die diesen Krieg betreffenden Schriften aus republikanischen Federn 
nicht objektiv sind und kein Vendeeführer von Bedeutung crst^reo überlebte, so 
wttrde ein» wirkUdM GMüchte desfelben unmlSglioh sein, wenn nicht Frau 
T. Laroehe-Jaoqnelein, die das Meitta lelbst mit duehgeinacilit, mit be- 
wtindeningswürdiger Sorg&H^ Treue tmd gnpsrtefliclikdt eine sehr «ingelMNide 
SebUdenuig getie&rt bitte. 



uiyiiizeo Dy CjOO^ 



g«gmi die «fito fraoiMmlM Republik 1798 bit 179(1 



27 



und die £igeiiart der Vendeer eiuer- und die Demoralissticm ihrer 
Gegner andrerseits haben dabei viel gethan, aber sie konnten nicht 
ADes be\virken, — um so weniger, als das Vendeevolk auch sehr 
grofse Fehler beging, die der jenseitigen Operation zu Hülfe kamen. 
Die Ost- und Westhälfte der Vendee waren stets zwieträchtig; dort 
nnd hier wurde der Sieg nie ausgenutzt, sondern das Kriegsrolk 
aerstrente sich nach jedem Schlage sofort, um wieder zeitweise 
seinem landwirtschaftlichen Berufe uachzogehen. Eine militärische 
Soaverainetät ist von den Yendeeführem nie erzielt worden, \md da 
man mit den Gefangenen nichts anzufangen wufste, so wurden diese, 
auf ihren Eid der Urfehde hin, den sie nicht hielten oder nicht 
halten durften, wieder entlassen, und man bekam sie also neuerdings 
gegen sich. Hierzu kam, dafe das Vendeevolk vorerst nur sehr 
dürftig bewaffnet und organisiert war, dafs es ihm an kriegerischer 
Routine fehlte und die Zahl seiner Kombattanten, nach Verhältnis 
des kleinen T^andes, doch nur relativ gering sein konnte, während 
seinen Gegnern dies Alles reichlich zu Gebote staud. Wie konnte 
da, zumal in einem so en^en Territorium, dieser Aufstand der 
Republik so über den Kopf wachsen und dieser Kampf so un- 
gewöhnhch verschleppt werden? — Die Vendeer siegten zuerst 
Schlag auf Schlag und erbeuteten in jeder Atiaire Gewehre, Kanonen 
und Kriegsbedürfnisse aller Art, aber doch nicht so viel, um damit 
ihre schon im Sommer 1793 im Felde erschienene Kriegsmacht voll 
iiuszurtisten. Wober kani ihnen so überaus schnell die Organisation 
und planmäfsige Kriegführung? Ein gewöhnliches Fartisanentum 
würde, auch bei gröfster Impulsieruug von Innen, den zahlreich 
herandrängenden Konventsheeren nicht so dauernd und erfolgreich 
widerstanden haben, wie es hier geschah, zumal da die kultivierten 
Ebenen des Kriegsschauplatzes die Republikaner sehr begünstigten. 
Der Charakter des kleinen Krieges blieb immer vorherrschend. 
Fhidi^fi<eit und Rüstigkeit, Feuereiter und Todesmut jeuer Laudieute 
stritten iiunier in erster Reihe, aber hinter ihnen tauchten allgemach 
auch Technik und Strategie, Geld uiul Verbindung empor, — wie 
konnte in dieser Einsamkeit das Alles so schnell aus der Erde 
wachsen? Die Darlegung des Krieges stützt sich auf gegebene 
Thatsachen, aber der Vermutung über das^ Wie und Woher bleibt 
darüber hinaus viel Spielraum. 

Auch das innere Getriebe der republikanischen EriegfOhrung, 
hier im Westen, erscheint Yielfach dunkel. Warum hatte der 
Konvent gerade in dieser Region so viel Miiserfulge und kopflose 
Fahrer, da doch in den gleichidltigen iolseren Kriegen die fhuuö- 



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28 IN« Kriegt dar Tnidfe 

siflche Kriegsgeschicklidikeit sich aehr hervorthat? Welch' eioen 
schaaerlieben Untergrund hatte dasjenige, was der Konventsdeputierte 
Phüippeaux und der republikanische General Westcrmann über die 
in den Vendeeheeren der Republik herrschenden ürüule und Ver- 
rätereien aller Art gesagt haben V*) Wenn es, wie sich ans diesen 
Zeugnissen entnehmen lädst, wahr witrp. dals auch Mitglieder des 
Konvents bfi den in der Vondee verübten Sünden der Habsucht 
und Treulosigkeit mit beteiligt waren, so würde das jene damals 
höchste Behörde Frankreichs in ein ganz neues Licht stellen. Sie 
erschien vorher nur als die Verwirklichung eines äufsersten Extrems 
politischer Leidenschaft und würde bei Annahme joner Enthüllungen 
für ein mit dem Terrorismus spekulierendes Komplot zu halten sein. 

Die vor 1703 ins Werk gesetzten Bewegungen der Vendee 
brachten wohl schon da und dort einzelne Kämj)t'e, aber noch keinen 
eigentlichen Krieg hervor; erst 1793 trat dieser herein und entrollte 
nun, lawinenartig wachsend, in breitem Strome so viel bunte und 
grausame und rätselhafte Thaten, wie sie in solchem Räume und 
solcher Dauer sich anderwärts kaum jemals zusanmienhäuften. Die 
Vendeer siegten uud siegten wieder; sie formierten sich während 
ihrer Siege und teilweise durch dieselben. Ihre Streitkräfte wuchsen 
bewunderungswürdig von Tag zu Tag; das Gluck unterstützte .sie 
und wich erst in der letzten Zeit dieses Kriegsjahres von ihrer Seite. 
Sodann wurde ein aufserordentlicher Kriegsruin von diesem Aafistande 
dennoch überlebt, und das Volk der Vendee behauptete sieb aneh 
1794 and bis in das Jahr 1795 hinein im Felde, aber mit minderen 
nnd minder koncentrierten Kräften; mehr defenihr und portei- 
gängeriach als frühen Einen Vertrag, der dann an Stande kam, 
mifmcbteien beide Teile, nnd der Kampf erneuerte sieb ans &ulwieB 
nnd inneren Ursaebeu. Die Republik aandte erst jetzt, nachdem so 
▼iel MÜsgriffe gethan worden, einen erleuchteten Feldherm; das Volk 
der Vend^ war mflde, nnd eeine letzten Ffihrer Termoobten nicht 
mehr daaeelhe an sieh an feeeeln; Terleasen, gefangen und von der 
Bepublik Terurteüt starben sie für ihre Ueberaeugnng, nnd hiermit 
endete ein langwieriger nnd harter Kampf, — nicht weil der an 

*) Philippcanx wurde 1798 ab KonTentMUpatinrter in die Vendee geeoUekfc 
and Knfiwrte sich dsim tin seiner Sehrift: •Philippeani representant dn 

Pcuplc h 8es collegncs et conc itoyens" in höchst falminantcr Weise 
über alle Mifsbränchp und Nicht.swünlipkpitcn , die er bei den in der Vend^ 
kriegführenden Truppen der Kepublik gefunden. — General Westermann ÄuXserte 
*u seinem AafsaUe^ über den Vendeekrieg, der sich dentsch in 8* Stücke der 
•Hinerfa'* Jahrg. 1794 findet» gans Xhaliehea 



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gtgm die «like llnaiBiiMlie BepvUik 1798 Ut 1796. 



29 



Grunde liegende Sinn ertÖdtet war, sondern, weil es znniohst aQ 
den aufseren Bedingungen seines Fortbesteheus fehlte. Das erwies 
sicli durch spätere Nachzuckuugen ; allniälioh aber muCste auoh daa 
YendeeTolk verändert und in den Strom moderner Begriffe gezogen 
werden. Der Vendeekrieg miilate, richtig erfaCst, das interessanteste 
Spezialwerk geben; hier, in diesen engen Linieu, könuen nur seine 
Brennpunkte benHchnei nnd überschaoUch verbunden werden« 

IL Yorakto des Yend^ekrieges in der ersteren BeTolntionszeit. 

Als in der Yersammlung der französischen Reiohsstände sich 
der aufgereizte dritte Stand am 17. Juni 1789 zur National- 
versammlung erklärt hatte, nahm die Revolution hiermit ihren Anfang. 
Die Volkspartei hob fortan mit jedem ihr zufallenden Erfolge das 
Haupt immer höher, und in dem Grade, wie hiermit alle Leiden- 
schaften entfesselt wurden, gingen auch Mafs und Ordnung immer 
mehr verloren. Eine Nationalfrarde wurde gebildet, die Bastille 
gestürmt und der in der Hauptstadt herrschende Geist der Aufregung 
und Gewaltthätigkeit verbreitete sich schnell über das ganze Land. 
Am 4. August wurden alle Standesvorrechte abgeschafft, der König 
sah sich zum Geschäftsträger der Nation herabgesetzt, das Land 
erhielt eine neue Einteilung in Departements, und jeder vollziehenden 
gab man auch eine berathende Autorität bei. Wahlrecht und Ge- 
schwornengerichte fanden sich ein ; das bisherige P'eudalsystem brach 
zusammen, und die Neuerungen aller Art waren so übersttirzt, da& 
sie schon aus dieser Ursache nur nachteilig wirken konnten. Das 
Gute zwischen dem Schlimmen erschien verfrüht und leitete zum 
Mifsverständnisse und Mifsbraueh ; Ihifs und Willkür und Unverstand, 
mit denen Alles gehandhal)t war, verwandelten für die Praxis auch 
wohlmeinende Intentionen in ihr Li egenteil. Bezüglich der herrschenden 
Finanznot suchte mau sich dadarch zu helfen, dafs am 2. November 
1789 sämtliches Kirchengut fttr Staatseigentum erklärt wurde; 
Frankreich machte binnen wenig Monaten eine so angewöhnliche 
Totalreform durch, dals diee seine leicht err^baren Bewohner xnr 
äaüsersten Parteinahme f&r oder gegen entere hmiib. 

Ffir die Berölkemng der Vend^e waren diese Neaemngen gans 
ungeeignet. Uan halte sie hier nicht gewflnscht nnd flQhlto sich 
▼OD ihnen unr bennruhigt. Der Landmann im Bocage und Uatais 
konnte dnrch dergleichen nichts gewinnen, nnd die neuen Staats- 
grundsitze gingen fiber seinen Horizont; die aufgedmngenen Volks- 
rechte helSetigten ihn nur, und an einem Ifüshranche dersdhen 
war er an fromm nnd rechtlich. Mit seinen adeligen Grundherrn 



80 



Dto Krtag« der Yand^ 



hing diesps Volk zu eng zusammen, um nicht in ihrer seine eigene 
Schwligung 7.U seilen; die noupn Verwalter und Advokaten, die man 
ihm sandte, wurden mifstr:iuisch betrachtet und begegneten in dem 
Mafse, wie sie sich anmafsend oder habsüchtig zeigten, einer stets 
wachsenden Unzufriedenheit. Der Vendeer hielt die Beschränkung 
des K<>uigs und den Angriff' auf das Kirchengut für frevelhaft; seine 
(Jewohnheit war durchkreuzt und seine Begriffsweise angetistet, er 
konnte sich also zu all jenen Neuerungen nur gegnerisch verhalten. 
Damit diesen doch in einigen Hinsichten ihr Stachel genommen 
würde, wählten die Landleute dieses Bereiches zu den verschiedenen 
neugeschaffenen Verwaltungs- und Milizposten immer nur ihre 
Grundherrn, und der Adel der ^^■ndee war dadurch gegen alle 
Plackereien de^ neuen Heumtentumes sehr wirksam geschützt. Er 
seinerseits schützte und forderte hinwiederum die Bauern, so viel als 
es ihm möglich war, und das Band Beider wurde hierdurch immer 
enger Die Auswanderung des Adels, wie sie aus Gründen der 
ungeheueren (lefährdung desfelheu im iil>rigen Frankreich stattfand, 
blieb sonach dieser Kegiou hier erspart, und die ritterbürtigen (irund- 
herrn derselben konservierten sich vielmehr, von den treuen Unter- 
sassen umringt, ihr volle« Heimats- und Kmftgefühl. Den Landleuten 
gegenüber war jeder Edclnuuin der natürliche Informator über 
öffentliche Dinge; seine Anschauung drang in ihr Mark und Blnt 
and stimmte stets mit ihren Gewohnheiten und Instinktoi fibareili. 
So wurde in diesen Zeitumständen der Aufstand der Edelkote hier 
dank das Volk, und derjenige des Volkes durch die Edelleaie tot- 
bereüöi; doeh iat es imiweifelhaft, dais, wenn die firamlMache 
Bevolution Aber die oben angedenteien Neuerungen nicht hinaua- 
gegangen wftre, sieh in der Vend^e wohl viel paariver Widerstand 
und mandie offene Ausschreitung gezeigt, aber kein Bürgcrkii^ 
entrollt haben würde. 

Diesen Bürgerkrieg entc&ndeten ent die 1791 und 1792 herein- 
brechenden und mit Beginn des Jahres 1798 auf die Spitie getriebenen 
Gewaltmainegeln der BeTolationeftthrer. Dabei fiel auch dasjenige, 
was gegen die Eiiche und Geistlichkeit unternommen wurde, sehr 
schwer ins Gewicht. Schon jene ErklSning des Kirchengntes für 
Staatseigentum hatte sehr aufregend gewirkt, als aber die Ddonete 
vom 15. und 27. NoTember 1790 und vom 3., 4. und 25. Januar 
1791 die neue geistliohe Verfassung sicherstellten, und hiermit auch 
von den Priestorn nicht blos der allgemeine Bfirgereid, sondern auch 
das Versprechen verlangt wurde, jenen erstem mit allen Krftfteu 



gegen die erste firanzSsische Bepablik 1793 bis 1796 $1 
* 

anfncht sa lialten, d* sehaf sehon dies Brennsioflb wirklicher 
BnaipOmiig. 

Die GeiBUickkeit glaubte diese Foiderangen mit ilirea Priester- 
geUlbden nicht veteiiugai sa kSntien. Die BerSlkemng ▼<m Poiton 
nnd AnjoQ stellte sich erateren einmütig zur Seite. Dies lag nicht 
nnr in ihrer gansen Art nnd Üeberliefening, sondern anch darin, 
dab sie sich mit ihren Priestern gans eines Sinnes ftlhlte. Diese 
waren ans ihr entsprungen, redeten, in stets r^er Wechselwirlning 
mit dem Volke stehend, dessen Mundart und kannten alle seine 
Sitten, Fehler, Tagenden and Bedttrfiusse bis nun Kleinsten. Was so 
msammengelebt ist» UUst sich durch neue Edikte schwer trennen; — ^ 
solch eine Trennnng aber begann jeiat heranzatreten, denn da die 
Priester diesw Landesteile den Burgereid durchgängig verweigertoi, 
so enthob man sie ihrer Stellen und schob dafür Geistliche ans 
anderen Provinzen ein. Gegen diese Terhielt sich das Landvolk 
^mz ablehnend, nnd sie mufsten sogar da and dort mit Waffen- 
gewalt eingesetzt und aufrecht gehalten werden. Solche Vorkmnmnisse 
hänften sich mehr und mehr; -~ schlielislich hatte man gar nicht 
mehr Truppen genug aar Hand, um an jeder Stelle, wo es nötig schien, 
d«n Gesetze Geltai^ zu verschaifen.'*') 

Als der König aus Paris floh**) und dann zurückgebracht wurde, 
— worauf man ihn, eine neue Konstitution beschwören liels, 
wuchs die Erregung in der Vend^e noch sehr bedeutend, und dies 
führte bereits zu aufständischen Vorgängen. Auf einem Schlosse 
bei Talmont, unweit Sables trOlonne, versammelten sich zu jener 
Zeit mehrere Kdellciite und ziiblreiche Bauern, um, wie es seinen, 
einen Handstreich auszufüliren; aber dieses Vorhaben wurde entdeckt 
nnd man erstickte, von Sables d'Olonne ans, ersteres schon im Keime. 
Da bei dieser Lielegenheit das genannte Schlofs von den Republikanern 
geplündert und verbrannt wurde, di*- neuen Lokülliehörden viel 
Druck ausübten, und die Priesterbedrängnis unverändert bestehen blieb, 
so würden schon jetzt sehr bedeutende Revolten erfolgt sein, weuu 
nicht sowohl Dumouriez, als damaliger General- Kommandant 



♦) UeK'r dergleichen geben zameiBt Auskunft: Mdm. Laroche- Jacq., 
Memoiren I, 47 und das Werk: „La vie du göneral Dumoariez II, 124." 
♦♦) Am 21. Juni 1791. 

•*•) Charles Fran9ois Dnmonries, gebarm 1789, seit 1757 im franriWuchm 

Kricgüdienste, befand sieh im oben erwähnten Zeitpunkte sn Nantes, war dann kune 

Zeit Minister dr^ Auswärtigen und noch später bei Valiny, Jom.Tppes vor Ma^tricht 
und gegen Holland als FcMIktt hcr\-orragend. Nach Bciuetn Miliserfolge bei 
Neerwindeu ging er dann im April 1793 zu den Österreichern über. 



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82 Die IMflf» der Yendje gegen die eraba' ftmniSdadto BepaUik ete. 

derVcnd^, als auch der von der konatituierandeD NationalmBammluiig 
gesandte KommiaeariaB Gensonn^e^ rioh in der religiösen An- 
gelegenheit dnidsam gezeigt nnd jene General-Amnestie, welche der 
nenen Konstitutiou gefolgt war, dazu benutzt hStteOi die in Anklage 
stehenden Mitglieder des Vendeevolkes freizusprechen. Diese Mafs- 
nahmen waren wohl gewiCs sehr weise; da aber immer die Qmnd- 
ursache des MiCsvergnfigens bestehen blieb, so konnte die ihnen ver- 
dankte Bemhigoog nur Torftbargehend sein. Vielleicht wäre sie von 
längerer Dauer gewesen, wenn nicht der Revülutionsgeist immer 
weiter gegriffen nnd sich zuletzt an dmi unerhörtesten Ausschreitungen, 
welche ganz Europa in Aofregnng setzten, verirrt hätte. Das Yei^ 
mögen der Emigrierten wurde eingezogen, das königliche Ansehen war 
dahin, und der Monarch stand bereits auf einer Pulverraine, die 
Malisregelung der Geistlichkeit nahm immer grofeere Verhältnisse 
an. Was speziell die Vendee betrifft, so verschwand die von 
Duniouriez und Gensonm'e gezeigte Schonung nach ihnen wieder 
gänzlich, und die von aufsen eingebrachten Lok.ilbehördeu liefsen 
es sich angelegen sein, das Veudeevolk die vorlier gezeigte Wider- 
setzlichkeit, so viel als immer möglich, biifseii zu lassen. Man quälte 
OS mit Papiergeld, und jeder mit Assignaten iie/.;ihlte Bauer, welcher 
hierüber niifsvergnügt war, wurde illilor Gesinnungen angeklagt. Hie 
Denunci'itioneu und kleinen Plackereien nahmen kein Ende, das 
Landvolk im Bocage sollte durch dergleichen mürbe und demütig 
gemacht werden, — welch' verhängnisvoller Irrtum! Wurde die 
kaum niedergesunkene Glut so gewaltsam wieder aufgeschürt, so 
setzte die Gefangennahme des Königs, nachmals seine Ermordung 
durch die Guillotine,**) Alles in helle Flammen. Das Extrem schuf 
Extreme, die Ciährung der Vendee wurde zum Aufstande und dieser 
steigerte sich schnell zur drohendsten Contrerev(dution. Wo Mark 
und Blut in Wallung sind, da hiiuLxt der Losbruch au dünnen 
Fäden, jeder kleinste Anstofs kann iiin ins Werk setzen, — so war 
es auch hier. Wenige Tage nach dem Sturme auf die Tuilerien 
wurde der Maire von Bressuire,***) dessen Begriffsweise mit derjenigen 
der Republikaner nicht üljereinstimmend war, dort ausgetrieben und 
wendete sich nun nach Moncoutant, f) um das Landvolk aufzuregen. 

*) HenrorragendeB Hanpt der Girondisten, im Oetober 1798 mit seinen 

aadereii Geführten guillotinierth 
**) Am 21. Januar 1793. 

Kleine Stadt am Argenton, im Departement der Deaz-Sevree, 7% M. 
nördlich von Niort. 

t) 8 M . ladwMtlieli von Bfenoire. 



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Ein neuer Yoischlag Mr die Oestaltnng einer Feetnngafiront etc. 33 

Hier sfamd scimell eine grolm Schaar bewaffneter Banem, und diese 
wurden nnn Ton Herrn Vandry d^Asson, einem ehemaligen Offizier, 
nach C3iatilIon^ geführt, wo man die Distriktsrerwaltnng anstrieb 
nnd die Archive Yerbnumte. Zu Breeemre hatte man aber inzwischen 
ans den benachbarten Garnisonen am Thouet Nationalgarden heran- 
gezogen, und diese schlugen und zersprengten hierauf die Hänfen 
Vandry^B, welcher sich nnnmehr in «aaem nntenrdisolien Banme 
sdnes Schlosses verbergen mobte. Man behandelte die gefangenen 
Landleute sehr grausam, und die ganze That wirkte zugleich ein> 
schüchternd und auir^end. Es gab noch keine Organisation und 
keine Or^^anlsatoren des Aufstandes, und so lag jetzt yorerst eine 
dumpfe Ruhe, die über wohl stille Vorbereitungen und rufende 
Entschlüsse barg, auf diesem Volke. Der in Paris dann begangene 
Königsmord besagte wohl Abscheu und Rachegefühl, aber noch keinen 
sofortigen Loshruch, erst als das Konscriptionsdekret vom 23. Fe- 
bruar ITOP! erschien, war der Augenblick da, wo nach genügender 
Vcnrbereitung das zum Himmel schreiende YendeeTolk sich einmütig 
und geordnet erheben konnte. 

•O^ortseta^nng folgt) 



m. 

Ein ueuei Yoxsclilag für die frestaltuiig einer 
f estangsfront und eines detaoMerten fort». 

Abs dem Bnssischen Abersetit 
Trost, 

Pnuu-Ueat. Im W.-Hgi. üo. 71, kom. lur Erlegi-AkadeAle. 

(Hit einer. Karte.) 



In der Nieolans-Ingenieni^Akademie in St Petersbnig bat vor 
einigen Monaten der msaische Genefal-Lieutenant Sederbofan einen 

*) ChstilloB lar SoTre 8 M. nordweeilieh m Bnandre. 

Jttitirtw m «to SwMto AlMt ui MtaiM. Sl XLTUI. 1. 8 



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34 



na neuer YoncUig Ar die Geitaltong 



Vortrag gehalten, in welchem er ein neues Projekt über die Ge- 
staltung einer FestunfTsfront und eines detachierten Werkes vorlegte. 
Da, soweit mir liekaniit, unsere militärix ht n Fuchblütter liieinber 
noch keine Beferate gebracht haben, dm Projekt aber sowohl als 
solches, wie auch nm deswillen Beachtung verdient, als man die in 
demselben entwickelten Ansichten in den mafsgebenden Militiirkreisen 
Rnsslands einer gewissen Berücksichtigung wert hiilt. lasse ich nach- 
stehend eine möglichst wortgetreue Übersetzung des l» et reffen den, in 
dem rusnachen Ingenieur- Journal enthaltenen Arükela folgen. 

I. Die Festnngsfront. 

Die Aufgabe einer jeden Festung, sie möge aus strategischen 
Gründen erbaut sein, aus welchen sie wolle, liegt stetj< in der 
Erreichung einer iiiögHchst grofsen Vert ei(lignn<i;sfuhigkei< des 
unilietrt'uden Terraiu» und in der möglichsten Sturmfreiheit ihrei- 
Werke. 

Das Tdeal einer Festung wäre eine solche, die weder angegritlen, 
noch um^'a Ilgen werden kann und daoei mögiichät geriuge Bau- 
kosten erfordert. 

Kin sturmtreicö natürliches Terraiiihiiidernis kommt die.seni 
Ideal am nächsten; da derarti^re Hiiulurni.sse in der Wirklichkeit 
aber .selten zu finden sind, so luufs man seine Zuflucht zum Bau 
von Festungen nehmen und /.war an allen, einen feindlichen 
AngiJÜ' besonders begün.'^tigendeu offenen Stellen, und sieh dabei 
bemühen, wie wir schon sagten, sturmfrei, mögliclist widerstands- 
fähig nnd billig zu bauen. 

Zu diesem Zweck schlage ich eine Festuugsfront vor, die aus 
folgenden 4 Teilen besteht: 

1) Aus 2 Erd wällen: 

A. Einem Anfsenwall mit Gaponiöre and freistehender Es- 
carpenman«r; Ton diesem Wall ans ist das Vorternun unter direktes 
rasantes Gewehr- und Geschütag-Feuer zu nehmen. 

B. Einem Innen wall, ohne Capoui^re und ohne Escarpen- 
mauer, der lediglich mit Festnngsgeschütsen ausgerüstet sein soll; 
Ton ihm aus erfolgt also die Verteidigung auf die w^ten Ent- 
fernungen. 

2) Ans kasemattierten Casernements zur Unterbringung 
der Truppen, ihrer Bedürfnisse n. s. w., und aar Infanterie- nnd 
GeschClta'(Mörser-)yerteidignng geeignet. 

3) Aus dem Reduit, yor dem Festnnga-Thore, zur Siohemng 
der Anafftlle nnd des RSckzuges des Verteidigers. 



«hur Featungsfront und dnw detacMarten Forti. 



35 



4) Am 2 gedeckten Wegen; einem unmittelbar Tor dem 
Festnngegraben und dem zweiten 150 Swhen ?or der Feuerlinie des 
AnfiwnwaUs. 

Wir wenden una jelst der nSheren Betrachtung jedes einielnen 
dieeer Teile sn. 

I. Die beiden Erdwille. 

A. Der AufsenwalL 

Nach dem eben von ans ausgesprochenen allgemeinen Qmnd- 

■abte ist der Zweck des Festaugswalles: 

a) Die Möglichkeit zu bieten, nicht nur das Yorterrain ftber- 
hanpt anter bestreichendes (ifwohr- und Geschütz-Feuer zu nehmen, 
sondern anch eine mögliehst grofse Zahl von Wa£fon auf einen 
beliebigen Punkt zu richten, mag derselbe nnn weit TOigeeohobai 
oder gnnz nahe liegen. 

b) Die Geschütze, die Verteidiger, die rückwärts gelegenen 
Gebäude und Kommunikationen gegen Sicht and Fener des An- 
greifers zu decken, aud gleichzeitig 

c) die Festung vor einem gewaltsamen Angriff zu schützen. 
Natürlich tritt die Forderung möglichster Billigkeit aach 

hier hinzu. 

Sehen wir nun zu, in wie weil der vorgeschlagene äulsere 
Wall diesen Anforderungen genügt, und betrachten wir denselben 
zu diesem Zweck in seinem Profil. 

a) In der Hauptsache ist derselbe für Gewehrfeuer ein- 
gerichtet. Nur in seinen aus- und einspringenden Teilen erhält 
derselbe Geschützbänke, und auch diese nur für »Verteidigungs- 
Geschütze«, welche die nächste Umgebung unmittelbar unter Feuer 
nehmen sollen. Zur Führung de.s Geschütz- Kampfes auf die weiteren 
Entfernungen sind die Festangs- Geschütze des inneren Walles 
bestimmt. 

Uber den Wert eines le])haften lutanterie-Feuers aus schnell- 
schiefsenden Gewehren ist heute Niemand mehr im Zweifel; die 
letzten Kriege haben uns diesen kennen gelehrt. 

Von mir in Kertsc h gernachte Versuche haben ergeben, dafe, 
wenn man in der Feuerlinie 2 Reihen Sandsücke so hinlegen läCst, 
dafs dieselben Schicfs.schiirten bilden, und man dann durch diese 
Scharten auf Scheiben von halber Mannshöhe schiefseu läfst, die in 
einer Entfernung von 450 Schritt aufgestellt sind, hierauf aber 
umgekehrt von dem Standpunkt der Scheiben aus nach den Scharten 
gefenert wird, hinter welchen sich Figarenscheiben auf dner 

8» 



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36 



Em n«Mr VoneUag ftr die Gateltniig 



Entferiuiug von i Arsdiin*) von einander aufgestellt befinden, 
folgeniles bemerkenswerte Resultat enreielit wird: 

Während sich uämlicli beim Scliiffsen durch Scharten z. B, 
25% Treffer ergaben, stellten sicli diese beim Schiefsen nach der 
Scharte hin, nur auf 1 — 2Voi ja sogar noch niedriger. Die meisten 
Geschosse gingen entweder zu hoch oder ricochetierten ; die Kugeln, 
welche in Säcke eiu.si'hlugen, die mit Sand gefüllt waren, drangen 
1 Vi 2 Werschok in dieselben ein und drückten sich platt, wogegen 
mit Erde gefüllte Säcke, selbst bei einer Stärke von 2\ durch- 
schlagen wurden. 

Hieraus erhellt, in wie groHsem Vorteil dem Angreifer gegon- 
über sich d- r Verteiiliger befindet, der hiut^^r nrnkungen steht, die 
aus mit Sand gotÜllten Säcken hergestellt sind; stellt sich dieser 
Vorteil fast wie 25 : 1. Während der erstere natürlich nicht immer 
Sand in genügender Menge /.in Stelle haben kann, liegt es in der 
Hand des Vert. idigers, davon genügende Quantitäten auf den Wall- 
gängen und längs des gedeckten Weges bereit zu halten. Wenn 
unsere Schützen einmal erst <lie (Jefahrlosigkeit erkannt haben 
werden, in der sie sich im Vergleich /um Augreifer befinden, so 
werden sie denselben zu einem gewaltsamen Augritl gai' nicht heran- 
kommen lassen. 

Vergleichen wir nun unser (Jewehrfener mit demjenigen von 
dem Hauptwall einer modernen Befestigung aus. 

Die Festungsgeschütze und die Tiaverseu des Hanptwalls nehmen 
gewöhnlich V3 V4 der ganzen Feuerliuie ein, und nur der Rest 
von V3 ~ Vi bleibt für die Aufstellung von Schützen zur Ver- 
fügung. In der vorgeschlagenen Form dagegen nehmen die Schützen 
fast die ganze Fcuerlinie ein, sicher durch Sandsäeke gegen Schüsse 
Ton Anisen gedeckt und daher kaltblütig und genau aelend. 

Der letzte tfirkische Krieg liat den sollen Wert des Inianterie- 
Peners gezeigt und bewiesen, dals der Angreifer dasfelbe mit ArtiUerie- 
Feuer allein nicht bezwingen kann, dab er vielmehy Torherrschend 
▼cm Oewebr-Fener Gebranch machen mnfs, d. h. nicht 



*) Bezüglich der in diesem Artikel vorkonuneaden rusaisclien Mafse sei 
bemerkti dab: 

1 Weret s i,(W7 km s 500 Ssflheii} 

1 Sashc = 2,1335 m = 3 ÄTBchin « 7 (engl.) Patoj 

1 Arschin = 0,7112 tu = Iß Werschok; 

l Werschok = 4,4 cm = I*;^ Zoll; 

1 F&fs mm 0.80479 IS ZoU (Djum); 

1 Zoll-(Djam) V 2,589 cm ^ 10 Linisn. Anin. d. Üben. 



dner FeifcoiigilTODt und «in« detadiiarten Forts. 



87 



atiderii, als sich hinter Sand.sücken deckend| was Ulm aber bei Weitem 
nicht immer möglich soin wird, 

Schliefslich hat der vorgeschlagene äufsere Wall noch das für 
sich, dafe derselbe — da nnr von Infanterie und nicht auch von 
Arti'lorie besetzt — (und durch letzteren Umstand unter verschiedenem 
Konnuando) bei der Verteidignu«^ si( Ii der Einheitlichkeif di's Kom- 
mandos gowolil licini Feuer, wie auch bei der Abwehr des Sturmes 
zu erfreuen hat. Die Infanterie ist in ganz nahe liegenden Ca- 
.sorncuients untergebraiht und kann daher fast augenV)licklich zur 
Al)wehr eines gewaltsiimen Angriffs auf den Wällen <'rscheiueu. 
Sowie der Verteidiger von der Brustwehr auf den Wallgaug zurück- 
getreten ist, kann der Hefehl zur Eröffnung des Feuers vom inneren 
Wall aus gegel)en werden, ohne dafs mau ])efürchten inüf^-h', die 
vorwärts stehenden Leute zu gefährden. Schliefslich kann die in den 
Kasernen gebliebene Infanterie den Wallgung mit er Feuer uehmenf 
sowie dieser von den eignen Truppen geräumt ist. 

Es ist klar, dafs nach diesem Projekt die In fanterie- Ver- 
teidigung und das (iewehr-Feuer vom äufseren Walle aus 
sehr viel kräftiger sind, als bei dem jetzt üblichen ge- 
mi.schten Feuer vom Walle aus. Weiter .sind dann aber bei 
der vorgeschlagenen Einriehtuug des HauptAvalles zur rasanten Be- 
streichung des Vorterrains in den aus- und den einspringenden Teilen 
der FVont Geschützbänke zum Feuern über Bank angebracht. 
Dauernd hier Festungs-Geschütze aufzustellen, mufs allerdings als 
uicht augebracht erachtet werden. Man kann dieselben nicht zum 
SeUeftai durcb Scharten yerwenden, denn hierdurch würde dch der 
Gesichtswinkel auf 80*— 45* Terringem, und dadurch der Haupt- 
zweck nicht erreicht werden: nach alJen Richtungen hin sehielsen 
zn können, aus denen der Angreifer auch kommen mi^. Stellte 
' man die Geschütze aber offen auf zum Feuern über Bank, so würde 
man dieselben dem Feinde zeigen, und dieser sie von Front und 
Flanke ans zerstören. Es bleibt also nnr ein Mittel übrig, n&mlich: 
sie erst im Äugenblicke des Gebrauchs aufzufahren; das aber 
kann man nur mit leichten Geschützen. Deshalb sind auch in dem 
vorgeschlagenen System die Geschützbanke nur mit leichten Feld- 
Geschützen armiert, die dem Blick und Feuer des Feindes dadurch 
leicht entzogen werden können, dafe man sie in zwischen je zwei 
Geschützbanke angelegte Vertiefungen hineinschiebt. (Profil 8.) 
Das auf Bank-Bringen ist Gegenstand einer Minute, wobei die Leute 
gegen Sicht von Anisen gedeckt sind. Aber die für diesen Zweck 
bestimmten Feld-Geschütze müssen in leichteren und höheren 



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88 Bin naoer YoraoMaf ftr die G«it«ltaag 

(etwa 4'/»' FeuerhShe habenden) Lafetton liegen. Dementsprechend 
flind die Geschüizbanke einzurichten. Sowohl in den ans- wie auch 
in den einspringenden Teilen kann man 10 Geschütze auf eine 
Geschützbank aufstellen, wol)ei sowohl die Brustwehr d^ äufseren 
Walles, als auch das Vorterrain unter Ki^ uzfeupr j^enoinrntm werden. 
Einen Teil dieser Geschütze kann man svhr gut in der nächsten 
Poterne unterbringen, so dafs man auf dem Wall zwischen deu Ge- 
schützltänken nicht mehr als je3 Geschütze aufzustellen braucht. Pulver 
und Munition sind in gewölbten Räumen in der Nähe der Poternen 
untergebracht und könneii durch Aufzüge nach oben geschafft 
werden. 

Ans diesen Ausführungen ist leicht zu ersehen, dafe in unserem 
System das Vorterrain der Festung von dem äufseren Walle 
aus, sowohl durch Infanterie-Feuer, wie auch durch Kreuz- 
feuer der Artillerie, sehr viel kräftiger und sicherer 
beschossen wird, als in dem jetzt gültigen. 

h) Zum Schutz der hinter dem Festnngs-Wall gelegenen (ie- 
bäude wird diesem heute, für gewöhnlich, eine Höhe von 28 — 35' 
über dem gewachsenen Boden gegeben. Trotz dieses bedeutenden 
Commandements des Walles aber sichert derselbe die rückwärtigen 
Baulichkeiten doch im Allgemeinen nia gegen den direkten Schnfs, 
gegen den indirekten sind nur diejenigen BauHehkeit-en geschützt, 
welche unmittelbar hinter dem Walle liegen und zwar so nahe an 
demselben, dafs Geschosse, die unter einem Einfallwinkel von 9* 
Uber den Kamm der Brustwehr hinweg einschlagen, nicht die 
Gebäude selbst, sondern noch die deckende Erdschüttuug treffen. 

Hieraus geht hervor, dab alle Gebaulichkeiteu, welche vom 
Bnudnrehr-ibmine mebr als 25 Sa^en entfernt sind, gegen den 
indirdcten Schula keineswegs gedeckt sind. 

In dem vorgeschlagenen Proj^ aber sind alle rftdcwBrte des 
Anlsenwalles gelegenen Bantiebkeiten gegen Geschosse mit 9*, ja 
sogar gegen solche mit 15* EinfeUwinkd gedeckt, ungeachtet dessen, 
dab das Commandement des HanptwaUes aber dem gewachsenen 
Boden nicht 28^ sondern nnr 14' betriigt 

Dieser augenscheinliche Torteil wird dadurch erreicht, dab in 
dem Projekt der ganze Banhoriaont« anf welchem die Banlichkeiten 
und die Wallstrabe liegen, anf 14' Terrankt ist und die Baulichkeiten 
selbst m(SgIiehst nahe an den Wall herangerfickt sind; auf diese 
Weise sind dieselben durch einen Erdwall Ton 28' und nicht nnr 
Ton 14' gedeckt 



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einer Feetuogsfront and eiiies deteohierten Fort«. 



39 



Durch eiue derartige Anlage des Auüstiuwalles werdeu folgende 
Vorteile erreicht: 

1) Bei der Höhe von 14' braucht der Wall nur '/s fl*^r 
Quantität Erde, wie derjenige von 28' Höhe, d. h. 15 statt 
45 Cub. Sashen auf jeden laufenden Sachen der Länge des Walles. 
Und da man nun bei der Kosti-nberechnung für Erdarbeiten in 
ßerücksichtiguug ziehen mufs, daCs die Kostspieligkeit des Walles 
nicht nur mit der Meuge der an^hobenen Erde und dieser ent- 
sprechend widiat, sondom dab auch die alliiuhlieh anwachsende 
Höhe lud der damit echwioriger werdende Srdtiansport weeentlieh 
mitsprechen, so stellen sich die Ausgaben fOr einen 28' hohen Wall 
nicht dreimal, sondern fast viermal hoher, als für den Ton mir 
vorgehchlagenen 14' hohen; beide von mir angenommenen Walle, 
der änJsere nnd der innere, kommen bei gleicher H5he beider am 
die H&lfte billiger za stehen als einer des jetzigen Systems. 

2) Durch den Anfsenwall werden nicht nur die hinter ihm 
liegenden Banlichkeiten, sondern auch der Innenwall gegen Sicht 
nnd direktes Fener gedeckt; dieser Umstand ist, wie wir später 
bei der Beschreibung des Innenwalls sehen werden, von herrorrsgender 
Wichtigkeit. Es folgt also ans Gesagtem: Der Anfsenwall deckt 
besser als in dem momentan gebranchlichen System die 
Geschütie, Mannschaften, Wohnungen nnd Kommuni- 
kationen und kostet dabei fast ein Viertel des jetst üblichen 
Festnngswallfls von 24' Höhe. 

c) Sehen wir nun zu, in wie weit dieser Wall eine Festung 
gegen den gewaltsamen Angriff seh&tat 

In frfiherer Zeit gab man den tisoarpenmauem so diesem Zweck 
eine Höhe von 28' (in Pfeuris sogar 820« Angreifer anr Ver- 

wendung von hohen und schweren Stnrmleitem zu iwingen* Jetstt 
ist diese Malsregel überflOisig nnd zwar im Hinblick darauf, dals 
der Angreifer die Mauer nicht nur durch indirekten, sondern auch 
durch direkten Schals serstören kann, die Sturmleitern sind also 
nicht mehr nötig nnd bilden für den Angriff kein erschwerendes 
Moment mehr. 

Dann begann man am Fufse des Walles eine freistehende Maaer 
▼on 14' Höhe uikI 7' Dicke mit Strebepfeilern zu errichten; aber 
anch mit dieser Mafsregel (>rreichte man den Zweck nicht, denn die 
Mauer war, bei einer Breite des Grabens TOn 8 Sashen, nicht gegen 
den indirekten Scbuls gesichert, so daft man den Festungagraben 
schmaler machen muCaie. 

In der Torgeschlagenen Front betragt die Breite des Grabens 



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40 



BSb niMT TondiUig Ar die Geftaltnng 



5 Sashen, die Glaciscrete erhebt sich 12' über den CJordon der 
Kscarpenmaaer, so dafs dieselbe gegen (iescliosse mit einem Ein- 
fallwinkel bis zu 15** gedeckt ist. Deshalb aber liegt auch bei 
dieser Mauer kein Orund vor, dieselbe mit Strel)epfeileru zu versehen, 
noch auch, sie so stark zu machen, und kostet dit^elbe bei 12' 
Höhe und 4' Dicke ein Drittel der bisherigen Mauer. 

So ist dieselbe also sowohl gegen feindlichefi Feuer gedeckt, 
als auch vor einem Sturm der Bresche gesichert. Aber ist dieselbe 
auch gegen Escaladierung geschützt, und wird man sie nicht höher 
als 12' machen müssen, um den Angreifer zur Anwendung von 
schwerem Sturmmaterial zu zwingen? 

Nach unserer Au£fassung liegt der £em der Frage nicht in 
den Sturmleitern; ihre Höhe und Schwere erschwert den Angriff 
nicht wesentlich, wichtig aber ist es, dem Angreifer das Hinab- 
steigen in den Graben dadurch za erschweren, dab man häa» 
breiten Gesehfitcrampen anlegt, d^ Graben unter möglichst starkes 
Fen«r an nehmen nnd die CSaponi&ren g^en feindlidies Fener sn 
sidhein. Zur Ansfbhmng von Ausfiillen ans der Festung werden 
in den Graben meist breite Rampen angelegt, mittels deren man 
anf den gedeckten Weg gelangt. Selbstred«id wird der Angriff 
von diesen Bampen Gebrauch machen, nm bequem in den Graben 
zu kommen. Daher sind in unserem Projekt überhaupt keine 
Rampen Torhanden, so dab der Angreifer in den Graben nich^ 
anders gelangen kann als auf Leitern, die er an die Contreesoarpe 
anlehnt 

Weiter ist zu einer möglichst starken Bestreichung des Grabens 
dieser ein wenig surückgezogen und swar um so viel (7 Sashen), 
dafii man aus der Gaponidre des ausspringenden Winkels die benach- 
barte Gaponi^ nicht sehen kann, dab man aber aus ihr nicht nur 
die benachbarte Hüfte des Grabens, sondern auch noch einen greisen 
Teil der anderen Hallte beschielsen kann, jedoch so, dab die 
Schüsse aus einer Caponidre nicht etwa in der anderen Schaden 
verursachen. Ed aner derartigen Lage ist der Graben fast in 
seiner ganzen Lange unter Feuer genommen nnd swar nicht 
nur von einer, sondern von swei Gaponi^ren; infolge dessen 
werden auch die Aosfallthore durch wirksamstes Kreuzfeuer ver» 
teidigt 

Bei der jetzigen Anlage der Osponidren braucht der Angreifer 
nicht zum Bau von Minen zu schreiten, nm die ersteren und damit 
die Verteidigung des Grabens zu beseitigen, denn: er ist in der 
Lage, nicht nur Breschbatterien zu ihrer ZerstSrung zu erbauen, 



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einer Festungafront und eines detachierten Forts. 



41 



sondern er kann sie auch schon aus cUt EnttV-nunii; treffen, und 
nachdem er sie durch indirekten Schufs zerstört, mch den (irahen- 
niedergang sichern. In dem vorgeschlagenen System aber ist es 
nicht möglich, der Caponiere mit Bresehijutterien lui/nkoninien, 
d. h. die Verteidigung des Grabens bleibt bis zuletzt erhalt>Mi. Und 
damit der Angreifer auch nielit mit Minen zur Zerstörung der 
Ca]>oniere vorzugehen im Stande ist, kann das Glacib vor dem 
Caponierc-Grnben mit (legenminen versehen werden. 

Die Escarpeumaueru werden in dem vorgeschlagenen System 
sovsohl von Aufsen, aus den Caj)oiiieren , als auch von Innen, von 
Ge^i liilt/.lsünken, aus unter Feuer geudmmiMi, die sich liinter der 
Escarpeuuuiuer in den ausspringenden Winkeln des mittleren Teiles 
des aufseren Walles belinden, und die auch die iiufsire H(»schung 
des Walles bestreichen. iKr Walliraiig des Auf*!enwalls aber kimii 
von Innen her aus den kascmattierten Kasernen unter Gewehrteuer 
gehalten werden. 

Damit schliefslich der Angreifer, sobald er den vorspringenden 
Teil des Aufsenwalles in Besitz genommen, sich nicht gleich auf dem 
ganzeu Wall ausbreiten kann, ist dieser vorspringende Teil des 
letzteren von dem einspringenden durch 3 Sashen breite Kommuni- 
kationen abgetrennt; diese werden der Länge nach von 2 Geschützen 
bestrichen, die in Kasematten anter der Brustwehr des Innenwalles 
angestellt rind. (Profil 2.) * 

Hieraas geht bervor, dafs der Aafsenwall gegen einen 
gewaltsamen Angriff v511ig gesichert ist. 

B. Der innere Wall. 

25 Sashen hinter dem Anlsenwall ist ein sweiter, innerer 
Wall erbaut, der hanptrachlich zum Geschfltakampf aof weite 
Entfemongen bestimmt and dnrcb den Aolsenwall gegen Sicht und 
BeschieCsang von AnCsen gedeckt ist Diese Deckung des Wallea 
ist von hervorragender Bedentang. Aas angestellten Yersucben hat 
sich ergaben, daCs, wenn zum Demontieren eines anf dem Wall 
anfgestellten und durch die Geschfitz^Scharten ans der Entfernnng 
her leicht erkennbaren GeschAtzes bis zu 10 Schnls erforderlich 
sind, man zum Demontieren eines Gkschfitzes, das durch eine Brast- 
wehr ohne Scharten gedeckt ist, bis zu 20 Schuls braucht, und 
wenn das Geschütz auf dem gedeckten Wege steht .und das Glads 
mit der Brustwehr fdr den Anblick aus der Entfernung her zu- 
sammenflie&t« sogar 40 Schuls nSVtig werden. Stand schlielslich das 
Geschütz in einiger Entfernnng hinter dem Aufsenwall und war die 
dasfdbe deckende Erdbmstwehr der Sicht von Feme her entzogen, 



42 



Ein neirar VonoUag für die Gesteltang 



so waren I)is zu 70 Schufs erforderlich, d. h. S'/j Mal so viel, als 
in dem Falle, wenn die deckende Brustwehr von Auüseu her sicht- 
bar war und das Geschütz über Bank feuerte. 

Die.scs i.vi auch der Grund, weshalb in unserem Vorschlag der 
innere Wall durch den äufseren den Blickeu des Angreifers entzogen 
ist, beide also die gleiche Höhe von 14' hal>en. In einer ebenen 
(Jegend kann der Angreifer diesen Wall nicht sehen, wogegen der 
Verteidiger, wenn er sieh auch nur 1' über die Fenerlinie erhebt, 
die ganze rnigegend iil)ersielit, die weiter als 350 Sashen vom 
inneren Wall entfernt ist; erhebt er sich 2', so erweitert sich sein 
Gesichtskreis um weitere 175 Sashen nach der Festang zu, d. h. 
der Artillerist kann das Einschlagen seiner Geschosse genau be- 
obachten, während der Feind, wenn er weiter als 350 Sashen von 
der Festung entfernt ist, die Bedienungsmami8ch»ft kaum lehen 
kann. Ein sweiter Vorteil der AufSstelluug des OesehfitEes hinter 
der Bmrtwdir des Innen- Walb liegt darin, dafe dierar Wall nicht 
mehr dem am meisten su fürehtenden direkten Schüfe ansgesetat 
ist, da die aofeere Krete der inneren Bnutwehr um 3' niedriger 
ist, ab die Fenerlinie der Sufeeren Brustwehr; indirekte SchSsse 
aber sind bei Weitem nicht so sicher und schädlich als direkte. 
Der Verteidiger ist aber in der Lage, schon auf Entfernungen von 
100 Sashen sich des direkten Schusses sn bedienen, wenn dem 
Gesehats, wie die Schnistafel zeigt, ein Erhöhungswinkel von Vi* 
gegeben wird. 

Jedes Geschüts auf diesem Wall ist durch Traversen von beiden 
Seiten gedeckt. In diesen befinden sich Gesehoferftnme und Pulver- 
kammer fOr je 4 Geschfltse und UnterkunftsrSume fOr die Be- 
dienungsmannschaften von je 2 Geschütsen. Alle diese Kasematten 
sind von gleicher Konstruktion, mit dem Unterschiede nur, dafe in 
denjenigen fBr Pulver- und Munition Vorhauser mit Vertikalr 
Aufzogen fttr Geschosse und Ladungen hergerichtet sind. Am Ende 
jeder Kasematte befindet sich ein Ventilationsrohr von 8' Durch- 
messer. Durch solche Bohre ist es möglich, die Kasematten nicht 
nur sn ventilieren, sondern auch zu erleuchten und ist solches in 
der Festung Kertsch geschehen, wo auf diese Weise unterirdiBche 
Kasematten auf eine LSnge von 15 Sashen erleuchtet sind. 

Noch vorteilhafter ist es, an Stelle der eben beschriebenen 
Unterkunftsraume kasemattierte B&nme längs der ganzen Brustwehr, 
mit Ausgangen in den Traversen, anzulegen, und für die Verbimnchs- 
Pulvermagasine in einigen Traversen besondere Kasematten zn 



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dnar Feitiiiig*fraiit uncl «iimb d^taehiertai F«vtB. 



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erbauen. (S. die Zeich nun«; des detachierten Forts uud die 
dazu gehörigen Profile 6 u. 7.) 

Weiter ist es angezeigt, die Festungsgeschütze auf runde, be- 
tonnierte Geschützbettungen aufzustellen, welche fast 3 Mal so 
billig und dauerhafter sind, als die in Russland üblichen steinornpii; 
eine in Kortsch für die Küsten -Vcrtfidigun^ gebaute betonnierte 
(ieschfitzbi'ttunf^^ liit-lt nahe an 5U Schufs aus einem 1 1 zölligen 
Geschütz mit einer auf 120 Pfd. verstärkten Ladung vor/üijjlich aus, 
wogegen die steinernen noch nicht 10 anshielten. Eiue andere runde 
Beton-Bettung zeigte sich nicht weniger dauerhaft. Wenngleich 
dieselben anch 2 Mal so t«uer sind, als hölzerne, so verfaulen sie 
doch dafür auch niciit und bedürfen nicht so hüiitiger Erneuerung, 
wodurch sie eben auf die Dauer billiger werden, dazu kommt — 
und das ist das Wichtigste — dafs dieselben es erlauben, das 
Geschütz nach allen Seiten hin zu richten. 

Als Itei der Belagt-rung von Beifort die Preufseu, unbemerkt 
von der Festung, Batterien erbaut hatten und unerwartet ihr Feuer 
aus 28 Geschützen eröffneten, mufsten die Franzosen ihre Gescliütz- 
Ijettiingen unter dem heftigsten Feuer des Belagerers umlegen, was 
natürlich nicht erforderlich gewesen wäre, wenn ihre Geschütze auf 
runden Bettungen gestanden hätten. Dann hätte man die Geschütze 
eintiu Ii nach der gewünscliten luthtung hin richten und das Feuer 
3 — 4 Mal so stark erwidern können, denn bei runden Bettungen 
kann man nicht nur die Geschütze der angegriüeuen und der 
benachbarten Front auf einen und denselben Punkt richten, sondern 
auch einen grofsen Teil der übrigen, bei den heutigen Geschütz- 
bettungen an der Yerteidigung nicht Teil nehmenden Festungs- 
GeMhfltn. 

Dieser Unutand moCB dem Angreifer sebr unangenehm werden, 
denn er iwingi ihn dasa, vor der Festung eine grode Menge Ge- 
schfitBe an ▼erwenden, wenn er mit Erfolg gegen fost die gesamte 
Feetnngs- Artillerie ankimpfen will, die ihrerseits im Stande ist, 
das Feoer eines grolsen Teils ihrer Gesehfitse auf denjenigen Pnnkt 
zu richten, auf welchem der Gegner gerade eisdiduii. 

Mm kann einwenden, dieses Alles sei nur möglich, so lange 
der Angreifer weiter von der Festung entfernt steht, dals aber, wenn 
seine Sappen-Arbeiten näher als auf 100 Sashen herangekommen 
sind, anch nicht ein Geschfitx mehr gegen dieselben auftreten kann, 
denn der aulaere Wall hindere das Schiefsen Tom inneren Wall aus 
ttof Punkte, die näher als 100 Sashen von der Feuerlinie des 
AnfrenwaUfls liegen. 



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Ein neuer Vorschlag Ar die Qestoltong 



rill (lif.s»'!! to(U«^n Winkel zu I »Ostreichen, bh'iltt nur ülirig dt-ii 

3 Sasheu breiten Wallgaug des Aufsenwalles mit (Je.schützeu zu 
besetzen. Der Feind wird diese Aufstellung kaum hindern, da 
bisher vom Anfseuwall noch kein Geschütz-Feuer abgegeben 
worden i.st, und mau diese ArlxMt auch nnbeinerkt vom Angreifer 
vornehmen kann. Sowie die (iesehiit/.e aiif'ge>tellt sind, werden die 
Scharten eingeschuitteu und uumittclbar darauf erfolgt alsdann die 
Feuer-Eröffnung. 

So bringt also in dem vorgeschhigrnen System die Vertei- 
digung eine betleiitrnd gröf.sere Zahl von Festungs- 
Gescliiitzen in den Kampf als bei den bisherigen Festungs- 
Manieren, wobei noch dazu diese Geschütze gegeu Sicht 
und Feuer besser gedeckt sind. 

Aulserdem aber ist das nächste Vorterrain, wie leicht ersicht- 
lich, anier ein 2 etagiges Feuer genommen: indirekt mit schwacher 
Ladung aus den QeachQtsen vom inneren Wall nnd direkt vom 
Adaenwall her. 

SoUte der Feind achliefalich in die Festung eindringen, 
■o kann man alle Geschütze des Wallgauges des inneren 
Walles gegen ihn richten. 

2. Die zur Verteidigung eingariolitetoii kasemittiarlmi KMemen-Baiiton. 

In der Vertiefung zwischen den beiden Wällen befinden sich 
kaeemattierte Bauten, die sowohl zur Abgabe von Mdrserfeuer als 
auch von Gewehrfener gegen den Wallgang des äulseren Walles 
eingerichtet sind. (Profil 1 nnd 2 der Festuugsfront und 7 
des detachierten Forts.) Die kasemattierten Bäume werden 
bisher gewöhnlich entweder unter dem Wallgang errichtet oder auf 
dem gewachsenen Boden und dann durch eine Erdummantelung 
nach AnlSsen hin geschützt. 

Im letzteren F^lle ist es nötig, nm die Bauten gegen Sicht des 
Feindes zu decken, den Wall um 4 Sashen Ühejr dm Horizcmt zu 
heben, im ersteren dagegen mit dem Fuls der Bauten 5 Sashen 
unter die Feuerlinie des Walles zu gehen. Ein 4 Sashen hoher Wall 
kostet, wie wir wissen,- viermal so viel als ein 2 Sashen hoher, so 
dals schon 2 Wälle von je 2 Sashen Hohe um die Hälfte billiger 
sind als eiuer von 4 Sashen; es würde also das Aufführen de» 

4 S;ishen holn n Walles bedeutende Kosten verursachen. Durch die 
Tieflegang d^r Kaserne auf 5 Sashen unter die Feuerlinie würden 
diese aber ntx Ii bedeutender werden, und dazu kommt, dafs in einem 
Molchen Erdklotz aufgeführte Bauten weder hinreichend trocken 



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einer Feetnigtfhnit md einet detachierteo Ports. 



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noch genügend Hell sein könnra. Gewöhnlich wird nur Venninderttiig 
der Feuchtigkeit auf der Seite des Erdanfworfs eine 1 Sttshen breite 
Qallerie hergestellt. Aber durch die Anlage derselbeoi oder, richtiger 
gesagt, dieses Korridors erhohen sich die Kosten für die Kaserne 
nin 20- 25^/0, ohne dahei die Kosten fÄr das Ausheben der Erde 
für dienen Korridor mit za ▼eranschlagen, so dafs im Ganzen eine 
solche Kaserne am SOVo tearar zn stehen kommt, als die vorge- 
schlagene, gans abgesehen davon, dafo man derartige Bauten nicht 
xnr Verteidigung einrichten kann. 

Die Bauten, wie wir sie vorschlagen, sind erstens viel heller 
als die zur Zeit ablieben, da dieselben bei gleicher Lange der Kaserne 
nicht nnr von einer, sondern von zwei Seiten beleuchtet werden. 
Zweitens sind sie viel trockner, als die jetzt iiblicbea mit einem 
Erdmautel umgebenen, sind besser ventiliert als diese und am 
SO'/o billiger. Man kann sie unschwer .sowohl zur Verteidigang 
des vorliegenden Wallganges mittels Gewehrfeuer, als auch zum 
Morserfeuer nach 2 Seiten hin mit einem Gesichtswinkel von 180°, 
gegen jetyi 00**. eiiirichten, so dafs hier die Hälfte und nicht nur 
ein Viertel aller kaseuiattierteu Geschütze auf oinoii heliebiVen Punkt 
der Festung und ihres Vorterrains gerichtet ^ve^llen kann. Kurz 
bei einer solchen Einrichtuns? der Kasematten ist das Mörserf euer 
doppelt so stark, als bei den jetzigen Einrichtungen. Alle diese 
Bauten können zur Unterkunft für Offiziere und Mannschaften 
benutzt werden. Jeder solcher Bau eignet sich: 1) zur Unterbringung 
eines Stabs-Offiziers, 4 Zimmer, 1 Gesindestube, 1 Küche; oder 
2) zur Unterbringung von 4 Oher-Offlziercn in 4 Zimmeni mit 
2 Küchen ; oder 3) zur Anlage von 8 Soldatenküchen mit je 
1 Vorratskammer; oder 4) zur Unterbringung einer halben Compagnie 
auf Friedeusstand; oder 5) zur Anlage einer Batterie von 3 Mörsern; 
oder 6) zur Aufbewahrung von Vorräten und Materialien; oder 
scbliefslich 7) zur Gewehrverteidigung des vorliegenden Wallganges. 

Diese Baulichkeiten sind vor indirektem Schufs bis zu 15° Ein- 
fallwinkel gesichert. (Profil 1.) Aufser diesen WolniriiuuK'n kann 
nuiii auch die nach der Caponiere führende Poterue zur Unterkunft 
für Mannschaften einrichten. I^^s ist zweckmäfsig hier die Redienungs- 
Mannschaften der Feld-Geschütze, mit denen die Gescliützbiinke in 
den ausspringendeu Winkeln der Festungsfront ausgerüstet sind, 
anterznbringen. Diese Poterne hat 12' Breite und ist nicht bis 
dicht an die Oaponidre beningefiihrt, wodurch man in der Lage ist, 
in derselben anf beiden Seiten Fenster aninbringen. (Profil 3.) 
Bei 13 Soshen Länge lä&t sie mcb besser «rlencbten als die zeitige 



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Eid MMr T«ndilag lllr die CMritmg 



Poterne von 7 Sashen Lange, denn ihre Mitte erliüt Ton 2 Seiten 
Licht und dieses noch dazu aas geringerer Entfernung. Die Poterne 
ist gut ventiliert und eignet sich in Friedenszeiten nicht nur zn 
Wohnräumen, sondern auch als Vorrats- oder als Reserve-Pulver- 
AI a^raziu, wo bei letzterer Verwendung von beiden Seiten Vorhäuser 
augelegt werden müfsteii. 

Gewöhnlich zeichnen sich die kasemattierten Pulver-Maga/.ine 
infolge innn gelhafter Ventilation durch Feuchtigkeit aus; die beste 
Ventilation ist ein starker Zugwind; dieser gleicht die Temperatur 
im Magazin mit der Aufsentemperatur aus, so dafs die Luft gar 
nicht dazu kommt, im Magazin abzukühlen, vielmehr eingedrungen 
auch schnell wieder abtliefst, nuf diese Art wird Feuchtigkeit sich 
im Mngazin nicht ansamuielii können. 

Betnuhten wir nun die Unterbringung der Garnison in der 
Festung, indem wir, an Stelle der ganzen Umwalluug, eine Front 
von 200 Sashen in Betracht ziehen. (Die Länge einer Front des 
vorgeschlagenen Systems beläuft sich, je nach dem Terrain, auf 
100—400 Sashen.) 

Hinter einer solclieu Front kann man vier Kasernen zu je 
7 Kasematten erbauen, oder, wie die Zeichnung zeigt, zwei Kasernen 
zu je 7 und vier zu je '-^ Kasematten. In den Kasernen a und b 
sind zwei Compagnien Infanterie, jede in einer. unterznl»ringen, in 
den llalbkaseruen c und d a)'er eine Artillerie-Compagnie. Eine 
Küche für sie kann in dem Gebäude e hergerichtet werden, wo- 
gegen die Offiziere dieser 3 Compagnien in dem Gebäude f je 1 Ka- 
sematte erhalten. 

Nimmt man an, dafs bei einer Länge der Front des Auisenwalls 
▼on 200 Sashen die Linie des Gewehrfeuers 150 Sashen lang wird, 
ond rechnet man aof die Sashe 3 Mann, so ergiebt dies, als snr 
Verteidigung der Front erforderlich, 450 Mum oder 2 Infanterie* 
Compagnien auf Kriegsfufs. Die Reeerre kann im Bedvit untor- 
gebracht werden. Nehmen wir weiter die Zahl der Artillerie um 
die Hüfte kleiner an als die der Infanterie, also 1 Compagnie, 
so smd das im Ganxea 3 Compaguien, die, wie wir zeigten, mit 
Leichtigkeit in den Kasernen lange dieser Front untergebracht 
werden k9nnen. 

Und so gelangen wir zn folgendem Resultat: 

Die kasemattierten Bauten des Ton uns Torgeschlagenen 
Systems entsprechen besser als die bisherigen, sowohl den 
Forderungen der Verteidigung, als auch den an die 



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tbuK JotlUHgiifioHt und dnes d6lMlti0rteo Porto. 



47 



Billigkeit nnd in hygieniBcher Besiehting zu stellen, den 
Ansprüchen — Custtnde von nidit so nntezech&teNider Wichtigkeit. 

3. Das Reduit und die Kommunikationen. 

Zar Sicherung der Ausnille der Besatsnng, aovne des Bfickzuges 
derselben, enthält dio freistehende Escarpenmaner ein Thor, das 
gegen Fener von Aufsen durch ein halbmndes kasemattiertes Bau- 
werk gedeckt ist. (Profil 2.) 

Die Ausgänge aas der Festung haben für gewöhnlich entweder 
eine horizontale Lage oder sie sind nach der Grabensohle zu geneigt, 
so dafs der unlscre Ausgang sich in der Höhe dieser befindet, der 
innere aber auf dem Hofe liegt. 

Im ersteren Falle befindet sich, um die Verbindung mit dem 
Ravelin oder einem anderen, zur Deckung d»'s Thores dieneuden 
Werke zu vermitteln, vor dem Thore eine Brücke. Wie niaii sich 
aber auch bemühen möge, durcli solche Baulichkeiten Thor und 
Brücke zu i^cluitzeu, dieselben können, wenn sie selb.st deui Blicke 
des Feindes zu entziehen sind, durch indirektes Feuer schon aus der 
Ferne getroffen und zerstört werden, so dafs die Festung sehr bald 
der Veiljindung unt dem Vorterrain beraubt uiid zu gleicher Zeit 
geötfnt.'t sein kann. Und dazu zählt diese Brücke oder vielmehr 
diese Brücken: denn mindestens zwei werden erbaut, eine über den 
Hauptgraben, die zweite über den Ravelingraben — zu den kost- 
spielitrsten Bauten und verlangen auch in Friedenszeit häufige 
Uml)autea und jährliche Reparaturen. Legt man aber das Thor 
mit einer Neigung nach Aufsen derart an, dafs der Au.sgang sich 
in gleicher Höhe mit der (jrabensohle befindet, so ist dasfelbe zwar 
sowohl gegen direktes wie gegen indirektes Feuer gut gedeckt, aber 
hierbei tritt wieder der Ubelstand ein, dafs man zur Kommunikation 
mit dem gedeckten Wege flache und breite Rampen anlegen 
mufs, mit anderen Worten — man scliatVt für den Angreifer den 
l)e4uenisten Niedergang in den Graben, thut also gerade das, was 
man mit den hohen Contre-Rscarpenmauern zu vermeiden wünschte. 
Es liegt auf der Hiind, dafs, wenn der Angreifer das Gaponieren- 
nnd das Flanken- Feuer der Front beseitigt hat, er nun nicht mehr 
genötigt ist, die so sehr gefahrliche und schwere Arbeit des Graben- 
niedergangs zn unternehmen. Den Sturmkolonnra ist es viel bequemer 
auf den fertigen, breiten Rampen in den Graben zn gelangen, die 
ja natQrlieh unTergleichlich yiel besser sind, als alle ron ihnen selbst 
unter dem Fener der Festung geschaffenen Kiedergänge. In diesem 
Umstand liegt aber auch gleichzeitig der gr5lsfee Nachteil der breiten, 



48 



Eid nsner 7otBe1ilas ftr die Geataltang 



die KoniriiuuikatioQ nach dem gedeckten Weg vermitteludeD , be- 
qaeuicn Rampen. 

Eine gute Kommunikation der Fostunj^ mit doni gedeckten 
Wege ist eine der wichtigsten liedingnngen ffir eine gute Vertei- 
digung. Es ist von aufserordentliclier Bedeutung, dafs bei einem 
Rückzüge alle Bewegungen und aller Verkehr in Ordnung und 
Ruhe ausgeführt werden, d. Ii. in der vollsten Überzeugung, dafs 
der Feind nicht, uns unmittelbar auf dem Fafse foigeud, in 
die Festung mit eindringen kann. 

Zu diesem Zweck schlagen wir eine besondere Einrichtung der 
Ausfallthore für die Kommunikation der Festung mit dem WafFen- 
platz des gedeckten Weges vor und zwar derart, dafs in der Contre- 
eacarpeu-Mauer, unter dem WaiFeuplatz, in der Richtung des Aus- 
fallthorcs der ?]scarpe ein zweites Ausfallthor (Poteme) angelegt 
wird, die nach Aufsen ansteigt. Vor dem äufseren Ausgange 
desfelben erhebt sich in der gleichen Steigung der Weg aus der 
Festung nach dem Waffenplatze in .spiralförmiger Richtung. 

Die Breite dieses Weges inufs so grofs sein, dafs 3 Wagen 
beipiem aneinander vorbeifahren können, was weniger für die 
Verhältnisse des Friedensverkehrs als defshalb erforderlich ist, damit 
man die Truppen schnell in Massen auf die Wafifenplätze gelangen 
lassen kann, wenn mch solchefl bei der Verteidigung als nötig 
erweist. Längs des Iialb runden Weges ist ein eben solches Redait 
mit SebiafHcliarten augelegt, zur Bestreichung des Waflfonplatzes 
nnd des Weges seihst mit heftigem Kreuzfeuer nnd des nächst- 
Hegeudoi Tlionnisganges dnreh swei etagiges Feuer. In den Flfigel- 
schiebschartm kdnnen Kartatsch-Qesehfltie sar Längsbestreichnng 
der Thorpassage Anfstellnng finden. 

Damit der Angreifer zum Grabenniedergang nicht etwa das 
nnter dem Waffenphts gelegene Thor (Poteme) benntien kann, ist 
dasTelbe der I^nge nach nntor Feuer von GeschlltBen genommen, 
die in einer Kasematte unter der Brustwehr des inneren Walles 
stehen. So ist es klar, dab bei Auswahl aller für den Graben- 
niedergang geeigneten Punkte derjenige gegenüber dem inneren 
Festungsthor der gefährlichste nnd wen^ geeignete ut, und «war 
um so mehr, als derselbe auch dann noch beschossen werden kann, 
wenn es dem Feinde gelungen ist, das Feuer ans der Gaponike sum 
Schweigeii zu bringen; fßr die Verteidiger aber kann man den 
Übergang über den Graben durch Erdmasken (Grabenkoffer) decken. 

Hieraus ersieht man, dals die Konununikation der Festung mit 
dem Waffenphitz im gedeckten die sicherste nnd gefahr- 



t 

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cnwr FartuDgifront and aiaei detadiiarlen Foffta; 49 

loseste ist. Der Angriff kann sein Feaer weder gegen das innere 
Thor richten, noch g^gen den Ausgang aus dem zweiten, von wo 
dn Seitengug zn der unteren Etage dee Redoits und Ton dort 

eine Treppe in die obere Etage führt. 

Das halbkreisförmige kaeemattierte Rednit ist 12^ breit nnd 
hoch; die Schiefsscharten, in Art von Fenstern nnd mit eisernen 
Gittern verschen, gestatten das Eindringen von genügend viel Licht, 
80 dafn das Rednit zur Unterkunft von Truppen, zum Aufenthalt 
für Arrestanten, zu AVerkstätteu u. s. w. dienen kann. 

So gelangen wir zu dem Schlnfs: 

Die vorgeschlagene Art von Kommunikationen erleichtert die 
Ausführung von Ausfällen ungemein (aktive Moment), sichert 
ferner den Rückzug der verfolgten liarnison (passive Moment) 
und ist dazu nicht teurer, wenn man annimmt, dafs das R^duit 
im Frieden zur Unterbringung von Truppen und Vorräten geeignet 
ist, und dais man nicht gezwangen ist, teure Brucken zu bauen. 

4. Der gedeckte Weg. 

Der gedeckte Weg dient gewöhnlich zur bequemeren Aus- 
fühning der Ausfalle, wobei sicli die Truppen in den aus- um] den 
einspringenden \\ aßen platzen sammeln und bei ihrem lüukzug 
durch Schützenfeuer aus dem goileckten Weg unterstützt werden. 
Immerhin ist aber die Anwendung von Kartätschfeuer vom Walle 
aus, wegen der Furcht die eignen Leute zu treffen, nicht anwendbar. 

Deshalb ist in dem Vorschlage der gedeckte Weg vor dem 
Graben nicht zur Verteidigung des Vorterrains eiugeiicntet, 
da diese erfolgreicher, gefahrloser und ruhiger- von dem äufseren 
Wall ausgeführt werden kann; er dient vielmelir nur zum Zweck 
der Ausfälle. Hierdurch ist der Verteidigung auch die Möglichkeit 
g^eben, plötzlich nnd wo es ihr gerade gefällt, aufzutreten, da sie 
nicht, wie bisher, durch die Notwendigkeit eingeengt ist, die 
Trappen nur in den Wa£fenplätzen vor dem Ansfidlthove sn 
TttSMimioln, 

In dem TorHegendea Pkm hefindat sich der gedeckte Weg 
TorwirliB vom GlBois und swar 150 Ssshen vom Sulseren Walle 
entfernt, nnd können deshalb AnsfSIle nnbemerkt rom Feinde sehr 
nahe an die Bdagenmgaarheiten herangehugen. Die akÜTe Ver- 
'teidigung der Festung wächst also hierdurch nm ein Be- 
deutendes gegen die jetzige. 

In den anespringenden Winkeln des gedeckten Weges sind Ge- 
eehdtBhftnke snr Anfetellnng von leichtem Feldgeschfits hergerichtet; 

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50 



Efai neuer Voiwhlag Ar die Ckiteltrag «inar Fflstongsfront eto. 



die innere Boschunf» des gedeckten Weges bat, zur Erleichterung 
der Ausfalle, eine nur flache Anlage. Die Krete des vorderen 
Glacis lie^t 10' über dem gedeckten Weg und C über «1»'ni 
wachseneu Boden, so data auf diese Art die Bewegungen der Truppen 
des Verteidigers gegen Sicht und Feuer des Angreifers gedeckt sind. 
Bei der Höhe von G' der Krete des vorderen (ilacis ist der vor- 
geschlagene gedeckte Weg verhältnismäfsig nicht teuer. (S, Profil 
des vorderen gedeckten Weges; den Gruudrils beizufügen, er- 
lanbta die GröDse des Maüsstabes nicht.) 

IL Das detachierte Fort. 

Das Fort ist nach den gleichen Grundsätzen gebaut, wie wir 
sie bei der Festuugsfront kennen gelernt haben. 
Es besteht: 

1) aus den gleichen Erdwällen: einem äuCseren, zur direkten 
Verteidigung durch rasantes Infanterie-Feuer und zur Geschütz- 
Verteidigung aus leichtem Feld-Geschütz, und einem inneren Wall 
zur Feuer-Verteidigung aus Fe.stungs-Geschützen. Die Geschützbänke 
in den ausspringenden Winkeln dieses Walles sind auch mit leichtem 
Feld-Geschütz ausgerüstet, der ganze Wall aber bildet, so zu sageu, 
das Retrauchonient des detachierten Forts; 

2) aus eben solchen kasemattierteu Baumen und Kasernen für 
die Mannschaften der Infanterie- und Artillerie -Verteidigung. Es 
ist also überflüssig, hier weiter auf eine Beschreibung einzugehen, 
es wiederholt sich eben Alles, was wir schon gesehen haben. 

Durch eine Einrichtung der detaelüertni Befestigungen, wie 
soldie Ton nns TOigeBchlagen woirden, Immd rieh folgende VorftMle 
enmoben* 

1) In Beraekriditigung, dab Faoen und Fbnknn des Sateen 
Walles durch Infonteiie, der innere KeUwall aber dordh FeetangS' 
Artillerie beeetzt sind, wird sowohl die IniSuiterie-Verteidigang vom 
änlseren Wall ans, als auch dss ArtiUerie-Fener vom Kehlwall ans 
besser nnd st&rker, als bei den benrsefaenden Systemen, wo auf 
ein nnd demselben nnd noch dasn fast swei Mal kOneren Wall, 
als der nnsrige, Artillerie nnd Infanterie anfgestellt sind. Dam 
kommt, dab die FestangshOeschfitae eine besMre Deeknng gegen 
Sicht nnd Fener haben; die Zeichnnng seigt, dab dieselben entweder 
aber die niehsten Flanken oder auch Aber die Fiacen des Anben- 
walles geriehtet werden ktonen. 

2) Die Terteidignngsffthigen kasemattierten GebSnliehkeiten 
«wischen den beiden WftUen gestatten alle Kasematten mit Mörsern 



Di0 AnÜRdsrai^gfliB ss imtn Bjmwmii* 



51 



auszurüsten; im Ganzen können 28 Mörser aufgestellt werdfMi, was 
in dem jetzigen Sy stem nicht möglich ist, wo die offen aufgestellten 
Mörser leicht durch iudiiektes Feoer des Angieifen lentört wer* 
den können. 

Das Möner-Fener bleibt also, wenn selbst auf den Facen des 
inneren Walles der Geschütokampf hätte eingestellt werden müssen, 
wahrend der Dauer der gamen Verteidigung erhalten. 

3) Durch die Unterbringung der Infanterie in den kasemattierten 
Kasernen und der Artillerie unter der Brustwehr des inneren Kehl- 
walls kann sowohl jene, als auch diese fast augenblicklich anf ihren 
Posten sein; und 

4) beide Erdwälle, 14' hoch, kommen billiger zu stellen, als 
einer nach jetzt gültigem Profil, wie solches schon früher erörtert 
worden. TThordies sind die vorgeschlagenen kasemattierten Bau- 
lichkeiten billiger und für die Unterkunft der Truppen besser, als 
die Kasematten unter dem Wallgange. 



IV. 

Die Anforderungen an unsere Kasernen. 

In jetziger Zeit, wo durch das Zusammenwirken der mannig- 
fachsten Verhältnisse die Kasernierungsfrage in den Vordergrund 
getreten ist mul rmt Jeu stets sich wiederholenden Vorlagen der 
Regierung au den Reichstag das Interease der gesamten Nation in 
Anspruch genommen hat, ist es von doppelter Bedeutung, daCs in 
engeren, wie weiteren Kreisen richtige Anschauungen Platz greifen 
über das, was zum Wohle unserer Leute in dieser Benehung ge- 
fordert werden mn(s. 

Es darf die Sorgfalt des Vorgesetaften noh nidit auf die Ana- 
bildong des Mannes in den ebaelnen Zwdgen mosB «penfiseh 
mililitwchen BernÜi heiefaxiaken, — neben dieaer und damit fllr 
dkae mnfa er anf das lefbliehe nnd geistige WoU seiner Vnier- 
gebeoen anch in denjenigen vielen Stonden bedacht sein, welche 
der Dienst denselben noch Übrig liUet. Nicht ent seit gestern nnd 
ehegflileni haben diese Gmnds&tee Anerkennnng bei nna gefanden; 

4* 



Digiii^icu by ^<jy >\^L'^ 



52 



Die Aniordenuigeii an iomm Kasernen. 



wir sind Alle von friili auf gewöhnt, in dem Soldaten nicht nur 
ein uns lediglich zum Zweck militärischer Ausbilihini^ iibergebenes 
Individuum zu sehen, das in seinem sonstigen Leben uns gleichgültig 
sein kann — sondern wir haben gelernt, ihn als ein Glied einer 
grofsen Familie zu betrachten, die alle, die des Königs Rock tragen, 
also auch imser eigenes Ich uuifafst, und in der wir durch die Gunst 
des (ieschickes die höheren und dadurch die wirkungsreichereii 
Stellen einnehmen dürfen. Am regsten wird dieses Bewalstsein in 
den Kasernen Fiich geltend machen, wo, wie eben in einer Familie, 
schon das Band einer gemeinsamen Häuslichkeit auch das Gefohl 
der Zosammengehörigkeit befestigt und dnrch den beständigen 
WeehaelTerkdir zwischen allen FamUien^iedern — Muinsebafteii 
nnd Offisieron — gleichsam von selbst ein gewisses innigwes Yer- 
hiltnls der Enteren so den Letsieren «ich Ulden wird. 

Gewils ist jeder unserer Kameraden von der swiefachen Wichtig- 
keit seiner SteUnng zu den Leuten durchdrungen. Und dennoch 
zeigen die statistischen Nachweise gerade bei den kasernierten 
Trnp[^nteilen im Allgemeinen einoi schlechteren Gesundheitssustand, 
als bei denen, welche in Bflrgep-Qnartieren untergebracht sind. 
Gewichtige Grflnde müssen es sein, welche diesen WidenqHrnch an 
erzeugen vermögen. 

In zweierlei glauben wir dieselben finden zu missen: «nmal 
entsprechen fsst ausnahmslos unsere Ifltmren Kasernen den von 
Seiten einer rationellen (ksundhdtBpflege zu stellenden Anforde- 
rungen keineswegs, nnd dann herrscht besonders in den Kreisen 
der jüngeren Offiziere, welche ja vorzugsweise in direkte Beziehung 
zu der Mannschaft zu treten hiiben, trotz ihres guten WiUens, für 
die von der Hygiene gegenwirtig aufgestellten, auf wissenschaftlicher 
Erforschung beruhenden Forderungen ein richtiges Verständnis 
immer noch nicht genügend vor. Allerdings können sie in ihrem 
Wirkungskreise die Kasernen, wie sie einmal sind, nur als etwas 
Gegebenes, ünabftnderliches betrachten — doch Uegt es sehr wohl 
in der Hand der Offiziere,' durch angemessrae Anordnungen und 
beständige strenge Überwachnng die in den Mängeln des Baues 
liegenden Nachteile für die Gesundheit wenigstens abznschwäcben. 
Hier aber zeigt sich die Macht der Gewohnlieit ; denn wie unsere 
obere Heeres- Verwaltmig, der doch Niemand eine Yemachlässiguug 
dieses so wichtigen Zweiges wird vorwerfen wollen, auch in ibm 
der üufsersten Sparsamkeit glaubt Rediuung tragen zu müssen, so 
hal>en auf der anderen Seite die einmal bestehenden Verhaltnisse 
sich derartig eingebürgert und hat man an die Schattenseiten 



sie AnMftnuigen mi nueie XflMfMib 53 

donelben deh so sehr gewöhnt, dafii sie, obwohl wir täglich tod 
Neuem nnter ihnen m leiden haben, ab die nicht ro nmgehenden 
Folgen einmal angenommener Prinzipien mit in den Kauf gononunen 
winden, ohne der Frage nSher zu treten, ob nnd wie wir dnreh 
nna seihet eine Abhfllfe eireichen können. 

Dann aber glauben wir, dab ungeachtet allen Strebens auch 
gegenwirtig noch unter den Kameraden eine nicht ganz über- ^ 
wnndene Abneigung gegen Manches sich kund giebt, was die 
»Theorie«, speziell also die Theorie der Gesundheitslehre behauptet. 

Was der Arzt verlangt, ist nicht seltoi schon von vornherein 
Temrtoilt; und doch, wo man anbefangen prüft, wird man bald 
erkennen, daCs seine Forderungen dnrclmus nicht so unerhörte und 
mit dem Dienst unvweinbare sind. Was an Erfahrung aus dem 
praktischen Dienst gewonnen wird, das wird beachtet und be- 
folgt; was an praktischen Regeln das eigene Leben bietet, wird 
zweckmäßig verwertet; was aber auf andere Weise ans Vortragen*) 
und Bfichem bekannt wird, weiche gelegentlich über diesen Stoff 
einmal gehört, gelesen werden mfissen, das wird als theoretische 
Gelehrsamkeit wenn nicht gleich wieder vergessen, so doch des 
Schleunigsten in die Rumpelkammer des Gedächtnisses verwiesen, 
von wo es dann bis zum Vergessenwerden nicht weit ist. 

Zuvörderst ist die Erkenntnis notwcndi«^, dafs unter Umständen 
der Arzt nicht nur mit WiuiHclieu, sondern geradezu mit — ohne 
( ienUirdung des Ganzen nicht zu umgehenden Forderungen, auftreten 
mufs. Nicht selten trifft man die Auflassung, dafs der Arzt sich 
nur um die Kranken zu kümmern habe und seine Thätigkeit im 
Lozareth ihren Abschlufs finde. 

So wunderbar das auch klingt, so entsprechen doch solche 
Ansichten den thatsachliclien Verhültnisspii. Soll man wirklich aber 
einem Übel erst entgegentreten, wvnn vs ent>tnn(lt'ii ist, während 
man die Mittel besitzt, sein Entstellen zu verhindern? Mit Recht 
käui|ift die ärztliche Welt gegen diese Beschränkung ihrer Wirk- 
samkeit, denn ihre Aufgabe ist nicht allein, die geschädigte Ge- 
sundheit wieder herzustellen, sondern sie soll in erster Linie die 
Leistungsfähigkeit des menschlichen Körpers erhalten, d. h. die 
Gesundheit vor eiuer Schädigung schützen, sie soll ebenso sehr sich 
mit der Pflege der Gesunden, wie mit der Pflege der Kranken be- 
schäftigen. Und gerade diese vorsorgliche bewahrende Tliätigkeit 

*) Die bei vielen Regimentern getroffene Einrichtung, dafs die Ärzt*^ sich nn 
den wissenschaftlichen Ver^aininhineon ii>T <M"fizi( r-('>>r]»s mit Vorti&gen aus ihrem 
Gebiete beteihgcn, empfiehlt bich ullgeinciucr Nachahiuung. 



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Die AiiiSwd«niiig0ii u vmete Xamam. 



kann mit Recht als die edelste ihrer Aufgabe bezeichnet werden, 
die /ngleich eine so hervorragend praktische Bedeutung für das 
Gesamtwohl erhält, wo, wie bei uns, die Armee einen integrierenden 
Teil der lebendigen Kraft des Staates bildet. 

Und seitdem mit der fortschreitenden Entwicklung der Natur- 
wissenschaften, des Mikroskops, der Chemie u. s. w. eine klarere 
Kenntnis des Wesens der gefährlichen Kranklu iten Platz gegriffen, 
nachdem mehr und mehr die alten Traditionen der Volksmedizin 
ans dem Felde geschlagen sind, nnd das frühere Dunkel mystischer 
und phantastiHcher Zeitrichtungen einer vorgeschrittenen Aufklärung 
gewichen ist, seitdem hat auch die militärische Gesundheitspflege 
speziell für ihren Wirkungskreis einen weiteren Spiclrjuun und damit 
eine freiere Aiitikcniiuiig ihrer Forderungen gewonnen. Sie hat 
durch ihre Erfolj^^e die Erkenntnis herbeigeführt, wie sehr durch sie 
die militärischen Interessen gefordert werden kininen, denn je mehr 
es der Hygiene gelingt, die Zahl der Kranken zu verringern und 
die Zahl der Behandlungstage zu verkürzen, um so viel mehr wird 
dabei die militäi'ische Ausbildung gewinnen. 

Bedenken vrir, daTs selbst noch vor wenigen Jahren die Be- 
hsndliingstage aller Kranken der preuCsischen Armee gleich einer 
AabercüemrtBfcdlang der gesamten Armee anf 14 Vs Tage zu ver- 
anachlagen wureii — und wie mag dieses Yetliiliius in frfiheren Zeiten 
gewesen sdn! Noch im Jahre 1867 biaaehte man heispieliweise 
4 Tage, um die Eratse, jene Plage, speziell der SstKchen Qanusonen, 
zu heilen, nnd mir die Snmme aller Erkrankungen an dieser .einen 
Krankheit gleich einem Ansfidl von einem halben Tage für die 
gesamte Armee zu rechnen« Hente, wo es gelungen ist, die vier- 
tägige Behandlung auf einige Stunden zu beeobränken^ werden unter 
Umständen Kr&tekranke dem Dienst ftberhanpt nicht mehr entzogen. 

Allerdings ist es nicht an Terkennen, dab anch schon im Frieden 
— vom Kriege ist hier natfirlich ganz abznsehen unter manchen 
Yerhiltnissen, im Manöver, im Waohtdienat u. s. w. die sanitiren 
Fordemngen eine Beschränkung werden erfahren mflssen; wo aber 
solch gebieterische Notwendigkdt nicht vorliegt, da sollten andere 
Kftcksichten, nnd so Tomftmlich die pekmiiiiren, denen des Gedeihens 
der fifamuehaft gegenttber zoiückstehen. Sind doch unsere Leute 
nnsere Schutzbefohlenen, denen wir unsere ganze Sorgfalt vridmen 
müssen, und geht doch durch die Armee im Laufe der Jahre gerade 
der beste Teil des Yolkea, welchen sich zu erhalt«i der Staat keine 
Opfer scheuen dfivfte. Möchten die Ausschlag gebenden Faktoren 
sich dessen bewnlst sein, wenn eine neue Forderung an sie herantritt. 



Di6 Aiiftffl w fi i Bywi in MiiM TTgacirnon 



55 



Zn weit gehende Sparaamkeit saf diesem Gebiete kann ein Schnitt 
in das eigene Fleisch sein, denn es handelt sich um die Blüte der 
Volkskraft, welche drei Jahre — nnd zwar drei Jahre der körperlichen 
Entwickelong — den Einflüssen des militärischen Lebens aasgesetzt 
wird, in ilirem Gedeihen durch uns also ebenso gefördert, als ge- 
schädigt werden kann. Dafs dnr deutschen Armee im Vergleich zu 
den andern die geringste Storbli( likeitsziffer zuerkannt werden miifs, 
darf uns nicht lässig machen ; noch giebt es unendlich zu thuU| ehe 
den berechtigten Anforderungen genügt ist. 

Unter den Bedingungen, auf deren Krlüllung es zur Erhaltung 
der Gesundheit ankommt, nehmen diejenigen, welche die Wohnungs- 
verhältnisse treffen, und welchen wir hier unsere Aufmerksamkeit 
widmen wollen, die erste Stelle ein. Wenn schon der Einzelne in 
unzureichender Wohnung die Gesundheit aufs Spiel setzt, so ist 
dies um so mehr in Kasernen der Fall, wo die Anhäufung einer 
grofseu Zahl von Menschen auf kleinem liaume schon an sich selbst 
eine Menge von Gefahren für die Gesundheit in sich birgt. Hier 
wird die genaueste Beachtung aller durch Wissenschaft und Praxis 
als richtig erkannten Bediugimgen zu einer Notwendigkeit, will man 
anders nicht die in der Kasemierung gegebenen Vorteile (geregeltere 
Administration, eingehendere Ausbildung, straffere Disziplin, Be- 
wahrung des Soldaten vor verderblichen moralischen Einflüssen u. s. w.) 
um den Preis seines kür|)erlichen Gedeihens erkaufen. Wenn nun 
thatsächlich al)er unsere Kasernen, wie wir sie in dieser Art als ein 
Produkt zwingender niilitilrischer Notwendigkeit und unzureichender 
pekuniärer Mittel seit dem Jahre 1820 besitzen, in sanitärer B&- 
ziehnng hinter den Bürgerquartieren zurückstehen, so daJfe der 
Gesnndheitszostand des nicht kasernierten Drittels der Armee bessere 
Verhältnisse als der der kasernierten Truppen zeigt, so liegt darin 
flQr die bevorstehenden Nenbauten — deren wir im Interesse jener 
Tovteile der Armee ja noch reeht iride wüoaehen — die emsteste 
Malmnng zu sorgfältigster und gewksonhafteeter Würdigung aUer 
einachlägigen Momente, eelhet wenn in pekuniSrer Besiehung dieaelben 
Opfer bedingen sollten. 

Wie eine richtige Ökonomie an manchen SteUen aosgiebt, um 
desto reicblusher ao anderen einnmehment so werden aneh hier die 
Procente, welche in erhöhter Schlagfcrtigkeit der Armee und be- 
sonders anch in der Eonservienmg des besten Teiles der nationalen 
Eiaft dem Staate zn&Uen, reichlich die der Hauptsache nach tiber^ 
dies nor einmalige pekoniSre Bdastong aufwiegen. 

Daft ftbrigeos das Verhiltius dieses elipmaligen Eostenanf wandes 



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56 



Die AafindAnuig«!! an «iumm "Kaamum. 



die bei ßürü^erciuartieren beständig zu leistenden Ausgaben aufwiegt, 
und so im Laufe der Zeit der Staat auch in dieser Beziehung seinen 
Vorteil finden würde, ist eine Sache für sich; für uns handelt ee 
Oßh an dieser Stelle hauptsächlieh um die sanitären YerhältmaM 
ond wie ihnen bei Neubanten am sweekdienliehsten Aechnang 
getragen werden kann. 

Da ist nun. in enter Linie schon auf eine richtige Wahl des 
Bau-Areals zu achten. Man kann nicht überall, wo zufallig der 
Fiskus Land besitzt, eine Kaserne bauen, denn nicht überall würde 
der Anforderung einer genügenden Luft- und Liclitzufuhr entsprochen 
werden, dieser ersten und notwendigsten Lebensbedinginig, gegen 
die gleichwohl bei uuseru Neubauten so oft gesündigt wird. Enge, 
winklige Strafsen, die Lapre inmitten ^tark bevölkerter Stadtteile, 
die Nähe von Fa))rikanlagen u. s. w. sollte noch Kräften vermieden 
werden. Nicht minder hat eine sorgtaltige Auswahl des Bau grundes 
ihre Berechtigung, um so mehr, als dessen gleichfalls dauernden 
Einflüssen oft ungleich schwieriger zu begegnen ist, als jenen, und 
in der Regel doch eine gebieterische Notwendigkeit, gerade an dieser 
einen bestimmten Stelle zu bauen, kaum vorliegt. 

Die sicherste Gewähr eines gesunden Haiiey bietet ein trockener 
Baugrund. Das ist bekannt. Was aber die Prüfung desfelben betrifft, 
so erinnere man sich, dafs die Summe der in Kfwernen sich an- 
satnmolnden Gefahren für die Gesundheit dabei eine ungleich gröfeere 
Sorgfalt erheischt, als wenn der Privatmann ein fi|r eine oder auch 
mehrere Familien bestimmtes Haus errichtet, und dafs man sich 
nicht, wie hier in dvr Hauptsache mit der äufserlichen Gestaltung, 
sondern eingeheiul auch mit der mechanischen Struktur und der 
chemischen Beschaffenheit des Bodens und selbst mit der Vegetation 
seiner Umgebung abzufinden hat. 

Hinsichtlich der erstereu, der änfserlichen Gestaltung des 
Bodens, wollen wir nur daran erinnern, daCs hochgelegene Plätze, 
sobald rie einen gÜnat^en WasserabfluDs gestatten, den Vorzag vor 
tiefen, die natflrlichen Sammelbecken der Abflobidtaier bildenden, 
Stellen verdienen. Dahingegen wird die mechaninche SIraktar des 
Bodens eine eingehende technische Untennohnng erforderlich machen, 
insofern die Fihigkeit der einseinen Bodenarten, Wasser aufzunehmen, 
je nach der Znaammensetzang nnd der Bfitehtigkeit ihrer Schichten 
eine Terschiedene ist. Wohl sind derartige üntersnchongeu Sache 
der betreffenden Bantechniker; nm aber ftber deren Entscheidungen 
ein Urteil sich bilden sn können, ist eine Kenntnis der einschlägigen 
Verhältnisse auch den m|t der Leitung des Baues betrauten Militär^ 



uiyiiizeo D; 



Die Aoforderoogea au aiuere Kaaeruen. 57 

mterUltoh. Sache deiselbeii ist w TonnignrdM, etwaiger 
OberflSohHohkeit jener entgegenrawlrken; man gebe sioli mit einer 
einmaligen ünieranelinng mcht infrieden, sondern inederliole dieselbe 
sn den Tenebiedoisten Jabres- selbst Tagessuten, bei nasser nnd 
tmckener Wittentng nnd dringe, nm sich in eigener Person ftber 
die yerhlltniase des Grundwassers nnteniditen zn können, daranf, 
dab die Bobnrennche gleichseitig an mehreien Stellen aoqgeflihrt 
werden. 

Diese Bohrmrache werden AnfUinmg anch nber die chemische 
Bodenbeschaffenheit gewihren, die an sieh selbst för den Dan 
wohl gkichg&lt% wäre, wenn nicht aus ihr die Beschaffenheit des in 
dem Boden enthaltenen TMnkwassers sich ergSbe nnd sie anter 
ümstSnden sogar anch auf die Reinheit der Lnft von Binflub wlre. 
Es ist bekannt, in wie hohem Grade eine Vemnreinignng derselben 
eehon dnreh die Zersetanng der organischen Stoffe äex Obeifläche 
des Bodens eintreten kann; von gröberem Belang sind die dem 
Boden selbst entweidienden Gase (Kohlen wasseistoffgas, Amoniae 
lind Schwefelwasserstoffgas), wie sie ans an den Vegetabilien reichen 
Bodeiuurten, besonders bei Schwemm- nnd Delta-Land nnd übeihaapt 
in der NShe Ton Blnbmündnngen, selbst aber auch ans gewissen Fels- 
nnd Sandarten sich entwickeln. Solche Gegenden, die vorzagsweise 
den Keim sn Krankhettserscheinnngen (an Fiebern und Lungenleiden) 
in sich tragen, siuil mit SorgfUt zu meiden, und müssen wir ihnen 
gegenüber unser Veto einlegen. 

Ueber den Einflufs der Vegetation können wir kurz liinweg- 
gehen; auch der Laie weifs, wie Sumpfpflanzen, nnd auf diese 
kommt es hierbei wesentlich an, uns die Nähe stehender GewSsser 
bezw, zeitweise unter Wasser stehender Terrainstellen anzeigen — 
Punkte, deren Nachbarschaft als eine Quelle ]>estrindiger Luft- 
verunreinigung durchaus zu scheuen ist. In dieser Beziehung bleibt 
die Beschaffonheit nabeliegender Wiesen mit brsondecer Vorsicht zu 
ergründen, speziell unter dem Hiinflnfg nasser Witterung, während 
der Zustand des Ackerlandes nur ein untergeordneteres Interesse 
beansprucht, insofi^n nämlich, als bei der luftreinigeuden Tliätigkeit 
der Pflanzengase ein gewisser Grad von Kulturfähigkeit zwar erwünscht 
ist, nicht aber geradezu gefordert werden kann. 

Auf rnine Luft aber kommt Alles an. Die Luft tritt uu- 
mittolbiir mit dem nienschlirhon Organismus in Berührung, sie 
fördert und erhält ihn; eine gesunde Luft ist ilini die erste Bedingung 
zu richtigem Funktionieren, in oint r schlechten drolipu ihm direkt 
und indirekt zahlreiche Gefahren, und es ist durch die wisseu- 



ijiyitizeo Dy Google 



58 



Dio Auftnnionuigen an matn Kmarmb« 



scbaftliclK'n Forgchaogen mehr &h wahrscheinlich gemacht, dals der 
gröfste Teil aller organischen Krankheiten in den Verunreuiigiuigen 
dwt Luft seinen Gnnul hat. Die in derselben vorhandenen zahl- 
reichen Formen des niedrigsten Tier- und Pflanzenlebens sind als 
die eigentlichen Träger grolser Seuchen erkannt worden; in der 
Luft befindliche Eiter/eilen sind die Ursachen der gräulichw Augen- 
kxankheiten; die Schinimelpüm, die Uaussobwiaune n. s. w. kSimeii, 
wenn sie mit dem Athmangnprozesse in den monschlichen OrgamanoB 
eintreten, vermöge der durch sie herbeigeführten Blutameetzung in 
hohem Grade gefahrlich werden; in ihnen finden die zymotischen 
Krankheiten (Cholera, Typhus, Kühr, Wechselfieber), auch wohl der 
Luftröhren-Katarrh, ihren Ursprung, vielleicht ebenso sehr, wie in 
den bisher als die vornümlichsten Ursachen desfelben betrachteten — 
aus den Ab- und Ausscheidungen lebeniler Geschöpfe der Luft bei- 
geraon^ien Stoffen. Die feuchten, kellerartigen Wohnungen, wie 
unsere modernen Souterrain-Quartiere deren bieten, sind so recht 
die Brutstätten des Eleiules desjenigen Teils der Bevölkerung 
unserer grofsen Städte zu nonneu, welche unterhalb der Erde ein 
kdmmerliches, der Luft und dem Licht entzogenes Dasein fristet. 

Was den Eintlufs des Stanbes anbetrifi't, so wcifs jeder, der 
Berlin zur Sommerszeit kt luit, welche Luft durch die geöffneten 
Fenster in die Zimmer dringt. In vielen grofsen Städten ist es 
nicht besser, obschon einzelne, wie Dresden und Stettin, darin eine 
rühmliche Ausnahme bilden. — Vergegenwärtigen wir uns aber die 
Thaisache, dais eine dauernd schlechte Luft mehr vernichtet als die 
blutigsten Kämpfe; aller Todesfillle in der preufsischeu Armee 
sind jenen auf dem Aufenthalt in verdorbener Luft zurückzuführenden 
Krankheiten zuzuschreiben — eine Ziffer, für welche eben die trost- 
losen tiesundheitsverhältnis.sc fast aller P^abrik- und der meisten 
grofsen Stüdte einen ausieicheudeu I3eieg geben. Die lutensivität 
der Quellen der Luftverunreinigung wächst in steigender Progression 
mit der Gröfse der Städte. 

So lange nicht in einer durchgängigen Kanalisation, in der 
Ausweisung von Fabrik- und derartigen Etablissements aus dem 
engeren (iebiete der Stadt, in geeigneten Sprengvorrichtungen und 
umfassenden baulichen Mafsnahmen für die Viertel des Proletariats 
(wie in Paris) den sanitären Anforderungen Rechnung getragen wird, 
so lange sollten eigentlich solche Städte von militärischer Belegung 
ausgeschlossen sein, oder man sollte doch, wo das aus zwingenden 
militärischen oder politischen Gründen nicht möglich ist, durch 
möglichste Absonderung der Kasernen, wie dis in so geeigneter 



IHe Aofoid«rangen an viimi« Ktfema. 59 

Weise In Dresden erfolgt ist, den gesimdlieitaBebildliclien Emflfissen 
nach M9g]iehkeit Torbeagen. Das Prnuip, die ^sernen an die 
Periplierie dar Stidte sa Terlegen, wird dem am ehesten entsprechen, 
ohne die anderweit^en Interessen an sehr sn beeintriohtigen; zum 
mindesten aber mnb die nähere ümgebnng der Kaserne frei von 
den schSdlichen Einflfissen obiger Art gehalten werden. Wie das 
zn erreichen ist, hingt von den lokalen Verhältnissen ab. Das 
radikalste und ein&cfaste, wenn auch vielleicht nicht immer das 
Innigste Mittel wSre Ast Ankauf eines hinreichend grolsen, gleich- 
sam als Absoiideningsgürtel dienenden Areals, welche Methode 
übrigens in Wirklichkeit bei der Anlage der Maz-Kaseme in München 
Anwendung gefunden hat, und auch, da der sonstigen Verwertung 
des überschiefseuden Terrains etwa durcli Verpaclitung niclifs im W^e 
atinde, dorehans keine ubermitlirigen pekuniären Opfer bedingen 
wfirde. 

Nächst einer gesunden Luft ist roicbliches und gutes Licht 
ein Hanpterfordeniis körperlichen Gedeihens. Luft nnd Licht 
stehen in den en<^ten inneren Beziehungen zu einander, ja die Luft 
erhält erst durch den Zutritt des Lichts ihre eigentliche belebende 
Kraft. Allerdings wird, indem man die Lage einer Kasenle inmitten 
enger Gassen oder in unmittelbarer Anlehnung an hohe Mauern, 
Festungswälle u. s. w. schon in Rücksicht auf ausgiebige Luft- 
zufuhr zu verwerfen haben würde, damit in mancher Hinsicht zu- 
gleich auch den bezüglich einer hinreichenden Lichtmengo zu 
stellenden Forderungen genügt werden. Wie das durch die freie 
Lage gegebene Licht zur Verteilung an die einzelnen ^Vühnränme 
gelangt, ist Sache der t'ür diese zn treü'enden Einrichtungen und 
bleibt hier aufser Betracht. Aber es tritt neben der Frage nach 
der Quantität, also nach der Helligkeit des Lichtes, nocli die nach 
seiner Beschaffenheit hervor. Denn wie bereits der vorüber- 
gehende Einfliifs eines blendenden, grellen Lichtes, wie es aus- 
gedehntere Schneefelder und Sandstrecken , und in zu heller Farbe 
gestrichenes Mauerwerk u. s, w. darbieten, leicht von ungünstigem 
Einflufs auf das menschliciie Auge sein kann, so vermögen solche 
Einwirkungen, falls sie andauern, zu völliger Schwächung des Seh- 
Termögens zu führen. 

Schon aus diesen Gründen wäre, abgesehen von den durch den 
aufgewirbelten Staub entstehenden zeitweisen Verunreinigungen der 
Luft, die Anlage von Excr/ieriiliitzcn unmittelbar neben den 
Kasernenhüfen, wie es aus Rücksicht auf die dienstlichen Verhält nisso 
der Truppe jetzt öfters beliebt ist, zumal bei sandiger Bodeu- 



L.ivjij^Lu L.y Google 



60 



Die AitiinrdanuigiB m wmtt KuenMn 



beschaffenheit und ganz besonders für die Kavallerie and Artillerie 
strengstens zu verbieten, wohingegen Wiesen, d. h. trockene, sowie 
Saatfelder und Holz- nud Garten-Anlagen in der näheren Umgebung 
der Kaserne, aufser den wohlthuenden psychologischen Einwirkungen 
ihres Anblickes, wesentlich dazu beitragen werden, das den Zimmern, 
zugeführte Licht zu einem milden und augenehnieu zu machen. — 

Autli flie Witterungs- Verhältnisse müssen schließlich in Betracht 
gezogen wurden, soweit dieselben nämlich in der für eine Gegend 
vorherrschenden Wind- und Wetterseite als annähernd dauernd zu 
betrachten sind. Am /weckmiifsigsten natürlich ist ein entsprechender 
Schutz der Kaserne durch eine gedeckte Lage zu erreichen, voraus- 
gesetzt, dafs eine solche die Circulation der Luft und den Zutritt 
des Lichtes nicht beeinträchtigt. Auf Kosten dieser eine Sicherung 
gegen die Witterungs-Einflüsse zu erhalten, hiefse ein kleines Übel 
durch ein gröfseres vertreiben. In gewisser Beziehung wird ein 
Schutz der Gebäude ja immer schon erreicht, wenn raau ihre Giebel- 
seite jener Ilichtung zukehrt. Im Üi)rigen hat man hierbei mit der 
gegebenen Hoho der mittleren Jahrestenij)eratur der Gegeud zu 
rechnen, die aber bei der geographischen Ausdehnung unseres Reiches 
für die einzelnen Staaten, selbst schon für die von Norddeutschland, 
eine erheblich verschiedene ist, denn während in Ostpreufsen der 
Unterschied der mittleren Temperatur von Soiiuner und \Viiiter 
16,2° beträgt, sinkt er in den Uheinlandcn auf 12,8^ herab (für 
Berlin 14,6°). In gleicher Weise kommt natürlich aber auch die 
Verschiedenheit der niedrigsten Temperaturgrade in Betracht, die 
für die östlichen Provinzen nicht selten auf 20, selbst 25^ für die 
westlichen dagegen nur ausnahmsweise auf 10 oder 12'' (anter Nall) 
aioh bemessen, Verhältnisse, die nicht etwa nur, .was man denken 
könnte, fflr die AnsBtattnng der Smmer mit entsprechaiden Zug- 
Torrichtnngen n. s. w. Yon Belang sind, sondern wesentiicli anch 
anf die Aoswahl des Banplataes von Einflufs sein werden, in dem 
man in Idilteren Gegenden höher gelegene, dem Wetter mehr sns- 
gesetste Stellen zu vermeiden haben wird, wobei für einfeine FSUe, 
z. B. bei hoch fiber dem K«rn der Festung gelegenen Forts (Ehren- 
breitstein, Cobleni, M eta n. s. w.) noch die Thatsaehe zu beaohten 
ist, daÜB mit je 1000 Fuls absoluter Höhe die mittlere' Jahres- 
temperatur um einen Grad sinkt. 

Unsere Forderangen an Lnft nnd licht suid im engsten Zn- 
sammenhange mit dem Verlangen nach einer ausgiebigen GrÖfse 
des Banplatses. Fast bei allen unseren Siteren Kasernen scheint 
in dieser Beadehnng als mal^gebend nur das Bedürfnis hetnushtet 



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Die Anfordenuigen an ouere KaMneu. 



01 



zu sein, welches für den Umfang des Hofes je nach dem zur 
Detail-Ausbildung und zum inneren Dienste der Truppe benötigten 
Raum sich or^rab, ■während, in dem Wunsche einer möglichsten 
Kostt'n-Krspnrnis, ;ils Areal ITii- din liaulichkeiten selbst nur 
hinzu^efü<^t wurde, was bei starker (vielleicht stärksfer) Belegung 
der Zimmer und trotz Aufeinandersetzens vielfacher Stockwerkn 
durchaus noch als Rauuibedarf übrig blieli. Ein solches System 
kann den heutigen Anforderungen nicht mehr genügen, und 
dürfen 'Wir, nachdem man seine Ubelstände erkannt, nicht länger 
Gesundheit und Behagen unserer Leute zu Gunsten kleinlicher Geld- 
rücksichten aufs Spiel setzen. Lieber wollten wir den Bürger- 
quartieren das Wort reden, als mit unzureichenden Kasernen 
uns zufrieden geben. Wir für imsere Person können als ein nor- 
males, d. h. den gegenwärtigen Erfahrungen entsjireclieudes System 
einzig und allein nur das Blocksystem bezeichnen, wie es vielfach 
bereits in England Anwendung gefunden hat. Unbedingt aber 
müssen wir, wenigstens in ihrem jetzigen Zustande, die obige unter 
dem Namen des Vauban'schen Systems bekannte Konstruktion 
verwerfen, die mit ihrem — den kleinen Hof quadratisch um- 
schliefsenden Häuser-Komplex zum Typus der prenfsischen Kasernen 
geworden ist. Bei seinem Alter von mehr als 200 Jahren trägt 
dieses System in seinen hygienischen Verhältnissen ganz den Charakter 
seiner Ent^tohungszeit. 

Die allseitig abgeschlossene, mit der Ausdünstung von Hun- 
derten von Menschen und den Gerüchen der Kloaken und Aborte, 
wie der Eficheii und sonstigen Wirtschaftsränme geschwängerte 
DBd darcb den aufgewirbelten Staub verdufte hoH rocht vergeblich 
naefa irgend einer Seite einen Abflnia, denn die drei und vier Stock 
hohen Gebftnde verwehren dem Winde den Zutritt und lassen de 
in floleh veKdorbenem Znstande anf dem Hofe, bis dnrch den Unter- 
schied der Tempeftttnr* des Abends nnd vShrend der Nacht ein 
alhnShlicher Ausgleich der Luftschichten stattfindet. Aehnlich ist 
es mit dem Zutritt des Idehtes; nur in den Mittagstunden wird eine 
▼olle Bdenchtung des Hofraumes möglich, fttr gewöhnlich mnls die 
Sonne sich bangen, diese oder jene Seite an beschdnen, welche 
an kalten Tsgen dann eine erUSrliche Ansiehung auf die ezenderenden, 
arbeitenden (spesiell ausklopfenden) oder anderweitig beschäftigten 
Mannschaften aus&bt, dadurch thee sofort in erhöhtem Grade der 
Luft-Yemnreimgnttg ansgesetet ist. Und wie sieht es, was Luft 
nnd Licht betrifft, mit den Zimmern aus? Die nach der Auften- 
Seite gelegenen, grolsenteils ja auch die Offizier- nnd Fddwebel- 



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62 



Die Anforderangen an nnaen Kaaenieu. 



Wohnungen, die Speisesäle, Ressourctn u. s. w. ko]ninen hier 
nicht in Betracht; für die der Hofseite aber ist es klar, dafe^ je 
nach ihrer Lage in den einzelneu Stücku ei kcu, Licht und Luft hier 
nur in dem gleichen Verhültnis wie zuui Hofe selhfst Zutritt haben. 

Dazu aber kommt, dafn für die unteren Stockwerke, so lange 
die Ilofluft jenen Einflüssen ausgesetzt ist, ein Offnen der Fenster 
überhaupt fast zur Unmöglichkeit wird.*) Und doch ist bei dem 
Mifsverhältnis des Kubik-Inhaltes der Zimmer, d. h. der in ihnen 
enthaltenen Luftmenge zu dtjr Zahl ihrer Einwohner, das dem Ein- 
zelnen zukommende Liift(^uaiituni schon an sich selbst so knapp! 
Solche Einrichtungen können den Bediugun<^^eu zu rati(nieller Lebens- 
weise nicht eutsprechcn, und sollte bei Neu-Aulageu das Vaubansche 
System, wenn nicht besonders dringende Gründe seine Annahme be- 
dingen, nicht ferner mehr zur Anwendung gelangen. Wo solche 
faeBonderen Verhältnisse eintreten, wie wir rie uns z. B. in der durch 
die Situation einer Festung, eines Forts u. 8. w. bedingten äuXsersten 
Baombeschränkmig denken können, da sollte doek stets, onter 
Berifsksichtigung anlserdem der für die VeBiOation neoerdiugs 
gemachten Erfahrungen, zum mindesten auf ein Offfanhalten der 
Ecken des Hofes Bedacht genommen ivwdeo, um einigermabsn den 
Zutritt frischer Luft m ermöglichen. 

Und wirklich scheint es, als hftfcte die Überzengnng yon der 
Notwendigkeit eines oflfonen Hofranmes angefangen, sich Bahn m 
brechen, selbst sogar in Gnnsten eines ungleich grölseren Areals; 
das Linearsystem, in Berlin repiSsentiertdorch die Garte-Fflsilier^ 
Kaseme nnd diejenige des l.Gaide-Fdd-Artillerie-Regiments, ist gegen 
das Yanbansche in den Kampf getreten nnd scheint im BegrüF za sein, 
dasfelbe über Bord m werfen. Sicherlich worden wir ein solches 
Besnltat mit Freuden begrSisen; allein, ein wie bedeutender Fori- 
schritt dadurch auch beseichnet werden mag, so können wir dennoch 
in ihm Nichts weiter als ein Übergangsstadinm zu ferneren Ver^ 
bessemngen erblicken nnd uns den Wunsch nicht versagen, es 
möchte die Bauer dieser Periode nicht das Alter des Vanbanschen 
Systems errdchen. Wie gesagt, wir Terkennen durchaus nicht die 
Vorteile der linearen Bauart; thatsSchlioh besdtigen sie viele der 
in der Vanbanschen Manier enthaltenen MSngel, indem die in einer 
Reihe neben einander befindlichen Gebäude Ton beiden Seiten der 

*) Ivs mag selbst ganz davon abgesehen werden, dafs vielfach, wie es dienstlich 
ja auch ganz zwcckmaüsig iat, wahrend der Übungen auf dem Hofe, am diese 
nidit sn rtörai, die FMer der uktefen Etage ttbetlunipt nicht geftffliet werden . 
dürfen. 



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Die Aidbnlenmgeii «n iiiMen KuenieB. 



63 



Luft und dem Licht den Zutritt gestatten (die einzi'40 Schranke, 
die den Hof räumlich begrenzende Mauer bezw. die an sich niedri<^en 
Stallgebäude, kommt nicht wesentlich in Betracht). Ganz indosso n 
hat man auch bei den neuen nach diesem System gebauten Kasernen 
des früheren Prinzips der Raumersparnis sich nicht begeben 
können. So müssen wir als einen Hauptnachteil derselben betrachten, 
dafs sie zu grofs, und besonders dafs sie zu hoch sind; denn je 
mehr Räumlichkeiten das pin/,elne (Gebäude umfafst, desto gröfser 
sind auch die Schmutz- uiul Wassermassen, welche schon allein 
durch die Verrichtungen des täglichen Lebens in das Linere des- 
felben getragen werden und hier verderblich wirken*). Diese aber 
auf ein Minimum zu reduzieren und damit die Reinheit der inneren 
Luft zu sichern, ist gerade für die Erbauung solcher Massen- 
qnartiere eine der wesentlichsten Bedingungen. Je mehr vStockwerke 
vorhanden, desto mehr wird eine vollständige Beseitigung des 
Unrats erschwert, wenn nicht selbst unmöglich; auch ist es 
durchaus nicht eine theoretische Phrase, wenn man zum Nachteil 
hoch stockiger Gebäude behauptet, dafs, da jedes höhere Stockwerk 
in gewisser Beziehung innerhalb des Dunstkreises des unteren liege, 
unter Umstünden für die ersteren die Beschaffung guter Luft in 
Frage gestellt werden könne. Vielfach macht sich dies übrigens 
bereits im gewohnlichen Leben geltend, denn jeder Höherwohnende 
hat beispielsweise mehr oder weniger an den Folgen der sogenannten 
»Sonnabend-Reinigung« der unteren Etage sn tragen, und es kann, 
wenn die Küchen an dem l^reppenbaiue liegen, jeder Hausbewohner 
sehon mHtelBt semer Q«rneli8organe eMuea^ mm der Naehbor im 
eisten oder smten Stock so Mittag essen wird. Hier, im PriTat- 
lianse, iind solche ÜbelstSzide swar noch erträglich, wie viel mehr 
aber werden dieselben sieh in einer Kaserne bemericbar machen! 
Schon ans diesem Gmnde kllimte das Linearsystem mit mehr- 
sk9oldgen Wohnhänsem den sanitiren Anforderungen nicht genügen, 
Bslbsb wenn seine sonstigen ans dem Vanban^sehen System ttber- 
tngenen Mingel betr^ der Grappiemng nnd Binrichtnng der 
^mmer sa besatigen wftren. Hierin liegen eben die Hanptnaehteile 
desfeiben, denn es kann der sor Gesundheit notwendige Grad be- 
sündiger fiembelt der Lnft nicht hinreichend gewihrleistet werden, 
das vorwiegende Streben nach Raumersparnis legt die einseinen 
Herde der Lnft-Veranreinigang, anstatt sie abausondem, in be- 



•) Wir natmbm (UM auf die Intent iotomiaiite Sdirift: Der Faftbodmi 
der Ktteme m A. MieliMib. 



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64 



Die Anforderongen an tmsere Kaaemen. 



ständige gegcuscitige Berührang aud WeefaBelwirkuiig, und schafft 
selbst grobe allgemeine CeDtren für eine solche, indem es die 
5k<moimiehen EtabliaaementB (Kflchoi n. s. f*) ^ Innere der 
Wohngeb&nde verweist. 

Daa aber ist gerade äla der Gnmdgedanke einer den Bedarf- 
nten des menachlichen Lebens entsprechenden Ban-OrdntiDg zu 
betrachten, da(s die einzelnen nnvermeidUehen Quellen der Laft- 
Versehlechierang auch verein zelte bleiben — doreh den beständigen 
Zutritt frischer Luft sogur in sich selbst nnschSdlioh gemadii 
werden — und daJs die gemeinsamen grofsen Herde, die 
Centren der schlechten Loft, ans dem Innmi der Wohnhäuser, 
nnd seihet ans ihrer Nachbaisohaft, uadi Möglichkeit entfernt 
wwden kdnnen. Beides aber ist nachhaltig nnr mit der Annahme 
des Bloeksystems zn erreichen, nnr in diesem allem können die 
dem Easemen-Leben eigenen Qefiüuren I3r die Gesundheit auf ein 
Mimmiifn beschrankt werden. Kasernen nach diesem System 
werden seihet den besseren Buiger-Qaartieren vorzuziehen sein, da 
sie die (militSrischen) Vorteile der Easemiemng ohne deren sanitBre 
Nachteile gewShren. Es wird in dem Bloc h s yste m, wie es als eines 
der segensreichen- Resultate ans den Beratungen der nach dem 
Krim-Kriege zusammengetretenen englischen Sanit&ts-KommisBion 
hervorgegangen ist, das Prinzip einer au^ebigen Versorgung der 
Zimmer mit Licht und Luft zu jeder nur irgend wünschenswerten 
Vollkommenheit gebracht. Beiden gewährt die Aneinanderreihung 
der einzelnen, je für eine administrative Einheit bestimmten ein* 
stöckigen Häuser den freiesten Zutritt, während in der durch eine 
solche Anlage bedingten gröfseren Ausdehnung des Areals zugleich 
eine höhere Garantie für die Reinerhaltung der Aufsenluft liegt und 
andererseits innerhalb der einzelnen Häuser die Ursachen zu einer 
Verunreinigung der Iiinenluft durchaas lokalisiert werden. Über die 
ferneren Vorzüge des Bloeksystems werden wir bei den für die 
Gruppierung und Einrichtung der Wohnräume im Allgemeinen zu 
treffenden Anordnungen uns äuüswm und haben der Vollständigkeit 
wegen hiw nur kurz noch einer Anwendung des Barackensystems 
für Kasernementszwecke Erwähnung zu thnn. Während nämlich 
das Blocksystcm in der linearen Aneinanderreihung seiner Häuser 
(Blocks) stets nur die beiden Frontseiten derselben dem Einflnfs der 
Luft und des Lichtes freigiebt, beides jedoch — wenigstens in seiner 
direkten Wirkung — enthehren mufs, wenn der Wind in der 
Ilichiuug der sclinuilen Seiten steht nnd die Sonne den entsprechen- 
den (übrigens doch nur kleineu) Jüreisbogen zu beschreiben hat, 



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Die AnfordcrongeQ an anaore Kaaernen. 



G5 



beabdehtigt man hier diiroh eine dem eigentliclien Baracken - 
sjätem entsfireGliende Grappiening der Blocks die Ventilation des 
Hofkanma bezw. der Hftnaer edbet in keiner Weise an behindern, 
nnd wollen die Verfosser des Baiaokensystems daxn die Blocks eines 
Easemements mit mt^rechenden Distanzen nnd InterTallen nnd 
zwar in Staffeln von annebmender 2M in dem Banme eines Drdeclts 
SDsanunenlegen, wobei die einzelnen HSnaer alsdann, znm Schutz 
gegen, die gröiste Hitze nnd Kalte, die Bichtnng yon Nordost nach 
Sfidwest erhalten sollen. Indessen ist es leicht ersichtlich, dafe hier 
der Aufwand an Areal ein so bedeutender ist, dals solche Ein- 
richtungen doch hSchstens nur als ein frommer Wnnseh zu he- 
trsehten wiren. So weQjig man die Vorteile derselben iRr den Ban 
von eigentUchm Baracken —> da, wo zu ▼orftbergehender Benutzung 
ausgedehnte Terndnstrecken dem milit&rischen Interesse Terfögbar 
zn machen sind, untersdhfttzen darf, so werden sie fSr permanente 
Zwecke doch nur in Sulserst seltenen FSllen zur Anwendung ge- 
langen können. — 

Anordnungen für die Salubrität der Wohnnngs-Riinme. 
Es sind bereits die Ermittelnngen erwähnt, welche bei der Wahl des 
Baaterralns in Beang auf die GrondwasserrerUUtnisse stattzufinden 
haben. Für ein dauerndes Trockenhalten der Wohnrikime aber geben 
diese üntersnchnngen immerhin noch keine atisreichende Sicherheit; 
anch gegen die in der oberen Erdschicht befindlichen Feuchtig- 
keiten werden Yorkehmngen zu treffen sein, will man anders der 
zerstörenden Wirksamkeit derselben Yorbeugen und vor Allem die 
Qualle einer konstanten, mit der Zeit mehr und mehr überhand 
nehmnndeu Luft*VerBchloe1iternng aus der Kaserne entfernt halten. 
Die in PrivatUnsern vielfach nnr Torhandene Gemen tierung oder 
Asphaltiernng des Bangrnndes, soweit derselbe nicht zu Keller- 
gcwölben benutzt wird (ein Ver&hren, welches in der Regel bisher 
andi bei den Kasernen zur Anwendung gelangt ist), kann für aus- 
reichend in keiner Weise erachtet werden. Gerade bei derartig 
grofren Gebäuden, — > besonders aber in dem Vauban'schen und in 
dem Linearsystem, wo die dem Boden entströmenden Gase die aus- 
gedehnteste Verbreitung erhalten — ist eine durchgängige und 
entsprechend tiefe Unterkellerung unvermeidlich. Unter keinen 
Umstanden aber sollten, ihrer — selbst bei solidester Konstruktion 
— sfpts feuchten und dumpfen Luft wegen, diese Kellerl oknlitrit<*n 
7A1 Wohnnnrrarsiumen benutzt, noch weniger aber in der Rauni- 
berecbnnng zn Küchen-. Hude- oder Wasch- A nstiilten in Vt-r- 
anschlagini«^ ^rnljracht werden, da ganz besonders diese ja die 

tekrMchw (ir dio DvalKiM AcatM nad JUcia*. Bd. XLVm., 1. 5 



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66 "OiA AnfordeniDgen m «nnre Eaflernen. 

Torn&mliebsfcen Herde der Fenehtigkeit eind. Alle diese Bäume 
gehfiren in besondere, von den eigentlidien Wohnhaneern entaprecbend 
abgelegene Banlicbkeiien. Die in allen grolsen Stadien beangUcb 
der Salnbrität der Rellerwobnongen gemacbten Er£Eibrongen baben 
zar Genfige das GesnndbeitageßLbrlicbe derselben dorgetihan; nnd 
sollten sie wirklieb selbst binreichend trocken sein, so ermangeln 
sie stets doob der Lnft und des Liobtes. Ein umfassender Hans- 
balt aber, wie der einer Kaserne, wo ftr Hunderte von Menseben 
so sorgen ist, bat einen so bedeutenden Bedarf an Lokalitäten f&r 
Utensilien und Geratscbaften aller Art, für Brenn- und Fenemngs* 
Material n. s. w., dafs oft selbst die derartig geschaffenen zabl- 
reichen Eellerraume diesen Zwecken kaum genfigen werden. Statt, 
wie es häufig speziell mit der Feuerung geschieht, dieselbe in 
besonderen Hintergebäuden unterzubrinr^en, wodurch gleichzeitig 
•V.uiu gans unnötiger Weise das Hinauftragen in die einzelnen 
Zimmer tfscbwert wird, sollte mau hierhin die Küchen und Wasch- 
anstalten verlegen, welche umgekehrt bisher fast ausnahmslos gerade 
in den Souterrains der eigentlichen Wohngebäude sich befinden. 

Nicht unwichtig für den Schutz gegen Nässe ist ferner die 
Boschaffeuheit des Bau-Materials. In Bezug auf die Wider- 
standsfähigkeit gegen die Einwirkung der ol>er- wie der unter- 
irdischen Feuchtigkeit würde der einfache Felsatein, wie er in 
Gebirgs-Gegenden gewonnen wird, vorzüglich aber der an der Luft 
sich erhärtende weiche Sandstein am meisten geeignet sein, und 
häufig wird er, lokaler Verhältnisse und pekuniärer Uücksichton 
halber, zur Anwendung gelangen müssen. Wünschenswert aber 
ist dieselbe nicht, denn keineswegs soll bei aller Festigkeit des 
Materials, wie es bei jenen Steinarten mehr oder wini^'er der Fall 
ist, durch die Mauern das Innere des (Jebäudes hermetisch von der 
Anfsenluft abgeschlossen — vielnielir in gewissem Grade auch durch 
dieselben hindurch eine natürliche Ventilation beständig er- 
halten werden. 

Tn (lieser Beziehung wird der Backstein den Vorzug ver- 
dienen; mögliclist dicht und trocken, mithin nur ein Minimum von 
Wasser annehmend, Vilcibt die Porösität seiner Müsse eine hin- 
reichende, um, wenn auch unmerklich, die innere und die äufsero 
Luft in einer gewissen Verbindung mit einander zu belassen,*) 
vorausgesetzt, dafe zu diesem Zwecke der bei den alten Kasernen 



*) Wir prinneren an dos bekannte Eiperiment, durch einen Ziegelstein bfai- 
doTch ein Licht aoaiablAsen. 



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Die Anfordemiigen »ii vaaen KasMnen. 



67 



allerdings fast durch^ngig gefnndsiie MdrteUMimrf nnd desgl. der 
Öl-Anstrich der Anisen- und soweit als mOglicli auch der Innen* 

wände fortfallen. 

Von ungleich grüfserer Bedeutung bezüglich der Fenchtigkeit 
sind jedoch diejenigen Vorkehrongen, welche für den Abflufs des 
Begenwassers und das Trockenhalten der Umgebung der 
Brunnen tu treffen sind. Beides ist genau m regeln, um Ver- 
sumpfungen in der unmittelbaren Nähe der Kaserne zu verhüten, 
welche die Aui^ngspunkte einer durch das Mauerwerk hindurch in 
das Innere dringenden Feuchtigkeit bilden würden. Was Erstercs, 
die Ableitung des Regen was^iers, anbetri£Et, so können wir auf die 
bezüglichen technischen Verhältnisse: entsprechendes Abschrägen 
des Daches, Übergreifen deefelben über die Manern, Beschaffenheit 
und Zahl der AhAufsröhren n. dergl. an diesem Orte natfirlich nicht 
eingehen; nnr für die Befestigung dieser Rohren erlaube man 
uns darauf aufmerksam za machen, däJs notwendig dieselben, um 
die Kontrolle etwaiger Beschädigungen zu erleichtern und dadurch 
das Entstehen der sogenannten Leckflecke in der Mauer zu verhüten, 
in ihrer ganzen Länge mit der Lotnaht nach Aufsen zu legen sind. 
Rs müssen die Rücksichten der Schönheit hier denen des Praktischen 
weichen, denn gerade diese Leckflecke tragen nicht selten in hohem 
Grade Schuld an der Fcuchtigki'it einzelner Zimmer. Dafs die 
Kinnen ihrerseits bis auf die Erde hembzureiclieii luiben uud ferner 
die Abzugsgräben zu ptlasttTii und mit dem gehörigeu Nivellement 
zu versehen sind, bedarf so wenig vielleiclit der Erwähnung, als dafs 
eine gleiche Rücksicht auch auf die Umgebung der Brunnen zu 
legen ist. Am besten wird hier stets eine entsprechend geböschte 
Asphaltlage dem Zwecke entsprechen, da erst mit dieser ein völliger 
Abschlufs des eigentlichen Brunnenbassins gegen die von aufsen 
durch die Erde sickernde Feuchtigkeit hergestellt wird. Das bei 
dem Schöpfen überfliefsende Wasser, welches, durch die Eide ge- 
wisserraafsen sogar noch filtriert, von Neuem in das Bassin tritt, 
würde der Reinheit des dortigen Wassers allerdings am wenigsten 
Eintrag thun. Die (Gefahr der Wasservergiftung — es ist dieses 
der einzige richtige Ausdruck — liegt in allen den andern Feuchtig- 
keittiiuassen , welche in der Umgebung der Brunnen verschüttet 
werden. Das Verbot, Geschirre, Eimer u. s. w. an denselben zu 
reinigen, Montierungsstücke oder Gewehre u. s. w. an ihnen zu 
waschen, halten wir auch bei strengster Kontrolle nicht für gänzlich 
durchführbar und somit nicht für praktisch; es wird dasfelbe aber 
unnötig, wenn, wie oben gefordert, die Umgebung der Brunnen 

6* 



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68 



Die AnfttfdMrangeii «n nmei« Kasameii. 



asphaltiert und mit den erforderlichon Abziigsgriibon versehen ist. 
Dagegen aber mnfs auf das Entschiedenste Einsin uch erhoben werdm, 
dafs — auch hier wiederum aus Riickpif^hten für das Auge — die 
Abführung dieses Wassers durch uiitt i irdische Kanüle geschieht, 
welche, sobald V« i-st(>])fungen entsteheu, nur das Gegenteil des be- 
absichtigten Zweckes herl)eifnhren. 

Die bei weitem gröfste Gefahr aber droht den Bninnen ans 
einer allzugrofsen Nähe der Kloaken und der SUille. Die grofsen 
Massen von verwesenden Stoüeii und die Menge der Ffuchtigkeit, 
welche hier mit dem Bodon in Berührung kommen, werden, auch 
bei bester (yementierung der drüben, auf weithin das Erdreich ver- 
pesten und so ihren verderblichen Einflufs auf das Brunnenwasser 
äufsern. Brunnen im Innern von Stallungen, wie sie beispielsweise 
erst vor einigen Jahren bei der Anlage neuer Kaserneuställe eines 
ostpreufsischen Kavallerie-lleginicnts und auch anderwärts unter 
Einwilhguug der betreflfenden Militärbi'lii)rden und /u grofscr Gouug- 
thuung von OfH/ieren und Munnschaften angelegt wurden, sind 
l)rinzipiell zu verwerfen. Der Untergrund gröfserer Stallgebäude ist 
von einer derartigen Menge gefährlicher (besonders Amoniac-) (iase 
durchsetzt, dafs Verunreinigungen des Grundwassers hier notwendig 
eintreten müssen. Ob nnn das Pferd einen geringeren Wider- 
willen gegen schlecht schmeckendes und übelriechendes Wa.sser hat, 
als der Mensch, möge dahingestellt bleiben, jedenfalls aber wird, 
indem unter Umständen auch die Leute davon trinken, in solchen 
Stollbrannen die Möglichkeit zum Entstehen gefährlicher epidemischer 
KiBokheiten (Typhus n. dergl.) gegeben. 

Der Beschaffenheit des Brunnenwassers ist Überhaapt 
«ine nnanterbroohene Anfmerkssnikdl seitens der Vorgesetsten zu 
widmen. Wir selbst haben das SchSdliche derartig rniveistöndiger 
Anlagen ans eigener Anschauung wahrgenommen. Monate hindurch 
waren wir, in Ermangelnng eines anderen Quartiers, gezwungen, in 
einem Hanse sn wohnen, dessen Brunnen anf der einen Seite noch 
nicht 10 Sehritt seitwftrts der Senkgrube und auf der anderen nur 
2 Schritt von einem, noch dasn nicht einmal gebohlten oder ge- 
pflasterten und jeglichen Abzuges entbehrenden Stalle gelegen war. 
Der Zustand des Wassers war denn auch dem entsprechend; trttbe 
und schlammig, enthielt es un^hlige jener — die Mitte zwischen 
Pflanzen-, und thierischen Gebilden haltenden, oft zolllangen Fasern, 
sodals schon sein Anblick Ekel erregte. Wir unserevs^ts Uelsen 
uns den benötigten Vorrat aus einem Nachbarhanse holen, wahrend 
diejenigen unserer Hausgenossen,, deren GefDhl sich gleichfalls 



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])ie AnlnrderoiigtD tu laua» Eaaeraen. 



69 



sträubte, ein solches Wasser zw pfoniersen, zu taglichem Filtrieren 
desrelben genötigt waren. Um jedcM:b in Bezug auf jene Erschemungen 

keine übertriebenen Befürchtungen hervorzurufen, müssen wir schliefe- 
lich wohl noch hinzufügen, dafs ähnliche Bildungen hervortreten, 
wenn der Brunnen längere Zeit aufser (iebrauch und das Waaser 
innerhalb dosfdben in dauernder Stiignation war. Keineswegs darf 
man in diesem Fall ans dem Vorliaiulen.st'in solcher Fasern auf eine 
wirkliche Verunreinigung des Wassers schlicfscn ; ein etwaiges mehr- 
tägiges Auspumpen wird ohne jede bleibende Gefahr diesen Ü beistand 
beseitigen. — 

Wenden wir uns zu den für die Wohnräume selbst er- 
forderlichen Einrichtungen. Luft und Licht nehmen auch hier 
wieder die erste Stelle ein, beides mnfs, nacluleni es durch zweck- 
entsprechende Auswahl des Bauplatzes gesichert ist, nun auch in 
möglichst vollkommener Weise und in der zum Tiedeihen der Ein- 
wohner erforderlichen Menge den einzelnen lläumen iiugeführt und 
speziell die Luft nach Malsgabe ihres Verbrauches erneuert werden 
können. 

Dafs das Einstriniun des Lichtes heim Blocksystem schon 
durch die Ausdehnung der Zimmer quer durch die Tiefe des 
Gebäudes, mit den Fenstern nach dessen beiden Fronten, iu reich- 
liciierem Mafse gestattet wird, als bei den andern Systemen, liegt 
auf der Hand, da die letzteren, bei der Lage ihrer Zimmer zu Seiten 
des den inneren Ilausraum durchsclnieideni.k'n Korridors nur eine 
einseitige Beleuchtung ermöglichen. Die statistischen Nachweise, 
welche gerade bei unserer heutigen Jugend ein so schreckliches 
Umsichgreifen der Kurzsichtigkeit darthuu, macheu uns die sorg- 
fältigste Beachtung der Lichtrerhältnisse zur Pflicht, wo schon allein 
die dienstlichen Obliegenheiten des Soldaten dessen Sehorgan so 
zahlreichen Angriffen aussetzen. Der Forderung einer gleich- 
mäfaigen Beleachtuug des gesamten SSrnmenanmee, nnd diese ist 
ja die Hauptsache, lomnaber, aowdt dieeelbe praktisch Überhaupt 
aaafnhrhar, nnr das Bloek^stem entsprechen, zumal wenn durch 
schielsechartenArtige Erweiterung der Fenster nach innen die Menge 
des eintretenden Liehtee noch fernerhin vermehrt wird. Schon aus 
reinen Hnmanitätsrncksichten sollten femer Easemenstuben ohne 
Bouleauz nicht langer bestehen, werden dieselben jetzt endlich 
doch auch durchgängig in den Eisenbahnwagen 8. Klasse angebracht; 
Marquisen wenigstens auf der Sonnenseite anzubringen, scheint uns, 
da bei Selbstbeschaffung durch die Truppen die Kosten Terhiltmb- 



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I 



I 



70 Die AoforderuDgeo an oiuere Kaaernen. 

iiiiirsig niedriger seiu würden, darchaos nur ein gerechtfertigtes 

Verlangen. 

Auch für die Zuführung fnscher Luft werden die Feniter des 
BlocksysieniB, soweit dieselben dasii ftbsfhaupt in Betnchi konunen, 
die gleichen Vorteile gewähien. Von Tomherdn nEmlieh müssen 
wir feststellen, dals grundsatdich das Blocksystem, obgleich es einen 
unniiterbroehenen Wechsel der Zimmerluft verlangt, das Lfiften 
mittelst der Fenster doeh nur als eine (wenn auch in vielen Fällen 
sehr notwendige) ilnshülfe betrachtet — fOr die eigentliche Ven- 
tilation dagegen besondere, nnr diesem einen Zweck dienende Vor- 
kehmngen verlangt (ein Grondsata übrigens, der, da er von dner 
bestimmten Bauart nicht abhängt, desgl. auch bei dem Vaabansehen 
nnd dem Linearsystem snr Anwendung gelangen k5nnte). Ehe wir 
nns aber die Menge der m emenemden Lnft und demsnfolge über 
die relative ZweckmSingkeit der einzelnen Ventilations-Voi^ 
richtungen entscheiden können, müssen wir über das für die 
Zimmer überhaupt etfbrderliche Luftqnantnm d. h. mit anderen 
Worten: über die snlissige resp. wünschenswerte Qröfse der 
Zimmer im Klaren sein. Für diese aber kann, unier Anrechnung 
des von den Bewohnern selbst, sowie von den MObeln und Uten- 
aiiien u. s. w. eingenommenen Kubikraumes — einsig und allein nnr 
die in Aussicht genommene Belegungsstärke und der dem einseinen 
Manne bendtigte Bespirations-Raum maisgebend sein, während 
umgekehrt, wo es sich um die Belegung schon vorhandener 
Baume handelt, nnr das Verhältnis des in den Zimmern vorhandenen 
Luftraumes zu dem Respirationsbedarf des Einzelnen die Zahl der 
betreffenden Mannschaft bestimmen milfste. Nun aber mSssen wir 
aus a<1minisirativeii und moralischen Kücksichten die höchste zu- 
lässige Belegnngsstärke auf die Zahl von 9— 10 Mann herab- 
setzen. In einer engorcu Kameradschaft wird der junge Soldat 
einen schnelleren Eraats für die verlassene Familie finden; wir sind 
aber unseren Leuten gegenüber gleichsam verpflichtet, iluieu in den 
Kaserneustuben in gewissem Sinne auch eine Häuslichkeit zu 
geben. Eäne solche in den übergrofseu, saalartigen Zimmern unserer 
bisherigen Kasernen zu finden, ist kaom möglich, am wenigsten für 
die gebildeteren, aus dem Handwerker- und dem Bürgerstande hervor- 
gegaugenen Elemente. 

Jeder von nns weife es ja selbst, dats eine unfreundliche 
Wohnung nur zu sehr die Vemnlassnng wird, anderwärts — hier 
also in den Schenken und Wirtshäusern — das daheim venuifiste 
Behagen zu suchen { wie verderblich aber, körperlich und geistig. 



Die Anforderung«!! an mwen Kuernen. 



71 



em allrali&ofiger Besaoli flokher Lokale, in letzterer Beriehiing schon 
der dort Terkehrenden anderweitigen GeseUschaft wegen, uneem 
Leuten woden kann, brandien wir wohl kanm erat herronuheben. 
Bessere Lokalitaten anfensachen ist der Soldat mit seiner Löhnung 
nicht im Stande; wäre der Aufenthalt in der Kaserne ein angenehmerer, 
80 würde er auch die schlechten vermeiden. Ebtschiedeu mochten 
wir die Bildung kleinerer Korporalschaf tcn berurworten; der Mangel 
an Korporalschaftsführern, der diesem Wunsche entgegenzuhalten 
wäre, ist doch in Wirklichkeit nicht vorhanden: die Unteroffiziere 
reichen auch bei den jetzigen groCBeu ätuben (und noch weniger 
bei den in Bürgerquartieren untergebrachten Truppen) nur selten 
ans, tüchtige Gefreite abrr oder andere dazu qualifizierte Leute, 
denen man das Amt eines Stuben-Ältesten übertragen loum, werden 
in jeder Gompagnie wohl hinreichend zu finden sein. 

Kemeswegs jedoch soll in den kleinen Korporalschaften 
den kleinen Stuben das Wort geredet werden; die Grote» der 
Zimmer an sich selbst muSa den obigen hygienischen Bedingungen 
entsprediMi, mufs also, wenn man ein minimum von 45 Qu. -Fuss 
Flskchenraam ftir den Mann berechnet, so viel Kubik-Inhalt haben, als 
jene 8 — 10 Leute als Respirationsranm gebrauchen. Nun ist in den 
einzelneu Armeen das dem Manne gewährte Luftquantum eiu sehr 
verschiedenes, so erhält derselbe in Frankreich nur 384 — 448, in 
P^ngland dagegen 549 K.-F. = etwa 17 cbm. Letzteres Mafs, wie 
denn überhaupt in den englischen Kasernen die sanitären Forderungen 
am meisten Berücksichtigung gefunden haben, können auch wir als 
ausreichend und sogar, da es wirklich dem durch Rechnung und 
Versuche festgestellten Bedarf entsjiriclit, al.s ein normales betrachten, 
und wäre es dringend zu wünschen, dafs auch unser bisheriges 
reglementarisches Quantum von 420 — 495 K.-F. auf diese Zahl 
erhöht würde. 

Es ist dieses vorhandene Luft-Quantum insofern gewissermaCsen 
als ein eiserner Rostand zu betrachten, als es, Ijestündig verbraucht, 
durch Zuführung frischer Luft beständirr auf den normalen Stand- 
punkt erhalten wird. Zu diesem Zweck sind Ventilationen aber 
für alle Räume, die eine gröfsere Zahl von I^Ienschen fassen sollen, 
eine Notwendigkeit — so wenig auch dieser (irundsatz bisher zur 
Anerkennung gelangt ist. Man steift sich darauf, dafs in Privat- 
woliuungen es ja Niemandem einfalle, grofsartige Ventilations- 
Vorkehrungen zu treffen und ver^'ifst dabei eben so sehr, dafs die 
Überfülle von Raum und Luft in diesen in dunhaiis keinem Ver- 
hältnis zu dem betreü'eudeu Quautum der Kaserueuätubeu steht, 



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72 AnforderangMi an niuere Kasernea. 

welche imiuerhin nur das Notwendige gewähren, als auch, dafs mit 
der Zahl der Bewohner schon allein durch den Athmungs- und 
Ansdünstungsprozeüs die Ursachen zu einer Verschlechterung der 
Luft in erhöhtem Mafse zunehmen. Wo solch ein ÜberschuÜB an 
Luft nicht Torhanden, mnls eben je naak ihrem Yerbnnche auch 
fttr ihre Sraenerung gesorgt werden. Nadi den. Yontlg^iehen PettnH' 
fco£er*8eheii ünterrachnngen ist dieser Verbnindi allerdings ein 
▼erhSltnlnnSlsig gro&cr, denn in jeder Minute athmet der Ibnn 
etwa 6 Liter (bd ihrem nunmehrigen grofinn Gehalt an Eohleneftore) 
▼erdorbenef Luft aus, was auf die Stunde das ansehnliche Quantum 
von mehr als 300 Liter " etwa 0,8 chm ffir den Mann ergiebt 
Wird dann, wie experimentiell nachgewiesen ist, das 200iaebe der 
ansgeathmeten Luft als zu ihrem Ersatz erforderlich angenommen, 
so erhilt man einen Bedarf Ton mindestens 60 cbm für Mann und 
Stunde ^ dne Menge, welche, auch wenn durch das öffnen der 
Fenster stündlich dreunal das normale Quantum erneuert würde, 
ohne eigentHohe und zwar beständig wirkende Ventilatoren niemals 
zu erzielen ist. Ein derartig hSufiges und anhaltendes Aufmachen 
der Fenster verbietet sich übrigens, sobald dasfelbe nicht einer 
bestindigen Kontrolle unterworfen bleibt, schon von selbst, da in 
der Regel der gemeine Mann mne warme, wenn auch dumpfe Luft 
dem Winde oder der Killte vondeht. Aulserdem aber würde eine 
solche periodische Erneuerung der Luft, nachdem — bei dem 
Diffimdieren der Oase — ihre gesamte Mmge bis zu einem gewissen 
Grade verdorben ist, auch schon insofern hanm angän^pg sem, als, 
abgesehen von dem dann erforderlichen starken Verbrauch an Heia- 
material eine solche Malsr^l unausbleiblich Gefahren für die 
Gesundheit der Zimnier-Bewohner herbeiführen, zum mindesten aber 
das Behagen derselben auf erhebliche Weise beeinträchtigen würde. 

(Schlaib fi>l^) 



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IXe Entwickdnng der rmriachMi Flotte leit dib KiiAdnrieg». 73 

V. % 



Sie Mtwickeluiig der rnssisolieiL flotte seit 

dem Kiimkiiege. 



T. Einleiteutles. 

Die riis.siäche Flotte zählte im Jahre 1853, als ilie dritt«tärkste 
unter den europäischen, im Schwarzen Meere im ganzen 181 brauch- 
bare Schiffe mit 2227 Oeschützeu und 4258 Mann Equipage, dar- 
unter von grofsen Schiffen: 14 Segellinieusehiffe, 0 Segelfregattrn, 
7 Danipffrt'gatten, t Segelkorvetten; auf«erdem wareu im Bau be- 
griffen 2 Schraubeulinienschiff(!, 2 Korvetten. 

Im Baltischen Meere befanden sich sogar 217 Schiffe mit 
3373 Geschützen und 4152 Mann Equipage, darunter von grofseu 
Schiffeu: 2G Segelliiiienschiffe, 11 Segel Fregatten, 9 DampfTregatten 
uiul 2 Dampfkorvettcn. Mithin bestand der weitaus gröfste Teil 
der russischen Kriegsflotte in der Periodt! dos Kriinkricges aus 
Segelschiffen, die damals bei Freund und Feind die denkbar 
gröfste Vollkommenheit erlangt hatten, und denen vorläufig die 
Dampfschiffe nur als Unterstützung zur Seite standen. Das Schicksal 
der ruhmreichen Flotte des Schwarzen Meeres während des Krim- 
krieges ist zu bekannt, als dala wir uns weiter darüber verbreiten 
dürften. Die anbefohlene VerseDknng von etwa 70 grölSseren and 
kleineren Schiffen wandelte die bisher aasgezeichnete Bhede Ton 
Sewastopol sa einer Lagune, die brillanten, ron echt eeemSnnischeni 
Geiste erfttllten Flottoneqoipagen su Landtruppen um. Nach Ab- 
echlnb des Parieer Friedens bestand im ganzen Schwarzen Meere 
kein einsiges Kriegsschiff Ton irgend welcher Bedeutong. Es blieben 
nnr 12 kleine Dampfer, 22 kleine Segelschiib und 37 Kanonenboote 
fibrig. Ähnlich Tcrhielt es sich mit den Schiffen der baltischen 
Flotte, die beim Beginn des Krimkrieges zum grolsen Teil bereits 
recht nnbfanohbar waren nnd sich flberdies ihres greisen, tiefe 
Gewisser erfordernden Tiefganges wegen, fOr die Verwendung an 



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74 



Die Bntffiokfilinig der nuHuchen Flott« tdt deni Siiiiikiiflge. 



der Küste weuig üiguetcn. Ihre Leistungen waren dent eutsprecbeud 
den überlegenen und mehr Dampfschiffe zählenden feindlichen 
Flott-en gegenüber gleich Null. Bis zum Abschlufs des Pariser 
Friedens wurden von der Ostsee flotte teils versenkt, verbrannt oder 
verkauft 34 Scliilfe; der Rest, iniuierhiu noch aus 31* <rrofson Schiffen 
bestehend, fand iiacli dem Kriege nur noch untcrgrordiicte Ver- 
wendung und wurde im gleichen Schritt mit der Entstehung der 
öchraubenschitre ebenfalls ausrangiert oder verkauft. Am 1. Januar 
1880 zählte die Flottenliste des Baltischen Meeres au Segelschiflfeu 
nur noch die Korvette »Bojarin«, welche als Schulschiff für die 
Zöglinge der Miiriiicsihule verwendet wird, ferner das ihr beige- 
gebene Transj)ortschitl ( iiljak«, 3 Yachten der Gardeflottenequipage 
und 10 Fahrzeuge des kaiserlichen Yachtklubs. — Wie aus den vor- 
erwähnten Angaben ersichtlich, war der Bestand der Dampfschiffe 
der russischen Flotte in beiden Meeren bei Beginn de.s Krinikrieges 
nur ein verhältnisniiifsig unbedeutender. Alle diese Schiffe 
waren lladdampfer. kein einziges hatte die Schraube zum Motor. 
Die Ursache dieses Zuriickbleibens Husslaiuls hinter den Westmächten 
ist darin zu suchen, dafs die russische Industrie noch nicht weit 
genug vorgeschritten war, gute Baumaterialien und Techniker fehlten, 
und die Hegierung mithin beim Bau neuer Schiffe auf das Ausland 
angewiesen war, was grofse Geldmittel erforderte. Es kam der 
Umstand hinzu, dafs das erste 184G in Uusslaiid gebaute Schrauben- 
schiff der »Archimedes« am 18. Oktober 1850 bei Bornholm scheiterte. 
A?igesichts des drohenden Bruchs mit den Westmächten und speziell 
zum Schutz von Kronstadt wurde erst 1851 und 1852 zum Bau 
von 2 Schraubeufregatteu zu je 44 Kanonen und während des 
Krieges 1854 — 1855 zur Konstruktion von noch 2 anderen xn je 
5S Kanonen geschritten. Diese 4 Sehiffe, desgl. drei andere, die 
auB S^geleelulfon sn Sehranbensdui^ umgestaltet wurden, erhidten 
ihre Vollendung aber eist nach dem Krimkri^. Im Decraubv 
1854 erfolgte, lediglich zu DefensiTswecken, der Befehl zum Bau 
Tou 38 Schraubenkanonenbooteft für die Schärenflotte, denen sich 
im Sommer 1855 der Bau von weiteren 85 Booten anadilob. In 
die Periode des Krimkrieges fallt auch der Bau von 14 Schranbeo« 
korvetten, 6 Schianbenklippem und 3 Sdiraubenlinienschiflfen, die 
aber zum Teil erst dann fertig wurden, als man in England und 
Frankreich bereite znr Herstellung von PtenzerschüFen geschritten 
war. Alle diese Schiffe waren eilfertig gebaut und zeigten daher 
keine glänzenden maritimen EigODSchaften. Dennoch wurde durch 
ihren notgedrongenen Bau im lulande die Industrie sehr gehoben, 



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Die Eotwicktilaug der ruäüi^clieu Flutte seil dem Kriinkriege. 75 



nnd dadofeh d«r erste Gnmd sa eber emhdinischen Maschinen- 
technilc gelegt Anlserdem erhielten die rassischen Seeleute durch 
den Dienst anf den Dampfschiffen, gelegentlich ttngorw Fiüirt in 
fiemen CbwSssem, die erforderliche teehnisdie Bontine. 

Hinsicbtlieh der weiteren ScKdpfnng einer Schraabenflotte 
ging man nach dem Krimkiiege Ton dem Chnmdsatae ans, die 
mssisehe Flotte in der Ostsee (die Flotte des Schwanen Meeres 
kommt erst in nenster Zeit wieder in Betracht) mnsse nnter denen 
der eoropÜsehen Machte den 3. Bang einnehmen nnd stärker sein 
als ribntHehe kleineren Flotten snsammengenommen. Sehr viel 
Gewicht wnrde dabei anf die Existenz einer SchSrenflotte zur Vei^ 
teidigang der baltischen Enste gelegt Der nach diesen Gmnds&taen 
anfgestellte Flottengrfindnngsplan wnrde jedoch im Laufe der Zeit 
ans Tersebiedenen Grttnden, namentlich wegen technischer nnd 
finanzieller Bedenken, mehrfach geändert. Wir geben daher hier 
nnr einige faktische Daten: Ende 1858 zahlte die ranische Schraaben- 
flotte in allen Gewässern bereits 183 Schiffe, darunter von greiseren: 
8 Schraiibeulinienschiffe, 5Schraubenfr^atten, 16 Schraubenkorvetten, 

6 Schraubenklipper. Die weitere Thütigkeit wurde nach dem Beispiel 
der übrigen Seemächte mehr auf den Bau von Schraubcnfregatfpii 
mit stärkerem Geschütz, an Stolle der /u langsamen Linienschiffe 
gerichtet, wobei, gröfserer Schnelligkeit der Herstellung wegen, die 
noch jetzt im Dienst befindliche Fregatte »Swettaua» nebst einer 
anderen in Frankreich in Bau gegeben wurde. Daneben entstanden 
in den Jahren 1858 — 1863 aufeer 6 Schranbeukorvetten noch 

7 Klipper, die ebenfalls zum Teil noch jetzt als Station»- nnd 
Kreuzerschiffe im Gebranch sind. Die Maschinen kamen meistens 
aus England, im Übrigen wurde möglichst auf Verwendung von 
einheimischen Arbeitskräften und Materialien Bedacht genommen. 
Im Ganzen wurden während der Jahre 1856 — 1863 gebaut: 3 Drei- 
decker, 4 Fregatten, 6 Korvetten, 7 Klipper, 3 Kanonenboote, von 
denen indessen schon 1861 2 Fregatten zur Panzerung bestimmt 
wurden. Die politischen Verhältnisse der Jahre 1862 und 1863 
gaben dem MarintMuiiiisterium Gelegenheit, die Resultate seiner bis- 
herigen l'liiiti^'keit zu prüfen. Abgesehen von den zur Verteidigung 
der baltischen Küste getrolienen Maüsrogeln, wurden im Jahre 1863 
2 Kreuzerschwuder, eins für den Atlantischen Ocean, bestehend 
ans 3 Fregatten und 3 Korvetten, uiul ein.s ITir den Stillen Ocean, 
bestehend uns 4 Korvetten und 2 Klipperu, aufgestellt. Sämtliche 
Schiffe waren noch ohne Panzerung, aber sonst von der damals 
vollendetsten Konstruktion und brachten dorch ihr ganz unerwartetes 



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76 Bte Entwielnliiiig der nunaofann Flotte «dt dem Erimkiieg». 



Auftreten an den Küsten Nordamerikas der riissisclien Politik 
grobea Nutzen. Bedenkt man, dafs im Jahre 1852 und 1853 das 
Mariueministerium nur mit gröfster Mühe zwei ]m drei Segelschiffe 
aus dem zahlreichen Bestände der baltischen Flotte zu entnehmen 
und nach dem Stillen Ocenn zu entsenden vermochte, und dafs diese 
iSchiffe in viele lliLfeu hehufs Keparutnr eiulaut'eu mufsteu, wa,s die 
Schrat! benschilte nicht bedurften, so liegt der während der letzten 
10 Jahre gemachte Fortschritt auf der Hand. Merkwürdigerweise 
wäre ea gerade diesen 12 Schraubenscliiflen fast besehicdcn gewesen, 
Zeuge jenes epoclieinachenden Rencontres zwischen den Schiften der 
Nord- und Südstauli ii Amerikas zu sein, die in der ganzen Schiffs- 
baukunst einen solchen Umschwung hcr))eitiihren, und dem auch 
die Schrauben holzschiffe zum Opfer fallen sollten. Wir meinen den 
Kampf zwischen dem improvisierten Panzerschiff der Rebellen >Mer- 
rimak« und den Schraulienfreiratteu der Konf'oderierten und das 
Naehspiel, welches die Niederlage der »Merrimak« durch den von 
den Nordstaaten ausgerüsteten »Monitor« auf der Rhede von 
Hampton herbeiführte. 

Nach dem Jahre ISOn wurde auch das russische MarineniinLsterium 
durch die Macht der Verhältui.sse genötigt, die HolzdampfschitVe nach 
und nach aufser Dienst zu stellen. Von den früher vorhandenen 
0 Schruubenliniensi liiffen ist jetzt ki'ins mehr im Gebrauch. Die 
Umgest^iltung der liolzfregatten zu Kreuzern (eiserne Schiffe mit 
srhnelier Fahrt, wenigen aber schweren Geschützen und entsprechend 
schwächerer Bemannung zum Dienst in ausländischen Gewässern 
und Beunruhigung der Ilandelsschifffahrt des Feindes) erschien im 
Verhältnis zu dem davon zu erwartenden Nutzen zu kostspielig. Es 
wurde daher nur die durch ilire Reise vin die Wdt bebumt ge- 
wordene Fregatte »Swettana« in dieMm Sinne nmgeSndert, während 
die anderen Fregatten, so lange eie noch brondibBr waren, lediglieh 
sn Übungszwecken dienten. Für Kreoserawecke geeigneter waren 
die Torhandenen Sohranbenkonretten nnd Klipper. Sie wurden daher, 
teilweise entsprechend restauriert nnd mit Bchwererem Geachfita wie 
Torpedo-Apparaten ausgerllatet, alsKrenaer serienweise verwendet, nnd 
leisteten, so lange sie keinen Kampf mit stSrkeren Schüfen dnm» 
gehen brauchten, gute Dienste. 

Von diesen von 1855—1868 fOr die baltische Flotte erbauten 
33 Schiffen sind jetst nur noch 13 im Dienst 

Während der Jahre 187 1— 1881 wurden dannsn denadbenZweeken, 
namentlich zum Dienst im stülen Ocean, wo die nenentstehende 
Seemacht Japans Busslands Aufinerksamkeit errsgte, 10 neue 



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Di» Bntwkikeliiiig dnr miiboliaii Flotte aeit dom Erimkricge. 



77 



eiserne Klipperschiffe erbaut, von denen sechs aus Eisen, vier 
aus Eisen und Holz nach dem sogenannten kombinierten System 
gefertigt sind. Sie erhielten als Bewaffnung 13 sechszöllige gezogene 
Geflchütze, aufserdem 4 Schnei Ifenerkanonen Engslrß.n nnd Pulm- 
kranz nnd Torpedovorrichtungen aller Art. Diese Kreuzer haben 
sich, al)geselien von einzelnen Mängeln an den Maschinenteilen, sehr 
gnt bewährt; einer üirer IIauj)tnachtoile besteht indessen in dem 
Mangel oinos dnp]>oUen I^ndons. Aufser diesen meist im auswartifjfen 
Dienst verwendeten Kreuzern besitzt die russische Flotte aber noch 
vier andere Schiü'e derselben Kategorie. Es sind dieses dio Kronzor 
»Europa«, »Asia«, »Afrika« nnd »Sabiaka«. Die Geschichte ihrer 
Erwerbung ist sehr eigenarti;^^ Während des türkischen Krieges 
im Winter von 1877 — 1878 hatte Russlaiid in den auswärtigen Ge- 
wässern nur die sonst üblichen wenigen Kreuzer schwimmen. Da 
man aber ähnlich, wie im Jahre ISHf^, einen Krieg mit England 
vermutete, und die russischen Schiffe des Winters wegen die Ostsee 
nicht verlassen konnten, so kam das Marineiniiiisterium zur gelegent- 
lichen Störung des englischen Handels nnd der Fisclierei hei Neu- 
fundland auf den völkerrechtlich nicht gau/. nnangreifharen iMnfall, 
Anfang 1878 in Kronstadt eine Expedition von 6G Ofti/.ieren und 
GOG Manu unter Befehl des Kapitän- Lieutenants Sämetschkin auszu- 
rüsten, die sich auf dem in Hamburg geheuerten Dampfer »Ciml)ria« 
nach Amerika begab und dort unter vielen Schwierigkeiten die drei 
ersten der genannten eisernen Schiffe ankaufte. Dieselben wurden 
sofort zweckentsprechend in Amerika umgeändert, worauf sie, als 
der Krieg schon beendet war, nach Russland cjebracht wurden. 
Der Kreuzer »Sabiaka« wurde dagegen in Annrika innerhalb 
4V2 Monaten ganz neu augefertigt. Auch diese Schiffe halben sieb 
bei den von ihnen bei Gelegenheit der Indienststellnng unternommenen 
Reisen nach dem stillen Ocean u. s. w. als durchaus tüchtige nnd 
namentlich schnelle Kriegsschiffe gezeigt. Im Gegensatz zu den 
übrigen Kreuzern leiden sie aber an dem für ibren Zweck aehr 
hinderlidieii Übelstsnd, dafe ihre Takelage nur eine sehr achwache, 
ihr Kahtoaverbraueh mithin ein sehr grofser ist. Auch liegen auf 
Grund ihrer Herstellung aus Handelssehiffon die Maschinentdle zu 
hoch aber dem Wasser nnd sind daher dem Fener des Feindes 
sehr aosgesetast Sie bedflrfen femer, weil unter dem Wasser nicht 
mit Hole bekleidet, l^figer Reparatar nnd haben eben, sowie die 
in Rnasknd gebanien Klipper, keinen doppelten Boden. Ihr Wert 
als Kriegsschiffe ist daher ein besebrinkter nnd können ne sich 
mit Panserschiffen in keinen Kampf einlassen, was man in noch 



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78 Entwickeloog der rassischen Flotte seit dem Krimkriege. 

höherem Mafse von den Schiffen der ebenfalls während des letzten 
Krieges, aber von einer Privatgesollschaft gestifteten, sogenannten 
»Freiwilligen Flotte c sagen kann. Diese Schitife, welche im 
Kriege die Zahl der in den ausländischen Gewinm operierenden 
und den Handel des Q^eis schädigenden Kreuzer Termehien Bollen, 
sind ebenfalls ssn Eii^gssweeken umgeänderte grSÜsare HeiidehMililflii, 
die von msaechen Seeoffisieren geföhrt, im Frieden sa kanf- 
mfinnischen UntameliinaBgen benvirt werden, um rieh dadnreh 
besahlt sta maehen und 'den Staat zn ontentfitaen. Die enielten 
Einnahmen aind aber för die ünterbaltnng dieeer Schüfe nicht 
annreiehend, nnd die Qeeellsehaft geht die Regierung steti am 
Znechftoe an. Znr AusbUdung von Seeleuten sind aneh aie immerhin 
▼on Nntsen. 

Von dem während des ErimkriegeB erbanten 48 Schnmben- 
Kanonenboten waren Anfirng 1880 nnr noch 10 im Dienst, meist 
m Übnngs- nnd Vermessnngsaweoken. A'n ihre Stelle tnlen 1878 
nnd 1874 schwimmende Plattformen, Typus »Jersch«, tou denen 
jede ein 9 oder 10 aftUiges schweres Geschfita tragt, nnd Uber die 
Näheres bei Schildemng der rassischen Panaerflotte, an der wir 
nnnmehr schreiten, gesagt werden wird. 

IL Defensivflotte. 
Die Schdpjfnng der rassischen Panserflotie nahm ihren Anfang 
im Jahre 1861 und wurde, wie fiberall, deshalb vorgenommen, um 
einerseits den schon vor dem Knmhriege als Schifigesohfitae in 
Oebrauch befindlichen > und bei Sinope nnd Sewastopol mit grofisem 
Erfolg angewandten schweren Bombenkanonen dar ÜBindliöhen Flotten, 
andrerseits aber aneh den mit IhnUchen Qeschfitwn bewehrten 
Kflstenbatterien erfolgreichen Widerstand leisten zn kennen. Be- 
kanntlich ging zuerst im Jahre 1854 Frankreich mit dem Bau 
dreier ans Holz koustmierter gepanzerter Batterien vor, worauf 
England 185G mit dem Bau von 7 schwimmenden Batterien, zum 
Angriff des Hafens von Kronstadt bestimmt, folgto. Demnächst 
hante Frankreich drei hochbordige Panzerschiflfe mit Takelage für 
das hohe Meer aus Holz, deren Hauptrepifisentant, die »Gloire«, im 
November 1859 von Stapel lief. Eüglaiid, um nicht zurückzubleiben, 
baute 1859 vier ähnliche Panzerscliifl'c, aber aus Eisen (Warriorsystem). 
Im Allgemeinen ging die Richtung in Europa dahin, die Panzer- 
schiffe den bisher in Gebrauch gewesenen Dampf- bezw. S^elschifFen 
in ihren Dimensionen, in der ätifseren Form nnd hinsicbtlich des 
Placemeuts der Geschütze möglichst gleichartig zn gestalten. Die 



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Die Eotirickfllm^ der rnsBischen Flotte seit dem Krimkrii^. 79 



IiT&liniiigeii des Nordamerikanisohen B&rgerkriflges wirkten jedoch, 
wie bereite erwihaii inaofiBrii auf den Bau der Panzerschiffe epoche- 
machend ein, ab das von Erikson konstmierte Panzertnnnschiff 
»Monitor« anf Gmnd seiner stärkeren Panzerung nnd sehwererer 
Gksehfitie im Verein mifc der dnrch den niedrigen Bord nnd den 
drehbaren Tnrm hervorgemfenen geringeren Yerwnndbarkeit am 
20. und 21. Mars 1862 auf der Rhede von Hampton übor das 
improrisierto Panzerschiff der Sfidstaaton »Merrimak« einen eni- 
schiedenen Sieg daron trug. Die gIeiohaei% auch Ton dem Eng- 
linder Coles projektierten Panzerinrmschiffe erbielton durch 
diese Erfahrung eine solche Bedeutung, dafo nicht nur die Nord- 
amerikaner mifc dem Ban von Monitors fortfuhrt nnd sie sogar 
für den Gebmuch auf hoher See geeignet machten, sondern auch 
die europaischen Mächte diesen Typus you niedrigbordigen Panser- 
schiffen annahmen. Der Hauptsache nach gescbali dieses jedoch nur 
für die KOstenverteidigung bezw. den Angriff von Ufcrbefü^tigungen, 
wozu es einer besonders starken Panzerung und besonders sdiwerer 
Geschütze auf den betreffenden Schiffen bedurfte, während man für 
die Verwendung auf hoher See und den Kampf in Linien mit Recht 
mehr Vertranen anf die hochbordigen, getakelten Panzerschiffe setzte, 
selbst wenn die Panzer derselben naturgemäCs weniger stark, die 
Geschütze weniger schwer sein konuten, als bei den mit schwimmenden 
Forts vergleichbaren Monitors. Man hatte also nunmehr Panzer- 
scliiffe zu offensiven und defensiTen Zwecken mit einer Menge Ter^ 
schiedener, in den Details von einander abweichender Typen, die 
durch die später in Gebrauch kommende Anwendung der Torpedos 
noch mehr verändert werden sollten. Die russische Regierung, 
welche vom Ende des Krimkrieges bis 18()3 ihre flauptaiifmerksamkeit 
auf den Bau von liölzornen Schraubenscliirten richtete, verfolgte 
zwar aucli sehr lebhaft die Fortscliritte auf dem (lel)iot der Scliiffs- 
bautechnik, mnfHte sich aber bis- zum .Talire ]9i\] der uiii!,ünstit^*'ii 
Finanzlage wegen, mit Öchiefs- Versuchen gegen die aus eiuheimisclien 
Faijriken hervorgehenden Panzerplatten begnügen. Dieselben ergaben, 
dafa die russische Teclinik in der Eisenindustrie den anderen euro- 
päischen Mächten bei weitem nicht gewachsen sei. Als erster 
Versuch wurde 1801 m Petersburg aus englischem und russischem 
Eisen ein kleines Panzerboot gebaut, hei dem aber nur dtsr Uurr niil 
einer 4V2 ^^oH starken, auf 12 Zoll starkem Teakholz ruhenden 
Panzerung bekleidet war. 

Ein von dem damaligen Generaladmiral der russischen Flotte, 
GroHörst Konstantiu, dem Kaiser 1801 eingereichtes Memoir spricht 



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80 



0ie EntwidEelang der nuaiscben Flotte leit dem Krimkricg«.* 



über die von ihm schon seit lSr)8 als dringend n<it wendig bezeiclmete 
Schopfunj^ einer russischen PanzerHotte die Ansicht aus, dafs, da 
es dem .Staate vorläufig nicht möglich soi. jährlich mehr als 
15 — 16 Millionen Rubel für die Flotte aiiszugeben, zunächst znr 
Schöpfung einer Defensivflottc zur Verteidigung der baltischen Küsten 
geschritten veerden müsse, da man bei der augenblicklichen Saciihige 
den Seemächten gegenüber trotz des vorzüglicheu Personals der 
Flotte ganz schutzlos sei. Erst nachdem diesem dringendsten Be- 
dürfnis genügt sei, könne man an die Aufstellung einer für die 
hohe See geeigneten Panzerflotte denken. Unter den im Ausland 
angenommenen Systemen gab der Generaladmiral den aus Eisen 
gebauten Schiffen mit hohem Rord den Vorzug und, um die russischen 
Schififsbauleiite möglichst bald vom Auslande unabhängig zu machen, 
wurden die besten Schiffsingenieare und Werkleute nach England 
geschickt, um beim Bau des dort 1861 bestellten Batterie- Panzer- 
sehifii »Perwenjez« (der Erstlmg) zugegen zu sein und sich mit 
der Teohnik des Baa*B T«srtnnit su machen. Die Batterie »Perwenjez«, 
ein noch jetrt im Dienst befindliches gates SkshüF von 22 meist 
achtiölligen Kanonen lief 1863 Ton Stapel. Es folgte 1862 der 
Bau einer sweiten Panwrbatterie »Nietron-menja« (Rühr* mich nicht 
an) aber bereits in Rnsslaud, sn welchem Behufe der englische 
Schiflsingenienr Mitcbel mit Werklenten naoh Petersburg berufen 
wnrde. Als Material diente hauptsächlich englisdies Eisen. Dem- 
nächst Teisah man die 1861 in Kronstadt nnd Petersburg begonnenen 
h6kemen Schranbenfregatten »Sewastopol« nnd »Petropawlowsk« 
mit Pan£em, Shnlich wie es die Fransosen und Engländer mit ihren 
Holaehiffm gemacht hatten. Man folgte also bisher nur europäischen 
Mastern. Als jedoch die amerikanischen Turmsehiffe ihre Brauch- 
barkeit erwiesen hatten, wurde das Erikson'sche System um so 
mehr in Bnssland angenommen, als die Moniton ihres geringen 
Tiefgangs wegen sich sehr für die Verteidigung der russischen 
Küsten eigneten, schneller herzustellen waren und nur Panaerplatten 
von solchen Dhnensionen brauchten, die in Busaland selbst herzu- 
stellen waren* Da Russland damals, 1868, vor einem Brudi mit 
den Westmäehten wegen der polnischen Frage stand, und man 
daran denken mubte, Kronstadt und Petersburg zu schfitien, so 
wnrde ein Flottengrfindungsphm angestellt, wonach innerhalb 
6~-7 Jahren mindestens 40 Defensionspanzerschiffe in Gestalt von 
schwimmenden Batt^en, Monitors nnd Kanonenbooten gebaut 
werden sollten. Da hierzu die laufenden Mittel nieht aasreichten, 
wurden extraordinär bewilligt fttr 1868: 3 Millionen Rubel, 1864 



9 



Dia Eiitwidceliiiig der nniidMii Flotte edi dem Erimkriege 81 

3,800,000 Rubel, davon 1,200,000 im Voraun entnommen dem 
Budget von 1865. Um schneller vorgehen zu können, erhielt das 
Marineministerium, wie es heifst, niclit oben zum Vorteil des 
Staats, das Recht mit dem Bau der SchiflFe ganz selbststündig, d. h. 
ohue Beobachtung: der sonst üblichen Kontrolle, verfahren zu dürfen. 

Es sollten demnach gel)iiut werden: zehn eintOrmige Monitors, 
System Eiikson mit zwei 9 zölligeu gezogenen Geschützen ans 
eugliöcheni Eisen, sämtlicli 201 Fufs lang, 41 Fnfs breit, 11 VwU 
G Zoll (nach Zeichnung) tief, mit 1,50(3 Tonnen Inhalt und 6 — 7 Knoten 
Fahrt, ohue doppelten Boden, aber mit Korapartiments-Schieht- 
panzerung, an den Borden 5 Zoll, an den Türmen 11 Zoll stark, 
auf Eichen- und Teakholzuntcrlage; vierflügelige Schraube. Vier 
dieser noch jetzt in Gebrauch befindlichen Monitors wurden teils 
auf der neuen, besonders dazu eingerichteten Admiralitäts werft zu 
St Petenbui^, teils auf der Oaleereninsel auf Lieferung, vier andere 
auf den beiden Petersburger Privatwerften gebaut, während die 
Anfertigung der einseinen Teile der HonitoxB »Koldan« und »BiSschnn« 
in Belgien, deren Znaammenstellang aber auf einer nusiseben Werft 
▼er sieh ging. Gleidizeitig schritt man zum Bftn von 13 gepanzerten 
Batteriefldfsen, jedee ein sehr schweres Oesehlltz tragend, die an 
Stelle der ursprünglich geplanten gepanzerten Kanonenboote traten. 
Femer begann man den Bau des sehr starken zweitürmigen Boots 
»Smertseh« (Wasserhoee), welches in jedem seiner beiden nach System 
Ooles (hftlb im Deck versenkt) konstruierten drehbaren TOrme ein 
nennzölliges Geechfitz tiSgt, ~ Der Bau dieser Panzerfahrzeuge 
wurde in Folge der drohenden politischen Lage Tag und Nacht 
unnuterbrochen mit zwm AblSsnngen ani^geftthrt, so dab die en^nten 
11 Schiffe innerhalb Jahresfristi d. h. in der ersten Hälfte des Jahres 
1864, Ton Stapel laufen konnten. 

Ferner wurde begonnen d» Bau einer dritten Panzerbatterie 
»Kreml« nach dem Moster der oben genannten Batterien »Perwenjezc 
nnd »Nietionmenja«, aber Ton etwas grölsereo Dimensionen und 
mit 14 achtzolligen Geschfltzen. Panzerplatten, 4— ^5 Vi Zoll stark, 
ans EngUmd. Das Schiff wurde schon 1865, d. h. ein Jahr frfiher 
als Torati^gesehen, fertig. — So war im Allgemeinen das Jahr 1868 
flSr die Entwickdung der russischen Flotte wahrhaft epochemachend, 
nidit nur was die Entstehung neuer Schifle an sich, sondern auch 
die dadurch bewirkte Förderung der Staats- nnd Privateisenindustrie, 
die Ausbildung von Technikern nnd Arbeitern und die Aufschliefsung 
der nationalen Reichtümer an Metallen, die Schöpfung von Nieder- 
lagen ffir den Notfall und überhaupt die Unabhängigkeit vom 
mmiiiff flr m ainiiii imw ui imm, wl zlviu« i. $ 



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82 



Die Entwkkelaiig der raariBCheD Fbtte seit dam Sjtbnltriegtt. 



Auslände, speziell England, anl)ctnrtt. Diese mit sehr grofsen 
Schwierigkeiten verkmi])f(<' s{ höjit'erische Thätigkeit des Marine- 
ministeriums erhielt am (J./18. Oktober 18(>() durch einen Ukas des 
Kaisers Alexander Tl., der di\s rus.^isclie Geld dem Laude erhalten 
wissen wollte, eine un/.weideutige Anerkennung. Der Kaiser verfügte: 
»Fortan sollen alle im Auslände gemachten Ankäufe für das Reich 
ebenso auflioren, wie es schon von Seit« )! des Marinemiuisterinms 
gescheheJi ist, und sollen fortan alle Arbeiten, speziell für das Kriegs- 
niinisterium und das Ministerium der Kommunikationen, im Inneren 
des Landes ausgeführt werden, ungeachtet aller damit für die erste 
Zeit verbundenen Schwierigkeiten und Nachteile.« In demselben 
Sinne schrieb' 1865 der damalige russische (iesaudte in London, Baron 
Brunnow, an den Reichskanzler, Fürst Gortschakow: »Ich kann der 
Voraiissiclit, mit welcher das Mariaeministeriuiu in iUis.sland die 
Notvvtuidigkeit zur Schüjifung selbststiindiger Anstalten für uu.seren 
Schiffsbau erkannt hat, nur meine volle Anerkennung zollen. Diese 
zeitgemäfseu Mafsregeln werden die Befreiung Russlauds von dem 
Gutdünken Englands zur Folge haben, auf das mau sich niemab 
mit groCsem Vertrauen verlassen kann.c 

Da mit dem Anbrach des Jahres 1864 der politifldie H^Hriaoiit 
sich etwM geklftrt hatte, so konnte an Stelle der seit 1863 einge- 
tretenen fieberhaften Thfttigkeit hinsichtlich des Banes neuer Schiffs 
eine ruhigere Überlegung treten; man hatte Zeit, die in der alten 
nnd neuen Welt auftancbendra neoen und neuesten Systeme: 
hölserne und eiserne gepanierte Schiffskörper, hoehbordige getakelte 
Panxerschiffe und Tnrmschiffo, Turme nach dem amerikanischea 
Sjstem EUkson und dem englischen Goles, schichtweise oder dn- 
heitlidie Panzerang n. s. w., von denen jedes seine becteistcrten 
Anhänger nnd Gegner hatte, naher su prüfen. Nichtsdestoweniger 
hielt man es, namentiich ans Gkonomischen Qrflnden, aber auch am 
der ins Leben gerufenen Industrie ausreichende Besehaftigang zu 
geben, för ratsam, gleichseitig mit dem Ban Ton acht neuen Schiffen, 
gem&ls dem 1863 aufgestellten Programm, Torsugehen, anstatt wie 
▼on anderer Seite Torgeschlsgen, ein Schiff dem anderen folgen an 
lassen and sich dabei der neuesten Erfindungen zu bedienen. Diese 
acht Schiffe waren: 

Die beiden Zweiturmboote »Tscbarodaika« nnd »Russslka«, 
die beiden Zweitnrmfregatten »Admirsl Spiridow« und >Admiral 
Tschitscbagow«, 

die drei Dreitnrmfregatten »Admiral Greigh« und »Admiral 
Lasaren« und 



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IK» Entwiekefamg der nrnraelMii Flotte seit dem Srimkriage. 



83 



die bi idea hochbordigen Fregatten »Fürst Posharski«: und »Miuin«. 

Unter diesen 8 Panzerfahrzeugen sind also sechs TuiinschiHe, 
die man damals als für den Küstenschutz am geeignetsten betrachtete. 
Ihre i>esserc, ein grofsere Seetüchtigkeit, als die ihrer Vorgänger, 
bedingendo Konstruktion befähigte sie aW aufserdem auch, den 
finnischen Meerbusen und die Ufer des baltischen Meeres zu befahren. 
Man kann sie niitliin als Ansfalischiffe verwenden. Die Fregatten 
»Fürst PfHharski« und 5f>^Iiuin« gehören bereits zu der weiter unten 
näher berührten Art der vollständig seetüchtigen, zum Stationsdienst 
in fernen Gewässern geeigneten Schiffe. 

Die beiden 1865 begonnenen, 1807 von Stapel gelassenen 
zweitürmigen Boote »Tscharodaika« und »Bussalka« haben zwei 
Turme, System Coles, eine Maschine von 200 Pferdekraft und je 
zwei Schrauben. Länge 200 Fufa, Breite A'2 Fnf>, Tiift' nach 
Zeichnung 11 Fuli*. Inhalt 1,850 Tons. Panzerplatten vonS' 4—4 Zoll 
Stärke auf 12 — 18 zölliger Teakholzuuterlage. In jeden» Turm be- 
finden sich 2 nennzöUige Geschütze. Die 1BG7 und 18G8 von 
Stapel gelaut'c neu vier Turmfregiitteu haben fast gleiche Dimensionen 
(die drei Tunufiegatten nur wenig kleinere), nämlich 248 Futs 
Länge, 43 Fufs Breite, mittlere Tiefe nach Zeichnung 10 Fnfs 6 Zoll. 
InhiUt 3,5» >5 bezw. 3,480 Tons. Maschinen zu 40(1 Pferdekräften 
und je zwei Schrauben. Die Panzerplatten sintl um Kiunpf, sich 
nach den Endpunkten verjüngend, G — 8V2 Zoll, an den Türmen 
6Va — 5Vs Zoll stark. Die Artillerie besteht jetzt (aufeer den 
schwScheren Kalibern) ans je einem eUscSUigen Geschütz in jedem 
Tonn. Allen sechs SehifliBii fehlii ihrer Haaptbestimmung des 
Kfistenschateefl gem&b, die Takelage mit Anmiahme hoher Flaggen- 
stScke an Signalen u. a. w. Der gröfste Teil des ftnmpfes mit 
allen edleren Teilen befindet sich nnter Wasser. Über die T8rme 
'fort geht eine KommandohrfiGke mit darauf befindlichen Unter- 
knnftarSnmen für die diensthabenden Offiziere und fifamisohaften, 
das Steuer, den Kompafs, die Sprachrohre u. a. w. 

Blit dem Bftu dieser 6 Ptozerschiffe war die im Programm von 
1863 festgesetate Errichtung einer Defensivfiotte fttr die Ostsee in 
der Hauptsache beendigt, und wurde im Jahre 1870 eine besondere 
Kommission unter Vorsits des Grafen Todleben «ngesetst, welche 
den Plan der Verteidigung Kronstadts und St. Peteisbnrgs mit Hülfe 
dieser innerhalb 7 Jahren geschaffenen, im Gänsen aus 23 Schiffen 
▼enehiedenen Banges bestehenden Panierflotte bearbeiten sollte. 

Die Kommis8H>n fand, dafs genügende Schiffe vorhanden waren, 
um mit Hülfe der Forts und Batterien von Kronstadt den Hafen su 

6* 



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w 

84 IHe ISntwIctelung Uer nmiselMii Fkitte mük don ErimkriefB. 



verteidigeii, nnr fehlten noch einige flaohgehende Schiffe dea l^pas, 
der damals in England angenonunenoi sehwimmenden Plattformen 
mit je einem schweren Geechfiti, die an beaonderB eeichteii Stellen 
des FahrwaaBers opoieren sollten. Der ausgearbeitete Plan erhielt 
am 18/25. April 1871 die Kaiserliche Bestutigung, und giug im 
Jahre 1873 das MariDemiDisterinm auch mit dem Bau der eben 
erwähnten flachgehenden Kanonenboote vor, von denen die Ostsee- 
flotte jetzt 9, aufsordem 1?» liöl/erne ziUilt. 

Das Jahr 1870 war im Allgemeinen für die rassische Flotte von 
besonderer Wichtigkeit, da in deni.sclben nicht nur einaelne, die Ent^ 
wickelnng der russischen Flotte im schwarzen Meere hemmende 
Paragraphen des Pariser Friedens aufgeliobon wurden, sondern anch| ' 
wie mssischerseits besonders herrorgehobeu wird, die deutsche Panzor- 
flotte seit diesem Jahre einen gewaltigen — der russischen Flotte 
in der Ostsee gefahrdrohenden Aufschwung nahm. Zieht man das 
Resunie aus den vom russischen Ärariiieininistorium bis zu diesem 
Zeitpunkt erreichten Resultaten im Vergleich zu den Flotten Frauk- 
reichs, Englands und der Ostseestaaten (Preuiseu, Schweden, Dänemark), 
80 stellt sich folgendes heraus: 

1) r)ie russisclie Panzerflottti in der Ostsee war im Jahre 1870 
unvergleichlicli sdiwiicher. a!8 die englische und traii/.iisische Flotte, 
sowohl was die Zahl der Schitie, als die Stärke der Artillerie an- 
betrifft. 

2) Sic war erheblich stärker, als die vereinigten Flotten Preufsens^ 
Schwedens und Diinemarks, und konnte es mit ihnen sowohl auf 
offenem Meere wie an den Küsten aufnehmen. 

3) Sie durfte sich mit Hoffnung auf Erfolg in den Kampf mit 
den Panzerflotten jeder anderen europäischen Macht, z. It. Oesterreich, 
Italien oder der Türkei, einlassen, aber nnr in der Ostsee oder ge- 
stützt auf die Küsten befreundeter Staaten. 

Dazu kommt noch der wichtige Umstand, dafs in Folge der 
Hebung der einheimischen Industrie, die Unterbrechung der fried- 
lichen Beziehungen zu den WestmSchten, weder der Bau noch die 
Reparatur der russischen Kriegsschiffe ins Stocken zu geraten 
brauchte. — 

Nach diesen bisher erlangten Resultaten Termochte also das 
russische Marineministerium den Kreis seiner Aufgaben, die Panser- 
flotte betreffend, dahin zu erweitem, dals nnnmelir der Bau von 
Panzerschiffen fQr die hohe See, wie sie bereits 1866 und 1867 be- 
gonnen waren, energischer in Angriff genommen werden konnte. 

Ehe wir uns dieser Errungenschaft der letzten 10 Jabre sn- 



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Die Entwiekelmig d«r nunadira Floite mi d«ia Kiimkriflge. 85 

wenden, haben wir indessen noch die Verhültniäse der Flotte des 
schwarzen Meeres kurz zu berühren. 

Im schwarzen Meere durfte Ruüsland nach den Abmachungen 
des Pariser Friedens von 1856 nur 6 Korvetten mit weniger als 
801) Tonncu Inhalt halten, die selbst dem schwächsten Panzerschiff 
keinen Widerstand zu leiäteu und kaum zum Küsteuschutz zu dieucu 
vermochten. 

Die politischen Verhältnisse des Jahres 1863 gaben jedoch der 
russischen Regierung Veranlassung, die Errichtung einer Panzer- 
flotille für das schwarze Meer im Prinzip zu beschlielaen. Man ging 
aber damit nooli melit gleich vor, anteoa um den Argwohn der 
Verkragsmaehie niebt an erregen, awdtens weil ee im Sflden Eab- 
landa an allen technischen Anstalten zum Bau von PanxersohifiiBn 
▼olktSndig feUte. Da jedoch wShieod der Jahie 1866—1868 sowohl 
die Türkei wie Oesterreich kleine Pknsersohiffe in der Donan n. s. w. 
hielten und dieselben Yeimehrten, so ftnlserte der Reiehskansler Ffirst 
Gortschiikow anf eine an ihn ergangene Anfrage des russischen 
Marineministeriums, er sehe keine Veranlassang, weshalb nicht auch 
Rnssland im schwanen Meere Panzersehiffe für den Eüstensohnts 
banen sollte. Es wnrde daher gemab eines kaiserlichen Befehls Tom 
31. Jannar 1870 der Ban von Rmserschiffisn geplant, die aber nur 
zam Kttotensdints, spenell der Meerrage .von Kertsch und des Dniepr 
— Bug-Idmans dienen sollten. Zu diesem Behnfe durften diese Schiffe 
nur 12—14 Ftüs Tiefgang haben, muisten aber andereisexts stärkeren 
Ptoier besitzen und schwerere Geschfitze fuhren, als die stBrksten 
fremdlindischen PanzerachiffB, Die Vereinignng dieser bei dem 
Stande der damaligen Technik einander entg^enstehenden Be- 
dingungen erschien nur Termittelst des vom Contre-Admiral Popow 
Torgeschhigetten Typus der kreisrunden flachbordigen Thurm- 
scbiffe möglich, die sich fiberdies auch durch verhältnismäfsige 
Billigkeit der Herstellung empfahlen. Naclidem die Lenkbarkeit und 
sonstige Gebranchsfähigkeit derartiger runder Batterien an kleinen 
Modellen ervdesen war, wurde am 24. Oktober die Konstruktion 
zweier, nach ihrem Erfinder so benannteu, Popowka's anbefohlen, 
Ton 100 Fnfs im Durchmesser, 12 Fufs Tiefgang, 12zöUiger Panzerung, 
einer Maschine von 480 Pferdekraft und je mit 2 elfzölligen ge- 
zogenen Geschützen in offenen, unbeweglichen Türmen zum Schiefsen 
über Bank bewehrt. Auch die fast gleichzeitig mit dieser Verfügung 
erfolgte offizielle Abänderung einiger Paragraphen des Pariser Ver- 
trages brachte neue Veränderung der vorzugsweise auf die Defensive 
im schwarzen Meere gerichteten Bestimmungen nicht hervor, wobei 



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g0 Ihe Entwickclung der russischen Flotte seit dem Kiüukriege. 

die fijiatinelleD Verhiltniaae vnd der Mangel Ton Werfien wesentlich 
mitsprachen. Nichtsdeetoweniger trag das Marineministeiinm in 
einem nmfiuigreichen Berieht an den Kaiser darauf an, dafe die Zahl 
der snm Efistensehnts notwendigen PanzeiBchifib sogleieh feefgesteOt 
werden sollte, nm im Hinhliek anf ihren Bau xnr Errichtung der 
nötigen Anstalten in den dsan hesonders geeigneten Hafen tob 
Nikolajew nnd Sewastopol sehreiten sn können. Kaiser Alexander II. 
bestätigte diese Yorsehlage am 14/26. NoYember 1870 mit den eigen- 
bindig nnter den Bericht geoetaten Worten: »gana so«. 

Demgemäb wurde die erste Popowka »Nowjoirod« in Angriff ge- 
nommen, nnd zwar fertigte man, da die Herstellang dwselben im 
Süden nicht möglich war, die einzelnen Teile in Petezsbnrg an, 
woranf dieselben nach Nikolajew geschafft nnd dort in den mittler- 
weile dort errichteten Werkstatten zusammen gesetzt wurden. Diese 
hchwierige Arbeit erforderte im Ganzen 18 Monate, und konnte die 
»Nowgorod« am 2, Jnni in Xikolujew von Stapel gelassen werden. 
Der Bau der zweiten Popowka »Vice-Ailniiral Popow« erfolgte darauf 
von 1874 — 1875 Jiereits in Nikolajew. Ihre Dimensionen sind etwas 
gröfser, als die der »Nowjorod«. Die Panzerung der letzteren ist 
11 Zoll, die der »Popow» aber IG Zoll stark. Die Falirgeschwindig- 
keit beider Schiffe überschreitet nicht 8 Knoten. Näher auf die 
Konstraktiou dieses sich eigentlich nur durch grolse Tragfähigkeit 
aiiszeichnenden absonderlichen Typus yon Panzerschiffen einza- 
gehen, dürfte um so woniger angezeigt sein, als ihnen, mit Ausnahme 
der Anhänger des Konstrukteurs, welche für ihre Seetüchtigkeit manche 
Lanze gebrochen haben, von allen russischen Sachverständigen grofse 
Mängel nachgesagt werden, darin bestehend. <lafs sie sich auf hoher 
See und bei Stüniu'u nicht halten können, schwer leiikhar und zu 
laugsam sind. Man kann dahrr diese Bchifie, die bislu-r keine Nach- 
folger gefunden haben, höchstens als schwimmende Forts be/.ciLhiien, 
die unweit der Küste befindlich, vermittelst ihrer ungeheuren Ge- 
schütze ein weites Feld zu bestreichen nnd so einen nicht zu über- 
legenen Feind vor dem Honibardeiuent der llafenplätze ahzulialten 
vermögen. Die nach ähnlichem System in England gebaute kaiser- 
liche Yacht 5>Livadia« scheint sich ebenfalls niclit bewährt zu liaben, 
wenigstens wird sie fortwährenden Veränderungen unterworfen. Vor- 
läufig sind dieses, von einigen Kanonenbooten al)gesehen, die einzigen 
Panzerschiffe im schwarzen Meere. Wie bereits erwähnt, soll dort 
aber jetzt auch eine Offensiv-Panzerflotte geselmtfcn und demnächst 
mit dem Bau von zwei Schiüeu begcuuien \v< rdi n. Die nötigen 
Docks und sonstigen Anstalten dazu sind jetzt sowohl in Nikolajew 



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Alu «ndliidiBebeii MflitiiwZeitMdiiifltii. 



87 



als Sewastopol vorhaudeii. Die bisher in einer Art Lethargie vep- 
harreuden Seeleute sind über dieso Wirderorstehiuif? der t«cherno- 
niorisrhcn Flotte sehr ortVcut. Doch dürfte die I'i rtigstellung einer 
irgendwie nennenswerten maritimen Streitmacht im schwarzen Meere 
noch lange auf sich warten lassen, um so mehr als die türkische 
Flotte si( h nicht eben durch Unternehmungslust auszeichnet und die 
vorliundenen Schiffe im Verein mit den Toi'{)edobooten zur Kuaten- 
Verteidigung und zum Trausportdienst ausreichen. 

Die Flotten des kaspischen Meeres, des Aralsee's und des weifseu 
Meeres sind, was die Zahl und den Wert ihrer Schiffe anbetrifft, 
ganz unbedeutend und dienen nur lokalen Zwecken. Die vollständig 
unbrauchbar gewordene Flotte des Aralsee's soll jetzt sogar ganz al>- 
gescbafft werden. Die sibirische Flotte hetindet sich noch in den 
ersten Anfangsstadieu und hat ihre eigentliche Basis hei der Un- 
tertigkeit der Ilafeneinrichtungeu von Wladiwostok, wohin erst in 
neuester Zeit schwimmende Docks und andere Werfterfordernisse 
geschafft worden sind, noch in der Ostsee, von deren Flotte auch 
die Stationsschiffe für die ostasiatischeu Gewässer und den stillen 
Ocean gestellt werden. (Schluis folgt.) 



Aus ausländisclieii Jffilitäi-ZeitscIiiifteiL 

Itirial in mümm «Hitains. llftns 1883. Mar ito la «tr 8t* 
tacMi-Fanaatlaa i%r Division eilizuffihreideii Aaaiaraaiaa. Zu den indea 

bemerkenswerten Artikeln taktisclien Inhalts, weldie das genannte Journal 
im Laufe der letzten Jahre gebracht hat, treten zwei neue gleichen Inhalts. 
Der er^tere dieser führt den obigen Titel und ist in folgende vier Ab* 
schnitte eingeteilt: 

I. Das Infanterie-Feuer 1870, heute und in der Zukunft. 

IL Folgorangen aus der Annahme neuer Waffen, vom Gedohtspunkie 
der OffenriTe und DefinaiTe. 

IIL Die dnrdi Beglement ▼orgesdiriebeiie GefeehtB-Formetum der 
BiTiflioa entsprielit nicht dem gegenwärtigen BedttrfiuBse. 

IV. BeBpreehoqg der in Vorsclilag gelsradkten Fonnationen. 



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88 



Ava analiUidisclien HiUtir-Zeitidiriften. 



Das erste Kapitel beginnt mit der Feuerwirkung, die daü Resultat 
dreier Faktoren ibt: 
1) Die Wftfle. 

8) Die Ansbfldnng des eiozeliien fibbtttsen. 

3) IKe Beftlngong des Ofibiera in der Leitung des Fenen. 

Im Jahre 1870 war die französische Infanterie mit einem Gewehr 
bewaffiiet, dessen ballistische Leistung dem der Gegner bedeutend über- 
legen war. Die Schiefs- Ausbildung hinpec^en war eine mangelhafte, l)e- 
sonders deshalb, weil diese ganz in der Hand des Capitain de tir lag, der 
naturgeiutifs weit weniger Interesse ftlr die jiersönliche Scliief>t(:rtigkeit 
deä einzelnen Schützen haben konnte, wie der Compagnic-Chef. Eä hatte 
dieses aber audi znr Folge, dab der Letxtere wenig oder gar keine 
Gelegenheit hatt^ Erfiüinuigen snf diesem Qehiete an sammeln, wodurch 
er beltthigt wurde, cUe Überlegenheit der Waffi» in Tollem Halke aussu- 
nutzen. In der preuftiischen Armee hingegen waren die alten Instruktionen 
Friedrich des Grofsen lebendig geblieben, die Schiefs-Auslnldung war und 
blieb einer der wichtigsten Dienst/.weige für den CoraiTOgnie-Chef- Diese 
Ansbildung in Verbindunpf mit einer überlegenen Waffe erzielten in den 
Kriegen 1864 und 186l> die glllnzendsten Itesultate. Nach dem Kriege 
von 1870 — 71 fand in Fiankreich wie in Deutschland eine Neu-Bewaffnung 
statt, und beide Armeen erhielten ein Gewehr, das in seiner Leiätungs- 
fkliigkeit dem anderen nahem gleich war; das dentsehe Gewehr heeab 
eine Überlegenheit durch die sorgfiUtigere An£Brtigung von Gewehr und 
Munition, eine Überiegenhttt, die nenerdiiigs durch mancherlei Ver- 
besserungwi an der franiOsiadien Waifo als beseitigt angesehen wer- 
den kann. 

Diese Gewehre l)eider Staaten bilden jedoch nur den Üliergang zur 
Einführung eines Repetier- oder Magazin-Gewehie.s, die nur noch rine 
Frage der Zeit sein kann. Als Fakta lassen sieb schon Jetzt folgende 
ReüultAte aufstellen: 

1) Das schwedische Magazin-Gewehr Jarman gestattet durchschnittlich 
1 SehulSs in der Sekunde absugeben. 

2) Das Mauser^Oewehr mit Msgsain nach System LOwe enidte 
99*/* Tnlkr, die Ladegesohwindigkeit ist geheim gehalten. 

3) Das Bertolde-Gewehr in Italien gestattete 9 Schule in 11 Sdcunden, 
als Einzellader 2ü Schufs in der Minute. 

4) Der Vergleich aller dieser Modelle erzielt aJs Durch.sthnittsleisiung 
eine Feiier-Geschwindigkeii von 12 Schals als banzellader, von 19 Scbuds 
als Magazinfeucr in je einer Minute. 

5) Das Vergleichsbchiefson zwischen Wemdl und Kropatbchek in Wien 
gab fidgendes Resultat: 

Das mit dem Wemdl-Oewehr bewaffiiete Peloton solioib 1400 Patronen 
in 31 Minuten, das mit Kropatachek dieselbe Zahl in II Minuten, erstem 
hatte 600, letzteres 900 Treffer. 

Ob es in Zukunft noch gelingen wird, die Tragweite der Gewehre an 



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Am MuUodiielwii Hmti^Z6iiMhriltell. 



89 



vergröfsern, VAtsi sich noch nicht mit BeBÜmmtbeit befaaapten, die Wahr- 
Bcheinlichkeit sj)iicht dafür. 

Welche SchUlssp aus dio,-er Statistik zn ziehen sind, und welche Folgen 
die Bewaffnung der Infanterie mit emem dieser Magazin-Gewehre auf die 
Takük habtti wird, blldti den Inhalt des swdtea Abschnittes dieser Studie. 
Die wiebtigste Frage, die gegenwärtig die Taktiker beBchKftigt, ist die, 
welcher Kampfesart der VoRag gebtthrt, ob der Oilensive oder der De- 
fensive, Dasfelbe offensive Prinsip» das 1859 Rnnkrttdi den Si^ Aber die 
Österreicher verlieh, bereitete den Letzteren 1866 ihre Niederlagen. Vier 
Jahre später unterlag die französische Armee bei Anwendung der reinen 
Defensive. Im letzten russisch-türkischen Kriege siegte zwar die Ütfeni«ive 
der iiubsen, jedoch mit einem Aufwände von Zeit und einem Menschen- 
verlust, der in keinem Verhältnis zu den Erfolgen stand. Die Einführung 
einer verbessertun liewaflnung wird in den uilgemcinen Priazipien der 
lUciik BkihtB ändern, was Sicherbeit nnd Sdratx itt der Defensive a& 
Oberlegenheit veri«hai, verliert diese in der Beechrttnkmig der Freiheit 
des Handelns gegenflber der Oflbnsive. Bs teCit sieh jedoch ein hervor- 
iBgender Vorteil aus der Defensive in dem Falle ziehen, dals man sie nur 
auf einzelne Punkte bei>chritnkt. Als Beweis hieftlr wird angefl&hrt, wie 
die Schlacliten von Weifsenburg, Spichoren und Fröschweiler nur dadurch 
verloren ^'in^'^pn, duf-< einer der Flügel oder der Rücken von dem ül>er- 
miü htigen Angreifer uiufafst war, dahingegen widerstanden Verteidigungs- 
punkte, wie die Ferme Moacou, la Folie und lo Point du jour allen 
Frontal- Angriffen; es wird noch eine Reihe von Beispielen aus dem letzten 
dentach-firanzOsischen Kriege angeführt, dnrch welche der Vei&SBer den 
Beweis Kefem will, dab reine Frontal-Angriffe munUgUdi, tungehende 
oder nmftesende Angriffe notwendig sind, dieee aber nar mit überlegenen 
Kräften ausgeführt werden können. Es steht dem Angreifer frei, diese 
auftreten zu lassen, wo es ihm beliebt, wohingegen die Defensive den 
Vorteil hat, daPs sie die starken Verteidigungspunkte nur schwach /u 
besetzen braucht und mit tiberlegener Macht von den schwachen Stellen 
aus zur Offensive übergehen kann. Es ist schwierig, von vom hert'in ein 
Sehlachtfeld in solche Offensiv- und Defensiv-Zoneii einzuteilen, unbedingt 
erforderlich iät es aber, taktische Formen zu besitzeu, die der Verwendung 
an beiden Zwecken entq[>rechen. Ob dieses nach dem fianifisischen Regle- 
ment nun der Fall ist, wird im dritten Abschnitt besprochen. 

Die im Reglement fär die Infimterie-Division vorgeschriebene Oefechts- 
Formation ist folgende: 

Vier Bataillone sind in erstw Gefechtslinie entwickelt, diese haben 
eine Regiment.';- Reserve von zwei Bataillonen hinter sich. 

In zweiter Linie stolien sechs Bataillone. 

Die Brigaden stehen entweder in Staffeln hintereinander oder bilden 
je ein TreÜen. 

Hiernach regelt sich die Ausdehnung der Bataillone wie die der 
Divisioo. Da für erstere 200 — 350 m vorgesuhrieben sind, so engiebt sich 



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90 



Am adflUndischen MmtAr-ZoHaehriftm. 



für letztere eine Ausdehnung von etwa 1500 lu in der Front. Der Ver- 
fasser knüpft hieran eine lange Betrachtung, in der er naclizuweisen sucht, 
dafs diese Formation dadurch eine ungtlnstige ist, dafs sie niolit die vdle 
Entwicklung der Streitkräfte zuliifst. Spozicll werden hierl>ei die taktischen 
Grundsätze der deutschen Armee erwähnt, wie hie üicb nach französischen 
und dentM^en Qaelloi xiimiiiDatttelleii laaaen, und swar: 

1) Die Qefechtsfrimt mvSä eise solelie Anndehnnng haben, da& es 
mfifflieh ist» den Ftind sn umbaseii und in Flanke oder Bfleken ansa- 
gxeiÜBn. 

2) Der eigentliche Angriff raufs auf die Flanken gerichtet werden, 
während in der Front nar «ine Beacbftfiigiing des Feindes durch Schein- 
angriffe stattfindet. 

3) Die (iefccht^jfront mufs ^Mh verlängert werden, um umgebende 
Bewegungen des Feindes zu verhindenL 

4) Bei den Manövern in Deutschland 1876 trat stets das Prinzip 
dentlidi ta Tage, den Gegner derart in der Front ni beeelAftigen, dafis er 
niebt an VerstKrhnng seiner Flanken denken konnte, nnd dann mit ttber- 
legenen Kriften geg«n diese einsndringea. 

5) Frontal-AngrüTe sind so lange als irgend mQglieh au Termeiden 
and dürfen nur Demonstrationen sein, bis zu dem Moment, wo der 
eigentli< h<> Angritf auf den schwäcbi^ten Punkt, d. iL auf die Flanken aar 
Ausfuhrung kommt. 

6) Durch das fortwährende Bestreben der Deutst:hen, umfassende 
Offensiv-Bewegungon auszul Uhren, entsteht in der Regel zwischen den 
beiden Divisionen eines Armee-Corps ein freier Raum, der naturgemSle 
den Flak ftbr die Au&lellmig der ArtOlerift-Maase bildet la der DafenaiTO 
gestattet dieeee Prinsip das AoftteUen ra Beeerven auf beiden Fltlgeln 
der Artillerie-Poeition, diese Beserven haben dann die Beatimmwng, etmugen 
umgebenden Bewegungen des Angreifers entgegen zu treten. 

Aus diesen Angaben, welche die Kampfesart der deutschen Armee 
charakterisieren f5ollen, folgert nun der Verfasser, dafs die gegenwärtig 
vorgeschriebene Taktik der französischen Infanterie nicht die Mittel ge- 
wiihrt, den erwähnten Kampf-Priuzipieu gerecht zu werden, dafs diese 
Taktik viel mehr zur Folge haben wii-d, dafs 

1) wir stets in der IGnderzabl kämpfen worden, indem das aweite 
Treffisn, das die Hftlfte der Oesamtstitarke Irildet, nicht sur Entwicklung 
kommen kann, und 

3) wir uns reui paasiv vom Gegner umfkssen lassen mflasen, wfthrend 
es unser Beetreben sein mfllste, jede UmfiMsnng in gleicher Weise au 
erwidern. 

Im vierten und letzten Kapitel macht der Verfasser nun seine Vor- 
schläge, durcli die er ghtubt, der dcut,schcn Kampfesart am erfolgreichsten 
entgogenireten zu k-mnen. Unter allen Umständen mufs die Gefechts- 
Foiniation der Division aus drei Linien bestehen; die Stärke- Verhältnisse 
dieser drei Unien mülsten nach Scberff sich wie 2 : 1 : 1 verhalten, was, 



Am andiiiditelieii MilitSr-Zeitschriften. 



91 



mt die firaniBaiflche Divinoii flbertragen, fiilgendea Besnltat evgeben 
wttrde: 

Eise erste Linie von 6 Bataillonen. 

Eine zweite Linie von 3 Bataillonen als Roirimonts-R^aerre. 
Eine dritte Linie von 3 Bataillonen eines Regiments. 
In dem nun folgendm, „DiscnsHion" betitelten, Schlufs-Kapitel werden 
nochmals die Gi-tlnde lür diese Formation kurz wiederholt, unter speziellen) 
Hinweis auf die Schlachten von Aosterlita und Saint-Pnvat. Den Einwand, 
den man gegen diese Fonnatioii erheben konnte, dab sie den Brigade- 
Yerhand anfhebt, hslt der Vear&aser fttr onwiohtag, da die jftngade mehr 
dne ciganiiatoiiBche ab taktische Einheit bildet Anch für den Fall, dab 
man jede ^gade eine Linie bilden liefse, wttrde der taktische Verband 
beim Eingreifen des zweiten Treffens doch verloren gehen. 

Als eine Ergänzung zn diesem nmfimgrnchen An&ats erwähnen wir 
den darauf folgenden, betitelt: 

D}e Gefechtt-Formation der französischen Infasterle-Cofflpagnie. Vom 
Oberst-Lieutenant Jayot. LudxgUcU auf Grund der Leistungen der 
modernen Waffen wOl der Ver&sser die Formen entwickeln, die die Com- 
pagnie mit mflglkbst geringen Terlnsten bis xnr wirksamsten Zone des 
In&ttterie-Fbners heranftlbreii. Die ErfUmingen dee Schiefsplataes der 
ArtiUene haben für das fifaniDsisehe 9 em QssebOta gegen ein Ziel, das 
einen Zug Infanterie von 15 lu Breite darstellt, folgende Resultate eigeben: 
Auf 1900 m 20 ShrapnelB 29,7 Treffer fflr jeden Schab 
» 2050 m , 21.8 , , , , 

„ 2350 m „ 20 , , „ « 

„ 2550 m „ 16 „ „ „ „ 

Die Schiefs-Vei'sucbe der Infanterie im Lagei* von iJbaionii huhon 
feigende Besnltal» ezg^Mu: 
600 o. 700 m gegen Sditttaenlinien mit 5 m Bottenabstaad 3 ftoeent 
1000 m Q einen Zng Lt&aterie, sUhend 8 « 
1000 m 1» ti » » knieend 4 ^ 
1200 m n » n n stehend 3 „ 
1500 m „ Schtitzenlinio von 4 Zügen 1 „ 

1000 m « einen Halfasog, geschlossen 12 „ 

1200 ra n n n n « » 

1500 ra „ „ , „ 1 „ 

Das franzöbiäcbe Reglement schreibt die Gefechtsentwicklung auf 
3000 m Yon der feindliehen Artillerie vor. Der Ver&sser will diese aber 
sdion anf 8000, spfttsstens 2500 m haben, da die g^genwirtige Leistong 
der Artillerie bei der AnÜBtellnng dee Beglements noch anbekannt war. 
Die Oomfagnie rttckt nnn in drei Staffeln vor, in erster Unie nne section 
d*6Ute, ein Zug folgt als renfort, zwei als Soutiens. Ist es von 2500 m 
an nicht mehr möglicb, dem Auge der feindlichen Artillerie entzogon 
vorzugehen, so mnfs dieses in Sektionen geschehen. Die Schützenlinie 
rnoDs, wenn sie einmal gebildet ist, nur das eine Ziel im Auge behalten 



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I 

1 



92 



Aus «uUiidiMheii Militär-Zeitochriften. 



dafs sie mit möglichst geringem Zeitverlust, und ohne zu sihiofsen, an ' 
einem Pankte anlangt, von dem auB sie das feindliche Feuer unter nicht 
SU ungfinatigeB VerbiatDisBeii «rwidecn kuin. IMe auf 2000 m tob der 
feiiiidlicbeii Artillfirie depl<qrierte Corapagnw, die ihre Sehtttienliiue also 
etwa auf 1500 m vor sich hat, inuls ihxea Yormanch unter Benutanng * 
des Terzains fortsetzen, um .so rasch als möglich auf 5 — 600 m heran- 
zukommen. Hier erst wird das Feuer eröffnet, denn erst hier nimmt 
das Gefeclit einen ernsteren Charakter an. Der Kapitiin liat ausschliefslich 
darauf zu sehen, seine Conipa^nip nulpliclist ras( h unter Benutzung des 
Terrains auf diesen zur Erötlnung des Feuers günstigen Punkt heran- 
zuführen. 

Der ersten Schützenlinie folgt der „renfort", aas einem Zuge be- 
stehend, und SQdii allmählich so nahe als möglich heraunkommen; von 
2500 m an muls er sieh in Sektionen auflösen, diese Sektionen dllrfen 
aber nicht mehr als 4—5 m Ahetand von einander haheb, damit sie in 

der Hand ihrer Führer bleiben. Ai.s Tirailleurc werden die Sektionen 80 
8i>ilt wie möglich aufgelöst, Schliefslich, auf 5— 600 m von der feindlichen 
Schut/enlinio entfernt, rUcken sie in die Linie der section d'ölite ein, mit 
der sie dann vereinij,'t bleiben. 

Was die beiden Soutiens-Zü^^e der Couipagnie betrifft, so ziehen die-'^e 
sich auf eine Dibtance von 20—30 m auseinander und bleiben wahrend 
des Vorwftrtsgohens so lange als möglich in di^r Formation. Ebenso 
halten sie auch hmter einem oder beiden Flügeln der Tirailleaxluiie, bis 
sie in die erste Idnie eintreten. 

Aus dieser Formation ergiebt sich natlirlich auch die Gefechtsform 
des Bataillons, indem 2 Oompagnien in erster Linie entwickelt sind und 
die beiden anderen die Reserve bilden. 

Der Verfasser hillt die entwickelte Formation, speziell das Aus- 
schwärmen nur einer Sektion, der section d'elite, deshalb für so besondere 
wiehtiir. weil es darauf ankommt, rasch die Strecke bis 500 m vom Feinde 
zuriickzule^'üu. Hier erst kann sich das Feuergefecht mit gloiclien Chancen ( 
eutwiekeln, es steht aber zu befürchten, dafs die Mannschaft, die ja sum 
grüfilten Teil aus Reservisten und Rekruten besteht, in Eolge der be* 
deutenden Verluste durch Artillerie leicht deprimiert werden. 

Will man daher auf dieeen Punkt gelangen, so mnlls man den ersten 
Elan henutien und so nuch als möglich In das Hera des Kampfes zu 
gelangen suchen. UUli man sich unterwegs auf, so werden sie zurück- 
bleiben, und man wird eine zerstückelte und demoralisierte Conipai^nie 
halten, noch bevor man dazu gekommen ist, das feindliche Feuer zu 
erwidern. 

Revue nllltaire Sülm. Februar 1883. Bemerkungen über das lataiterie- 
Filir ail wM CitftrimgM. Diese Studie, die vom Gapitahi insimclenr 
de Wattenwyl als Winter-Arbeit emgereicht wurde, ist hier auf Be&hl 
des Divisions-Generals veiQifontlicht Wenngleiofa der Veitoer in sdner 
Studie kemeswegs neue Gesichtmrankte fOx die Verwendung dea Feuers 



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Au aotUndisdieii Mflitlr-ZeitMluriAe& 



93 



auf weite Entfernungen aufstellt, so ist die ganze Studie docli dadurch 
interessant, da sie eine üafserst reichhaltige Statistik der Leistung der 
Schweizerisclicn Sclnefsschule zu Freibarg mitteilt. 

Der ei^te Tfil enthillt die liistorische Entwicklung diesiT Feuerart 
nach den letzten Kriegen von 1870-1871 und 1877, er sdiildei-t die 
Kämpfe der Deutschen in den grofsen Scblacliten bei Metz nach Angaben 
des Generaktabswerka, und in gleicher Weise die Kämpfe der Bussen, 
beode unter tpe&eUer BorOcIcBiditigaxig d«: Yednste durdh Infiuiteriefraer. 
Als Endresnltat geht dazans her?or, dafs der Dnrohachiiittsverliut der 
Bussen» in Fblge ihrer fehlerbaflea Taktik, die hddislen Verloste der 
Deutschen noch ül)ertrifft. Beispielsweise verloren die Russen bei PIe\vna 
am SO. Juli 40, und am 30. Juli 24 Fhnenty wtthrend die Deutschen bei 
Spicheren IG Prozent verloren. Wenn man nun annimmt, dafn sowohl 
die Franzosen wie auch die Türken im Fiiedt-n in den Feuerarten auf 
weite Entfernungen so gut wie unausgelüldot waren, dafs die erlangten 
TreflFer meistens nur Zufallstreffer waren, so läfst sicli daraus der Schlufs 
sieben, welche R^Itate eine gründliche Ausbildung hierin erwarten läfst 

Der zwsHe Teil bseprichA die Lebrmetliode und Anwendung dieser 
Fisnexart, wie diese auf der Behiefasdinle za nreilmig Üntgestellt sind. 
Bs sind dieses &st dnrchweg diesidben Prinripien, wie sie andi bei nns 
festgestellt sind. Besonders wird jedoch die Streuung der Geschosse in 
der Tiefe, die stets G— 7 mal grfilser wie die Breiten-Streuung ist, hervor- 
gehoben, woraiis die Lehre zu ziehen ist, da Ts bei [»kannten Fintfemungen 
(ein Fall, der aufser im Festungskriege nur -eUen eintreten wird) stets 
nur mit einem Visier zu schiefsen ist. Als ein liesonderer Beweis dafttr 
wird ein Schiefsen von 26 Oftizieren, die auf 11 5ü Meter mit 6 Salven, 
elsa 180 Sekvfb, 130 Treffer auf einer Scheibenreibe eedeUeii, die eine 
Kolonne von B Zflgen Tiefe darstellten; bei der Wiederhdnng dieses 
8diieb*Vetsnebes trafen von den 150 Sebnfs sogar 147. Der Yerfbsser 
«gebt sich nun in Betrachtungen Uber den Voncag des Balvenfeuera auf 
weiten Bntftnrangen, ein Pkinsip^ ttber das bei ans ja kein Zwmtfü mehr 
herrscht. 

Es folgt nun die tJl>erreirho Statistik der Freiburgcr Scbiefssehule von 
April und Mai vorigen Jahres. Es schössen stets 25 Mann. Es wird leider 
nicht dalxii gesagt, wer diese Schützen sind, ob sie besondere ausgesuchte 
Leute oder Mannschaften der Truppe waren. Wir greifen von diesen 
Notinen nnr ein^ heraus, die genügen, um sich dn 1^ von den hervor- 
ragenden Leistungen an machen. Das ZisI ist fost stets dasfelbe, 8 — 5 Reihen 
von Sehdben mit je 15 m Abstand. 

D istan ce 1 000 Meter. V isier successive 850, 900, 950 nnd 1000 Meter. 
I. Abteilung U. 26«/., IIL 35«/,, IV. 38o/p. 

Distance 1100 Meter. Visier successive 900, 950, 1000, lOÖÜ und 
UOO Meter. 1. Abteilung 16%, II. 18%, III. 47%, IV. 41%. 

Distance 1500 m. Das Ziel besteht aus 5 Scbeibenwanden mit je 
10 m Abätaud. 



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94 



Ai» tiuMindfacben KUitlr-ZeitMlirifteB. 



1. AfateUmig, Viner 1400, 1500 und 1550 m. Regoltat 12% 
n. , , 1500, 1550 , 1600 m. » ?<>/•, 

m. „ „ 1550 m. „ 200/«. 

Wir schliefsen hiermit die Wiedorholancr der Statistik; es genügt, um 
m zeigen, dafs die ballistische Leistung des Schweizer Gewehi-s auf der 
hüchüten Stufe steht. Die Kriege der Zukunft werden aber erst die Lehre 
bringen, was eine in dieser Weise gut ausgebildete In&nterie IttBlen kann. 
Mögen dieie aber auch nodi so gttnstige Besoltate endelem, die eigestliobe 
Kntaehmdong des Feneiigefeclits wird auf dieaeii EntfecnoiiigeB nie ni 
enrdohai aeSo. 

The United Service. Januar 1898. Cbriitliche Ethik alt Cleneit im 

■milfiSfllicn Erziehung. Das in unseren deatschen militärischen Krois^n 
ziemlich unVtekannte amerikanische Journal kann sich der Gediegenheit 
seines Inhaltes nach den meisten Europa im In n l''a( li-Joumalon ab voll- 
stllndig el)enbürtig zur Seite stellen. Wenn wir «It imoch an dieser Stelle 
nur selten Gelegenlieit genommen, hervorragende Artikel dieses Journals 
za erwähnen, ao liegt der Grund dafür eben nur darin, dafs die militarischeB 
VerbHltaine Amerikas im aUgemeinen fUr wob m wmig Interesse haben. 

Diui gensBBte Jonmal erOffiiet seinen neuen Jahrgang nnt dner 
militlb^pbileeophiBehen Betrachtnng eines nngenanntan Verflunexs» der es 
sich zur Aufgabe gestellt hat, in chronologischer Reihenfolge das Vor- 
handensein hoher sittlicher Prinzipien bei allen grofsen FeldheiTn nnd 
siegreichen Armeen aller Zeiten nachzuweisen, und, daran anknüiifend, die 
Notwendigkeit einer streng christlich ethischen Erziehung für die ame- 
rikanishe Armee, in Ifesondei-em ftlr das OfBzier-Corps zu verlangen. 

„ Religion und Krieg sind die beiden Centraipunkte der Geschichte. 
An diese beiden knOpft so liemlich Allee an, wss uns ihr Brfanerang an 
vergangene Zeiten wert ereoh^t. Die Religion wnrde die Basis der 
Brsiehnng, der Krieg die der Civilisation." Mit diesen Worten beginnt 
der Verüuser seine Betrachtung, die ihn dann an adner historisehen Eni- 
Wicklung (tthrt, bei der er sclion mit den in der Ilias geschilderten 
KiLmpfen um Troja beginnt. Achilles vei*sliurote nicht, Jupiter um seinen 
liwistand an/nHchen, als er den Tod seines Freundes Patroklns rächte, 
wlünend sein Gegner Hektor gleichzeitig dasfelbe that. 

Der grofse Perserkönig Cyrus wurde, wie Xcnophon berichtet, von 
Cambyses sp^ell in niilitäriäch-ethischen Tugenden unterrichtet, es heifsi 
dort wOrtlidi i,dafii «n Veidberr aonlohst den Sdmta der Götter au er^ 
werben bemUht sein mnfs, denn nnr yon deren Beistand hltngt Wdaheit 
und Erfolg ab", und an einer anderen Stelle sagt „Die Gottesfiteiobtigen 
haben am wenigsten Furcht vor den Menschen.** 

Bei den Griechen war diese Erziehung in tiefer Religilisitiit besonders 
ausgebildet. Der junge Athener wurde bei seinem Eintritt in das 19. Lebens- 
jahr, mit S[>eer nnd Schild bewaffnet, in den Tempel gefllhrt., und liier 
mufste er einen heiligen Eid ablegen, „dafs er stets ftir das Wohl des 
Vaterlandes und die Religion seiner Väter zu kämpfen bereit sein wolle". 



Digiii^uü Oy 



Aus aual&ndischen Militär-Zoitschriften. 



95 



Daieb mmt Bcüie von Angaben ans dem Xenophon wird der Nachweis 
geliefert» dafa im griechischen Heere ein tiefee religiOsee Oeftlbl vorhatideii 
war. Dasfelbe war auch bei den Spartanern der F^, wie dieses ans 

verschiedenen Stellen des Plutarch hervorgeht. 

Für Aloxandor don Grofsen war der Homer der lnl>ppriflf der theologischen 
Wissenschaft, die llia.s war f»eine Bil>el, in der ihm der Achilles als höchstes 
Ideal vors( Invt'l tc. Tn s^lcichor Weise läfst sich der religiöse Sinn der 
Kartiiager und iiüiuer nachweisen. 

\oa nnseran Yorfohren, den alten Dentsohen, lieifist es: Die Erziehung 
der dentsehen TQlkeisUtanme» ihre Gseetae^ ihre Moral nnd Religion gipfeln 
in dem einran Pnnkte, den Krieg xnr hllelisten Leidenscbaft an arlieben. 
Ihre Gesetze kannten nur kri^erische Eigenschaften! das grB&Ae Terbreohen 
war die Feigheit. Die Religion, die dem Tapferen ewige Seligkeit Terhiole, 
verlieh ihnen Todesinut im Kiunpf. Dies»!r Mut wurde durrh die Ver- 
heifsnng der Walhalla für alle diejenigen, die im Kampfe fitlen, noclj 
besonders angestachelt. Durch die Bekehninj; zum Ohriatentum wurden 
diese Eigenschaften keiueawogs lieeintHlchtigt, Als Heiden verehrten sie 
Thor, den Kriegt>gott, &h den höchsten; ab Christen übertrugen sie diese 
Verelirang anf den Emngel Hidhael, weil mao ihnen gelelkrt hatte, dsfs 
dieser derselbe sei, wie die alte skandtnavisdie Ctottlieit. 

ISne ebarakteristisehe Brseheinnng ist die, dafs in den Sprachen ler^ 
schiedener asiatisdier Vdlkerstftmme, der Hehler, Araber, Syrer n. m. a. 
dieselben Worte, die ursprünglich Gerechtigkeit, Unschuld oder Ehrlichkeit 
bedeuteten, später in gleicher W^eiso die Idee des Sieges ausdrückten, 
während Ungerechtigkeit oder Schlechtigkeit für Niederlage oder Vcrhi-t 
gebraucht wurde. Dasfelbe ist der Fall mit den Worten, die Hülfe oder 
Beistand bedeuten, in Rücksicht darauf, dafs die siegmche Nation, die 
Hülfe von Gott erhielt, Gott den Helfer nannte. 

Nachdem in dieser Weise die herrorragenden kriegerischen Nationen 
des Altertoms, sowie aneh die Ureinwohner Amerikas betraehtet sind, 
gebt der Yerteer an den Feldlierren der neneren Zeit ttber. Na«bdem 
er den Charakter des Conde, Turcnne und Marlboroogh geediildert hat, 
bemerkt er über Friednch den Grofsen: „Ganz anders war ea hingegen 
mit Friedrich dem Grofsen. Religiüse Anschaunnirsweise kann luan von 
dem Freunde VoltaireV nicht erwarten. In den traurigen -laliren seiner 
Jugend hatte ihn dafür sein strenger Vater in einer Üis/.iplin erzoi^'en, die 
ihn mit spartanischer Rigorosität für seinen kriegeri.schen Beruf vorbereitete. 
Das strengste Pflichtgefühl wurde bei ihm zur Religion, und dieses Pflicht- 
gefühl ersetsfce ihm das Gesetz nnd die Propheten, wie sich Oarljrle ant- 
drttdrt." In Wellington &nden aeh die christliclien nnd militSvbcben 
Tugenden in sdiBnster Weise yemnigt. Anden hingegen war es mit 
Napoleon I. ; war er auch selber kein guter Christ, so war doch eine seiner 
ersten Regierungshandlungen die, dafs er die geJ?chlos.sencn Kirchen wieder 
öffnete und den religiösen Kultus ali^ eine politisclie Notwendigkeit wieder 
einführte. Noch kurz vor seinem Tode sprach er die Hoffnung aus, alle 



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96 



ümMhan in der lülitir-Litlenktar. 



seine Kriegsgefährten im .Tenspits wieder zu trellen, und freute sicli darauf, 
seine Kriegscrlelmisf;»' mit tlcn Feldherm des Altertums besprechen zu 
können. Und so, fiiiirt der Verfasser fort, künnen wir fast bei jedem 
gro&en Faldberrn finden, dafs entweder eine tiefe religiöse Anscbanonga- 
ireise seuMm Gbamkter wa Orandle lag, od«r da& dwrdi eine firttlueitiga 
Endehmig seiik Geist lo im Gehonam geetäblt war, dab er in der ernsten 
Schule dee Knegen nnvwlndert bliebe Diese Bdianpfaing jBndei aidb in 
allen Zeitalteiii und bei allen Religionen bestätigt. 

An diese hiatoriache Betrachtang anknüpfend, beginnt der Verfasser 
den zweiten Teil seiner Studie, nUmlich die Anwendung der aus der Ge- 
schichte geschöpften Grundsätze für die AusViildung und Er7.iehung der 
amerikanischen Armee zn luhandeln. Er vermifst hier sowohl in der 
Schul- wie auch in der akaderiii.sclien Ausbildung den christlichen Grundzug. 
Die hierbei ausgesprochenen Ansichten haben aber einen so spezifisch 
amerikaniscfatti, puritanisch angehauchten Charakter , dab sie für nns 
weniger Interesse haben, weshalb wir von deren Wieder^Me hier Abrtand 
nehmen kOnnen, 



vn. 

Umscliau in der Ulitär-Litteratur. 

Der strategische AuftuarMch der deutschen Trappen im nächsten 
deutsch-französischen Kriege. Aus dem Französischen über- 
setzt von Biui uigarten-Crusius, Lieutenant im 3. königlich 
sächsischen Infauterie-Regiment No. 102. Hannover, Hel- 
wing'sche Verlagsbuchhaudkuig. 1883. 

Wir haben es hier mit einer ei^ntümlichen Doppelarbeit zweier Ver- 
fasser zu thun, von denen der eine Franzose, der andere Deutscher ist; 
eigentümlich insofern, als der letztere, was ersterer Ul)er die eigenen 
Verhältnisse glaubt vei*scbweigen zu müssen und doch in einzelnen An- 
dentnngem durchblicken hUbt, in dem Gedankengange desfelben anfbant 
und dessen Betrachtungen anf diese Weise gleichsam eigtnxt — eigen- 
tttndidi swettens aber auch darin, dab trots dieser gldchen Unterfaige 
beide zu gänilich verschiedenen Besnltaten gelangen* Oaveant consulesl 
ruft in dflsterem Hinblicke anf die ihm «chwan in schwars erscheinende 



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UnisehM in der HtlitSr-Littorator. 



97 



Zukunft der Franzose nus nnr! es wt-i^i der Deutacbe uai^h, dafs gerade 
umgekehrt geiffu wäili«^ anscheinend <li<> Vcrliältnisse Hich völlig' aus- 
geglifli'^n haben, eher vielloicht zu Gunsten unserer Ge<,'ner sich hinneigen! 
Man weifs, wenn man von dieser Thatsaeho sich hat durch die Crusius'«ehen 
Ausführungen überzeugen lassen, in der That nicht wehr, wie man den 
firanzöeiflcfaen Teil des Buches anffassen soll. Es unterzieht &ich sein 
VerüiBSer der Htthe, ganz genau für die einselnen deatacbeii Anne»<brpe 
aoflsareehneii, an wdchem Tage eie an der Grenze ^treffen und die 
OS&ume beginnen klSnnen, and wenn er dabei aneh vom mancherlei 
unrichtigen Vorauaset7.tm<:^cn ausgelien und die Beclmung selbst manche 
Fehler und ütinzOeische Fltichti^^'keit enthalten mag, so ist dieser Teil der 
Schrift immer doch eine Verstiindnis und Urteil bezeugende Arbeit. Liegt 
da nicht der Gedanke nahe, dafs Verfassser fdr die fran/fi^iseben ('ori« die 
gleichen ErwUgungen ange.stelll Hat, um, ina^^ er uns deren IJesullaie auch 
vorenthalten wollen, wenigstens lüv seine Person Klarheit Uber die künftigen 
Verbliltnisse za erhalten? Und konnte er dann, wenn er vorurteilslos 
zu Werke ging, zu SchlflsBen gelangen, die so voUstllndig von denen seines 
Obeveetsers abweichen f £r meint, dafo Frankreicb trotz seiner gro&en 
WaffenpllttiA und der Forte an Maalii und Mosel von vomherdn in die. 
nngttnstigste Lage gei-aten und gezwungen sein w^erde, ohne Schwertst reich 
das gesamte Gebiet vorwUrts dieser Linie aufzugeben, ja dafs diese selb.st 
von Anfang' an von den deutsehen Kräften bedroht, sogar die Koncentration 
der {Van/^.^ischen Aiuiee dahinter «jefiihrdet sei. Dem gegenüber weist 
der deutsclie Ü bersetzer in seineu licrcihimngen, die man mit Leichti^rkeit 
aia im Wesentlichen richtig konstatieren kann, nach, dafs ganz im Gegenteil 
voiausmehÜich sehr vid eher dne StCrung des deutschen Aafmarsches 
durch die grobenteils froher xu versanmielnden ftumOsischen Strsitkrflfte 
an gewttrtigen sei, aum mindesten abw, gleiche Geschwindigkeit der Mobil- 
machnng und gleiche Leistnngtfthigkeit der Bahnen vorausgesetst, der 
frui/iisisehe Aufmarsch nicht länger als der unsri^'c dauoru wird. Da 
mufs entweder also jene Voraussetzung eine inige sein und der Franzose 
Grund haben zu glanl en. dafs die französische Mobilmanliung auch künftig 
noch die l>ekannten orf^fanisatorischen M}ing<l von IHIO aufdecken werde 
— dann al)er hiitte dieses Mifstrauen begründet werden müssen - oder 
es mufs der Schritt eine besondere Tendenz, mag sie Frankreich oder 
Deutschland gelten, zu Grunde liegen. Malt d«r Yerfiuser absichtlieh so 
dOstsr, um durch das Schreckgespenst einer schon mit Bc^pnu der Mobil- 
machung au erwartenden deutschen Invasion seine Landsleuis an fomeren 
Anstrengungen willfährig zu machen und auf diese Weise mnen Ideen, 
dafs auch Nancy noch befestigt werden müsse, um ruit Toul zustimmen 
einen mächtigen OfTensiv-BrUckenkcipf y.ti bilden, und dafs ferner die Lücke 
nördlieli Verdun geschlo.s.sen werden mllsse, leichteren Eingang in den 
mafsgebcnden Kreisen seines Volkes zu verschätzen? Ks will uns scheinen, 
als ob es bei den Franznyen solcher Mittel nicht bedürfe; mit anerkennens- 
wertem Patriotismus haben sie alle Forderungen ihrer MilitUrverwaitung 
MrtMw Mi «• PiUrti AtM* ««4 nttlM. Bi. XLVnL, 1. 7 



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ümehtii in der IDütlr-Liitantiir, 



bisher l>e\villigt, ein beschHmpnde,^ Vorbild für unser deutsches Parlament, 
detsäen Opposition das Partei-Interesse melir zu gelten scheint ak die 
Sicherheit des Kelches. Über die Notwendigkeit resp. Berechtigung jener 
Befestigungsanlagen enthaltfln wir uns natürlich jedes Urteils, inügen die 
Fruuoseii Inumii, was sie wollen und was ihre Strategen and solehe, die 
es sein wollen, von ihnen Terlugen. Je mehr, je besser; wir werden mit 
ihren Fesinngen kfinftag gewils ebenso gut fert^ werden wie ehedem. 

Oder bat Verfasser, wenn er in seinem 2. Abschnitt die Operationen 
der deutseben Armee-Corps schildert, wie sie, Keiner Ansicht nach, in 
logischer Kon8C<juenz der geograpliischon, 8trnteiri>chen und sonstigen Ver- 
hHltnLsse vor sicli gehen mtisiien, damit gar weitergeliende , gegen un^i 
sell>^t zielende PlUne? Will er, wenn er nachzuweisen sucht, dafs das 
7. Armee-Corps schon am 9. Tage naci» Beginn der Mobilmachung vor 
Toni, das 8. Armee-Corps am gleichen Tage in der Linie Etain -Fresnes 
en WöSvre, das Qarde-Oorps an der Otbaine, des 13. Amee-Gorps am 
9. Tage an der Henrthe, ja dab die 31. Division schon am 4. Tage bei 
E^rinal stehen nnd die 30. Division am gleidien Tage in IVancj smn 
würde und dergl. mehr — will er, meinen wir, wenn er un.s solche Operationen 
als möglich and aussichtsvoll hinstellt und in dieser Weise uns Ziele 
zeigt, die wir erreichen könnten, dadurfh uns mit dem (ledanken an 
deiartige unvernünftige, aller strategischen Ideen und (irundaätze liaren 
Bewegungen vertraut machen? Kaum könnte man ernsthaft an .'^olche 
Absicht glauben, unmöglich würe sie gleichwohl nicht. Denn es ist eben 
zu viel des Wideiqiraches in dem Boche enthalten. Kar erwarte man 
nicht von ans, dafs wir sar Aofklflning desfelben beitragen nnd dem 
VedbsBsr das UnversUtndige jener Operationen nach weisen; nnsmre Hemres- 
leitung wird sich dnrob solche Stimmen nicht bernnflnssen lassen, sondern 
genau diejenigen Ziele feststellen, die sie &ir sich and ans, die Trappen, 
enreicbbar hält 

Dieses gegenseitige unbedingte Vertrauen der P'ülirung zum Fleere 
nnd des Hccits /n seiner Führung ist uuseip, der Deutschen, sicherste 
Hutiuung /.um .Siege. Sie geht dem Autor aiis< heinend ab. Aus jeder 
Seite fast seines Haches spricht die Ungewilslieit, ob seiteu.s der fran- 
xOsisehen Verwaltong, die es doch sicherlich nicht bat an sich kommen 
lassen, aaeb wirklich genug geschehen ist. Von einem Vertrauen der 
Armee xn »ch selbst scheint es ans gleichfalls niebt gerade ni sprechen, 
wenn Verfasser, man kannte sagen geflissentlich, jeden Gedsaken an eine 
offensive Kriegführung aufiriebt, ja beinahe selbst den Cilaiil>en an die 
Möglichkeit einer erfolgreichen Defeasive in der mit .so bedeutenden Opfeni 
geschatfenen Verteidigungslinie verliert. Kaum dafs z. 1>. die zahlreichen 
in jenen Grenzgebieten untergebrachten Tmppen überliaupt in Betracht 
gezogen wrnlt'ti, alle ticdanken .-^ind aut ein Zurückgehen vor den ein- 
dringenden deutschen Teten, obwohl man ihueu numerisch vorläufig mehr- 
fkeh flberlegen ist, gerichtet. Dab bis an jenem 4. und 9. n. s.* w. Tage 
doch noch die firanzSsischen Koncentrationen binnen haben und dafe za 



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Umsdutt in dor Militlr-Litteratnr. 



99 



nnterfuchon sei, ob ni:in wirklich so olinc W'iMtt^rps zurdrk und Nanry 
und Luneviile dem Feiude preisgeben uiUsse, daran scheint Verikääur Uber- 
baiipt nkhl g«dadlt va babeo. 

Eb wftre em solch« Boeh, ans dem ein denrt^jer Ibuigel an IniiiatiTe 
und Vertnneii in die eigene Leiatnitgsfilliigkeit spricht» wenn es die all- 
gemeinen Anschauungen vertreten wollte» kein gflnstigea Zeichen für den 
Qeist der französischen Armee. Wir sind weit entfernt^ diesem Geistes- 
produkt eines an hochgradiger Vorsic ht krankenden Strategen, der anderer- 
seits doch wieder dem Feinde die tollkühnsten Ideen unterschieben möchte, 
eine derartige Hwleutung beilegen zu wollen, obwohl es s. Z. allerdings 
in dem Journal des soiences riiilitaires veriitlentluiht worden Ist. Man 
begehl keinen grüfseren Fehler, als wenn man den Gegner unterschUtzt. 
Einen geradean peinlidien Gändmck macht es aber betflglicb jener Garnisonen 
im nordöstlichen Fkankreich, wenn man deren StSrke kennt — nach dem 
dentseben Übwsetser wBren es 60 BataUlonOf 65 Eskadrons, 36 Batterien, 
3 Genie*, 1 Pontonier- und 6 Train-Compagnien, verteilt in 27 Garnisonen 
— und wenn diese an sich doch recht betrHchtliche Streitmacht, VOn der 
noch dazu etwa die Hlilfte einem einzigen (dem 6.) Armee-Coi-ps angehCii;, 
gegenüber den vereinzelten ^rliwarhen feindlichen Teten geradezu kein 
Leben^izeirlien von sich geben und angstlieli nur darauf bedacht sein soll, 
hinter die Festungen zurüekzuweichen , wo überdies die feindlichen Ab- 
teilungen jeglicher auügii^l'iger Unterstützung nucli viele Tage hindurch 
entbehren mOssen. Koch peinlicher lirdlich berttbrt es, wenn man die 
StSrke-Angaben des Verfiusers mit den obigoi des Übenetaers vergldcht. 
Sttte 85 finden wir: „Was werden wir nur dieser Mssss von Bataillonen 
nnd fldiwadronen (es ist von dem am 4. Tage die Grenze Uberschreitenden 
15. Armee-Corps die Rede) entgerrfinzusetzcn haben?" 6 Kavallerie- Regi- 
menter zu 4 Schwadronen und 4 reitende iiatterien, in liuneville, Nancy 
und Pont-i\-Mousson verteilt, 1 Kavallerio-Re><iment in Epinal, '2 Jü^'im- 
Bataillone in St. Di«? und St. Nicolas und 1 schwadje Infanterie- Brigade 
zu Nancy. Das macht im Ganzen aber erst lü liataiüoue, 28 E^kadrons 
und 4 Batterien! Wo bleiben die anderen 50 Bataillone u. s. w.? Wo 
bleiben die Garnisonen von Verdun, Givet, Rheims, CSommen$y, Troyes u. s. w., 
Fl&tae, die dImUich doch nahe gmugan der Grenze liegen, um, die Festungen 
natürlich nnter Znrllckbehalten der betr. Besatcnngstmi^pen, ihre Qanunonen 
rechtneitig koncentrieren zu können, warum führt er für Kpinal eine Be- 
satzung von 1 Kavallerie-Regiment an, Mrährend es 1 Bataillon, 1 Eükadron 
und 1 Batterie hat? Er ist dü«h in seinen rntersnchungen (Ibei- die 
deutschen Armee-Corps ziemlieh gründlich, wiiriim nicht auch hier? (Jder 
hat er uns unwillkürlich und jedenfalls dann .ichr gegen .seiue Absicht 
einen Fingerzeig gegeben, dafs jene 50 Bataillone u. 8. w., die er nicht 
erwähnt, zur Besatzung dei grofsen Watt'eupläty.e und der F(His fttr 80 
lange designiert sind ,besw. von ihm fllr nötig gehalten werden, bis die 
Territorialtrappen aar Verf&gung stehen? Für die Infimterie kttnnte 

anter ümstBnden diese Annahme «ntreffen, er kann doch aber die lehlen- 

7* 



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100 



Umtdma in der HfUtiT'Iitteimtur. 



den 37 Eakadrons und 32 Batterien nicht ebenfalls in die Festungen 
stecken wollen! 

Trotz all die. er Ausstellungen und Mängel ist das vorliegende Puch 
mit das Inteies.'-antostt^, was wir seit Langem über die beregte Materie 
gelesen haben, >>owühl der kriiibchen Bemerkungen und Berichtigungen 
wegen, die der Übenetier lalilmich einfließen iKlbt, als aneb «eO es 
seinerseits Ton einem Standpnnkt aus xnm Studium der bezttglichen Yer- 
httltnisse auffordert, den man sdivrarlicli bisher vertreten gefunden hat, 
idtmtidi von dem einer sofortigen deutschen Qflfonsive und der daraus sich 
ergebenden Koncentration der deutschen Armeen erst unmittelbar v >; len 
feindlichen Stellungen! Dafs wir diesen Standpunkt nicht teilen, haben 
wir angedeutet, aber wir l>etrachten es als nützli< h, dafs man sich, bis in 
die weitesten Kreise der Armee hinein, mit jenen Dingen, und zwar stets 
von Neuem wieder beschäftigt. In dieser Beziehung verdient das voiliegende 
Buch iu /.wiefucher Hinsicht Beachtung, einmal und vornämlich, weil uns 
der 2. TeQ (des deutschen Ver&ssers) die MSgliofak^t bedenklich nahe legt, 
daCs die Franxosen mit ihrem strategiechen Anfmarscbe fiüber fertig sein 
konnten als wir, und darin eine Mahnung fllr uns in neuer Arbeit und 
neuen Opfern*) Hegt, und dann, weil der 1. franaSaiiche Teil uns zeigt» 
wie wir es, wenn wir die Operationen beginnen, nicht machen sollen. 
Wenn wirklich jemand sich die kUnftig«'n Vor<r:lnf^e in ilhnlicher Weise 
1,'edarht oder sonstig' von Handstreiclien Toul und Vcrdun od.'r die 

<lit:n/.tor1s gctriiumi hat, so wird er durch die Sclirift un.seres (iegners 
von der llnausführbarkeit dieser Ideen Uberzeugt werden. Die uns darin 
zugemuteten Fehler liegen für jeden einigermafiien btrategisch-taktisch 
geschulten Verstand au Tage. Wir liaben uns deshalb enthalten kOnnen, 
sie kritisch xu beleuchten, mOchten sie zum Studium aber gleichwohl 
dringoid empfehlen, und swar su einem Studium k la Verdy, d. h. mit- 
Zirkel, Papier und Bleistift und an der Hand der Karte. *^ 

Gesehiehte des Dra^onor-Rt^i^ittieiiis Prinz Albrecht von Preufsen 
(LitthaniscIieH) ^o. 1. 18()7 1881. — Dargestellt von 
Sieg, Hittmciater nud iiiBkadrou-Ulief im Begiment. — 

KBhler Pascha, als er noch prenfsischer Rittmeister war, schrieb die 
Geschichte des litthauiachen Dragoner-Regiments von semer Entstehung 



*) Veri-ii)faohnn<^' Mn^iT*"^ Mobi1tnachungHp1nne% Anlage neuer direkter Eisen» 
babnvorbiiidnii>^i n uml Aushau der jetzigen u. h. w. 

••) Bei dieser Gelegenlieit möchten wir eiiu-r müglichst weitou \ t'rbrcituug 
der Carte de Francs^ drewfe an ddpM des fortilleationa 1 : 5Q(^00(K froille VI 
and IX, 1880—81, dss Wort reden. Mao findet in ihr sfimtliche neu angel^ten 
Festiinfjrn und Forts uiul gewinnt zum mten Male durch sie ein Übersichtliches 
ÜiKl der französischen Verteidigungslinie. Nur koloriere nian «ich dazu die Grenze 
und die betreffenden Forts selbst. Auch der Belitz der l>etreffenden Sektionen der 
Carte de France 1 : 80,000, veri^ 1879 iK), dQrfte fttr Stadien von Wert sein. 



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Umsdiaii in d«» llilitSroLittentiir. 



101 



bis zum Jahre 1867. Jetzt ist diese Geschichte bis auf din Nonzeit fort- 
geführt worden. Im deutsch-fi-anzösitichen Kriege war da^ üegiiuent der 
]. Lifanierie-Dinnm zugeteilt und hat im Verbuide derselbe die KUnapfe 
bei Mets» die Oemienmg dieser Feste und den Zog der L Armee nach 
dem UTorden Frankrdcbs Vis an die Kttsten des Oceans mitgemacht. IMe 
ThBtigkeit des Regiments als Divisions-Kavallerie bedingte, dafs dasfelbe 
nar in kleinen Abteilungen die Gefechte der Infanterie tmterstQtzen konntil 
Hierzu l>ot sich oft Gelegenheit. An 20 KUmpfen, meist allerdings un- 
hedoutend, hat das Regimont wilhrend dos Krieges Teil genommen, unter 
denen die Schlachten bei LkDlouibey-Nouilly und Nois.scvillc die erste Stelle 
einnehmen. In Gemeinschaft mit MannHohaften des Grenadier-Regiments 
No. 3 eroberte die 1. Eäkadi*on des Regiments am 4. Januar 1871 2 feuernde 
Gesehatxe. 1 Offiaer nnd 30 Hann des Begimsiits haben den Tod im 
Felde gefimden, genau ebensoviel OfiBideie nnd Mannschaften Wunden 
davon getragra. 

Wenn das vorliegende Geschiditswerk auch nicht zu denen gehUrt, 
welche fesselnd geschrieben sind, so ist demselben doch eine sehr grofse 
Giilndlichkeit eigen. Dankbarkeit gegen den einstmaligen hohen Chef 
des Regiments, den Prinzen Albrecht Vater, siiricht aus jeder Zeile des 
Werkes. Aufslltze, die z. B. im Militiir-Woclicnblatt des verstorbenen 
Prinzen gedachten, finden in der Regimcntti-Gehchichte Abdruck. Viel&ch 
hätte die Wiedergabc ganz inhaltsloser liriefe oder von Manöver- Dis]X)- 
ationen n. s. w. nnterbleiben, h&tten die Personalangaben Aber die Offiziere 
ohne Schaden der Sadie ganz wesentlich vereinfiwht werden können. Oeradean 
stArend wirkt es, wenn man in den 18 wiedergegebenen Banglisten dieselben 
Angaben Uber einzelne Ofßziei'e 13 mal mit demselben Wortlaut liest nnd 
üljerdies scbliefslicb in einer al|)habetischen Zusammenstellung im Wesent- 
lichen nochmals diesdlien Angaben über die einzelnen Offiziere findet. 

Nicht immer ist die Darstt^llung des deutM-h-fVan/ösischen Krieges 
ganz genau, namentli 'h wenn es sidi um alliremcine \'erli!iltni!5;^e handelt. 
So wird z. B. S. 22 gesagt, Kimig Wilhelm liat»c in die Abdankung des 
hohem&ollernschen Prinzen gewilligt. (Eine Behauptung, die mehrfache 
Unrichtigkeiten in sich sddiefet) 8. 24 wird behauptet, „Benedetti habe 
am 19. Juli die &iegBerklSmng in Berlin flberreicfat". — Anf B. 87 ist 
die Znaammensetzang der drei deutschen Armem nicht ganz richtig 
g^eben. S. 28 wird berichtet, Kaiser Napoleon habe in Folge des 
sofortigen Anschlus-ses der stlddcutschen Staaten an Ncwddeutschland die 
anfhnglich ausgefUhi-te Aufstellung seiner Armee Rndem müssen." S. 37 
wird behauptet, der Feind hal)c bei La Planchette und fianvallier 
stockwerkartig die^^e -tavke Stellung dureh Schüt/.inghilien und 
Geschlitzaufstellungen verstärkt.'* Ich glaube, von diesen stockwerkartig 
verstäikenden Gescbützaufstellungen war in Wirklichkeit wohl nichts zn 
sdien. Die Richtigkeit der anf S. 38 gemachten Bemerkang: Die franzK- 
sisohe Armee habe bereits am 14. Aognst Morgens den Abaug »vtm beiden 
Flllgdn der Stellang eingeleitet", kann angezweifelt werden a. s. w* 



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102 



Umschau in der Milit&r-Litterattur. 



Es mag dahingestellt bleiben, ob, wie 8. 1 1 1 gesagt ist, Fddmtnohall 
Hwteufiel das Orobkrem des eisernen Kreoxee sich für die blutigen und 
stets sisgfeichen Schlachten, welche das I. Annee^Gorps unter seiner 
FQhrung vor Metz durchgekäinpft hat, erworben hat, oder, wie man sonst 
aUgemein annirami, für seine ruhmreiche und genüüe Führung der SUd> 
Armee. Ein redit unangenehm in die Augen sprinpender Druckfehler 
•befindet si'h in den Anlagon auf .S. 244, wo angegeben, dafs 1 Offizier 
(Rittmeister v. Drefsler) am 31. Januar gefallen sei, während dies am 13. 
der Fall war. 

Neben manchen anderen fttr die Kavallerie schlttzenswerten Angaben 
vetdient die auf 8. 147 abgegebene Ansicht Aber die vierjährigen Frei- 
willigen gani besondere Beachtung. Dad Begiment, sich großenteils aus 
jungen Leuten «^giniend, die auf dem Pferde grofe geworden sind, nunmt 

keine VierjUhng-Freiwilligen mehr an, stellt dafUr aber jübrlich etwa 
140 Dreijährig-Freiwilligt- «-in, aus deren Zahl ein l>cdeutender Prooentsatz 
von Unteroffizier- Aspiranten für die westlichen Ue^'iinenter hervorgelit. — 
Sehr richtig l-omerkt das vorliegende Werk: ^^'er überhau|»t weiter dienen 
will und die Hei'iihigung dazu hat, kann die> er reichen, ohne dich speziell 
das vierte Jahr an den Truppenteil zu binden. — ■ 

Die „Gescbichle des Dragoner-Regiments Piinz Albrecht von Preufsen 
(Littbauisches) No. 1," mit dem Bildnisse seines hohen heimgegangenen 
ehemaligen Chelii gesohmfickt, ist in jeder Beziehung reksh und musterfaalt 
aullgestattet. 

Der Oebtrgs-Krieg Ton Otto Giese« Oberst n. D., Ritter des 
eisernen Krpuies 1. Kbiase u. s. w. 

Oberst v. Giese, schon mehrere Jahrzehute als MilitHr-Schriftsteller 
thfttig, hat namentlieh in den letztun Jahren mehrere beachtenswert« 
Schriften Uber Befestigungswesen veröffentlicht. Diesmal begiebt er sich 
auf das Gebiet der Strategie und Taktik und bricht eine Lance Ar den 
Oelnigskrieg. Bs ist ihm auChllend, dals die so reiehe deutsche Uilitir- 
Littemtor so wenig Lehrbfidier Uber den Qebirgskrieg beeilst Solehe 
auffallende Thatsachen haben ihre tiefliegende Begründung. Grttndlich 
ist der Deutsche ja unzweifelhaft in seinen wissensohaftlichen Forschnngen, 
hWr weitsf'liweifipp Theorien antV.u-tellen. ist namentliel» in dei- nuf das 
Können, die Kunst, hin-^t reben<ien Krieg.swissensehalt nie seine starke S-Ke 
gewesen. Nur in Zeiten der Halbheit, wenn die Wogen des poliiisehen 
Lebenö meht hoch gehen, ^ehen wir gelehrte Lehrbücher entgehen, die 
aber stets einen sehr beschränkten Wert haben. Andere Nationen besitzen 
einen weit grtttseren Reichtum an militihischen Werken, irelehe sieh Uber 
Formen und Methoden aussprechen. Seitdem Friedrich der Grobe und 
Napoleon uns auf praktische Weise in das Orofse des Krieges entriert 
haben, seit Clausowitz mit ungemein praktischem Sinn sein grofses Werk 
„Vom Kriege" geschrieben, in das er, wie Oberst v. Scherff jOngsthm sich 



ünMhM in d«r WUtif^tittantar. lOS 

an>'jf<la>sen, vor Allem nur das niedergelegt, was man vom Kiiege nicht 
lehren kann — sind kriegstheoretische Werke bei uns Norddeutschen mit 
besonders ungnädigen Aui,en angesehen worden. Und wenn Werke dieser 
Art erschienen, so zeichneten sie sich zum groCsen Teil, namentlich in 
dem letsten JabRehnt, entschiedflu ^uroh tSaam Shnlicheik pnktisGlMa Silin 
aas, wie wir ihn an CtMUtwiti bewnndem. Dieser firaktiBehe Sinn sagt 
vor aUem: Der Krieg, dieser Akt, in dem die Gewalt AUeinbeRBoher, 
kennt keine bindende Form, er achtet keine Regel. — Wohl kann die 
Wissenschaft das Wesen des Krieges klar legen, aber nimmer wird sie be- 
stimmte Regeln, Mittel an die Hand geben, welche zum Siege führen. 
Studiert dit^ KeldzUge der greisen Heerftlhrer und knüpfet daran — wie 
auch an die eigene Erüethrnng, um mit dem greisen König zu sprechen — 
die Keflexion. 

Sind unter diesen Umatänden allgemein taktische Lehrbücher bei uns 
Deatseben sebon eine Terh8ltnifliiift£sig seltene Endbeinnng md ttvr tSr 
die jüngsten SShiie des Man ToUwertig, um wie viel weniger werden 
sieh Sebriftsteller, wird sieh das mflitStisehe ,Pabliknm mit besonderer 

Vorliebe Lehrschriften zuwenden, die einen nur auf besondere Boden- 

Terbültnisse , auf besondere Lagen berecbueten Krieg im Auge haben — 
wie der kleine Krieg, der Gnliii i,'>krieg u. s. w. Es können das doch 
immer nur schwache Scböfslingo des Baumes der Erkenntnis sein, der da 
heifst „Vom Wesen des Krieges". Wer dies erkannt hat, der weifs sich 
auch in alle VerhUltnisse hineinzufinden, sei es im Grofscn, sei es im 
Kleinen, sei es in der Ebene, sei es im Gebirge. So scheint es mir denn 
ganz natllrlich, dab Ach die sonst so rdobe deutsdie Militlr-Litteratnr so 
wenig mit Lehrbticbem Uber den Gebirgskrieg befabt bat. 

Der Name nOebirgskrieg** hat ttberdies beim deutschen Volk und 
Heer keinen guten Klang. UnwillkUrlieb tritt uns bei diesem Worte die 
Kampfweise der Spanier und Tyroler gegen Napoleon's Srbaren, die 
Kampfweise der Montenegriner gegen die Türken oder die Brüderkiimpfe 
in Spanien zwipohen Carli>ten und Hegierungstmiipen vor das geistige 
Äuge. Waliilich wenig Verlockendes für einen Soldaten! Die deutsche 
Kriegsgeüchichte, kennt — sehen wir V(in jenem Aufstand der Tyroler ab, 
nnd wenn wir uns auf die Zeit der Feuerwaffentaktik beschränken, — 
keinen Qebiigskrieg. Die Mittelgebirge und Beigländer Deutsefalands 
sehaffen kdne eigenartige, ftr den Qebiigskrieg besonders geeignete Be- 
völkerung. Qreni^birge sind aus mancherlei GrOnden eigentlioli niemals 
das Gebiet eines nai^ihaltigen Gebirgskrieges ; ihr Belitz wird durch die 
grofsen Entscheidungen, die in der Nahe der Grenze fitUen, mit bestimmt. 
Im Innern des deutschen Reiches findet sich wohl kaum eine T.andstrfM ke, 
die t>\ch <^'anz V.psonders zum Gebirgskrieg eignet, and keine erzeugt 
M&nncr, vorzugsweise zum (tebirgskrieg geeignet. 

Der Gebirgskrieg verlangt Ijesondere Truppen, eigenartig in Organi- 
sation, Ausbildung und AuärU^tung, eigenartig in der Beanlagung des 



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104 



UiuBohatt in der Militir-Liitaraiiir. 



Einzelnen; er verlangt besondere Gebirgä-infanteiie, besondere Gebirgs- 
AriUlnrie und nach dem Torliegünden fiueke aucli besoodere Gelucg«^ 
Pioniere. Qlttcklieh liegt die Zeit hinter uns, in der die Theorie besondere 
Trappen fftr die einzelnen Zwecke des Krieges zvl Recht bestehen lieb. 
Hent ta Tage ist ausgesprochener und durehgeftthrter Grundsate: 8ämt- 
lic lic Truppen der einzelnen WafTungattnugen müssen für jede der Waffe »n- 
fallende Aufgabe gobrauchsfilbig sein. Wenn wir im deutschen Heere 
trotz dieses Grund^tzes noch besondere Foiiuntionrn haben, so ist die.s 
wahrlich nicht des Kriegszwecks; hall'cr, snndnm mit vollberechtigter Rück- 
f-icht auf Tradition und Geschichte. Alle diese Süiidcr-Fonnationen haben 
al>er keine besonderen Aufgaben. Wir haben in den letzten Jakrzehntun 
den Krieg nach Österreich und Frankreich bineingeti-agen, und Oebiigs- 
iruppen nicht notwendig gehabt» ja nicht ^mal vermifst Wir haben ui 
den Vogeam, der Gote d'or, dem Jura» den kleinen und groben Kri^ — 
auch wenn man so will den Gebirgskrieg — ' geführt ohne Gebirgatruppen- 
Und mit welchem Erfolg? Konnte ci- besser geführt werden? Und jetzt 
möchte man den Beweis beibringen, dafs wir trotz alledein und alledem 
besondere Gebirgstruppen notwendig haben? Wnruni? Weil die anderen 
Grof^müchte alle mehr oder weniger Gebirgstruppen liaben. Aber dort 
liegen die Verhältnis.sc auch bei weitem andera als bei uns. Wer im 
Atlas, oder in der Boccho, der Herzegowina, in Tyrol, wer in den Alpen 
oder im Kaukasus Krieg zu f&hren genötigt ist, nun der darf der Frage 
nahe treten» in wie weit er mit Bttckdciit hierauf besondere Oebiigs- 
trnppen dem allgemeinen Zwecke entaehen dar£ Immer bleibt eine soldie 
Mafsregel aber ein notwendiges Übel. So stolz z. B. Italien auf seine 
Alpen-Comj^apnien ist und sein darf es entzieht dem allgemeinen Besten 
eine Menge tflchtiger Soldaten, die nur groT^ -ind. wie die Kinder der 
0;'ia, auf ihrem lieimisclien Boden, aber kaum zu ,i,'ebrauchen, sobald sie 
ihn verla>sien iiahen. Fürwahr un.'-ere Jäger würden e.'- sicherlich nicht 
mit Freude begrüfsen, wenn sie zu einer Gebir}s'strupi>e umgestempelt 
werden soUteUi wie Verfasser das wttnseht, die im Wesentlichen an den 
grolsen Entscheidungen also nicht Teil zu nehmen hat, sondern angespart 
werden mafs, ftir die MSglichkeit eines Gebugskrieges ~ eine HSglichkeit» 
die Tomussiehtlich und mit dem Buche der Geechidbte in der Hand gar 
nicht eintritt. 

Schwerlich wird sich ein grofser Teil unseres Heeres, el)en80wenig wie 
»Schreiber dieser Zeilen, für die Idee erwärmen, daf> wir auf Gobirgskriege 
besonders rücksichtigen und iHsondcre Gebirpstruppen formieren müssen. 
So gewandt und inteiessant wie Verfasser auch sein Thema behandelt, 
ich glaube, er wird wenig Prüjniganda machen. JOr gliedert den Kriegs- 
schauplatx in Ho(;hgebirge, Mittelgebirge und Berglander und geht dann 
merkwürdiger Weise zunächst nnher auf den Angriff eines Mittel- 
gebirges u. s. w. ein. Ich dächte gerade im Gebiige richtet sich der 
Angriff ganz besonders nach der Aii der Verteidigung. Der Angreifer 



Umtelum io der Wlitir-Littentiir. 



105 



diip KmIh cit«! da^ (ifiiirgf; jo nailnleiii er \\ idfrstiind tind^t , eiMtitl er 
(Tegc'imiittel und nicht uiiigekehrl. Li di^li' 1» oas \ eilialtcn des \'t rlftdiytn> 
driickt dem Gebirgskriege seine Eigenart auf. Die-e ist aber nach lioden- 
gßäUltuiig, Beacbaffenbeit dae Lande«, Nalionnlitat, Krie-^.x/weck u. s. w. 
d«i«rtig veracbtcden, dab man wahi-lieh nicht von Begdn oder allgomeinen 
Gmndailtien ftar den Angriff eines Mittelgebirges, eine« Hochgebirges u. a. w. 
Qkrechen knnn. Man stelle nur die KSmpfe in Montenegro mil denen in 
Tyrol und im Kaukasos in Vergleicli. Sind das nidil alles drei Kriege 
im Hochgebiree tind doch prundversoliiedenV So werden sirlierlicli GeVtirps- 
krie<,'e stets ^grundverschieden sein. — All<femeine Lehren lassen hirli d;i 
nicht aufstellen. Wer mit den (inindsätzon der Truppen- und Krie)^^,- 
fUhrung einigermafaen vertraut, wer die Kriegsgeschichte offenen Auges 
studiert hat, der wird sehr bald wissen, wenn er im Gebirgskriogc zur 
Tbätigkeit gelangt, wovaaf ee ankommt. Kirgends mehr wie hier giebi 
es — dals ich das Wort des Oberst t. Arnim gebrauche — eine »Taktik 
der Sitoalion". ünd die Situation ist in jedem Kriege eine andere. 

So kann ich den Auslastungen des VerfifisserB Aber Angriff und Ver^ 
teidigung nur einen sehr beschränkten Wert zusprechen; sie klingen 
theoretisch fa^t alle sehr schön, aber in der Praxis wi rden wir nicht die 
Voraussetzungen finden, die Verfa^^er zu Gruml»' lr>^i. Schon die erste: 
eine zwei- Iis dreifache L l^rlegenlieit des Angrcilers wiid als dnindlage 
genommen. Lst das nicht ganz graue Tlieurie?! Einen Krieg mit Frank- 
reich oder Österreich vorausgesetzt — den Gott Trarbttten wollo — der 
Jura oder die Tyroler Alpen werden zu einem S«iten*Kri^s^chanp]ats. 
Anftoi^ich sind wenig Truppen zur Vwteidigung dort; wir bemefsen 
danacb unsere Angrifl&krtfte. Kann sich, wird sich nicht im Laufe der 
Zeit die Trupi>enstUrko l>eim Gegner erheblich Andern, ohne dafs man 
auf Seiten des Angreifers das erfahrt? Weifs man überhaupt im Kriege 
stets, wie stark der Gegner? Weifs man, ol> n an als AuLMvift i im tJel'irgs- 
kri>'f:e die 2 — 3 fache Überlegenheit besitzt? Nur wenn man dies weifs, 
gelten die in dem v(n*liegenden Buclie aufgezeichneten t^rundsilze! ! 

In dem siebenten Abschnitt des lUiches „die Befestigimg der Mittel- 
gebirge", der in seinen Unterabteilungen E und F „die Befestigungen im 
Uodbgebifge und im Beiglande'' enthalt, giebi Verfiutser, abi früherer 
Ingenieur-OfBsier, sohRtsenswerte Binxelheiten ttber die Ausftlbiauig von 
Befestigungen; in dem Absdmitt Uber tediniscbe HOlfsmitt-el l>ei der Ver- 
teidigung von Gebirgen ist er wie in s<!iner Broschüre über die Befest igungs^ 
weise der Zukunft sehr weitblickend und verspricht «ich viel von 
Mikrophon und Photophon! 

Das Resume des Verfassers ist kurz und blindig. Wer sich fth den 
Gegenstand interessiert, wird aus diesem letzten Ka|Mt<l -ritVnt ersehen, 
wes (ieisies Kind das kleine Buch ist. Hoffentlich wird ihn aber beim 
Lesen jener Stelle, an der es heifitt: «^ie Eroberung der Haupt- Wasser- 
scheide ist der schwierigste Teil des Angriffs . . nicht ein leichtes 
Gruseln befoUen» wie mir es ging» da ich unwillkttrHcb an die gelehrten 



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106 



UmsclMHi in der Militir-Litteratur. 



Htrategen des Si*hwarzcnt>erg*t>cbeQ llau))t^uariicri>, an dat« Plateau von 
liMigres und Alinliefaes denken mafste. SohlielkUeh dtlxfle es »cli aoeh 
empfeblen, im AuMblttls ab die vorliegende Schrift des Oberst Gieee 
naclisnlesen, was (Haiisewitx in seinem Werke vom Kriege Aber Qebiigs- 

verteidigun«^ sagL Und wem diese etwas lang gesponnene Anseinander- 

set/ung nullt gnnz zusagen will, der nehme Diu nie*s «Strategie" zur Hand 

und lese dort die wenigen und treffenden Bemerkungen über die Bedeutung 
der Gebirge. Hoffentlich werden violo, wenn sie dic^c Bücher aus der 
Hand lf*g<'n, mit mir in di-iu t-inen (Jrund.-at^ übereinstimmen: Die deuUche 
Armee bcdarl nie und niuuner besonderer Gebirgstruppen. — 




vm. 



Terzeiclmis 

der Beo erschienenen Bftcber und der grösseren, in den mlliflr. 

Zeitschriften des lu- und Aaslandes enthalteneu Au£sätze.*) 

(II. Iiarlal 188S.) 



Für flus nachfolgende Vfrzeichüis sind benutzt: 

1. WilitÄr-VVüchenbliitt. - M. W. 

2. Neue militärische Blätter. — N. M. ß. 
8. AUgemeine Hilitär-Zeitang. A, M, Z, 

4. Dentoebe Bmam-Wxi'aig. ^ D. B. Z, 

5. Militär-Zeitang Tor Reserve- und Laodw«)iM)fBiiere. — M. Z. IL 

6. Archiv für Artillerie- uiul Iiigenieur-Offiztere. — A. A. I. 

7. Aiinalon der Hydrographie und uiaritiiiien Meteorologie. Ä. H. M, 

8. Jahrbücher fdr die deutsche Armee und Mariue. — J. A. JJ. 

9. dstemiehiMbe HUiiir-ZeifMlurift (Streneu). — 0. 5. Jf. 

10. Orgau der militär-wiüsenschaftUchen Yereme. — 0. W. V. 

11. Östcrreichisfh-mit'firische Wehr-Zeitung. — 0, U. W, 

12. Österreichische Militär-Zeitung. O. J/. Z. 

13. Österreichisches Armeeblatt. — U. A. B. 

14. OiteneicluMh'migiriidie linitSr-Zeitnag „VedettaF'. — 0. Ü, V. 

15. Mittonuigen ttber Oegtostlnde dm ArtiUerie- und 0«ni«-W«aei». — 0. Ä. <?. 
16>. Blittcüungen aus dem Gebiete des Seeweseu. — O. Af. & 

17. Le Spectateur niilitaire. — J/. 

18. Journal des scicncus militaires. — F. J. & 

19. Le progr^s luilitaire. — F. AI. 
aa Vkwnäx niUtaiie. — F. A. M. 

21. L'Armee fran^abe. — F. A. 

22. La France militeiie. — F. AI. 

23. Rcvno il Hrtillerie. — F. Fi. A. 

24. Revue üiaritiine et colouial. — JL M. 
95. Biiniwh«r lowUde. Jt Z 



*) Die mit einem * veiMheiiMl Btteher sind der Redaktion zur Besprechung 
sagegangen and werden nach wie Tor in der „Umschau in der Militär- Litteratar" 
besondere Beröcksichtigung finden. Auch stellt die Redaktion diese BRcber, soiweit 
sie nicht anderweitig in Gebrauch genommen worden mufsten, sowie die einge- 
gaiu[enen ZeitHcbriftcn behufs Einsicht im Redaktioosiokal« Unter den Linden %l, 
t^uch voll 19 — 8 Uhr, gerne xiv Verfüg utig. 



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108 Vemicbaui der neu enchiMienen Bftdmr und der giObwen, in den 

26. Wajeiiny Sbornik. — R. W. -S. 

87. RuBiiiieliee Artillerio-JonrneL R, A» J, 

88. RmriM^ee IngeniearJoomal — A L J. 

29. Morskoi Sbornik. — R. M. S. 

30. Uivista Tunitare italiana. — L JL 
in. li'Ilalia liiilitarc. — 7. M. 

32. L KsiTcito italiaiiü. — L K 

38. Giornale di arttgUeria • genio. — /. J. 6. 

84. Rivtsta marittitna. — L B, M. 

85. ("olbnrn'K uiiitLcl sorvicc. — J& ü. S. 

86. Ariiiy and iiavy Ga/ctte. — £. A. N. 

87. Anny aiid iiavy Journal, — A. A. jy. 

88. Tbe nnited Berriee. — X & 

39. Allgemeine ScihweiteriMlie HiUllf^tong. SA. U. Z. 

40. Revue mUitaire Suisse. — Srh. R. M. 

41. Schweizerische Zeitung für Artillerie nnd Genie. — 6dk, A. Cr. 

42. De militaiio Spectator. — Nd. JU. S. 
48. De mUitaire Gids. — Nd. M. G, 

44. Sevista militar eepanola. ^ Sp. R. M. 

46. Kfvistii cit'iitifico militar. — Sp. R. C. 

46, Memorial de Ingenieros. — Sp, M» L 

47, Revista militar. — P. R. M. 

48. KrigsTctciiskapä Acadcniiens llaudliiigar. — 8ehw. K. //. 

49. Nonk militaen Tidwkrift — N. M. 7*. 
6a Hiiitaer^Tidsskrilt - M, 7*. 



L HeerweBen and OrgAoisfttloii« 

Der Milizgodank«' in WörUcniberp; und die Verbuche zu seiner Ver- 
wirk! i. Im iip v.,n Alb. l*fii>ter, Major. — 8» - 6» S. — Stuttgart, 
Kohlhammcr. — l M. 

*D»s Volk in Waffen von Oolm. Ftlur. r d. Colts, Major. — Ein Buch 
aber ileerwetten und KriegfAhrnng nneerer Zdi — gr. 8« — 516 S. — 
Berlin, Decker. — 7,50 Mk. 

•L'etat mi I i taire des principa los puissan ces et rangere.s au printemps 
d e 1803. — Allcmagne, Augleterre, Autrichc, Eapagnc, Italie, Russie par 
8. Ran, ehef d^eecadron dn aeitiee d*^ nu^or. — TroieitaM Mitkin, 
aiigmentie et miae i jonr. — 8<> ~ Kt5 8. -> Paris, Bei%er-Levnndt ei Co. 

Die Militar^chnlc der Infanterie zu St. Maixent. — M. W. 28. 

{'her rntirnffi^it'r-fluihMi nnd rntpr(tffi7?ervorhchulen. — M. \V\ Jö, 

Da.s deut-iclie HiLTwe^eu im letzten Jalirzcliut. — A. M. Z. 2J. 

Wozu dienen l>e&ondere Eiiseubaiintruppen V — IJ. Ii, Z. 24, 25. 

Über die Bewaffnung, Auabildung, Organisation nnd Verwendung der Rot^. — 

D. B. Z. 31, 32, 36, .V7. 
Die nrnrn Be.stinunungen über die Stellung und die Dienstpflichten der russiseheo 

OfHziere der Ke»crve-Kategoric - M, Z, K. 13. 



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miUt Zeiiadiriften dm In- «id AnsUuides enthaltenen Aa&Stie. IQO 



Über Orpinisation und Ansbildnn«: <ler Ft'l<l - Artillerio — M. Z. H. 19. 

Die achweizerische Artillerie End«' — Ä. A. 1. Bd. BÜ, II. 

Ousfanw Adolfi) Verdieoste am die Orgauisatiou der drei Waffen, iielist kurzer Dar- 

stellmig ihrer Taktik. — J. JL M, Jfr. 
Ifeerwesen und Infatlteriedien^t vor 100 Jahren. — J. A. M. Apr., Mai, Jmi, 
RQckblicke auf die w«>>tMit1i( h>t<-i) Neuerung^ bd fremden Armeen im Jahre 1888. 

— 0 U'. V. Dil. 2-,, 111 u. 1 V. 
Die Orgauis^atioQ der Armee-Admiuihtratiou iu Serbien. — 0, U. W. 24. 
Die Komplettiertthg des Offisiers-Corps der ungar. Landwehr. — 0. (/, W. 34. 
Baa Mfliiheer der Sehweis; ^ 0. ii. Z 2B. 
Die Stellung unserer Militärärzte. — O. 3/. Z. 26. 
Der Zweck h4>-.ni)(1.'n'r Kisenbahnf nippen — O. M. Z. 29. 
Die Aufstellung von Laudwehr-Kavallerie-Keginieuts-Cadre«. — 0. AI. Z. 36. 
Die Gebirgs-Artillerie in den «aropäiüchen Heeren. — 0. A. B. 20, 
Die Organisation nnaerer Genie-Waffe. — O. U. V. 33. 
Die Gebirgs-Artillerie in den europäischen Armeen. — 0. A. (1. II, III, IV. 
Bemerkungen ül>er Uelgien und die lM!lgi»che .\ruiee. — F. S. M. VJilt IX. 
Die Orpuiisation der Kolonial -Truppen — F. ./. Ä 3/m. 
Die General-Inspektionen der Artillerie und Jut;oiiieure — /'. F. AI. 249. 
Die Ergtaxang der Of&ien. — F. P, M. 237. 
Das Kriegs-Bodget — F. P. M. 262-^267. 

Betrachtungen fiber die afrikani.^he Armee. - F. P. M, 262, 2$3j 295. 

Die Stellung der Fufr«a tillerie. — F, P. AI. 264. 

Das Kekrutierungb-Gesetz. — F. F. M. 26ö. 

Die Kolonial-Armee. — F, P. Jf. 270. 

Die Organisation der MilitSr-ZeaghSnser. — F. JL M. 834, 

Die Uutt-roffizier-Prage. — F. it. If. 833. 

über (lif Künussiere. — F. A. 835. 

Über (lu^ F. >tuns><-Artillerie. — F. A. 841. 

Die afrikauissehe und die Kolonial-Armee. — F. AI. 218, 228, 2.16. 
Eine neue ünterofBzier-Schnle. — F. M. 22t 
Die arabischen Bureaux. — F. Af. 223. 

Die prenfsisehe Kavallerie 1806-1870 — F. M. 23.J. 

Hi.stori.sche Studie über die reitende Artillerie. — F. R. A. A/ti-U, Mm. 

Die mssiacbe Artillerie. — F. Ü. A. April. 

Die Renoatierung unserer KaTallerie nnd Artillerie. R W. S. Mai. 
Die Oebiiis-Artnierie in den europliseben Armeen. — R, A» J, Mai, 
Das nene Rekrutierungs-Gesetz der rumruiischen Armee. — i. M, 41, 42. 

Die n<Mi.^ O u'nni-:itioii der Tcrritorial-Miliz. — /. F. 47. 

Die Bewaffnung der ueueu berittenen Batterien. — /. A. ü. Jan. 

Die Verwendung der Reserve-Truppen der Armee. ^ B, Ä, N. 12t5, 

Ein Vergleich der amerikaaisehen Artillerie -Organimtion nnd Administration mit 

den fremden Armeen. — A. ü. S. April. 
Zur Organi.«*ation der Genie-Waffe. Sch. M. '/.. 18. 

Die ( >r;.'niiisation des (ienenil>tal>^ d»'r europfii.selieu Heere. .SW*. Af. Z. 19 — 2S, 
L'n-ser«' l'tt.>itions-Artillerie uud ihre Bewaffnung. — Heh. A. G. 4, 5. 
Motwendige Reformen unserer UiHtBr-Verfesanng. — S^. A. Q, 0. 
Die Regelnng der Dienstpflicht in den Terschiedenen enropSiechen Staaten. ~ 
Kä, M G. 2, 3. 



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110 Veneichnis dmr neo eraehienenen Btteher and der gfOberen in den 



Die NpauiM-he Miiit:ir-.\kn(UMni.' — Sp. R. C. Bd. V, 6. 

Die Gebitg:»-Artiilt>rit.> in Uäterreicb, Eaglaod, Rusälaod, Schweiz, Fraakreich und 

IteHen. - Sp. R. C. Bd. F, 0. 
Ober Beli^ffniDgBtrains. — ^ It C £dL F, 7. 
Über die Heeresciuteiliing. — Schw. K. H. G. 
Über praklisehe UiUt&r-Braiichbarkeit. - N. M. T, 2, ä. 



TT. AngMldnng vnd Troppendlenst 

*Der Dit'ust lU's preufsisclu'n Infanterie - ünteroffiziors vun F G 
Ciraf V. WalderMee, Geu.-Lieut. — IG. Aufl. — Uater BerQckbichtiguug 
der neoerai BesHmnningeD nmgenrbeitot ym G«i.-Lleaft. A. Grftf v 
Waldersee. — Ißt einem Anhang vnd 8 litb. T>f. — gr. 8* — 882 S 

- Berlin, Gärtner. — 2 M. 

Leitfaden zum 1" n t<'r r irlit in dt-r ll^f resnrjranisation von Ed S«'1mi<j 

- Nach (li'H innic-li n orjjan. lJL'.->tininniiip'n IxTichtigt von Hauptni. Kud. 
Rieth. — G. Aufl. - gr. 8« — 1. lieft. ~ 208 S. - Wien, Seidel & 
Sohn. — 4 If . 

Hlllf»bac1i xum Betriebe des Turnens nnd des Bajonettfechtens fQr 

Offiziere und l'nteroffiziere der deutschen Infanterie Von 
V. S. — 11. naeli den neue.sten Behtinimungen vtdlständig umgearbeitete 
Auflage. — 32"' — 35 S. — Nordhau.sen, Eigendorf. — 0,30 .M. 

Der Kavallerie •Unteroffizier als Rekruten- nnd Reitlehrer, sowie als 
ZugfObrer, Pittgel- nnd scbUeftender Onteroffluer. Nach dem Bxertier- 
Re^emeut der neuen Reit -Instruktion und anderen Dienstvorschriften wi- 
lsaInnuM1f:t'^t^•!!t \<tn Rittmeister Balthasar — 2. volNtfüidi;.' nnitrfiirlx-itete 
uud bedeutend vermehrte Auflage. — Mit Abbilduugeu uud 23 litb. Taf. — 
Se _ 338 S. — Berliu, Liebel. — 3 M. 

Der Unterofftsier im Terrain. Ein Handbach fflr den Unteroffizier der 
in^terie und Kavallerie von Ililken, Hanptm. — 6. TollstSndig umge- 
arbeitete und bedeutend vermehrte Auflage. — Mit 5 Plan- und F!g.-Taf. — 
8ü — ;»o S. — Berlin. Liel.el. — t M 

*T beuretisc he uud praktisch eAuleitung für die Ausbilduugder älteren 
llannscbaften als Patrouillenfahrer bei der Infanterie in den 
Jftgerbatail Ionen von v. Hellfeld, Ranptm. a. D. — Hit 5 in den Text 
gedruckten Skizzen. — 8« — 47 S. — Berlin, Mittler & Sohn. — 1 M. 

Taschenbuch fflr d ie Fii .\ rt i 1 lerie, vorzugsweise zum (ü linuieli während 
der Sebiefsübung vcm Fromm, Prero.-Lieut. — 8. Aufl. — 8" — 284 S. — 
Berliu, Voss. — - 3 M. 

Militiriscber Dienst-Unterricht ffir einj&brige Frei willige, Reserve- 
Offisier- Aspiranten und Offiziere des Benrlanbtenstandes der 
deutschen Infanterie von Dilthey, Major a. D. — 14. völlig' neu 
durchgearbeitete und mit ausHihrlichem Siudiregister versehene Auflage. ~ 
gr. 8» — 3G4 S. — Berlin, Mittler & Solui. - 3 M. 

*Die Anlage, Leitung nnd Durchführung von FeldmanOveru. Von 
A. V. Bognslawski, Oberstlieutenant. — Mit 15 Skizzen nnd 1 Figarentaf. 

- 80 806 S. - Beriin, Mitdcr Sohn. - 4,50 M. 



mflii Zeitaebriften des In- und Aitaiftiidea entbalteneo Aafnitia. Hl 



Anssflge aas den Schief« - Instruktionen fremdl ruul iHolier Armeen 
zum Zweck einer vprpleiffu^nden Studio ühcr die Art der Ausbihltmt; im 
Scbief£>en, von Corn Kromar, llauptm. — gr. tJ** — üi S. mit 1 Steiutaf. 
^ Wien, Seidel & Sohn. — 8,40 M. 

*Bei»pieIe nnd Erlftuternngen su dem Entwurf der Schiefsregeln für 
die Feld-Artillerie 1883. Von II. Rohne, lljijor. — Supplenienk zu 
dein Buche: ,Da» Schiefsen der Feld- Artillerie''. — gr. S» ~ 81 S. — 
Berlin, Mittler & Sohn - 0,50 M 

*Die Kontrolversunnnlung. Von Trausfeldt, Major. — 8^ — 28 S. — 
Berlin, Mittler ft Sohn. — 0^ H. 

'Dienst • Unterriebt fQr die anr Obnng eingesogenen Ersats- 
Reservisten I. Klasse, Volk.s«chullehrer , Reservisten und 
Land wehr manner der deutschen Infanterie — Nach den nenest«»n 
Beütimmuugeu bearbeitet von Trausfeldt, Major. — Mit 37 Uulzäcliuitteu. 

— 80 94. S. - Berlin, Mittler & Sohn. — 0,25 M. 

*D»s strategische KavalleriemanOver unter General Gurko im sOdlichen 
Russland H«'rl»t 1882 und die Refornibestrebnngen in der ruswüscheu 
Kavallerie. Mit einer Detaikkizae. 8o — 47 S. — Berlin, Eisenacbmidt 
~ 1.30 M. 

Ense iguemeut militaire äTu-^uge des* iustrueteur.s et de» eleve.s de.-* 
. compagnies et bataillons scolaires; par J. P. 0. Bartb^, chef de. 
bataillon au 88. i^ment teiritorial dinfanterie. — 18« _ 171 S. ^ Paris« 

Delagrave. 

Les grande» manoeuvres du 1. corps «rarm^e en 1882, par Ad de 
Cardevacque de l'academie d'Arra^ etc. — 8» — I4t> S. — Arra» 
de Sdde et Co. — • 

Reglement anr l'instrnetion du tir i4>pronv^ par le ministre de la guerre 
le 11. norembre 1888. — 88* — 466 S. — Paris, imprim. nationale. 

Die neue ReitinNtrnklKni ilin- \Voliltliaf»-n, ihre (JefHlin ii — .1/. 2.% 47. 
IHe militärische Juj;eiul:tii>liiklung iu der Schweiz und in Frankreich. — J/. W. S4. 
Ober die Vmrenduug der Platzpatronen bei den TruppeuQbungen. — M, W, S$, 
Die Pioniere bei den HerbstBInnigen. — 3/. W. 37. 

Die Felddienst-Übungeo der Kavallerie nnd die Umgebung der Garnisonen derselben. 

— if. W. 42. 

Die Auabilduug im äcliielseu mit Kücksicht auf die Aufurderuugeu dea Uefechtä. 

— M, W. 44. 

Die Viedette tn drei Pferden. ~ 3f. W. 44. 

% 16 der Schiefs-Instruktion. — A'. Af. B. Jmi. 

I)i«* neue fran/.ö^isihe Si'hiefs-In.Ntruktion vom 11 N<»v 1HS2 — .1. M. Z. 29, 
SfUiefa-Aii.-bildung und Feuergefecht der Infanterie iu ihrer Wechaelbeziebung. — 

A. AI. Z. .y6". Hl. 
Das strategische Kavallerie-Manflver in SOd-Rossland. — D, H. Z. 30y 94, 35, 
Die Massen-Ausbildung im Schwimmen. — D. II. Z, 42. 

Die 1 hnngen der Kavallerie der fran'/,<Ssi.s< hen Territorial- Armee D ff. Z. 45, 
Über <!]•' dien.-^tlit he Ausbildung uui«rer Keserve- und Landwehr- Offiziere. — 
D. H. Z. 48. 

Der Felddtenst der firatttOBbeben und der deuhMrhen Infimterie. — J. A, M. Apr. 
Die Methode bei der Disaiplinierung der Truppen. -~ O. S. M. JV. 



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I 



112 VeneidaniB der neu enchienenen BQcher n&d der größeren io den 

\vrMu h einer Mothutlik für die Partei -K*»iiiinaiulauteu bei deu Lbuugen mit ge- 

miMfaten Waffen. — 0. 8. J#. IV. 
Der nSebste Krieg nnd die militäriecbe Ernehang and Anitbildung. — 0. 8, JV. V* 
Die taktiHohen ÜbiMifj;eii der Kavallerie-TnippeD-Division. — 0. W. V. Bd, 25, III. 
ÜUer die Fiihnnig der Artillerie im UanSver und Gefecht — 0. W, V, Bd. 2S, 

III u. jy. 

Die Lauge de» Schritts. — 0. V. W. 24. 

Das Hauptkoniitee fttr die Aurtiildnng der msriaehen Tnppm. ^ 0. ü, W, 99. 

Der Unterricht im Schwimmen auf seinen \v:i1iron Wert nrttckgefBhri — 0,M*Z. 39. 

Die dief*jährif;en {zr'if'^' n Mniiöver — (K M. Z. ifi. 

Die technische Au>bildiui}; der Infiiiitcrie — 0. Ä. B. 14. 

Die Methode der Disziplinierung der Truppe. — 0. Ä. B. 2.'i. 

Allgemeine Regeln des Mechaniamna der naitSriacheD Gangarten. — F,S,M. VIL 

Die Gadrea-MaaOver. - F. S, U. VIU 

Das neue Rekrutienrnjis-Ciosetz. — F. Ä Jf. XL 

Die militririMchen Ref«trmen in Ru$sland. — F. 8, M, XI. 

Die cbineHiscbe Armee. — F. S. M. XL 

Der Dienal der KavaJlerie im Felde. — F. J. 8. JpriL 

Daa Reglement vom t1. November 1889 Aber die Scfaieft-Inalmktton. — F.J.8. Mai 

Die grofsen Man«"ver der Artillerie. — F. P. M. 299* 

Di.' Kcfrimentsschuleu — F. P. ^f. 2:,^. 

Die militüriHehe !n>tr\iktiftii auf der pülyttH liiiisclu'ii Schule. — F. P. M 2ö9. 

Der Loterricht au der Kriegsschule. — F. P. M. 266. 

Der militiüriflche Bisenbahndienai — F. A. 8i9. 

Die ^rofsen Manfiver 1883. - F. M. 210. 

Über die Sommerthätigkeit der Kavallerie. — R. I, 117, US. 

Über die ornffen Manöver. — R. W. S. Mtlrr. 

Die Friedeusvorbereitung zum üefechts-Schielsen. — Ii. H'. S. April. 

Unsere KavaUerte-Reglementa. — IL W. 8. JUmi. 

Daa Scheibenacbfefiwn in Betreff Vertddignng der Alpen. I. M, 97. 

Das Reglement Uber das Scheibeiix-hierüm. — /. E. 68. 

Das neue rnterrielit.s-S\>.f»'m \n dtr Armee — F. A. N. 1212. 

Die revidirte lnfauterie-Scbiefö-iu>truktiou — K Ä. N, 1217. 

Zur ln^^truktion der lufanterie. — Sch. M. Z. 20. 

Die Thfttigkeit der Fihrer bei der Gefechts •Ausbildnng der Infanterie. — <8bft. 

.1/. Z. 2.3. 

Die t'ransösiäcth <l<'utache nnd schweixer Reglements Ober den Fdddienat. — 

Sch. R. .»/. 4. 

üedauken über die Au.sbilduug uud In.struktiou uu.serer P.^rk- Artillerihteu. — 
Sch. JL G, 9. 

Die ManOm dea II. franzüHiscben Armeeoorps im Sept. 1889. — £bft. A. O. 4, 9. 

Die Kavalleriemanöver in» Jahre 1890. - AW. M. S. 5, 6. 
Die neue Vor^^chrift über da.s Tirailliereu. — AW. M. S. 6. 
Vergleich de» »panischen Exerzier-Reglements der Kavallerie mit demjeoigeu Frauk- 

reicba nnd PreuAiena. — Sp. R. C. Bd. IV. SS, 29. 
Der neue Studienplao dar G^nmlstabs-Akademie. J3jf. R. C. Bd. V, 7. 
Ober die beste AnsbUdnog» - Methode der Infanterie im Waeht- und Pelddienst bei 

kurzen Übunfien — Srfiw. K. H. 4, .5. 7. 
Über Körper-Lbuugeu bei der Armee — Sciiw. K. B. i. 



niliilr. Zeitwliriften de« In^ nml AinlMitlca enthaltenen AnCiitse. 11$ 

Das feldm;lfsi>(> Sihielseu (1»t liif:tuterie 1882. — Odi», AI U. J, tf. 7. H. 
Die militäri:^heu Cbuiigeu LSö2. — ii, M. T. 2. 
Ober die Sdueb-Scbnk n Roaensbeig. ^ N. M, T, 2, 4, ö. 
Die wilinnd de» 21—88. Sept 1688 nbgehattene Iteiter- und ArtUlerie-Obnng. ~ 
i>. M, T, 9. 



III. Krieg-, Heer- and Truppenfahrang. 

•Der C hirirs-Krien; von Otto v Giese, Oberst n D. — gr. 8«— 74 S. — 
hcrlm. F Luckhardt. — 2, 40 M. 

•Taktik, vou J. Meckel, Major. — 1. Teil, AUgemeiue Lehre von der Truppen- 
fllbniDg im Felde. — t. dnrehgeeebene Anfl. Hit AbbOd. im Text, einer 
Steindniek-Tafftl ond einem Gefecbteplan. — gr. 8« ^ 881 S. — Berlin, 
Mittler 4 Sohn. — 6 M. 

•Zur Taktik der Situation Von H. v Arnim, Oberst z. 1) — Taktische 
Studien und Miifsnahnieu in der Schlacht. — 6. Heft. 2. Abtlg. — Taktische 
Studien Qber Mafüuahmeu bei der Eiuleitung und Vorbereitung der Haupt- 
Utanpfe in der Schlaeht, angeknOpft an die Betmchtnng der eintütenden 
Kftmpfe in den Schlachten bei Küniggrits, (Miaos, an der Libaine, bei 
Wörth, Gravelott«' — St. Privat, St-dan, ßeaumont, Vionvillc — Mar.n la Tour 
und NoiHHeville. - 1. lieft — gr. 8« - 48 S. >- Berlin, Fr. l4ickbardt. 
— 1,50 M. 

•Von der Kriegfflhrnng. Zugleich 8. umgearbeitete Auflage der Lehre von 
der TmppenTerweodnng ala Voraehnle anr Knnet der TruppenfÜhinng. Von 

W. V. Scherff, Oberst. - gr. 8o — 759 S. - Berlin, Bath. — 10 M. 
La guerre d'Orit-nt eu 1877—1878 Etude .stratigique et tactique de.s Operations 
des arniees russe et turque in iMirupe, en Asie et i»ur les cOte» de la 
mer noire; par nn Tacticieu; ouvrage r<Mige aur les docum«ita officiele. 
Tom. 8. — 8« — 808 S. ~ Pkrie, Bandoin et Go. 

Politik lind Kriefjfühninf!: - }r. W. 25. 

Da.s Eta^fiifpiuT in der Feldbefe.stij^ung. — M. W. 27. 

fcirläuteruugeu i\x einer Stelle der Schrift „Über den fiiuflufj:» der Feuerwaffe auf 

die Taictik.* — M. W. SS. 
I>> i !tlunitiunsersatz fUr das Angriffsgefecht der In&nterie. — Ii. W, 39. 
Zur of^Viisjveu Tbätigkeit der Kavallerie- VorpoNten — M. W. 41. 
Zum Aufnatz: „Der Muuitiooaeraat« für daa Angriffagisfecbt der Infanterie. — 

M. W. 46. 

Du Gewehr feuer Hn Oefeehi — A, M Z. 99—33. 

Betraehtnngen Aber die Untemehmuig dee Detachomenta von Boltenstem im Loir- 

Thale — A. M. Z. 32. 
Die Thiitigkeit der Infanterie hei der Verteidifimig der Featungett. — D. U. HL, 33. 
Zur Tak-tik der Feld-Artillerie. -J. Ä. M. AprU. 
Die gezogenen MOräer im Festungskriege. — J. A. M, Jum. 
Die Bdairenre bei Kavnllerie-Attaeken. ^ 0. M. Z. 39. 

über HunitioOBverschwendnng und Vermehrung der TaKcheu-Munition. — 0. A. B. IS. 
Dn neneatea Verteidigungomittel Fraakreich& — F. 8. M. iX, X. 
telrtiiuMi «v BNMa* ämm MhH» M. ZLVUI.. L $ 



114 Veweicliuis der neu erscbioneneu BUchor uiui der gröfäeren in den 



Die Gefeefatsformen der bifiHiterie-Goiiipagiiie. — F. J. S. Man. 

Die moderne Taktik. — F. Ä. 815, 820. 

Das Kommando uIkt einen selbstständigen Truppenteil. — R. W. S. MHtt 
Die £iuwirkiing der Befestigungen auf die KrieglüUruag. — R. W. S. Aphl. 
Uber die Aufhellung der Oetehlltie in den Feataragen ivibreod der Vertirfdigung 

R» Im tf, ^pHL 

Die moderne Infanterie-Taktik. — A. A. N. 1028. 

Der Sturm bei der moderneu Infanterie-Taktik. — «SfcÄ. M, Z. 12, 

Da» Gefecht der Kavallerie zu Fufs. — Sch. M. Z. 14. 

Die Infanterie ah Bedeckung der Artillerie im Gefecht. — Sch. M. Z. 15. 

Ober das Eingraben der Jnimnterie Im Gefecht. — SA. M. Z, 17. 

Die Rolle der Infanterie-Pioniere. — Sch. R. M. 3. 

Djls taktische Verhiiltcii rin, i Feld-Artillerie-Abteilnng. — iAL M, S. 4. 

Die aktive Lan(l<'svcr{> i(lit:uiiü. — AW. M. S. 6. 

Über Flankeuaugiitte. — Sp. R. C. Bd V, 2. 

Die Venrandnng der sdnrodkclien Kavallerie im Falle eines Kri^ea. ~ Sekm. K. B, 8. 
Über die Bedentang der Bajonneta, b^rflndet durch die firfehnmgen der lelateo 
Kriege. — N. M. T. 3, 



■ 

IT. BefMtigungsweseii, miUt. Bauten. 

Beispiele für die Anwendung; der flfichtigen Befesti^Mino' vom Stand 
punkt der Truppe. — Anfgnlie, fie«(eben in den k k iStabsoffiziers- Kursen 
de» lleere^ und der Landwehr, dann in der teebuisch-militärischeu Aka- 
demie. — gr. 8* ~ 88 8. mit 3 Karten. - Wien, Seidel 4 Sohn. — i.80M 

l)ie sclnvt'izeriscbe Landesbefestigung — N. M. B. Aftr.. Mai. 

Die Losung d* r .sehwei/.eritM;heD Lande»btifej»tiguiigü-Fnige. — 0, M, Z. H2, 

Unsere Kasernen. - O. U. W. 44. 

Obersicht der Befestigungen in Frankreidi, ItaHen, Hussfanid, Dratsehland, Belgien 
und Niederhnde. ^ 0. J. G. IL u. III. 

Über Kriegsbrücken. -- R. I. J. Jan 

Die Verteiiljfrun^swerke einijrer enropäiseher fstaaten — R. I. J. Jan., Febr. 
Die Ge.^chiehtti des Ka»ernemeuts in Knsaland. — R. 1. J. Jan., Febr., MSrz. 
Die naMrlidie Yentiialion. — B. I. J. April. 

Ober die Anlage neuer Backofen und Ztriebaekfebriken. " R. IJ» JpiiL 
Die Anwendung der permanenten Fortifikatiou im Terrain. — /. R. März 
Die Verteidigung der we.stlielten Alpen nach den Studien des Grafen Uannibal 

di Saluzzo. — /. R. Ajiril. 
Die Möglichkeit einer Laude-sbefe^tigung. — ScA. A. G. 0. 
Versuch nir Veremfiwhnng des Krieg^brllckenbanes und cur Tennehrten Leistonga- 

fahigkeit der Pontoniere. — Sdu A. G, 9. 

Die niederläudiiiche Befestigungsfrage. — Nd. M. G. 2, .7. 
Die Stellungen an der Westersrbelde — Nd. M. (1. 2, .V. 

Einige AugaUeu aus deu euglihcheu und österreichischen iSchiels-Kegleiueuts. — 

S^, RO. Bd. IV, St 
Die Befestigungen von Rom. — M. 1. 10, IL 



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mffiL ZritBchriften des In* nnd Aoalandei «nüttlteiiMi AnftStia. 1X5 



T. WafTen und Munition 
(aueh Theorie des Schiefse&s n* deigL). 

Notizen Aber dae k. k. PestoDge-OeschUts-llaterlsl. — 16* — 118 S. 

- Wien, Seidel d Sohn. — 2,40 M. 

♦Beechreibunp der 8,7 cm Gelenklaffete (Blatt II A 5 h\f< II A. 10 
der Zeithniinf;on des 8< )iiffs-Artillerie-M»terials.) — 8* — 8 S. — Berlin, 
Mittler <fc Sohu. — O.lö M. 

•Zneammeiistelliiiig der Aber Verwaltnng, Anfbewabrong ond In- 
etandhaltnng des Materials einer Feldbatterie o/78 gegebenen 
BestimmuDgeu. — Mit 1 Tafel Abbfldimgeii. — gr. 8* — 178 8. — 
Berlin, Mittler u Sohn. — 3 M. 

^Belager ungs- und Festung» • Artilleristische Gedanken uud Be- 
denken. Der Zentraltebiereplati. Der b^scliiiounigte Angriff 
auf ein Sperrfort. — Von einem Fachmann. — 4 n. letite Uefi^. — 
8* — 50 S — Paderborn, Schöningh. 

*Da8 Gewehr der Gegenwart nnd Zukunft. Die jetzigen europäischen 
Infanterie-Gewehre und die Mittel zu ihrer Vervollkoraranung. Mit 64 Zeicb- 
nungeu. — 8" — 149 S. — Hannover, llelwing. — ö M. 

Etnde snr le tir de Tinfanterie, par M. L. Pons, lieatenant colonel 
d*failluilerie de marine. — 8* — 61 S. — Paris, BergWt Lerraolt et Co. 

Der pepenwärtige Stand der Repetierp;ewehrfra{;e in Frankreich — ,1. M. Z. 22, 40. 
Der Dreyse'bche Repetier-Mechanismus, konhtruiert im Mai 1881. — A. M. Z. 38. 
Die Bchweren Nordenfdt'sehen Mitraillenwn. D, E. Z. 2$. 
Die Repetiergewdirfrage. M. Z. B, 1», 

7An Wahrjicheinlichkeitslehre in ihrem Verhältnis zur BalHstik. — A. A. 1. Bd. 90. II. 
r>a*i Schiefsen mit Schrapnels auf grofsen Kntfernnncen — A. A. 1. Bd. 00. IL 
Beitrag zur elementaren Erklärung der Denvatiuu der Spitzgescbosse , nebst 

balliittisch-technischen Betrachtm^en. — J, A. M. Apr.., Mai, 
Die Stttlllbmng von Repetiergewehren. — 0. 17. W. 93, 
Hydraulischer Krahn von 75 — 100 Tonnen Tragfähigkeit und 7 m Hdhe fllr das 

k. k. Artillerie-Arsenal zu Wien — U. A. G. 11 u. III. 
Schieffversuche zu Spezia gegen 18 oni dicke Panzerplatten. — 0. A. G. IV. 
Komparatives Versuchsächiefben gegen 12" Compound- und Schneider-Platten auf 

dem AchtenÜBlde nSchst St Petersbarg. — 0. Jf. 8. Bd. JTJ; 3, 
Das 100 Ton.-Annaferong-Hinter]adergeschBta fttr die italieniechen ManOrer. -> 

0. M. S. Bd. XJy 3. 
Eine neue Mitraillense. — F. S. M. VII. 
Dae Gewehr der Gegenwart und Zukuuft. — F. S. M. XL 
Die GrundaltM dee SebieltenB. — F, J. S. Mir*. 
Die Repetiergewehre. ^ F, A, 814^ S33. 
Die Repetiergewehre. — F. iL 220. 

Die Schieftmethode der deutschen Artillerie. F, B, A. AfrtL 

Studie über daa Zielen. — F. R. A. Mai. 

Die Widerstandskraft fester Körper. — F. R. A. Mai. 

Ober die bentige ArtOlerie-Sehiebkimet ^ IL W, 8. AfriL 

Über die Aufstellung von Schnfstabellen. — IL A, J, Mr», AprÜ. 

Über StahlgeschoBse. — B. A. J. April, Mai. 

8» 



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115 Veneichnis der ueu erachieneneD B&chcr uud der grofsereo in den 

SehlebvMmehe aus FeldgeächMaen und lUfneni gegen PeMbeÜBatiguogen. — 

Pas Repetiergewehr Mannlicher. — 1. JL 47» 
Die Revolrer-Pistole. — /. E. 40. 

Betrachtungen fiber die Geschwindigkeit des Schieitien» und die Tragweite der 

moäimm. Waffen. ^ L E, 47. 
Die königliche Aitülerie-GiellMra in Geniia. ^ l A. G. Jm, 
Der indirekte Schufs der Feldartillerie. — /. A. f'hr . März. 
Die Umwandlung der HaubitEen von SS G. R. C. in solche hi 84 cm Hinterlader. 

— /. Ä. G. Mai. 
Das neue Hinterladt'gejichütz. — E, Ä. iV. I20Ü. 
Cnaer Poritkme-Artillerie-lbterial. — Stk B. M, ^, 6, 
ScUebversoche gegen Ihoenrerke mit dem aeaen Schweiler Feldgeadiitti. — 

Srh. Ii, M. 0. 
Da« neup Vpttcrli-Gpwphr — Srh. Ii. M. .5, H. 
Krupp^6che Schieisversuche im Jalire 1882. — • Sch. A. G. 
Über den Qebntich ton laogMi und knnea Kanonen. — Ni, M. & 4. 
Das Dofehbohren von Faneridatten. Nd, Jf. 8. 6. 
Über die Treffwirkung des fnfanteriefeuer». — AW. M. S. 5. 
Über die Veränderungen in der Artillerie-Wisaeoschaft. — Säm. K. H, $. 
Über das Gewehrkaliber. — A'. M. T. Hy 3. 

Über die Zukunft der Granatkartätache bei der Feld-Artillerie. — M. T, S. 
Über die jetarigen Naganneeirebre. — iE). M. T, 3, 



Tl. lUUtil1^Terk•lln1raM■. 

(EUenbahnen, Telegraphen, Brieftauben, Luftballon, Telephon u.s.w.) 

Le» Tpjppraphes et les postes perrlnnt In gnerre de 1870—71, frap- 
ments de meraoires historiqut's ; par F. F. 8teen ackcr.s, ancien directeur 
general des telegrapbes et des postes. — 18*^ — 626 S. — Paris, Cbar- 
pentien. — 3,S0 fr. 

*Die Brieftaube. Ihre Geschichte, Ptege und Drewor, eowie ihre Verwendung 

zu militärischen und anderen Zwecken. In freier Obertragnng des Werkea 

von La Perre »le Roo und nach eigenen Erfahmngen bearbeitet von 
Paul Si-homann-RoHtock. = Mit 28 Abbildungen. — 8* — 284 S. — 
Reetock, W. Werther. — 3,60 M. 

Vermche mit Telephons in Rnldacha. — A Z J. Uan. 

Die Militär-Telegraphie in der französischen Armee. — 
Die Anwendung des elektrischen Lichts im Kriege. - /'. A'. .1/ !), Ifi. 
Über die Benutzung der Eisonbabneu bei Mobilmachung und Koncentration grolser 
Heere. — D. M. T. 2. 



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mflit Zaitsehriften d«B In- and Auslandes enthaltenen Anfcitte. 117 



VII. MiIitftr*ycrwallDngsw€8oii 
(auch Verpflegung, Bokleidnng nnd Au«rttiititiig). 

Die Verwaltnttg dea deDlaohen Heeres von A. Froelich, Rechnuni;^ 
Rath Nachträge zu Th. II, 3 „Cield- iiiid NatiiralTerpflegnng der Troppen.'' 

— pr. H" — 4 S — Berlin. IJeliel. — 0.10 M. 

Die Vorschläge der biiii<ii'.">rälhli('hen Koinniisf^ion betr. militäri.>c h«« 
FufbUekleiduDg, tüiu facbmänni^cbea Staadpunkt« aus unter Beigabe 
.von -IS litb. Tafeln knra beleuchtet toq Henri Weber. — gr. 8* — 84S. 

— Zfiricb, Srhniidt. - 1.50 M. 

Die Verpfl«^;:'!"^! (Ut k. k Truppen während der Rcsetzn ii*:' Bosnien« 
und der l( erzep;nwi na im Jahre 1878. — Im Aiiftra;:»' (\o< Reiehs- 
Kriegü-Ministeriuin» und unter Leitung der Direktion des k. k. Kriegs- 
Arcbivs nach aaChentlBchtti Quellen verfiust in der Abteilang fllr Kriegs- 
gesdiichte. Mit einen Anhang, 89 Beilagen nnd einer fiber^htbkarte. -> 
gr. 8* — aOB S. — Wien, Seid4»l & Sohn. - 7;M> IL ' 

Die neue Uniformieruug der Offiziere und Adjatanteo der französischen Infanterie. 

— Äi. W. 33. 

Das GepIck dee In&Dteristen ond die Paclraragen. — It. W. 40, 

Ober die Vermindemog des von den Kavalleriepfeiden xn tragenden GewieVts- — 



Per KiitzenWhc Kantinenwapen — M. W. 49. 

Die neueste Vorschrift fiir die Verpflegung des k. k. Heere.'». — ü. «S'. i/. JV. 
Gesehidite der Verpflegung der 0(^cQpations•Trappen. — 0. U, W, 3i; 32. 
Die Vfipiegnng der k. k. Trappen vrihrend ^r Besetnng Bosniens und der 

Herzegowina im Jahre 1870 — O. M. Z. 31. 
t'ber die rationelle Anlegung der Ausrüstung des Soldaten. — R, I. 12—16. 
Der Intendanteadien»t im Felde. — /. H. Märt. 
Administrative Reformen im Heere und in der Verwaltung. — 1. B. Um. 
ESn» Studie Aber die Armee-Regulative der Vereinigten Staaten. ^ A. U.S. Äfr9. 
Unsere Lehensmittel nnd deren VerfUschung unter Uinven auf Trappoiverpfleguag. 

Sek M. Z. i$. 



ßestimmniipen iiher das M i I itä r - Vet er i n ä r- Wesen. 6. Nachtrag. — 
gr. 8» — 12 Bl. — BorliD, Liebel. — 0,30 .M. 

Table alphabitique et analytique de lois, ddcrets, d^eisions et 
cireulaires applicables au service de santi deParm^e'de terre, 
per Chr. Grandjean, mMecin-nugor. — 8* — 184 S. — Paris, Rosier. 

Noehmals zur Konservieruug des IMVrdehnfes — M. W. 24. 

Das SanitStswesen bei der briti!«i-heu Armee im eg}'ptischen Feldzuge. — Jb. H. Z. 43. 

Me Geaundbeilspflege im Heere. — D. H. Z. 44. 

Zum Müitär-Sanität»we»en. — 0. U. W. 42. 

Astiaeptisehe Wundverbtode im Kriegs. — O. M. Z, 45. 



M. W. 44. 



Till. Militär-Gesundheitspflege 



(anch Pferdekunde). 




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118 yendchni» dw neu enchieiieiMD Blkeher und du gröÜMran in den 

Studien über da« SanitätM-orps. - F. P, AI. 250. 
Unsere KMerami und die Epidemien. F, Ä. M. b58. 
Der Krieg auf Gnb» ▼om niilitir-hjgieiiiachen Staadpimlct. 
Die Hjne^ene im egyptiiwlien Feldrage. — i*. It J#. 7. 



IX. Militär Rechtspflegre 
(aach Völkerrecht im Kriege). 

Code de justice militaire pour rarm^e de terre. — 33* — 88t S. — 
Paria, Cbarlea Lavaiuelle. --8 fr. 

Die Genfer Konvention, ihre Entstehung, Zweck und die Mängel derselben. — 
D. B. Z. 38, 

Suhordioationsferletmiig dnrch Renmefordenrag zom Zweikampf. — 0. & M*t V- 
Die Strafen und die Moni der eingeetellteo Soldaten. - A. ü. 8, M», 



X, Miiltirisefaeg Aufnehmen, Terrainlehre, Geographie^ KartoM* 

wesen und Statistik. 

Die VerlttBte der im OccnpationB-Geblete und in Slld-Dalmatien 

befindlichen Truppen im Jahre 1888. Bearbeitet und ülw An- 
ordnung de< k k. Reich- - Kriep* - Ministeriuni}*, herauRpepeben von der 
IV. Sektion th .s technischen und admini>trativen Militär •Ck>mite. — 4** — 
It S. — Wien, Uof u. Staatedruckerei. — 0,40 M. 
Regiatrande der geographisch-BtatUtfachen Abteilang de» grofeen 
Generaist ;t Ii > - Neu(>s aus der Geographie, Kartographie und Statistik 
Europa.^ und »einer Koldnicii. Qn^'Uennnchweise. Aiiszüpe und Be- 
sprechunfren zur laufenden Orientierung Uearbeitet vom grofsen (ieneialatab 
XUI. Jahrgang. — gr. 8« — Berlin, Mittler & Sohn. — 13 M. 

Die Bestrebungen flelern^hiseber Autoren auf dem Gebiete der Terram^Vieeen 

Schäften — JA. M. Mai, Juni. 
Die Yerlu!«te des rusAi.schen Heeres auf dem enropftiecben Kriegaschanplatze 1877 

—1878. ~ 0. S. M. V. 
DeberBicht der kartograpbieBcben Arbeiten im Jabre 1869. » R. /« 30^40, 
Der Gebraneb der Heliographen --^ R A. J. Apr, 

Die Wichtigkeit der Geologie bei militärischen TenaillBlndlen. — /. R. Apr. 
Der Kartomott r. Instrument zum schnellen Messen von Linien — Sp. L 6 
Die Berechnung der Webrmano^cbaft für 1882. — Schw. K. U. ö. 



XI. KriegHt?e8chichte 

(auch Reginientsgcschichten, Lcbcnsbeschreibangcn und Memoiren). 

Die franzfi-ixlie Invasion in Kranken im Jahre 1796 Von Dr. 
Ohr. Hützel mann. — gr. 8« — b'd S. — Fürth, Essmaun. — IM. 



mflit. Zeitschriften des Id> und AwUndee entbaltesen An&ittie 



119 



Die Scbiacbt bei bpicbera am G. Auguät 1870. Vortrag gehalten im 
ffiiloriadieiirVeNine m BuAfMuia am 92. November 188t voa Dr. Friks 
Tendering. — 8« — 8S S. — Smulirltekeii, IQnigebeiL — 0,67 M. 

Worin besteht der Unterschied und die (ileiehheit der Armee Fried- 
rich desGrnfseo mit der lieiitipen Armee unseres Vaterlande?»? 
Von V. Ollecb, General der lut'auterie. — 2. vervoiist&idigte Auflage. — 
gr. 80 ^ 48 S. — Berlin, MitÜer & Sohn. - 1 M. 

Friedrich des Orofsen Feldsugeplan fflr des Jahr 1757. Vorfarag 
gehalten zur Feier des Geburti>tages Friedricli desGroJkm io der militäriseheu 
GesellBcbaft zu Berlin. — Mit einer Karte. ~ — 43 S. — Berlin, 
Mittler k Solm - 1 M. 

Zur französisch-deutschen Kriegsgeschichte 1800—1813. Aus Denk- 
eehrifteu pülniaeher Offiziere mitgetheOt von Dr. Ang. Moebaeb. — gr. 8< 

— 489 S. — Breslau, Köhler. — 18 H. 

•Geschichte des königl 3. Thüringischen Infanterie - Kegiments 
No. 71. Von M.1X v. Loefen, Hauptmann. — Mit 4 Plänen aus dem 
Feldzuge 1866. — gr. 80 — 831 S. — Berlin, Mittler & Sohn. — 6,30 M. 

•Geschichte des Dragoner-Regiments Prins Albrecht Ton Prenssen 
(Litthnnisehes) No. 1. 1867—1881 von Sieg, Ritlm. n. EBkadr.-<Obef ' 

— Bfit einem Portrait, lUustraticmen in Farbendruck u. s. w. — gr. 4* — 

299 S. — Berlin. Mittler & S^.hn. — 12 M 
•Geschichte der deut.Hchen Freiheit.>»kriege in den Jahren 1813 und 

1814, von Dr. lieinr. Beitzke. 4. ueubearbeitete Auflage von Dr. Paul 

Ooldschmidt 9. n. 10. Lfg. - gr. 6* — (9. Bd. S. 198~~404 mit 

2 Plänen.) Bremen, Heittsins. — 0,80 M. (compL 9 M.) 
Der Aufstand in der Ilerzegovina, Süd- Bosnien und Süd-1):ilinatieii 

1881- 1882. Nach autentischen Quelleu dargestellt in der Abteilung für 

Kriegsgeschichte des k. k. Krieg»- Archivs. — Mit 3 Karten. — gr. 8« — 

814 8. — Wien, Seidel k Sohn. — 6 H. 
Le 84. bataillon de la garde nationale an siöge de Pari»; nouvenim 

d'un sergent-major (^I. P. Marquez) de la socit^te de volontaires de 1870 — ^71. 

4. edit — 8» — 62 S. — Coutanc<»s, Salettes — 1 fr. 
Lea bataillons de la Correze, par le couite Victor de Seilhac (1791— 1796). 

De la formatio» i Pembri^emeDt. — 8* — 898 S. — Tnlle, CronffM. 

— 6 fr. 

L*arm4e francaise en Egypte (1798— 1801), manuscrit rais en ordre et 
publik par H Galli - 18" - 244 8. — Paris, Charpentier. — 3..'>0 fr 

En campagne (1870 — 71) par Marti al Moulin, sous-officier d'infauterie. — 
2. edit. — 18" — 159 S. — Paris, iiachette et Co. — 1 fr. 

La defense de Lille en 1799 par Alph. Lair. — 8^ ~ 16 8. — Gontanees, 
Salettes. 

Sedan, Souvenirs d'un officier supWeur. — 18» — 124 S - Paris, Hinrichsen. 
La preraiere campagne de Cundi (1643) par M. le duc d'Aumale. — 8* 

— 38 S. — Paris, (Juantin. 

Die InfiinterieUmpfe des IX. Armeeeorps am 18. August 1870. — 3/. (F. 9«. 
Blätter aus dem Tagebnche eines Teihiehmers an der Campagne in Egjrpten. — 
W. 27. 



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120 Tetieichnü der neu eiBehienflnen BAcher und der grSfwren in den 

Der Si<-herllng^- und «Ut Beobacbtuagadieuat Uer Kavallerie Friedrichs de» üro(»eu. 
~ If. W. 28, 

Der 8. Mai 1868. Ein Oedeokblatt am dem Leben muerer ArtOIerie. — M.W. 30, 

Rofsbach und Jena. — U. W. 2.^, Bf^ 

Die brandenbnrg-preufi^isi 1)*- lloore!sorgani.<«ati(ni nur Zeit Friedrich WUbelm des 

grofsen Kurfürsten. — M. W. 45, 46. 
Der hihtorische Walleaütein. ~ N. M. B. Apr,^ Mm. 
NScbte am Rio Pftraguaj. — N, Ii. B. Jpr. 
Der J«Ii-Kampf bei Mikopolis und Plewna — S. M. Ii. Jifr^ ifai. 
Die KaiiiptV iiiT Kommune 1871 bis zum EinlNTiich der Truppen in die Enoeinte 

von Hari.s. N. M. D. Mai, Juni. 
Die russiäcbc und türkii»che obere Heere»leituug im er»teu Abschnitt dea Kriege» 

von 1877/78 — A. M. Z. 16. 
Die maeisehen Donnnbracken im Kriege Ton IVflflB. — A. A. I, Bd. 90, JJ. 
Die Expedition der EnglSnder nach Egypten im Jahre 1888. — J. A. M. Apr. 
Gambetta und ('lianzy in ihrer Bedentang für die franxOaiaehe Armee. — J. A, 

M. 3/(u, Jum. 

ROckblicke auf Staat und Heer in Bayern. — J. A. Mi ÜU; M 
Algerien nnd Tunesien. — J. A. Mi. Am. 

Aphorismen aus dem losurr, 1 1 i-kriepe 1882 — 0. A. B. 13. 
Miiitärist-ho Erinnerungen des (i' n> r;il> Barctii J S. Ilulo.t — F. 3. M, VU. 
Die Schlarlit \un A<siette. — F. .>'. M. VJJJ, JX. 
Die Wirreu in Algier. — F. S. M. VJJl 

Der m&iacfa-tOrkisehe Krieg nnd der Pronb Snieimaii. — F. 8. M. iX, X 
Aus der Geschiebte der Kriegskunst in Rnßilaad rar Zeit Peter des Oroften. <^ 

R. W. S. A}»-. 

Material zur Beschreibung der Tbaten des Kustttcbuker Detachements. — R. W, 

S. Apr. 

Die Vergangenheit und Gegenwart der donisdien Kouai^ieii. — R. W. 8. Apr. 
Der Obergang der 9. Scbfltaen^mpagnie des MinskTscbiD Inthnterie-Regidienls 

über die Donau am 15. Juni 18T7. — R. W. S. UmL 
Fünf Monate auf dem Sohiitknpii^ — W. S. Mai. 

Die Jugend Napoleons I.. gt h'goiitlich eines JQug»t erschieoeneu frauzösiachen 

Werke». — i. R. Apr., Mai, 
Di» jOngste Anftreten Portngnte am Gongo. ^ E. A. N. 1218. 

Fetdmarscball Suwaroff. — A. U. 8. Apr., Mai. 

Di.' Ereigm'sse in F>gypten 1882. — JNW. M. S. 4. 5. 

Der Feklzug M(.reaus in Deutschland ItiOO. — Sp. Ä. C. Bd. Jl\ til. 

l^epautü. — Sp. R. C. Bd. V, V. 

Der Krieg in Italien an Anfang des 16. Jahrhunderts. — 8p. B. C Bd. V» $. 
Beitrige cum Peldxuge in Schweden 1788. — N. M. T. 4. 



XII. Marine- Angelegenheiten. 

Der Dienst am Bord. Zuriammenstellimi: i]*'r Bestnnmni^;^ für den Dienst 
der Se»>-Offiziere an Bord 8 M SchitTe und Fahnteugfi, sowie Hinweisuug 
auf die bezüglichen Stellen der lostrulctionen und Re^ments von Kirch- 



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müit. Ztitidiiiftett da« In- und AulMides entiulieiicii Anfrltae. 121 



hoff, Kapitain-Lientenant. — gr. 8* — 100 S. — Kiel, UoiTeraitäte-Bacib- 
handlung. — 2,40 M. 

*Die Krt«gS8eliiffbftiiteii 1881 --1088. ZwHMiiiieageBteHt i. P. v. 
KronenfeU, k. k. Hanptmann der Rwerre. — Mit ffil in den T«it g»- 
druckten Illufltntionen. — gr. 8* --275 S — Wien, Hiirtlchen — 6.7511. 

Tableau et claHHcracnt dos marines militaires par M. Marchai, soob- 
iugenieur de la mariue. — 8* — 112 S. — Paris. Herfier, Levrault & Co. 

Giierret» maritimeti »ous la Kepublique et rEiupire, par le Tlce-aminl 
E. Jnrien.de LnOb-avidre. Avee lee plani des bnteflles aavalee dn cnp 
Snint- Vincent, d'Abonkir, de Copenhague, de TraMgar et une enite du 
Suml Noiiv editicun r.-vtic, corrig^e et tr^ Ugmcnt^ S voL — 18* — 
U2 S. — Paris, Charpeutier. — 7 fr. 

Die Schnle ftr nntenedsches Mineveeen in WOleto-Poiat — M, B, MaL 
Die denteehe KriegsmariDe im leisten Jahnehnt — Ä. M. Z. 23, 
Bemerknngen über den heutigen Standpunkt der Panzerfrage. — D. B. Z. 22, 
Betraehtunpen über die neuesten Erfahrunj^cn in (k'r Panzerfrafre — D. H. Z. 40. 
Die direkten oder »trengen Auflösungeo fUr die Bestimmuag des Beobachtungs- 
ortes am zwei Höhen der Sonne oder anderer bekannter Gestirne nebet 
dem Zeitonterecbied der Beobaebtongnt. A, & M. JZL 
Au< dorn Roisoberichte S. M. Kbt. „.Vlbatrofs-.— A. IT. M. IIL 
Au» den Reiseberichten S. M. S „Carola". — A. H. M. V. 
Vereucb mit dem englischen Torpedo - Kammschiff «Poi^hemaB". — O. U, 
W. 2ö. 

Steige Uber Sddflb- nnd Schiffimafldiinenban. — 0, Ii. 8, Bd. JU 2. 
Dbertragung und Verteflnng der Energie mittetet SÜeklriiitlt ^ 0, M, & 

Bd. XI 3 u. 4. 

Die franzOisiiHThen 27 cm. und 34 r m. Kanonen. — O. M, S, Bd. XJ, 3 m. 4, 

Das Marine-Budget. — F. A. M. 6ii2. 

Vergleicbende Studie der ScbiAtektik. — F, R. U. Apt, 

Die Fortaebritte dee StaUgobee. ^ R. M. S. Man. 

Obersicht der noritunen AaBbildnngqieriode in den firemden Staaten. — J#. 

S. Apr. 

Die italienische Uandeiäinariue. — J. R. M. Apr. 

Das Budget der italienischen Uarine. -7 Z iL If. Mai, Jmi. 

Die Kfiegabifen. £ JZL Af. Aftr^^ JAif Jink 

Rllekblicke auf die Operationen der enf^ttchen Kri^anuurine in Bgypten. —ZS. 

M. Mai, Juni. 

Die Torpedos und die Vertei(li;_'iiiig der deutM-lieu Küste. — J. JL M. MaL 
Panzerschiffe für Torpedo-Prüfungen. — E. A. N. 1219. 
Dia neuen cUnesiBChen Kriagsachiffe. A. A, N, 1932, 



XIIL Temhiedenes. 

*Jahre8beriebte 8ber die Veränderungen nnd Fortaebritte im Hilitir- 
woaea. DL Jahrgang- 1882. — Herausgegeben von H. t. LObell, Obent 
X. Diap. — gr. 8* - 668 S, - Berlin, Mittler k Sohn — 9 H. 



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122 Veneicfanis der nea enchieiMnen Bficher and der gröberen in dea 



Die Wahl- and DsDksprQcbe, Feldgeachrei, Losungen, SchUcht- 
and Volk«rnfe, besondere des Mittelalters and der Neoaeifc, gesammelt^ 

alphal)oti8eli geordnet und erläutert von J Dielitz, Geh. Reg.-Rat. — 
3-5 Lief^ _ p-, 4» _ (S. 97—240) — Görlitz, Starke. — 2,40 M. 
*Moltke in KIt inusien. Von Fedor v. Köppen. — 8» — 31 S. — UannoTer, 
Helwing. — 1 M. 

*Oontra Richter and Genossen. Einige Bemerknngen Ober die gegen die 
Annee gerichteten parluiix ntarischen Angriffe. gr. 8* — 81 S. — 

l*f.t5dam, Dftritit: — OJyO M 

*Die Ansriffp ''er^ K' m ll-(;^;;^al»Jrt•^M•dneten Herrn Rielitor jiegeu die 
Armee, beleuchtet von eioem deutschen Soldaten. — 3. und 4. Aufl. — 
gr. 8* ~ 76 S. — HannoTer» Helwing's Verlag. — 1^ 11. 

*Die Anstelinngen der Unteroffisiere im Givildienst nnd in der 
Gensdarmerie, von einem ilteren Offisier. — gr. 8* -> 100 S. — Berlin, 
Mittler k Sohn. — 1,40 M 

Die Militär - Peudiouttgesetz - Novelle und die Dankbarkeit des 
dentschen Vaterlandes. Ein Weihnachtaandenkm für die deutschen 
Krie^ von 1870—71 und die Rdehstags-Abgeocdneten von 1882—88. — 
2. Auflaf?e. — gr. 8» — 16 8. — Berlin. Ad Klein. — 0,60 M. 

Dent»«' iid mul Hii«>^I.uid Eine französiMho Auschaaung Aber den deirtsch- 
ru.s.sisilien Zukuuttjjkriej; von Major Z. . . . Deutsch von A. B. E. — Mit 
einer Karte der rust^iijcheu \Veätgrenze. — 8. Auflage. — gr. 8o — 47 S. 

- 1,S0 M. 

Fest-Chronik über die Feier de?* 200jährigen Be.>«teheu» des Ulanen- 
R.-;:im.Mitv Kr,nig Karl (i. württ) No. 19. — gr. 8« — 86. S. — 
Stiittfrart, .M<'i/l.'r. — 1 M. 

(Jbants du soldat, marche^ et souacrici par Paul Deroulede. — 
80. ddition. . 88* - 187 S. — Paris, Ldvy. — 

fitnde snr la röorganisation des musiques mllitaires par J. Le For- 
ger on. — 8* — .'V; S. — Rpnnes, Oberthur. 

Aide memoire portatif de eanipagne äru>:iL^e dosofficiers d'artillerie. 

— 8* — 372 S. — Paris, Iniprimerie oatiouale. 

OenVrca militairea dn mardehnl Bngeand, doc d*bfy, r^nmea et raises en 

oidre par Weil, aneien capitaine de eavalefie. — 8* — 894 8. — Paris, 

Baudoin • t <"o. — 7,50 fr.. 
Les ballon-- . t le.-, pigenns nnt ete funestes ponr la France. Details 

incoiimis du siege de Paris par le docteur van iiccke. — 4* — 16 S. — 

Paris, Dupont 

L*Höroisnie militaire (1798—1815) par Etienne Gharnvay, acduvists- 

paleographie — IG« — 160 S. — P-oris, duunmiy ÜPhes. 

Aide memoire det* oftit ier.^ d'infanterie en c.tmpagne ete par Victor 
.Tacquin, oapitaine d'infanterie. — 12« — 283 S. — Paris, Baudoin & Co. 

Au bivouac, pocmes militairea par Ernest Ameline. — 18* — 106 S. — Paris, 
Deuter. 

Kavalleristi>che Friihlingsgedanken — J£ W. .31, 39, 
Die Versicherung der Oftizierpferde. — M, W. S7» 
Kavaileriotiscbes. — M. W, ä8. 



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mOit Zeitichriften dw In- und Anslandes enthaltenen AufUtse. 123 



et eine Vorsicberung für Offiziorpferdo auf Gegensoiti^keit einer gewerbsmildigen 

Versicherungsauslall vorzuziehen? — M. W. 42. 
Zur Pferde-Yerdicheroog. — D. H. Z. 22. 
Kavmlleriititche HanOver-Pludereien. — M. Z. R. SO. 

Da^ Stadium der ru^^siächett Sprache in der deutechea Armee — J. A. M. JM, 

Distanzritt rus.>iM hor Offi/iftf \Mti Wnrschau nach Janow. ~ 0. S. JU.» V, 

Die russiscli.» p.'riniiiM-li.' Müitär-Littoratur. — O. M. '/.. 30. 

Uber die Jirricljtung vou Militär-Sparka:>^eD. — 0. M. Z. 41. 

Ober die Remontiennig der frunfieiKben Armee. — F, P. IL SSO» 289. 

Die Renionteo. F. A. 807. 

Der Tunnel unter dem Kanal — F. A. 824. 

Geschichtliches über die Militiir-Pensionfn — F. M. 209. 

Daa geoiuetriscbe Caicul. — R. M. März, Aj^rä. 

Berichte Ober Madagaskar — F. Ä 1£ Man. 

Die ftBnifleischen Kolonien. — F. R. M, MaL 

Ver^eicbonde Studie über elektriM h. - und Gas-licht. — / iL C. FAr. 
Theorien des Nordlichts. — L R. M. Juni. 
Die Kriege der Zukunft. — A. A. N. J020. 
Die Zukunft unserer Armee. — A, A. N. 1022. 

Die militirische Situation der vereinigten Staaten Nordamerikas. — Sdk.U. Z. 24. 



DiMi 




w 




IX. 

Algeiien und TunesieiL 

TM 




(Fortsetnuif .) 

Der Mifserfolg des Unternehmens gegen Constantine schadete 
dem Einflufä der Franzoeen sehr, sodab ihre Lage zn Anfang dea 
Jahres 1837 eine recht ungünstige war: der Emir noch nicht unter- 
worfen, die Kommunikation mit Tlemsen durch die Feinde gestört, 
das Lager an der Tafna-Müiulung auf sich angewiesen, Achmet im 
Osten, die Hadschuten in der Umgegend von Algier triumphierend, 
wo die französische Herrschaft kaum bis an den Fufs der nächsten 
Berge reichte, nianzel reiste im Februar nach Frankreich, von 
Niemandem bedauert; Dainreniont wurde zn seinem Nachfolger 
ernannt. Er traf am 3. April ein, während Bugeaud, mit der Ver- 
waltung Oraus selbstständig betraut, am 5. April landete. Diese 
Trennung in der Verwaltung war ein entschiedener Milsgriff der 
Regierung. Im Innern setzte Damremont zunächst das arabische 
Bureau wieder ein und beabsichtigte in seijiem Verwaltungs-System 
Strenge mit Milde zu paaren. Am 27. April begaou er mit 
GOOO Mann, die im Lager von Bnffarik versammelt waren, eine 
Expedition gegen Blidah, das nach leichtem Gefecht besetzt wurde; 
wegen der Wichtigkeit für die Beherrschung der Aii.^gänge des 
Kleinen Atlas wurde die Errichtung eine.> bi Ii sti^tou Lui^ers daselbst 
beschlossen, aber ertjt im näclisten Jahre ausgeiilhrt. Am 2G. Mai 
wurden Expeditionen gegen die Beni Isscr und Amrauah, einige 
Tage später gegen die Hadschuten unternommen und eben auch 
eine gröfsere gegen Milianah geplant, als die Nachricht von dem au 
der Tafna abgeschlossenen Frieden eintraf. 

Bngeaud war mit 9000 Mann am 15. Mai von Onm aafgebroohen, 

JtMtatar Mr ito SmM» kmm wni UKÜm. WU SLvm:, a 9 



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130 



Algerien and Tanesien. 



hatte am 19. die Qamison von Tlenuen befreit und am 22. die 
Tafha-M&nduug erreicht, wo auf Befehl der Begierung die bereite 
angelegten Befeetigimgen sentört werden aollten. Abd el Eader 
zeigte sich zu Friedena-Verhandlnngen geneigt, die Begierang be- 
günstigte dieselben anscheinend, um im Ostoi freie Hand za be- 
halten, nnd so schloß Bngeaod ohne Wissen Damr^monts am 30. Blai 
mit dem Emir den sogenannten Tafna-Frieden ab, der den Fran- 
zosen keine Vorteile brachte, sie &8t nnr anf ihre faisher^en Be- 
sitzungen an der KUste beschränkte, ihnen zwar Blidah, aber nicht 
Medeah belieb. Baschgnn (an der Mfindnng der Tafna, nicht za 
verwechseln mit der Insel) nnd sogar Tlemsen wnrde aufgegeben. 
Der erste Artikel lautet: »Der Emir Abd el Kader erkennt die 
SouTerftnitftt F^kreichs in Afrika an.« W&hrend die Franzosen 
dies so ansahen, als ob der Emir ihre SonverSnitit über ihn 
anerkenne, dachte letzterer gar nicht daran, sondern bezog dieselbe 
nnr auf die ihnen durch den Tafna-Friedeu eingeräumten Qrenzen. 

Wenn nicht die Absicht vorgeherrscht hat, sich für eine zweite 
Expedition geilen Constantine ganz freie Hand zu verschaflfen, 
SO wäre der Abschlufs dieses Traktats, der am 26. Juni offiziell 
bekannt gemacht wurde, unbegreiflich. Im August wurde das Lager 
von Medsches-Amar (Esels-Furth) errichtet, und von ihm aus be- 
gannen die Operationen der 13,000 Mann starken Expedition s-Corpe, 
dessen erste Brigade der Herzog von Nemonrs kommandierte; die 
zweite stand unter Trebel, die dritte unter Itulhieres und die vierte 
unter Oberst Combes. Als die Friedens -Vorschläge des Pascha 
Achmet von Constantine für unannehmbar befunden wurden, griff 
er das La<;cr iirn 20. September an, aber vorgeblich. Persönlich 
trat er darauf zui iick und iiborlies die Verteidifrunj^ von Constantine 
seinom Stellvcrt leti-r Ben Aissa. Am 1. Oktober verlicfsen die 
Franzosen das Lager und standen am G. auf dem Plateau von Man- 
snrnh vor Constantine. Hier hatten sich die Araber kouceutriert 
nnd die Stadt so stark als möglich befestigt; die Batterien der 
Kasbah und des Bab el Dschedid rithteteu ein lebhaftes Feuer auf 
die Franzosen. Eine Kekugnosziernng ergab, dafs der einzige 
Angrill'spunkt bei Cudiat-Aty sei, dort sollten daher die Bresch- 
Butterien errichtet werden, während 3 Batterien auf Mansurah die- 
jenigen der Augri Iis- Front enfilieren und das Feuer aus der Kasbah 
erwidern sollten. Es wurde ferner festgestellt, dafs die Front am 
Bab el Weil gegen das vorige Jahr wesentlich verstärkt war. Die 
8 ni hohe krenclierte Mauer war mit einem Rondi ugang und stellen- 
weise mit 2 Keihen von Schieisücharteu versehen. Neue kasemattierte 



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Algerien und Tmerien. 



ISl 



Batterien waren errichiet; man zählte 18 SchiefiBscharten mit Bronze- 

GeBchützen. 

Die Brigaden besetsten Cudiat-Atj, ohne yom Feinde gehindert 
zu sein; am 7. wurden die Batterien vollendet nnd Ausfälle der 
Garnison auf allen Punkten zurückgeschlagen, in der folgenden 
Nacht sollten sie armiert werden, was aber durch eingetretenes 
Unwetter unmöglich gemacht wurde. Erst am 9. eröffneten die 
Batterien von Mansurah (IG und 24 cm Kanonen, 6 und 8 cm Hau- 
bitzen, 8 cm Mörser, im Ganzeu 12 Geschütze) ihr Feuer, welches 
die batterie royale getjen die Rückseite des Angrifls -Thors, die 
batterie d'Orleans gegen die porte d'El Kantara, die Mörser- Batterie 
gegen die Kasbah und die Ötadt richtete. Die feindlichen Batterien 
der Kasbah und am Bab el Dschedid wurden zum Schweigen ge- 
braclit, ein Ausfall gegen Mansurah abgewiesen, ebenso mifslang ein 
solcher, der von 4000 Reitern im Kücken der Franzosen unterstützt 
wurde, am 10. gegen Cudiat-Aty. 

Die erste Bresch-Batterie daselbst war 500 m vom Thore ent- 
fernt, eine zweite 85 m vorgeschoben; zwei andere Batterien wurden 
auf der Höhe rückwärts der ersteren errichtet. Ein RaTin vor der 
Bresch-Batterie, welches sich doT Stadt bis auf 200 ni näherte, wurde 
zur Anlage eiucs WatFenplatzes mit lliegender und voller Sappe 
benutzt und eine fünfte Bresch-Batterie 130 m von der Stadt 
errichtet. Erdarbeiten waren fast nnmöglich, da überall der nackte 
Fei» sm Tage trat; auch der Transport der Geschütze war tmSam- 
ordeniHcb schwierig, stellenwdBe waren 40 Pferde erSwderlieh. 

Eine Aufforderung, an die Bewolmer von CSonetBiitiiie am 10.' 
gerichtet, blieb ohne Erfolg. Die Antwort rem 11. schlofii: »Si 
Tone manqneB de pondre, nouB Tons en enTerrons, ei toqb nVes 
plns de bieeoit, noiie partagerone le nOtie ayee Tons, mais toob 
n*6ntreres pae dane notre ville. Nona nons d^fendzons jusqu*lk k 
mort Lee Fran^ais ne aeront maitres de Constantine qn'aprde avoir 
%org^ jnsqn'aa demier de am d^feneeim.« Der Graf Damr^mont 
erUärte, als er die Antwort erhielt: »Ge aont dee gens de coeor! 
Eh bien! Tafiaire ne sera qne plus gloriense ponr nonsU 

In der Kacht znm 12. wurde die neue Breaeh-Batterie anniert. 
Ab gegen 9 €hr der Ober-Kommandierende Damr^mont an ihr 
hinabstieg, nm za rekognosrieren, t6dtete ihn eine Kngel, VaUe 
worde sein Nsehfolger. Die neue Batterie begann gegen Mittag ihr 
Feaer; gegen 6 Uhr Abends war eine Bresche hergestellt, sodals 
man am anderen Tage den Storm wagen konnte. Von Seiten Acfamet 
Fteehas angebotene Friedens-Yerhandlnngen wurden abgewiesen und 

9» 



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132 



Algerien und TaiMieiL 



der Sturm beschlosseu; es war aber auch höchste Zeit, da die 
Truppen sehr von der schlecliten Witterung zu leiden hatten, kein 
Holz, kein Futter für die rieide vorhanden war, sodafs Hunderte 
bereite verendet waren. In der Nacht vom 12. zum 13. wurde das 
Feuer sämtlicher Batterien fortgesetzt und 3 Angriffs-Kolonueu unter 
dem Herzoge von Nemours bestimmt: Die erste Kolonne unter 
Obeist-Lientenant Lamorici^e bestand aas 40 sapeura, 300 Zoua?eu 
und 2 Gompaguieu, die imte unter OboErt Comb« m 80 aapetm 
nnd 600 Ifiann, die dritte unter Oberst Corbin and 2 Batwllonen. 
Die beiden ersten standen hinter der neuen Bresch-Battttie, die 
dritte hinter dem Bardo, sttd-fietlich daTon. Der Sturm sollte am 
Tage ausgeführt werden, weil die Bresch-Batterien noch vorher 
wirken sollten ond weil auf Widerstand in der Stadt zu redmen 
war, dem num am Tage besser su begegnen hoffte. 

Am 13. frfih gegen 7 Uhr flflsterte der Henog dem Oberst 
Lomoriddre die Worte za: >Quand vous Toudres Colonel!« Leisterer 
schwang den S&bel und mit dem Rufe: »A moi mes Zouayeslc 
stürzte er der ersten Kobnne vorauf: nautk wenig Minuten war die 
Bresche escalodiert und die Tricolore angepflanzt. Die Bresche war 
vom Feinde verlassen, der sich aber in den nächsten Hinsem zum 
Widerstand setzte, um Schritt für Schritt sein Terrain zu verteidigen, 
in ihnen und in den Kasematten kam es zum Handgemenge, ein- 
stflrzende Mauern begraben einen Teil der Stflrmenden, ane Bfine 
eoqplodierte, ob aus Zufall oder mit Absicht der Araber, ist nicht 
genau erwiesen; nach Aussage Ben Aissas ist sie zoflUIig durch 
einen Gewehrschufs explodiert. Sie verursachte grolse Verluste. 
Inzwischen kam die Kolonne des Oentrums heran, nahm die Bar- 
rikaden der Hauptstrafse, wobei der Oberst Combes fiel, und vertrieb 
die Araber aus der Moschee und der grofseu Kaserne. Eine Kolonne 
dirigierte sich links nach dem Bab el Dschedid nud dem Khalifat, 
eine andere von der grolsen Kaserne längs des Walles zum Bab el 
Dschabia, das von den sapeurs geöfi'net wurde, während 2 Com* 
pagnien in die von dort ausgehende grofse Stralse vorrfickten. 
Überall entstand ein Strafsenkampf wie in Saragossa, nur mit dem 
Unterschiede, dafs sich das Gewirr einer orientalischen Stadt kaum 
mit dem einer europäischen vergleichen läfet. 

(Jonoral KuDiit res wurde zum Befehlshaber der in die Stadt 
V(»rf^(Mlrungeuen Trupj)en ernannt; als er sich nach dem liödist 
legt'ueu Ciebiinde der Stadt der Kusbah begeben wollte, kam ihm 
ein Abgesandter der Munizipalität mit einem Bittschreiben der 
letzteren behufs Jbaustellupg der Feindseligkeiten entgegen. Der 



Algukn ud TdiimImi, 



188 



Befehl dazu wurde erteilt und sämtliche Ansträiipfo wurden bcsct/t. 
Hinter der Kasbah bot sich ein .schrecklicher Anblick dar: ein 
grofser Teil der Bevölkerung hatte dort Schutz gesuclit go^en die 
feindlichen Geschosse und war in den Ab^rrund hinuntergestürzt, 
sodaCs mehrere Hunderte von Leichen dort umher lagen. Um 9 Uhr 
war Constantine genommen. 

Achmet Taacha, der von aufserhalb die Belagerung verfolgte, 
flüchtete in die Gebirge von Aures, ergal> sich 1848 und starb 1850 
in Algier. Eine Garnison von 2500 Mann blieb in Constantine 
zurück. Der Kest des Exj>editiün.s-Corps, unter dem die Cholera 
bereits zu wüten begann, verlicfs am 2l'. Oktober Constantine und 
legte den Rückmarsch zurück, ohne vom Feinde belilstigt zu werden. 
Im llegenteil die Donars waren .siimtlich wieder bewohnt, und es 
entwickelte sich ein friedlicher Verkehr mit der eingeborenen Be- 
völkening. Die Provinz Constantine hat seitdem den Franzosen am 
wenigsten Schwierigkeiten bereitet; einige partielle und schnell 
unterdrückte Aufstände abgerechnet, herrschte in ihr Ruhe und 
Sicherheit wie in keiner anderen. 

Das Jahr 1888 hat keine grolMii Kriegsercignisse aufzuweieen; 
es gleicht der Windetine vor dem nahen Stnrm. Milah, 4 Meilen 
weettich T<m Gonitantine, wurde im Mirz ohne Schwertstrach be- , 
setst Mobüe Kolonnen streiften bis Stora und La C^le. Hidah 
wurde im Mai, Koleah am Masafhui im Jnli dauernd besetit. Am 
4. Juli wurde ein Additional-Vertrag su dem Tafna-Frieden ab- 
geschlossen, der aber gar nieht von Abd el Kader ratifiziert worden 
ist. Am 7. Oktober wurde der Hafen Ton Stora besetzt und auf 
den Ruinen des alten Rusicada eine neue Stadt Philippeville ge- 
grSndet Von Oonstantine aus wurde Setif und ein Lager bei 
Dschimeila errichtet, das aber am 16. Dezember in Folge eines 
AngriffBS der Kabylen gerSumt werden mulste. 

Das Zeichen zum Wiederbeginn der Feindseligkeiten wurde im 
Februar 1889 g^ben, indem die Araber den Rio Salado über- 
schritten und bis zur Sebcha d*Oran Torrnckten. Die Besatzung 
von Oran ging ihnm bis Miserghin entgegen und nötigte sie zum 
Rfickzuge. Abd el Kader wandte nun seine Thatigkeit mehr dem 
Osten zu; die Berölkemng im Westen von Constantine rührte sich 
in Folge seiner Autinuntorung, sodaCs die Franzosen am 17. Marz 
Dschimeila wieder besetzten und starke Rekognoszierungen sowohl 
in das Gebirge als auch nach Dschidscheli schickten, welches bereits 
am 18. Mai besetzt ^Turde. Im Herbst wurde eine gröfsere Expe- 
dition unter dem Herzoge von Orl^ms vorbereitet Den Ifranzosen 



184 



Algofoft vaA TmMifla. 



mufste an der direkten Verbindung von Algier und Constantiue viel 
gelegen sein; es war dem Emir gehöriges Territorinni un*] es wurde 
ein Traktat angestrebt, nm ihn zur Abtretung des Gebiets nördlich 
der Strafsen von Algier nach Constantiue zu bewegen. Der Traktat 
wurde zwar am 4. Juli abgeschlossen, der Emir liefs sich jedoch 
zur l\atiti/.i«^rung desfelben nicht bereit finden, und es wurde der 
Durchmarsch durch dies Gebiet von ihm und den Arabern demgemiUlB 
als Kriegserklärnng betrachtet. 

Am 25. Oktober setzte sich das Expeditions-Corps von Setif 
aus in Bewegung, verliefs plötzlich die nach liougie führende »Strafse 
und dirigierte sich auf Bibau. In Gewaltniärscheii erreichte die 
Division Orleans, welche aus etwa 3000 Manu bestand, die berühmten 
»Eisernen Thore« und durchBchriit dieselben am 28. Oktober, 
nachdem sie dieselben gläcklicherweise vom Feinde nicht besetzt 
gefonden. üb aind 2 Febthore Ton 2 m Breite swiacheiL lothreclii 
bis m 30 m sieh ^hebendett Fekwindeii. 20 Schritt davon öffnet 
sich ein drittes, 50 Schritt davon ein viertes Thor, dann erweitert 
sich das Oefilee atlmählicb, bis es 800 Schritt hinter dem letalen 
Thor ganz aufhört. . Weder die Römer noch die TQrken haben es 
gewagt, dieses Defilee su durchschreiten, daher wnide mit Stolz die 
Inschrift »Arm^e fran^aise 1889« an hoher Felswand angebracht 
Die Kolonne erreichte am SO. Oktober Fort Hanusa, das verlassen 
und zerstört war, bestand am 31. ein siegreiches Gefecht gegen die 
sie angreifenden Stimme und eireichte am 1. November das Lager 
von Fonduk. Ihre glfickliche Rflckkehr erregte Jubel in Algier und 
Frankreich. Eine Besetzung der Eisemen Thore seitens des Feindes 
und einige Begoigfisse hStten die Kolonne dem ünto^ange wdhen 
können. Aber die Sieges-Freude war doch zu grols, wenn s. B. 
das offizielle Journal von Algier damals schrieb: »Afrika hat jetzt 
endlich jene Zeit der ünmhen und Flrfif^ingen duxcKlaufett, die dar Ge- 
burt großartiger kolonialer Etablissements stets voranzugehen pfl^n, 
jetzt aber vermag es auf eigenen Fülsen zu stehen und der Augen- 
V lick ist gekommen, wo die Anstrengungen durch die ruhmreichsten 
Belohnungen vergolten werden dürften.« 

Es sollte vorläufig anders kommen. Abd el Kader hatte während 
dessen den heiligen Krieg gepredigt, seine Streitkräfte organisiert 
nnd am 20. November eine förmliche Kriegserklärung an den 
Marschall Valee geschickt. Auf allen Seiten erhoben sicli die An- 
griffe gegen die Franzosen, es kam zu täglichen Gefeditrn, alle 
Lager wurden blockiert, viele Kolonien zerstört und obwohl die 
Araber am 31. Dezember an der Schiffift in der Nähe von Blidah, 



185 



wo sie sich den Franzosen in offener Ebene entgegenstellten, eine 
Niederlage erlitten, war die T^age der Franzosen eine so gefährliche 
geworden, 'wie noch nie bisher, sndnfs in Paris wiedernin die Frage, 
ob gänzliche Räumung oder energische liehiiuptnii^. erwogen wurde. 

Letzteres wurde beschlossen und zum Frühjahr 1840 die Armee 
auf 60,000 Mann erhölit, die zu ziemlich gleichen Teilen auf die 
drei Provinzen verteilt wurden. Bevor der Marschall sel])st zur 
Offensive überging machten die Araber verschiedene AngriÜe, unter 
denen der liervnrragendste derjenige auf den Posten von Masagran 
war. Die Stadt Mostaganein liegt in der Nähe des Meeres, etwa 
12 km süd-westlich der Mündung des Scheliffs, des wichtigsten 
Stromes von Algerien; diese Lage verleiht ihr kommerzielle und 
strategische Bedeutung, 3800 m süd-westlich davon liegt Masagran ; 
ehemals blühfiulc Stadt mit 10,000 Eiiiwuhner, zählte sie 18ri0 kaum 
300 Einwohner in ihren iiuinen. Beide sind dun h eine Hügelkette 
mit einander verbunden, welche die gut angebaute P^bene bis zum 
Meere von einem Plateau südlich trennt. Eine Enceinto von Masagran 
war noch vorhanden, aber bereite sehr lückenhaft. In der Süd-Oat- 
£cke der Enceiuie befend sich ein viereckiges, rainenbaftes Gebäude, 
welches diieu Bmnnen unwchlofr und dahor m einem Bednit nm- 
gescbaffen wurde. Nord-westlich davon stand eine Moschee, die 
durch eine BCaner mit dem Torigen GeU&ude Teihanden war nnd als 
Kaserne diente. Sie worde durch Mauern, welche der Erete des 
BMSsrpement folgten, mit dem Sfld-West-Saülant Terhunden, von 
welchem eine Mauer nach dem Süd-Ost-Saillant führte, aus der ein 
Wachthaus nach Sfiden hervortrat. Die Saillants sollten noch 
basidoniert werden. So entstand ein befestigtes längliches Viereck' 
von 100 m Lftnge und 20 m Breite. 

Zu äen Arbdten und zur Besatzung waren seit Noraiber 1889 
120 Bfann bestimmi Die Befestigimgs -Arbeiten wurden durch 
haofige Angriffe der Araber gestdrt, welche, bereits am 13. Dezember 
erschienen, sich aber trotz ihrer StSrke von 1500 Mann Infimterie 
und 3000 Jtfann Kavallerie g^en Mostaganem wandten, dessen aus 
tSrhischer Miliz, 120 Mann Infanterie und 200 Mann Kavallerie 
bestehende Besatzung sie znr&ckwies. Die Garnison von Mostaganem 
wurde um 8 Compagnien verstärkt und als Zwischenposten die 
Bedeute Desmichels angelegt Sie war noch nicht vollendet, wohl 
aber die Befestigungs-Arbeiten von Masagran unter Kommando des 
capitaine Lelidvre, als die Araber am 2. Februar wieder erschienen. 
Die Bedoute Desmichels mulste geräumt werden und auch die Ein- 
wohner von Masagran flüchteten sich nach Mostaganem. Dafür 



135 Algerien und Tnneslen. 

dnngen die Araber in der Sfürke von 4000 Mann in die verlaeeene 
Stadt, wo ase die sfidUchateii Häuser gleicbeam als Parallelen gegen 
das Fort benatzten nnd nammitlieh ein Torspringendes Gebinde, das 
als Kantine gedient batte, aam Waffenplats einrichteten. Sogar 
2 Geeehfitae fuhren gegen Mittag auf. Die feindliche KaTallerie 
kimpfte inzwischen mit der Garnison von Mostaganem. Am 4. Fe- 
bruar wurde das Gewehr- und Geschfita-Feuer fortgesetat und einige 
Angriffe gegen die Breschen unternommen; sie gelangen nicht, weil 
ee an einheitlicher Leitung fehlte. Lelilvie Heia seine Soldaten sich 
niederlegen und erst im letzten Moment das Feuer erSffiaen, welches 
sehr wirksam die Stürmenden Temichiete. Am 5. Februar lieb die 
ThStigkeit der Araber bereits nach. Von Mostaganem ans wurde 
eine Unternehmung znm Entsätze von Masagran binnen: mit 
800 Mann machte Oberst Dubarais einen AusfiUl, lehnte seinen 
rechten Flügel an die westlich Mostaganem erriclitete redoute de la 
marine, den linken an ein kreneliertes Gebäude, sodafs die Stellung 
von den Geschfitaen des Plat/.os flankiert wurde. Die Araber griffisn 
diese Stellnng an, wurden aber bis zum Abend stets zurückgewiesen, 
worauf sich die Franzosen nach Mostaganem znrück/c'LT'Mi. In diesem 
Monif>nt erf(»l<^te der heftigste AnofrilV der Araber, die etwa 
SOiM) Mann stark waren und bis an die Tbore folgten, wosn-lbst sie 
jedoch durch die 22 Positions-Gesi-liütze solche Verluste erhielten, 
dafs sie umkehren mufsten. Am 0. Februar schienen die Araber 
bereits abgezogen zu sein, als plöt/lich bei Masagran das Feuer 
heftifxer wurde. Eine Aiigritis-Koloune rückte gegen den saillant 
de Tonest, aber ohne Erfolg, vor. Die kloine Besntzun<^ von Masa- 
gran, bestehend aus 120 Mann, hatte sich 5 Tnge iantr 'j;egen 
4000 Manu gehalten und verdiente allerdings volle Anerkennung 
dafür. 

Am 25. April begann der Marschall mit 9000 Mann eine f]xpe- 
dition gegen Medeah und Miliaiiuli. der auch die Her/.t»ge von 
Orleans und Aumale ln'iw (»Imt-'u. Obwohl die Araber am Fufsc des 
Kleinen Atlas am 27. geschlagen wurden, niufste der Marschall doch 
umkehren, um die im März besetzte Küstenstadt Scherschel zu 
entsftzen. Krst eine zweite Expedition gegen iMedivili grhiug, naeh- 
deni der Herzog von Orleans am 12. Mai den von Abd t-l Kader 
stark versclianzten I'afs von Teniah unter einem Verlust von 
300 Todten und Verwundeten genommen und den Feind auch am 
16. durch ein Gefecht am Olivonwalde vertrieben hatte. Eine 
Garnison unter Oberst Duvivier blieb nunmehr definitiv zurück, 
während die Kolonne unter permanenten Angriileu der Araber den 



Digitizec 



Algarien and Tonesien. 



137 



Gebiig»-Fia6 wieder darelwehritt nnd ein Lager am Nord-Fnlse des 
Elrnnen Atlas heim Paehthofe Mnaoia beasog. 

Während dessen wurden Yersnehe Abd el Kaders auf Biskra 
▼on Gonsiantine ans dnreh den Fransosen freundlich gesinnte. 
St&nme abgewiesen. Aach in Oran waren die Franzosen dnroh 
feindliche Besetcnng des Scheliff-Thales sehr in Ansprach genommen. 
Nachdem die beiden Herzfige nach Frankreich zurückgekehrt waren, 
wurden 10,000 Mann bei Blidah yersammelt, mit denen der lUbrschall 
am 7. Juni den Gontas-Pab nahm und am 8. Milianah besetete, 
woselbst 2 Bataillone als Besatzung verblieben, während der Marschall 
in das Scheliff-Thal rückte und in demselben aufwärts nach Medeah 
marschierte. Von dort aus wurde der General Changamier mit 
5000 Mann wieder in das Scheliff-Thal entsandt, um die Ernten 
der Araber zu zerstdren und Milianah zu yerproviantieren. Im Herbst 
mdsten die Garnisonen Ton Medeah und Milianah abgelQst werden, 
wml sie in Folge fortwährender Angriffe stark gelitten hatten. 

Wenn auch die Vernichtung Abd el Kaders nicht erreicht 
wurde, so hat sich Valee doch durch Organisation und energisches 
Auftreten verdient gemacht nnd die Gri\ndlage für seinen Nachfolger • 
Bngeaad gelegt, der am 22. Febmar 1841 in Algier eintraf und 
eine Vermehrung der Armee bis auf 80,000 Mann durchsetzte. Sein 
System beetaud darin, das ganze Land mit Posten (im GaTizen 22 
und zwar !'> Haupt- uud () Neben>Posten) zu überziehen und diese 
so stark als möglich za machen, wozu 63,200 Mann verwandt 
werden sollten, während U),8Ü0 Mann in Roserve verblieben. Von 
den 80,000 Manu bestand nnr ein Zehntel ans Kavallerie. Zur 
Verproviantierung und Verbindung mnfeten fortwährend mobile 
Kolonnen unterwegs sein, die stets gleichzeitig zu Razzias verwandt 
wurden, um die Araber nicht zur Ruhe kouimon zu lassen. Dies 
war schwierig nnd anstrengend für die Armee, zumal bei den grofsen 
Entfernungen der F'osteu unter sich. Von Algier avis oporierte der 
Marschall auf Medeah und Milianah, woselb.st di-r Iviiii- am i. Mai 
geschlagen wurde. Von Const^iutiiu' aus unlmtalim um 29. Mai 
General Negrier, welcher (Jalbois al)gi'löst hatte, mit 1700 Mann eine 
Razzia gegen Msila, wo ein Bruder des Emir residierte. Von 
Setif, wo er sich durch üOO Mann verstärkte, rückte er über Bordsch 
Medsehana dem W. Ksab folgend nach Msila, das Aviderstaudslos 
genorumeu wurde. Negrier folgte (1( iii abgezogenen Liegiu?r in der 
Ikiehtung auf Bu Saada und drang ^;<)\\( ii nach Süden vor, wie es 
noch keinem europäischen Heere gelungen war, seitdem Suetouius 
Paullisus iu dieser Gegend die römische Herrschaft befestigt hat. 



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188 



Inzwischen war der Marschall am 18. Mai von Mostaganem mit 
11,000 Mann nach dem Hanptsitze Abd el Kaders Tedekempt vor- 
gerückt, welches ebenso wie Boghar und Thasa verstört wurde. Am 
30. Mai wurde Mascara, der wichtigste Stützpunkt der Provinz Oi-an, 
besetzt und l)efostigt. Das Ansehen des Emir erlitt hierdurch, sowie 
durch die am 23. Oktober erfolgte Besetzung der von Abd el Kader 
angelegten Festung Sai'da einen schweren Stöfs. Er selbst verstand 
es jedoch, den Franzosen rechtzeitig auszuweichen und in den Atlas 
zu flüchten, woliin eine Verfolgung unmöglich war. So kam es 
zum grofsen Kriege nicht. »Kine europäische Armee befindet sieb,« 
wie Bugeaud sagt, >in Afrika in der Lage eines Stiers, der von 
einer Unzahl von Wespen sich angefallen sieht.« Man kann mit 
General v. Decker noch hinzufügen: »Wenn eine europäische Armee 
eine afrikanische besiegt hat, so ist es cljenso gut, als wenn man 
mit der Hand in einen Haufen Bienen schlägt; sie stieben freilich 
auseinander, aber nur um augenblicklich sich von Neuem zu ver- 
sammeln, und je derber man zuschlug, desto weniger hat man ge- 
troffen, desto mehr schmerzt die eigene Hand.« 

Am 80. Januar 1842 begab sich der Marschall nach Tlemseo, 
das Tags savor von iLbd el Kader geräamt war nnd nnnmehr be- 
festigt wurde. Im Gebiete von Onm zeichnete sieb betonderB dmreh 
seine Thfttigkmt General Lamoriddre aaS| der mit den Hasehems 
and den Flitah an der Mina zq thnn hatte nnd am weitesten in 
das Innere vordrang, nämlich bis Frendah und sfldlich davon in die 
Region der Hoch-Plateaus. Vior grolse Expeditionen worden vom 
Marschall selbst geleitet; obwohl wahrend derselben fast tl^h 
Gefechte vorfielen, bieten sie doch kein besonderes Interesse. Die 
letste wnrde am 26. November von Blidah ans antemonunen nnd 
zwar mit 8 Kolonnen, von denen die erste mit 8000 Ifann nnd 
850 Reitern unter Bugeaud und dem Herzoge von Anmale in das 
Gebirge Uanscherisch, die zweite unter Changamier mit 1800 Mann 
und 150 Reitern in der Gegend zwisdien Scheliff und Mina und die 
dritte unter Körte mit 2000 Mann nnd 250 Reitern gegen die 
Kahylen von Tenes vorgehen sollte. Gleichzeitig rflckten die 
Divisionen von Mascara und Mostaganem nnter Lamoriciöre nnd 
Gentil aus. Am 28. November stand Bugeaud bereits an der Fadda 
und drang von dort aus in. das Gebirge Uanscherisch, den Schlupf- 
winkel Abd el Kaders, woselbst er mehrere Gefechte zu bestehen 
hatte. Am 16. Dezember vereinigten sich die Kolonnen an der 
Mina. Die angestrebte Unterwerfung der berührten Stämme war 
wretcht» 



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189 



Das Jahr 1843 begann unter nicht sehr günstigen Auspicieii; 
die Verlurte dee vorigen Jahres waren zwar durch Verstärkunr^on 
•nsg^Hohen, so dafs der Bestand auf 60,000 Mann und 13,806 Pferde 
angegeben wird. Bereits im Januar erschien Abd ol Kader im 
Scheliff-Thal und zwischen Scheischel und Tenes an der Küste, wich 
aber stets zurück, wenn die Franzosen ihn aufsuchen wollten. Er 
verstand es, teils persönlich, teils durch seine Unterführer die Fran- 
zosen stets in Alarm zu halten. So operierten in der Provinz Oran 
allein 5 solche Kolonnen, die mit denjenigen von Medeah und 
Milianah in Verbindung traten. Am mittleren Schelitf bei Mezuna 
zurückgewiesen, wo später die Stadt ürleansville gegründet wurde, 
warf sich Abd el Kader plötzlich in den oberen Teil von Oran. 
Von Scherschel an der Küste bis zur marokkanischen ürenze war 
die Flamme des Anfstandes entzündet; fast täglich kamen Gefechte, 
Razzias, kleine Siege vor, aber im (ranzen war die Thätigkeit der 
Franzosen mit fivst nnnienschlichen Anstrengungen verknüpft. 

Als der Emir sich im Mai von Oran, dem er sich bis auf 
3 Lieues genähert hatte, in die Wüste Angad zurückzog, wäre er 
beinahe erlegen. Da er keine sichere llesidenz mehr fand, führte 
er sein ganzes Haus, seinen Hof, seine Anhänger und deron Familien 
mit sich. Mau nannte diese Zeltstadt, welche je nach den Erfolgen 
des Emir ihren Platz wtchselte, die Sraalah. Dem Herzoge von 
Auuiale gelang es von Boghar aus, da« er am 10. Mai mit 1500 Mann 
und 600 Pferden verliefe, ihre Spur zu verfolgen. Mit Hülfe von 
Spionen erreichte er am 14. Mai Gudschila, wo die Smalah am 
Tage zuvor gelagert hatte, von wo sie aber bereits 10 deutsche 
Meilen in südwestlicher Richtung sich entfernt hatte. Nach einem 
Marsche von 25 Stunden, in denen 12 deutsche Meilen zurückgelegt 
wurden, erblickte die ATantgarde die Zeltstadt bei Tagnin. Der 
Herzog griff mit der l&Tallerie sofort an und (»raehte das Li^r 
trotz der groben Überlcg«nhnt des Eknir, der 10,000 Mann bei sich 
gehabt haben soll, in die gr5lste Verwirrung. 3600 Gefangene, 
unter denen 800 Personen ron Stande, die Correepondenzra, der 
Schate des Emir, 4 Fahnen, 1 Kanone, 600,000 Stuck Vieh waren 
die Beute dieses mit KGhnheit und Besonnenheit durchgeführten 
Angiifib. 

Am S. Juli wire Abd el Kader bei Dscheda im Lande der 
HasBBsna heinahe in die Hände des Oberst Gdtj gefitllen, wobei ihm 
eines seiner besten Pferde unter dem Leibe erschossen wurde. Im 
August ersehien er in der Pronnz Algier, im September wieder in 
der Pnmnz Oiaa. Nachdem Tenes besetat und 8 neue befestigte 



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140 



Algnim vid TuMiioii. 



Lager crrichtot waren, schien eins Ende des Jahres den Franzosen 
iui Gauzeil günstig, obwohl vou absoluter Sicherheit ihres Besitzes 
noch keine Rode war. 

Am 8, Februar 1814 brach eine Expedition unter Oberst- 
Lieutenant Buttafoco in der Stärke von 1000 Mann, 100 Spuhis 
und einer Seciion Artillerie auf, um zunächst iu Batna einen Ver- 
proviantierungs-Posten anzulegen und schliefslich Biakra im I>ande 
der Zab zu besetzen. Batna 1021 m ii. d. M. am Eingange zu 
einer Ebene gelegen, die grofscr Kälte und grofser Hitze ausgesetzt 
ist, wurde am 12. Februar besetzt. In der Nähe davon li^ am 
Fufse des von immergrünen Eichen und Aleppotichten bedeckten 
!>. Aures Lanibef*sa mit den Ruinen der römischen Stadt Lambaesia, 
dem Standort der licrübmten III. Legion, welche hier die rüuii^che 
Ilcrrsscbatt gegen die Numidier zu sichern hatte. Lainbaesis ist 
nicht wie Pompeji verschüttet, sondern nur durch die Jahre zur 
Ruine geworden und um so interessanter, als sich aus ihr ein so 
lebendiges Bild des allmäligea Entstehens dieser Art von römischen 
Gemeinwesen entwickelt liat wie bei keiner anderon Lagerstsdl. 
Amphitbeftter, Tempel, Cirkns, AqaSdnct« and Grab-Denkni^er 
finden sich noch vor, so wie Reste des eigentlichen Lagers. Das 
Prätorinnif dessen Nord-Fa^ade mit korinthischen Sftulen nnd einer 
Inschrift geziert ist, lag nicht in der Mitte, sondern an der Thor- 
sette des Lagers. Beide sind fast genau nach den Himmelsgegenden 
orientiert. Die Langseiten (östliobe nnd westliche) haben 500 m, 
die Erenzseiten (nördliche nnd südliche) 450 m Ausdehnung. Dm 
Plratorinm bildet ein entsprechendes Rechteck von 30,60 an 23,30 m. 
Den 4 breiten Thoren desfelben gegenüber Hegen die 4 engeren 
Thore des I^igers, die dnreh den WiÜlen parallele, nicht gana 3 m 
breite, sorgfiUt% gepflasterte Straben verbunden waren. 2 km 
westlich lag ehi aweites lUger, welches früher noch an erkennen, 
jetzt aber verschwunden ist. In ihm hat die Legion wahrsdieinHch 
gelegen, bis das grolse fertig war. Die III. Legion, deren Name 
auf allen Ziegeln n. dergl. verzeichnet ist, kam L J. 123 nach 
Vollendung der grolsen Heerstralse von Karthago nach Tebessa 
hierher. Als die Provina Nnmidien eingerichtet wurde, erhielt die 
Gemeinde 207 das Stadtrecht und wurde Beddeuz des Legaten. 
Nach 292 hört fast jede Spur auf, ein Zeichen, dab die III. Legion 
um diese Zeit ihren Standort gewechselt hat. 

Als die Franzosen Lauihesm zum ersten Male berührten, er», 
wiesen sie dem Grabmal der Q. Flavius Maximus, eines der Präfecten 
der III. Legion, militärische Ehrenbezeugungen. 3 Bömerstralsen 



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Algerien und Timasien. 



Ul 



gingen Ton Lambaeab aus nach Sitifis (Setif)* Girta (CSonstantine), 
Theveste (TebMn) und Karthago. Auch sonst ist die Gegend nodi 
reich an Stmlsen ans der B5mer-Zdt ESne Bömerbrüoke, auf 
welcher die alte Strafiie den «W. Eantara fibersehritt, war ent- 
seheidoid fftr den üebei^ng vom Tdl isnr Sahara, daher die Araber 
in ihrer beseichnenden Art diese Ftasage Fom es Sahans d. h. Mnnd 
der Wflste, nennen. Die Fahnen-Oase El Kantara stdit anf dem 
Osloeiis, Heroalis der R5mer. Südlich Ton ihr ist der Boden mit 
Kiflsdn nnd Fosrilien, darunter Anstem- nnd Mnsehel-Besten, bedeckt. 
In der NlUie tou El Kantara ist der D. Ssllnm Ton den Resten 
einor römischen Redonte gekrönt, die nach ihrw Inschrift als 
»Bnrgnm Commodiannm Specolatomm«, also als befestigte Warte 
gedient hat. Einselne Dörfer haben so in die Berge eingeschnittene 
Wohnungen, dafe- man sie nnr mit Stricken oder Leitern, ahnlich 
wie in Syrien, erreichen kann* Nachdem man die Ebene von Bl 
ütaja passiert, erblickt man anf dem Col de Sfa zum ersten Male 
die unermeüsliche Wüste, aus der nur in einzelnen schwarzen Flecken 
die Oasen hervortreten, sodafs Ptolemäus das Bild mit einem Panther- 
fell vergleicht. Die Wüste ist unerniefslich wie das Meer und sie 
entlockte den franzüsischeu Soldaten auch hier die Worte: »La nier, 
la iner«. Biskra, das Ad Piscinam der Romer, die Hauptstadt des 
Zab oder der Ziban, wurde am 4. März durch den Herzog von Aumale 
besetzt, der mit 2400 Mann, 600 Pferden und 3 Gebirgs-Kanonen 
der Kolonne von Batua gefolgt war. Als er Biskra verliefs, blieb 
ein Bataillon eingeborner Tirailleurs und eine Schwadron Spahis 
solange dort, bis eine Besatzung aus Eingeborenen organisiert war. 
Kaum aber hatten sich die französischen Truppen entfernt, so 
erfolgte in der Nacht vom 11. zum 12. Mai durch Verrat ein 
Ueherfall, sodafs der Herzog wieder herbeirückeu muüate und nun 
eine Garnison von 2 Bataillonen zurnekliefs. 

Am 17. Mai wurde Dellys, am 30. .luni Laghuat besetzt. Am 
30. Mai war ein Ansfriff. den Al)d el Kader mit marokkaniscluMi 
Stämmen nnlentoinmen hatte, von Lamoriciere i^uriu kgewie.sen worden. 
Wegen Beteiligung der Marokkaner wurde unter Bugeaud und 
Lamonci»''re eine Expedition nach Marokko hinein unti'HHuiimeii. 
Am 11. Juni vereinigten sich beide bei Lalla Maghnia; VerhaiuUungen 
führten nicht /.um Ziel, und .so beschlofs Bugeaud gegen Udüchda 
zu marschieren. Er hatte 8500 Mann, 1400 Pferde, 400 Mann 
Ilült.struppen, IG Geschütze und trat mit dieser Truppenmacht am 
13. August Nachmittags 3 Uhr den Vorumrseh g«'g«'U die am 
W. Isly aufgestellten Marokkaner au. Seine Marschordnung hatte 



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U2 



Algoriea nnd Tmmdeo. 



die Gestalt eines grofsen Carres, das von Infanterie-Bataillonen ein- 
gelafst war; Kavallerie und alle Vorräte befanden sich im Innern. 
Der Feind konnte angreifen, wo er wollte, er fand stets eine Feuer- 
linie von ungefähr 085 Schritt, nnd todte Winkel gab es nicht. 
Nachdem man bei Anbruch der Nacht an der Grenze angekommen 
war, wurde halt gemacht und der Vormarsch erst am nächsten 
Morgen nm 2 Uhr angetreten. Am 14. August um 8 Uhr erreichte 
man die Höhen um Isly und erlilickte das feindliche Lager, sowie 
auf einer Höhe den Sohn des Kaisers von Marokko mit seinem 
Stabe, den Fahnen und dem Sonnenschirm als Zeichen des Ober- 
kommandos. Diese Höhe wurde dem Bichtnngs-Bataillon als point 
de TO» gegeben. Dk der Kolonne auf 50 Schritt Toraneilenden 
SchfitsEen trieben die femdliclie Kavallerie lorück. Letstere eisehun 
▼on allen Bichtangen wieder, konnte aber gegen das grolw Oair^ 
nichts anonchten. D^egen maehte die fransSsische Kavallerie trota 
▼erBchiedener ArtUIerie-SalTen mit 19 Sohwadronen nnd dem Obent 
Tnssaf an der Spitce einen Ans&ll gegen das maioUauiische Lager, 
das hierbei den Franzosen voUst&ndig in die BJkußiB fiel. Die in 
jeder Besiehnng nnfUiige maroUDUiisehe bifuiterie log sich auf 
l?B8a sorück. Trota wiederholter kavaHerie-Aogriffe blieb das firan- 
aöeiBche Oarrä in stetem YormarBdi bis znm Lager, überschritt nnter 
dem Schntce der Artillerie den Isly nnd yerfolgte den Feind noch 
eine halbe Meile weit. Die Franaosen geben einen Verlust von 
27 Todten, 96 Verwundeten an nnd behaupten g^gsn 25000 lAarokkaner 
gekämpft SU haben. Mulei Abd er Bhaman war seiner Gefangen- 
nahme nur dadurch entgangen, dals er beim Eindringen der F^nn- 
Bosen in sein Zelt dieses mit dem Säbel aufrchlitafte nnd sich auf 
sein Pferd schwingend yon diesem ans dem Bevelcfa des Feindes 
getragen wurde. Sein Vater legte ihm fttr diese Hiederlage die 
Strafe auf, dals er wShrend dreier Jahre kern Pferd besteigen 
durfte. 

Gleichseitig war Marokko auch von der Seeseite angegriffen, 
wobei Tanger und Mogadcr bombardi^ wurden. Am 10. September 
kam ein Friede mit Abd er Rhaman, dem Sultan von Marokko, zn 
Stande, in welchem sich dieser verpflichtete, die in Algier einge- 
drungenen Häuptlinge an bestrafen und an« h Abd el Kader fest- 
zunehmen. Letzterem gelang es jedoch nach Algerien zu entkommen, 
wo er im April 1845 wiederum den ganzen Westen insui^gkrte. 
Nur den erfolgreichen Anstrengungen Bugeauds nnd Cavaignacs 
gelang' es, ihn zurHck/uweisen. In diesem Feldzuge machte sich 
der Oberst Pelissier durch einen Gewaltakt berachtigt, den er g^n 



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143 



den ^abylenstamm tler Ulad Hiuk beging. Dieselbfü wolmten in 
der gebirgigen Landschaft von Dahra, welche parallel der Küste 
zwif?chen der Schehff-Mündung und dem C. Khaiuis sich erstreckt, 
und hatten sicli in die Höhlen derselben, die eine Art unterirdischer 
Stadt bilden, geflüchtet. Als nach dreitägiger Belagerung seine 
Aufforderung zur Ergebung abgewiesen wurde, liefs Pelissier vor den 
Eingängen der Hohlen Feuer anzünden und es fanden dadurch 
400 Menschen, darunter Weiber, Greise, Kinder den Erstickungstod. 
Eine iUinlithc Maüsregel hatte der Oberst Cavaignac bereits i. J. 1844 
angewendet. 

Die Jahre 1845 und 1846 wurden zur vollständigen Besiegung 
der die Gebirge bewohnenden Kabylenstiimine benutzt; Ruhe und 
Sicherheit im Innern war so ziemlich hergestellt. Im April 1847 
wurden zwei schon lauge beabsichtigte Expeditionen unternommen, 
am den WüatenhewobneRi die fnnsÖBieGhe Macht sn leigen, Sie 
nnd IntereaBttit, weil de dnreh Gegenden fflbrten, die noch von 
keinon Enropeer betreten waren. I^e wurden durch Genaral Ca* 
Taignac Ton Tlemaen, durch General Renault von Mascara ans geführt 
Mae Mahon war Bataillons-Commandenr, Banune oommandant du 
bureau atabe. Beide Expeditionen waren unabhängig, o{)erierten 
aber doch behnfe etwaiger üntemtütsnng im Zusammenhange mit 
einander. Es wurde die Region der HochpkteauB, der Schotte el 
Gharbi und eech Seherin, sowie die Wflste Anghad durchschritten. 
In letalerer fond man am 19. April frQh Alles weils von Schnee 
bei einer Temperatur von — 4o. Bei Ain Mebh erreichte man den 
Fufii des Grolsen Atlas. Die sflUllich bei den Oaeen der vielfiush auf- 
rührerischen Ulad Sidi Scheich beginnoide grolse Wüste setite dem 
Vordringen der Framsoeen ein ZieL 

Im Mai kehrte Bngeaud, entschieden ein«r der begabtesten und 
thatkiaffcigsten Gouverneure, nach Frankreich aurnck und im Sep- 
tember wurde der Herzog von Anmale sein Nachfolger. Inzwischen 
war Abd el Kader mit der von ihm aufgebrachten Tmppenmacht 
in Marokko eingefalloi und hatte die Marokkaner am 14 Juni am 
.W. Azelef bei Melitta besiegt. Als der Sultan selbst gegen ihn 
heranrückte nnd einige Stämme ?on ihm abfielen, sah sich Abd el 
Kader nach TCrgeblichen Angriffen auf das marokkanische Lager am 
11. Dezember und nach heroischen Kämpfen an der Mulnia am 
21. Dezember genötigt, auf französisches Gebiet zu flüchten, um 
nach dem Süden sich durchznscbiagen. Er überschritt den W. Kips 
und den col de Kerbus, wo er vom General Lamorici^re empfangen 
wurde und sich au der Kabbah von Sidi Brabim ergeben mnlste« 



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144 



Algerien and Tuneneo. 



Eb war ein eigentfimUchee Verhängnis, dab dies am selben Orte 
geschah, wo er am 22. September 1845 eine fransSsische Abteiltug 
von 350 Hnsaroi and 60 Jägern nnter dem Oberst Montagnac über- 
fiülen hatte. Wachxschemlich würde aeh der Emir allein haben 
retten können, wenn er nicht die Deira, das Asyl seiner Familie, 
Matter, Fiaa, Kinder and Yerwaodten, mit sieh geftthrt bitte. 
Aaeh war er wie die meisten seiner Of&dere yerwondet. IMe An- 
kanft des Genend Lamoricidre erwartend, hatte er Zeit, das Schlacht- 
feld, aof dem er 2 Jahre Torher gesi^ hatte, an betrachten. Die 
franzSsischen Trappen bildeten Spalier and prisentierten, als der 
Emir durch sie hindarehschritt; er soll bei den Ehren, die so dem 
Unglück erwiesen Warden, einen Angenblick Toll Siola das Hanpt 
erhoben haben. Als dann vor der Eabbah von Sidi Brahim 
wiederum Honnears graaacht worden, antwortete man dem Emir 
aaf seine Frage: »C'est Thommage rendu aa ooorage des nötres le 
jonr oh Dieu te donna la victoire«. In Nemonrs wurde der Emir 
vor den Herzog von Auniale geführt, dem er seine schwarze State 
schenkte mit den Worten: »C'est 1(> demier cheval, que je monte; 
prends-t€, je df'sirc qu'il te porte bonhcnr«. Abd el Kader warde 
auf der Insel St. Marguerite in Pan, Amboise, interniert, bis er von 
Napoleon die Erlaubnis erlilelt, uacb Klein-Asien zn zielieih Ton 
Bmssa begab er sich nach Damascus« wo er sich bei Gelegenheit 
der blutigen Ereignisse des Jahres 1860 dor Christen sehr an- 
genommen und dafür zur Belohnung den Grofs-Cordou dor Ehren- 
lofrion erhalten hat. Daselbst lebt er noch heute im Geuufs einer 
jährlichen Pension von 100,000 Francs und nimmt Besuche sowie 
Geschenke entgegen. 

Inzwischen hatten sich die Kab^'lenstämme um Dschidscheli 
erhoVien und griöVn am 3. und 4. Oktober in dor Stärke von 
12,000 Mann die französischen Vorposten an. wurden aber zurück- 
gewiesen. Die Pariser Februar-Revolution dos Jahres 1848 wirkt« 
natürlich auch auf die Entwickehuig Algeriens hemmend eiu. Auf 
dem Herzog von Anmale folgteu Cavaignac und Changarnior. 
Ein Antnig aut l*]inverlei!)uug von Algerien in das Mutterland wurde 
von der National -VerHainmlung abgelehnt: sie erklärte dafür das 
Land als ewiges Besitztum der Rei>ublik und bestimmte, dafs 4 De- 
putierte au den Beratungen der algerischen Angelegeubeiten Teil 
zu nehmen hätten. Wenn auch der Hau])tgegner der Franzosen 
beseitigt war, so fanden sich wieder verschiedene nävijdlinge, welche 
die französischen Besitzungen bedrohten. Ihre Angriffe wurden 
jedoch zurückgewiesen. 



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Algerien uod TanesieD. 



145 



Weniger günstig war dii^ Jahr 1949. In der T^mfr»^<^ond von 
Mitsciiiii wurde ein i'ran/osi.schos Detachement von 2nii Mann über- 
fallen und uiedergenietzelt. An der VVtvst-Gren/c sammelten sir\\ 
marokkanische Reiter -Abteilungen, welche cintii Angrill auch von 
dieser Seite befürchten lielisen. Aufserdem wütete die Cholera in 
Oran und raffte ein Sechstel der europäischen Bevölkerang hin. 
Ein Anfttand in den Oasen der Zaatscha und des Ziban wurde vom 
Genetal Herbillon mit ansehnlieher Trappenmacht unterdrückt. 

Das Jahr 1850 fiOllte eine Reihe von »i>romenadei milituies« 
aus. Namentlich die Gebiige bei Sefcif waren SchanplUse blaüger 
^unpfe. Auch 1851 war es vornehmlich die Kabylie, wekhe Auf- 
bietung grüiserer Streitkräfte verlangte. Sämtlieho Sfömme zwisdien 
Dachidecheli, Philippevüle nnd Milah hatten sich erhohen nnd machten 
eine achtzigtiigige Expedition unter General St. Amaud notwendig, 
bei welcher die aus 12 Bataillbneu, 4 Schwadronen und 8 Feld- 
Geschntsen bestehenden und in 2 Brigaden eingeteilten Truppen 
26 Gefechte ni bestehen hatten. Als im Oktober durch Bn Bagla 
ein Au&tand im Thale des Sebau hervorgerufen wurde, schlug 
Passier denselben durch 3 Gefechte und durch Ansfinden von 
29 Dorfern nieder. Am 11. Deeember wurde Randon Qeneral- 
Gonvemenr. 

1852 pred^te Mohammed ben Abdallah, ein früherer ^vale 
Abd el Kaders, den heili^n Krieg, wurde aber gesdüagen. Im 
Mai ruckte General Mac Bfahon von Milah ans gegen die Kabylen 

am W. Kebir und bei Ck>llo. Im Dezember wnrde Laghuat von 
P^lissier mit Sturm genommen und der gleichnamige Bezirk dem 
französischen Besitz einverleibt. Die Unterwerfung der Kabylie 
erforderte noch grofse Anstrengungen Seitens der Franzosen in den 
Jahren 1853 bi« 1857. Dieselbon bestanden unter llandous Obei^ 
leitung teils in Kämpfen mit den Kabylen, teils in der Anh^gnng 
von Straften und Tiefest ignngen. Am 23. Dezember 1853 wurde 
die Oase Warglu besetaii. Die während di!s Krimkrieges notwendigen 
Truppen -Veränderungen wurden Ix ieits 1854 zu Aufstands- Versuchen 
seitens der Kabylen benutzt; dieselben wurden aber durch den 
blutigen Kam])f beim Dorfe Tarurit niedergeschlagen, in welchem 
die Franzosen 30 Todte nnd 500 Verwundete verloren. Im Dezember 
wurde Tugurt Iwsetzt. 1S55 scheiterten die Versudu' bereits an 
den /ahlreichen Befestigungen, von denen es den Franzosen möglich 
war, in ausgedelinten llazzias den In^nrgenten i^leeons terribles« zn 
geben. 185(1 macliten Unrnlien in der Dschnrdschura und südlich 
von Üi'llys die iMitsendnng von 4 Kolonnen in der Gesamtstärke 

Jftkrbücker fit die DeoUche Arnire und Marine B<l XLVIH., 3. In 



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146 Algerim imd Tonoden. 

von 28 — 3'». 000 Manu uotwiMulifr, denen es allf'rfHn«^s unter Au- 
wendung aller Schrecken des Krieges bald gelan^^, den Aufstand zu 
unterdrücken. Das bedeutendste (Jefeclit war am 2. September bei 
Drnhel-Misan, iu welchem den O — 7000 Mann starken Kul>ylen ein 
Verlust von 42 Todten und ''V2 («ffaugeueu /u^n'füjrt wurde. Um 
die Mitte Oktober war das (iel)iei ges;iid)ert, alxT noeh uiciit 
eudgültij;^ zur I?nbe jrobraebt. An der westlicben Grenze kam es 
am 0. und 12. November mit den m.intkkunisobiMi (irenzstärameu 
zu Kämpfen, welelu' siegreich für die Franzosen iUistiehMi. 

Ende iS.'»*) um] Anfang 1857 wurden vom Marsehull Kandon 
die Vorbereitungen für die letzte Expedition nach der (irofsen 
Kabylie g»'tiofi- n, welche zur dauernden I nterwcrlung führen sollte. 
FjH wurde eine Armee von 35,000 Mann aufgebracht, von der das 
Hauptcorps in der Stärke von 25,000 Mann unter Randon selbst 
im Mai von Norden in die Kabylie eindrang und sicli im Thale des 
Sebau beim Fort Tisi-Usu vereinigte. Der erste Angriff galt dem 
Stamme der Beni Riiten, von denen die hauptsächlichsten Anfstinds- 
Versnche ausgingen. Die Division Mac Mahon, deren Avant^rde 
Tom Obensl; Bourbaki kommandiert wnrde, ben^htigte sieb zn- 
nüebat durcb beftige Gefeehte am 22. Uta der Dorfer Tascbembir, 
Bellas und Afensa. Die Division Ynasnf, welche ein sebr schwieriges 
Terrain zn oberwinden hatte, bei dem sich die Soldaten an Steineu, 
Wnrseln, Aesteu festhalten mnlsten, nm nicht binabeustflrEen, warf 
die Kabylen nnd Ighil-Gnefri zarttck. Die Division Renanlt ▼e^• 
einigte sich mit der von Blac Mahon; Das fntnxSsisobe Lager mnlste 
im Laufe des Nachmittags and der nächsten Nacht permanent gegen 
die Angriffe der Kabylen verteidigt werden. Als alle Venuche 
miftlangen, erschienen endlich Abgesandte der Beni Katen, nm ihre 
ünterwerfong anzubieten. Ihnen folgten andere benachbarte Stftmme. 
Die Franzosen sahen ein, dals nur eine dauernde Besetsnng des 
Landes sie vor weiteren Kämpfen sichern könne and so wurde die 
Anlage des Fort Napol^n (jetzt National) fiir 3000 Mann begonnen 
und durch eine Chaussee mit Tisi-Usu verbunden. Bei letzterer 
verewigten sieh die franzSsischen Etegimenter ähnlich wie die 
romischen Legionen durch Inschriften an den Pelswanden. Am 
24. Juni ha'te die Division Mac Mahon ein heftiges Gefedit gegen 
<lie Menguillets bei Ischerid^ zu bestehen, in welchem sich die 
Fremden-Legion besonders auszeichnete. Der französische Verhist 
belief sich auf 44 Todte, 327 Verwinidefce. Während dieser Zeit, 
sowie am 25. unterwarfen die beiden anderen Divisionen den Stamm 
der Beni Yeuni, in Folge dessen am 30. Juni ein gro&er Teil der 



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Algerien und Tunesien. 147 

anderen Stimme die Oberholieit Frankreiebs anerkannte-. Livwkohen 
erscliien die in der Provins Gonstanüne yerfSgbare, 5000 Slann 
starke Division Maiasiat durch den 'Schellata-Pafs auf dem Platean 
der Dachurdscham, ebenso die Kolonnen des Oberst filannier ans 
dem Thftle des W. Sabell, die des Oberst d*Argent bei Beni-Mansnr, 
sodals dnrch deren Erscheinen, welches den Rückzug der Eabylen 
bedrohte, und durch die Eäiupfe des Hanptcorps im Juli die ganze 
Eabylie unterworfen war. 

Es foat in den fo^nden Jahren eine TerhSltnismafirig mhige 
Zeit ein, die nur durch kleinere Unternehmongen gestört wurde. 
1860 besuchte Kaiser Napoleon mit der Kaiserin Algerien. P4- 
lissier, duc de Malakoff, wurde General-Gouverneur. Nach seinem 
Tode 1864 folgte ihm Mac Mahon. Im folgenden Jahre bereiste 
der Kaiser zum zweiten Male alle drei Provinzen. 

Als Frankreich 1870 an PreuJsen den Krieg erklarte, glaubte 
es den gidfsten Teil der Troppen aus Algerien heranssnehen zu 
dfirfcn und gerade sie wurden verwandt, um dem erston Angriff bei 
Wörth entgegenzutreten. Die Regierung hatte sich jedoch darin 
vollständig getänsclit, dafs si«' Algerien für so hemhigt hielt. Die 
Arsil»cr verhalten sich ruhig, so lange sie die Macht über sich 
fahlen; sie werden jede Gelegenheit benutzen, das Joch abzuschütteln. 
Diese bot sich, als 200,000 Kolonisten einer eingeborenen Bevölkerung 
von 2,r>00.0(l(» wt'lulos gegenüber standen. Die ersten Anzeichen 
bestanden in Mifs^ichiung der Autorität, welche aufrecht zu halten 
der alte stellvertretende (iouvemenr VVulsin -Esierhazy nicht 
fiihig war. Dazu kamen Mifegrifl'c der Delegierten in Tours wie die 
Naturalisation der eingeborenen Juden und Anfang 1871 die K i'tckkehr 
der tirailleurs algeriens, welche die Kunde von den Mifserfolgeu der 
Franzosen bis weit ins Innere des Landes verbreiteten. Zu 8iik- 
Arrhas erhoben sich Spahis, ermordeten ihre Chefs und plünderten 
die Stadt. Tn .Mgier itlünderten 300 Eingebon ri<< die Läden der 
Juden und winden nur mit Mühe durch die Miliz niedergehallen. 
Am 10. Mäi/ erklHrie Sj el Mokhani, Agha der Medschann, Ooni- 
inandenr der Filirt iileginn, Chef einer der angesehensten l'auiilien 
lörnilich den Krieg, nai hdem er bereits gleichzeitig mit dem Weg- 
gange Mac Mahons seine lOnila^sung gefordert hatte. Als am 
•1. September 1870 die Republik proklamiert wurde, sah er den 
Fall df\s Militär-Regime in Algier vormis nml erklärte, dafs er sich 
niemals einem ('ivil-< louvernenr füge?) win<li', dafs er von einem 
Manne, der den Säbel trägt, .Mies unnidime, aber nienial.s \on einem 
Juden (Cremieux) abhängig sein wolle. In weuig Tagen verbreitete 

10* 

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148 



Algeiien imd Tnncsieii. 



sich die Insorrektion über die ganze Groise Kabylie, in den P^rovinien 
Algier uud CoDstaiitine. Bordsch Bn Areridscb, Bougie, Seiif, Fort 
Naiioual, dessen Anlago <;ie)i )>ewälurte, Tusi UsUf Dra el Miaan, 
Delljre worden eiugeachlossen , Dörfer zerstört nnd ihre Bewobuer 
ermordet. Zur Zeit waren keine regulären Truppen in Algerien, 
nur Milizen, schwache Murscli-Rcj^imenter and einige Bataillone 
Mobilgarde, die aus Frankreich hingeschickt w.iren. Die Insurrektion 
verbreitete sich: Ben Nehood, ileybeval, Bordsch Menalel, Issera, 
Co\ den Bcni Aischa worden serstört, die Mitidscha war in Gefahr 
überflutet zu werden. 

Am 10. April übernahm der energische Admiral Oomte de 
.Gueydon das General-Clou veruement. Er 7.0^ alle Truppen aus den 
Küstenstädton nach Algier und überliefs di<; Besatzung der ersteren 
den Milizen unter dem Schutze des ( Jcschwaders. Es kam darauf 
an zu verliiuilcrn, dafs die Stliiumc der Mitidscha von der Insurrektion 
ergriffen wurden. So brachte er eine Kolonne von 2700 Manu zu- 
sammen, die am 21. April unter dem tapferen Oberst Fonrchault 
nach Alma, 37 km von Algier, eiitsondt t wurde. Sie kam gerade 
noch zur Zeit an, um die Kubylen, wolclie die sämtlichen Höhen 
uinl (Iiis Dorf besetzt hatten, in mehrstündi<^em Gefecht zurück- 
zuwerfen. Dieser Erfcdg war durch.schlagcnd, indem 20,000 Araber 
bereit gestanden lialxMi sollen, um .sich in Verbindung mit den 
Berranis im Innern der Stailt Midier zu bemiiclitigen , wenn der 
Brand des Waldes von lihegaiu das Zeichen der Einnahme von 
Alma gegeben hätte. 

Noch in V<irl)ireitiinf; der Mafsrcgeln, um die Kolonie gegen 
Otl'ensiv- Versuche des l'^eindcs zu schiit/eii, eriiielt Kmirchault am 
23. April ein Telegramm des ( ieneral -Gouvernenrs, sofort nach 
Palestro zu rücktui, avo Garnison und Kolonisten von den P^in- 
geborneu eingeschlo.s.sen und im Gefecht mit ihnen hegritiVn seien. 
Mit 300 Zouaves, 300 tirailieurs, einem Zuge Cha.sseurs d'Afrique, 
10 Spahls und 2 Geschützen brach Fourchault um 8 Uhr Abends 
sofort aof. Gegen IV2 I^Hir Morgens erreichte die Kolonne Pale.stro; 
umheimliehe ^alle empßug sie, kein Feind war zu sehen, dagegen 
boten sich schreckliche Sporen des Kampfes dar, der hier gewfitet 
haben mnlste; 47 Leichen worden unter den TrOmmem gefunden. 
Die Kolonne kam Idder zu .spät und es blieh ihr nichts andms 
übrig, als die bis sor Unkenntlichkeit TerstOmmelten Leichen an 
beerdigen nnd am anderen Morgen den Rückmarsch anzntroten, der 
unter fortwahrenden Gefechten mit den Arabern bewerkstelligt 
Wörde. 



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Algeiidn und TmiMlen. 



149 



Inzwisclicn waren neue Triip])on iius Frankreich gekommen. 
So hatte sich Geni nil Ceres mit einer Kolonne von Aumale bis an 
(h'Ti Isser und den Fufe «hs 1). des Beni Khalfun hopH)en, wo es 
ihm gelang, die Gefangenen von Palestro dnreh Unterhandlungen 
zn hefreien. Der Admiral (lueydon legte der insurgierten Bevölkerung 
eine Kriegssteuer von 32 Millionen Francs auf. Die Tnsurrekti(ui 
von 1871 war sehr lehrreich für die Franzojjen; es zeigte sich, dafs 
das bisherige Verfahren nicht richtig gewesen, uatnentlich dafs man 
die Ziihl der eingeborenen Truppen nicht vermehren dürfe. Die 
Ansicht Napoleons TIL, das Nützlichste, was Afrika für Frankreich 
hervorbringe, seien seine Soldateü, war falsch. Dieselben haben 
ihm 1870 gegen die Preufsen nichts genutzt und haben 1871 viel 
geschadet, al.s .sie zu den Tnsurgeuteu übergingen und ihnen euro- 
päische Taktik beibrachten. 

Seither hen"scht.e im Allgemeinen Huhe, namentlich unter dem 
that kräftigen Regiment des General Chanzy, unter dem n.ieli 
vei-schiedeneu Schwankungen das militärische Element wieder die 
Oberhand in der Verwaltung erhielt. Im Frühjahr 1881 begannen 
dagegen wieder Unruhen im Süden der Provinz Oran, welche den 
Franzosen Schwierigkeiten bereiteten, zumal sie mit der Insurrektion 
im benachbarten Tnnesien aiuBiiimeiifielen. ZunSebsl erregte die 
Ermordung des Oberst Flall«» und eehier Begleiter groiee Bestnmng 
in Fnmkrdch. Derselbe hatte Ende 1880 mit 100 ftann eine 
Bekognoflsierang bebnfs Darcbqnerung der Sabara mittelst einer 
Eisenbahn nnternommen nnd sich Ton El Golea, welches seit 1873 
besetzt war, dber den süd-östlichen Teil des Plateaos Ton Tedmaid 
nach Hassi Missiggen begeben, welchen Ort Rohlfs bereits 1864 
berührte. Er hatte das Flnbbett des Igbarghar bei Amdschid am 
Wesi-Bande des Tuill-Plateans passiert und war bereits ftber Äsia 
bis an die Nord-Orenze Ton Ktr gelangt, wo er am 16. Febroar 
1881 von den Tnaregs fiberfallen and ermordet wnrde. Die ent- 
kommenen 86 Mann seiner Begleitung wnrden sfidlieh von BÜssiggen 
▼on den Hoyars nmringelt und umgebradit. 

Anscheinend waren die den Franzosen stets feindlichen ülad 
8idi Scheich wenigstens mittelbar daran beteiligt; sie richteten unter 
FOhrung des Marabut Bn Amema toxi Moghar aus ihre Angriffe 
nunmehr auch auf das eigentliche Algerien, ermordeten am 22. Fe- 
bruar einen franxSsischen Offizier, den Befehlshaber eines arabischen 
Bureaus bei ATn Sfisifa an der marokkanisehen Grenze und bedroh ton 
G^ryTiUe am Nord-Fuise des Greisen Atlas, welches von 380 Mann 
besetzt war, mit einem Angriff. Eine ans 4 Bataillonen und 



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150 



Älgtiiou uud Tiiut^eu. 



3 Schwadronen bestellende Kolonne rüekte von Saida unter General 
Collignon anni Entaatz yon G&rpnWe heran. Oberat Innoeenti 
brach am 11. Mai mit 2Va Bataillonen, 4 Schwadronen, 4 Genchütien 
xor Verfolgung auf und stieb am 19. Mai bei Schellala auf den 
Feind* Die plötzlich in der linken Flanke der Kolonne erBcbeinenden 
Araber warfen die im Yortreffen befindlichen Gnma zurück; die 
dadurch entstehende Unordnung teilte sich auch den regnlSreu fran- 
zösischen Truppen mit, und ehe noch das an der Queue befindliche 
Turoo-Bataillon wieder gesammelt war, hatten die Araber den 
Franzosen einen Verlast von 108 Mann beigebracht uud sich einer 
grolsen Zahl yon Kamelen, Pferden, Maultieren und fast des ganzen 
GeplÜBks bemächtigt Oberst Innocenti zog sich in nördlicher Kichtnng 
über Mecheria nach Aln Fekarine am Schott esch Seherin zurück, 
wohin ihm Oberst Mallaret yon Daya zur ünterstStanng. entgegen- 
rfickte. 

Fliegende Kolonnen wurdcu gebildet, um Ba Ämema von G^ry- 
yille, welches er wiederum bedrohte, zu yertreibeii. Trotzdem gelang 
es Bn Amema, am 31. Mai üstlicli yon Geryville fitst unter den 
Kanonen dieses Orts vorbei nach Slitteu und im Nasör-Tlmle nüriUich 
nach Siga vorzudringen, wo er hin zum 0. Juni blieb. Vm ihn 
dort in der Gegend östlich yom Schott zu fangen, setzte sich die 
franzoeische Kolonne wiederum in Bewegung. Während er <len 
General Detrie mit einer Arrieregarde, den Oberst ßriuietiere mit 
mnigen Reiter- Abteilungen beschilftirrte, rückte Ba Amema mit 
seinen Hanptkräften am 10. Juni an Askura vorbei nordwärts bis 
Abd er Ilhaman, bog am 11. Juni w^tlich nach Saida aus, überfiel 
daselbst die mit der Ernte des Halfa-CJrases beschäftigte spanische 
Kolonie, zerstörte die Magazine uud Bahnhofsgebäude von Sidi 
Chralfalla und ging nach Mochem cl May utiniiltolltar nördlich der 
Schotts. Wiederum setztiMi sich die fraii/.risisclu'n Kolonnen gcirou 
ihn in Bewegung, ulicr mit ebenso weni^; i'^rful^r. Nur Tiuns]Htrte 
holen ihnen am l t. Juni in die Ilünde. Ihi Amema .selbst entkam 
an den» bei Kieider stellenden Mallarei vorbei auf unliekannten 
Wegen durch den Schott nach Fekarine und Ti.smulin. wo er sich 
den .luui über aufbielt. Der Pivi.sious-General Ceri's sammelte in 
Fol^e wiederliolter Beunruhi^un«' durch iVw Araber die in •»rofsem 
Bügen um den Schott zerstreuti'U Koioniien auf der Xordseite des- 
felbon. Während or die Arrieregarde de.s General l)etrie bei Kreider 
am 'J. Juli angriif, nuir.schierte Bu Amema uacii Osten al». erschien 
am 13. Juli ganz unerwartet vor Frendah, wurde zwar vom Oberst 
Bruuetiere am 14. Juli bis El ßeidji verfolgt, \va.s ihn aber nicht 



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Algerimi vod Tunerieii. 



151 



hindi'rte, ara 15. Juli wiedor l)is Alxl er Hlianian vorznstofscn. Als- 
djuiii versL-hwiind er iiat-li der murokkauLscheu <!roiizf iiinl der Oase 
Figig, von wo aus er mit den bewährten Insur^o iif cii-l'uhreni Si 
Kaddur ben Ilamza von deu Sidi Scheiclis uad Sl Slimau ben Jiaddur 
in Unterhandlun£?en trat. 

Die Franzosen rasteten sich, um nach Ablauf der liegenzeit 
eine grüfsere Expedition zu unternehmen; auch trat in den Kommaudo- 
stäbeu wegen der mangelhaften Erfolge mehrfatluT Wechsel ein; 
so erhielt General Saussier das XIX. Coqis, General r)eiel)ec(iue die 
Division Oran. Zur Sicherung der Verpflegung w urde eine Eisenbahn 
über Kreider nach Mecherid in Angriff gononiincn, welche am 
2ü. Oktober bis zum Südrande des Schotts vollendet war. Zu ihrem 
Schutze war Oberst Colonieu im August mit 2V2 Bataillonen, 
4 Schwadronen und 6 Geschützen nach Mecheria entsendet, ebenso 
war die Besatzung von Geryville durch den Oberst Negrier verstärkt. 
Beide unternahmen Razzias in die Gegend von Ain Sefra und 
Schellala, wobei viel Vieh erbeutet wurde. Negrier reizte die 
algerische Bevölkerang oniiÖtigerweiBe dadurch auf, dafs er am 
15. August in El Abiad Sidi Scheich das Grabmal des gleichnamigen 
Hefligen lentSrte. Am 21. Oktober beguin GhnenA Delebeeqne 
mit 3 Kolonnen eine Expedition gegen die marokkanische Grenze. 
Die eraie Kolonne mit 1 Bataillon, 4 Schwadxonoi, 6 Geschütien 
nuuschierte nnter ObeiBt Colonieu von Mecheria nach ATn Sfi6i&, 
die zwate in der Stärke von 8 Bataillonen, 1 Schwadron, 6 Ge- 
achfitzen unter General Louis, dem äch auch der Ober-Kommandierende 
anachlofe, und die dritte unter Oberst Negrier mit 3 Bataillonen, 
1 Schwadron, 6 Geschützen von G&TriUe nach Tint. Mit den 
beiden enten Kolonnen rückte General Delebeeqne am 2. November 
auf lach vor und sftuberte das Gebirgsland des D. Mir, wobei es 
am 8. und 15. November zu Gefechten mit den Au&tändischen kam* 
Die erste Kolonne blieb in beb, die zwdte kehrte über Moghan am 
28. November nach Ain Sefra zurück. Inzwischen hatte der oben 
erwShnte Si Sliman von AbroUco aus am 18. November einen 
Bmfall in die Region nördlich der Schotts gemacht, Saida, Kreider 
und die Eisenbahn bedroht und war dann südlich bis Tismuli, von 
dort nordwestlich von den ihr verfolgenden Kolonnen der Obersten 
Du Chdsne und Crouzet auf marokkanisches Gebiet ausgewichen. 
Der Oberst Crouzet hatte seine Schfitzen auf Maultieren beritten 
gemacht und fahrte so, seine Spahis zur Deckung benutzend, einen 
nid aus, bei welchen er 180 km in 59 Stunden zurfiddegte. Wenn 
er auch Si Sliman selbst nicht erreichte, so nahm er ihm doch die 



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152 



Algerien and Tuuesien 



ganze Bagage ab und hielt den Anftiand in der Gegend von Meroe 
nieder* F&r AJgmen ist bei der grolisen Beweglicbkeit der Nomaden- 
Volker derartige berittene Infanterie sehr wünschenswert. 

General Delebecqne zog im Dezember seine Kolonnen nach Ain 
ben KhMfl and Meeheria znrfldr. Beide Orte sowie Ain Sefia 
wurden ab Militirposten eingerichtet und durch optische Telegraphen 
mit einander in Yorbindung 'gebracht. Sowohl hier im Süd-Weefcen 
als auch im Osten blieb die Gegend ruhig. Nur durch fliegende 
Kolonnen sachten die Franzosen ihre Henschaft zu zeigen. 

Delebecque gab am 19. Januar 1882 das Kommando an Genend 
Golonien ab. Auch in diesem Jahre haben in Folge der ägyptischen 
.Voigänge Versuche der 3 Marabuts stat%efunden oder wüen 
wenigstens in Aussicht, ohne jedo^ zu ernsteren Unternehmungen 
Anlafii zu geben, anüser einigen auf marokkanischem Gebiete ge- 
lieferten Gefechten. Zunächst kam es im Anfang April zum Kampf 
zwischen einer franzüsisclien Kolonne und «lein Maralnit Hu Ainema 
beim W. F'ondi in diT Gegend südlich von Figig. Die Gefolgschaften 
desfelljen erlitten eine Nitnlcrlago; er selbst aber eutl(fim. Kurze 
Zeit darauf kam es zwischen einer ebenfalls mit topographtsrher 
Aufnahme des Grenz-Uajons zwischen Ai'n ben Kln lil nml dem 
Schott Tigri beauftragten französischen Kolonne und Marokkanern 
zu einem Gefecht. Dieser 50 km lange und flnn Iis» luiittlich 15 km 
breite Salzsee liegt bereits ganz auf marokkauiscbem GeV)iet, sein 
äufeerstes Osteude ist noch einige Kilometer von der Westgrenze 
Algeriens entfernt. Die französische Aufnahme-Sektion, aus 350 Mann 
der Fremden-Legion unter Major Castries Ix'steliend, wurde am 
20. April in der Nähe der Grenze, nordöstlich von Maciben-Saleni 
von 0000 Mann, darunter 1200 Reitern angefallen und erlitt einen 
gr")fst'ren Verlust iils in irgend einem tnucsisrluMi Gefecht, niindich 
51 Todte, darunter 2 Offiziere und 27 Verwimdete. Die Angabe, 
dafs der Marabut Si Sliman dabei Ijott iligt gewesen, hat sich nicht 
bestätigt. Dagegen wird berichtet, dal's der befehligende Offizier 
gegen einige l)uar.< auf marokkanischem debiet eine Hazzia unter- 
nommen und 1800 Schafe t*rl»eiitet hab<', I)aiauf liaben die Ein- 
geborenen die benachbarten Stämme um l iitersi iilzunir geboten, und 
nun grifieu 2000 Mann die Kolonne an, weicht; ülHTrasebt ein 
Carre bilden wollte, dsvs ihr uirht mehr orduuug.>>geuiäi"s gelang; die 
eine Seite war durch den l'roviant/.utr hersrestelU. Die Munition 
wurde verschot-'sen; als mau siili der Keserve-Muuitiou lifdicneu 
wollte, war dieselbe vom Feinde bereits genommen. Die Franzosen 
mulieiteu den luukzug antreten und .sich auf einer Strecke vuu 10 km 



Pirr' 



Die Kriege der YencMe gegen die ente friiageiiche Bepoblik ete. 153 

mit Mflbe der verfolgeDden Marokkaner erwehren; die Todten und 
Verwondeten blieben snf dem Kampf^lats sturSck. Die im April 
▼on der franko-algorischen BabngeBellachaft eröffnete Eisenbahnlinie 
von Meeberia nach Krcidor, die epSter wohl bis Aiu Sefra fortgesetzt 
werden soll, wird zur Sicherang dieser Gegend sehr beitragen. 

(Fortsetsnng folgt) 



Die Kriege der Tendee gegen die erste fiaii-' 
zösische Republik 1793 bis 1796. 

Eine inilit&rhigtoriBche Skine 

mttt a. D. 

(Fortsetsoog.) 

in. Der Yend^ekriegr von 1793. 

Das Konskriptionsdfkivl vom 23. Februar 170;J liffalil eine in 
Frankreich ganz neue Ansbo]>nngsart. Auf die ganze luiinnliche Be- 
völkening vom 18. Iiis 40. .lalire au.^geib'lint, gestattete e.s keine Aiis- 
nuluiio mul gab der Willkür der Departements- und Distrikt^beaniten 
vollen Spielraum. Die Vendeer, deren Existenz zumeist auf der Feld- 
arbeit beruhte, traf diese Verordnung sehr hart, zumal da di r Bedart' 
an Soldaten gi'ofs war; wenn ihnen, vielleicht auf Nimmerwieder- 
sehUf bierdnrch der ganze Kern ihrer männlichen lievölkerung 
▼erloreu ging, wer sollte dann noch die Felder bestellen ond för 
die Frauen f Greise und Kinder sorgen?! — Ihre ganxe Ezistens 
sollte f&r Nenerungen, welche sie verabecbeuten, für die Henker 
Lndwig's XVI. nqd für eine blutige Tyrannei, die sich Freiheit 
nnd Brttderlichkeit nannte, cingesetast werden. Das ging, von dem 
Standpunkte dieses Volkes ans, fiber das Ertragbare hinaus. Wenn 
die Tage des Friedens nun doch nnwidorbringlich dabin sind, (to 
will das Vend^volk lieber gegen als für seine Todtfeinde kämpfen 
und sterben. 



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154 



Die Eiiege der Yoidte 



Diese Erwägung durclihracli alle RttcksicMen nnd bewirkte 
einen Losbruch, der jetüt so uiüchtig uutl allgumeiii war, wie er 
sieh vorher nur da und dort in noch .schwankender Wei.se gezeigt 
hatte. Keine Loyalität der Welt kann wohl, wenn sie kon.sciiuent 
ist, jenen Widerstand gegen eine so au.sgeartete Revolution ganz 
niifsbilligeu; jeder Unbefangene wird den Heldenmut dieser sich niit 
leeren Händen erhebenden Landleute bewundern müssen. Die 
Geschieht« dieses Anfstnndes ist überaus merkwürdig; er ging vou 
der ganz ursprünglichen zar regelrechten Kriegsformation, Yon dar 
Verteidigung zaui AjDgriff, von der Moni snr ünmoral, und vom 
Siege zam Euin Über; — das Alles vollsog moh Innnen wenig 
Monaten. 

Zuerst sah man unr Bauern, die ihre H&fe nnd Felder sebirmten; 
jeder Äckersmann trug seine Sense; hier nnd dort fand sich ein 
Jagdgewehr, an GeschQtss und Munition fehlte es gSnslich. Dennoch 
mulsten sie vorwärts, denn nachdem der Losbruch einmal statt- 
gefunden, waren die Schiffe hinter ihnen verbrannt, und sie standen 
zwischen dem Sieg* und Tode. Durch ihr e^nart%es Terrain und 
ihre Orientierung in demselben begOnstigt, fochten sie mit Umsicht 
nnd Heldenmut; ihre Uebnng wuchs mit der Dauer des Kampfes. 
Wo man den Feind besiegte, wurden Waffen und Munitionsvorrate 
erbeutet; wo fehlgegriffen war, bildeten sich hieraus Erfahrungen. 
Die Schwächen des Feindes wurden erlauscht und ausgebeutet; je 
öfter man siegte, desto reichlichere Kriegshnlfsmittel kamen ein, und 
dies führte schon an sich zur Organisation der Streitkritfte. Jede 
Katastrophe, in der ein Volk alle Adern spannt, treibt dessen Talente 
Hervor, und so sah man auch hier viel schaffendes Genie nnd Trnppen- 
führor von (Jottes Gnaden emporgehen. In dem Mafse, wie dies 
geschah, wurden die Streitkräfte koncentriert, die Kriegsregeln 
gefunden, — Plan und System kamen ganz folgerichtig herbei. Mit 
dem Erfolge bildete sich auch ein Ruf die.^es Aufstandes imd 
letzterer zog von Aufsen Kombattanten und llülfsniittel heran; — 
erstannlich ist die Schnelligkeit, in welcher Alles geschah. Man 
glaubt an vielen Stellen Rätsel und Wunder zu sehn nnd schreibt 
die unerledigten Fragezeichen nur jener erwähnten lückenhaften 
Ueliorliet'erung zu. Die Bauerntrupps wurden in erstaunlichster 
WtMse Armeen; Grundbesitzer und Landleute gestalteten sich binnen 
einem Vierteljahre zu Heerführern von Bedeutung; ein wirrer Par- 
tisanenkampf war blitzschnell in den für die franzosische Republik 
bedrolilichsten Krieg dieser Aera verwandelt. Weini nicht die Siege 
der Vcndeer stets unbenutzt geblieben, Zwiespalt und Korruption 



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gegen die ente jllnua5u«die BepuUik 179S bis 1796. 



155 



bei ilmeii eiiigeclrungeii wären, so würde die ganze VVcsthülfte 
Frankreichs .sich vielleicht vom IIauptkürj^>er losgelöst uud diesen 
dem Ruin j^reisgegeben haben. 

Die in diesem Feldzuge von 1793 hier auftretenden Truppen 
der iiepubük liefsen selir viel zu wünschen übrig. Die in ihnen 
vorhandene politische Ueberrei/.ung bchiidigte die Disziplin; die 
Generale wurden durch Volksrcpräsentanten, welche ihnen der Konvent 
beigab, ungemein behindert, und wenn jeder Milserfolg sie am Leben 
geföhrdete, so mulste dies ihren moralischen Mut und ihre Berufs- 
freadigkeit Ausstreichen. Ffir die Yendee wuren anfänglich keine 
Linientruppen beceit, mau glaubte diesen Aufstand mit der dort 
▼orhandenen Nationalgarde niederwerfen zu keinen. Hierin sprach 
sich dne Unterschatznng der Gefahr ans, welche man sehr teuer 
bessahlen mulste: man gab den Vradeem Spiehnumt solche Schlage 
SU thuUf wie sie zu ihrer immer grdlseren Ermutigung, zn ihm 
Bewaffnung auf Kosten der Republik, und hiermit auch zu ihrer 
kriegsmafsigen Formation dienen mnls^en. Als nachher der KouTent 
mit Emst und £ifer gegen die Vendee vorging, hatte er es hier 
schon mit einer Contrerevolntion und einem krtegstfichtigen Feinde 
zu thun. Dennoch wurde wahrend dieses gwnzoi Feldzuges kein 
richtiger Malsstab angelegt Man verfuhr nicht mit Umsicht, 
sondern mit politischcar Leidenschkift; man ' wählte die nach 
Vendee beetimmteu Feldherm schlecht und gab diejenigen, welche 
doch tüchtig waren, der Verfolgung preis; man wulste nicht, worauf 
es ankam, und war so kopflos in der Niederlage, wie grausam und 
doch untbatig uach Erfolgen. Durch solche Bewandnisse, in einem 
und dem anderen Heerlager, sind die folgenden Thatsachen be- 
stimmt worden. 

Der erste Stöfs geschah bei Gelegenheit des Konskripti'Mia^ 
voll/ni^es ara 10. Mar/ M9^ zn St. Florent.*) Die Konskriltinien 
wi(ler.setzten sich liier der iiehörde, Gendarmerie und NationalgiU'de 
wurden vom Landvolke überwältigt u. s. w., und wenn das auch nur 
eine Bauernrevolte war, so wurde damit doch immer ein Alarm.schufs, 
welcher das ganze Vendeevolk zu den Waffen rief, aligi-feuert. Auf 
dieses Signal trat auch .sogleich ein Lenker und Organisator de.s 
AuCstandes, der alle hierzu nötigen Eigenschalten l)esafs, hervor. 
Dies war Jacques Cathelineau**), ein geacliteter Landmann, der 

*) Kleine Stadt am llnkea Loiieofer, 5Vs M tetlich von Naatw and ö M. 

westsndwestlicli von Augers. 

**) Aas dem Dorfe Pin en Maugea, zn dieser Zeit 34 Jahr alt, rechtäcbaö'en, 
beselieideB, von reinen Sitten, auch im Bnfe groraer FrSmmigkcit. 



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156 1^ Kriege der Vendöe 

wie Cincinnatus vom PÜnge in die Schlivcht ging und schnell ein 
belangreicher Feldherr wurde. Unter den Motoren dieses Aufstandes 
überhaupt war er wohl insofeni der Bedeutendste, als von ihm 
erst dieser Rubikon überschritten, diese Kraft des Vendeevolkes 
koncentriert und kampffähig gemacht wurde, — auch die kriegerische 
Oberleitung gerade während der so überaus schwierigen BSngangsz^t 
in seinen Händen lag. 

CSath^lineftu besals nicht nur die Maeht der Bede und den 
energischen Willen, sondern auch ein volles Genie der Praxis. Er 
sammelte die Bauern und drttckte ihnen das, was sie selbst fohlten, 
in klarer Bede aus; er machte die Torhandenen Stimmungen sn 
Aktionen, und Ton ihm ist das Zerstreute Vereinigt, das ünwillkfir- 
liehe pi^dsiert worden. Hatte er Torerat nur 20 Bauern um sieht 
so wurden deren bald 100; die Sturmglocken lauteten ihm bald eine 
noch viel gröbere Zahl zusammen vnd er nahm im Fluge Jallais 
und Chemilli.*) Diese Sturmläufle brachten ihm auch schon 
Gewehre und Kanonen ein, und hiermit ist zur Bewaffnung des 
Vendeevolkes ein erster Grund gelegt worden.**) Der Erfolg ist 
ein Magnot, welcher Volk und Waffen, Mut und Lust herbeiaieht; 
als ^se ersten Handstreiche Bahn gebrochen, rollten die dsemen 
Warfei unaufhörlich, und Geist und Stoff wuchsen förmlich .aus der 
£rde. Schon nach der Einnahme von ChemiU^ fahrte Stofflet***), 
ein borster von Manlevrier 2000 Bauern zu Cathelineuu, und dieser 
sebiitietlete das Eisen, so lange es glühte, und nahm zunächst Chollet 
und Viliiersf), um dort die Nationalgarden zu entwaffnen, Geld, 
Wallen und Munition zu ge\vinnen. Immer mehr Hülfen und 
Talente kamen jetzt auf den Platz, und als Gigot d'Elbee und der 
Marquis von boncbampsff) in die Führung des Vendeevolkes 



*) Jallais und Che in 1114, entoM wefltUcIifir, letsteves (MUcher, Ibig«n 

kaum 3 M. südlich von St. Flor.'nt. 

**) VeigL J. Ä. Vial: Causos de la guerro d« ia Veudee a. a. w. 
26—28. 

***) lätofflet, ein Ebssser» 40 Jahre alt, krBftif» xanhen Weieiii, aber vmi 
•taiker Sode and grobem Seliarfblick. Er war wegen leiner Strenge wenig Im- 
liebt, trug aber i.wx DiazipHnierang der Vend^ vid M nnd gUnste duck anter- 

ordeütlichi- Taprerkoit, 

t) Cbollct 4'/, M. gerade südlicb von St. Florcnt; Vihiers, ein etwas 
gröflMFor Bezirksort, liegt 4M. ostnordöstlich von Chollet. 

tt) Elb^e, in Saehfloi geboien, aber in Fiankieidi natoialisiert, vordem 
Lieutonaut in der Kavallerie, za dieser Zeit 40 Jahn alt, ftthrte sontcbat die 
Bewohner iler Utnt,'egciid von Chollet und Boanjtrcau. TQchtiger Soldat und g»- 
scbickier Ftddherr, im Kampfe unerschrocken and von dra Yendöem sehr 



gegen die erste französische Ropablik 1793 bis 17%. 



157 



mit eintrafon, nahm der AuÜBtand sehon grüfaere Dunensionen and 
einen allgemein nationalen Charakter an. Diese Mitglieder des 
inländischen Adels besaben viel Antoritat bei den Bauern, sie 
brachten ihren Anhang mit, und jeder von ihnen hat mit den 
Einsichten und Tugendm, durch welche er ausgezeichnet war, im 
gegenwärtigen Feldsuge eine bedeutende Rolle gespielt. 

Die Republikaner waren von diesen StöJsen so fiberrascht als 
ersehfittert; wenn Cäth^eau, diesen Eindruck benutzend,* seine 
Operation stetig fortgesetzt bitte, so würde der Efifekt, schon in 
diesem ersten Anfange, riesengrofe geworden sein. Aber er konnte 
das nicht, denn die Woche des Osterfestes kam heran, und da mnbte 
das Vend^evolk, seiner Eigenart gemals, sich zerstreuen, um daheim 
seinen Pflichten andächtiger Feier zu genügen. Hente drang es 
noch wie Stnrm und Hagelschlag in den Feind und morgen war es 
zerstoben und jeder Streiter beugte daheim lammfromm seine Knie. 
DafSr hatten die Republikaner kdn Verständnis; sie meinton, daft 
der RauKh verflogen, die ganze Bewegung in sich zer&llen sei, und 
in dieser Voraussetzung liefe man die Arme ruhen statt doppelt und 
dreifach zu rüsten. Dieser Irrtum sollte sich bittor rächen. Der 
Konvent und seine Diener, — sie kannten den Dänion nicht, 
welcher von ihnen geweckt war, nml sind, nach knrzer Zwischen- 
pause, durch die um so h» f tigere Rückkehr Flut gewüs. noch 
mehr überrascht worden, als durch den ersten Lo.sbriich. 

Nach dem Osterfeste gewann der Aufstand mehr Ausdehnung 
und Planniübigkeit. 

Catlielinean , d'Elbee und BonchampS beherrschten den 
östlidieii noca<^<'; Vatidry d'Asson, aus seinem Verstecke geholt, 
leitete den Anf'stand an der oberen Scvrenantaise; Koyrand, ein 
auch zum Führer gewubUer Edehnanii, operierte am Layflusse und 
dessen Zuströmen, und im l'ays de Uetz befehligte St. Andre, um 
indessen, nachdem er Poruic*) genommen und wieder vi'iloreti 
hatte, von seiner eigenen Partei bei Seit»' grwcboben zu wcrilen. 
Überall wurden Vorstöl^ gemacht und Vorteile errungen; im Pays 



hoch geatdlt, sber aneh ebrgeisig, reUbar und von schwtonemoher 'fieli« 
. giosit&t. 

Charles Melchior Arthur Marquis von Bonchainps, 1760 geboren, 
hatte bereits sie Kapitln im tnaBOMiaia Heere in Nord-Amerika mit Awnelchnmig 
gedient Er war von beioiseher Tiapferkeit, gnhem FfUireigeiiie md wieeenschafUieh 

gebild't. 

*) All der SadkOste des Pays de Beiz, 2 M. sadlich von der ftofaersten 
Loire-Müudung. 



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158 



Die Kriege der Ymiie 



de Retz gewann aber aoch dag Landrolk die durch ihre Loge 
wichtige Stadt Macheconl,*) wo der Tormalige Steuereinnehmer 
San eh y ein Civilcomit^, welches ganx terroristisch Terftihrf errichtete. 
Also anch hier, unter royalistischem Banner, ein kleines Schredcens- 
regiment! — man sieht, dals es kdn Princip der Wdt giebt, hinter 
dem sich nicht Böses verstecken kann. Fttr St Andx^ wurde hier 
im Westen der vormalige SchiflbKeatenant Charette,*") welcher 
in diesem Kriege eine grolse Bolle spielen und alle anderen Vend^ 
fÜhrer üherdanern sollte, an die Spitze gestellt. 

So stand nun die ganze Vendoc weiteren Sinnes in Flammen; 
der in sich zerspaltenc Konvent aber schenkte dieser Bewegung 
noch immer keine rechte Anfnicrk^^ninkeit. Die Lokalhohorden 
wurden nicht unterstützt und moiisten sich helfen, wie es ging; von 
Angers ans hatte man das verlorene Terrain am linken Loirenfer 
7.uriick/ngcwinnen gesucht, da dies aher miOslang, so waroi die 
Republikaner schon des ganzen Pays Mauges verlustig; nur Cha- 
lonne***) lag noch in ihren Händen. Gegen dieses wandt<»n sich 
nun am 21. MärZf als die Osterpanse vorüber war, d'Elbee, Stofflet 
nml Bonchamps und gewannen es fast ohne Schwert«chlag; nach 
dem dies geschehen, beherrschten sie nun diese Region des linken 
Loireiifers gänzlich. Im siidlichen Bocage war Chan ton iiayf) von 
den Vcndf'orn goiionimen uiul dann von dem rr)iult1iki\nischen 
(lencral Marc»', weither von La fiochellc kam, zuriiekorolicrt 
worden. .41.s er demnäclist auf da.s rechte Ufer des kloinm Lay 
vorgehen wollte, wurdo sein Corps am 19. März bei «lern Dorfe 
St. Viiuont d'Esterlange von Vaudry und Rojrand gäuzlicU 
zer.s!j)n'ngt.ff) 

In der westlichen Vend('t' mifs<rlückten zu dieser Zeit zwei 
Vorstöfse g<'gen iSables d'Olouue; glücklicher operierte Charette im 
Pays de Uetz. 

Charette war, durch seine vorherige Tliätigkeit als Seemann 
und .läger, seiir abgehärtet; sein unersrhüiirrliiher Mut und stets 
erfinderischer (leist zeichneten ihn nicht minder aus, als sein (Jeuie 

*) 4 M. sütbv<'stlieli von Nruifc;. 

•*) Franyois Athanasc Cliarcf to tlo 1a Contrio, ans einer alten Sec- 
fahrcrianiilic, geboren 1763 zu Couffü bei Anccnuis, bis 1790 iu der Murine, dann 
XU den Bmigrantea in CoMenx, aber bald wieder nach Fnuikrdeh soittek. 

Kleine Mittelstadt am Unken Uftr der Loife, da wo der Lajon m die- 
selbe nnlndct, 2'/, M. südwestlich von Angeis. 
f) 4 M. nordnordwoHtlich von Pont<:;nay. 
tt) Marce wurde in Fulgo dionos Mifserfolges von der Schreckcnsrogicning 
som Tod« TenirtcOt 



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gegen die ente ffwiiMMhe Repnblik 1793 bi* 1796. 



ir,o 



der Behanrnng nnd DefeBsire; so wnrde er das Hanpt der westlichen 
Vend^er, und die Gegenpartei fOrchtete ihn mehr als alle anderen 
Insiirgcnienchefa. Aber Gfaarette ging seine eigenen Wege; sein 
Ehrgeiz, griflf SO weit, ilni don aiulcrn Führern gegenüber oft eifer- 
süchtig 7,11 machen, nnd sein hartes Naturell zeigte sich nicht selten 
auch in Kachsucbt nnd Giausamkeit. Die noabänderlichen Fehler 
seiner Partei war er klug genug gehen zn lassen; wenn es ihm znm 
Vorworf gemacht wird, dafs er jenen Tyrannen fn Machecoul ge* 
wahren liefs, so verliert dies, den Hewandnissen gegenüber, seinen 
Stachel. Jeder Eingriff in diesen überdies ganz lebensunföhi<j^en 
Unfugs der binnen drei Tagen in sich selbst zusammenstürzen mufste, 
würde einen Zwies|mlt der eigenen Partei bewirkt und hiermit mehr 
Unheil gestiftet hai>en, als dort verhütet werden konnte. Die von 
den Republikanern über Cliarette verbreiteten Gerücht»', \v»'leh(? ihm 
all"\s Böse andichteten, sind nur Verleumdungen;*) wus seine 
wirklichen Friller betrilVt, so hätte er ganz ohne sie nicht seine 
R(dle, so wie geschehen ist, sjiielen können. Gefjen wärti«^ ontrifs 
er am 2!*, März den Ilepuhlikanern <l:is seinem V%)rgänger verloren 
gegangene Purnic wieder, und sie konnten sieh, nachdem dies ge- 
schehen war, in diesem Ucrciche hier nur noch auf Nautes und 
Paimboeuf**) stützen. 

Bei den Yendeern trat nach diesen Krf4)lgen eine Ruhepause 
ein: sie wurden si(;li während derselben bewnfst, dafs eine .so 
niHuj^elhafte Kriegsfnrmation wie gegenwärtig für die Daner nn- 
ImUhar sein würde. Die verseliiedenen Abteihue^en operierien ohne 
Verliindung und Gegenseitigkeit; au einem Krit»gsplane und der 
gemeiusameu Oberleitung felilti» es gänzlich. Die Bewohner der 
verschiedenen Distrikte .schlos.sen sich nunmehr zusammen: jedes 
Kirchspiel wählte einen Führer, dem auch die Bewall'nung und 
Gliederung seiner Leute oblag; man verabredete Signale nnd Komnui- 
uikatlonsraitiel u. s. w. Hierzu kam, dafs im Bocuge der l»isherige 
Erfolg viele Edclleute und vormalige Offiziere, ja auch Mifsverguügte 
aller Art, Deserteure und Contrcbandiers herbeisog; das gab einen 
ünfterf&hrentand und ein Skelett stehender Tru])pen. Die erbeuteten 
Waffen wurden durch Ton Anfsen herbeigeschaffte vermehrt; die 
Streitmacht gliederte nnd ordnete sich jetzt schon. Aber was sie 
hiermit militSriseh gewann, das ging ihr am Patriarchalismns top- 

•) M. K' Rouviors-Di'smorticrs wi.l rl irt in seinem Werke: Refu- 
tation de calomnies pablif^oK contre Ic güaeral Charette a. r. w. jcnu 
Gerüchte. 

**) Paimboeuf an der Loire-Mflndaiig. 



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160 



Die Kii^ der Vendfe 



loreii; das Bildnis eines für Heerd und Altar kiimpfonden Natnr- 
v(»lk<>s l)Oj;ann sclion j»^t'/f sich in dasjenigf einer kunstgerechten 
und mit politischer Spekulation Uurchwebteu Kriegsiuacbt uuusa- 
wandeln. 

Wenn die westlirln Vcndee in di r Ergänzung ihrer Streitmacht 
durch freiiidt' Elemente verhält nisniüfsiig zurückblieb, so wurde sie 
(iafflr ilnili durch Manches entschädigt. Einmal durch das Genie 
ihres obersten Führers, /.weitens durch die Möglichkeit, sich von der 
hier so nahe liegenden See hör ohne Zeitverlust stets Kriegshülfs- 
niittel zu besehafTen. Auch formierte mau hier zuerst eine Reiterei, 
die ])ei aller ursprünglichen Dürftigkeit doch schon für den Avant- 
garden- und l*atrouill< n.Henst, so wie zur Verfolgung des geschlagenen 
Feijides brauchbar war; in der östlichen \'endee zeigte sich diese 
Waffe erst etwas später. Die Artillerie befand sich dort und hier 
uocli in ihrer Kindheit, doch wirkte sie schon mit. Die Haupistärke 
der Vendeer lag jedoch auch nach solchen Fortschritten immer noch 
in ihrer Vertrautheit mit dem Terrain, iu dem macbtigeu Sturm- 
anlaufe des Fuisvolks und in dem drohenden Entweder-Oder, vor 
welches man gestellt war. 

Der Konvent wnrde dureh die stets ungünstigen Berichte ans 
der Tend^ nnn doch nachdenklich gemacht nnd traf ernstere Mafe- 
regeln. Es wurden jetzt swei schon teilweise aus Linientruppen 
bestehende Heere gerüstet, welche von verschiedenen Seiten her 
in das iusargierte Land eindringen sollten. General Berryer sollte 
von Angers, Canclanx von Nantes ans vonrficken; die Formation 
dieser Heere gestaltete sich aber nicht so gfinstig, wie beabsichtigt 
war. Als Berryer in Angers eintraf, befimden rieh Dnmonries in 
den Niederlanden nnd Oustine am Rheine im Nachteil; er erhielt 
deshalb nur wenig nnd meist ftbelberflchtigte Linien truppeu.*) Gau* 
claux sollte m den Nationalgarden von Nantes ans der Norroandie 
und Bretagne so viel Linientruppen heranziehen, als dort entbehrlich 
waren. Dies voltzog rieh aber fiberaus langsam, nnd sein Vorgehen 
konnte deshalb nicht gleichzeitig mit denjenigen Berryer*8 statt- 
finden. Mit der in Ansricht genommenen Gegeaaritigkeit beider 
Gorpft ging so die hanptmchlichste Garantie ihres Erfolges verloren. 
Berryer's Heer war nicht stark nnd tüchtig genug, den Kampf allein 
bestehen zu können; dennoch begann er, rieh der richtigen Br- 
kenntois verschließend, schon im April seine Operationen. 

*) Das warm die In eine Nationalgcndannerie omgewaadriteD trenlosen 
Gatdeii und daa Mdidorbatailloo der Marseiller, nentctisebe und nnbittditige 
Truppen ohne Kiiegistttelitigkdt. 



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gigm die erste fransMeohe Eepnblüt 1798 Ui 17M. 



161 



Dies gpeechah zunächst durch einen Vormarsch mit vier Kolonnen, 
welche, Terschiedene Richtungen einschlagend, die InmigentMl- 
Afateilnngen aller ostlichen Lokale gleichzeitig zerstrenen sollten. 
General Ganvilliez überschritt mit seiuer Kolonne die Loire bei 
Flovent und drängte Bonchamps auf Beaupreau*) zurUck; 
Berryer selbst ging etwas weiter östlich tot und nahm GhemiU^; 
Leigonnier mit der stärksten Abteilung zielte anf Vihiers, nnd 
Quetineau weiter südlich auf Les Aubiers.**) So bildete sich 
ein (Ii«' Vendeer dieser Region in nordostlichem Halbkreise um- 
spannender Gürtel; damit aber gleichzeiti<T auch im Westen etwas 
gescbelit'n möchte, so sollte Boulard, zur Zeit Kommandant vou 
Sables d'Olonne, welcher auch unter Berryer gestellt war, die Küste 
säubern und dtuin mit den ihm Yerffigbaren Truppen so weit als 
möglich ostwärts vordringen. 

Dieser Operationsplan würde unter richtigen Voraussetzungen 
die succ**tisive Verteidigung in der Ostvendee immerliin zeitweise 
abgeschnitten haben ; da aber jene nicht zutrafen, so führte er nur 
eine durch die Zersplitterung verursachte eigene Niederlage herbei. 
Die verschiedenen Abteilungen des Vendeeheeres wurden allerdings 
vorher ein/.t'ln zurückgedrängt, aber das war von kurzer Dauer. Sie 
vereinigten am 13. April ihre Kräfte und zogen sich dann, um 
mehr Spielraum und Ai\halt zu haben, auf Tif fauges***) an der 
Sevreuautaise; nur Bonchaiups wurde nordwärts auf Gestef) ent- 
sendet, damit die Kolonne Gauvilliez durch ihn im Schach gehalten 
werden möchte. 

W&hrand sich 80 eine Entscheidang vorbsrntote, ging den 
Vend^em in der PflEson von Henri de la Roche- Jacqneleinff) 
ein neuer Stern anf. An diesem noch ganz jugendliohen Bitter 
haftete in seiner koxaen Laofbahn ein Sdiinimer Ton Heldenpoesie, 
wie man ihn im alten Born nnd bei den Kreaafahiem gesehen hatte. 
Zumeist glaoste er als Matador des nnwiderstehliehen Sturmangriffes; 
auf einem grolsen Knegstheater wire er ron aller Welt bewundert 
worden. Zum Beraten wenig geneigt, aber immer mit der That 



*) 8 IC gnds slkdlieb von 8t Florent, sn FlttbclMa Um. 
•«) 8 H. ittdlich fon TihiMs. 

*•*) Am linken Ufer der Serronantaise, S'/t U- südwestlich von Bcanpr^an, 
6>/, wsftrtdwesUieh foa YihiMS und ebensoweit westDoxdwestlich toh Les 

Aobiers. 

t) l'/t M. aüd westlich von Beaupr^au. 
tt) Br tiUte «st 80 Jslue und war Olllilsr in der EQnIgliciMD Qside ge- 
wesen. Ihn wiUten die Xinihspiele der Umgegend von ChatOlon nun FUuer. 
irtMA« Wt 41» StUwto ämm nl Umtm, M. ILVnt« 9, || 



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162 



Die KH^ der Vend^ 



▼oran, stets opferwillig nnd anermüdett begeistorfe fÖr seiu Pauier 
und ^8 Mensch mild imrl edel, so gonofs er das allgemeine Ver- 
tmnen nnd wnrde jetzt auf den Schild gehöht. Die Stnrmglocken 
wurden gcläuteti nud 10,000 Bauern sammelten mch schnell am 
diesen Jüngling, welcher der Marcellns der Vendier werden sollte, 
so wie Charette ihr Fabius war. 

Znm Ordnen nnd Planen war jetzt keine Zeit; wäre anderen 
Falles die Operation der bei Tiffauges vereinten Veudeer mehr ab- 
wartend gewesen, so schritt man jetzt alsbald znr OftVn^^ive. Durch 
die Hauptmacht gedeckt, wandte sich La Roche zunächst nacli T.os 
Aubicrs, also gegen (iuetinenu. Vor Be<Tinn des Kampfes sagte er 
zu seinen Bauern: »Wenn ich weiche, todtet mich; wenn ich 
vordringe, folgt mir; wenn ich sterbe, rächt mich;«*) — 
charakteristisch für den Mann und seine Taktik. Elr rannte, wo 
man zur Offensive^ kam, einfach den Feind über den Haufen; man 
künnte ihn einen Seidiit/ zu Fufs nennen, dessen KeuleuschlUge ver- 
nichtend wirkten. Wo ein Führer das Herz besitzt, jede Position 
zu erobern, da teilt sich das auch den Truppen mit, und die That 
bleibt dann nur selten hinter der Absicht zurück. 

La Roche-Jacquelein stellte sich bei Les Aubiers, seinen An- 
grifFsmoment erlauschend, zuerst hinter Gräben und Hecken; dann, 
als der Feind, um eiiui gedecktere Stellung zu gewinnen, sich etwas 
rückwärts zog, stürzte die ganze Bauernphalanx mit rasender Gewalt 
vorwärts. Hier widerstand kein Geschütz oder Bajonnct mehr; hier 
war es gleichgültig, ob man Musketen oder nur Dreschflegel besals, 
der rollende Berg zertrümmerte Alles. Die Kolonne Qnetinean*8 
war aeisprengt und in die Flacht getrieben, ehe sie sich dessen 
irgend versah.**) 

Nach diesem am 13. April aui^gefuhrten Sehlage ging La Roohe- 
Jacquelein sogldeh wieder auf Tiffrages surfick, und man plante 
nun, sich mit voller Kraft auf das annSehst eneichbare feindliche 
CSorps sn werfen. Das war die 10,000 Mann starke Kolonne Leigonnieis, 
welche bis Yeiins***) vorgerttckt war. Vor diesw erBchienen am 
19. April die Yend^er, 18,000 Mann stark, nnd der hier stattfindende 
ZusanuneDstols verlief nnd endete ganz fthnlich wie derjenige Ton 



'*') Memoiren Napoleons I. von St Helena. Yeigl. H. Bliaer, Oe- 
ßchichte Najtoleous. II. Th. 465. 

**) Monitour ouivcrsel 427. — Choudieu, Berioht Aber den Yendco- 
krieg L 126-187. 

***) 4Vt K. OBtnordSttUch von Tifikngw 



g^en die erste französische Bepublik 1793 bis 1796 



163 



Lee AoMera, nor dab bei Yesins Caihdlltieaii den Hanpteclilag Übai 
und die Beate hier gröleer war. 

Die noch inialrten Abteilungen des Gegnete konnten jetst den 
Boyatisten keinen Widerstand mehr leisten. Berryer ging ohne 
Schwcrtsehlag anf Ponte de C^*) sorSck; ChuiTilliez, welcher jetzt 
prmsgegeben war, wnrde am 82. April Ton der Übermacht der 
YendiSer bei Beanpreau geschlagen nnd rettete den Überrest seines 
Corps nar mfihsam nach Angers.*^ 

Wihrend die republikanische Streitmacht hier im Osten so 
ganz besiegt nnd aufgetrieben wnrde, fielen ihr in der westlichen 
Yend^ ganz ansehnliche Erfolge an. Boolard eireichte, von Sables 
d^Olonne ans, an der MeereekSste entlang nordwärts streifend, am 
9, April St. Gilles;***) dann ging er auf Challansf) und begegnete 
hier dem Widerstande Oharette^s. Dieser wnrde indessen am 13. April 
saruckgedrangt, und ein neuer Yoistofs milslang am 15. nicht minder. 
Dieser Notstand der Rojalisten verschlimmerte sich noch, als am 
19. April von Nantes ans eine Abteilang nnter Oberst Baylser 
Bonlard za Hülfe kam. Bajiser erzwang den Übetgang üher die 
Achenaa nnd nahm Machecool, wo dem Terrorismus Sauchy*s schnell 
ein Ende gemacht und dieser enthauptet wnrde. Cbarette, dem es 
an Stroitkräften gebrach, mufste sich zurückziehen, Bayfser aber 
brachte bald die zunächst liegenden Küsten, so wie die Inseln Bouin 
und Noirmoutier in seine Gewalt. Gegen Cliarette war nur eine 
kleine Abteilung stehen geblieben, und diese besiegte er am 30. April 
bei Lege. ff) Gewife würde ihm hierauf auch die Zurücknahme 
Machecours gelungen sein, wenn nicht seine Neben- und Unter- 
führer hier im Westen ihn beneidet, ohne Unterstützung gelassen, 
und seiner Popularität möglichst viel Abbruch gethan hätten. Das 
Land bis zum Yon und der Boulogne gehörte unter diesen Bewandnissen 
jetzt wieder den Republikanern; vielleicht wiirdeu .sie noch weiter 
gegriüeu haben, wenn nicht die Niederlage Berryer'a in Nantes so 
eindrucksvoll geworden wäre, dafs mau die Truppen Bayfser's zurück- 
zog. Boulard allein war zu schwach, um weiter vorzudrin^fen. Die 
Ereignisse hier im Weihten kamen also momentan zum Stehen. Dafs 



*) Am liukou Loircnfer gegenüber von Aagers. 

**) Ober diese Vorgänge giebtdaiWafc: »Ouerrei des Tend^eni et des 
Choaans par an offieier snptriear dss srm^es de la repsbliqne* 

gate Aoslcanft. 

Hart an der Meeresküste 3 M. nordnordwMtUeh TOD Sftbl«S d*OloiUi0. 
t) 87t V* DorduorduHtlich von St. Gilles, 
tt) Nidit ftra Tom linken üftr der Bonkgne. 

11» 



L.ivjM^L,j L,y Google 



164 



Die Krieg« dar YmU» 



man im Osten von dieser Notlage des westlichen Territoriums nichts 
wufste, war gewifs sehr bedauerlich ; es bewies eben, dala es au einer 
für die gan/e Veudee maOsgebendeu ÜÜuheit and Verbindung noch 
ganz gebrach. 

In der östlichen Vend6e zogen sieh die Verteidiger mit Anfang 
Mai, 20,000 Mann stark, südwärts; Quetineau stand neu formiert mit 
einer kleinen Abteilung in Bressuire. Bei Annäherung des Vendee- 
heeres, welches A rgenton nahm, mnfste er am 3. Mai auf Thouars*) 
zurückgehen. Als ersteres am 4, Mai in Bressuire anlangte, hatte es 
Gelegenlunt, mehrere von den Republikanern zurückgelassene Edel- 
leute der royalistischen Partei, welche als verdächtig inhaftiert worden 
waren, in Freiheit zu setzen. Unter diesen befanden sich zumal 
der Marquis von Lescure,**) welcher in dieser Gegend ansehnliche 
Güter besafs, ein Vetter von Laroche* Jacquelein, und Bernard v. 
Marigny, welcher ebenfalls mit dieser Familie zusammenhing; beide 
haben fortan dem Vendiaheere inchtige Dienato geleistot Loeome 
wurde dnrch aem Anseheii m der landberölkerung, seine wissen- 
schaftliche Bfldimg und praktische Tüchtigkeit ibbeld einer der 
hervorragendsten Yend^eführer; an BCarignj, der ein erfahrener 
Artillerie-Offiner war, übergab man sogleich die Leitung dieser aller- 
dings hier noch sehr untergeordneten Waffe.***) 

Am 5. ICai standen CSath^linean, lüb^, La Boche and Leseore 
▼or Thonars, überschritten den Thonet und nmsehlanyn Qnetineaa, 
welcher auf die Stadt nnd ihr Sehlols beecfarftnkt war, von allen 
Seiten. Mit semen 8000 Mann det sechs&chen Übermacht preis- 
gegeben, mnlste er eine Kapitnktion eingehen, welche ihn fr^gab, 
aber sein Heergerit den Rojalisten fiberliefierte. Den ihm gebotenen 
Anschluß an Letztere wies er anrück und ging nach Paris, um 
sich wegen seiner 19iederlage an rechtfertigen. Dort gab es in jener 
Zeit keine Gerechtigkeit, sondern nur Leidenschaften, und so führte 
auch Quetineau seine BIhrenhaftigkeit, welche ihn das Blutgerüst 
der Fahnenflucht Toniehen lieb, schon im Mbra 1704 auf die 
Guillotine. 

Das Vcmleehcer strebte von Thouars ans dem Süden zu, wo 
der republikanische General Cbalbos seine Streitkräfte in Fonte- 

*) Stadt mit S«hlob am rechten Ulor des Tbonet» d'/t M. oofdSstlich von 
Bressnire. 

**) Lesear«, 97 Jtim alti miiuüich schSD and tob feinen Sitten, wsr der 
ente Oatte der aaeblierigen Madame de la BoeheJacquelrin, 4ie diesen Feldng 

80 eingoliend geschildert hat. 

Das Vend^heeir hatte hier nur 18 Gesebfttie. 



Digitized by GqösIc 



gtgm die ente frMolMsdke Bep«ibUk 1798 lili 1798 1$5 

uay*) gesammelt hatte. Vor diesem Orte erscliien crsteres am 
16. Mai und würde, wenn es jetzt so stark cjeweseu wäre wie bei 
Thouars, auch hier den Gegner erdrückt halten. Aber die Vcudee- 
bauern befriedigten jetzt wieder einmal ihr Heimatsbedürfuis und 
nur ein Bruchteil jener Streitmacht vom 5. Mai stand hier in den 
WaflFen. Als mau, unvorsichtig genug, mit diesem vorrückte, war 
zwar der linke Flügel durch das Flüfscheu Vendee gedeckt, aber 
der rechte blieb schut/lüs und wurde durch die Reiterei des repu- 
blikanischen Heeres vernichtet. Die Vend^er verloren den gröfsten 
Teil ihres Gescliiitzes, nur dem rechten Flügel ermöglichten Lescure 
und Laroche einen geordneten Rückzug. Dieser Verlust wirkte auf 
das Landvolk sehr niederschlagend; die Führer hingegen dachten 
nur daran, die Scharte schnell wieder auszuwetzen. 

Das mulste schnell geschehen, denn in Paris geschah jetzt 
Alles, den Aufstand der Vend^ dessen mau überdrüssig war, schnell 
abzathun. Der Armee Yon La Bochelle wurden ungewöhnliche 
TenHiBrlnuigfiii sngedaeht, und der Oeneral Biron,*^) welchor an 
ihre Spüie bun, sdlte das insui^ierte Land von Sables d'Olonna 
nach Saunrar***) quer dnrehdring«]!. Das wfirdc gcwilii Ton gioiser 
Wirkung gewesen sein, wenn die YerstSrkung rechtseitig eingetroffen 
und das Yend^Tolk in der ZiviacheiUEeit mfifsig geblieben wäre* 
Aber dieea Bedingungen trafen nicht su; die Verstärkungen kamen 
nur aUmShücli; Biron tvaf erst g^gen Ende Mai ein, und die Vendtor 
thaten ihr Äuiserstes, nm, ehe man jenseits schlagfertig war, wenig- 
stens Ghalbos sn -vemiehten. 

Das LandTolk war jetzt wieder TolliShIig und von seinen 
F&hrem neu begeistert. Am 25. Mai entwickelte sich das Vend^e- 
heer, 85,000 Mann stark, neuerdings Tor Fontenay; Chalbos stand 
ihm mit nur 10,000 Maim, aber durch seine Artillerie und Beiterei 
im Vorteil, gegenüber. Die Vendto hatten nur wenig Geschfits 
und sahen es wiederum hauptsSchlieh auf den Sturmangriff ab, den 
auch anmeist Laroche mit dem rechten Flfigel überwältigend ati.s- 
ffihrte. Die Centauren der jm^en Vendeekavallerie pflückten hier 
ihre ersten Lorbeeren; Chalbos wurde geschlagen und sein Hiilfe- 
ruf bewirkte nur, dafe sich Biron nach Niort begab und der 



*) Poatenay le Comta, ICittditadt Im Departemeot dar V«iid^ 10 M. 
. tellicb von Sables d'Olonne. 

••) .\rmand Loui^ (\e Gontaot, Herzog v. Biroa, Anhänger Orleans, 
starb später unter der Uoillotine. 

In der Loftlinie «tm 90 geographische Heilen. 



166 



Di« Kikgo der Tendte 



Marsch der von Toui's aurückeudeu Abteilungen etwas beschleunigt 

wurde.*) 

Da Biroü demnächst Thouars zurück zu erobern suchte und 
auch am linken Ufer dts Thouet in drohender Weise zu streifen 
hei^aun, so verliefHt u die Vendeer Fontenay und zogen wieder in den 
üocage. Ihre Beute am 25. war grofs gewesen; den Gefangeneu, 
welche, weil sich mit ihnen nichts anfangen liefs, wieder entlassen 
wurden, gab mau eiue iiu Namen Ludwigs XVII. erlassene und 
von allen Führern des Veudeeheerts unterzeichnete Proklamation 
mit, worin als Zweck des Vendeeanfstandes die Wiederherstellung 
des Thrones und Altars, die Befreiung des Vaterlandes von dem 
Joche der in Paria liemelienden Verbrecher angegeben und jeder 
Franzose nur Mitwirknng aufgefordert wurde. 

Diese Mafsregel hat freilich ihren Zweck nicht erreicht, aber 
eie bekondete immer eine Qerinnnng unwandelbarer Treue und 
LojalitSt, welche an nch ehrw&rdig war und von iimtlichen 
Vendtfeffihrern nachher mit dem Tode besiegelt wurde. Praktieoh 
wertvoll ermshien die sn dieaer Zeit bewirkte Errichtung eines 
obecften Yerwaltongeintes, welcher im Bereiche des Hauptheeree 
fOr Verpflegnng, Becht^flege, Poliiei nnd GeldwirtschAft sa sorgen 
hatte. In Verbindung hiermit entstanden auch Bbganne, und jedes 
Kirchspiel bildete einen jener Oberbehdrde untergeordneten Gemeinde- 
nt; — kurz, es erhielt die Kriegführung nunmehr auch ökonomische 
Haltpunkte, welche sie im inneren Getriebe fest und lebensfiUiig 
machten.**) 

Den Bewegungen des Feinkies am linken Ufer des Thouet su 

steuenif vereinten sich, nachdem vorher ein gegnerisches Streifcorps 

bei Doue***) von Leecnre und Laroche geschlagen worden, am 
7* Juni bei Vihicrs alle Abteilungen des Vendeeheeres. Von ihnen 
wurde jetat das Corps Leigonniers , welches zurückgekehrt und bei 
Conconrson aufgestellt war, nach Saumur zurückgetrieben. Während 
dies geschah, weilte Biron noch zu Niort, liefs aber die ganse 
Thouetlioie besetzen and entsendete den General Salomen mit 
5000 Mann, um der Stadt Saumur, welche nach der Zurucktreibung 
Leigonniers bedroht schien, zu Hülfe zu eilen. 

Saumur, obgleich nur ein offener Ort, besafa dennoch viel 
Widerstandsfähigkeit. Nach West hin gewährte ihm der nahebei 

*) Madame la Beeke, Memoiren I. 185—188. — Beaaehamps hit* 
toire de la gaerre de la Tend^e a. s. w. L 178—175. 

*•) Madame la Koche cit 139— U6. 
***) Ziemlicb ia der Mitte swiKbea Yihien and Saamor. 



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gigul die enie framflriwhc) BepnUik 1799 bis 1798. 



167 



niundende Thonet eiue Verteidigungslinio, welche n\ir niittcisi der 
Brücke von Fauchart passiert werden konnte, westwärts der Ict/tercn 
zeigten sich, auf den Wiudmiihlbergen vor Bournan, zwei jj;rofse 
Redouten. Die Südlinie von Sauraar konnte, teils durch das zu 
dieser Stadt gehörige Schlofs und seine alten Fortifikationen, teils 
durch mehrere neu errichtete Vei-schanzungeu in dem Ivaume 
zwischen der Loir^ und dem Thonet, da wo diese sich schon ganz 
nahe sind, verteidigt werden. General Menou in Saumur verfügte 
Ober 8000 Mann; wenn Salonion mit seiner Abteilung diese Be- 
satzung verstärkt udt r den Angreifer zwischen zwei Feuer gebracht 
hätte, so würde letzterer einen schlimmen Stand bekommen hubeu. 
Aber die Vendeer wollten sich zunächst der starken Verteidigungs- 
linie im Westen von Saumur entziehen uud machten deshalb am 
8. Juni einen Sdtemnarsch nach Montreaeil Beilay ;"') sie trafen 
hier den gegen Saumur heranziehenden Salomen, der nun nach 
mehnlfindigflin NaehtgeÜBchl eine TOlbtSadige Niederlage erlitt. 

Die dnreh diesen Sieg wiederum ▼ecetarkten Yendtor wendeten 
sieh jetst gegen das Ton aller Hfllfe entUSlato Saumur und ordneten 
am 10. Juni ihren Angriff anf daefelbe« Leecure ging mit dem 
linken Flügel hart am Westufer des Thonet und, jene Bedeuten 
Termeidendi gegen die Brücke TOn Fanchart; Laroche führte das 
Centnun am rechten Stromnfer entlang gegen die neuen Ver^ 
sebaasungen der Sndaate; Cath^Uneau griff mit dem rechten Flfigel 
das Schlols von Saumur an. Auf beiden Fldgeln behaupteten sieh 
die Republikaner sehr hartnackig, und das Gefedit kam dort zum 
Stehen; da aber im Centmm Laroche*8 un widerstehlieber Sturm- 
angrUF durehdrang, so wurden allmählich auch die Abteilungen 
Lescure*8 und Cath^ean^s siegreich. Der Feind wurde gewaltsam 
aus Saumur herausgedrängt und konnte sich erst in Tours wieder 
sammeln; die unmittelbare Folge dieser Aktion war, dals man am 
13. Juni auch Angers, dieses ohne Kampf, gewann, und es nun in 
der ganzen Sstlichen Vend^ vorerst keine streitbaren Republikaner 
mehr gab. 

Die Vendder hatten in Saumur, und vermöge der ihren Angriff 
auf jenes einleitenden Siege, 11,000 Gefangene und 80 Geschütze 
gewonnen; sie beherrschten jetzt die den Kriegsschauplatz ein- 
greniende Loire zum grofsten Teil, uud mit Sanmur und Angers 
waren ihnen für Offensivbewegungen am rechten Loireufer swei 



*) Am leehteii Ufer dM XhAaet» S U. sOdhoh tod Sauaiir. 



168 



Die Ki^g« dar YnOS» 



wirlitigo Ausgangspunkte (iherliefert. Man war bei einem Haupt- 
abschnitte des Feldzuges angelangt, und es machte sich die Frage 
geltend, wie der jetzige Vorteil am besten zu verwerten, die Kriegs- 
lage im Westen zu verbessern und die dortige mit der diesseitigen 
Aktion zweckdienlich in Verbindung zu bringen sei. 

Saumur und Angers mnfsten festgehalten, aber es mufste auch 
ein gemeinsamer Oberfeldherr gewählt werden. Zu dieser Würde 
erhob man schon am 12, Juni den allerdings durch seine Eigen- 
schaften hervorragenden Cathflineau, welcher das unbedingte Ver- 
trauen aller Landleate gcnofs.*) Es sprach nel für aber auch 
Manches gegen seine Er^hilmig. lÄtk noh gegen sein Organiaatioiia^ 
telent, seine Willendaraft, Tapferkeit nnd Popniaritfti niehts ein- 
wenden, ao konnte doch sein Kidungsstandpunkt und Feldherm- 
talent mit dem groCwn Berufe, welcher ihm jetefe «iflel, nioht fSr 
verhiUtniemSlmg gelten; er konnte ein Goch» and Winkelried, aber 
kein Claar sein. 

Diee sa kennzeichnen, gönnte die Yorsehnng keinen genügenden 
Spielianm; Torerst fehlte ee ihm nnd seinen nunmehrigen ünter- 
feldhem nieht an der^kenntnis, dals man ohne Yersng westwarti 
operieren mOne. 

Auf dem westlichen Kri^gaschauplats hatte sich Inswischen die 
Lage der Vend^ etwas Terbesaert; aber die Znrni&flioberang des 
▼erlorenen Terrains war dort noch nicht ermfiglioht worden. Chsratte 
hatte die Refniblikaner bei St. Golumbin nnd Pontjames**^) be- 
siegt und hiermit sein Ansehen wieder hergestellt; in dem Ifalse, * 
wie dies gesohah, sammelten sich um ihn anch wiederum grStere 
Streitkrilfte, und da der Feind jetat zurückwich, so bekam Charette 
Spielraum, eine Zurückeroberung Macheoonls vorsubereiten. Pur 
diesen Zweck vereinigten sich am 11. Juni TOT jenem Orte alle 
Abteiinngen der westlichen Insurgenten, und man ging" sogleich 
daran, selbigen anzugreifim* Machecoul besafe ein haltbares Schlofs 
und war durch Feldschan 7en gesichert, aber Charette drang durch 
und bekam es in seine Hände. Durch diesen Erfolg vmrde man zu 
Saumur in dem Vorhaben einer westwärts greifenden Offensiv- 
hewegung noch mehr bestärkt und entschlols sich demnächst zu 
einem in Vereinigung mit Charette auszuführenden Angriffe auf 
Nantes. Auch gab der in diesem Zeitpunkt erfolgte Beitritt des 
Prin:&en Talmont zur Sache der Vendeer jenem Projekte noch 

*) Madame Laroebe L 146—160. — Gnerres des Tead^ens u. i. w. 

L 251-266, 269. 

**) Kleiiifi OxUchaftea xa beiden Seiten des Boulogne FläÜBcheiM 



gegm die ente framfiiisdie BepvUik 1798 Ut 179& 



169 



mehr Festigkeit, da er ansehnliche Güter jenseits der Loire beeafi, 
und man ttch der Hoffnung hingab, die dortige Bevölkenuig yermSge 
aaner mit in den Bereich der Insurrektion ziehen zu konneu. 

Das Objekt, auf welches man zielte, war allerdings von grolsem 
Wert. Wenn die Vend^er Nantes,*) diese wichtigste Handelsstadt 
f](\s westlichen Frankreichs, gewannen, so gehörte ihnen die Loire- 
iiiiindung, ein ungeheures Kriegsmaterial fiel in ihre Ilände und die 
Bretagne liefs sich dann leicht erobern; der Kriegsschauplatz südlich 
der Ivoire wäre in diesem Fall von Norden her den Republikanern 
kaum mehr zugänglich gewesen. Das Projekt war also an sich 
gut; es kam nur darauf an, wie es verwirklieht wurde. Die Mit- 
wirkung Charette's, mit dem man \n Vera))redang tn\t, war wohl 
schilt /,l>ar, aber er konnte vou Süden her jener Hauptstadt, wenn 
die Brücken über den Strom abgebrochen, kaum boikommen. Die 
in der Verteidigung ihres Heimatbodens so heldenmütigen Bauern 
von Anjou gingen nur widerwillig an eine auswärtige Expedition, 
und da Ijaroche in Saumur bleiben niufste, iiuuchauips und Lescure 
wegen Verwundung und aus andtjreii Gründen von dem Unternehmen 
gegen Nantes zia ückblieben , so entzog sich auch diLs mit diesen 
Führern unmittelbar zusammenhängende Landvolk jenem ersteren. 
Das for diese Operation bestimmte Vendeeheer war aKso nicht so 
stark, als es die Wichtigkeit derselben erforderte. . Dem gegenüber 
war Nantea mit 12,000 Mann nnd zahlreichem Gkeolillia besetst, ao 
wie auch mit VerMhanzungen umgeben ; das Alles bitte erwogen 
nnd der Ybrmarsch gegen Nanteo ent begonnen werden sollen, 
wenn man von den Anstrengungen vor Sanmnr ganz erbolt war 
und über die ganse Streitkraft and die tifantUeben FObrer verfögen 
konnte. 

Das wurde indessen niebt abgewartet, und die Vendto des 
Ostens rttekten unter Gath^eau, Elb^ nnd Tahnont am reehten 
Loircnfer gegen Nantes tot, wftbrend rick Gbarette, von ans, 
nordwirts in Bewegung setste. Entere saben aick suerst dureb eine 
starke Verteidignngdinie des Gegners am Flusse Erdre**) gekemmt, 
und erst als diese bewältigt war, konnte am 29. Juni Motgtm 
Nantes seibat, auf den Stralsen yon Yannea, Bennea und Paris, 
angegtififen werden. Dieser Angriff fand sebr keldenmStig statt, aber 
auch der Widerstand war kraft^ und man brachte grofse Opfer. 
Im Osten nnd in der Mitte stockte das Gefecht, nur auf der Stiabe 

*) Damals etwa 70,000 mmrohner, nur die Toistadt Bt Bohmssv am SnkOD, 
die gsnie ftbrige Stsdt am xeohten Iioiniifer. 

**) Hiebt der tmteren Loire von Norden her n «ad mftadet in Kaatsi. 



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170 



Die Kri^ Tmd^ 



von Vannes eretürrate Cathelincau stflbst den Eingunj^ der Stadt ; er 
würde dem Sie^e Balm t^obrochen haben, wenn ihn nicht sein 
Vorliängnis hier erreicht iiätte. Er tiel, gerade im entscheidenden 
Moment, durch eine Fliuteukupel, und hiermit trieb auch die Sturra- 
tlnt der bestürzten Angreifer sop^leich wieder rückwärts. Charette 
hatte, da er die Brücken zerstört fand, die Loire nicht ül)ersclireiteu 
können, und seine Kanonade fruciitete nichts. Das ganze l'nter- 
nehmen gegen Nantes war, teils durch die Rechenfehler der Vendeer, 
teils durch die Vorsehung selbst vereitelt worden. Dieser Mifserfolg 
wog sehr schwer; vielleicht hätte ohne den verhängnisvollen Scluifs, 
welcher Cathelineau niederstreckte, sich das ganze uachherige 
Schicksal des Vendeevolkes anders gestaltet. 

Charette kehrte nach Lege zurück. Die Armee von Anjou 
mufste aus besonderer Ursache bei Aucenis*) auf das linke Loire- 
ufer übergehen. Saumur war nämlich zwischeuzeitig verloren ge- 
gangen, weil Laroche seine Banern nicht hatte von einem Heimat»' 
ausflugc zurückhalten können; da während deBfelben der Feind 
machtvoll herandrängte, so hatte anoh jener tapfere Führer, dem 
es an Yerteidigangsmitteln fehlte, die Stadt preisgehen müssen. 
Menon hielt jetasi Sanmnr mit 20,000 Mann; Oanclanx besetzte am 
7. Jnli von Nantes ans Aneenis nnd trat mit Sanmnr in Ver- 
bindung. Die Kriegslage war hald in der Östlichen Yendte wieder 
dieselbe, wie vor der Eroberung Sanmnr*s dnreh die Vend^; es ist 
erstannlich, vrie viel nnufttses Blut die letsteren vergossen nnd wie 
nachhaltig sie ihre Sache gesch&digt haben, blos weil sie von ihren 
flblen Gewohnheiten nicht ablielsen. 

Im Sfiden nnd Sfidosten des Kriegsschanplatses erlitten die 
Vend^er aanachst aneh dnige Verlnste. Dem r^nbUkanisehen General 
Sandoz, der in Ln9on befehUgte, nnterUig Royrand am 28. Jnni 
bei Chantonn ay, nnd schon vorher erschien der Sstliehen Vend^ 
in General Wester mann*^ ein Bedriinger, welch« es an Umsicht 
nnd Pflichttreue, aber auch an Backrichtslosigkeit den meisten re- 
publikanischen Truppenführern dieses Feldzuges vorausthat. Er 
nahm am 24. Juni Parthensy,***) am 1. Juli Amaillonf) nnd 
liels sowohl diesen Ort als das nicht fem davon liegende Schlofs 
Glisson, welches Lesoure gehörte, in Flammen aufgehen. Am 3. Juli 

*) Am rechten Loirenfor, 4 M. östlich von Nantes. 

**) Westsrmann, früher DumoQriei's Adjutaut, erschien am 16. Jani in 
St Usizsnt «nd erhielt den Belbbl Uber die Avantgarde d«r Diviaimi von Niori 
***) Am rechten Ufer des oberen Thooet. 
t) S IL DoidoordwMtlich von Fartheosy. 



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gegen die erste fraosöeische Bepablik 1793 bis 1796. 17 X 

ä^gte Wesiermann bei Chatilloo fibev Lescur« und Laroche, weil 
dieaen hier nur eine alhraUeine Streltmachi zu Gebote stand, und 
rief dann, um diesen Hauptpunkt festhalten zu können, nach Ver- 
stirknngen. Ehe er aber letztere erhielt, kehrte die Flut der wieder 
in ihrer Heimat gewesenen Bauern zarfick und Überfiel am 5. Juli 
das Westermannsche Corps so stfirmisch, dab es eine Töllige Nieder- 
lage erlitt. Wesfcermann, der diesm Verlust nur teils dem Ausbleiben 
der Ton ihm geforderten Yerstirkung, teils der Indisziplin und 
Feigheit der sein Corpe b^leitenden Nationalfreiwilligm zuschrieb,*) 
wurde, wie gebrEuohlich, ?or den Eonyent gestellt, und man legte 
ihm in sehr kennzeichnender Wdse hauptsachlich seine Beschuldigung 
der Freiwilligen, welche eine Lieblosigkeit gegen die Nation sei, zur 
Last; im Übrigen schwankten w^en seiner die Meinungen, bis er, 
▼or ein Kriegsgericht gestellt, von diesem freigesprochen wurde 
und dann, zum unberechenbaren Nachteil der Vend^, im September 
wieder auf dem Kriegsschauplätze erschien. 

Dafs die Truppen der Republik ihren Krieg mit Brand und 
Verwüstung führten, geschah nach Voiscbrift des Konvents; daüs 
dieser die gefangen gewesenen Republikaner, welche auf den Eid 
der Urfehde hin entlassen worden, bei Androbuu«; der Todesstrafe 
doch wieder in den Vendeekrieg trieb,*) würde ihm znr Anklage 
gereichen, wenn diese dermalen am Staatsruder Frankreichs befindlichen 
Verbrecher sich nicht schon äberhaupt unter jeder Kritik befanden 
hätten. 

Aufser der Niederlage von Chatillou störte noch ein anderes 
£reignis die Vereinbarungen, welche Biron und Canclaux zur Ver- 
wertung» dcj^ Erfolges von Nantes jetzt tretten wollten. Zu Paris 
waren mit Ende Mai nnd Anfang Juni die Vertreter der Gironde 
von den Terroristen gestür/t worden; die Schrcckensherr:!>chaft trat 
in ihre Blüte und es erlioU sieh da und dort eine Parteinahme für 
die überwundenen gel^iif^^igten Konventsmitglieder. Auch die Civil- 
behörden von Nantes erklärten sich gegen das Jakubinertnm; da 
aber Canelanx und das Heer an letzterem festhielten, so wurde 
Nantes jetzt zwischen zwei Feinde gestellt und mufste sich am 
14. Juli wieder unterwerfen, nachdem aber dieser Zwi,s( hcnlail 
doch schon die scliwe'ueuden Beratungen und ueaou Operationen 
verzögert hatte. 

Erst am 12. Juli rückte so ein 14,000 Mann starkes Corps 

*) In seiner Schrift: „Fcldzu^ des QeneiaU Westeimanu in der 
Vendee** tou ihm selbst gcHchricbeu. 
**} Laut Beeret vom 21. Juni 1793. 



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172 



Die Kmg« der Tändle 



Republikaner unter General Baroliere von PonU de C6 nach 
Flinne.*) Es »xc^ric dort am 15. Juli über Bonchamps und ging 
dann nach Vihiers vor; hier aber erlag es am IS. dem Ilauptheere 
iler östlichen Yeiidee und konnie erst hinter dem Thoaet wieder 
gesjiuiiuelt werden. 

Wenn die Vendeer diesen neuen Sieg schnei! benutzt, vielleicht 
über den Thouet hinaus ihre Gegner verfolgt oder einen neuen 
Angriff auf Nant»»s gemacht hätten, so würden sie damit die vor- 
herigen Fehlgrifto wieder gut gemacht haben; aber das lag nicht 
in ihrer Natur, und sie strömten vielmehr, wiederum eine Kriegs- 
pause verschuldend, zu ihren Erntearbeiten. Die Führer versammelten 
sicli unterdessen, um einen neuen Ober-Feldherrn zu wählen, 
in riiatillon. Bonchamps lag an einer bei Flinne erhaltenen Wunde 
ilurnieder, Leseure war krank, Charette hielt sich, wie es seine Art 
war, von sulclieu Beratunj^nu fem; so wurde, da Laroche-Jacqueleiu 
noch y.u jung crticliien, Elbee gewählt, der trotz seiner Vorzüge 
doch eitel, bisweilen kleinlich und kein eigentlicher Feldherr ge- 
wesen sein soll.**) 

Elb^ und Laroche begaben sich, als sie nnr wieder über 
genügend^ Streitkr&fte TerfQgten, nach Argenton; vielleicht würden 
sie TOD dort über den Thonet hmans VorstöDse gemaeht haben, wenn 
Ihre Anfmerlnamkeit nieht m dieser Zsii nach dem Süden gekuki 
wovden wSre. 

Der repnblikanisohe Oeneral Tnnq, welcher nach Sandos in 
Ln^on befehügto, war am 25. Jnli bis Chanionuay vorgerückt, und 
da ihm Royrand dort nicht Stand halten konnte, so eilten Elb^ 
Lesoore und Talmont sa sdnem Beistände herbei. Tttnq ging za- 
nachst vor ihnen snrüek, nnd erst in der Ebene Ton Ln^on kam 
es am 30. Jnli an einem Treffen, welches fttr ^ Rojalistsn nngfinstig 
ansfieL Sie konnten indessen geordnet sarückgehen nnd rüsteten 
sioh an nener CNfonsive; wihrend dies geschah, traten ▼eischiedene 
kriegspolitische Zwiscbe&handlnngen, die immerhin bedentsam waten, 
herein. 

Biron wurde seines Ober-Kommandos entsetst, nnd in seine 

Stelle trat der General Rossignol, welcher im Übelsten Rufe stand« 
Seine Erhebung charakterisierte das Jakobinertum , und alle repu- 
blikanischen Truppenführer dieses Bereiches fühlten s2eh dnroh sie 
verletzt; Philippeanx, der allerdings ein Girondist war, sagt von 
Rossignol: >da(s er, von einer Rotte von Etatsmajors, Kiopf- 

•) Fliooe, SVt M. sOdhch f«B PM de. 06. 
**) Hsdame Laroche cit» 188— IQB. 



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ge^en die erste franzteiache BepubUk 17d8 bis 179& 



173 



fechten! uud Weibern gefolgt, die Truppen nurznrZügel- 
losigkeit und Räuberei geleitet habe u. s. w.« Da er di^e 
Trappen vorerst nur zur DefennTe anwies, so blieb den Royalisten 
dn genügender Spülnnm; ihre Auftnerkaamkcit wurde aber zu dieser 
Zeit auch noch naob «ner andefm Biehtung hin beioh&ftigt, denn 
ein englisoher Emissär,'^) welebesr sieh von St Mslo bis hierher 
dorehgefimdea, kam sn den auf einem Schloese bei Chatillon ver- 
aammelten Yend^eldberrn, nm sie Aber den Zweck und die Ane- 
debnnng ihrer Insnrrektion in befragen; wie merkwardig, dab man 
' das jeftai, wo dieser BQigerkrieg sehen 5 Monate lief, ^ England 
und bei den Emigranten noeh nicht wnlste. Die englische Begiemng 
bot den Yend^em Hlllfe an und erbat sich in Betreff der Art, wie 
ihnßn an helfen eei, ihre YorMshlSge. Die Yend^eföhrer erklirfcen 
hietnnf, dafe sie fSr ihre Religion nnd das hiBtorisehe Königtam 
FrankreiehB in den Waffsn stehend, kriegerisch so nnd so sitoiert 
wiren nnd ihnoi dnrdi die Landung eines Emigranten-Corps, etwa 
sn Paimboeaf oder St Gilles in bester Weise geholfen weiden 
könnte, woranf sie dann ihre Operation anch anf das rechte Loire- 
nfer ansdehnen nnd die Bretagne mit in selbige hineinziehen 
würden. 

Das stand indessen noch im weiten F^e, nnd fOr jetit schritten 
die Yend^ zu einem neuen Unternehmen gegen Lu9on. Bei 
selbigem beteiligten sich anch Royrand und Charette; man war 
35,000 Mann stark nnd würde gewifs etiektuiert haben, wenn nicht 
eine Ton Lescnre ansgedachtc künstliche Schlachtordnung dies yer^ 
eitelt hatte. Er wollte mit ^helons vom linken Flügel her 
angreifen; das hatte ja dem groilsen Könige von Preufsen da und 
dort glansende Siege tarschafft, aber — welch' ein Unterschied 
zwischen jenen Mnstertmppen nnd diesem relativ ungeregelten Bauem- 
heere! — Das Vendeeheer war auf kein Manövrieren, sondern auf 
die Verteidigung des Terrains und den Sturmanlauf der ganzen 
Masse eingerichtet, ein Herausgehen aus 5?oiner Methode muTste sich 
rächeu. Als man am 14. August das Truppen-Corps Tunq's vor 
Ln^on in dieser Weise angriff, hatte zwar das erste Echelon, welches 
Charette führte, Erfolg, aber die anderen rückten zu nahe auf und 
wurden dadurch, noch ehe sie in Thätigkeit kamen, geschädigt. Als 
eine dieser Staffeln sich durcli ein falsches Gerücht zu Entsendungen 
verleiten liefe, benutzte dies Tunq, die Schlachtordnung der Vendeer 
zu verwirren. Sie wurden in Folge dessen zersprengt uud vom 



*} Chevalier Tincteniac, bretaguiwher Emigrant 



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m 



Dio KTi^K6 der Vioudfe 



Platze getrieben, verloren 5000 Mann*) und würden vielleicht yer- 
Dichtet worden sein, wenn nicht Laroche den Rückzug des Veud^e- 
heeres über das FlüDscben Smagne**) Überaua heldenmütig gedeokt 
hätte. 

TuiK], w(>lcher so auf demselben Terrain zwei Siecjo erfochten, 
war un/weit'elhat't ein tüchtiger Truppenführer und hielt .sein Corps 
in Ordnung; gerade das aber machte ihn dem jetzigen Oh( rft Ulherrn 
mifeliebig und er wurde am Abende vor der zweiten Schlacht von 
Luf;on soim's Kommandos entsetzt. Dennoch blieb er, von den bei 
ihm befindüchen Konventsdeputierten in Schutz genommen, zunächst 
auf seinem Posten und schlug diese Schlacht; Rossignol aber ging 
nach Paris nnd setzte es durch, dafs Tuinj sciiuT Stellung enthoben 
wurde, er selbst aber am Ruder l)lielj. Dies geschah gerade zu der 
Zeit, wo Tuii([ schon bis Chantonnay vorgerückt' und den Vendeerii 
sehr bedrohlich geworden war. Sein NmliiMlger Lecomte besaCa 
nicht genug Energie und Kriegsgeschicklichkeit, die errungenen Vor- 
teile weiter zu verfolgen, Rossignol selbst konnte die Sache der 
Republik nur schädigeu, und der Konvent hatte also durch seine 
MaisDahmen nur sich selbst neue Schwierigkeiten bereitet.***) 

Die ganze angedeateAe Zwucheiduuidtiing bewirkte eine ansehn- 
liche Stockung in der Operation der Konventstruppen, und die 
Vendto bekamen dadnreh Spielranm mdi m erholen. Dune 
verschiedenen Abteilangen acblossen sich wieder znaammen und am 
5. September griffen aie das repnblikaniBche Corps nnter Lecomte 
bei Ohantonnay an und schlugen es fast bis nur yemichtnng. 

Nach diesem Sehlde war Ln^on preisgegeben, es mnbte abor 
gleichwohl anf seine W^ahme fSr jetat Tendehtet werden, 'weil 
▼Ott dem Stnrmwetter, das jetzt im Norden and Osten der Yend^ 
heranfaog, die ganae Streitmacht dorthin gemfen wurde. 

Die anlserordentlichen Malsregeln nämlich, zu denen der Yend^ 
gegennber die Ptoiser Schreckensregiemng grifft begannen an dieser 
Zeit wirksam za werden. Das grolse Frankreich hatte die klem« 
Yend^ bisher nicht zn bezwingen vermocht, teils weil das Yolk 
der ersteren so ttberaus begeistert nnd heldenmflt^ stritt, teils nnd 
noch mehr, weil der Konvent aus innerster Natnr heraus den Yoll- 
streckem seiner Befehle nur Schlimmes einimpfte* Wenn man die 
wackeren Führer forttrieb und die zachtlosen schUtzte, vrann gute 

*) Aach Vandry d'Asson, der zuerst die Fahne des Aufetaudes erhoben hatte, 
fiel hier. 

**) Khdiier linker Nebenflafli d« Laj. 
***) Guerres des Vend^ens cÜ U 5i— 60. 



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gegen die erste französische Repablik 1793 bis 1796. 



175 



HeerfShrang, Dissiplm and PlBoai&lngkeit, da wo me neh doch 
se^teii> TOD deo bei den Tnipp«i befindlichen Konrentsdepntierten 
entickt wnxden, wo eollte da der Sieg herkommen? Der Sisyphaa- 
föben rollte, wenn er ein Btfidc empoigewälst war, immer wieder 
herab; einen SBeg durch normale Mittel erschwang man nicht, da 
sollte das den Terroristen geläufige Vemichtangssystem aushelfen. 

Die Oamison von Uainz wurde durch Extrapost in die Vend^ 
geschafft nnd traf schon g^gen Ende August mit 16,000 Mann gut 
disnplimerter Truppen bei Angers du; alle Corps ringsum sandten 
7erstSrknngen u. s. w^ und man TerfBgte danach, der Yend^ gegen- 
fifaer, mit Anfang September schon über 70,000 Mann regnlSrer 
Truppen. Hinter diesen aber stand an Milizen und National- 
fireiwil%en, Beatelustigeu und Abentemmrn aller Art eine noch viel 
gröfsere Streitmacht. Mit dieser grolsen Masse sollte das Veudde- 
Tolk erdrückt werden; die Prinsipien des jetzt zu beginnenden Ver- 
tilgnngskrieges waren schon in einem am 31. Juli erln.ssenen 
Konventsdekrete ausgedrückt worden. »Sämmtliche Männer des 
InsuxrektioDsgebietes sollen über die Klinge springen, die Greise, 
Weiber und Kinder ins Innere der Bepublik abgeführt werden. 
Alle Wohnungen in der Vendee werden zerstört, alle Wälder und 
Hecken niedergehauen, die Saaten werden vertilgt, das Buschwerk 
und Haidekrant übergicbt man den Flammen; das Land soll bis auf 
den nakten Erdklofs verwüstet werdt^n.c*) 

Dieses Programm schon allein würde jenen Konvent vcrurtoilon. 
Hatten Geyserich und Attila ehedem arg 'jffhaust, so geschah es 
im Rausche der Kampfgier, aber nicht nach einem vorher fest- 
gestellten Programm; — dem goj^enwärtigen Vorluihen des Konvents 
kann nnr dasjenige der Mongolen von 1241 zur Seite gestellt werden. 
Diese wollten Schlesien zu einer grofsen Wiese für ihre Pferde ein- 
richten, — das war immer noch etwas be^sser als das jetzige Projekt 
in Betreö' der Vendee. Glücklicher Weise sind die Vertiignngs- 
absichten von 1793 eben so wenig wie diejenigen von 1211 zur 
vollen Durchführung gekommen, und recht besehen stellt sich heraus, 
(lafs dergleichen auch durch Menschenhände allein gar nicht voll 
ausgeführt werden kann. (i?'orük;tzuug folgt.) 



*) Moaitevr, 914—940^ 1064. — Beaaehsmp, L 974-276. 814, 816. 



176 



XL 

Sie Anfoiderungen an unsere Kasernen. 

CScUah.) 

Neben der allerdiiif^s einfachston und znpleich mächtigsten Ven- 
tilation mittelst der Fenster, von deren Benutzung' auch durchaus 
nicht Abstand zu nehmen ist, wo irgend die (inlegenheit dazu sich 
bietet, mufs für eine ununterbrochene AutlVischung der Inneuluft 
durch die entsprechende Zahl beständig wirkender Ventilatoren 
gesorgt werden. Nachstehend werden die gebriiuchlichsteu derselben 
erwähnt, wobei vorausgeschickt wird, dafs, obwohl, um den vollen 
Ersatz der vorhandenen Luft zu erhalten, erfahrungsmäfsig 12 OZoll 
£inlaf8ö£fuuug für den Mann sn Terlangen sind, dennoch in der 
Regel, in Anbetnoht seitwdaen AbweMnbiü tJkr od«r eamefaier 
Leute' und samal in kälteren Gegenden, das Hab von 6 — 8 DZoU 
auf den Mann dem wirklichen Bedtlrfiiis genügen wird* 

Am bekannteeteo und gebrftnohliclisten sind die an den Fenstern 
eelbet befindlichen Yorriehtungen, Zagklappen, Windrosetten 
und deigL Von allen sind fnr unsere Zwecke indessen nur die 
ersterai Tcrwendbar, vorausgesetst überdies, daCs sie eine Bewegung 
nm ihre honiontale Aze gestatten, nm die durch sie eintretende 
Lnft mYOrderst gfgen die Zimmerdecke slagen nnd sie ent von 
hier ans, also in einem bereits temperierten Zustande nnd mithin 
ohne alle Fihrliehkeit und selbst ohne Milsbehagen, in die Athmnng»- 
organe der Bewohner gelangen sn lassen. Dagegen lilst sieh der 
Gebraneh jon. Windrosetten, sowie der yon ThSrUappen nicht 
empfehlen. Das Fonktioniersn der enteren nnterliegt sn vieliaehen 
8t5ningen, nnd die letzteren haben, wo wirUidi sie znr Anwendung 
gelangt sind, stets die wesentlichen Nachteile, einmal, dab die 
eingeführte Korridorlaft durchaus nicht mehr als rein su betrachten 
ist, und ferner, daf» dieser Luftstrom, gleichviel ob die Klappen in 
dem oberen Teile der Thüre oder nahe dem Fulsboden sich befinden, 
stets mehr oder weniger den unmittelbaren AthmungiBbereich der 
Zimmer-Bewohner trifft. Wenn gleichwohl bei Kasernen der alten 



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Die Aaforderungen an ansere Kasernen. X77 

Systeme ihre Aiiwendmi^ uiclit za veniu id-u sein wird, iiin in Er- 
uiaugelung anderweitiger Veiitihition wenig>li iis in Etwa;? Abhülfe 
zu schaß'en, so b"agen doch alle jeuc Eiurichtuugen den Charakter 
der Uli Vollkommenheit an sich; nicht einmal für eine Bele^uugs- 
starke von 8 — 10 Mann würden sie hinreichen, yiel weniger für 
eine gröbere. Büt Sieherheit knmi auf eine genügende Zufuhr 
frudier Lufb nur bei der Anlage beionderer V«ntilationg*Kan&le 
gerechnet werden, welche in Zahl and Grdbe den Bedarf der einzelnen 
SQmmer gewShrleieten. 

Warden nun aber zu enge Kanäle die beabsichtigte Starke des 
Luftzuges nicht gestatten, so ist andererseits, um die Bewohner nicht 
einer beständigen Znglnft AnsnitietBen, die Grdlse dieser Öflbungen 
auch wieder zu beechrilnken. In den neueren englischen Kasernen 
schwankt der betreifende Fl&cfaenraam (der Einlafsrohren) zwischen 
2580 — 3230 Quadratmillimet^r, ein Mals, welches aach uns durchaus 
zweckmiUsig .erschaut. Immer aber ist dasfelbe, obgleich es kaum 
grölSwr SU wählen wäre, noch zu klein, um, wie dies bei dem öffiien 
der Thören oder der Fenster der Fall ist, gleichzeitig dem Ein- 
8tr5men der kälteren uad dem Auslassen der verbrauchten warmen 
Luft dienen zu können. Wie f9r jene besondere Einlafs>, so sind 
fttr diese l^esondere Aaslafsöffnangen erforderlich, welche beide 
eist, in gegenseitiger Wechselwirkung stehend, einen ununterbrochen 
wirksamen Regulator f&T die Ziumiertemperatur abgeben. Die 
Lage beider ergiebt sich je nach ihren Funktionen: Die Einlafs- 
kanlle sollen den gesamten Zimmerraum mit frischer Luft versorgen, 
m rissen also verhältnismälsig tief — ' niemals aber tit fcr als 1' ^ bis 
2 FuÜB Aber Mannahöhe — zu liegen kommen; die A uslafskanäle 
sollen die erwärmte, also die oberen Schichten bildende Luft ent- 
fernen, werden zweckmäCsig daher wo möglich au der Decke sich 
befinden; die ersteren sollen durchaus jede Zugluft vermeiden, 
müssen deshalb in mehreren kleineren Kanälen an den betreifeiiden 
Wänden möglichst gleichmafsig verteilt werden, — in den letzteren 
soll die ausströmende schlechte Luft den ^Viderstand der eintrotendpu 
änf=!eren überwinden, sie werden daher aus einzelnen grüfseren, nach 
aulseu sich konisch verengenden Öffnungen zu bestehen haben. 
Während es sich anfserdem empfiehlt, bei den A uslafsröhreii die 
äufsereu Flächen mit Vorkeliruugeu gegen das HereindringL'ii von 
Regen und Schnee zu versehen, — wird es bei den Einlafskaniilen 
geboten erscheinen, durch ein feines, an ihrer inn«'n"n Müiulung 
befestigtes Drahtgitter die Stärke des Lnftstrouies zu brechen. Auch 
werden mit Vorteil, wenn sonst angänglich, die Eiulafsöffunngen 

JakrMchw füz dio Vnttch» Anoo« aad Marine. Bd. XLVIU., ». '||} 



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178 



Die AnfoFdenmgen an nuara Kaiernen. 



in Verbiüduiifj mit R")lireu za bringen sein, welche die eiiitreU-iule 
Luft, indem sie ditsfllM' um den Ofen herumführen, bereits in er- 
würnitem Zustande ausströmen. — Und um schliefslicli die Mt'W- 
lichkeit einer Reirulierung der Veutihitiou zu gewähren — wie 
denn überhaupt eine beständige Kontrolle der Licht-, Luft- und 
Temperatur - Verhiiltuisse der Zimmer durchaus notwendig ist — 
wären Eiuiafs- wie Auslalskauäle mit einer, um ihre horizontale 
Axe drehbaren Klappe zu versehen, welche mittelst eines besonderen 
— nur dem Korporalschaftsfübrer zugäugUchen Mecbanismius fest- 
gestellt werden kann. 

Ein Ventilator von nicht geringer Bedeutung üst ferner der 
Ofen, sofern er vermöge seiner Rauchzüge die Funktionen eines 
allerdings am Fufsboden statt an (b r Decke gelegenen Auslafskanals 
versieht, und während des ileizeus seine Wirkung durch die 
Extraktionskraft des Verbrennungsprozesses noch um ein Weiter»« 
vermehrt wird. So bekannt aber auch das Öffnen der Ofenthür als 
ein Mittel sein mag, Dunst und besonders Tabaksqualm aus dem 
Zimmer zu entfernen, so wenig wird in Wirklichkeit in nnserea 
Kasemenstuben davon Gebrauch gemacht, weil Jedermann furchtet, 
zugleich aach die Wime heniuiieheii lu lassen, die, bei dem 
lationeweise zngemesBenen Quantum an Feaernngsmaterial, dann 
nicht mehr zu ersetzen wSre — ein neuer Beweis, wie sehr eine 
immerwährende sorgliche, für das Wohl der liente bedachte Beanf* 
sichtiguug denielben notwendig ist. — Als Ergänzung der eigent- 
lichen Yentilationa-Einrichtungen konnten wir schlielsUoh noch die 
etwa an den BaachzQgen des Ofens anzubringenden, in ähnlicher 
(nur schwächerer) Weise wie diese selbst wirkenden Abzugs- 
klappen, auch wohl die durch Gasflammen n. St w. in Veiv 
bindung mit Abzugskanälen zu bewirkende aspirierende Yentibktion 
^wähnen und sie zu gelegentlicher Anwendong empfehlen. Dahin- * 
gegen sollte man auf künstliche Yentilations -Einrichtungen, wie 
solche z. B. in dem im Ileke^sehen System mit schien grofren 
Flfigel-Ventilatoren ond in vielen ähnlichen bestehen, — gleiehviel 
ob mechanische Kraft oder die eigene Bewegung der Luft den 
Motor ihrer, teils ebenfalls auf dem PHnzip der Aspiration, teils 
auf dem der Propnlsion beruhenden Wirkung abgeben — schon 
wegen der Kompliziertheit ihrer Konstruktion und tot Allem ans 
pekuniären BSckuchten für Kasemements -Zwecke Terzichten, so 
wenig ihre Yorzflge sonst z. B. fOr Bänmlichkeiten zn Terkennen 
sind, in welche, wie in Theater und FesÜäle n. s. w. in Terhältni»- 



Die Anfoideniiig«!! «i vniefa Kaaernaii. 179 

mäfsig kuraer Zeit eine möglichst groCse Menge frischer Laft hinein 

getrieben werden soll. — 

Mit deiiiselbeu Recht, wie durch die Ventilationen den Ven- 
unreinigungen der Ziinniorhift durch den Atmunjcrsprozofs des Menschen 
vorzubeugen gesucht wird, mit gleichetn Recht müssen dann aber 
auch Mafsregeln getroften werden, welche die Reinheit der Luft 
den tilgHclien mechanischen Vorriehtimgen des Lebens gegenüber 
sichern. Was auf diesem Gebiete Diszi]>hu, Belehrung und Erziehung 
des Soldaten und dessen beständige lliuweisung auf das gesundheits- 
gefiUirliche dieser oder jener Handlung zu leisten vermö^rpu, ist an 
sich nur gering; es reicht wohl zu einiger Beschränkung, nie 
aber zur Beseitigung der Mifsstände hin. Nur durcli die Zweck- 
mäfsigkeit der Einrichtungen kann die Reinheit der Luft 
erhalten werden — nur also, indem man die Ursachen zu ihrer 
Verunreinigung überhaupt aus den Wolinräumen heraus in besondere 
lüiuujlithkeiten verweist. Als die gefährlichsten Quellen der 
Luftverunreinigung sind einerseits die gleichzeitige Benutzung der- 
selben Räume als Wohn- und rfchlafzinimer, und andererseits 
die Verrichtungen des Wuschens und Putzens innerhalb der 
eigentlichen \\ ohnrilume anzusehen, und demgemäfs mufs bei Neu- 
bauten die Anlage besonderer Schlaf-, Wasch- und womöglich 
auch Put/.riUinie als ein unbedingtes Erfordernis betrachtet werden. 
Es ist bereits gezeigt, wie stark sich, obwohl der Gesundheitszustand 
unserer Armee der beste ist, in derscUxMi immer noch der Prozent- 
satz der Lungenkranken stellt. Dafs diese Erkrankungen zum bei 
weitem gröfeten Teile den dauernden Einflüssen einer ungesunden 
Wobnang und nur in geringerer Zahl äufseren Veranlassungen zu- 
snschreiben sind, darüber kann heutzutage auch bei dem grofeeren 
Pobliknm ein Zweifel kaam noch bestehen. In erster Linie mOssen 
wir die Trennung Ton Wohn- nnd Sehlafsimmem befürworten. 
Daüi dadnidi dai Doppelte an Banm erfordolich wird, ist allerdings 
nicht SQ bertreiten. Nichtsdestoweniger wird man auf die Dan er 
sich dieser Forderang kanm TerschUefem können. Keineswegs kann 
zugegeben werden, dals sie dem Soldaten, der doch an Einfachheit 
gewöhnt werden soll, einen ungerechtfertigte Loxns mschaffe. 
Es ist etwas Anderes, ob ein Eintebier in sein^, in der Regel 
doch weit mehr als jene 549 Enbikfnls fassenden Wohnzimmw 
scblaft — obsehon dies, besonders h&. Bauchem, in keinem EsUe 
empfehlenswert ist — oder ob 8—10 mit reichlicher Ansdünstung 
behaftete Soldaten in demselben, stets ja nnr sehr beschrankten 
Ranme, in welchem sie in der entsprechenden Temperator, bei ihren 



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IgO Die Anforderungen an unsere Kasernen. 

Pfeifen und GigMien den Abend sngelnacht haben, dann nocb ihre 
Scblafstätte anfecblagen sollen. Eine reine Lnft aber iet für die 
Sehlafriome Tielleicbt ein noch dringenderes Erfordernis als fOr die 
Wobnununer; thatsicbliGb tritt wShrend des Schlafes ein grGlseter 
Yerbraueb an Sauerstoff ein und sind gleichzeitig die Ezhalationen 
des menschlichen Körpers stibrkere, als un wachen Znstande; nnd 
w&hrend in den Wohniimmem nnr selten nnd stets nnr anf ver- 
hSItnismafeig könsere Zeit die ganze Mannschaft anwesend ist, haboi 
die SchlafrSume ffir die gesamte Daner der 6— Sstnndigen Bnheseit 
allen Lenten znm Anfenthalt zu dienen nnd kann in denselben, da 
ein Offnen der Thfiren nnd Fenster bei Nacht, selbst bei warmer 
Wittemng, als gesandheit^gefiUiriich verboten sein mülste, die Znfnhr 
frischer Luft nnr anf dem Wege der gewöhnlichen Tentüation 
erfolgen. Wenn erst die Erkenntnis eine allgemeinere geworden 
sein wird, dals, auch in den Privatquartieren, sn Sohlafirifttten nicht 
wie bisher die kleinsten und schlechteeten Binme, sondern ihrem 
Zweck entsprechend gro&e und geiftumige Zimmer zu wählen sind, 
dann werden — das dürfte zu hoffon sein — auch die peknniSien 
Bedenken gegen jene vorläufig vielleicht noch p h antastisdi seheinende 
Forderung schwinden. Abgesehen übrigens von dem Gesnndheits- 
schidlichen des Schlafens in geheizten Bäumen, kommt femer aber 
auch die umgekehrte Seite der Frage in Betracht, diejenige, die 
WohnsinuAer von den einer glelohzeitigeD Benutzung als Schlaf- 
zimmer anhafteDdea bekannten Übelständen zu entlasten. Auch 
hier fällt die Zahl der Stubenbewohner in gleicher Wdse ins Ge- 
wicht. Hat schon der Einzelne, wenu er des Morgens aus seinem 
Wohnzimmer in die noch nicht gelüftete Schlafstube zurück tritt, 
Gelegenheit, den Untorsclüed der beiderseitigen Luft -Verhältnisse zu 
bemerken, wie viel schlimmer ist nicht die Mannschaft eines stark 
belegten Kasemcnzimmers daran, die, da ein Lüften doch eigentlich 
erst nach Verlassen deeCelben erfolgen kann, in der mit den uächt* 
liehen Ausdünstungen geschwängerten Luft aushalten mufs, bis der 
Dienst sie ins Freie ruft. Dazu kommt, dafs diese Luft sofort in 
noch höheren Grade durch das Reinigen der Zimmer, das Bett- 
machen und das Putzen der Kleider verunreinigt wird. 

Zum mindesten mülste in den Kasernen bisheriger Konstruktion 
eine sorgfaltige Lüftung der Zimmer vor dem Schlafengehen angeordnet 
— dann aber auch berücksichtigt werden, um den häufigen Klagen der 
Leute über Kopf- und Brustbeschwerden beim Erwachen wenigstens nach 
Möglichkeit vorzubeugen. Erklärlich sind diese Klagen nur zu sehr, 
wenn mau au die in den Stuben des Abends, besonders im Winter, 



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Die Anfordenuigeu an muere KaBernen. 



181 



befindliche Luft denkt und erwägt, dafs in einer solchen die Louto 
haben die Nacht zubringen niüsspn. Bei Neubauten al)cr -wäre, die 
Bewilligung besonderer Schlafziramer vorausgesetzt, darauf Bedacht 
zn nehmen, dafs in diesen, entsprechend dem gröfseren Bedarf der- 
selben an frischer Luft, die Ventilations-Einrichtungeu noch um- 
fassender sein müfsten, als die für die Wohnzimmer; unter das 
Mafs von 12 DZoU für den Mann sollte hier nicht herabgegangen 
werden und selbst dann bliebe, um unaufhörlich die (dazu auf- 
gedeckten) Betten zu lüften, während das Tages ein beständiges 
Offenhalten der Fenster und besw. sneh der Thoren anraordnen. 

Den dnreh das Aimsn vnd die kSrperliehe Ansdllnstang herror- 
gemfenen, nnmittelbar dch föblbar machenden YerBcbleebtenragen 
der Zimmerlnft gesellen sieh diejenigen binzo, welche im Laufe der 
Zeit ans den Processen der Fencbtigkeii entstehen. Selbst- 
TerstSadlicb baim bier nur von anhaltender besw. oft sieb wieder- 
bolender FencbÜgkeit die Bede sein, da die Folgen einer einmaligen, 
pchnell wieder beseitigten Nässe, ebenso wie die tansend anderen 
zafalligen Vemnieiniguugcn der Luft ^ als gänzlich nnerheblich 
— sieh der Bespreehnng entzieben. Nnn sind aber die Wassel^ 
mengen in der Thai erstannlieh grolse, welche zn den yerscbiedensten 
Zwecken im Laufe des Tages in eine Easemenstahe getragen werden 
tind bier in ibxen Behältern der Verdunstung ausgesetst sind oder 
aber durch Yerscbfitten u. s. w. unmittelbar mit den Wänden und 
dem Ftilsboden in Berührung kommen. Ein zu reioher Prozentsatz 
an Wassergasen in der Luft mub, wo er dauernd ist, eine fihele 
Einwirkung auf den menschlichen Organismus ausfiben, und jene 
dauernd feuchten Stellen in der Nibe der Waschbecken u. s. w, 
werden mit der Zeit zur Entwickelung Ton Fäulnis aller Art, Stocken 
des Holzes, Scbimmel- und Pilzbildung u. dergl. Veranlassung geben. 
Ünmerklicb, aber unaufhaltsam werden diese zu jenen Erankheits- 
Ersoheinungen fObren, wie sie anfängUcb in der — für Kasematten* 
und SonteiTain-Bewohner cbarakteristischen, eigentümlich blassen 
und klinklieben Gesicbtsfarbe ihren Ausdruck finden und, seihst 
die stärksten Naturen unteigiabend, scblieMch zu den oben als 
i^motiscbe Krankheiten bezeichneten ^cheinnngen führen. 

Nnn aber sind für das Bedürfnis der täglichen Aeinigung von 
8 — 10 Mann, wenn anders dieselbe — wie es dringend wünschens- 
wert ist — sifdi auf den gesamten Oberkörper erstrecken soll, bereits 
derartige Wassermengen erforderlich, dafs gerade in der Handlung 
des Wasehens die hauptsächlichste Ursache jener Feuchtigkeits- 
Eischeinungen zu sehen ist Je gründlicher sich die Leute desfelben 



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182 



Die AnfordeniogcQ ao Diiüere Kaseriiea. 



befleifsigen, desto gröber wird die Masse des unTermeidlicb ver- 
soli&tteteii Watoers sein, welche Terdunstend sielt der Liifl beimengt 
und, da bei bölaemen Dielen ein Tollst&ndiges Austrocknen, wenn 
fiberbaupt, so doch stets erst in einiger Zeit wird möglich sein, in 
Wand- nnd Folsboden jene Zersetsni^proKesse berbeilKbrt, welehe 
die Lnft mit einer Snmme von Scbadlicbkeiten erfüllen. Selbst 
wenn diese Waschungen nnr einmal am Tage stattfänden, waren 
die Übelstande, die sie herrormfen, schon grofe genug; im Interesse 
der Reinlicbkeii sowohl, wie der Gesundheit sollten dieselben cum 
mindesten aber noch des Abonds wiederholt werden, wahrend in der 
Sommerzeit one nochmalige gründliche Reinigung nach beendigten 
Übungen geradezu unentbehrlich ist So, das gelegentliche Waschen 
der Hände n. s. w. und ferner die dem gebranchten Wasser ent- 
strömenden GerQche erst gar nicht su en^nen — häufen rieh nut 
den Ursachen auch die Wirkungen, nnd dürfte grolsenteils diesen 
ümstanden die nnsern Kasemenstnben eigentumliche feuchte und 
dumpfe, keineswegs also reine und gesunde Luft suxuscbreiben sein. 
Annähernd wfirde man eine solche erhalten, wenn man jene Quelle 
ihrer Verunreinigung absondern wollte. Es ist die Absonderung 
spesieller Waschriume fßr die Reinheit der Wohnximmer, unserer 
Ansicht nach, eine fast unerllifsHclio Mafsregd. Übr^ens sind hin- 
sichtlich des Kaumbedarfs die Mehrforderungeu hierfür nnr so 
geringe, dafe auch die pekuniären Rücksichten dabei kaum aur 
Sprache kommen. Nur hätte die Ausstattung dieser Waschräume 
8t<'fs von dem einen Oesichtspunkle zu erfolgen, dafs auch in ihnen 
dem Entstehen jeuer Fouchtigkeits- uud Fäulnis-Erscheinungen nach 
Möglichkeit vorgebeugt wird. Die Vorteile einer Wasserleituug für 
dieselben li^en auf der Hand; wir halten ps für selbstverständlich, 
dafs, wo eine solche an dem beireffenden Orte l>esteht, schon der 
Okonoraie-Gebaude wegeu die Kaserne in Verbindung mit derselben 
gebracht wird. Mindestens aber mfifsten Vorkehrungen getroffen 
werden, nm den Abflufs des verbrauchten Wassers auf mechanischem 
Wege zu bewirken und in allen Fällen ein Ansammeln desfelben zu 
verhüten; überhaupt mufs man, will man den Reinlichkeitssinn der 
Leute fordern, ihnen die Reinlichkeitsverrichtungeu erleichtern. Im 
Allgemeinon würdo. unter Asjihaltiorung des FufslKvlons, ei)ie ein- 
fache trogartige Vorricbtiiiig, weU hc mit jener Leitung in Vrrlnnduug 
.stände, zwar dini Bediht'iüs genügen, itninerhin aber wäre eine 
gewis.se bescheidono Huliuifliehkeit erwünscht, wie sie z. B. die 
englischen Einrichtungen mit besonderem Waschbecken und einem 
hölzernen Gitter zum Schutz der Füi^e gegen die Nässe gewähren. 



Die Anfordenuifen an nnsare Kaseniai. 



183 



Vorteilhaft Hefse sich das aljfliefsonflo Wasser zur f^pülung eines — 
jedoch nur für den nächtÜchea Gebrauch bestiiumteu — Pissoirs 
.verwenden. 

Von den hauptsächlichsten Ursachen der Fcuilitigkeits- 
bildung würden die Wohnzimmer durch die Anlage besonderer 
Waschräume nun allerdings befreit; noch aber bleiben auch die 
gelegentlich entstehenden, vorübergehenden derartigen Erschei- 
nungen in ihrem Einfiufs unschädlich zu machen. So miifsten, um 
das lästige und gerade in den Kasernenstnben mit so durchdringenden 
Gerüchen verbundene Scheuern mit allen seinen verderblichen Folgen 
entbehrlich zu machen, die übrigens sorgfältig zu fugenden und aus 
gutem, hartem Holze zu wählenden Dielen mit einem ölhaltigem 
Anstrich vei"sehen werden, wodurch gleiclr/.eitig dann die Not- 
wendigkeit des Ausft'gcns — ebenfalls eine der Ursachen zur Luft- 
verunreinigung — auf einige wenige Stellen (die Ecken und Winkel, 
und die Räume unter den Möbeln) zu beschränken und andererseits 
bei dem Aufwischen der Dielen ein Eindringen der Feuchtigkeit 
in dieselben bis auf ein Weniges zu verhindern wäre. Jedenfalls 
ist ein Anstrich von Öl, da dieses sich fest mit dem Holze ver- 
bindet, einem solchen von Firnis vorzuziehen ; den eisenbeschlagenen 
Stiefeln nnserer Leate kdnnte der letztere nicht lange widerstehen, 
und es liegt selbst eine gewisse Gefahr in seiner Anwendung, wenn 
die losgelösten in der Luft seliwebenden bleihaltigen Teilchen in die 
Atmnngswege traten. — In Shnlioher Weise wära fOr ein Instand- 
halten des Wandanetrichs zu sorgen. Vorteilhafter als der Leim, 
weleher baldiger Fftnlnis ausgesetxi ist« bleibt stets der kaustische 
Kalk, Hunal derselbe, nnd das ist Ton der allergrölsten Wichtigkeit, 
gleichseitig lerstOrend anf alle in dem Bfanerwerk etwa yorhandenen 
organisohen Massen wirkt Allerdings aber mülste, mn diesem 
letzteren Zwecke zn entsprechen — da jene desinfixierende Wirk- 
samkeit in Folge der EohleDS&nre-Entwickelnng des Atmungsprozesses 
naeh gewisser Zeit anfh&rt — zum mindesten eine jährliche Er- 
neaemng des Anstrichs stattfinden. Der r^lementarisch anf 3 Jahro 
Mgesetste Termin kann in keiner Weise genflgen — all^rlieh 
im BV&hjahr mofii gegen die in der Manerfläche vorhandenen Eier 
nnd die Brut der Insekten sa Felde gesogen werden. Ein bis snr 
Mannesbdlie reichender Öl-Anstrich in Amtlichen Bftnmen, vornftm- 
Uch aber in den Waschgelassen, wird der Erhaltnog des Kalk- 
bewnrlh nnd hauptsächlich auch der Reinlichkeit Vorschub leisten, 
ohne die Ventilation durch das Mauerwerk hindurch, welche in den 



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184 



Die Aj)forderaiige& an niwere KacorneB. 



obcifii Teileil »1er W.mil vollauf erlmltfu bleibt, we^ieutlich zu 
beeinträchtigen. — 

Als zweite wisentlichste Ursache der Luft-Vernnreinigung war 
die S t a u h l>il(l un g bezeichnet worden. Dieselbe wird für die 
Kaserneiistuben in '^'l»Mcheni und zeitweise selbst nrxh in höherem 
iMafse aisi die Feiuhtigkeits-Erscheinungen in Betracht konimen. Mau 
möge sich daran erinnern, dafs, wie unsere jetzigen Kasernen ein- 
gerichtet sind, die Stuben zu allen und .auch zu denjenigen Vor- 
richtungen beständig zu dienen haben, welche in einer Privat- 
wohnuDg*) trotz des Torhandenen ungleich grofseren Raumes 
Niemandem einfallt in seinem Wohnzimmer auäznfiben. Bei uns 
aber wird in derselben Stabe gewohnt und geschlafen, gegessen, 
gewaschen, gebürstet, geputzt, gestrichen nnd gekreidet, vidleicht 
selbst ansgeklopft, Alles hinter- und Alles durcheinander, AHes in 
einem auf das Änlsersie beschrankten Raum, nnd Jedes schon fDr 
sieh die gröbsten Vemnreinignngen der Ln(t erzeugend. Es hat 
der Soldat, nnd znmal bei unsem vielstdckigen Kasernen, nicht 
immer die Zeit (allerdings anch niebt immer die Lnst) zur Reinigung 
seiner Kleider anf den Hof zn gehen, meist wird dieselbe in den 
Zimmern erfolgen; anch wurde der Hof, wenn gleichzeitig Übungen 
daselbst stattfinden, abgesehen von den sonstigen dienstlichen Un- 
gehörigheiten in vielen FSlIen bei Weitem dazu nicht ansreiohen. 
Unbedingt aber dürfen wir die Lungen und damit die Gesundheit 
unserer Leute diesen beständigen Angriflbn nicht anssetaen. 

Mit dem gleichen Rechte, wie wir die Anlage besonderer Wasch- 
räume befürwortet haben, müssen wir anch für alle jene Hantierungen 
der Kleiderreinigung n. s. w.abgezweigte Räumlichkeiten —besondere 
Pntzranme — verlangen, eine Forderung übrigens, die wesentliche 
pekuniäre Bedenken nicht hervorrufen wird, da zweckmaCng jene 
Wasch- mit den Putarftnmen vereinigt werden könnten. Nnr wenn 
so auch die letzte der drei vomehmlichsten Ursachen, welche die 
Luft unserer Kasernenzimmer zn einer so nnertiSglichen machen, 
aus diesen verbannt ist, sind, unter der Voranssetznng der oStigen 
Ventilation, die Bedingungen fflr eine Reinheit der Luft nnd bezw, 
der Zimmer erfüllt. — 

Diese reine Zimmerluft bleibt nun indessen noch vor dem 
Zntritt bereits verdorbener Luft aus anderen R&umen der Ka- 
serne zu bewahren. 

Wenn ans diesem Grunde also schon das Zusammenhängen 

*) Voa den Wohnungen des Proletariats mnin bei diesem Yeigleidiet wo m 
um gesvndo Wohmuigen lieb banddt, natttriich abgeediea weidsii. 



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Die Attfiarderongeii an antere Kimtimil 



185 



mehrerer Ka-sernen/immer unzulässig oder doch unerwünscht n-sr)M'int, 
80 sollte, wo OS um Neuanlagen sich handelt, auch <ler ;fe(neinsame 
Korridor fortfallen. Auch in dieser Brzirliuug steht das Bloeksystem 
obenan, wo in dem Prinzip, die Verunreinipfungen der Luft auf 
ihren Entstehungsort zu hes( hränken, eine jede der aus Wohnzimmer, 
Schlafstube, Wasch- und Piifzrauui hestehenden Ahttihingen ihren 
eigenen nur durch eine Art Vorflur vermittelten Ausgang ho<5itzt, 
welch' letzterer nur allein also d»*n betreffenden Zimmer-Insa.s.s( u zu 
dienen hat. Die Korridore unserer heutigen Kasernen sind in gewisser 
Hineicht als die Centralstellen verdorbener Luft zu betrachten, von 
wo aus dieselbe den einzelnen Zimmern sich mitteilt; gleichviel ob 
— wie bei dem österreichischen System — die Stuben nur auf der 
einen, oder ob sie auf beiden Seiten des Korridor gelegen sind, 
stets wird durch ihn ein Austausch ihrer gegenseitigen Luft bewerk- 
stelligt, es werden die ünreinlichkeiten der Luft, die bei dem 
ÖflFhen des einen Zimmers in den Korridor driugtn, sich früher oder 
später, in stärkerem oder schwächerem Mafse auch den anderen 
und so sämtlichen Räumen mitteilen, gleichzeitig mit den Ver- 
unreinigungen, denen die Korridor-Luft ihrerseits ausgesetzt ist. 
Diese letzteren aber sind relativ oft sogar die bedeutenderen. Einer- 
seits um die Reinheit der Luft in den Stuben zu erhalten, andercr- 
wiiB, weil BeqaemlichlraitB-, TVltternngs- odor dieiutliche Rücksichten 
TOB dem Betreten des Hofes abhalten, wird der Korridor la- allen 
mdglioben .Zwecken der Kleider-Reinigung, des inneren Kasemen- 
dienites u. a. w. und selbst an wirklichen Exerzitien benntat — 
sämtlich Verrichtnngen, welche eben so sehr durch die der Lafi 
angefahrten fremdartigen Stoffe, als durch den Atmnngsprozels und 
die natürliche Ausdünstung der Mannschaft an ebenso vielra Ursachen 
der Lnftverschleehtemng werden. Schon aber, da der Korridor 
einer nnTerhftltnismäfng grofisen Zahl yon Menschen als allein^e 
^mmnnikation an dienen hat, mnls er gewiaswmafeen an einem 
Stapelplata auch der yon anfsen hereingetragenen Schmutz- und 
Stanb-Massen werden, und wird damit das Ausfegen mit seiner 
anyermeidlichen Stanbbildung zu einer Notwendigkeit, ohne doch 
für eine yoUst&ndige Besettigang jener Stoife auszureichen. Das 
die Zersetaungsprozesse fSrmlich anregende, gleichfalls nicht zu um- 
gehende Scheuern, sowie die Sitte des Sprengens vor- und 
die des Sandstrenens nach dem Fegen brauchen nur erwähnt 
zu werden, um sie als fernere bestftndige Quellen der Yemnreinigung 
dar KorrkLor-Luft zu bezeichnen. 

Was die Benutanng des Korridors ffir Zwecke des Exerzierens 



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186 



Die Anfordenmgcn an niuwre KMenMO 



anbeliin^^t, so spricht eme solche (lauernde Ansammlung einer gröfeeren 
Zahl von Menschen in verhultnisniäfsig kleinem ilaume allen Ge- 
setzen der Oesundheitslehre Hohn. Während die Gröfse der Ziimiier 
genau nach der in Aussiolit zu nehmenden Belegungsstärke bezw. 
diese nach der ^i gebenen Gröfse der Zimmer bemessen wird, sieht 
man, oft noch dazu meistens im Winter, wo ein Offnen der Fenster 
sich verbietet, beispielsweise zum theoretischen Unterricht das Drei- 
and Vierfache dieser Zahl auf eine und zwei Stunden in denselben 
yerrammelt. DaDs in derartiger Luft die Lehrer die Fähigkeit vom 
Sprechen, und die Mannschaften die zum Hören and Aufinerkeii 
behalten, haben wir von jeher stets sn den schlagendsten Beispielen 
gezahlt, was einersdts der Pflichteifer nnd die Liebe snr Sache, 
nnd andererseits das Wdrtchen »ich mnls« in leisten vermSgen; 
dak ein Jeder aber gleichsam einen Alp von sich genommen fBhlt, 
wenn er endlich ans solch* einer drSckenden nnd sinnbetftnbenden 
Lnft sich erlöst sieht, wird nns wohl anch von denen goglanbt 
werden, die niemals diese prosaischste aller Seiten unseres »edelen, 
ritterlichen Steadesc kennen an lernen Gelegenheit hatten. — Ebenso 
notwendig wie die Exennerhftnser nnd die Turnhallen sind, wenn 
die Witterung den Unterricht im Freien ?erbietet, eine gewisse 
Anzahl Ton Instrnktionss&len (vielleicht würde einer (ftr je 
2 Compagnien hinreichen), die in gleicher Weise und mit gleichem 
VorteO anch snr Abhaltung von Waffen-, IHeider- nnd Löbnungs- 
Appels, snm Zielnnterricht nnd Bajonettieren u. s. w. zn verwenden 
waren; flBr das Blocksystem, da dieses lange Korridore nicht kennt, 
sind diesdben unentbehrlich, bei den andern Systemen wfirden sie 
die betreffenden Stuben bezw. den Korridor, wo dieser dazu benutzt 
wird, von einer der gröbsten Luftverunreinigungen entlssten. 

Ganz und gar in das Gebiet der Salubrität der Zimmer-Luft 
schllgt endlich noch die Frage nach der Wahl einer bestimmten 
Heizungsmethode. Die Rücksichten auf eine hinreichende^ an- 
haltende und zugleich fOr alle Zimmer möglichst gleichmSisige 
Wftrme ~ nnd zwar bei sparsamstem Terbrauch an Brennmaterial 
— werden über die Annahme des Systems zn entscheiden haben. 
Auch hier finden wir in dem Ein&ohsten wiederum das Beste; 
die künstlichen Konstruktionen sind in ihren Vorzügen in der Begel 
nur nach einzelnen Richtungen und zwar auf Kosten der anderen 
auszubeuten. Wasser-, Luft- und Dampf-Heizung, welche gegen- 
wartig für eine Villa, für ein Theater, grofse Säle u. s. w. fast 
nnerlärslich erschein^ würden allerdings wohl eine vorhältnismäkig 
schnelle Erwärmung der gesamten Räume der Kaserne ermöglichen, 



Die Anforderanf^ »n uuere KMwnwn. 



187 



«jahing^gen aber würde die Verteilunjjj clor Wllnne an die einzelnen 
Ummer je nach ihrer Lage zu der Centralstolle eine ungleiche sein, 
die Regnliorang derselben nneiidlich erschwert und, ohne dafs den- 
noch (jfen gesetzt würden, vielleicht selbst unmöglich werden, und 
Tor Allem würde, wie ja bekannt, der schnellen Erwürmnng «ne 
ebenso schnelle Abkühlung folgen. Mit diesen küiistHelion Heizungs- 
raethoden verhält es sich ebenso, wie mit den künstlichen Ven- 
tilations-Apparaten: da, wo möglichst schnell und nur für 
kürzere Zeit eine Erwärmung stattfinden soll, wird mit Vorteil 
von ihnen (iebniuch zn niaclien sein; wo es jedoch um anlialtende 
Wirknn'4 sich handelt, roiclien sie bei weitem nicht aus. Auch 
hatten diesen Systemen nocli maunigfaih»' Nachteile an: Die Kom- 
pliziertheit ihrer l'ünrichtuntren, das in Ful'^e dessen unsichere 
Funktionieren ihres Mechanismus, die Kostspieligkeit ihrer Anlage 
und Unterhaltung, die bei anhaltend stiirkem (Gebrauche in einer 
Uberhitzung der Röhren und des anliegenden Gebälkes bestehende 
beständige Feuei"sgefahr u. s. w.; für Kasernen aber wäre von einer 
Anwendnng derselben schon aus dem einen Grunde abzusehen, 
weil sie, wenigstens die r>uft- und Dampflieizung, jenes erste Prinzip 
einer gesnndheitsdienlichen Einrichtung der Zimmer, die Erhaltung 
der iieinlieit der Luft, sofort wieder in Frage stellen würden. Eine 
Luft, welche den Prozefs einer änfsersten Erwärmung durchgemacht 
und dann, ehe sie in die Zimmer tritt, noch den Weg durch die 
endlose Reihe von Köhren zurückgelegt hat, kann eben als eine 
reine und noch weniger als eine gesunde Luft nicht mehr be- 
zeichnet worden, während, wo die Dampfheizung angewunilt wird, 
ähnlich wie bei den eifernen Gteii, iliueli die lOrhitzung der Köhren 
der Stubenluft in mehr als zuträglichem Malse die VV'asserteile ent- 
zogen werden. 

Ebenso wenig wird bei den klimatischen Verhältnissen unseres 
Vaterlandes von einer Kamin-Heizung Gebrauch gemacht werden 
können, so vorteilhaft dieselbe sonst auch — abgesehen von ihrem 
groisen Bedarf an Brennmaterial — durch ihre gleichzeitige starke 
Ventflaikm sein mag. Am zweckmäfsigsten wird den obigen darch 
die TerhältniMe in einer Kaserne gebotenen Bedingungen stets der 
Ofen entuprecheu, amsomeihr als die Konstruktion desfelben in 
Bisen oder Kacheln, kezw. in einer Vereinigung bdder — wenn 
sonst erforderlich — den kUmatiseben Vwhiltnissen Rechnung zu 
tragen gestattet. Allerdings wollen wir peraSnlich es dahingestellt 
•ein lassen, ob diese eisernen bezw. balbeisernen Öfen tbatsichlich 
in Easemen die Vorteile gewähren, die man tob ihnen sich ?erspricht; 



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188 



Die Anforderangen an uiuere Kasernen. 



wir haben pruk tisch dioselben bisher nur in Privat Verhältnissen 
erprobt, wo sie sich nicht bewahrt haben; ob sie in Kasernen 
genflgen sollten, mufs uns nach diesen Erfahrungen selbst für die 
westlichen and sndlidieii Ciegeuden IragHch endianen. Ana den öet^ 
liehen und mittleren Landesteilen aber ist nns kein Fall ihrer derartigen 
Verwendung bekannt. Im Winter fHert man ohne Zweifel in den 
Zimmern nirgends mehr, als in den im S&den oder Westen gel^enen 
Ländern nnsen Erdteils. Wer denkt nicht mit einem gewissen 
Schauer an den in Frankreich verlebten Winter, nnd kann Jemand, 
der Italien zur Winterseit bereist hat, läugaen, dab er in seinem 
Zimmer selten so gefroren hat, als in Neapel oder Sidlien? Gans 
ähnlich rind die VerhSltnieBe auch bei nns. Dicht westlich von 
Berlin hört die Zone der eigentlichen Kachelöfen nnd damit in den 
Zhnmem anch die wirklich behagliche, gleichm&bige Wirme anf, 
wie sie ein alleiniger Yonug von jenen ist; je weiter nach Westen, 
desto mehr nimmt der eiserne Ofen den Yonang in Anipmch. 
Nnn aber ist es wunderbar, dafs ftber die Mängel der letzteren 
nicht etwa nor der — anders (d. h. besser) gewöhnte Nordländer 
sn klagen hat, sondern da(s gans ebenso anch der Einhdmisehe 
dieselben empfindet; nur macht bei diesem die liebe Qewohnkeit sich 
geltend, er betrachtet sie zu sehr als etwas nun einmal Unvermeidliches 
nnd nimmt sie als solches mit in den Kauf. Überall in Deutschland, 
soweit nach Sttden und Westen es Auch reicht, könnte man Kachel* 
Öfen gebrauchen; auch am Rhein hat man noch recht kalte Tkge, 
um die Annehmlichkeit einer hinreichend und gleichmälSng erwärmten 
Stube schätzen zu können, nnd in der GleichmäCngkeit, d. h. in 
dem Andauern der Wärme, liegt doch gmde far die Kasemenstuben 
der Hauptwert. Nicht nur, dals der schnelle Wechsel der Zimmer^ 
Tcmporutur, welcher bei eisernen Öfen nicht zu vermeiden ist, von 
Vorteil für die Gesundheit entschieden nicht sein kann, zum mindesten 
aber das Behagen der Leute beeinträchtigt, es kann anch der Vorzug 
eines geringeren Ver])rauches an Brennmaterial, wie er denselben 
stets oachgerfihmt wird, wenigstens für die Kasernen -Verhältnisse 
nicht zugegeben worden. So lange nicht die gesamte Mannschaft 
abwesend ist, muCs beständig das Feuer unterhalten werden, nnd es 
scheint ans, ak ob das hanfige Nachlegen kleiner Qaantitaten 
reichlich das zu ein- oder zweimaligem VoUpacken eines guten 
Kachelofens erforderliche Quantum überwiegen würde, abgesehen 
davon, dals es kaum angängig sein dürfte, den Verbrauch der Tages- 
ration an Kohlen ohne jede Kontrolle nur in das Belieben der 
gerade im Zimmer anwesenden Leute zu stellen. 



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Die Auforder uQgea au unsere KMernen. 



189 



Ei \kbea dch nocli nuneherlei Nachteile der eisernen Öfen 
anfeSlilen; aber eehon der flinveis anf die dorch ünTorrichtigkeit 
80 leidit herbdzofthrende Gefalir einer KohlenoxjdgBe-Yeigiftnng 
aollte gmndB&talich eine Anwendung denelben in Kasernen ans- 
schlieisen. Andi der Wegfall der Klappen und die Anwendni^ 
hennetiech acbliefoender ThQren beogt der Entwickelnng solcher 
Qase nidit tot, wenn durch za frühes St^fieben der Verbr^innng^ 
prozels Yondtig gestSri wird, und auch die Aufirtellung von Waaser- 
behUtem neben dem Ofen, deren Dämpfe eine fibermSisige Erhitxnng 
des Eisens und dadurch die Ansdfinsiung jener Gase Terhiudem 
aollen, bleibt immerhin nur ein PalliatiTmittel, welches noch daau 
durch diese Bimpfe die Reinheit der Luft beeintifichtigt. 

Ein womöglich doppelxfigiger Kachelofen seheint uns fOr 
alle Teile unseres Vaterlandes das einzige wirklich praktische Heix- 
instmment zu sein; alle Nachteile der eisernen Öfen vermeidend, 
ist er, wo überhaupt geheizt worden muis, zu verwenden, und 
stets dürfte der Bedarf an Brennmaterial selbst in klimatisch be- 
sonders begünstigten Gegenden bei Kachelofen ein geringerer sein, 
als er unter gleichen Verhältnissen für die eisernen Öfen erforderlich 
wäre. Nnr sollte, um im Sommw, wie im Winter auch die Yen- 
tilationskraft der Öfen ausnutsen zu können, die Heizung nicht, 
wie in vielen altoren Kasomen, vom Korridor her, sondern vielmehr 
von der Stube aus, unter allen Verhältnissen aber unter der per- 
s5nlichen Aufsicht und Verantwortung des Stubenältesten eitolgeii. 

Auch auf die Ausstattung der Zimmer mit Möbeln und 
Gerätschaften müssen wir schlielslich noch einen Blick werfen, 
soweit dieselben auf die Beinerhaltung der Zimmerluft — unserer 
Ansicht nach der einzigen Garantie für die Salabritat einer Kasemen- 
stnbe — Einfiufs besitzen. Natürlich wird das administrative und . 
technische Detail, welches dabei zur Sprache käme, sich unserer 
Betrachtung entziehen, doch können wir nicht umhin, hier dem 
Wunsche Ausdruck zu geben, dafs die Zahl an Möbeln in jeder 
Beziehung, ohne der Behaglichkeit des Aufentli altes gar zu sehr 
Eintrag zu thuu, auf das Notwendigste beschränkt würde. Erstens 
wollen wir keineswegs den Soldaten mit unnützem Luxus umge])^n; 
dann aber würde jedes Stück mehr die für den Bedarf der Ziuinier- 
bewohner benötigte Luftmeuge verkürzen oder umgekehrt bei Neu- 
bauten einen grijfseren Kubik-Inhalt der Zimmer und somit ein 
gröfseres Areal bednigeu, und drittens bilden gerade die Stellen 
hinter den Möbeln die Stap<*]pliitze aller möglichen Schmutz- und 
Staabmassen und dadurch ebenso viel kleinere oder gröDsere Heerde 



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190 



Dia AnfnrderaiigaB an iumm Kuernen. 



der Luftverunreinigung. Dt-rsclbe Grundsatz dürfte auch auf den 
Privatbesitz der Leute auszudehnen sein, welcher übrigens, besondere 
in Rücksicht auf die nicht selten in hohem Grade zweifelhafte Be- 
scbaffenlieit der elterlichen Pakete und der sonstigen Speise-Vorräte^ 
einer häufigen Revision sa unterwerfen wäre. Dorchaoa wünschen^ 
wert jedoch scheint uns die Gewährung einer gewiMen Zahl yon 
Kleiderspinden, womöglich je eins für den Mann, wie sie teilweise 
in den neuen Kasernen auch bereits gewährt worden, auch sollten 
dieselben genügend Raum besitzen, damit die Leute ihre etwaigen 
eigenen Unifornistücke ordnungsgeniäfs nnd staubfrei aufl>ewahreu 
könnten, denn wenn die Beschaffung von solchen auch nicht gerade 
notwendig ist, so hat doch der Wunsch des Soldaten, sich aufser 
Dienst l)esser zu kleiden, wenn nur diese Kleider n ich prol)em;irsigeiii 
Schnitt und vou entsprechendem Stoft' sind, iniinorliiu seine Be- 
rechtigung, und niufs schon der Ordnung wegen für deren LTntcr- 
bringnng Soige getragen werden. Die V)isher regleraentsnmfsigen 
konmiodeuartigen . Wandschränke können diesem Zwecke nicht 
genügen. 

Mehr noch wie für die \\ Ohnstuben mnfs der Ornndsatz der 
Einfachheit für die Einrichtung der Schlaf /.i iii mer mafsgebend 
sein. In diesen sollten andere ( ierütschaften als die Lagerstätten 
und der für jeden Manu erforderliche Schemel zum Ablegen der 
Kleider überhaupt nicht geduldet werden, und müfsteu, um das 
Entstehen von Schuiutzwinkeln vollständig zu verhüten, die Bettstelleu 
derartig gestellt werden, dafs zu jeder Zeit eine Kontrolle des Uauiucs 
unter und zwischen ihnen niiiglich ist. Vorrichtungen zum Auf- 
klappen derselben längs der Wuiul, wie sie iu französischen, spanischen 
und englischen Kasernen vielfach sich finden, dürften in dieser 
Hinsicht zu empfehlen sein, zumal auch das Lüften der Betten 
dadurch erleichtert wird und auch der Wegfall des Strohsaekes, der 
allerdings dann eintreten müfste, nicht gera<lo zu bedauern wäre. 
Dafs nach den Bestimmungen jeder Mann ein eigenes Bett erhält, 
ist schon ans Sittlichkeit^gründen erforderlich; unbedingt aber ist, 
am niclit den Einzelnen in den nächsten Danstkreis des Anderen 
zn bringen, ein Übereinandeividlen der Betten zu verwerfen, wie es 
froher sogar bestimmangsmäCsig vorgesehen -war imd aneh hente 
noch, wo die Bettstellen derartiger Konstruktion in Gehraoeh ge- 
blieben , bei iSssiger Anfiricht ans Bequemliehkeitsgründen hBnfig 
noch geschieht. Es ist dies eine Folge jenes übergrolsen Sirebens 
nach Ranmerspamis unserer bisherigen Kasemensysteme, welche 
die Trennung von Wohn- nnd Schlafeimmem nicht kennen, gleich- 



Die Anforderungen an onsere Kaaeraen. 



191 



wohl aber den Baum der enteren in einer Weiae eng bemessen, 
dalfl der Plats für die Hantiernngen der Lenie bei Tage nieht 
anders als durch Änfeinanderstellen der Bettstellen gewonnen 
werden kann. 

Über die Einriehtnng der Betten selbst können wir mit wenigen 
Worten hinweggehen, da, wie sie g^nwSrtig bei nns beschaffen, 
sie den saniUxen Rücksichten im Allgemeinen entsprechen. Selbid>- 
▼entindüch ist das einzige seitgem&Cw Material für die Bettstellen 
nnr allein noch das Eisen, weniger seiner grölseren Haltbarkeit 
wegen, als weil daslelbe die Plage der, Tonagsweise im Holze nich 
anfhaltendffl. Jedermann hinreichoid bekannten Insekten nnd zu- 
gleich damit die Gefahr der Übertragung ansteckender Krankheiten 
Terringert. Wohl aber wftre m wflnschen, dals ein hanfigerer 
Wechsel der Bettwasche eingeführt wnrde. Besonders im Sommer 
sollten 3 Wochen Gebranchsaeit das HSchste sein, und molsten 
ebouo- die wollenen Decken mindestens einmal in der Woche 
geklopft nnd auf dem Hofe ins Freie gehlngt werden. Bei der 
Selbstbewirtschaftnng der Truppen kdnnen die Mehrkosten der öfteren 
Wäsche sich immer nur auf ein Geringes .belaufen, wahrend die 
Haltbarkeit des Leinenseuges durch ein häufigeres Waschen kaum 
mehr als dnrch die entsprecheud längere Dauer des Gebrauchs zu 
leiden hätte. Ganz die gleiche Berücksichtigung nitifs ferner dem 
Stroh sack zu Teil werden, sofern er künftighin nicht etwa, wie 
durclians zu empfehlen, durch Draht-Matratzen ersetzt werden sollte; 
in verdorbenem Stroh haben wir ebenfalls einen Träger von An- 
steckungsstoffen und bekanntlich die Brutstätte unzähliger Insekten 
zu sehen. 

Erkennen wir aber die Notwendigkeit an, solche Luft-Ver- 
unreinigunf»;en zu vermeiden, so müssen wir auch die Ursiichen 
derselben durch eine häufigere Auffrischung des Strohes beseitigen, 
als eine solche, wenigstens für dio Infunterie-Truppenteile, bei einer 
Dauerzeit bis zu -6 Monaten thatsächlleh vorgesehen ist; statt nach 
einer reglementarischeu Zeitbestimmung sollte sich, da die Qualität 
des Strohes, selbst innerhalb derselben Gattung eine verschiedene 
ist, die Auffrischung nur nach dem (ja der Kontrolle unterliegenden) 
Verbrauch zu richten haben. Bei der Erneuerung selbst aber mufs 
insofern vor einer falschen Sparsamkeit gewarnt werden , als mit 
Sorgfalt auf ein Entfernen auch des anscheinend noch brauch- 
baren Strohes zu achten ist, um der Möglichkeit einer sofortigen 
Ansteckung des neueu vorzubeugen, weiche unvermeidlich ist, wenn, 



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192 



Dia Attfofdniipgeii m uihi« KMemea. 



wie es in Süd-Deutschland Sitte ist, das neue Stroh nur zur Anf- 
füllang des alten Bestandes verwandt wird. — 

Anordnunt^^en für die Aulage der Wirtschaftsgebäude. 

Wenn in den obigen y(vr«:{ liläf^en der Zweck verfolgt wurde, 
die Reinheit der Luft vor liet iiitrüchtigungon möglichst zu siclu rn, 
welche einmal durch eine unvorteilhafte Walil des Bau -Areals und 
zweitens diirt h eiue unzweckraäfsige Eiurichtuug der Wohnräume 
entstehen können, so würden doch alle diese Mafsregeln nur halbe 
sein und ihr Zweck nur teilweise, oft vielleieht (tut nicht erreicht 
werden, wenn nicht in crleicher Weise die Zimmerluft schliefslich 
auch vor den Verunreinigunrreji bewahrt wird, welche ihr durch 
eine allzu grofse Nachbarschatt der VVirtsch:ifts;j;ebäude und dergl. 
der für die Beseitigung der AbHille di«'nendeu Ifäunilichkeiten 
drohen. Vielleicht mag es wenig TiÄthetisch sein, über Küchen und 
Latrinen in einer Betrachtung zu verhandeln, doch stehen die.sf lben, 
soweit sie bezüglich ihrei WirkuiiLj auf die Reinheit drr Luft hier 
zur Hpriiche koninien, in engstem Zu.samuienhange, denn beide siud 
die stärksten und gefährlichsten <2^ielleu zu vorübergehender, wie 
dauernder Gef^ihrdung derselben. Fehler, die in ihrer Anlage und 
Konstruktion begangen siud, können nicht nur alle sonstigen, die 
Reinheit der Luft bezweckenden Mafsnahmen fraglich macheu, sie 
können selbst unmittelltar die (JesunJheit um] da^i Leben der 
Kasernenbewohner in Cietahr bringen. Glaube mau nicht, dafs diese 
Gefahren eingebildet sind und nur in den Köpfen der Theoretiker 
bestehen; die Aufmerksamkeit, welche die Fortachritte der Wissen- 
schaft in neuerer Zeit einer wirklich veruuuftgemä£sen Pflege der 
Gesundheit zuwenden liefsen, hat Vieles ans Licht gezogen, was 
früher der Beachtung entging, und lehrt uns so Manches vermeiden, 
was frfiher entweder unbebiiiiit war odir ala nnweseiitiich iiiehi 
beaehtel oder gar anoh als imTemieidUch l>etraehi»t wnrde. Unsere 
Vorelteni hatten es nicht anden gehabt und waran geennd ge- 
blieben, warum soll es uns mehr schaden als ihnen. Welche Thorheit 
steckt in diesem Gedanken! Wenn man Jahrsehnte lang in fehler- 
hafter Weise gehant hat, so kOnnte dies hdchstens doch nnr ein 
Grand mehr sein, nun endlich diese Fehler sn beseitigen, deren 
tranr^ Folgen in den Annalen der Epidemien verseiohnet stehen. 
Solche Leute, die den Thatsachen mit Redensarten entgegentreten, 
mnd eben nicht sa widerlegen. 

Unter diesen SehSden nun steht jene fehlerhafte Anlage der 
KSehen und der Latrinen in erster Lini«*. Wir haben es zuvStdost 



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Die Anforderangon ta muere Kanroea. 



193 



hier mit den Küchen und den mit denselben zu verbiudeuden 
anderweitigen Wirtschaftsgebäuden zu thun. Bereits weiter oben 
ist angedeutet worden, dafs in den Souterrain-liäumea weder Küchen- < 
noch Wasch- Anstalten untergebracht werden dürfen, um nicht die 
durch die Unterkellerung des ( Jebäades beabsichtigte Trockenhaltnng 
desfelheu sofort wieder in Frage stellen. Hier in den Sooterrains 
-wurden die Küchen schon allein durch die Wassermassen , welche 
in dieselben geschafft werden, und besonders natürlich durch die bei 
dem Kochen sich entwickelnden und bei aller Torzüglichen Kon-> 
struktion*) der neuereu Kochherde nie ganz za vermeidenden Dimpfe 
zu beständigen Quellen einer Feuchtigkeit werden, die, von diesen 
Depots ausn;ehend und ohne ünterlafs durch sie genährt, schliefslich 
trotz Olanstricli u. s. w. das Mauerwerk durchdringen und die 
Reinheit der Luft in dem Innern des Gebäudes gefährden; es würde 
die Menge der Abfälle und der Transport der Speisen in die Wohn- 
räume einen Ausgangspunkt zu Verunreinigungen aller Art, auch der 
Korridore und der Zimmer, ergeben, und es konnten die den Fenstern 
und Thüren entströmenden Gerüche die Zuführung frischer Luft für 
die über oder neben den Küchen gelegenen Räumlichkeiten zeit- • 
weise fast unniöglich machen. Die gleichen und in maucher Hin- 
sicht vielleicht noch gröfsere Nachteile würden eintreten, wollte 
man, statt in die Kellerräume, die Küchen in das Erdgeachofs oder 
in eine der Etagm verlegen. Küchenräurae von solcher Grüfse, wie 
sie für Kasernen erforderlich sind, gehören eben nicht in den 
Körper der Wohnräume hinein, sollten grundsätzlich vielmehr sich 
in besonderen mindestens 20—40 Schritt von der Kaserne entfernten 
Gebäuden befinden. Selbst in dieser Entfernung machen dieselben 
sich noch bemerkbar genug. Abgesehen davon, dafs mit der Masse 
der zubereiteten Speisen das Würzige der aufsteigenden Dämpfe 
sich in das Gegenteil umkehrt, so ist der Geruch, welcher nach 
beendetem Kochen während der Zeit des Auf- und Aljwascliens 
den Küchen entströmt, ein so unangenehmer, dafe selbst die Nase 
de« Musketiers von ihm beleidigt wird, ganz zu geschweigen von 
den Dünsten, die sich verbreiten, wenn der Unternehmer der Speise- 
Anstalt oder die Menage-Kommission, die sich doch diese Einnahme 
nielit entgehen laasen wird, durch das Aaskochen von Seife u. s. w. 

^ Ah iMSonden auBfBMlehint ibd vm in dieser Badehuqg dk ^dihadie 

in der Kitserue dc-s 1. Gardc>FeId-Artillerie-Regiiiiaitt tu Berlin, Moabit, erinner- 
lich, die allfii Aiiforderuiigeu, die man billigerweise an solche Einrichtungen stellen 
kann, cutsprecbea würden, wenn si« nicht — ebeofails wieder in den Soaterrain- 
räumen liegen. 

MMähm tk <te Bitirti Ab— e mt Mulam. MUTUI^t. 13 



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194 



Die Anlbfdmuigm an nmere Kuenien. 



die Knochen- und sonstigen Abfalle zu verwerten sacht. Wur 

können einen Grund nicht finden, der uns hindern sollte — indem 
wir für die Küchen besondere Getöude errichten — die itoft unserer 
Kasernen von derlei Verunreinigungen freizuhalten, wenn wirklich 
auch in pecuni&rer Besiehaug ditoit einige Zogestftndniase gemacht 
werden rnüfsten. 

Allerdings kommt hinsichtlich der Geldfrage auch noch in 
Betracht, dals gleichzeitig natürlich anch die Speisesäle and die 
Kantinen ans dem eigentlichen Korper der Kaserne zn entfernen 
wären. Ob Speisesale für die Mannschaften überhaupt notwendig, 
darüber läfst sich streiten; ohne ihnen auch nur annähernd den 
Wert beizuleji^en, den bei den Offizieren die Ressourcen zur Förde- 
rung des kameradschaftlichen Geistes haben, möchten wir dieselben 
schon in Kousoquenz unseres ( 3riindsatzes einer äufsersteu Reiu- 
erhaltiing der Stubenluft und auch in Anbetracht dessen für er- 
forderlich erachten, weil nnvermeidlich sonst Speisereste aller Art 
die Stubendielen beschmutzen, mit der Zeit dieselben durchziehen 
und die Fugen zwischen ihnen ausfüllen, und so ungeachtet alles 
Seheuerns und Sandstreuens n. s. w., und vielleicht dadurch um so 
eher und um so mehr, zu neuen, ständig wachsenden Quellen der 
Luftverunreinigung werden. Ferner aber ist in der gemeinschaft- 
lichen Mahlzeit Aller, von welcher Beurlaubungen nur ausnahms- 
weise und nur mit Vorwisseu des den Dienst habenden Oftiziers 
stattfinden sollten, die einzige Möglichkeit einer Kontrolle gegeben, 
sowohl dafs überhaupt ein Jeder einmal des Tages etwas Warmes 
genietit, als auch dafs die den Leuten verabreichte Kost in quali- 
tativer wie in quantitativer Weise den Anforderungen entspricht. 
Es ist die Beaufsichtigung des Mittagstisches, wo eine solche über- 
haupt besteht, einer von den Üienstzweigen , welche — wenn wir 
offen sein wollen — selten sich Jemand ein Gewissen macht zu 
umgehen; vielfach aber ist überhaupt nur ein Kosten der Speisen in 
der Küche selbst oder aber aus den hierzu bestimmten Probe- 
schüsselu gebräuchlich. Dafs dann dem Offizier nicht gerade die 
schlechtesten Bissen vorgelegt werden, liegt wohl in der Natur der 
Bache, und kann derselbe aus dem, was er erhält, selbst annähernd 
nicht aaf das schliefen, was den Leuten verabfolgt wird, nnd wir 
hOren an anserm gr5feten Erstaunen dann Klagen fiber das Essen, 
wo wir unserer Mdnuug nach uns doch täglich flbenengt hatten, 
dafe den Lenten ihr Recht worde.*) Wir wOrden es fftr nnerlftlSdich 



*) Wir wollen bei disMr Gelegenlieit sngleiflii uienr Ansidit Avsdmok 



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Die Anforderangmi m «asei« KiwenMii, 195 

halten, daüs der Offizier während der ganzen Daaer der MaUseit 
sQgegen ist, um sicher zu sein, das Jedem das Seinige zukomme, 
und nm, wo begründete Klagen laut werden, sofort Ahhfilfe treffen 
zu konneu. Dafs aulserdem die Anwesenheit desfelben dazu beitragen 
wftrde, die Mannschaft an ein gesittetes, anständiges Betragen 
wahrend dieser gemeinsamen Mahlzeiten zn gewöhnen und auch in 
dieser Weise das groüse Endehnngswerk an fSrdern, steht wohl 
an6er Frage. 

Aach die Kantinen, erwähnten wir vorher, müssen in die Kflchen- 
hänser verlegt werden. KQche und Kantine gehSrai zusammen, nnd 
Diohr noch Kantine nnd Speisesaal, da in den meisten Fällen der 
letztere demselben Zwecke wird dienen können, wenn dem Kantin- 
vrirt ein entsprechender Raum in demselben abgetrennt oder ihm 
ein nebenliegendes Zimmer angewiesen wird. In dem Innern der 
Kaserne können wir solche Räume nur ungern dulden, da sie gleich- 
falls, wenn auch in verhältnisraäfsig geringem Lirade, dauernd zur 
Luftverunreinigung beitragen. Von ihrer Notwendigkeit aber sind 
wir durchdrungen, ebensowohl, um dem Soldaten die Beschaffung 
von Zuthaten zu der verabreichten Menage zu erleichtern, als um 
ihm, sfinen sonstigen Bezugsquellen gegenüber, eine hinreichende 
Sicherheit für die Güte der gekauften tiegenstände zu geben. In 
den Spciaebäleu wäre den Leuten Gelegenheit gegeben, die erstan- 
denen Lebensmittel auf.serhalb der Wohnzimmer — man denke 
an die umhergevvorfenen \Vurstpellen, die vielen Butter- und Fett- 
flecken, dfts übergegossene Bier u. s. w. — dagegen aber in einer je 
nach iViren Neigungen zu wählenden Gesellschaft zu verzehren. 
Dafs üus diesen geselligen Zusammenkünften Gelage und sonstige 
l ngehurigkeiten entstehen könnten, ist kaum zu befürchten, die 
Strenge der Kasernen-Ordnung und die Geringfügigkeit der Mittel 
der meisten Leute scheinen uns eine hinreichende Garantie dafür 
zu bieten, nur mufs natürlich mit rücksichtsloser Strenge, unter 
Androhung sofortiger Aufhebung des Kontraktes, dem Verkäufer 
jedes Kreditgeben untersagt sein. Uberhaupt sollte für das gesellige 
Ltben unserer Leute etwas gethau werden, denn nur durch ein 
solches kann man den Geist einer wahren Kameradschaft in ihnen 
wecken; das gemeinsame Exerzieren in lieih nnd Glied und das 
Tragen deafelbeu Rockes (derselben Nummer) giebt wohl das Gefühl 

gebea, dab wir es ans auf der Hand Ikgenden OrOnden fUr durchaus tmvertr&glich 

mit ansem militärischen Verhällnisson halten, wenn Offizierkasino und Mannschafts- 
kache von dcmgelben Ökonom verwaltet werden. Wer bekommt im Biwak, im 
Felde die Binderzauge uud das Filet? Äbtüich ist es in Bolchen F&Uen im FricdeM. 



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196 



Die Auforderangtii an miMie KMenmi. 



einer aufseren — nicht aber tlaa dner innoren — Zusammeugeliorig- 
]<' it. Man mache ihnen die Kaaerno. In der sie drei Jahre ihres 
Lebens zubringen müssen, za einer Heioiatf in der sie sich wohl 
fühlea, und lasse sie, indem man ihnen nioht nur das Notwendigste, 
sondern anch Angenehmes gewahrt, vergessen, dals es der Zwang 
des Gesetzes ist, der sie zosammenhält. Aufser jener Art von 
ßessonrcen wurden wir, wo peknniäre Bedenken nidit gar sn sehr 
überwiegen, ein zahlreiclieres Anpflanzen von Lanbbüumen auf 
dem Hofe, die Anhige schattiger, kühler Erholnngs-Plätze nnd, 
wenn angängig, selbst kleiner Gärten befürworten, um eben dem 
Soldaten in der Kaserne anch eine Häuslichkeit zu bieten, ihm 
den Drang zu nehmen, wenn der Dienst beendet ist, aufserhalb 
derselben eine Zerstreuung zu suchen, die, da er hier sich selbst 
überlassen, nur z.u oft vorderblich auf Körper und Geist zurückwirkt. 
Wir können die Ansicht nicht teilen, es würden solche Einrichtungen 
ihren Zweck nicht erfüllen, die Kantinen leer und unbenutzt sein; 
sind derartige Versuche in anderen Armeen (der französischen, 
englischen und teilweise auch der russischen) von Erfolg gewesen, 
so liifst der häusliche, ernstere Sinn unserer Leute, und vielleicht 
mehr noch die Uubemitteltheit der Mehrzahl derselben, ein Gleiches 
auch bei uns erhoffen. Schon hat ja auf einzelnen Artillerie-Schiefs- 
pliitzen aus eigener Anregung, wenn auch unter Regüustigung der 
Vor}:resetzten , die Mannschaft durch solchei-lej Anlagen sich die 
Eiuförinigkeit eines niehrwüchentlichen narackenlebens zu verkürzen 
gesucht. Es liifst sich mit wenigen Mitteln da Vieles erreichen, 
wenn nur die Lust, etwas zu schaffen, vorhanden ist. 

Küchen, Speisesäle und Kantinen sind nun allerdings noch nicht 
die einzigen Wirtschafts-Räuralichkeiten einer Kaserne. Einerseits 
glauben wir im Interesse der Selbstbewirtschaftung der Truppen 
den Küchen auch eine Waschküche anschliefsen zu müssen, welche 
ihrerseits dann woiiiijglicli mit einer Desin fektions- Anstalt zu 
verbinden wäre, und andererseits scheint uns für eine wirklich 
rationelle Gesundheitspflege, wie wir sie ja im Auge haben, ferner- 
hin die Anlage einer Käsern en-Bade-A iistalt geradezu unent- 
behrlich. Den doppelten Zwecken einer eigenen Waschküche, näm- 
lich denen der Billigkeit und der besseren Konservierung der Wäsche, 
würde heutigen Tages natürlich stets nur eine Dampf- Waschanstalt 
gendgoi können, da diese mit ihrem geringen Bedarf an Arbeits- 
kraft zugleich auch den Vorzug gründlicherer Reinigung gewahrt 
und diesen Vorteilen nur TerhaltnismSbig unbedeutende Kosten 
gegenüber stehen, indem zweekmalng die erforderliche Menge warmen 



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« 



Ote Anfordanug«!! an niMere SM«nMn. 197 

Wassers aus den Küchen herüberzuleiteii und somit die Notwendig- 
keit besonderer Feuerung in der Regel auf ein Minimum zu be- 
schränken sein würde. In demselben Mafse würde die völlige 
Garantie, welche die Desinlektious-Apparate bieten (es werden 
die meisten Kranklieitsstoffe schon hei 80 Grad Hitze zerstört), die 
geringen AuKgrtl)en, die dnrcb die Errichtung des zur Desinfiy.ierung 
nur erforderlichen Backofens eutstehen würden, vuUstiiudig auf- 
wiegen; indem man hinsichtlich der zahlreichen unter den neu ein- 
treflfenden Itekruteu vorhandenen llautkrunkheiten alle irgend ver- 
dächtigen Kleidungsstücke derselben und zeitweise auch die oft in 
grausigem Zustande befindlichen Montierungen dritter und vierter 
Garnitur (besonders aber die Kavallerie-Reithosen*) einer giümllichea 
Reinigung unterziehen könnte, würde die grofse Zahl der genide 
wahrend der Ausbilduugsperiode an Hantkran khriten im Revier 
Hi'handelten eine erklecklich geringere und damit die Ausbildung 
selbst entsprechend gefördert werden. Die wirklich grofsartigeu 
Erfolge, welche 1870/71 durch solche Desinfektions-Anstalt^'n speziell 
bei den französischen Kriegsgefangenen enuelt worden sind, lassen 
eine allgemeine Einführung derselben in den Kasernen als in hohem 
Grade wünschenswert erscheinen. 

Was schlielslich die Anlage von Bade- Anstalten anbetrifft, 
so brauchen wir, um deren Notwendigkeit gerade für Kasernen 
zu begrfinden, in jeder Besiehong eigentlich nur anf eine vor einigen 
Jahraii enehienene Sdhrift Aber die diätetisebe Hautpflege*'*') ver- 
weiseD, welche mit fiberzeugendor Klarheit und anf die E^ahrungen 
langjäiriger militSr-intiieher Praxis gestützt, uns an der Hand ron 
Zahlen die ans einer richtigen Pflege der Haut fär das Behagen 
und die Gesundheit der Lente und somit f&r den Dienst rieh ei^ 
gebenden Vorteile Tor Augen fuhrt »Unbedingt mnls zugegeben 
werden,€ lesen wir daselbst, »dals die Perspiration der Haut 
ebenso zum Leben erforderlieh ist, wie die Respiration der Lungen 

in gesunder Luft c — eine wissenschaftliche Wahrheit, die 

bisher bei Weitem noch nicht genug beachtet worden ist, und am 
wenigsten TieUeicht in unserem Stande, obwohl gerade die Haut des 
Soldaten sehon in dessen dienstlichen Verrichtungen durch Staub 



*) 0b das Leder der Ceitho.«' ti eine derartige Behandhing Tcrtragen wfirde, 
verm^en wir all^ rrlings, da wir Ert'&hnuigeii darttber nicht haben anitellen 
können, nicht anzugeben. 

**) Der Einflula und die Bedeutung der diätetischen Hautpflege auf dcu 
GerandlidtanataDd nad die Leiitungsfähigkelt d«r Friedena-Annee von Dr. Alezander 
Breigen. 1871. Ldpilg, Verlag m Eduard Heinrich tfaycr. 



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198 



Di« Anfoidenuigeii m viimi« KaMmeii. 



und Transpiration so zahlreichen Angriffen ausgesetzt wird. ¥jS ist, 
wie aus den mit Tieren angestellten Experimenten ersichtlich, die 
Ilaut — »der Vermittler eines grofsen Teils der Wechselwirkungen 
des Körpers mit der Aufsenwelt« — selbst für die eigentlichen 
Lebcnsfunktionen von der gröfeten Bedeutung; stürbe ja doch ein 
Kaninchen, heifst es in jener Schrift, dessen Haut durch einen 
Firnis-Überzug in ihrer physiologischen ITiätigkeit gehemmt würde, 
ebenso sicher wie dasjenige, dem man die Atmnngsluft entziehe. 
»Die Haut als Hülfsorgau der Lungen ist stetes Absonderungs- und 
Ausscheiduugsorgan von Wasserdunst und Gasen und vermittelt 
hauptsächlich durch Ausscheidung von Stoffen aus dem Blute 
— weniger durch Aufnahme von Stoffen von Aufison in das 
Blnt, den sur Lebeusfortdauer notwendigen Mischungs-Charakter des- 

lelben « — Hat aber die Unterdrfickimg der Hani-Thätigkeit 

den Tod eines OeaelidpfeB bot Folge, so rnnüs also aack jede 
St5rang derselben In dem Grade ihres ITmfanges und ihrer Daner 
nngftnstig atof den inneren Oiganismns zorflekwirkeni wihrend 
andereneits es einknehiet, daft wo durch dne entsprechende Pflege 
nnd dordi Fernhalten schSdIicher Einflüsse die Th'atigkeit der Hanl 
gefordert, in ihrer Eegelmäfsigkeit erhalten wird, damit sngleieh 
das Funktionieren der übrigen Organe nntentfitst, mithin das 
Allgemeinbefinden des Körpers, dessen Geenndheitemskand, gehoben 
werden wird. Die Reenltate, wdche die mehrjährigen mit Gewissen- 
haftigkeit fortgesetiten Beobachtnngen des Verfisssers ergaben, dab 
nftmlich 18V«« ^V«t 33%« 50V« «id — nnter besonders günstigen 
Yerhiltnissen — selbst 70 Vo weniger Erkrankungen stets in der 
Jahresieit vorkamen, wo die Truppen Flufobader gebrauchten, diese 
Resultate sprechen sn laut* als dals man — sollte uns scheinen — 
fernerhin sein Ohr denselben Terschlielsen dfirfte. Keine neue 
Ksseme sollte ohne Badeanstalt bleiben, die vielen alten sollten sie 
nachtrBglich erhalten. Die Vorteile, welche aus ihnen &x den Dienst 
entspringen worden, liegen auf der Hand; die Leute wSrden gesunder 
und also leistongsflUiiger; und warum wollte man, wenn etwa die 
anderen Rücksichten schweigen mülsten, sich solche dienstlichen 
Vorteile entgehen lassen? Kommt der Gebrauch von BSdem, da- 
durch dafs er zahlreiche Krankheitsursachen beseitigt, der mili- 
tärischen Ausbildung zu statten, und noch dam in dem Mibe, das 
Verfasser durch seine Zahlen belegt, so ist es unerfindlich, weshalb 
in Wirklichkeit trotz solcher mahnenden Stimmen man in der Be- 
nutzung derselben sieh auf die 8 — 12 Wochen beschränkt, in welchen 
in der Regel, unserer klimatischen Verhältnisse halber, Flnlsbider 



Di» Aiifocdeniiig«D la uumm KMeman. 



190 



nur genommen werden können. Nirgends oder zum mindesten fast 
nirgends findet man Badeanstalten bei Kasernen. Pekuniäre Rfick- 
sichten können es schwerlich sein, die dabei vorw«ilten, denn wo 
thatsächlich Vorteile für den Dienst zu erreichen sind, hat, sobald 
mau sich dessen klar war, noch niemals bisher unsere Militär- 
Verwaltung die Ausgaben gescheut, wenn irgend dieselben im Ver- 
hältnis zu diesen Vorteilen standen, und auch die Fortschrittspartei 
des Reichstages kann sich auf die Dauer der Erkenntnis ja nicht 
entziehen und würde die Mittel bewilligen müssen. Als einzigen 
Grund für diese sonst unerklärliche Versäuiuui.s können wir auch 
hier wieder nur annehmen, dafe wie ja in nuserm gesamten Kasernen- 
Wesen die Grundsätze moderner Hygiene erst seit Kurzem angefangen 
haben zur Geltung zu gelangen, man dieser, vielleicht neuesten 
Forderung derselben an mafsgebender Stelle überhaupt noch nicht 
näher getreten üt. AUerdings wird fttt einiger Zeit, und mit 
grolflem Recht, ein geirisBes €tewicht mf den Unterrieht im 
Schwimmen, als auf eine dem Soldaten für seine körperliche Aus- 
bildung ebenio nütiliefae wie fttr seine Gesondheit heilsame Übung, 
gelegt and dadurch sagleich ja auch der Zweck des Badens d. h. die 
Reinigung der Bant mt Erhaltung ihrer Perepiiation erledigt; immer 
aber bleibt beides auf die wenden Sommermonate beschickt, 
während für die gesamte übrige Zeit betre& der Rdniguug des 
Körpers der Soldat im Grolsen und Ganzen nnr allein auf seinen 
indindnellen Reinlichkeitssinn angewiesen ist, weleh«r in den meisten 
fimien kanm so entwiekelt sein wird, als es wünschenswert wäre, 
und dem, selbst wo er vorhanden wSie, bd den meist dürftigen 
reglementaiischen Waschgefftlsen' wirklich oft uidit einmal genügt 
werden kann. Gewohnheitsmlibig beschränkt sieh seine Sorgfalt fast 
aasBchHelslich anf BSnä» nnd Gesicht, deren Propret&t der gleichen 
Eontrolle unterliegt, wie die Ton Montnr und Waffen; dimtliehe 
anderen Korperteile — die Fülse etwa anagenommen, deren Reinigung, 
wenigstens bei der Infenterie, ja audi dienstlich befohlen nnd berück- 
sichtigt wird — konmien von Schlnls der einen bis zu Beginn der 
anderen Bado-Periode mit keinerlei Wasser in Berührung; dab einige 
Rekmten-Offiziere der Kavallerie am Sonnabend Abend im Stall 
grolse Wüsche der Bone nnd Sitztmle abhalten hissen, um dadurch 
die Leute vor Geschwüren, Durchreiten u. s. w. zu bewahren, ist 
nur eine Seltenheit und Überdies mit Übelständen mancher Ar*^^ -US- 
besondere der Gefahr der Erkältung der Föise auf dem kalte. <jJl- 
pflaster verbunden. 

Wenn hier ein Vorwurf zu machen, so trifft derselbe jedenfalls 



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200 



Die Anloidflniiigeii «n Haien KMenen. 



weniger die Personen, als die VerliiiUrn.sse. Wühl .stei|?t mit d< m 
höheren Bildungsgrade das Bedürfnis häufigerer und gründliclierer 
Uemigung, mau glaubt ja den Grad der Kultur-Eutwickelung eines 
Volkes nach der Menge seines Verbrauches an Seife beurteilen /.u 
können; andererseits aber ist die Uberzeugung von der Erspriefs- 
lichkeit oder Notwendigkeit öfteren Badens noch viel zu wenig 
bisher in das Piililikum und ape/iel! in das Deutsche gedrungen? 
sogar in den hölieren Klassen wird in dieser Beziehung noch ma)iclm 
Unterlassungssünde begangen; Badeanstalten lindet man selbst in den 
gröfseren Stüdten nur in unendlich geringer Zahl. Wenn der Soldat 
das Bedürfnis zum Baden wirklich verspürte, so ist ihm die Be- 
friedigung desfelben unmöglich. Wo soll er hingehen, wenn an dem 
Orte keine Badeanstalt bestehtf und selbst wenn eine vorhanden ist, 
hat er die Mittel, das Bad zu bezahlen? Man wende nicht ein, dafs 
aodi der Arbeiter, der HandweAer u, a. w., überhaupt £e ganze 
hentakise Khine, in der gleidieii Lage eich befinde und doeh be- 
stehen mfisse; man sehe nch nur in diesen Kreisen nm nnd man 
dürfte sehr bald die Folgen solcher Verrilnnuiis bemerken. Wir 
aber haben die Verpflichtung, das in der Petson des Soldaten uns 
anvertrante Qnt aum Besten des Gänsen nicht nur an erhalten, 
sondern auch su fördern; der Zustand, in welchem wir denselben 
fibernehmra, kann der malagebende nicht sein, und wo dn eigenes 
Verständnis dem Manne fehlt, muis er geswnngen werden, den 
Forderungen der Gesundheit gendUs su handeln. Schon Ton diesem 
Gesichtspunkte aus und um die Möglichkeit einer Kontrolle zu 
haben, mnlste die Beiesl^ng an den Bftdera als eine obligatorische 
betrachtet werden und dürfte nur die Erlaubnis des Arztes davon 
befreien. Meist ist diese ISnrichtung ja auch getroffisn. Nur durch 
regelmSlsige, häufige BSder wird jenen Hautkrankheiten und Blut- 
geschwuren Torzubeugen sein, welche best&ndig einen Teil unserer 
Leute (besondeis der Rekruten) dem Dienste entsiehen, und die weit 
weniger in der Terftuderten Lebensweise und Nahrung, wie man das 
meist zu hören bekommt, als in ünreinlichkeit ihren Grund haben, 
wenn den durch das soldatische Leben henrorgerufenen vennehrten 
Ursachen der Verunreinigung der Haut nicht Rechnung gd* 
tragen wird. 

Noch bliebe das Verhältnis zu beleuditen, in welchem die durch 
die Badeanstalten zu erreichenden Vorteile zu den Kosten der 
Anlage derselben stehen würden. Fast möchten wir zwar glauben, 
dafs eine Verminderung aller Erkrankungen um 40*/oi wie sie im 
Mittel aus den Resultaten der fünf Beobachtongsperioden jener 



Digitize^' ' 



Sclirift sicli ergie])t, überhaupt uicht zu theuer zu erkaufen wäre; 
jedenfalls müssen hiergegen die Kosten, wie sie in dem dem Texte 
beigefügten Voranschlage bemessen werden, geradezu nnbedentend 
erscheinen. Inwieweit »lie Höhe der für die ein/einen Posten an- 
gesetzten Betrage den Verhältnissen der Wirkliclikeit entspriclit, 
sind wir zu prüfen ebenso wenig im Stande, als wir die Kichtigkeit 
der gemachten Vorschläge in rein baulicher Hinsicht zu beurteilen 
vermögen. Wohl aber läfst die Sorgfalt, die in den bis in das 
kleinste Detail gehentlen Bereclinungeu zu erkennen ist, uns an- 
nehmen, dafs eine Prüfung technischerscits bereits erfolgt ist, und 
die Differenzen, um die es sich handeln könnte, können niclit bedeutend 
sein. Indem der Verfiusser — und wir müssen ihm darin beipflichten 
— zu gründlicherer Reinigung wie hinsichtlich der Ersparnis an 
Kaum und Zeit, und mit ersterer also auch an Geld, den Douche- 
Bädern den Vorzug vor Wannen- und Bassin-Bädern giebt und 
dem entsprechend die Einrichtungen der Anstalt trifft, gelangt er 
zu dem erstaunlichen Resultat, dafs, wenn anders Kintathlieit mit 
Zweckmäfsigkeit Hand in Hand gehen, die Kosten derselben, um 
dem Bedürfnis eines gau/.en lufanterie-Rcgim.ntd zu entsprechen, 
sich auf wenig mehr als 1500 Thalern belaufen würden. Können 
solche Posten überhaupt nur in Betracht kommen, wo es sich um 
das leibliche Wohl von Tausenden handelt? Dafs es geschieht und 
man mit diesen geringfügigen Summen geizt, beweist, dafs wir noch 
lange nicht in dieser Beziehung auf dem richtigen Standpunkte 
stehen. Im Übrigen ist selbst eine weitere Verminderung der An- 
lagekosten noch möglich, soweit nämlich die eigentlichen Arbeitskräfte 
▼on den in den Truppen befindlichen Handwerkern, die Gespannkrafte 
TOB der Kafallerie und Artillerie so Btellen wifen, und liesonders 
wenn man die Badeanstalt mit Kfiche und Wasehkflclie in Yei^- 
bindung bzichte, wodurch einmal der Bau an dck weniger kosi.spielig 
wfirde, andi die Kosten eines besonderen EesselhattseB wegfielen und 
dann femer ancH die schon an sich kaum nennenswerten ünter- 
haliungskosten noch wesentlich verringert warden. Es betragen 
dieaelben, wie uns durch Zahlen bewiesen wird, fflr Mann und Bad 
noch nicht ganz einen Pfennig! was fQrs Jahr und R^ment (zu 
1500 Kdpfen bei 8 Bfidem in 2 Wochen) eine Summe tou nur 
325 Thlr. ergäbe, von welcher aber anlserdem noch die Ersparms 
an Arzneimitteln und KrankeuTerpflegungsgelder — als eine Folge 
des gflnstignren Gesundheitszustandes — in Abrechnung zu bringen 
wäre. Wenn damit, wie der Herr Verfasser zum Schlüsse behauptet, 
und wir nicht abgeneigt sind, ihm zu glauben, thatsächUch sieh 



L.ivjM^L,j L,y Google 



202 



Die Anfordoningra an onsere KueriMO. 



sogar noch eine absolute En?parnis cigielit, so müssen wir behaupten, 
i\ais unserer Ansicht nach selten Vorschlü^p gemacht sind, die so, 
wie die obigen, das Interesse der Einzelnen niul des (iunzen wahr- 
nehmen, und so, wie diese es verdienen, zur Anwendung oder doch 
wenigstens zu eingehendster Prüfung zu gelangen. Selbst aber mit 
jenen 325 Thlr. für ein Regiment würde die Verbesserung des Ge- 
sund heitsznstuiulfs unserer Truppen um volle 40 Prozent doch 
sicherlich nicht zu teuer bezahlt werden, und sie zu decken dürften 
sich doch wohl irgend welche Ersparnisse oder Privatfonds des 
Regiments vorfinden. — 

Anordnungen für die Beseitigung der Abfülle. 
Es bleibt uns nun noch die Betrachtung derjenigen Vorkehrungen 
übrig, welche für die Beseitigung der Abfülle zu treffen sind, 
und, bei der Grölse und direkten Einwirkung der Gefahren, welche 
BU itnsiireicbendeu derartigen Einrichtungen für die menschliche 
Gemiadfadt entspringen können, viclleiclit in höherem Malse noch 
als die bisher berfihrteii Verhiltnisse mueie Aafmerkaamkeit ver- 
dienen. Die MtMwen der AbfUbtoiFe, welehe Jahr ans Jahr ttn auf 
dem Baume einer Kaserne angeh&uft werden, k5nnen, indem sie die 
Brde mii faulen, gährenden Ph>dukten dnirohsetien, niohi nur allem 
für das Trinkwasser, wo daefelbe mit solchen Erdsehichten in Be- 
rahmng kommt, sondern wie wir das Alle ja wissen, anch f&r die 
Lnft eine der forehtbaraten, weil intensivsten und schnellwirkendstcii 
Qnelle der Vemnrdnigung werden. Mit vollem Reeht hat, nach- 
dem gerade in den durch solche Zersetinngsprozease hervoigemfenen 
Luft- und Wasser-TergiftQngen die wesentlichsten Ursachen der 
meisten Seuchen (T^hus, Cholera, Ruhr u« s. w.) erkannt sind, 
das öffentliche Interesse sieh dieser Frage mgewendet, und gewila 
verdienen die groben YemachtSssigangen, wie sie besonders in 
unsem groben StSdten in dieser Besiehnng selbst bis in die neoeste 
Zeit hinein bestehen, hei den der Allgemdnhat durch ne drohenden 
<}efiihren den scharfirten Tadel Hier, wo mit der Zahl der £än- 
wohneir die Gefahren in ungleich höherem Grade zunehmen, sind 
die aUemmfassendsten Vorkehrungen erforderlich; und mit groCMr 
Freude ist es zu b^grOliMn, dais s. Z. — es ist das noch gar nicht 
so lange her — die Verfareter der fianptstadt den so oft und 
so laut an sie ergangenen Mahnungen Folge geleistet und mit der 
Einfuhrung der Kanalisation, wie wir denken, den anderen Städten 
das Beispiel eines wahren und wirklichen Fortschritts gegeben haben* 
Dais in pekuniärer Hinsicht der Stadtgemeinde schwerere Opfer ana 
der Anlage an erwachsen scheinen, ab msprOnglich angenonnuen 



Digitizc^' 



Die Anfludemogm m «umto KMoraaii. 



208 



waren, ist eine Sache für sich, über die wir hior nicht zu urteilen 
haben. Nirgends aber ist eine engherzige Ökonomie so wenig am 
Orte als da, wo es sich nm die (iesundbcit und das Leben von 
Tausenden, um die Wohlfahrt von Hnnderttausonden liandelt. 
Möchten unsere grofsen Städte sich doch nicht selbst täuschen! nur 
dem Zazug von Aufsen her haben sie das Wachsen ihrer Einwolmer- 
zahl zu danken, denn in Wirklichkeit überstieg bisher und über- 
steigt wohl auch heute noch in Folge ihrer San itäts- Verhältnisse in 
den meisten von ihnen die Zahl der Todesfälle die der Geburten, 
für denjenigen wenigstens, der sie zu lesen versteht. 

Scheuen wir uns nicht, um ein Urteil zu gewinnen, uns ein- 
gehender mit diesen schmutzigen Stoffen zu beschäftigen. Zwar 
bilden die sogenannten Küchen- und Haus- Abfälle: Kehricht, 
Mull, Spülwasser aller Art u. s. w. die grölsere Menge, doch sind 
die gefährlicheren derselben die menschlichen Excremente, 
da eben sie zu jenen schnell wirkenden Verwcsuug^^prozessen der 
Fäulnis den Anlafs geben; die ihnen entweichenden Ga.^e in ihrtui 
reichen (iehalt an Amoniac und besonders an Schwefel wa-sscrstoffgas, 
einem der stärksten Gifte, müssen, kommen sie mit den Atmungs- 
organen in Berührung, von den allerverderblichsten Folgen für die 
Gesundheit werden, können selbst, wie es bei dem Ausräumen von 
Kloaken vorgekommen, augenblicklichen Tod zur Folge haben. — 
Den Gefahren, welche in der dauernden Einwirkung einer mit solchen 
Gasen mehr oder weniger erfüllten Atmosphäre liegen, kann nur 
durch die änfsersten und weitgreifendsten Yorsicbtsmalsregelii bei 
der Anlage der Aborte Torgebeugt werden; um so weniger aber ist 
der Leiditrinn za erklären, mit dem sowohl hierbei, ak bei der 
schlielelicheii BeMitigong der BizcieiiieBle &et überall und insbesondere 
in den grofeen StSdten Ter&hren wird, obwohl doch mit der Zahl 
der an einem Orte insammengehinften Menschen naturgcmäls die 
Grttlse der Gefahr erheblieh wächst So lange diese YerhftltnisBe in 
ihrem heutigen Zustand verbleiben und die SanifÄts-Polusei nicht 
sfarengere nnd rationellere Anordnungen trifft, tragen die groben 
StSdte anch in dieser Beaehung den Eeim m verheerendeu Seochen 
beständig in sich. 

In Shnlicher Weise, wie ffir die Städte im Allgemeinen, tritt 
die Wicht%keit des Gegenstandes nnd die Kotwendigkeit sorgfaltigster 
firwigangen fOr das enge Zusammenleben Tieler Menschen anf dem 
kleinen Banme einer Kaserne hervor. Die Massen d e r Ex er em en te« 
mn deren DnschädUchmaehnng es hier sich handelt, sind in der 
That viel grdlser, als man geneigt i^ anzanehmen. Giebt ein Mann 



204 



Die Anforderongen u tuwre Kaaarmii. 



mit normaler Verdauung und bei kräftiger Nahrung täglich: Vj P^d« 
fester und 2 Pfd. flüssiger Stoffe von sich, so beträgt dies für ein 
Bataillon von r>00 Köpfen: 

täglich an festen Stoffen 2V2 Ctr. und an flüssigen 10 Ctr. 
mithin monatlich >^ »75»»» » HOO » 

und also jährlich » » » ÖOO » » » » 3000 » 

mithin im Ganzen 4500 Ctr. verwesender, Erde und Luft durch- 
setzfMuler Stoffe allein für 1 Bataillon! Diese Zahlen können uns 
die furchtbaren Opfer erklären, welche bei Ausbruch von Epidemien 
in Kasi nien fast unau.sbleiblich sind, wenn irgend die Einrichtungen 
für die Bergung der Excremonte nicht genügen, und das ist, man 
kann es dreist behaupten, bei den meisten der alten Ka.sernen der 
Fall; wo wie hier den Krankheiten der Weg gebahnt ist, müssen 
dieselben ein reiches Feld der Ernte finden. Wir erinnern au das 
Jahr 1813, in welchem mehr als 20,000 Menschen allein in 
Torgau dem Typhus zum Opfer fielen, wir erinnern an die furcht- 
bare Tjphus-Epidemie der Franzosen zu Ende des Erimkrieges, an 
die £pid«iiiieii Ton Meiniugeu, von KMsd und Wittenberg u. s. w., 
wo scbliefeliGlif ak es sa »pat war, fast in allen Fillen ak der 
Aosgaugsponkt derselben die Latrinen, und ale Gnmd fOjr ihie 
erBchiecklicbe Aoadehnuug dwen nngeuügeude Einriditangen erkannt 
wurden* 

Und doch haben selbst solche EHUirnngen nieht hingereicht, 
durchgreifende Malsregehi herbeisufBhren. Um aberhanpt schon 
die Mdglichkdt einer Inilsiemng der Kasemen-Luft an beseitigen, 
muls, Tiel strenger noch als für die Verlegung der KOchen- und 
BadehSuser, als erster Grundsatz gefordert werden, die eigentüchen 
Latrinen unter allen Umstftnden aus dem Innern der Geb&ude 
und zi^Ieich aus deren unmittelbarer NShe su entfernen; nur jene 
neben den Waschr&nmen gelegenen (und durch diese gehdrig ge- 
spulten) Pissoirs und die für die nachtKchen Bedürfnisse benötigten 
(bei Tage yeischlossenen) Aborte dnrften in denselben belassen 
werden oder sind sweckm&kig mit jenen zu vereinigen. Insonderheit 
aber mtlssen die Latrinen selbst, was Bau und Konstruktion betrifft, 
dem Zwecke der ünschadlichmachung der Ezcremente entsprechen, 
und gerade sie sind in den meisten unserer Kasernen ein Funkt, 
der Vieles su wfinschen übrig l&bt Es ist ein eigentDmfichea 
Zeichen fnr den hygienischen Unverstand der Yorzdt, dab man in 
allen diesen Bemehnngen volUtilndig achtlos und gleiehgttltig su 
Werke ging, man sehe nur, wo und wie in alten Häusern (und 
Kasernen) die bezfiglichen Einrichtungen getroffen sind. Schon auf 




Die kthtdmaigtn an nnieie EaMnen. 205 

• 

weithin ist ihre Lage an den pestartigen Gerooben erkenntiich, 
welche ihre Umgebung erfüllen, während ihre innere Beschaffisnheit 
einen Gegenstand des Schreck« ns für Jedermanu und damit eine 
Veranlassnng zu fortwahrender Verunreinigung bildet. Umgebung 
nnd Einrichtung entsprechen sich dann in der Regel nur zu sehr; 
in der mangelhaften Bescliaffenheit und AussCattung der Aborte 
mala die Thatsache ihre Erklärung finden, dais selbst in gut be- 
anfidchtigteu Kasernen mehr als Vio Excremente nicht in die 
dazu bestimmten Orte gebiacbt. vielmehr häufig gcnu«^ in nächster 
Nähe der Wohngebäude verstreut wird. Der Widerwille vor den 
fraglichen Orten wird die Indoleoz Mancher, die den Wt g zu ihnen 
schenen, unterstützen. — Ein«, gewisse Bequemlichkeit, sagen wir 
selbst Behaglichkeit ist eben auch f&r die Latrinen unerläfslich, es 
ist die menschliche Natur auf sie angewiesen und hat damit ein 
Hecht sie zu fordern; eine Beseitigung der bestehenden Übelstände 
wird ohne fine solche kaum durchzuführen sein. 

Die für die Anlage der Latrinen bis jetzt bei uns geltenden 
Be.slimmuDgen können weder dem Gesichtspunkte der Rfinlieliknit 
noch den Erfordernissen der Notwendigkeit genügen. Vor allen 
Ding«Mi sollte, wenn ir<^end möglich, der Ansehluis derseHien an eine 
Wasserleitung bewirkt werden, in Ermangelung einer solclien 
wäre ihre Vereinigung mit Wjxschkiichf und Bade-Anstalt, deren 
Wasser znm Spülen benutzt werden könnte, nicht unpraktisch. An- 
pflanzungen von Bosqnets u. dergl., wie man sie zu gleichem Zwecke 
z. B. auf vielen Bahnhöfen findet, würden die ästethischen Bedenken 
beseitigen. Groüse metallene oder glasierte Tröge aus Steingut 
sollten zur Aufnahme der Excremente dienen, während eine .sf»rg- 
fältige Spülung die Entwickelung, und gut schliefHende, seihst t hat ige 
Deckel da.s Eindringen der Gase in den Sitzraum auf ein Weniges 
beschränken mOfsten. Niemals aber dürfte wie l>ei den Water-Closets 
der meisten Privathiiuser die Spülung dem guten W^illen des Einzelnen 
überlassen bleiben, raüfste stets vielmehr entweder auf mechanischem 
Wege — etwa in Verbindung mit den (von selbst zufallenden) 
Thüren — oder besser noch durch besonders da/u kommandierte 
Leute — nnd zwar taglich 1 bis 2 mal — bewerkstelligt werden. 
Von ))e.sonderem Vorteil würde ferner, vornäinlicli da, wo eine Spülung 
nicht zu ermöglichen, eine eigens für dun Urin bestimmte Rinnen- 
leitnng an der Vorderwand der Sitzplätze sein, um ihn gesonderten 
Samnielgefätsen zuzuführen und damit die schnellere Zersetzung der 
festen StoflFe und also die schnellere Entwickelung von Paulnisgasen, 
wie sie der starke Amouiac-Gehalt des Urins begünstigt, wenigstens 



uiyiiizeo Dy Google 



206 



Dit AnfoidBniiigMi tu nnMra Kiwnion. 



, der Hauptsache nach zu verhindern; unvermeidlich geradezu erscheint 
diese Vorrichtung für die den näclitlichen Bedürfnissen im lauern 
der Kaserne dienenden Notlatrinen. Übrigens ist eine solche Trennung 
der flüssigen von den festen Stoffen auch in ökonomiBcher Beziehung 
von Vorteil, indem sie eine Verwertung des Urins als Gerb- und 
Farbestoff für Fabrikzwecke fniiüglieht und aufserdem den festen 
Stoffen, in Folge der langsameren Zersetzung, in höherem Grade die 
Dungkraft erhält. Wo die Kasernen- Verwaltung die Verhältnisse 
richtig zu würdigen weifs, wird sie nierken, dafs die üunggrube zu 
einer Goldujruhe nicht nur für den Lnndmann wird. Wir haben 
bisher indessen wohl von den Duugkasüen der Kavallerie-Regimenter, 
aber noch nie unseres Wissens von den Latriuenka-Ksen der Kastniieu 
gehint, obwohl doch jene 4500 Ctr. eines Bataillons keinen «geringen 
Wert abgeben dürften. — Auch wollen wir sihlielslich noch bemerken, 
dafs um die Entwiekelung der (iase zu verringern, es enij)fehlenswert 
sein wird, bt stäiulig einen Luftzug durch die Tröge hindurchzuleiteu ; 
die natürliche Ventilation wird auch zu diesem Zwecke den Vorzug 
verdienen, müfste womöglirh aher, lun unalih'angig von der Witu rang 
zu bleiben, eine Ergänzung durch einen künstlichen Apparat er- 
halten, da nur allein ein solcher bei ruhigem (und warmeiii) Wetter 
wird den erforderlichen Luftstrom zu erzeugen vermögen.*) Zum 
mindesten wird durch eine Ventilation, wenn auch natürlich die 
Entwiekelung von Oasen innerhalb der Tröge nicht gänzlich wird 
gehindert werden können, immerhin doch die Beseitigung derselben 
beeeblennigfc und dadnroh dasu beigetragen werden, den Aufenthalt 
in d«Q Latrinen eitriglieh m machen, VentilationakanBle in dem 
Manerwerk, womSglidi in Yerbindnng mit Gasflammen, in entsprechen- 
der Hdhe angebnohi, würden dem gleichen Zweeke dienen. 

DaÜB snr Herstellong dea Luftangea die Scheidewände der einseinen 
Sitaplfttse fortfoUoi rnübten, ist klar, es können SchickUchkeits- oder 
gar sanit&re Bedenkm (wegen Lnftanges n. dergl.) dem nicht entgegen- 
stehen; wohl aher scheint es geboten, im Hinblick auf die gemein- 
schaftlichen Essenszeiten und die meist gleichseitigen Dienststanden 
der sämtlichen Insassen der Kaserne auch fttr die Zahl der Sitaplätie 
weitergehende Forderungen au stellen, als dies durdi die regilemen- 
tarischen Bestimmungen mit 12 Sitsen für dn Bataillon geschidit; 
selbst das Doppelte derselben wdrde oft dem wirUidien Bed&rfnis 

•) Es mofs jedoch vor der Annahme des einst zu eiiit r j^ewissen Berühmtheit 
gelaugten Darcet'achen Apparats gewarnt werden, dessen Anwendung heiXser Dämpfe 
geaandlidiSKlAdlndi md lelbst, warn der sehr unstftndlicbe MechamuBOB venagt, 
nieht geftdirlm ist. 



Die Anforderungen an onsere Kasernen. 207 

nidii g0D3geii; aofterdeiii aber tollte, wie schon die Rocksiefaten . 
der Disnplin das Terlangen, ein besonderer, abgeschlossener Raum 
aar Benntanng fftr die Unteroffiziere bestimmt werden. — Fnfsboden 
nnd W&nde werden, nm sie vor den Einwirknngen Ton Feuchtigkeit 
und Gasen sa bewahren, mit einem Theer-Anatrich oder mit 
Schieferplatten oder einer Asphaltlage in Tenwhen sdn. <— Was 
Bchlidistlieh die Bergung der Ezeremente anbelangt, so würde 
dieselbe, wo eine Wasserleitung za sofortiger definitiver Beseitigung 
derselben nicht vorhanden, am zweckmabifpten dnreh Tonnen er^ 
folgen, welche, gleichviel ob Sammeltönnen oder einzelne kleinere, 
nach Konstruktion und Beweglichkeit (letztere etwa mittelst BSder 
und £isen))ahu8chienen) in jeder Hinsicbt die endgQltige Beseitigung 
der Abfälle begünstigen müssen. 

Auf die Einzelheiten solcher Einrichtungen einzugehen, ist wohl 
kaum erforderlich. Doch mochteu wir einen Blick noch auf die 
Pissoirs werfen, die ebenfalls bei ungenügeiulcn Anlagtni den gräu- 
lichsten Verunreinigungen ausgesetzt sind. Erfordert die Rücksicht 
auf die menschliche Natur, welche ein lulufigeres Absondern der 
flüssigen Stoffe bedingt, aulser den lAtrinen die Anlage besonderer 
Urinierplätze, so müssen dieselben, sollen sie ihren Zweck erfüllen, 
wie jene in Zahl und Einrichtang dem Bedürfnis entsprechen. Dafs 
dieses die Pissoirs unserer Kasernen thaten, dürfto wohl schwerlich 
zu behaupten sein; umgekehrt vielmehr fordert die Art ihrer 
Einrichtungen nnd ihre unzulängliche Anzahl die Leute gleichsam 
sogar zur Benutzung anderer Orte auf. Statt wie bisher in die 
äufsersteu Winkel nnd die verborgensten St^'llen des Hofes, welche 
in ilirer Entlegenheit gerade die Vernnreinigung hei^ünstigen und 
andererseits der Anlals werden, bequemere leichter zu erreichende 
Orte aufzusuchen, sollten die Pissoirs, wie es neuerdings j;i auch 
auf den Strafsen geschieht, gerade an in die Augen springenden 
►Stellen möglichst zahlreich und in gleich mäfsiger Verteilung über 
den Hüfraum errichtet sein, um in jeder Weise dem Soldaten die 
Befriedigung seiner Bedürfnisse nach Möglichkeit zu erleichtern und 
ihm den Grund zu benehnien, sich anderwärts derselben zu ent- 
ledigen. Zugleich würde die Otfentlichkeit die beste Kuutrolle der 
Reinlichkeit sein, ohne dafs in derselben, da es ja um von der 
Natur gebotene Verrichtungen sich bandelt und wenn sonst nur 
der Anstand gewahrt wird (Anpflanzungen buschreicher Sträucher 
und dergl. wären auch hier zu empfehlen), eine Verletzung der 
Schicklich keita- Rücksichten erblickt werden könnte. Vor allen Dingen 
aber muis auch hier natürlich die äulserste Reinlichkeit herrsciieu, 



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208 



Die Anfordeniiigien an nnei« KaaMmen. 



und wenn eine (womöglich beständige) Spülung zu diesoin Zwecke 
zu wün seilen, so ist eine Asphaltierun«^ <les Hodens unweigerlich 
zu fordern; auch sollte, da sell).st getheertes Holz der zersetzenden 
Wirkung des Urins auf die Dauer nicht widersteht, für die Rinnen 
wie auch für die ^\':inde grundsätzlich nur Metall zur Verwendung 
konimen. Mit Ijesonderer Sorgfalt al)er wäre die Ableitung des 
Urins zu regeln, solmld, was ja am vorteilhaftesten ist, eine solche 
durch die örtlichen Verhältuisae g^stattet wird; anderenfalls dürften 
zur Ansammlung dcsfelhen nur gciheerte, mit sicher si hlit fscnden 
Deckeln versehene Tonnen aufgestellt werden, denen durch den 
Zusatz von Karbolsäure, welche das Faulen des Urins verliindert, 
eine fast völlige lieruchlosigkeit zu geben wäre. — Unbedingt aber 
ist bei der Anlage der Urinieri)lät'/.e die Nähe der Latrinen, sowie in 
Rncksicht auf eine \'ergiftung des Trinkwassers die Nähe der 
Brunnen auf das Sorgsamste zu vermeiden. 

Noch tritt uns dann die Frage entgegen, auf welchem Wege 
jene Massen von Abfallstotfen, Excreuientc, wie Küchen- und Haus- 
Abfälle, endgültig zu beseitigen wären, um die in einer An- 
häufung derselben liegenden Schädlichkeit^^n zu verhüten. Die best*», 
ja die einzige, eine wirkliche Abh(i!fe gewälirende Art bliebe 
innner nur die Kanalisation. Die Vorteile dieses Systems, wie 
sie in der gründlichen Beseitigung alles Unrates gewissermafsen 
bereits im Momente des Entstehens und gleichzeitig ferner in 
der Regulierung der Grundwasser- Verhältnisse beruhen, liegen zu 
sebr auf der Hand und haben speziell in den letzten Jahren ein m 
allgemeines Interesse erregt, als dafs eine Wiederholung derselben 
hier am Orte adiiene. Die Vorwürfe, welche man glaubte der 
KamÜBBtion madieii sa k&moi, aind, wenn anders die Terwaltang 
rationell Torgeht, was leider ja nicht überall der Fall sa sein schont, 
und eine entsprechende Yer Wertung der Abfinlidioffe herbeixnffihren 
ist, gegenwärtig als ein überwundener Standpunkt zu betrachten: 
diejenigen einer kostspieligen Erhaltung haben dnrch den Hinweis 
auf die Benntsnng des Wassers als des billigsten Befördemngs- 
Mittels ihre Erledigung gefhnden, die der Gefahr der Boden- and 
Lnft-Yergiftang durch die Wände der Kanäle hindurch sind gegen- 
über den Fortschritten unserer heutigen Technik hinfällig geworden, 
und endlich diejenigen der Gefährlichkeit der bei den Erd- 
arbeiten sich entwickelnden Gase — durch Hindentnng auf 
die Gefahrlosigkeit der täglichen Gas- und Wasserleitungs- 
Anlagen beseitigt. Nur muls eben, wie nun wiederholt schon 
angedeutet, die KanaUsation sich nicht lediglich mit der Beseitigung 



^ ij . .-Lo Ly Google 



Die Anforderungen an unsere Kasernen. 209 

der Stoffe begnSgen, gleichviel wae dsun aus denselben wird, eondern 
miui muls sich erinnern, dals ein nngehenrer, adtliefelich Millionen 
dentellender Wert in ihnen steckt, welche, indem man sie in 
Seen n. s. w. ableitet, der in FHige stehenden Stadt, wie Land- 
wirtschaft Terloren gehen. Wir müssen, ohne nns anf weitecgehende 
Eröitemngeii einlassen zn kdnnen, die reine Kanalisation ans diesen 
Rficksiditen somit verwerfen nnd kdnnen ihr aneh in einer Yer- 
einignng mit Bieselfeldem (siehe Berlin), die bald doch geefttt^ 
weiden müssen, nur dnen hesehrftnkten Wert beilegen. Doch dies 
nnr nebenbei, jedenfalls ist jede Kanalisation ein wesentlicher sanitftrer 
IVurtschritt, indem mit ihrer EUifShrang der Gtaandheitsinstand ein 
besserer nnd die Sterblidikeit eine ungleich geringere werden wird, 
gleichwohl dürfte es noch lange anstehen, trotz des Vorbildes von 
Bertin nnd des Beispiels der meisten englisdien Stildte, bis anch bei 
nns die Annahme derselben eine allgemeine geworden sein wird. 

In der Mehrzahl der Fälle werden wir viel mehr unsere Ein- 
nehtnngen noch anf lange hinaus aaf das Abfuhrsystem stützen 
müssen. So wenig bei diesem aber die verwickelten Konstruktionen 
des Liennr^sdien Systems mit seinen pneumatischen Böhrai nnd 
grofsen Darapfpnmpen zur Anwendung zu bringen wären, zumal es 
für die Beseitigung der Abfall wässer aulserdem eine daneben be- 
stehende Kanalisation zn verlangen scheint, so werden wir stets es 
doch als einen wesentlichen Vorteil betrachten kijnnen, wenn sieh 
die Abfuhr mit einer mechanischen Filtration in Verbindung bringen 
lädst und so mittelst der aus den Sammelgruben fuhrenden Abzugs- 
rohren wenigstens eine Trennung der flüssigen Bestandteile von den 
festen zu bewirken wäre. Ob jene den Flüssen zugeführt werden 
oder zu wirtschaftlichen Zwecken Verwendung erhalten, kann, wenn 
nur die Mündungsstellen bczw. die Felder in ^renügender Entfernung 
von den Wohnstätten liegen, dem sanitären Interesse ja gleich- 
gültig^ sein. Die Hygiene ktimnicrt sich von ihrem Ciesicbtspunkte 
aus nur allein um diese, sie kann die Städte nicht als die Duug- 
gruben der Landwirtschaft betrachten, und ob durch die Art der 
gewählten Methode die Dungkraft der Abfallstoffe verloren ü;elit, ist 
für sie ohne Belang. Es ist Sache der Verwaltung, nach Miifflichkeit 
die sanitären mit den pekuniären Interessen in Einklang zu bringen, 
der Staatsokonom hat nach beiden Seiten hin zu prüfen und zn 
erwHjren, ihm sind die Abi'allstoÜe u. s. w. so gut ein Teil des 
nationalen Besitzes, wie der Grund und Boden, dem er sie zuführen 
will, um seine Erzenguugsfäiiigkeit zu heben. 

Ebenso wenig, wie über die Kanalisation, kann es in unserer 
UMfciM m «• dnimm am» ui MuiM. Bd. zLvm« 1 14 



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210 



IMe Anfbrdimqgflai w hhmw KMeneiL 



Absicht liegen, uns des Weiteren über das Abfahrsystem auszu- 
lassen; die Mangel desfelben sind ja bekannt und treten, besonders 
iu den gröfsereu Städten, taglich von Neuem wieder hervor. Dann 
•dher (Mitzieht sich die Art der Abfuhr an sich fast völlig der 
iiiiliilirischeii Einwirkung;. Der Stadt oder einzelnen Unternehmern 
anbeiuifallend, kann der Truppenteil in der Regel nichts thun, als 
auf strengste und pünktlichste Erfüllung der kontraktlich ein- 
gegangenen Verpflichtungen zu halten; jedenfalls aber wäre, um 
cinrr Anhäufung der UnratstofFe vorzubeugen, eine möglichst häufige 
üeseitigung derselben zu vereinbaren, auch dürfte, um ein Ver- 
streuon des T'nrats, soweit solches trotz öfterer Untersuchung der 
Sammeltonnen noch möglich, zn verhüten, die Eutleming der Kloaken 
stets mir unter Aufsicht ge.schelicii. — 

Der Desinfiziernng der letzteren können wir einen grofsen 
Wert nicht beilegen. Trotzdem dafs sie durch die oben befür- 
wortete Tronnun'^ der festen von den flüssigen Stoffen begünstigt 
werden würde, so i.st die Masse der enstereu eine zu grobe, als dafs 
ein durchgreifender Erfolg zu erwarten wäre. Und stets bliebe 
aufserdem als eine ofVene Frage noch die nach den Desinfektions- 
mitteln, denn einerseits trägt die seit 1808 ro^lementarisch anzu- 
wendende Süvern'.sclie Masse in der Küstäj)ieligkeit ihrer Be.standteile 
(l Teil Steinkohlontheer, l Chlorraagne-sium, 7 Atzkalk) einen 
gewichtigen Nachteil, und andererseits dürfte die dem Prinzip der 
Erd-Klosets entsprechende Desinfektion mittelst getrockneter 
Erde, ihrer Umständlichkeit wegen, denn woher sollte man die 
benötigten Massen an Erde nehmen, in Ka.sernen kaum zur An- 
weudang gelangen können. Es weisen uns eben auch diese Ver- 
liftUnisse anf die Kanalisation als die einzige rationelle und erschöpfende 
MaDsregel hin. — 



IKa lnlwkl»Iang der naiaAm Flotte Mit dorn Krimkri^. 



211 



xn. 

Die Entwickelimg der russisclieii Plotte seit 

dem Eiiinkn^e. 

A. T. DrygalBU. 

(BeUafk) 

m. Die Offensiyflotte. 

Ende 18ßl wurde im rossiflcben Staatsrat bei YorJage des 
Budgets des Marinemmisteriams für 1862 in emem besonderen 
Bericht NaclislfhendeB gesagt: »Ganz abgesehen Ton der ungebearen 
Überlegenheit der englischeM und französischen Panzerflotten, ist 
^nch bei den maritimen Mächten 2. Banges ein Streben zn tfböhter 
Thätigkeit im Seewesen bemorklich. Osterreich, welches keine 
Kriegsflotte im eigentlichen Sinne des Wortes besitzt, nnd Spanien, 
welches schon längst seine frühere Bedeutung zur See verloren hat, 
wenden grofse Anstrengungen an, das eine, eine Flotte zu schaffen, 
das andere, sie umzugestalten. Anfserdem entsteht iai Süden Europas 
das neue italienische Königtum, dessen umfangreiche Küsten alle 
Vorteile zur Aufstellung einer mächtigen Flotte bieten, die leicht 
den dritten Platz in der Reihe der europäischen Flotten, d. h. einen 
Platz einnehmen küuute, der so lauge Russland angehört hat. In 
unserer nächsten Nachbarschaft aber, in Preufeen, wird die Absicht 
der Regierung, eine Kriegsflotte zu schaffen, tou der nationalen Be- 
wegung unterstützt « 

Diese Voran ssaguu gen haben sich, wie der Bericht des Marine- 
ministeriunis vom Jahre 180 4 besagt, bestätigt. Derselbe äufsert 
weiter: »Die maritimen Operationen der mit fabelhafter Schnellig- 
keit entstandenen nordamerikanischen Flotte veranlalsteu den Beginn 
eines ungeheuren Umschwungs in der Kriegführung zur See, dessen 
endgültige Resultate in gegenwärtiger Zeit noch niclit vorauszusehen 
sind. Im Allgemeinen mufs man .s;igen, daü* die Einführung von 
Paiizerschi£Peu die Flotten der Seemächte zweiten Ranges in ganz 

14* 



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212 



Die Entwickeliing der nmiielieii Flette seit dem Ktimkiieg«. 



andere Verhältnisse bringen kann. In der That selicn wir, dafs 
sogar Schweden, das jeder maritimen Bedeutung entsagt hat, heute 
Pauzerscl litte baut, nielit minder das kleine, durch einen angleichen 
Kampf erschöpfte Dänemark. Das zur Einigkeit gelangte Italien 
besitzt jetzt mehr Panzerschiffe als Rnssland, und das uns iienach- 
barte Prcur>;en, das bisher in seinen maritimen Bestrebungen durch 
den Mangel eines guten Kriegshafens im Baltischen Meere geh^ mint 
wurde, hat sich 1801 in Kiel eingenistet, das es vermutlich ebenso 
sicher festhalten wird, wie es verstanden hat, es zu nehmen. — 
Dieses letzte Ereignis gewinnt für uns eine besondere Bedeutung, 
weil die weitere Entwiekelung der preufsischen , bezw. deutschen 
Flotte die p()liti-;ehe Bedeutung Russlands in den Baltischen Ge- 
wässern, wo es im Verlauf des letzten .Tahrhunderts vor allen fönf 
Ci rofsmächton Europas die Oberhand liatte, vollständig verändern 
kann. Es ist nicht in Abrede zu stellen, dafs diese neue Situation 
in Zukuntl eine solche Verwickelung der l'mstände herbeizuführen 
vermag, welche Ivussland nötigt, hi'ichst energisch seinen Eintiufs 
unter den baltischen Mächten aufrecht zu erhalten. Noch weniger 
kann man läugneu, dafs in diesem Falle ein Hauptwerkzeug unserer 
Politik in der Panzerflotte bestehen wird. 

Welches aber auch die Vorzüge der bisher bei uns entstandenen 
PanzerschiflTe sein mögen, so können dieselben, weil hanptsachlich 
fQr defenare Zwecke ausgerastet^ nicht als selbstständige Offensiv 
kfaft angesehen werden, und wenn sie auch an den Ufern des 
Feindes m operieren befolgt sind, so TermSgen sie eine wesentlicfae 
Mitwirkung beim OjSeusiTkriege doch nnr im Verein mit einem 
Geschwader Ton Panserlinienschiffen zn leistooi. AUe dem fibiin^ 
ministerinm zur Erhannng von Schiffen sngebÜligten Mittel werden 
gegenwärtig and noch fSr lange Zeit für die Herstellung einer ansp 
reichenden maritimen Verteidigung unserer ESsten in Anspruch 
genommen. Die Ansfohmng dieser Erfordernisse an&nhalten oder 
KU versögem, halte ich der Eurer Majestät bekannten Ursachen 
wegen f&r nicht möglich. Es liegt daher hei den sieh jetat voll* 
zogen habenden Thatsachen das einzige Mittel fQr Rnssland, den 
ihm gebfihrenden Euiflnfe zor See aufrecht zn erhalten, darin, dem 
Marineministerinm besondere Mittel anzuweisen, die es ihm ermög- 
lichen, zum Bau gepanzerter Fregatten für die hohe See zu sdireiten, 
ohne indessen dem Bau einer Defensiyflotte Einhalt thnn. zu dürfen.« 

Die Ereignisse der Jahre 1866 und 1870—1871, fiber deren 
Bedentang auch hinsichtlieh der Entwickelang der dentschen'Flotte 
wir uns nicht weiter zu yerbreiten brauchen, k(«nte ob^en TOm 



IM» Entwickelmig d«r nusischeii Hotte wdt dem Srimkziege. 213 



MariDemüliBterinm gehogteii Anschauuugen nur neue Nahrung geben, 
und 80 sehen wir denn in der That, dais die russische Flotte seit 
dieser Zeit ebenfalls einen ementen Aufschwang geuommen hat. 
Um das Jahr 1861 konnten nur die Fregatten »Sewastopol« und 
»Petropawlowsk« als Panzerschiffe für die hohe See heseichnet 
werden. 

Als das Mariueministerinm zum Bau der Pun/' rflotte schritt, 
war es zwar im Prinzip entschieden, dafs die Schiffe aus Eisen 
gebaut werden sollten, ans Geldmangel jedoch, und um schueller 
vorgehen zu können, wurden nach dem Muster Frankreichs und zum 
Teil auch Englands Maisregeln getroffen, die bereits besiilHnden 
Holzschiffe mit Eisen zu beschlagen, obwohl man wnfete, dafs der- 
artige Schiffe keinen langen Bestand haben konnten. Unter den 
damals vorhandenen Schiffen der russischen Schraubenflotte hätten 
sich die Dreidecker »Kaiser Nicolai I.,« »Sinope« und »Zesare- 
witfjch« und die Fregatte »Generaladmiral« zur Umwandlung in 
i'anzerschiffe geeignet; die Umarbeitung hätte aber grofse Kosten 
verursacht und die Diciisttürhtigkeit der Schiffe um viele Jahre 
verkürzt; mau hielt es dahtr für besser, sie in dem liisherigeu Zu- 
stande zn belassen und sfie nur im Falle eines Krieges, ohne zu 
durchgreifenden AiKleniii^'eu zu schreiten, schufll in Stand zu 
setzen. So wurden denn nur die zwei Freihatten ^iScwastopol« und 
»Petropawlowsk«, beide zu 58 Kauniu-ii uml 18 Gl in Petei'sburg und 
Kronstadt aus Eichen-, Teak- und I loiwlnrasliul/, gebaut, Ende 1862 
zur Umänderung erkoren. Dieselbe ei^streckte sich auf die Panzerung 
des ganzen Bordes nebst Herstellung von Batterien nach dem Muster 
der englischen und französischen SchiH'e. An Stelle der bislnrigcu 
glatten Geschütze erhielt die »Petropaw lowsk^ 21 achtzöllige 
und 1 secliszölliges gezogenes Geschü'z, die »Sewaj>topol< dagegen 
16 achtzöllige und 1 sechszülliges (ebenfalls gezogene) Geschütz. 
Die »Sewastopol« verliefs, fertig gestellt, das siulliche Dok von 
Kronstadt im August 1801, während die »Petro])awlowsk« in Peters- 
burg ein Jahr später ihre Vollendung erhielt. Die Maschinen für 
die »Sewastopol« gingen aus der Ishorski'schen Fabrik, die der ~> Pe- 
tropawlowsk« aus der Berd'schen Privatfaljrik hervor, zeigten sich 
bei dem langen Gebraucli der Fregatten allen Anforderungen ge- 
wachsen und ergaben eine Fahrt vcm 12 — 13 Knoten. Beide Fregatten 
hatten drei Mitsten, aber keine vollständige Fregattentakelagi', so 
dafs sie zu Krenzerzwecken auf dem Oceaii nicht branchbar waren. 
Immerhin besafseu sie so genügende maritinn* l^igenschaften, dafs, 
abgesehen von der Schifffahrt im Baltischen Meere, im Bestände des 



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214 



Di« Entvickdoiig der nuaiichen Slotte seit dem Krimkriege. 



Panzerpeschwnders, di*^ >^ Pctropawlowsk« nach zehnjährigem Gebrauch 
noch im Stande war, die Reise von Kronstadt nach dem Mittelmeere 
zu unteniplimon und 1877 zurückzukehren. Jetzt sind beide Schiffe 
im Hafen aufser Dienst gestellt. 

In Folge des Umstandes, dafe fast alle damaligen europäischen 
Panzerschitfe keine genügenden maritimen Eigenschaften zeigten, 
strebte man bekanntlich in Westeuropa dahin, Panzerschifife her- 
zustellen, die man im Notfalle als Kreuzer im Ocean und zum 
Stationsdienst verwenden konnte. Zu diesem Zweck schrieb das 
englische Marinenn'nisterium eine Konkurrenz aus, in welcher der 
berühmte Scliiffsingeiiienr Reed mitäeiueu kasemattierten Panzer- 
schiffen den Sieg tlavon trug. 

Die Hanpteigentümlichkeiten des Systems sind kurz folgende. 
Erstens sollten diese Schifife wendiger sein, als die alten Panzer- 
schiffe; es mufsten daher ihre Dimensionen yerringert werden, ohne 
ihre Stärke und ihre Schnelligkeit unter Dampf zu verkürzen. 
Zweitens mnCiten sie auf Grund des AoftreteuB der 9 und 10 zolligen 
gezogenen Gaehntw und dee sieli fibesdurapfc venürkenden Kampfes 
zwischen Artillerie nnd Panser, stSrkere Paniemngen erlialten, nnd 
drittens Terlangto die Anwendung von Unterwassertorpedae und 
Bammen eine Verbessernng der Eonstmktion der PanieEsehiffe: ans 
ESsen, mit doppeltem Boden, wasserdiohten ComparUmeDis nnd mit 
Spora. Zur Erreichung dieser Anforderangen panserte Reed nur 
den mittleren, die Centralhatterie oder Kasematte hfldenden Teil 
des Schiffes, der, f&r Geschosse undurchdringlich, nur eine kleine 
Ansah] GeschQtse des stirksten Kalibers enthalten sollte. Mit dieser 
Kasematte bildete ein Ton ihr nach beiden Seiten längs der Wasser- 
linie fortlaufender PansorgOrtd gewisserma&en ein Ganses und be- 
zweckte den Schutz der Bemannung, der Geschfitze, der Usschine^ 
des Steuers und anderer edler Teile des Schilfias, dessen Gewicht 
und Ladung hauptsSchlich nach der Mitte zu . koncentdert wurde, 
wahrend zur Erhöhung der maritimen Eigenschaften und der Wendig- 
keit das neue Panzerschiff, das man als den in jeder Hinsicht Tor- 
zflglichen Bdlerophon-Typ beseicbnen kann, eine geringere Lftnge 
gegenüber den Siteren Modellen erhielt. 

Das russische MarineminiBterium entsohlois sich im Jahre 1864, 
nach dem Beed*schen System zwei Fregatten »Fürst Posharskit und 
>Mininc zu erbauen, deren Zeiehnungen Ton dem technischen Schiffs- 
banoomü^ angefertigt wurden. ftVots der gleichen Znchnungen und 
der fast gleichzeitigen Inangriffnahme des Baues waren die auf die 
Fertigstellung der Schiffe einwirkenden Umstände doch sehr Ter> 



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Kraft der Maschine 

ju«« aer aumomus . indiciert 2,835 



Die EuMckelnng der mMiKhea Flotle Beit dem Krimkiwge 215 

schieden. — Der Bau der »Fürst Posharski« begann 1S04 in 
St. Petersburg auf der (ialeereuiusel aus russischem Eisen unter 
Zuhülfonahme der Mitcberschen Fabrik. Die Maschine, GOO Noniinal- 
pferdekräfte stark mit einer Schraube, ging aus der Berdscbon 
Privatfabrik hervor. Die Fregatte lief 1867 von Stapel und hatte 
folgende Dimensionen: 

Länge zwischen den Perpendikalareu 265 Fols 
GröDste Breite 49 » 

Tiefe nach der Zeichnung [ ^^f^ ] 

Inhalt 4,505 Tounen 

I nominell 600 

Gröfste Schnelligkeit 11,7 Knoten. 

Der Rumpf der Fregatte wurde nach dem Zellensystem mit doppeltem 
Boden und undurchlässigen Compartiments mit Scheidowänden er- 
baut. Die Pauzerplatton, geliefert von der Lshorski'schen Fabrik, in 
der Dicke von 4'/2 Zoll für die Kasematte und 4 Zoll für den Gürtel 
längs der Wasserlinie, wurden auf eine doppelte Teakunterlage, in- 
wendig mit Schmiedeeisen beschlagen, aufgelegt. Die Artillerie 
sollte anfänglich aus 8 nennz511igen gezogenen Geschützen in der 
Batterie heetehen. Später erhielt die Fregatte aher in der Batterie 
nor 8 achtacöUige Geschütie und 2 eeohszSIlige Oeschtttze auf der 
schweren Platt^Danu auf dem oberai Deck, ungereehnet einige kleine 
Salut- und Landnngsgeschütse. Nach yolktSndiger FeWägetellnng 
dea Enmpfea und des MechanitmnB wurde die Fregatte »Ffirst 
Poshanid« während der Jahre 1869, 1870 und 1871 auf Prohe- 
fahrten geschickt ^ bei denen aie indessen kdne guten maritimen 
Eigenschaften leigte. Der in der Geschichte der russiseheD Flotte 
eine bedeutende, wenn auch nicht immer unangefochtene BolW 
spielende Admiralt Generala^jntant Popow, ersah jedoch ans den 
sehr grfindlieh von ihm seihst Torgenommenen ünter^nehnngen, dab 
der Fehler nicht in der Eonstruktion des Gk^fifes, sondern in der 
nnzwedcmS&^n Verteilung der Last und in der nicht entsprechenden 
Takelage liege. Die Totgenommenen Änderungen hatten denn auch 
einen sokshen Erfolg, dafe die Fregatte im Jahre 1873 nach dem 
Mittelländischen Meere su Übungsawecken und als Stationsschiff 
geschickt werden konnte, das erste russische Panzerschiff, welches 
die einheimischen Geiribser Terliels. Im Jahre 1875 kehrte die 
Fregatte wohlbehalten nach Kronstadt zurfick und wurde dort be- 
deutenden Reparaturen und Abänderungen unterzogen, letztere 



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216 



Die Gntwidcalimg der ronüchea flotte Mit dem Krimkriag«. 



1k / »;j;»'n sich namentlich auf einen Belag mit Zink unter der Wasser- 
linie und auf Aufstellung von acht Kesseln anstatt der frühern 
sechs nebst zwei Schoru«teineu, wodurch die Kraft der Maschine so 
verstärkt wurde, dafs sie bei der im Herbst 1877 unteruoninieuen 
Probefahrt eine Schnelligkeit von 11,7 Knoten, d. h. einen Knoten 
mehr als l)ei der Prüfung 1872, erreichte. Aufserdem wurden zu 
derselben Zeit Einrichtungen zur Verwendung von Stangentorpedos 
und Bugsiertorpodos getroffen. In dieser erneuten Verfajssuug ging 
die Fregatte 1870 als Stationsschift' ins Mittelmeer, von dort 1880 
durch den Suezkanal in den Stillen Oceau, von wo sie nach fast 
zweijährigem Verbleib im Herbst 1882 nach Kronstadt zurückköhrie 
und sich trotz mehrfacher durchgemachter Stflrnie in gefahrlichen 
GewSsseru bei der Toigenommeueii Besiehtiguug als in jeder Hin* 
sieht tüchtig erwies. 

Hieraus ist ernchtHoh, in welcher Weise in Bnssland die FVage 
hinsichtlieh der Konstraktion se^higer getakelter Fansersdiiffe 
gelöst wurde.- 

Während des Banes der Fregatte, d. h. von ISM^lQßl, waren 
aber maritime Ereignisse eingetreteni die mit wnnderbarer Schnell^ 
keit auf einander folgten und für immer in der Geschichte des 
Baues von Ptozersehiffen bemerkenswert bleiben werden. Erstens 
fahrten 1866 nnd 1867 spanische, englische und franzSsische Panier- 
schiffe unter den schwierigsten ümstitnden R^sen am die Welt ans 
und zeigten auf diese Weise, da& hochbordige PancerschifEe der 
verschiedensten Typen der Yervollkommnung und sum Kreuzer- wie 
Stationsdienst fähig sind, zweitens fährten die amerikanischen zwei- 
tfirm^en Monitors »Monadnok c und »Miantonomoh« grdlsere See- 
reisen aus, durch die ihre Seetüchtigkeit in so hohem Malse erwiesen 
wurde, dals man bei Entscheidung der Frage ftber die Ausrtlstnng 
gepanzerter Kreuzer auch den Typus der Turmschiffe mit in 
Betracht ziehen mufiste, was sich namentlich auch in England geltend 
machte. Diese .Umsti&nde ftuiimrten ihren Einfluls auch auf den 
weiter unten niher berührten Bau der »limine. Um nun allen 
Anforderungen genügendes, den neueren Fortschritten Betonung 
tragendes Modell aufzustellen, schrieb das russische Marineministerium 
wiederum eine Konkurrenz aus, die gleichzeitig bezweckte, die 
Thätigkeit der Schiffinngenicure auf das Studium des Baues von 
gepanzerten und eisernen Schi£feu zu koncentrieren und sich zur 
Wahl des besten Typus einer m(3glichst greisen Zahl von Projekten 
zu bedienen. — Von den Mitgliedern der zur Prüfung eingesetzten 
Kommission wurde im Dezember 1867 einstimmig das vom Contre- 



Die Entwickelung der russischen Flott« seit dem Krixakriege, 



217 



Adminl Popow aufgestellte Fkojekt als das den Bedingungen der 
Konkorrens am meßten entsprechende anerkannt. Dieses Projekt 
stellte den Typus eines zweitOzmigen, tief im Wasser liegenden 
Pansonschiffee dar, das anigennafoeu der rom Admiral Popow ge- 
legentlich einer Fahrt von Hamburg nach Cherbourg erprobten 
Monitorklasse »Miantonomoh« glich und in den Haupteugen auch 
mit den damals neuesten Schifbkonstrnktionen in England, repri^ 
sentiert durch die mit Brustwehren versehenen Monitors »DeTOsta- 
tionc und »Thundererc, identisch war. Die Idee au diesem, in 
seinen Eigentümlichkeiten hier als belonnt Torausgesetsten Typus 
ist von den beiden Konstrukteuren Admiral Popow und Mr. Beed, 
wie es scheint, gleichzeitig und ?on einander unabhängig (?) ge- 
fiüst worden* 

Zum Bau eines Monitors nach dem Projekt des Admiral Popow 
schritt man im Jahre 1869 im Petersburger Hafen mit Begiemngs- 
mitteln. Anfanglich erhielt dieser Monitor den Namen »Kreuzer«, 
im Jahre 1872 jedoch wurde ihm auf Anlafs der 200jährigen (Je- 
burtstagRfeier Peter's des Grofsen, der Name »Peter Weliki« bei- 
gelegt* Als solcher lief er im September 1872 von Stapel und 
wurde nach Kronstadt zur Fertigstellung fiberfuhrt. Die Dimen- 
sionen dieses Panzerschiffes sind folgende: 

Länge auf der Wasserlinie bei Last 329 Fuls 
Breite mit Panser und Unterlage 63 > 3 Zoll 

Tiefe nach der Zeichnung / 1?"^ * « * 

^ Stern 24 » 9 » 

Nominelle Kraft der Maschine 1,400 > 
Der Körper des Scbififes. ist ans Eisen nach dem verTolIkommneten 
Zellensystem mit inneren undurchdringlichen Zwischenwänden und 
Compartimcnts hergestellt. Der Vordersteven ist vollstäudig gerade 
uud ebenso wie der Achtersteven ans Stückgut gegossen. Vom 
Vorder- und Achtersteven bis zu der die -Türme schützenden Brust- 
welir sind leichte eiserne Konstruktionen angebracht, bestimmt, die 
Wirkung der Wellen auf das Verdeck .ibzuschwächeu, namentlich 
am vorderen Teile, und auch, um bessere Wohnungsräume für den 
Kommandanten, die Offiziere und die Bemannung zu bieten. Über 
der Brustwehr und den Türmen befindet sich eine Kommandobrücke 
eigener Form mit Räumlichkeiten für das Steuerruder, die Sprach- 
rohre, Leitungen u. s. w. Der unter dem Wasser befindliche Teil 
des Rumpfes ist mit 2 Schiebten Holz liesclila;ien uud aufsen ge- 
kupfert. Aufsor dem Hauptkiel sind unter Wasser zu beiden Seiten 
desfelben Seitenkicie angebracht, das Steuer ist ein gewühuUches 



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218 



Die EntwiokelBDg der nuuachen Flotte seit dem Kiimkiiege, 



(kein Buhincior), dor Bord des Schiffes über der Wasserlinie und 
5 — 0 Fufs unter deis« lV)en ist mit 12, 10 und 8 Zoll dicken Panzer- 
plutteu auf Teakliolzunterlaur«» von derselben Stärke bekleidet. An 
der Brustwehr und den Türmen ist die Pauzeruni^^ jt-iloch 12 — 14 Zoll, 
auf Teakholz von derselben Dicke, stark. Das obere Deck ist mit 
Platten von 2\/^—S Zoll belegt. 

Die Artillerie der »Peter Weliki« , welcher der Rang eines 
LinionscbifFes, das einzige in der russischen Flotte, verliehen ist, 
besteht jetzt aus 4 gezogenen zwolt'zölligen 40 Tons-Geschüt/.eu, je 
zwei in j<'dein der beiden drehbaren Türme, 2 neuuzölligen gezogenen 
Mörsern auf dem gepanzerten Vorderdeck, 6 vicrpfündigen Descente- 
Geschützen auf der Kommandobrücke und 2 Schnellfeuer-(ieschiitzen 
zur Verwendung gegen Torpedoboote. An Torpedovorrichtungen 
besitzt es bewegliche Stangen-Torpedos und Bug.sier-Torpedo8, denen 
in neuester Zeit die Apparate zum Lauciren von Wbitehead-Torpedos 
gefolgt sind. 

Die motorische Kraft besteht au.s zwei vollständig von einander 
unabhängigen und von einander getrennten Maschinen, Compound- 
system mit 1,400 nominalen Pferdekräfteu mit 12 Kesseln. Die 
1,400 Tonnen Kohlen, ausreichend für 6Vs~7 Tage volle Fahrt, 
fassenden Kohlenbehälter liegen zu beiden Seiten der Kessel längs 
des Bordes und sind in Tsnchiedene hermetisch von einander 
geteilte BehSlimase gesondert Anfter den beiden Hftaptmasehinen 
besteben noch einige kleinere zur Drehang der T&rme, Bewegung 
des Ventilators n. s. w., n. s. w. Die Maschinen des Schiffes gingen 
ans der Berd*schen Prmitlabrik in St. Petersburg hervor und wurden 
1876 vorläufig erprobt Bei der im Sommer 1879 Torgenommenm 
offinelleu Probe entwickelten sie nicht die kontraktlich bedungenen 
9,000 indicierten Kräfte, dem entsprediend war die mittiere grQlste 
Schnelligkeit auch nicht 14 Knoten, sondern nur 12,85 Knoten. 
Diese und andere kleinere Bfängel Termochte man in Bussknd trots 
aller Mflhe nicht absustellen, und wurde das Schiff daher 1881 nach 
England geschickt, woselbst es neue Kessel und neue Maschinen 
verroUkommneten Systems erhielt. 

Man trOstete sich über diese Verzögerung der Tollsffindigen 
Fertigstellung der »Peter Wdiki« damit, dals auch andere See- 
mächte, namentlich England, um allen Anforderungen der neueren 
Technik und Bewaffnung au entsprechen, ihre neu su erbauenden 
Schiffe sehr lange im unfertigen Zustande behssen mufgAen. So 
konnte s. B. die 1869 gleichseitig mit der »Peter Welikic auf 
Stapel gelegte und eben&lls 1872 abgelauftee »Thundererc erst 



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Die EntiieUhug der raeeieebeB Flotte eeit dem Ktindmege 



219 



1878 nach dem Mittelmeere abgehen, wiliraid die »Peter Welikic 
ichoii 1879 in Thätigkeit gewesen war. 

Es kamen zu den erwähnten technischen noch die finanziellen 

Schwierigkeiten hinzu, von denen weiter unten ausfiilirlicher die 
Rede sein wird. Nichts desto weniger sollten Mühe, Zeit und Geld 
mit Hinsicht auf die »Peter Weliki« nicht vergebh"ch aiifrewandt 
sein; sie hat vielmehr die auf sie gesetzten HofTnunj^'cu später 
erfüllt. Ein von Lord Dufferin als Vorsitzender einer l)e??nnderen 
Kommission 1872 ahgestatteter Bericht erkennt der Panzerschirt'klas«se 
>Devastation< und ^Thundererc, zu der auch die »Peter Weliki« 
gehört, ihrer offensiven und defensiven Eigenschaften wegen, den 
ersten Rang vor allen anderen Panzerschiffen zu, ebenso wie auch 
eine 187G in Enf^iland angefertigte vergleichende Tabelle der »Peter 
Weliki«, hinsichtlich ihrer Stärke und soiisiifren kriegerischen Eigen- 
schaften, den ersten Platz in der Reibe der fremdländischen Schüfe 
zuerkennt. 

Immerhin ist aber auch der Wirkungskreis dieses Panzers ein 
beschränkter, da er keine Segel hat. Es ist ein Schlachtschiff par 
excellence. Um Schiffe zu erhalten , welche allen Anforderungen 
des Dienstes auf dem Ocean entsprächen, schuf die Technik einen 
besonderen Typ von Kreuzern für die hohe See, welcher ebenfalls 
in der russischen Flotte seine Vertreter hat. Bei Herstellung dieser 
Kreu/ertlotte ging das russische Marineministerium von dem mit 
der politischen Stellung Rnsslands in Ostasien zusauinienhäugenden 
Plane aus, dafs zunächst 4 Krcu/.ogeschwader gebildet werden 
sollten, von denen jedes aus einer Korvette und zwei Klippern zu 
bestehen hätte. Von diesen vier Geschwadern sollte das eine sich 
auf Station im Stillen Ocean befinden, das andere von dort zurück- 
kehren, das dritte aus dem Baltischen Meere auf Station gehen und 
das Tieite im Hafen von Kronstadt zur Vornahme der nach 'einer 
dre\jährigen Indienstetellung notwendigen Reparaturen, bezw. zur 
Reserve, liegen. Man brauchte also sur XMtlUung dieses Programms 
4 Korvetten und 8 Klipper, von denen, wie bereits angegeben, die 
letsteren seit 1875 allmShlich fertiggestellt sind. Was den Bau 
der 4 Korretten anbetrifiPb, so beauftragte das Marineministeriiun 
schon Anfiing 1869, gleiehseitig mit dem Projekt für die »Peter 
Weliki«, Contre-Adnund Popow, einen Anschlag nebst Kostenangaben 
fBr Oeeankrenser anftnstellen. Bei dieser Gelegenbeit ging der 
Admind von der Anschauung aus, dals, wenn die an erbauenden 
Kienaer den Zweck bitten, im Falle eines Krieges den Seehandel 
des Feindes sn schfidigen und schwach bewehrte KüstenstatioDen 



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1 

t 



220 Di« E^twiokelaiig der nuaiiclieit Flotte tdt dem Krimkriege. 

aii/ugrcifeii, ohne sich mit. dorn An<i;riff auf Festungen und dem 
Kampf mit Pauzorschiffeu befiisseu zu dürfen, die russischen Krciizor 
in dt-m Mufse stärker und be&ser sein niiifsteii, als die /u gleichem 
Zwecke erl»aute «'n^lische Fregatte ^Inconstant« die amerikanischen 
Kreuzer übertrlife. Um dieses Ziel zu erreichen, nalim Admiral 
l'opow den unter Wasser belintlli( hi n Teil des Kumpfes der »lu- 
constant« mit unwesentlichen AltiiiultTungeu zum Muster, gab aber 
dem über der Watiserlinie betiudliciieü Teil einen 4 Fu£s breiten, 
(i Zoll starken Panzergürtel. 

Die Zahl und Stärke der Geschütze wurde so bemessen, dafs 
CJeschütze dieses Kalibers nur von wirklichen Kriegsscliitien , aber 
nicht von grofsen, zu Krie<»:.s/\vecken aptierteu HaudelsschifTen, wie 
sie England für besondere Fälle aufstellen will, geführt werden 
könnten. Es sollten daher die ruasischen Kreuzer haben: vier 
8 zölHge gezogene (leschütze auf besonderen Plattformen auf dem 
oberen Deck in der Nähe der Mitte des Schiflfs mit Schufsfeld nach 
jeder Richtung, und aufserdem je ein ü zölliges Geschütz auf 
beweglichen Plattformen auf dem Vorderkastell und auf dem Hinter- 
d«'ck zur Bestreichung der Kiellinie luul längs der Traverse. Die 
Kruft der Maschine mulste naturgemäfs, den Aufgaben des Kreuzers 
entä]irechend, eine solche von mindestens 000 indicierten Pferde- 
krafien sein, auiserdem erhielten die Kreuzer eine dreimastige Voll- 
schiffstakelage mit grofser Segelfläche. Zur Ermöglichung dieser 
Bedingangen, desgl. zur Unterbringung der ihrem Hange entsprechen- 
den Bemannung, Proviant, Heizmaterial,MasohinenebfltKe8BdBn.t.ir., 
war es nötig, den Kreafleru graüae Dimensionen und grofsen Tonnen- 
Inhalt zu geben. Als Eonstraktionsmaterial wurde Eisen, womöglich 
Stahl, vorgeschlagen. Zellensystem, nndnrchlSssige Oompartiments, 
doppelter Boden wie oben. Der unter dem Waaer befindliche 
Teil erhielt eine Holzhedeckaug, aulseu gekupferi 

Nach der Ende 1869 erfolgten Annahme dieses Projekts wurde 
1870 znm Bau zweier Schwestersehiffe der Korvetten »General- 
admiral« und »Alexander Newski« geschritten. Der Bau der emm 
erfolgte auf der Newawerft, die andere wurde auf der baltischen 
Priratwerft, beide in St. Petersburg, gebaut. Die Korvette »General- 
admiral« lief 1878, die »Alexander Newski« dagegen, finanzieller 
Schwier^keiten und andern UmstSnde wegen, erst 1875 von StapeL 
Nach ihrem Stapellauf wurden beide Schiffs zu Fregatten erhoben, 
und erhielt die »Alexander Newski« schon 1874 den feteigen Namen 
»Herzog von Edinburg«. Die Dimensionen beider Fregatten sind 
ganz gleich, nämlich: 



Die EntwickeloBg der nimscbeu Flotte seit dem Kriinkrieg^e. 221 

LSnge 276 Fu&. 

gT51kte Breite 48 » 

Tiefe nach Zeichnung ( 23 I 

Tonneninhalt 4,604 

Nominelle Kraft der Maselline 900 
Die Artillerie auf der »Generaladmiral« beskebt, abgesehen von 
kleineren deadfafitcen, aas 4 acbtaölligen gesogenen Geachtitsen auf 
der Mitte des oberen Decks nnd Qber beide Borde fenemd und ans 
2 sechssolligen gesogenen Gescbntsen anf beweglichen Plattformen, 
eins am Bog, das andere am Stern. Die »Herzog TOn Edinbnig« 
fuhrt dagegen statt cler 4 achtzölligen^ 8 sechszöllige Geschütze auf 
dem obaen Deck (4 auf jeder Seite) und anfserdem 28ech8z5nige 
Geschütze auf beweglicher Plattform wie oben. — Die »General- 
admiral« sollte schon 1873 eine grüHsere Reise antreten, zeigte aber 
bedeutende Mängel, die erst Ende 1879 zur Abänderung kommen 
konnten. Im Sommer 1880 ergab eine Prüfung der Maschine die 
mehr als genügende Schnelligkeit von 13,6 Knoten, und ging die 
Fregatte Oktober 1880 nach dem Stillen Ocean ab. Sie mufste 
jedoch im Biscayischen Meerbusen einen 6 Tage ehrenden Sturm 
dnrchmachon und erlitt dabei so grofse Besdiädigungeu , dafs sie 
Bach Brest zurückkehren nnd dort bis zum April 1881 bleiben 
muüste. Von dort ging die wiederhergeetellte Fregatte nach dem 
Mittelmeer, um erforderlichen Falls in den Stillen Ocean beordert 
zu werden. In Folge des Vertrags von Kuldsha mit China kehrte 
sie jedoch im Herbst 1881 nach Kronstadt zurück, so dafs es bisher 
noch nicht möglich gewesen ist, sich ein endgültiges Urteil über 
ihre maritimen Eigenschaften auf hober See, iiamciitlicb ül)er ihre 
Segelfähigkeit, zu bilden. Abnlieb verhält es sich mit der »Herzonf 
von Edinburg«, die bei der im Juni 1^^80 vorgenommenen Prütuu<:^ 
zwar eine Fiihrtgescbwinilitrkeit von 1.5, '5 Knoten ergab, die aber 
erst jetzt, wo sie als AdmiralsschiiF im Stillen Ocean kreu/t, (!e- 
legenheit haben wird, ihre für einen Kreuzer so wichtige Segel- 
fähigkcit 7u erweisen. 

Eine höchst merkwürdige, die schwjnri;^? I bergangsperiode von 
alten Prinzipien zu neueren charakterisieremle Herstellungsgeschicbte 
hat die mit der Pauzerfregatte »Fürst Posharski« gleich/.eitit? nach 
demselben AnselilaL^e u. s. w. 1864 begonnene Fregatte »Minin« 
aufzuweisen. Anstatt eines kasemattierten <j;anz gepanzerten Schills 
lief sie tiänilicb in Folge der während ihrt r llersiellang fortwährend 
wechselnden Gesichtspunkte und der danach getroü'enen Ahändernugeu 



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222 



Die Entwiekelnng^ der nusitdien Flotte Mit dem Kiimbiegtt. 



erst 1877, aber als Kreozerfregatte des neaesten Typus von Stapel. 
Als Übergangsstadium war sie auf Grand der Ton den amerikanischen 
Monitors »Monadnokc und »Miantonomoh« gezeigten Seetüchtigkeit, 
und weil man auch bei der (^chützausrilstung hinter England 
nicht zurückbleiben wollte, zu oincni Panzertnrmachiff für die 
hohe See, System Goles, umgestaltet worden und war als solches 
1867 von Ptiipnl gelaufen. Das Unglück jedoch, welches das eben- 
falls nach demselben System konstruierte englische Turmschiff 
»Oaptain« in der Nacht vom* 18. som 19. September 1876 an der 
spanischen Küste betraf, liefs es der russischen Admiralität als 
ratsam erscheinen, mit der Ferti^ystellnng der »Minin« als Torrn* 
schiff für die hohe See einzuhalten, und dn 9]o sich aoch nicht zum 
Turmschiff für die ansschliefsliche Küsten Verteidigung umgestalten 
liefe (wozu es stärkerer Panzerung, schwerer Geschütze u. s. w. 
bedurft hätte), so beschlofs man sich des Rumpfes zur Umarbeitung 
in eine Panzerkreuzerfregatte nach dem oben dargelegten, in Russland 
selbstständig geschaffenen Typ »Generaladmiral« zu bedienen. Die 
»Miuin« ist fast von denselben Dimensionen, nur unbedeutend 
gröfser wie i (icneniladuiiral« und »Ilerzo;^ von Edinburgh, hat wie 
diese halbe Panzerung, volle Takelage, eine Mascliiiic von 900 
nomineller Pfeniekräfte, 13 Knoten Fahrt, führt aber aufsur 4 acht- 
zölligen <!eschützen noch 1 2 srcbszöllige Geseliüt/.e -zu beiden Seiten 
des oberen Decks mit ScbnlsfeUi nach allen J{i( litungeu, aufserdem 
Torpedovorrichtuugen aller Art. Das in Petersburg bczw, Kronstadt 
ganz aus einheimischen Mitteln fertig gestellte Schiff genügte bei 
der 1877 vorgenommenen Probe allen An fordern n^jen und trat am 
1/13. November 1878 die erste Reise ins Mittchneer an, wobei sich 
auch seine Segeltücbtigkeit als ganz vorzüglich erwies, so dafs die 
am 28. September 1881 ans dem Stillen Oceau nach Kronstadt 
zurückgekehrte »Minin« unter den bis jetzt vorhandenen russischen 
Kreuzern in jeder Hinsieht den ersten Uuug einnehmen dürfte. Da 
anfser den drei halbgcpanzerten Fregatten »Generaladmiral«, »Herzog 
von Edinburg« und »Minin« noch die gauzgepanzerte Fregatte 
fl'nrst l'osharski« zu Kreuzerzwerken verwendbar ist, so hat jetzt 
die ru-ssische Admiralität, anstatt der ursprünglich geplanten 3 un- 
gepanzerten Korvetten, als Hanptscbiffe für die Kreuzergeschwader 
4 ge}»auzerte Fregatten. Zu diesen Geschwadern treten anfser den 
eigentlichen Klippern noch 4 aus drn Jahren 1800 — 1803 her- 
rührende eiserne, aber ungepanzerte Korvetten »Bogatyr«, »Waräg«, 
»Skobelew«, früher »Witjas«, und »Askuld , von denen die vollständig 
renovierte und stark armierte »Skobelew« jetzt im Stillen Ocean 



Die Entwickclung der rassischen Flotte seit dem Kriinkriege. 223 

kreosi, wShrend die anderen m Sdralzwecken mid dergl. benntrt 
weiden« 

An diesen 3 halbgepamseiien Krensern, die sogar die Nach- 
alinmng des sonst im SchiflGibMi an der Spitze stehenden Englands 
henroigemfen haben, hat es sich jedoch die mssisehe Admiralität 
nicht genfigen bMsen, vielmehr ist schon für die i^hste Zeit der 
Zuwachs Ton swei neuen halfagepanaerten Fregatten »Wladimir 
Monomachc und »Dmitrj Donskoi« an erwarten, welche bestimmt 
sind, den Bestand der Schlachtschiffe in der Ostsee zu Termehren. 
Die »Wladimir Monomach«, welche ebenfalls Ton russischen In- 
genienien fast gans ans einheimischem Material in Petersburg gebaut 
ist, wurde am 16./28. Februar 1881 begonnen und lief am 10./22. Ok- 
tober 1882 Ton dem Helling der baltisdien Fabrik Ton Stapel. Die 
Hauptdimensionen der F^regatfte sind folgende: 

L&nge swischen den Perpendiknlaren 295 Fuls 0 Zoll 
Volle Länge mit Ramme 305 » 0 » 

g . /mit Beschkg 52 » 0 » 



i 



ohne Besdilag 51 » 0 » 

Tiefe des Baumes 32 » 6 » 

Tiefe ( Yordersteren 21 » 0 > 

mit voller . Achtersteven 25 » 0 » 

Ladung am mittlere 23 » 0 » 

Inhalt 5783 Tons. 

Das Schiff ist mitliin in seinen Dimensionen der Fregatte »Minin« 
am ähnlichsten und wird eins der stärksten der russischen Offensiv-, 
flolto. Der Rumpf ist unter Anwendung d«P nenesten Technik ans 
Stahl und Eisen hergestellt. Die Panzerung besteht aus einem 
4 Fnfs 2V2 Zoll hohen Gürtel um den ganzen oberen Bord. Die in 
Eklgland hergestellten, in Russland zum ersten Mal in Gebrauch 
genommenen Compoundplatten (Eisen aufsen mit einer 2 Zoll starken 
Stahlschicht) sind 47} — Q Zoll stark und ruhen auf einer Unterlage 
von russischem Lärchenholz, wodurch der Bezug des teuren Teak- 
holzes ans England vermieden wird. Man beabsichtigt, der gröfseren 
Billigkeit halber, diese hier zum ersten Mal versuchte Neuerung 
auch künftighin bei Schiö'skonstniktioncn anzuwenden. Überhaupt 
tritt in Russland immer mehr das Streben hervor, sich von England 
möglichst zu emanzipieren, was bei dem auf der Moskauer Ausstellung 
erwiesenen vorgeschrittenen Standpunkt der russischen Eiseiündustrie 
und Maschiii<'Tit»'(]inik sehr wohl möglich ist. Es herrscht um so 
mehr, bei einer nicht unbedeutenden Partei in den russischen Ma- 
rinekreiaen, Müsstimmuug darüber, daCs die Panzerplatten für die 



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1 



224 Di« Entwiekelmg der niMischeii Flotte seit dem Xrimkriege. 

>Wla(Hnnr Monomach« und die »Dmitrv Douskoi« wiedorura aus 

w 

tleni Auslände bezogen und Fabriken, wie die Obnchowski'sche. ohne 
Auftrügo sind. Der ebenfalls in der baltischen Fabrik gefertigte 
Maschinciiapparat für die »Wladimir Monomach« besteht aus zwei 
gresonderten, dreicyliudrigen Maschinen (Compound), jede zn 3,500 in- 
diciert^'U Pferdekräften, und jode eine vierflügeliche Ruderschraubo 
in Bewegung setzend. Allein die Maschinen, welche IG Knoten 
F'ahrt geben sollen, kosten l,l.>r»,000 Rubel, und hoflFl man durch 
sie die Schnelligkeit der neu erbauten englischen P;in/» rkreuzer 
»Nelson«, »Northhaiuptou«, »Inipcrieu.se« und iS'Warspite^^ übertreffen 
zu können, um so mehr, als die engli.schen Schiffe, trotz ihrer 
gröfsercn Dinicnsif)nen, nur eben so viel bezw, weniger Kohlen mit- 
zuführeu vennögeu, als die »Wladimir Mononiach«. Die Artillerie 
dieser Fregatte soll aus 4 achtzölligen und 12 sechszulligen gezogenen 
Clescliützen bestehen, aufserdeni erhält sie 4 nennpfüudigc gezogene 
Geschütze und G Kevolverkanonen System Hotchkifs, Die Fregatte 
»Wladimir Monomach« soll kontraktlich bis zum 1./13. Jnli 1883 
vollständig seefertig sein, während das gleichzeitig auf Stapel gelegte 
Schwcsterschiif >Dmitry Donskoi« teils ans finauziellen Ursachen, 
teils um eine noch vervollkonimneiere Technik bei ihm anwenden 
zu können, erat innerhalb cwei Jahrra fertiggestellt werden dSrfte. 
lllan beschäftigt sich jetst in Rnssland lebhaft mÜ der Frage, ob 
die Ton Schneider in Crenzot gefertigten Stahlplatten oder die von 
Chasumel in Sheffield hergestellten Componndplatten bei der Pan- 
zerung der »Dmitiy Donskoi« n. s. w. Torznmehen sind. Zwei 
ähnliche Eriegsfahrzenge will man demnächst andi für das Schwarse 
Meer in Sewastopol banen, wie überhaupt für den Nenban toii 
grölseren KriegsschiffiBn in bddeu Meeren innerhalb der n&ehsteii 
10 Jahre im Eztraordinarium 13^20 Millionen Rubel ausgeaetst 
sein sollen, womit aber die fQr Schöpfung einer starken OffensiY» 
flotte in der Ostsee, im Schwarzen Bfeere und im Stillen Ocean 
eintret«ide Partei bei weitem -noch nicht snfiieden ist. Hier treten 
aber fär die ähnlichen Pläne sonst nicht abgeneigte russische 
Regierung die bereits erwähnten finanziellen Bedenken in den Weg. 
Während der letzten 25 Jahre betrug das niedrigste Budget des 
Mari neministeri ums (im Jahre 1858) 14,894,105 Rubel, daninter 
nur 8 Millionen fttr Schiffiiban, dagegen worden im Jahre 1862 
mehr als 21 Millionen, im' Jahre 1866 mehr als 23 Bfilliooeir für 
die Marine ansgegeben, daranter 1866 ffir Sohifisbau allein Ober 
12 Millionen. Auf annähernd derselben Hohe, d. h. im Minimum 
17 Millionen betragend, erhielten sich die Gesamtausgaben för die 




IKe Eniiriekeliiiig der nmiaelMii Flotte Mit dMn'Erinikiiflg«. 225 

Flotte bis zum Jahre 1872, wobei fOr den Schiffsbau im Durch- 
schnitt 7—8 Millionen ausgegeben wurden. Seitdem sind die 
• ordentlichen Ausgaben für die Flotte bis zum Jahre 1880 auf fiist 
30 Millionen Rubel, die für den Schiffsbau ulleia auf 10 — 13 Millionen 
Rul>el gestiegen, wobei meistens noeli bedeutende extmordinare Aoih 
gaben eintreten. Wie es heifst, denkt die Regierung, um mehr 
Geld snr wirklichen Verstärkung der Flotte disponibel zu erhalteOf 
daiao, nicht nur den sehr starken Bestand der Flotteoolfisiere sa 
Yermindern nnd anch Jäeformen im Marineministeriiini einzufahren, 
sondern sie ist auch bereits praktisi-h damit vorgegangen R^luktionen 
insoweit eintreten zu lassen, als die zur Erziehung der Kinder der 
Offiziere der Flotte atisgesetzten Üuterstützungs-Gelder, zur grofsen 
Betrübnis der betreffenden Väter, durcii einen kürzlich erschienenen 
Erlafs sehr gesciiuiülert worden sind. Nicht minder mufs das Auf- 
hören des in f'rühen'u Jahren während des Sommers in der Ostsee 
zu Übungszwecken kreuzenden gröfseren INmzergeischwaders und sein 
Ersatz durcli nuhrere kleinere, rein technischen Zwecken dienende. 
Detachements, als aus Frsparnisrücksichtcn hervorgehend, betrachtet 
werden. Es kommen in Folge dieser der taktiseheji Ausbildung 
niciit eben tVirderliclien P^inrichtnng eine grofee Zahl der in Kron- 
stadt stationierten, nielit im Dienst in ausländischen Gewässern ge- 
brauchten Seeoffiziere mitunter mehrere .lahre nicht an Liord , wo- 
durch ihnen nicht nur die seemännische Routine, sondern auch die 
an Bord ausgesetzten höheren Kompetenzen verloren gehen. Bei 
den Kommandierungen an Bord wurden bisher vorzugsweise die 
Offiziere der (iardeflotte weniger berücksichtigt, was grofse Mifs- 
stimmung erregte. Es betrifft da.s namentlich die in grofser Zahl 
vorhaudeuen eigentlichen Seeoffiziere, im Gegensatz zu den, ein 
besonderes, im Range nicht ebt iilmi tiges Corps bildenden Steuer- 
maunsüf'fiziereii, die weil ijeringer au Zahl, häutiger in den praktischen 
Dien.st kommen. Ahulii li verhält es sich mit den noch bestehenden 
Offizieren der Marine-Artillerie und des Corps der Marine-Ingenieure, 
Schiffsbau- und Maschinen-Techniker gesondert. Da diese Sonder- 
stellung der Steuermannsuffiziere, der Offiziere der Bfarine*Arf»I]aie 
und der Marine-Iugenieure, im Dienste vielfaehe Cnznträglichkeiten 
mit sich fahrt, und die genannten Offisiersklassen auch im Avance- 
ment im Verhältnis zu den gleichaltrigen Seeoffirieren benachteiligt, 
so liegt die Absieht vor, die Khisse der Stenermannsoffimere nnd der 
Ifarine-Artillerieolfinere mit der der eigentlichen Seeoffiziere ganz 
SQ vereinigen nnd die Sehifi-Ingenienre zn Beamten mit ent- 
sprecheodem Range, ähnlich wie die Ärzte, zn machen. Für die 

likiUite Ih «• DMMte MM* uU IlHla«. Bi. ZLTIIL« 1. 15 



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226 ^ EntwickaiiiDg d«r rnatiscliMi Flott« seit doa Kzunkri^g». 



eine immer cfröfsere Wichtigkeit erlangenden Spezialitäten des 
Torpedo- und laucher-Dienstes werden Seeoffiziere und Mann- 
schaften anf theoretischem W»'t^e in besondoron Klasstni und praktLscli 
in Spezialiibuugsgeaehwadern ausgebildet. Es verlautet sogar, dafs 
eine neue 6. Spezialität von Flottenoftizioren unter dem Namen 
Mineur- oder Torpedoolti/.itrc eingeführt, die JSonderung in ver- 
schiedenen Klassen mithin nicht venuiudert, sondern vermehrt 
werden soll. 

Wir möchten hier gleich noch aaf einige andere, der Reform 
entgegensehende Gepflogeuheiien bei der rassischen Flotte ftafimerk- 
sam macheu. Bei der Ton einflnisreiebar Seite befürworteten Gleich- 
stellung sämtlicher, nir ICarine gehSrigen OffisierskliiaBen w3rde 
E. B. die Eigentfimlichkeit aufhören, dafe die ans der Harinesehale 
(jetzt Seekadettencorps benannt) entlasBenen Aspiranten for die See- 
offisiers-Garriere, die sogenannten Gardemariniers, so Mitachman 
(Uidshipman, die jüng.ste, unserer Unterlientenants zur See ent- 
sprechende Offinerscharge) ernannt werden, während die zur Klaase 
der See- Artillerie, der Stenennannsoffiziere nnd der Idarine-Ingenieare 
abertretenden Zöglinge an Praporeehtschik F&hndrichs (jttngste 
OflfisieisklasBe der Landannee) anvancieren nnd aach heim späteren 
Avancement dieselben Cbargenbeeeiohanngen wie die Offiriere der 
Landarmre, also Pod-Porschtschik ~ ünterlientenant, Poiscbtsehik * 
Lieutenant, Stabskapitän, EapitSn, Oberstlieatenant, Oberst, General- 
major n. s. w. f5hren, Majors existieren bei der Flotte sieht; fnr die 
eigentlichen Mariniers bestand frOher in der nach Anstritt ans der 
Marinesehnle san&chst erreichten »Charge der Gaidemariniers« eine 
Art Übergang zum Offinersrang, wie wir ihn bei dar Landannee 
in unseren Fahndrichen haben. In diesem Jahre sind die Garde- 
mari niors als Charge jedoch abgeschafft, und ist die BezeichnungGarde- 
marinier nur noch als ein Name für die Zöglinge der ältesten 
Klasso (K r Marinesehnle mit kleinen Uniformsabzeiehen beibehalten 
worden. Die Entlassung der Zöglinge nach bestandenem Examen 
ans dem Seekadettencorps erfolgt ietzt also gleich als Offizier 
(Mitschman). Die nächste Stufe ist dann »Lieutenant« (und nicht 
wiobpi ilen Steuermannsoffizieren ünterlifntrtüuits = Pod-Porschtschik}, 
Dann folgt Kapitänlieutenant, (soll wie es heifst, in Wegfall kommen,) 
Kapitän 1. und 2. Ranges, (^mtrcadniiral, Viceadmiral u. 8. w. wie 
bei uns. In neuester Zeit verlautet es aber wieder, dab die ältesten 
Zöglinge des Seecadettoneorps die Anstalt als Gardemariniers ver- 
lassen und dann nofort 18 Monate im Mittelmeere praktischen Dienst 
thun sollen, worauf sie erst zu Mitscbmans befordert werden. Es 



Die Entwickelang der niuischan Flotte seit dem Krimkriege. 227 

scheint mithin, als ob die bisher von den Zöglingen der iiitesten 
Klasse ausgeführten dreimonatlichen Übungsfahrten in der Ostsee 
sich nicht als aanreichend erwiesen haben, nm die Abiturienten 
giddi als Offiziere anftreleii lassen za können. FUr den Dienst in 
aiislSadischen Oewfaaorn sollen fortan die Ofifiriere geaaii nach der 
Tonr kommandiert werden. Die Gesekwaderehels bleiben 2 Jahre 
lang In derselben Funktion. Da jetst seit 3 Jabran nach Aufhören 
der grSlewen Übungsgeschwader im Sommer nor noch kleinere 
Detadiement8:Arti]leriefibnngsgeschwader,Torpedoübuug8gesch wader, 
TancherllbnngsgeschwadMr, Schalgeschvadw n. s. w., in Gunpagne 
sind, nnd diese sich mit taktischen ManöTem nicht beschäftigen 
kdnnen, so wnrde es in diesem Sommer von aUen Angehörigen der 
Flotte besonders freudig begruist, dals Seine Majestät der Kaiser 
auf der Bhede von Transund eine drei Tage dauernde, mit taktischen 
fllanöTem Terbnndene ReTue, über die Tsreinigten Sobifie s&milicher 
Geschwader abhielt. Die Berne rerlief rar grobten Befriedigung, 
und zeigte der Kaiser fSx alle Ausbildungszweige lebhaftes Interesse. 
Einen weiteren praktischen Nutzen konnten die schnell in Scene 
gesetzten, hauptsEchlieh auf Eflfekt berechneten Bfatodrer natfirlich 
nicht haben. 

IV. Die Torpedoflotte. 
Wir dürfen die Übersicht der Entwickelung nnd jetzigen Ge- 
staltung der mssiscben Flotte nicht beschliefsen, ohne noch auf ein 
ffir die Verteidigung nnd den An^^riff 7mt See gleich bedeutsames 
Moment hinzuweisen. Es sind die Torpedoboote nnd die Torpedos 
im AUgraoieinen. Bereits in einem früheren, in diesen ßlättera 
erschienenen, Aufsatz sind die Ansichten russischer Seeoffiziere über 
den Gebrauch dieser Kncgsmittel, di(> i]ahei sa befolgende Taktik n.8.w. 
ausmnand ergesetzt worden, und glauben wir behufs näherer Orien- 
tieruim^ auf diese Arbeit verweisen zu dürfen. Seit jener Zeit ist 
dem Torpedowesen in Russland eine noch grofsere Ansdolmung 
gegeben worden, und man darf sagen, dafs die russische Flotte, die 
sich liekanntlich des ersten praktischen Gebrauchs von Torpedo- 
booten rühmen darf, in dieser Hinsicht keiner anderen narhstelii 
nnd eifrig berauht ist diese »dem Mutigen das Übergewicht ül)er 
den Starken« gebenden Zerstörnngswerkzeugc zu vervollkommnen. 
Zn diesem Behüte bestellt eine eigene, von Offizieren und Mann- 
sthaften besuchte Torpedoklusse und werden seit vier Jahren im 
.Sommer, sowohl von dun speziellen Torpedoübungsge.schvvadern, so- 
wie auf allen sonst in Dienst <^n'stellten BehifVen, IJebungen im 
Gebrauch aller Arten von Torpedos, namentlich Whiteheadtorpedos, 

15* 



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228 



Die Sntwiekeloog der nuBischm FUrtte atü dem Erimkrii^ 



im Legeu, Aufsuchen and Sprengen ?on Untorwaaser^Torpedos 

(Senmiera) angestellt. 

Die russische Torpedoflotte ziihlt jetzt etwa 100 Boote ver- 
schiedener Grölse. Das gröüste der.st>ll)en, die vollkommen seetüchtige 
>Wsryw«, hat 860 indizierte Pferdekräfto und 134 Tonnen-Inhalt, 
9ö andere haben 220 — 250 indizierte Fferdekräfte mit einem Tonnen- 
Inhalt, der von 21 — 37 schwankt. Letztere Boote sind nicht ffir 
die hohe See gee^^et, sondern sollen in Geschwader xn 10 Booten 
ii(>l}st Kasernen- und Vorratsschiffeu, vereinigt nur zur Küsten- 
verteidignng dienen, be/w. auf den grofseu Schitfen mitgeführt und 
nur im Gebrauchsfalle über Bord gelassen werden, wozu sie indessen 
offenbar zu grofs sind. In neuster Zeit macht sich aber in Russlaud 
immer mehr die Ansicht geltend, dafs die 1'orpedoboote keine Tra- 
banten der grofseu Schiffe und auch keine nur an den Küsteu 
yt rhlcihenden Fahrzeuge, sondern gröfsere, vollkommen seet fichtige, 
sehr si hncUfahrendc Schiffe sein niüfsteu, die elxniso zu selbststiindigeii 
Oöeusivzwecken , d. h. zur Be<lrohung der ieinJlichen Häfen und 
Schifffahrt, wie zur Verteidigung l)rauchbar sein nnifsten. Sehr 
interessante StreiÜichter wirft auf diesen wichtigen Gegenstand, ein 
vom Schitfslientenant Berguiunn im Winter 1882 zu Kronstadt ge- 
haltener V ortrag, dem wir folgende Hauptpunkte entnehmen. 

Di»! Torpedoboote sollen nicht nur ein Defensivmittel, sondern, 
entsprechend der obersten Bestimmung der russischen Flotte im 
allgemeinen aiuli Otti'iisivniittel sein, imi so mi lu, tla jedus üft'ensiv- 
werkzeug sich aucli zur Verteidigung eignet und derstlben eineu 
frischeren Geist verleiht. Die Ansicht derer, welche die Torpedo- 
flotille nur an die Küste gebannt wis.sen wollen, ist daher zu ver- 
werfen, and kann nur so lauge Geltung haben, als die fiuauzielle 
Lage einen Fortschritt in dieser Hinsicht nicht erlaubt. 

Die Torpedoboote sind hente anf hoher See viel braachbaier, 
als in den KQsteugebieten , erstens, weil F^lle, dab Torpedoboote 
ein vor Anker liegendes Schiflf augreifen, jetzt, nachdem die Sache 
nicht mehr nen ist und '^orsichtsmalsregeln dagegen bestehen, kaum 
mehr m erwarten sind; swdtens, weil anf hoher See das Erscheineii 
von Torpedobooten am wenigsten erwartet wird, nod das anzu- 
greifende gröbere Schiff dem vereinigten Andringen mehrerer schneller 
Torpedoboote nicht auszuweichen vermag. Die Torpedobootesollen 
aniserdem hente gewiisermaben Partisandieuste thnn und daher alle 
Punkte des ihnen als Operationsfeld angewiesenen Meeres erreichen 
können, ohne auf zu läufige Erneuerung ihres Kohlenvorrathes an- 
gewiesen zu sein. Die Torpedoboote mfissen, um diesen selbst- 



Digij 



Die Entwkkelimg der nudaohen Flotte seit dem Erimkriege. 



229 



sfc&ndigen Zwecken genOgen zn kSnoen, der Begleitechiffe entbehren, 
nnd selbst Rftnm genug zur bequemen Unterbringung ihrer Be- 
mannung und der nötigen Yorrfite haben. Mit einem Wort, es 
weiden selbslBtHndige Ueine Seeschiffe als TorpedofS^irzenge in Vor- 
scfalng gebracht, die ebenso wie die grdlseren Sdiiffe ihre bestandige 
Equipage und Kommandanten haben und nicht, wie es Ins jetzt 
zum groben Nachteil för Ausbildung, Erhaltung der Maschinen und 
Dienst im Al^emeinen, geschehen ist, beim Anfang jeder neuen 
Sommer-Campagne mit Bemannung und Offiziere wechseln. Immer- 
bin würden auch diese Schiffe noch klein genug sein, um auch 
innerhalb der Schären operieren un l sich bis zum geeigneten Moment 
des Vorbmchs hinter den Felsen derselben und in den kleinen von 
ihnen gebildeten Buchten versteckt haiton /u können. Überdies ist 
ein Festsetzen des Feindes nicht innerhalb der unwirtlichen Schären, 
scmdern an der mehr Unterhaltsnn'ttel darbietenden und wwiger 
gefahrlichen Süd küste von Finnland zu erwarten. Diese neuen, 
selbstständiger gewordenen Torpedoboote sollen femer nicht mehr 
wie bisher, in gröfeeren Geschwadern zu 10 Wimpeln, sondern in 
solche zu 5 Wimpeln zusammon^estellt w^erdc n, welche Zahl zu einem 
erfolgreichen mehrseitigen Angrifl" auf ein grofses Schiff vollständig 
ausreicht und d;ihoi die Führung des (lescbwaders in jeder Hinsicht 
bedeutend erleichtert. Einzeln sollen am h die gröfseren Torpedo- 
boote nur im Partisau- und Kandschaftsdienst selbstständig auf- 
treten. 

Diese die grofson Schlachtüchitte überall hin Ix frleitciKlen Torpedo- 
boote sollen dabei, nach Meinung des russischen Faclmianns, zu 
den.seM)en in ungetalir demselben Verhältnis stehen, wie die Infanterie 
zur Artillerie, d. h. die gröfsten Sclilachtschiffe sollen durch ihre 
Geschütze den Kampf eröffnen, worauf im entscheidenden Momente 
die Torpedoboote über den Feind herfallen und ihm den Rest geben. 

Nicht minder werden die Torpedobootgeschwader auf hoher 
See auch gegen die feindlichen Torpedoboote, deren Auftreten dort 
unbedingt, wenn auch des Kohlenverbrauchs wegen, in geringer 
Zahl, zu erwarten ist, mit Nutzen verwandt werden können. 

Wo sollen nun aber in den verschiedenen Meeren die Stütz- 
punkte für die Operationen der Torpedoboote sein, und wie viel 
Brennmaterial müssen sie mit rioh führen, um ihrer Aufgabe zu 
genügen? 

Fflr dzB Sehmne Meer w&re der geeignetste Punkt Sewastopol, 
da derselbe ziemlich in der Mitte ihres, sich von den rumelisoben 
hiernach den kankasischen Kutten erstreckenden, Thätigkeitsrajons 



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230 



Di» Eatvickdong der niwiMhe& Flotte idt dflm Kiimloug«. 



liegt. Sio hram hon uiitliia etwa l^rennnmtcrial für 1000, oder wonn 
man nur die türkischen Kijsfcen, speziell deu Bosporus, im Auge 
hat, für 600 Spemeilen. 

Die Autgaben der Turpedoboote für die Ostsee sind viel ver- 
wickelten', erstens, weil das Meer sich lang in der Richtung des 
Meridians erstreckt, kein Ccntralpunkt nach Art Sewastopols darin 
vorhanden ist und das Meer von mehreren Flotten besitzenden 
Machten eingeschlossen ist. Das nau])tgewicht ist dabei ualirrliLli 
auf Deutschland und insbesondere die Häfen von Danzig und Kiel, 
als den Ausgangspunkten maritimer ünteruehuiungen gegen Rosslandf 
so l€gen. Die rmRiacheii im obigen Sinne zu brauchenden Toipedo- 
boote mUnen also belShigt sein ?on den nunachen Efisten b» m 
diesen Häfen bin nnd nurfick ohne Eraeuerong des EoblenTomites 
zu gelangen. Von wo ans aber sollen sie ihre Uniemebmangen 
beginnen? Die Häfen von Liban und Windan eignen neb dam 
nichts weil ne Dans^ nnd der Landeigrense sa nahe liegen, mithin 
za leicht blockiert werden oder in die Hände der feindlichen Land- 
truppen fallen können* Die weiter nordlich liegenden Inseln Dagoe 
nnd Oeed haben den Nachteil Tom Muttorlande getrennt zu sein 
nnd keine Werkstätten zur Reparator von Schiffen n. s. w. zu 
besitzen. Der Rigaische Meerbusen mit dem Hafen von Riga It^ 
ebenfalls zu nahe der Grenze und kann leicht vom Meere aus 
gesperrt werden. Reval und Helringfors, von Kronstadt' ganz sn 
schweigen, liegen zu weit ab und eignen sich daher nicht als 
Opemtionebesis für die Torpedoflotte. Es bleiben nur noch zur 
Auswahl Baltisch Port und Hangoud, beides Ausgangs- besw. End- 
punkte wichtiger Bahnlinien, und von den deutschen ESfen fast 
gleichweit entfernt, übrig. Aber auch Baltisdi Port kann in einem 
für den Gegner glacklichen Kriege leicht in dessen Hlnde von der 
Landseite ans fallen bezw. Ton dessen Flotte blockiert und selbst 
bombardiert werden. 

Alle diese rebelstände fallen, wenn num die Insel Hangöud 
zur Operationsbjisis für die Torpedoboote nimmt, fort, namentlich 
wenn man als Ankerplatz nicht die eigentliche llhe<lc von HangÖad, 
sondern die von allen Seiten geschützten, naheliegenden Gewässer 
der Scharen von Ekcnä^ wühlt. Die schon von den Schweden einst 
sehr richtig erkannte strategische T.ai^'e von llaugöud ist auch in- 
sofern eine sehr günstige, als diese Insel gleichzeitig von dem 
Baltischen Meere, vom Finnischen and Botuischen Meerbusen bespiUt 
wird und dem Rigaischen Busen nahe gegenüberli^t. Da nun eine 
feindliche Flotte offenbar die Aufgabe haben wird, entweder allein 



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Die EDtwickeloDg der roMischen Flotte seit dem Krimkriege. 



281 



oder in Yarbindiu^ mit einer Landarmee, gegen Baga* Reval, 
Helaingfors nnd Kronstadt su operieren, eo wfirde eine bei Hangdud 
stationierte masisebe Torpedoflotte den Feind entweder in der Flanke 
oder gar im RAcken eq bedrohen TomSgen nnd ihn dadurch, ohne 
selbst gelShrdet zn sein, sor grSlsten Voraicht n&tigen. Die Ent- 
fSemnng von HangGnd naeh Kiel beträgt aber 600 Meilen, nach 
Karlskrona 360, naeh Stockholm 150 Heilen. Um ako die Torpedo- 
boote der Ostsee sa selbsfcstandigen Untemehmnngen gegen Kiel, 
dem weitesten Punkt, zo befähigen, müssen dieselben einen Vorrat 
von Brennmaterial für mindestens 1500 Meilen mit sich fahren. 
Da8 heifet sie müssen, ent^regengesetet der Meinung derjenigen, welche 
die Torpedoboote nur als Küstenfahrzeugp, bezw. Sdialuppcn, be- 
trachten, grdlsere nnd nicht kleinere Dimensionen haben, als die 
des Schwarzen Meeres. In demselben, fast noch schwierigeren, Ver- 
hältnis stehen die Torpedoboote für die ostasiatiscben Gewässer, deren 
Basis naturgemafs in Wladiwasstock zu suchen sein würde. Es 
wird also nichts übrig bleiben, als fortan Toqiedobooto der erforder- 
lichen Gröfse zu bauen nnd zwar zunächst für die Ostsee; die bis 
jetzt unbefestigte Position von Hangöud niufs zu einem Kriegshafen 
eingerichtet werden, schon deshalb, weil sich sonst sehr leicht der 
Feind dieses Hafenplntzes als Aiis|j;angspunkt für seine eigenen 
Operationen bedienen könnte. Wollte man sich aber aus Ersparnis- 
rücksichten mit weniger Brennmaterial erfordernden, also kleineren, 
Torpedobooten begnü<;pn, so müfste mau aufserdeu) noch einen 
zweiten Kriegshafen errichten, was doppelte Ansgal)en erfordern 
würde. Wird der Feind durch die bei Hangönd nnd in den Schären 
lauernde Torpedoflotte in seiner Anfnierks^iiiiki it g« teilt und vun 
der Blockade der Hilfen ahi^ehalten, so wird dadurch der Schlacht- 
flotte die Möglichkeit gewährt, ihn im Vereine mit den ihr zuge- 
teilten Torpedobooten auf hoher See zu Leibe zu gehen, wo er sich 
in Folge der dort meistens herrschenden, ihn beim Schliefseu hin- 
dernden, scharfen Winde nnd des hohen Wellenganges, den Angritteu 
dnrch Torpedos am wenigsten entziehen kann. Im Übrigen sollen 
aber, wie bereits erwähnt, die Torpedoboote an keinen bestimmten 
Pwnkt gefesselt sein, sondern dvn Feind übemll aufzusuchen und zu 
beunruhigen vermögen. Eine offensive wie defensive Thätigkeit der 
msßischen Schiffe und Torpedoboote aufserhalb der einheimischen 
Meere, hält selbst Lieutenant Bergmann für unmöglich, da Eussland 
keine Kolonien besitzt, mithin bei der Proviantierung und Reparatur 
seiner Schiffe im Kriegsfalle auf die in neutralen Hafen befindlichen, 



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282 



IMe Entwi«k6l«ig der TnwtiiclHWi Flotte lelt dem Krinkriege. 



oft onznTerläasigeB, ja ▼«rräterischen Ideferanten angewiesen sdn 
wfirde. 

Da die bis jetat bestclK iulen, meistens dem Typue Yarroo an- 
gehörenden, kleinen nuaiBchen Torpedoboute den oben aneeinandei^ 
gesetzten Au^aben, mangelnder Seetachtigkeit and ungenügen- 
dem Kohlenranm, nicht entsprechen, so wird yoigeschlagen sie 

aosschlicrslirh znm Küstenachatz m kleinen Rekognoszierungen in 
der Nähe des Ufers, zur Legung und zur Wache bei den See- 
minen o. 8. w. zu benutzen, zu welchem Behufe sie aber ganz genau 
mit der KilstonschiflFfabrt vortraut sein nnd daher schon im Frieden 
(lonjeni^en Häfen zuijeteilt woril<Mi itüifsten, in deren Nähe sie im 
Kriegsfalli' thäti«^ .sein sollen. Seilest für diese initerpeordnetrn 
/werke müssen aber die jetzigen 'rorjiedoboote noch umgestaltet 
werden. Desgleichen müssen die Equipagen auf den Torpedobooten 
beständig sein und Offiziere wie Mannschaften den technischen 
Erfordernissen entspreeliend ergänzt werden. 

Soweit die gemacliten, etwas railikal erscheinenden, Vorschlage. 
Es ist indessen die Frage, ob die russischen Finanzen eine derartige 
Verstärkimg der »offensiven Defensive« der Ostsee *und der übrigen 
russischen Meere gestatten oder ob, wie es wahrscheinlicher ist, das 
Marineniinisterium es vorziehen wird, vorläufig seine Aufmerksamkeit 
mehr auf den 13au gröfserer Schlachtsschitl'e zu richten und die 
Torpedoboote in ihrer jetzigen untergeordneten Stellung zu lassen. 
Wie ein Vergleich der von uns über den Bestan«! der russischen 
Flotte geinachten Angaben mit den Diniensionen , der Panzerung 
und der Geschützstärke der deutschen Kriegsschiffe erweist, sind bis 
jetzt von den gröfseren russischen S<liitl» ii nur höchstens 2 — 3 im 
Stande sich in einen Kampf mit den Koryphäen der deutschen Flotte 
einzulassen. Auch was die Ausbildung des Personals der beider^ 
seitigen Flotten anbetrifft, braucht die denteche Flotte einen Vergleich 
mit der an Zahl der Schi£fe und Admirale weit fiberl^enen russischen 
Seemacht nicht zn sehenen. ^n seiner Zwecke v<^l bewnfetee, znm 
Teil auch erfolgr«nches, Streben nach Yervollkominnnng ist jedoeli 
der mssieehen Flotte nicht absaspreeken. 



üiyiiiZL 



UmselMii ia dar IGUtir-LiUMtttiir. 



233 



Umscliau in der Militär-Litteratar. 



Ton der Krtogfülmiigy sogleich zvreite omgearbeiiete Auflage der 
jyLehro Ton der TnppenTerwendinig als Tenehnle nur Kunst 
der Trappenfilhning^ von W. Ton Scherff, Obent (m. d. B. 
eines Brigodeoommaudean) osd Chef dee GeueralBtabe elften 
Araee-Oorpe. — 

Noch bevor Oberst v. Scherff uns von seiner „Lelii« von der TropiMn- 
verwendmig*' den faUendmi 3. Baad „die Amrendnngslelire'' geeoihenkt hat, 
ist eine nene Anflage der beiden frttber erschienenen Btade Uber «die Fonnen- 
lehre" der öffiBiitliehkeit Übergeben. Während die erste Auflage dieser Bünde 

rein aus der Theorie hervorgegangen war und als ein Versuch hingestellt 
wird, bildet die neue Auflage das Ergebnis einer wiederholten theoretischen 
Prtlfung und einer raehijUhrigen Praxis im Frontdienste der Truppe. Des 
Hrrrn Verfassers Nachdenken „über die Dini^'o im Kriege" ist zu 
einem für ihn „persönlich endgültigen forinellt n Ahstlilufs" gekommen, 
den er nunmehr der wissenschaftlichen Kritik unterbreitet. — Ebenso 
wenig wie wir hoffen, dafs nur die wissenschaftliche Kritik sich mit dem 
vorlitgenden Bndie beflissen wird» ebenso wenig wdhn wir es wOrtUch 
nehmen, da& der Yer&sser m einem eadgttltigen Aheehlalb seiner geistigen 
Tb&tigkeit in BetrelF ,der Dinge im Kriege" gelangt ist, eetien vielmehr 
mit Beetimmthdt voranSf dafs er in seiner ferneren niilitlliischen Laufbahn 
Aber diese Dinge weiter nachdenken und die Ergebnisse seiner Retrach- 
tnngen und Erfahrungen dem allgemeinen Be.sien nicht vorenthalten wird. 

IJeim lieginn seiner „Lehre von der Trujipenverweudiing", sehreibt 
der Verfasser jetzt, habe er iscli'st kaum gewufst, wo jene Entdeckungs- 
reise „landen" werde. — Die Heise sei zugegeben; aber um Ent- 
deckungen handelte es sich wohl weniger, als um Forschungen, und immer 
anf nnaieherem Element dahinsohweben, wollte der Verfiuser doeh gewib 
auch nicht» um snm SdhlnJ^ erst Land sn erreichen» sondem er sah beim 
Beginn der ForschnngBraise noch nicht ab, sn welchen Eigebnissen, die- 
selbe führen werde. — Das Bnch „von der Ki-iegführnng*' hingegm ist 
ein nabgernndetes, einheitliehes Ganze". Ob in diesem „abgerundeten" 
Ganzen nun ein wesentlicher innerer Unterschied, wie der Hen- Verfasser 
betont, gegen die frühere Arbeit liegt, wird von der nicht wissenschaft- 
lichen Kritik angesweifeii werden dUi-fen. Aber mag dem seiiii wie ihm 



234 ünMhao in dar MiUMi-Littentw. 

• 

wolle, — ein grofser innerer Unterschi»rd besteht zweifelsohne zwischen 
beiden Werken, und lüfst das letztere in seinem Streiken nach praktischem 
Werte namentlich nicht mehr „die Stufenfol'je hruchslüek weiser Ent- 
stehung" erkennen; es ist entschieden von Clausewitx* Geiäi angehaucht, 
ms aobon bei dntm flUehtigen Wak m das Bmdi sich fUilbsr ma^t* 
Oberst t. Scberff giebt den Ergebnissen seines wiederholten Nachdenkeos 
„Über die Dinge im Kriege* den Titel ,TOn der KriegflUmiQg". Dss ist 
so raschen derselbe Titel, welohsii Gluuewiti ftr ein Bneb gewlhlt hati 
das naoli des Oberst v. Scherff Ansichten „vor Allem nur das enthalt, was 
man vom Kriege nicht lehren kann*', während das Seinige einen Qesauit" 
Überblick Uber dasjenige bietet, viras man vom Kriege lehren kann. 

^Krieg", sagt Ol>erst v. Scherff in der Einleitung seines Werkes 
„von der Kriet^'flihrung", ^ist die Oewalthandlung üiiUUirischer Stroltkräfle 
zar Erreichung politischer Zwecke, welche auf dem friedlichen Wege 
diplom a tisetw«' Vetbandlungen niebt erlangt werden luHUiten". 

Oberst filnme hingsgen — nm bei den Epigonen Olansewilx*s sa 
bleiben — sagt in seiner »Stmtsgie": ^Krieg ist das gewaltsame Handeln 
der Völker, um staatliche Zwecke dnrcbzaftUiren oder aufi-ecbt zu erhalten. 
Er ist das Bufserste Mittel, dem darauf gerichteten Willen Geltang zu 
verschaffen, und erzeugt, so lange er dauert, einen Zustand, weksber die 
völkerrechtlichen Verträge zwischen den Streitenden auflieVtt. — Zum 
Hegriff des Krieges gehört die werliselseitige Anwendung der Gewalt . . . 
Beide EiklHrungen widorsprei.hen .-^leh in mehreren Punkten. Für die 
Praxis hat es keinen Wert nälier zu ergründen, wer von beiden Recht 
hat. Aber die wiasensehaftliche Kritik, die Oberst Soberff beransfordert, 
hat ein Wort mitausprechen. 

Da dtirfte sich denn vor allem behanpten hueen, dab der Krieg weder 
das gewaltsame Handeln der Volker, noch viel weniger aber die Qewali* 
bandlung militärischer Streitkräfte ist. Krieg ist gar keine Handlang, 
sondern, im Gegensatz zum Frieden, der Zustand, in welchem kein anderes 
Recht gilt, als da« der Macht und Gewalt. Dieser Zustand tritt ein mit 
der Abgabe der Kriegserklärung oder an Stelle derselben mit dem Ein- 
greifen in fremde Recht« unter feindseliger Absicht (diplomatieche Ver- 
handlungen müssen keineswegs vorausgegangen sein). Er dauert auch 
wKhrend eines WaflnastiUstands fort (Obsxst Blume behauptet, dals der 
Eriflgsiastand mit badocseitigem Einverständnis durch Waflbnstillstands- 
Vertrag anterbrochen werden kann. — Ist dies aneh der Fall bei einer 
mehrstflndigen oder mehrtKgigen Waffenruhe? — Bleiben wllhrend des 
Waffenstillstands niofat die für den Kriegszustand getroffenen Disziplinar-, 
Verwaltungs- u. s. w. Mafsregeln in Kraft?) Der Kri^szustand kann 
bestehen zwisrlien einzelnrn Vi'jlkern oder Staaten, oder auch zwischen 
einzelnen Teilen und Parteien desfelben Staates (Kiieg der nord amerika- 
nischen Union 1861 — Krieg in Deutschland 1866). — 

Oberst V. Scherff lehrt weiter: „Diejenige Partei, welche dabei (bei 
der Qewaltbandlong) positive pditisdie ffiele verfolgt, befindet sidi im 



üaMlMft in dBrMi]ttir.Iiitifli»tar. 



235 



Angriff. iJBSxsk im Angriff MBdaL" dürfte jam Standfiankt der Sprach- 
lehre aus schwerlich als mustergültige Ausdrucksweise gelten). Da fragt 
der theoretische Kritiker oder vielleicht besser der kritische Theoretiker: 
Welche Partei verfolgte 1864 positive politische Ziele und befand sich 
deiugemiifs im Angriff? — Dänemark, welches Schleswig- Holstein der 
Gesamtmonarchie einverleiben wollte, oder Österreich und Preufsen, welche 
für das alte Recht Scbleswig-liolsteina eintiuten? — Also; Die For- 
derungen stellende bezw. die durch eine Qewalthandlung den Kriegs- 
instand herbeiftthrende Partei die angreifende — «Die Gegenpartei 
saelit dnrdi die Verteidigung die Abnchten des Gegners m negieren, (soll 
woU beilaen; Tsriundom) indem sie denaelfaen ihr eignes Kriegsziel ent- 
gegen setzt". — Nein! Die Verteidigung hat keinen eigenen Kriegs- 
zweck; (nicht -ziel) derselbe besteht vielmehr lediglich in Abwehr des 
Angriffs. — n^^m dem Wilhm des Feindes gegenttl)er seinen Zweck (nein: 
Absicht oder Willen) durch/.u.setzen, raufs man denselben durch Ver- 
nichtung seiner Kriogsmittel wehrlos lunolum". — Nein! Der Willen 
des Gegnei'S wird dadurch gebrochuu, dafb mau den G^ner in einen 
Zustand versetzt, in weldram er von seinen Kriegsmitieln fBr den in Frage 
stellenden Zweck keinen Gebrancfa mehr machen kann, was noch lange 
nidii gleicbbedeniend ist mit Vernichten denwlhen. Unter „Wehrioemaehen 
durch Venucbten" versteht das Torliegende Buch dann qpftter «die Kraft 
des feindlichen Heeres — ganz oder teilweise — serstSrcn, den 
gegnerischen Besitzstand — ganz oder teilweise — erobern". Nein! 
Nicht durch Erobern des gegnerischen Hetsitzstandes vollzieht sich die 
kriegerische Handlunf,' des Wehrlosiuat hens, sondern dadurch, dafs man den- 
selben an sicli zu bringen sucht, sei es durch Kampf (Eroberung) oder einfache 
Besetzung, um so dem Gegner den Gebrauch der Kriegsmittci zu entziehen, 
welelia dieser Besitzstand ihm gestattet — Wenn dann des Weiteren Tom 
rein militärischen Standpunkt das Hoberate Ziel des Krieges ins Auge 
ge&bt wird, so Ueiht doch m bedenken, dab der Krisg (d. h. das Herbei- 
fDhren and Ausnaizen des Kri^zustandes) led%lidi ein Mittel der Politik, 
der Begriff „Krisg** von den Begriffen »Politik'' ond »Staat* oder »Volk* 
schlechterdings gar nicht zu trennen ist. 

In dem Abschnitt „Von der Truppe und ihrer Fühning" nennt der 
Herr Verfasser ^bowatfnoto und unter das Kriegsgesetz (müfste wohl 
heifsen: militUrische Gesetze) gestellte (militUrisch organisierte) Menschen 
(mUfste wohl helGsen: Massen) ein Heer, daä ex*si durch Gliederung in 
TmppenkSrper zur Armee wird. ~ Vortnrffliehe Worte sind dann ttber die 
Gmndbedingungen tOr die Leistnqgsfthigkdt einer Trappe niedergelegt, 
Uar ond logisch ist die »vierfache Stnfimleiter" des Vexnichtongswerkes 
von Armee gegen Armee dargestellt. Auch befinden sich in diesem eui- 
Icitenden Abschnitte d^ Buches (Allgemeine Begriffe) sehr schätzenswerte 
Auseinandersetzungen über Theorie und Praxis, Lehre vom Kriege, Kriegs- 
politik, Lehre von den Bedingungen des Heerwesens, Lehre von der 
Troppenverweudong a. s. w. — 



I 



I 



236 ümadm in d«r IGlitir-LittMiAtiir. 

Im Beji^riffp, in dov bpp'nTinenen Wei<^e die Besprechung des vorliependen 
Werkes fortzuführen, wurfh; ich aus (len HtMhen der Truppe in den Besitz 
einer längeren Auslassung ülior das Jxhei fT'M ho Buch ziuu Zwet-k der Ver- 
öflenilichung gesetzt. Du war mein tlntiscblurs schnell gefafst: Die wisfien- 
sdwftlidio oder unwissenschaftliche Kritik, dieses theoretische Kritisieren 
oder kritische 1!lieoretiii««B kann einatweilen mheiL Es ist wichtigar 
eine Stimme ans der Trappe ta bBren. also' von dem Oehiefee her, wo des 
Verliueen Lehren tot allem wirken soUent ~ Bo mDge denn jene Stimme 
im Nachfolgenden zu Worte kommen, die den rein praktischen nnd 
taktischen Standpunkt mehr im Auge haben mufste und somit die her» 
vorragende wissenschaftliche Bedeutung des vorliegenden Buches, das 
vorläufig doch einzig in seiner Art, nicht voll in den Zenith treten liUb. — 



Wenn ich an dieser Stelle den Kameraden der deutschen Armee ein 
Bndi nun Stndinm besonders empfehle, so thue ich dies nicht etwa als 
ÄnbRnger des Antoritttteglanhens und weil ich mhedingt auf die Worte 
dea Meisters sdiwOre. leh erkläre Torweg anedrfleklidi, dah ich in 
manehen Punkten ans sachlichen nnd formellen Gründen Ton den Aa- 
sichten des Herrn Verfiissers mich weit trenne .... aber mmae Empfehlung 
an die Kameniden, gerade dieses Buch ihres Studiums zn witrdigeil, wird, 
bei meinem Bekenntni^s*^ vielfadi abweichender An.<cliaaill|gen, gewils um 
80 unverdächtiger sein und um >;o kriiftiger wirken. 

Nicht des Durchlescns .sondern des Studiunis bedarf ein Werk , das 
die Theorie des Krieges und die KriegftUuung philosophisch erörtert; und 
gauB besonders, wenn diese philosophi.schen Deduktionen ans der Pedw 
des bekannten nnd gesohKtzten iweaftisdien Gmeralstabsobmsten stammen. 
Bs liegt in dem letstoi Satie iin gewisser Vorwurf iltr den Herrn Ver- 
ftsser, ein visbeitig ansgeeprodiener nnd begründeter Vorwurf: hat er 
doch die militHr-technische Nomenklatnr in einer Weise bereichert, die 
vielfach zwingender Veranlassung entbehrt und keineswegs stets mit den 
neuen BegrifTf^n und Ausdrücken die Klarheit der Sache förderte; bedarf 
es doch entschieden eines energischen Entschlusses, sich in die Darstellung 
hineinzuarbeiten, die sprachlich schwer war und ist. Aber die aufgewandte 
Muhe wird reichlich belohnt durch die Fülle gediegenster Gedanken, Ui'teile 
und Betrachtungen, die der Herr Verfasser mit vollen Hftnden ausstreut, 
und wer sieh erst heimisch gemacht hat in dem logisch aufgef&krtea, 
condsen System, der wird Belebnmg sngldcfa und Brfrisdinng schOpfon 
im reichsten Halse. 

Der oben angeftihHe Doppeltitel bot dem Herni Verfas-ser einen 
Ausweg aus der Frage: ob das jetjsigo Werk eine neue Überschrift erhalten 
solle oder lediglich als zweite Auflage der „Lelive vnn der Truppen- 
verwt ndung" zu bezeichnen sei. Die Besitzer und Kenner dieser „Lehre" 
— das erwähne ich ausdrücklich — finden in dem neuen Werke bei im 
Oronde ganz gleich gebliebener Anordnung desfelben Stoffes auch ganze 
Siltae, Kapitd und Abschnitte des alten fast wörtlich wieder; aber docb 



Umieliaii in dw MOitliwLittmtiir. 



237 



wird ihnen und denen, welche das erste Btirh nirlit kennen, hier etwas 
Anderes gebracht, ab was dort geboten war. l'xiide Arl weiten l>eschr[lnken 
sich auf die reinmilitilrische Seite der Krieglührung und deuten deren 
politische S«ite nur an den entsprechenden Stellen an; das ist das Ge- 
meiiiBame; im Übrigen aber bestellt eben Bwisehen jenem und diesem 
Werke ein weeenUieber innerer Unterachied, der wai die Form der Be- 
handluig tiefgehenden Sünflole gehabt hat Es ist ans dem neueren 
Weite die Polemik gestridien, die ergänzenden, erlAotemden „Bemerkungen* 
sind foitgelassen, gewiasermafson das Baugerüst; was jetzt dastebt, ist der 
fertige Bau. „Dem Leser sollte auf diese Weise das Sludium erleichtert, 
der praktische Wert des Buches geliohen werden, indem es sich auf die 
Wieder^'aln' der Resultate einer Spekulation Ueschrilnkt, welclie in der 
ursprünglichen Fassung selbst, als solche, iui \ ord ergründe stand . . 

Wie ich oben erwähnte: Die vorliegende philosophische Abhandlung 
üt nscbwer" geeehiiebai, so selir sie aneh gegen «die Truppen?er- 
wendnng** vorteilhaft abstiehtt »ISn decisrrer Defeasivlcam]^ kann 
nach den frOher gegebenen Erkbbningen lediglich eine Episode der Deoisive 
sein". (S. 208.) — „Dem Feldherrn — Taeto-Strategen — bietet sich 
jn dieser Doppelmöglicbkeit ein schlechthin unendliches Hülfsraittel, den 
Verlauf der kriegerischen Oesarathandlung nacli 'deinem Urteile und Willen 
'in regeln und selb.st da, wo die persönliche und materielle Kampfkraft 
der Truppe zusammengebrochen ist, doch immer noch <,'eistige Kraft- 
iaktonn in die Abmessung einsetzen zu können, welche solchen Zu- 
sammenbruch mindestens nocb nicht als einen letztabschliefsenden za 
betrachten gestatten werden. Aof seinem Wege „im täuschenden Zwie- 
licht der DHmmemng* findet der Feldherr die nOtige Bemedur gegen 
den ja aoch dem genialsten Geiste aieht erspart bleibenden Irrtum in 
jener doppelten Anschlafsfähigkeit des gefedhtflgereohten an den 
schlachtgerechten, des schlaehtgereohten wieder an gefeohtsgerechten Ge- 
danken" (S. 640). 

W^enn auf S. 5 gesagt ist: „Je fester diese Disziplin vorhält, desto 
unüberwindlicher (!) wird die Truppe sein" .... so kann ich nicht 
umhin, den Comperativ „unüberwindlicher" aus logischen Gründen anzu- 
fechten. Der Begriff „unüberwindlich" ist ein absoluter, in sich abge- 
schlossenar, der kdne Steig ti ung, mithin keine Gomperativform saUÄt 
«Das Wissen an niederer Stelle*, sagt der Herr Verfiuser auf S. 551, 
„schadet nicht nur nichts, es ist im Gegenteil die festeste Stiltse des 
Könnens — daher dann die unendliche Bedeutung und das stets be- 
währte Übergewicht einer fachmännisch gebildeten Führerschaft, eines 
ZU wohlverstandener freiwilliger Unterordnung erlogenen Oftizier-Corps". 

Dieser Mahnung gegenüber .sei \>etont. dafs die Lehre de.-? vorliegenden 
W^erkes fest gegründet steht auf realen Faktoren, auf dem Bod»^n dei* That- 
sacUen, dafs sie also dem praktischen Können unmitteUnir die Wege 
ebnet. Da ist keine Erscheinung des Krieges anÜBer Betracht gelassen! — 
Sei es gestattet einige SfttM, die sidt gerade dem Auge bieten, heraus» 



uiyiii^od by Google 



238 



ünudiMi in der MUitir-LittmtDT. 



zagreifen, um die ManiugfalÜgkeii und Eigenart der Schrift wenigstens 
anzudeuten. 

Ein Übermafs an Artillerie in einer Armee würde in lebtter 
Inatanz wieder, eine nur an die Gleschtttze gebundene Infanterie darstellen, 
dadttreh die Eigeoaii d«r Waffe aufheben» am sie doch hernach dnreh 
Anasondorang wieder hentellen n mOaeen. . . . 

Seit die JBgerbllchM an sich nicht mehr beaeer iat» ab das Armee- 
gewehr, hat die Bedeutung der Jäger, als selbstst&ndige Truppengattung, 
sehr wesentlich abgenommen. Trotzdem t)esteht, geetütat auf speziellen 
ausgesuchten Ei-sat?. und oni sprechende Ausbildung in den meisten Armeen 
die Waffe fort, aus immerhin nicht zu unterschätzender ii istoris< her 
Tradition. — Nicht ganz überzeugend klingt nach diesem üiteil der 
8atz: „Die Waffe gewährt bei richtiger Verwertung ihrer Si>ezialitüt den 
sich bezahlt machenden Vorteil: im Frieden eine Mnstertmppe fOr Wafien- 
nnd Tto'fainbenntiang wa sein ond im Kriege dieee ihre Vonllge unter 
besonders schwierigen Verhültniaen sor Anwendnqg bringen m kSnnen''. . . • 

Die Feld -Pioniere nnd heatsntsge, wo momentane Tenain- 
omwandlungen mehr und mehr zur Regel des Feldkrieges werden müssen, 
ein integrierender Teil der In&nterie selbst geworden, filr welche ihre 
Bedeutung in stetiqfn Steigerung begriffen ist. . . . 

Unter „schwere (ruiei Festunga-) Waffen", auch vierte Waffe genannt, 
versteht der Horr Vert'a.siser die noch fast Überall getrennten (iruppau der 
Fufsartillerie und der Festungspioniere, deren Thätigkeit eine so 
nahe Verwandtschaft aufweist, dafs es unter Umständen schwer werden 
dttifte, wenn auch nicht die ilnijserlich technische, so doch die inners 
taktisehe (Verwendongs-) Sondernng Im gemeinsamen Kample beider 
aufrecht wbl erhalten. . . . 

Soll der Kavallerie-Division Infanterie zngeteilt sein? Nein; 
weder berittene noch fahrende noch marsofaierMide bifenterie, da keine in 
entscheidenden Momenten den An forde nmrrnn entsprechen kann und jede 
mehr Nachteil bringt als Vorteil, Alles in Allem betraclitet. Die Kavallerie 
selUst mur<> durch Bewatinung und Ausbildung befiihigt sein, sich rasch 
in eine zu Fufs fechtende Truppe zu verwandeln und ist dann selbst- 
stftndiger, als irgend eine Zuteilung von Infanterie sie machen kann. 
Dab trotidem ausnahmsweise eine solche VersUrkung notwend^ werden 
kann, «dl nicht bezweifelt werden; dann ist es aber Sache d«r bShwsn 
Fflhmi^p, dergleichen anznordnen, nicht aber innere Hotwendigkeit der 
Formation, dafür ein fUr allemal Vorkehrung getroffen zu haben. Be- 
kanntlich reehntm die Russen auf besondere Erfolge ihrer zahlreichen, zu 
dieser Sell)stständigkcit lx;filhigten Draponer-Divisionen. — Der nüchste 
Krieg wird die Probe auf das Exetnpel bringen und e.s kann wohl .sein, 
dafs demselben dun.h das Auftreten dieser K^itergesehwader ein besonderer 
Zug aufgeprägt wird. Anderseits wünscht Scherff, wohl mit llecht, die 
Beigabe eines fahrenden Pionierdetachements an die Kavallerie- 
EKrision. . . . 



Vmeliaii ia d«r IGlitir-LitfteMliir. 



239 



Die „Inversion", d. h. die individuelle Freiheit der Einzelgruppen, 
darf nicht in Zwangslasigkeit ausarten ; auch für ilire Anwendung müssen 
bestimmte Grenzen gezogen werden, welche nie der Normalordnung 
nicht ak Unordnung, sondern als „Freiordnang" zur S«ite treten 
Immd* • • • 

Dab dar H«rr Vo&Mer di« 8 gliedrige Bangiwnsg der Inikiiteiie 
für das Gefeelii, dra Marsdi o. a. w. aach in dieMm Werke Tertritt, itt 

selbstverätllndlich. Neues für diese Auffassung ist nicht beigebracht; 
die Studie: zwei- oder dreigliedrig enthalt ja in der That Allee, was sieb 
ii^endwif zu Gunpien der 3 (ilieder anführen läf^t. Ich kann nur wtJnschen, 
dafs wenn wir einmal ein gründlich revidiertes Exerzier-Keglement erhalten 
aus demselben der liallast der 3 gliedris^en Aufstellung (Nein! der zwei- 
uud dreigliedrigen. Die Redakt.) mitsamt den verwirrenden, zeit- und 
mtlhe verzehrenden, ohne irgend welchen Kriegszweck einherschreitendeu 
Über^^bigen ans der 9- in die 3 gliedrigen Fomiatioiieii und nmgekelirt» 
dab alao dieser Ballast aas dem aenen Exerner^Se^emeat ebenso ver- 
Mshwunden acln mQge, wie die OarriformationeiL aDas Garr4 ist hent- 
lutage keine berechtigte Kampfform wehrhafter Infanterie 
mebr**! aagt der Hen- Verfasser tuid hat fttr diese energisch ausgesprochene 
und von ihm wohlhegründtite Ansicht alle oinsichtsvollen SachverstÄndigen 
hinter sich! „Die auf die beutigen materiellen Kampfmittel gestützte 
Lehre vom Kampfe hat es mit dieser Form nur als mit einem historischen 
Überbleibsel zu thun, welches lediglich als Notbehelf noch da in die 
Erscheinong treten kann, wo unentwickelte (d. i. kampfunfertige) 
Uuitarie von KaTaDerie flberfallen wird. Das Oair6 iat die onwül- 
kOrlkdie Votm moraliscber Scbwlebe» niemals aber kann es als jnne 
absSdrtKch gewihlte Fonn sn «tgener Wirksamkeit gelten, weil es fttr 
dieselbe in hoiiem Grade nnrorteilhaft ist und die Gründe, welche seine 
Anwendung einst mindestens rechtfertigen konnten, heute nicht mehr 
bestehun." In gründlicher, geistreicher Darlegung, in fesselnder Weise 
wird von dem Herrn Verfasser die Frage erörtert, in wie weit die Kavallerie 
heutigen Tages als Schlachtenwaffe noch eine liolle zu spielen habe; 
er nimmt, meines Erachtens, die richtige Mitte ein zwischen denen, die 
der Kavallerie jegliche Bedeutung für den Kampf absprechen, und denen, 
die mit der Reiterwsfli» Sehlaehtensiege erswingen wollen. Ich gebe den 
Sohlnfs s^ner Kavallerie-BrQrterang hier wieder: ,Diese anscheinend so*) 
nnmOi^iche Wirksamkeit verdankt aber die Beitwwaffe allein dem Umstandet 
daft der Ktmpf trota aller noch so hoch gesteigerten Technik, immer 
eine Mensch enthat war und bleiben wird, auf welche das Herz in seiner 
allzuraschen Verzagtheit doch stets den entscheidendsten Einflufs belialten 
wird. Es hilft nichts daiüber zu philosophieren, das Thörichte und Ver- 
kehrte durch ziffermälsige Bel^e für die unendliche Überlegenheit der 



*) Des „so" mala fortialleu, da logischer Weise eine Steigerung des „uninöglicb" 
Sicht statUlndai kann. ES gilt das eben Aber ««nftberwindUcher* Gessgtel 



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240 



Umscbaa in der Militär-Litterataz. 



Feuerwaffe erweieen sa wolleii: Dem Nahkampf wird stets ttne hohe 
nuntUsohe Übertogenheit ftW den Femkampf nur Sttte stehen imd diese 
Tbatsacbe such die Kavallerie als spesifische Nabwafie in ihrer Gnsteiis* 
bereditigiuig den andern Wafibn gegenflber schätzen and anfreeht erhaltenl 
Die äuTBeren Verliältnbso, unter denen die Reiterei hentantege den Fem- 
waffen entgegentritt, ^ind andre geworden, als sie einst waren, die inneren 
Vor1>e«linifuni^on für ihren Kampf aber sind dieselben geblieben. Der 
K«'it('i*stuiiii ,L,'egen die Pernwaffe wird sich in seinem Verlaufe mannigfach 
andei"s ^fcstalten inU.ssen, als uinst ; .seine Unmöglichkeit al)er haben auch 
die neuesten Erfahrungen noch lange nicht erwiesen. Vorzeitige Ver- 
zagtheit wttre es anf ihrer*) Seite, der Hoffining anf Brfblg ein für 
allemal entsagen m wollen; schwerwiegende Verblendung anf der 
andern Seite, die ZersUhmngskraft der Bdterwaffis an verknmen oder tu 
verliugnen,**) da wo sie im Geiste einer Teninnfl^mBlMn Kampftalctik 
geftthrt auf dem Plane erscheint und nach Zeit und Art im Qeiste einer 
klar erkannten Gefechtstaktik venvendc t wird. Immerhin mag man zu- 
geben, dals das heuti&atage wesentlich gi'öfsere Schwierigkeiten liat, 
als einst. 

Die disceptal>elste Materie der heutigen Infanterie-Taktik, der Angriff 
der Infanterie Uber freies Terrain, ist auch diejenige, gelegentlich deren 
der Herr Verfasser die meisten Einwendangen gegen seine Theorie er&hren 
wird. Er lehrt: nlfindestons (I) von äem Eintritte des Vortrefiens in das 
wirksamere feindliche Infanteriefenor, also etwa von 800 — 600 Meter 
ab, wird es snm Einsäten seines Gegenfeuers geawnngen sein; aber audi 
schon vorher, von der Grenze eigener Verluste ab, wird ihm oftmals eine 
gewisse Art von Gegenwirkung nicht erspart bleiben, wie sich eine solche 
im wechselnden Gliederfeuer der üSinxelschUtzen der ersten geöffiieten 
Kette vollzieht." 

Die Gegenmeinung geht dahin, dafs die Trupiie von vonihereln, ohne 
zu feuern, bis auf etwa 500 Schritt, wenn müglich noch nülier an die 
feindlidhe SteUnag herangehen und daß) demgemäb die Infanterie bereits 
im Frieden daran gewtthnt werdok soll, erst auf diese Entfernung das 
Feuer zu begmnen; die nicht unerheblichen Verluste, die man beim Voi^ 
gehen bis zu diesem Punkt erleidet, müssen ertragen werden! 

Übrigens ist in einer Anmerkung der Lehrsatz wesentlich eingeschränkt, 
und den Gegnern die Hand geV)oten. Doi-t heifst es: „Diese Art des 
Feuers ersdieint allerdin^'s ah Munitionsversehwendnn«,', insofern man sich 
eine Wirkung uut den Feind schwerlicii davon versprechen kann (!) Trotz- 
dem wird es seines Einflusses auf die eigenen Leut« wegen oft nicht 

♦) Das „ihre" soll riickbezüf?lich sein auf „Kavallerii:'" oder „die Reiter", — 
welches Wort man aas nnreitentum" entnehmen mufs. Immeihin eine stUistiscbe 
lokorrektheitl 

**) Soll heilben „l&ognen* s hestraiteo, dab etwas verbandni irt. Dagegen 
heiltt «Terttagnen" doch: etwas, vea dessen Voihaudemein man Kenntais hat^ 
abBichtUch und fKbehlich in Ateede steUeal 



Umschaa in der Milit&r-Litteratnr. 



241 



vermied«!! wnden kODOen und Terdlent dann doch nocb den Vorzug vor 
dem sollst leicht eiiireibeiideii eigeiimftchtigeii Feuer der Scbtttseiu Iii 
der Schatzenlime wird die Anfberksamkeit der Leute dnieh die eigene 
Thfttigkeit, das Kommando n. s. w. (iümlirh wie in der Kolonne das Tarn- 
bourscblagen) von den sich mehrenden VerloBten abgelenkt und die 
nachfolgenden geschlossenen Abteiinngen finden in dem voran [^getragenen 
«eigenen Ffuer eine gewisse Beruhigung. Immerhin ist solches Feuer 2a 
vermeiden, wo es ii'gend vernieidbar ist !" 

Nachdem das „sprungweise Vorgeiieu" gebührenderraal'sen empfohlen, 
beiliit es weiter: «Ein anderes, unter ümstfinden allerdings fttr die Verlust» 
herabmindenuig noch wirksameres Mittel: dasallmShlige Heranschleioheil 
der eiuselnen oder kleinen Gruppen ans der Sebttteeiilime an den Feind 
heran in die neue Fositkm, wdehee nuter dem Kamen des Vorwftrts- 
Sammelns (im österreichischen Reglement) bekannt ist, erscheint dagegen 
nicht empfehlenswert. Der damit verbundene grofse Zeitverlust kann die 
so errungenen Vorteile leicht /u gröfseren Nachteilen für die hinteren 
Linien verkehren und schwerer noch wiegen die moralischen Bedenken, 
welche sich der Anwendung eines iwlchen Verfahrens, mindestens fUr 
decisive Verhiütnisäe im Gix>iäen, entgegenstellen." 

Es sind dies behenögenswerte Worte, die eine fiurt llbeimll anerkannte 
Lehre enthalten, nnd doch hedflrfen a» der steten Wiederholung, damit 
ihre Beachtung nieht allmithlig naehll&t oder ganz einscUSit. Ich schreibe 
dieee Zeilen in der „Periode der Felddiensttthnngen**, welche nadi einem 
bekannten Dictum, „die Schlacht tödten". Oewifs mufs und wird jeder 
Compagnie-Chef, sobald er im April oder Mai „ins Terrain" geht, zunächst 
gründlich und im Detail jeden Mann über die Benutzung deörell)fn unter- 
weisen, rotten- und gruppenweise, selbst einzeln sprunt,'wei-»' vorgehen 
und die I>eute «ich hchnell einrichten lassen; es linden vielfach „Ilesichtigunt^'en 
in der Terrainljenutzung'" Seitens der Bataillons- und Regiments-Commau- 
denre statt. Soweit ist das ganz gut, abw die ESersdialen, um mich so 
anmadrileken, wirft manche CSompagnie noch lange nicht oder gar nicht 
ab. Die Terrainbenutzong, wie die Lemxelt sie mit sieh bradite, mufs 
allmShÜg abgestofsen werden, das Buchstabieren mufs anih&ien .... und 
das unterbleibt leider zu oft. „Das Terrain wird in unsem kleineren 
Übungen vielMtig als Faktor überschlitzt. Der Trappenf^hrer, unein- 
geschriinkt 'hu-rh das Vorhandensein gröfserer Nachbarkörper, liiuft 
schrankenlos dem besten Lokale nach und denkt durch dieses durchaus 
unkriegerisclie (!) Mittel den Ertolg an sicli fesseln zu können. Durch 
solches Verhalten befördern wir die Auflösung der ordre de bataille", so 
heifat es in dem Vortrage „Aber das bifiuiterie^Gefecht'*.*) Und eine ebenso 
trefflidie Schrift**) weist die terrainbenntaenden, sdir wichtigen FMddienst- * 

*) Von r. Schlichting, Oeneralmigor u. s. w. S. 8. Ißttler u. Sohn. 1879. 
**) Die Ausbildung der Infanterie-Compagnie fOr die Schlaoht 
nach den bestehmden Beglwuents und LutmktioDML Von N. N. HannoTor, 

Helwing, 1879. 

JfthrbAelktr tftr die D««tMk« Arne« and Marine. Bd. U.VIII,, 3. 16 



Digitizea by LiOOgle 



242 



Umschau in der IGÜtfir-LittentQr. 



'itbmigeii an dU zweite StalU des ProgFamn», wfihrend „die Gefeelits- 
übnngea der Gompognie n. s. w. als Glied der Schlachtlinie Haupt- 
sache sein mfllSsten.'' „Der Nachdruck, den das Reglement allenthalben 

auf die TeirninUcnutzung lej^ und hiernach unsere alte Gewohnheit, sie 
bei den Felddienstübungen auf das Höchste zu steigern, verführt natui*- 
gemäfs dazu, den Schutz des Terrain« auch da aufzusuchen, wo er nicht 
am Wege liegt; das ist in der Schlacht durchaus unstatthaft". . . . 

Veranlassung zu dieser Aueeinandersetzung gab der Herr Veri'asäer 
dnicfa seine Vemrteilnng des VorwUrtt-Sammeltts' ; es bot sidt hierbei glebh- 
seitig die Gslegenheit sa beweisen, wie fest die »Lehre von der Krieg- 
ftthrong* mit der Praxis Terwadisen ist und welche Bedeutung des Hern 
Verfisissers wohlbegründete Theorie in der Vorbereitni^ vnserer Offinere 
ftr das Können hat! — 

Hndifit interessant ist der ^historische Rückblick" auf die ..Schlacht" 
mit den Urteilen ül)er Fried ririi den Grofsen und Napoleon: „Wenn luan 
die Sciilacht, nur voiu Staudpunkle eines Kampfes als das entscheidende 
Abringen gegnerischer Kräfte an bebtiumitor Stolle und zur bestimmten 
Zeit betrachtet, so ist das Bild, welches hier von dem modernen Zn> 
sanunoiwirkea der drei Waffen entworfen ist, nichis anderss, ab die anf 
heutige Verfailtnisse angepabte Wiedergabe der Friederisianischen 
Soblaoht" .... 

Schai-f ausgeprägt ist des Verfassers Standponkt in Betreff dee 
Kampfes der „ vierten Waffe", und seine zu wohlgefügtem System 
aufgebauten, teilweise ganz neuen und bahnbrechenden Lehren hal)en viele 
Freunde, aber aucli viele Ge^j-ner gefunden, zu welchen letzteren natur- 
gemäfs die „Fachmänner'', die Ingenieure, das Hauittkontingent stellen. 
Der Streit wird nicht so bald und nicht so leicht entschieden werden. 
Mag das hier aufgestellte System siegen oder unterliegen, schon heute hat 
es die faervonagende Wirknqg enielt, dab der Festongskrieg, der bisher 
als eine Domäne der Genie- nnd Artillerie-Waffe galt und als solche von 
fast allen In&nterie-OfBaeren mit einer gewissen hnligen Sehen von 
ferne betrachtet und gemieden wurde, der Menge der Infimterieführer 
näher gerückt hat, die ja doch zu bedeutender Mitwirkung am Festanga- 
kriege lierufen sind und der Kenntnis desfelben schon im nächsten Kriege 
nicht wohl werden entraten können. Dei- Herr Verfasser bringt uns die 
Sache näher, indem er lehrt, „dafs auch bei der Truppenverwendung im 
Festungskampfe in erster Linie die Gesetze des Feldkrieges mafs- 
gebend sind, dem ein eigenartiger Festungskrieg in Theorie nnd 
PraziB heute nicht mehr gegenüber gestdlt wwden darf.^ Der ab- 
sohlieCsende Sats Uber den Festnngskrieg lautet dann: „In letater Instans 
aber mündet damit doch wieder jsde sogenannte Eigenartigkeit dea 
Festungskrieges zurück in die immer gleichen Gesetze des typischen 
FeldkSrpers and je unbekflmmerter um technisches Detail der 
Festungskampf in Offensive und Defensive im Grofsen diesen Lineamenten 
sich anpalst, desto leichter wird es ihm werden, seine taktischen 



Umachaa in der MOitir-Littcrator. 248 

Anordnungen im Einzelnen jener Technik anzubequemen, deren 
berechtigte Forderungen zu ignorieren freilich nur wieder einen 
entgegengesotiten Fehler der Anftlhrang bilden wOrde" 

Als AbstSnde ftr die Hareolikoloiineii verlangt der Herr YerfMaer 
swisoben den Gompagnien 10, den Baiaillaiien 30, den BegimentemlOO, 
den Brigaden 250 Schritte, Absttbide, die uuere jetngen re^ementariedien 
allerdings erheblich ftbersteigen. 

Anstatt des „sogenannten kleinen und grofsen Ti-ains (erste und zweite 
Staffel des Truppentrains)'' — ist die Bezeichnung »kleine und grolae 
Bagage gebrJiuchl icher . . . 

Die vorgeschriebene Voraussendung von Quartiermachern in 
die Cantonnements scheitert im Ematfalle nnr allan oft an der Unmöglich- 
keit, nnd jedenMls ist es voitnlhafter ond in den meisten FftUen ans- 
fttbrbar, wie Verfitsser m^t, ein ftr allemal dem merst in tan Gantonne- 
ment einritekwidim Trnppenbefehlshaber unter persSnHohor Yerantr 
Würtung die Verpflichtung aufzuerlegen, andi fßr alle nachfolgenden 
Truppenteile (und Stäbe!) Quartier zu machen und durch Beschlagnahme 
und unter Verteilnng die notwendige Verpflegung fUr Alle sicher- 
zustellen . . . 

Die über Bildung und Verhalten der Vorposten entwickelten, sehr 
interessanten Anschauungen des Herrn Verfat^sers „stellen sich bis zu einem 
gewissen Grade als Gruppensystem dem linearen Vorpostensystem 
gegenüber, welches nach alten LehrbDcbem und noch nicht ttberall abge- 
stmftsn Gewohnheiten die m idcfaemde lanie mit emem susammen- 
hlngenden Nekae entweder wafibnweiae nebeneinander gestellter oder auch 
in sich selbst gemischter auf ziemlich gleichmlUge Entfexnung von ein- 
ander postierter Feldwachen tiberspannt." 

Bei dieser Gelegenheit ist für Tiket die Bezeichnung „ Grofsposten" 
eingeführt und an ötelie der Doppclposten der Dreizahl (in eigener Ab- 
lösung zu Einem) das Wort geredet. 

Die Dreizahl wird vielfachen und begründeten Widerspruch erfahren, 
obgleich sie unzweifelhaft manche Yortefle bietet. 

Zur Geniige dflrfte für diejenigen, welche des Hemi Verlhssera Bach 
noch nicht bannen ~ für dia Andern ist ja das nicht erforderlieh! — 
aui Vorstehendem der Beweis erlnadit sein, dab die Lehre «vim der 
Kxiegftihrung'', wie sie hier uns geboten wird, einen hervorragenden Platz 
unter den militär-literai-ischen Erscheinungen der neueren Zeit einnimmt, 
dafs sie eine gründliche, interessante, lehrreiche abscbliefsende Arbeit ist, 
welche für lange Zeit das Feld beherrschen wird. 



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244 



Berichtigttogen. 



Berichtigungen. 



Es \«t zn lesen im Juniheft: 
Seite 2G2 Zeile 17: ^4. Füsilier -Regiments" statt „5. Füsiilier- Regiments. - 
Zeile 19 ti. . Zw i Bataillone 2. Feldji^er-BatailoQ** statt .Zwei Bataillone 
%, Feldjäger -Bataillons.' 

Im MMhefls 

Seite 33 Zeile 14: „bewirkte- statt „besagte.** 



Dnck TMl A. StMk, B«dia KW., OorttÜtMiito. &». 



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XIV. 

Algerien und Tunesien. 

Von 
Hknptawna. 

(FortBetsong.) 
IV. 

Um zweier Dinj^e halber ist uns das phonizischo Volk be- 
sondere intcres-sanl, das sind Boin TTandel und seine Kolonien. Heide 
stiinden natürlich in \Vechsell)e/.iebungen zu einaiub'r, Ersterer war 
für das Altertum ein Welthandel, letztere enstanden durch Über- 
viilkerung, IJberfüllun«^ mit Kapital. Diese scheinen zur Blütezeit 
der Seemacht von Tyrus im 12. Julirliundert v. Chr. eingetreten zu 
sein. Eine andere ürsaehe zur Bildung von Kolonien pflegt politische 
Unzufriedenheit zu sein; auch diese trat ein, als das Mutterland 
darch die assyrischen, babylonischen und persischen Eroberer an 
Selbstständigkeit verlor. Darob die Einwandern ug der Phlkiisier in 
Nord* Afrika und ibre Vereinigung mit den altam&^sigen Libyern 
entstand das von den Griechen als LibyphSniker beseidinete 
Miachyolk. 

Die älteste der phSnizischen Niedorlaasungen in dem heutigen 
Tunesien war Utiea, und swar föUt ihre Gründung am 287 Jahre 
fr&her als diejenige Karthagos, also am das Jahr 1100 r. Chr. Utica 
erscheint in Verträgen and Bündnissen stets selbstivUindig neben dem 
jüngeren Karthago, öfters nnd namentlich im III. panischen Kriege 
demselben feindlich gegenüber, sodaTs die Römer ihm den größten 
Teil des karthagischen Stadtgebiets ansprachen. Die Gründung 
Eartkagos wird in das 9. Jahrhundert yerlegt. Nach der freilieh 
durehans sagenhaften Tradition, wie wir sie im Viigil finden, entfloh 
Dido oder Elissa, die Tochter eines Königs von Tyn», als des 
letzteren Bmder ihren Gatten Acerbas oder Sichäos ermordet hatte, 

hmiMm Mr 41» DwMto Ahm» n«l Umitm. 9*, XLVIII.. 8. 



I 



246 Algerim und Tnnerien. 

mit den Schätzen und vielen Tyriern zu Schiff nach Afrika, landete 
nicht weit von Utica und baute auf dem Boden, den sie Ton dem 
nnmidischen Könige Hiarbas gekauft hatte, eine Burg, Byrsa ge- 
nannt. Die griechische Bedeutnni^ dieses Wortes veranlaliite die 
Soge, sie habe soweit Land gekauft, als mit einer Kindshaut belegt 
werden könne. Dann aber habe sie listig die Haut in dünne Streifen 
geschnitten, um 80 einen grossen BAum ungrensen m können. Das 
Wort ist aber nicht aus dem Griechischen, sondern von dem ar«p 
maischen birtha Turm, Festung hensnleiten. Um dem Begehren 
des Hiarbas zu entgehen oder nach Virgil wegen Abreise des Aneas 
soll sich Dido den Tod auf dem Scheiterhaufen gegeben haben, 
wofür sie dann g(')ttlich verehrt wurde. 

An die Byrsa, welche anfan<jfs die Stadt in sich fafste, schiefe 
sich heim Anwachsen der Bevlilkerung die Gründung von Kartliago 
und erstere wurde ihre Akropolis. Diese erhob sich auf einem 
60 m hohen Berge, hatte 15 Stadien = 2000 Üoppelsch ritte im 
Umfange. An die Byrsa schlössen sich namentlich im Westen und 
Süden dreifache 1(> m hohe, 10 m breite, mehrstöckige Mauern, 
welche die Ötadt auf der Landseite umgiiUen und in ihrem Erd- 
geschosse Stallungen für 300 Kriegs-Elephanten, im mittleren Stock- 
werk solche für 4000 Pferde enthielten. Diese dreitache Mauer, 
welche mit der babylonischen wetteiferte, schlofis auch den nach der 
Landenge zu im Süden gelegenen inneren oder Kriegsliafen (Kothon) 
ein. Der vor ihm gelegene aufsere oder Handelshafen war nur mit 
einer einfachen Mauer umschlossen, welche sich an der ganzen See- 
seite fortsetzte, auf der Hälfte zwischen den Tläfen und dem Vor- 
gebirge Karthadschena (Sidi bu Said) aufhörte, quer in westlicher 
Richtung bis zur ^V(stnlauer sich hinzog und die Altstadt eiu- 
schlofs, deren llauptstrafsen gerade auf die Burg zuliefen und von 
sechsstöckigen Häusern eingefafst waren. 

Hierzu kam später bei dem Anwachsen der Bevölkerung eine 
Art Voi-stadt, welche allmählich den ganzen fruchtbaren Ranm 
zwischen dem Meere und dem heute Sebcha el Iluan genannten See 
ausfüllte und ebenfalle von einer Mauer umgeben war. Dieser 
Stadtteil hieb M^gus nnd enthielt, ähnlich wie das heutige Eü Meraa, 
die Tillen der Reichen, «Shrend nördlich daran die Nekropol» stiefe. 
Eine 10 Meilen lauge Waaserldtung fahrte das Waaser vom Gebirge 
Zaghoan in die von Nator waMerloee Stadt. 

Etwas später erfolgte auf dem Isthmus swischen den hente El 
Bähiia nnd Sehcha Seldschum genannten Seen die Qrfindnng Yon 
Toniaom, Tnnetnm, dem heutigen Tunis, welches abdann die 



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Algerien und Tunesien. 



247 



Schickaale Earfthagoi teilt, neben ibm aber TollBiSndig nirilektriti, 
und Ton den rdmischen SchiifteieUern erst vom L ponischen Kriege 
an erwähnt wiid. 

Nach dem Untergänge der PbSnisier fibemabmen die Karthager 
ihre Bolle nnd fahrten sie gl&cklicb dnreh. Die Zahl der Stadt- 
hevdlkemng stieg gegen Ende der BIfltesdt bis auf 700,000. Das 
Landgebiet, welches Karthago tdls durch Unterwerfung libyscher 
Stimme, teib dnrch Anschlnls a1tph5nizischer Kolonien, wie Utiea, 
Hadrametnm, der beiden Leptis, sich erworben, reichte nm die Bfitte 
des 5. Jahrhnnderts ▼. Chr. im Süden bis snm palos Tritonis, im 
Osten g^gen Kyrene bis m den AltSren der Philinen bei Elbenia 
an der greisen Syrte, im Westen gegen Nnmidien bis Hippo Begins, 
dem heutigen Bona. Durch den regen Handelsgeist gelangten die 
Karthager auch sur Erwerbung fiberseeiseher Gebiete, so auf Sar- 
dinien, Corsica und Sicilien. Um das Jahr 508 t. Chr. wurde ein 
Handds?ertnig mit Rom abgeschlossen. Nach 500 folgten grofise 
* Seereiseii, so die des Hanno, welcher 480^470 um die Westküste 
von Afrika segelte, worüber er einen Bericht in dem Traapel des 
Äskalap auf der Byrsa niedergelegt hat, der uns durch die griechische 
Übersetzung bekannt ist. Dieser »Periplus« des Hanno beginnt mit 
den WcMten: »Es ward von den Kartliaprcm beschlossen, dafil 
Hanno eine Seereise über die Säulen des Uerknles hinaus unter- 
nehmen und libysch-pliönizische Städte gründen sollte. Er sielte 
demgemäia mit 60 Schiffen ab, jedes von 50 Knth rn, mit Männern 
nnd Weibern an Zahl 80,000 nnd mit Lel}ensniittelu und anderen 
Bedürfnissen versehen.« Hanno hat dabei die 12 Tagefahrten von 
der Meerenge entfernte Insel Kerne und den noch weiter entfernten 
Chretes oder Chrenietes erreicht. Erstere ist imcli Kiepert das 
südlich des westlichsten Vorgebirges des hohen Atlas (heute C. Ghir) 
gelegene luselchen Ag^ir, während der an Krokodilen und Nil- 
pferden reiche Chretes, von Späteren Stachir und Bambotus genannt, 
dem heutigen Senegal eutspricht. Hiniilio befuhr ebenso die Kirsten 
des Atlantischen Meeres bis zu den Zinninseln, d. i. Britanin'en. 

Die Verfassung war eine vorwiegend aristokratische. An Kultur 
war Karthago Rom überlegen, namentlich die mathematischen 
Wissenschaften blühten; auch durch Wassfi- nnd i^cliiff l)a\iten, so- 
wie durch rationelle Landwirischalt waren die Karthager hervor- 
ragend. Griechische Trauerspiele wurden in das F'unisclie übersetzt. 
Von der eigenen Literatur ist uns jedoch niclits übrig, überhaupt 
wissen wir von der Blütezeit Karthagos nur wenig, da alle Schrift- 

17* 



248 



Atgorien nad TuNoen. 



steller ihm feindlich gesinnt and alfl solche haaptsächlich von seinem 
Untergänge an erzählen. 

Um dieselbe Zeit, wir die obon erwähnten ubor<^ef ischen Expe- 
ditionen, begi)inen die Kämpfe mit den Griechen um den Besitz von 
Sicilien; mit ihnen erst erhalten wir eine zusammenhangende Ge- 
schichte Karthagos, welche als bekannt voransgpsetzt werden kann. 
Die Unterwerfung des südlichen Itah'en brachte dann auch die 
Kömer, welche von 500 ab ihre Handelsverträge immer erneuert 
hatten, mit den Kartliu;j;oru in feindliche Berührung, und so kam 
es zu den punischcn Kriegen, in welchem Karthago schliefslieh 
unterliegen sollte. Selbst Hannibal, der den IT. panischen Krieg 
glorreich begann, war nicht im Stande, das Schicksal seines Landes 
aufzuhalten. Er unterlag 202 in der Entscheidungsschlacht von 
Zama. Letzteres lag zwei Tagemärsche östlich von Kef l>ei dem 
heutigen Dorfe Dschama, das Namen sowohl wie Baumat*^rial von 
dem rimiischen Zama entlehnt zu hüben scheint. Die alten Schrift- 
steller .stimiaen bei Angabe der Lage nicht überein. Aii[iian weicht 
von Livius und Pülyl)ins ab, welche bcidtj aber glaubwürdiger sind. 
Nach ihnen sowohl als nach Procopins lag Zaum fünf Tjigemärsche 
von Karthago, eine Entfemungs-Angabe, welche mit derjenigen des 
Dorfes Zama von Tunis, nämlich 20 Meilen, übereinstimmt. 

Scipio war im Frfihjahr 204 an dem Promontorium pulcbram 
gelandet und schritt nach einigen glücklichen Bmtergefeehten aar 
Belagerung von Utica, mnlste aber, als Sjphax die Karthager mit 
einem Heere nnterstütate, dieselbe aufgeben nnd besog wahrend des 
Winters an einem Vorgebirge zwiaehen Utica und Karthago ein 
befestigte« Schifblager. Im Frfihjahr 203 fiberBel er nichtlich das 
Lag«r der Nnmidiw nnd Karthi^er. Trotadem^ beschlossen letstere 
anf den »groCsen Feldern c 5 Tagemaraohe von Ütika eine offene 
FeldschhKht anaunehmen, aber auch in dieser unterlagen sie. Die 
darauf angeknfipften FriedenB-Verhandlnngen scheiterten. 203 landete 
Hannibal nach SOjähriger Abwesenheit, da er als Knabe bereits die 
Heimat Terlassen, bei Leptia anf afrikankchem Boden. 202 brach 
Scipio ans aeinem Lager bei Tnnia anf, zog daa reiche Thal des 
Barada anfwftrta Ins Nanggara (westlich von Ticca), wohin ihm 
Hannibal yon Hadmmetnm ans folgte. Letzterer bat nm eine 
Unterrednug, anf welche Scipio einging; dieser Terlegte seine 
Stellung in die Nähe Ton Ifafgnms, einer Stadt bei Sidi Abd Rnbbi, 
deren weitläufige Ruinen noch Torhanden. Hier stand er am Bande 
einer weiten Ebene, hatte Wasserrorrat nnd konnte im Falle der 
Not auf die dahinter gelegenen Höhen aaruckgehen. Hannibal 



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* 



Algerien und Tunesien. 249 

biBcb gleichians ans seinem Lager aaf, nülierte rieh den Bömeni 
bis anf eine Meile nnd nahm seine Stellung auf einem HOgel in der 
Ebene. Am folgenden Tage kam es snr Besprechung beider Feld- 
herm, die lange dauerte, aber resultatlos verlief, sodab Tags darauf 
die Schlaebt swiscben den beiden gröfeten Feldherrn sa entscheiden 
hatte. 

Der Verhiuf der Schlacht ist bekannt. Hannibal ftflditete mit 
einem Udnen Reitertmpp nach Hadrnmetum und von dort nach 
Karthago. 

Nach geschlossenem Frieden trat Hannibal als Snffet an die 
S|piixe dor Regierang, und Karthago begann sich wieder zu nrholen. 
Aber gehalst ?on der aristokratischen Ptotei nnd Ton den Bömem. 
mnfete er schlielsUch, um den letstereu nicht ausgeliefert zu werden, 
fluchten. Der numidische König Masinissa wu&te das fiCilstranen 
der einzelnen Parteien sowie Bon» zu sehi«tt eigenen Vorteil aus- 
zubeuten. In Born schSrte seit 157 der iltere dato den Hafe duroh 
sein »Cetemm censeo, Carthaginem esse delendam«, bis bei erneuerten 
Zwistigkeiten der Karthager mit Masinissa 149 ein Heer nach 
Afrika geschickt wurde, dessen Oberbefehl 147 P. Cornelius Scipo 
erhielt Er stellte zuerst die zcrrfittete Eriegszucht im He^ wiedn 
her und schritt dann zur Belagerung von Kartbi^, dessen Be- 
wohner auf alle Bedingungen eingehen wollten, nur nicht auf die 
eine, dafs sie ihre Vaterstadt verlassen und sich im Biunenlande 
ansiedeln sollten. Heroisch leisteten sie Widerstand und erst 146 
gelang Scipio die Eroberung der Sütdt von Haus zu Haus und 
endlich auch diejenige der Burg. Er hatte den Befehl erhalten, 
die Stadt sowohl wie die Vorstadt Megara dem Boden gleich zu 
machen, über den Boden den Pflug zu führen, Grund und Boden 
auf evnQ zu verwünschen, also dafs weder Haus noch Kornfeld je 
dort entstehen möge. 17 Tage brannten die Hainen und so Yer^ 
schwand die Stadt fast vom Erdboden. 

Das Land wurde als Afrika propria römische Provinz und 
Utica Sitz des Statthalters. Ein zweiter Zusammenstofs bei Zama 
erfolgte in dem Kriege gegen Jugnrthu (112—106). Metellus 
übernahm den Oberbefehl über das römische Heer 109, reorgiinisierte 
dasfelbe und führte es über die numidische (iren/e. 108 kam es 
zur Schlacht am Muthul, dem heutigen W. Mossul, einem Nebenflufs 
des Siliana. Die Auswahl der Stellung zeugte für Jugurthas 
stratej^isches Talent; er unterlag aber der Tüchtigkeit der rJnnischen 
Infanterie und beschränkte sich von nun auf den kleineu Krieg. 
Die liömer schritten zur Belagerung verschiedener Städte, so auch 



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250 



Algerien nid Tnnetden. 



voll Zama, das nach Hallnst: »in der ]']])ene gelegen nnd mehr (Inrch 
Kunst als durch die Natur belestigt war.« Jugurtha war den 
Römeru bereits zuvorgekommen und hatte die Bewohner zur hart- 
näckigsten Verteidigung aufgefordert unter dem Versprechen, mit 
einem grofseu Heere zu ihrem Beistande heranzukommen. Er 
erschien auch wirklieh und griff da.s römif^tlio Lager an; von Marius 
zwar abgewiesen, kam er am anderen Morgen wieder, während die 
Römer gerade einen neuen Angriff auf die Stadt machten. Letzterer 
inifslang ia Folge dessen und die BeUigeruug mudste aufgraben 
werden, 

107 kam es zum Wüstenkriegc im südliehcn Teile von Tunesien, 
den auch die Franzosen bei ihrer jüngsten Ex}>edition haben durch- 
schreiten müssen. Auf dem Wege von Tel>essa nach Keruan be- 
rührten dieselben die Reste des festen Thala, in welches sich 
Jugurtha mit seinen Kindern, Schitt/,<-n und dem Kern seiner Truppe 
zuriu kgei^ogt'U hatte. Metelln.s wagte es, ihm durch die Kin^Mlen zu 
folgen, wobei das Wasser in Schläuchen mitgenommen werden 
umfste. Thala fiel nach vierzigtägiger Belngcrung, aber Jugurtha 
war entkommen und die gätuli.schen Stäumie der Wüste erhoben 
sich gegen die Römer. 106 unternahm Marius, der den Olwrbefehl 
au Stelle von Metellas erhalten, eine Expedition gegen Capsa (heute 
Gafsa), dessen ersieh bemächtigte; auch erstarmte er ein Bergkastell 
am Flusse Molochat, der das nnmidische Gebiet vom mauretanischen 
schied niid wohin JagariihB seiiie Kaaae geschafft hatte. Auf dem 
Rackmarache Tom Flosse Molochat wurde das römische Heer eines 
Abends von feindlicher Reiterei überftllen und konnte sich nur mit 
Mflhe fnr die Nacht in Sicherheit bringen. Am anderei| Morgen 
überfielen die Römer die siegestrunkenen Afrikaner und zerstreuten 
sie. Mit mehr Vorsicht wurde der Rflcksug fortgesetzt; noch ein- 
mal wurden die Römer ?on allen Seiten augegriffen und nur dnrdi 
die Tfichtigkeit des Reiterobersten Sulla gerettet. Sie sogen nach 
Cirta in die Winterquartiere (106/5), nnd erat durch Venat fiel 
Jugurtha in ihre Binde. 

Schon unter den Gracchen waren auf d«r Stelle des alten 
Karthago Versuche sur Errichtung einer neuen Kolonie Junonia 
gemacht, die namentlich unter Caesar und Augustns eifrig betrieben 
wurden, so dals sie bereits im 2. und 8. Jahrhundert n. Chr. zu 
den bedeutendsten Stftdten Afrikas gehörte. 439 wurde das neue 
Karthago von Genserich zur Hauptstadt des Vandalenreichs gemacht 
und bei Zerstörung desfelben 533 von Beiisar erobert. 

Endlich wurde es 047 durch die Araber ToUstündig zertrümmert. 



Alfttin md Tteneaiea. 251 

Dieselben gründeten 075 die heilige Stadt Kernan, 17 Meilen von 
Tunis, und bestimmten diese zur Ilauptsüidt. Allmählich aber gewann 
doch Tunis mehr an Bedeutung, während das am Eingänge znr See 
gelegene Goletta stets unbedeutend gewesen ist. 1 180 untornaluneu 
die Sarazenen den Wiederaufbau von Karthago, aber er gelang nicht. 
Als Ludwig der FTeilige 1270 seinen Kreuzzug dorthin unter- 
nahm, war es nur ein unbedeutender MarktHecken. Dagegen werden 
noch eiu/Aiine alte Gebäude wie (Tymnasium, Amphitheater und die 
Häfen von Edrisi als vorhanden beschrieben. Seit dem Kreuzzuge 
aber war Karthago verlassen und diente nur als Steinbruch , <ler 
systematisch von den benachl)arten Städten ausgebeutet wurde. 
Edrisi berichtet bereits von diesen Transporten. 

Der Kreuzzug Ludwigs des Heiligen sowie die ExiMHlitiou Karls V. 
waren bisher die einzigen bedeutenden Einmischungen Europas in 
die tunesischen Angelegenheiten. Was erstereu betriÜl, so gilt als 
Veranlassung Folgendes: Französische Kaufleute hatten einem tune- 
sischen Beamten Luliani eine Summe von '.l Millionen Fninks im 
VV'ert geliehen; als derselbe gestürzt war, reklamierten sie diese Summe, 
■wurden aber von dem Sultan abgewiesen. Sie wandten sich darauf 
an Ludwig den Heiligen , der sich zu einem Kreuzzuge verleiten 
Hess und auf dem Boden des alten Karthago durch die Pest seinen 
Tod fand. Seine Söhne beeilten sich Frieden zu schliessen. 

Vom 13. bis in das 15. Jahrhundert hatte Tunis eine Zeit der 
Bifite, indem die Maaren aus Spanion lieraberkamen und dne hdhere 
Kultar ins I«nd brodiien. 

Die Expedition Kerls V. wnrde 1585 ins Werk gesetzt, nm 
dem Sultan Mnlai Hasaan, welcher durch Khereddin Barbaroesa von 
Algier mit Hülfe der Tflrken unter Soliman vertrieben war, wieder 
snm Throne zu verhelfen. Die Expedition verlief glfickUcher; Karl T. 
schlug mit amnem Heere den Khereddin auf halbem W^e zwischen 
Goletta nnd Tunis, eroberte die Stadt, befreite 20,000 Christen- 
Sklaven aus d«t Gefangenschafb nnd setzte MuUu Hassan wieder ein, 
der «ich allerdings nicht hinge halten konnte. Erfolglos verlief 
wieder eine Expedition, welohe Philipp II. 1573 seinem Bruder Don 
Juan d*Au8tria anvertraute, der zwar Tunis in seine Gewalt bekam, 
aber bald wieder vertrieben wurde. 1575 wurde Tunesien der 
Oberherrschaft der türkischen Sultane unterworfen und seitdem 
von Deys oder Beys verwaltet Die Geschichte von Tunis bietet 
nur noch eine B«he von Fklast-Bevolntionen und Janitscfaaren- 
AufirtSnden. 

Hussein ben Ali, Sohn eines korsischen Renegaten, ist Gründer 



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252 Algeriea und Tnnmien. 

der Dyiiuütie, welche Süit zwei .Iahihun«lertrn iil>pr Tunrsien herrscht. 
Das Ahhiingigkeits- Verhältnis von dt-r Türkei war seit 1705 stets 
ein sehr loses. Von den letzten tune.siselien Herrschern ist zu er- 
wähnen, (lafs Achmed Bey 1837 mit Hülfe französischer Oftiziere 
seine Armee reorj^aiiiäierte und die Forderung der Pforte, ihre Über- 
herrlichkeit anzuerkennen, 1842 nblclmt«. Eine türkische f^lotte 
erschien in Folge dessen vor (iolctta, mufste aber vor einem fraji- 
zösiscln u (icschwudtr sich zurückziehen. Achmed Bey erwies sich 
bei jed« r (felegenheit den Franzosen dankbar für ihre Unterstützung. 
Er hinterliefs Ijei seinem Tode 18').') einen Staatsschatz von 20() Millionen 
Franks. Sein Vetter Sidi Mohamed folgte ihm in der Regierung 
Dud in der Einführung europäischer Civilisatioii. 1859 trat Mo h am ed 
es Sadok, der bisherige Bey, au seine Stelle. Sein Versuch, Tunesien 
eine Verfassung zu verleihen, mifslang. Dagegen erfolgte 1864 eine 
ziemlich ernsthafte Insurrektion, und französische, englische, tarkische 
Kriegsschiffe erschienen vor Goletta, um den Bey zu halten. Die 
Regierung des letstoren Tentand es, die Staatochnld anf die betrSchi- 
licbe Höhe v(m 125 Millionen Franks an bringen, sodafe durch 
Reskripte vom 5. Juli 1869 and 23. MSns 1870 eine internationale 
Finanz-EomniisBion eingesetzt wnrde. Dorch einen Firnian vom 
23. Oktober 1871, den Frankreich nicht anerkannt hat, wnrde die 
Oberherrlichkeit der Pforte wieder bekräftigt, ohne aber Ton that- 
sSchlichen Folgen b^leitet zn sein. Der Bey lieb Münzen mit 
seinem Xamenszugc prägen, schlols Verträge mit Terschiedenen 
lachten und weigerte sich, zu dem türkisch-rusnsehen Kriege 1877 
Hfllfstrnppeu zu gesteUen, während dies im Kiimkricge noch ge- 
schehen war. Zur Zeit des letzteren zählte die reguläre tunesische 
Armee 40,000 Mann, im Jahre 1881 nur 15,000 Mann auf dem 
I^pier, von denen 800 Infanteristen, 300 Artilleristen und 100 Mann 
der Barrdo-Besatzung wirklich vorhanden waren, wahrend der Rest 
auf unbestimmte Zeit in die Heimat beurlaubt war. Dagegen be- 
standen die nuter dem Befehl des Kriegsministen Achmed-Zarmk 
zusammengezogeneu Irregnlären ans 7000 Mann Zuansas, OOOOKnlnglis, 
4000 Zapties und 15 bis 20,000 Mann Kavallerie. Die ersteren sind 
zur einen Hälfte Tunesier, zur anderen Algerier (Deserteure, Berber, 
Kabylen) und haben selbst für ihre Nahrung zn sorgen. Die Knlnglis 
sind Reste der alten Janitscharen und im Innern des Landes zerstreut 
Die Zapties bilden diu Gendarmerie. 

Kaum waren drei Jahre veigangen, nachdem Russland die alte 
und, so lange noch der Halbmond von der Hagia Sofia in Kon- 
stantinopel herableuchtet, schwebende orientalische Frage zu lösen 



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Algorleii «ad Tnnetieii. 



258 



renncht hatie, da tauclito wiederom eine enropaisclie Frage, die 
sogenannte »Miitelmeer-Frage< auf, welche in mehrfacher Bl- 
ziebang einen Teil der orientalischen ausmacht. Ähnlich wie dar 
raals aus dem >13ischen Herzegowina« der Fnnke entstand, an dem 

Russlaud den gefährlichen Brand zu entzünden vermochte, so bej^innt 
auch die Mittelmeer-Frage mit einem »Bischen Krumir«. Im Lande 
selbst ist dieser Name ganz unbekannt; er findet sich auf der 
französischen Generalstabskarte für einen etwa 7 — 8000 Seelen 
zählenden VolLsstamm, der nach Nachtigall eigentlich Chomir heilst, 
barbarisclien ürspmngs ist und [Anwohner eines Bergschluchten* 
Landes bedeutet. Sie selbst leiten ihre Abstammung Ton den Al- 
mornviden her, welche lange in Spanien nnd Nord-Afrika die Herrn 
waren. Sie teilen sich in Stuls und Tedmakas, von denen die ersten 
nach afrikanischem Rfgriff reich sind, die letzteren jedoch Raulj- 
horden bilden, welche ähnlich wie die marokkanischen Grenzstümnie 
von Zeit zu Zeit Pl{in(leninL's-/üc(f> in das Nachbargebiet uiiter- 
nchincn. So haben die Krumiis niehrl'iich das französische (icbiet 
in der Nähe der tunesischen Grenze durcli Plünderung und Kaubzüge 
unsicher gomaclit. Seit 1871 werden 2379 Fülle registriert, von 
denen nur 5 durch den Hey von Tuuis gesühnt worden sind. In 
allen anderen Fällen erwies sich seine Macht oder sein Wille 
wirkungslos. Ein solcher Überfall erfolgte wiederum am 30. und 
31. März 1881. 

Schon auf dem Berliner Kongrefs im .Talirt' 1870 hatte England 
Frankreich die Schutzhorrschaft über Tum-sien angclxjlen, die aber 
damals von Waddington abgelehnt wurde. Diesmal jedoch benutzte 
Frankreich die günstige Gelegenheit nnd rüstete sofort, um sich das 
in Aussicht genommene Protektorat nicht wieder entgehen zu lassen. 
Die Berichtigung der Grcnzverhültnisse war eine Notwendigkeit Für 
Frankreich, weil die Grenze Algeriens gegen Tunesien eine un- 
natürliche, quer über Gebirgsrücken, c^uer durch Gewässer gehfiile 
ist. Frankreich durfte nicht dulden, dafs derartige wiederholte ( Jien/.- 
Verletzungen ungestraft blieben, imlem die Thäter sieh einfach 
durch Überschreitung der Grenze der Verfolgung entzogen. Die 
Schutzherrschaft scliien ein politisches Mittel zu bieten, um solchen 
Übelständen abzuhelfen. 

Anfangs wurden die Truppen für den tuaesischeu Feldzug der 
Division von Constantine, die näch.sten den anderen Teilen des 
XIX. Armee-Corps entnommen. Alle diese mufsten bei der Un- 
sicherheit der algerischen Verhältnisse durch europäische Truppen 
ersetzt werdeiu Geschlosseue grülsere Truppenkörper nahm man 



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254 



Algerien und taarien. 



hienn nicht, um die Ärniee in Frankreieb uiobt zu schwachen. 
Mau wählte daher einzelue Bataillone, später ausBchlieblioh Tierte 

Bataillone, und setzte aus ihnen Mur8ch-Regimenter zusammen. Die 
Kavallerie ent.s-andte ganze RegimentiT, welche 3 Schwadronen zu je 
150 Pferden fonnierteD. Au Artillehe folgten aufser den algerischen, 
die ehenfalls nur abkommandiert waren, 0 Batterien mit je 6 6e- 
ecbäteen und 1 BeeerTe-Qewbütz, ferner 3V3 Compagmen Fionierei, 
Train- Abteilungen von 8 Yenchiedenen Schwadronen, eogar rar- 
sobiedenen Armee- CSorps angeh5rig. Der Mangel eines wohl- 
oiganisierten Trains sollte sich bald recht fühlbar machen. 

Oas Expeditions-Corps unter General Forgemol war zunächst 
25,000 Mann stnrk und setzte sich znsajunien aus 32 Bataillonen, 
14 8cliwa<lr(men, 1200 Gums, 0 Batterien mit 54 Geschützen und 
3 Compaguien Pioniere, Dasfelbe war in 2 Kolonnen geteilt, von 
denen am 20. April die nördliche oder liuke Flügel-Kolonne bei KI 
Ayonn,*) die südliche oder rechte Flügel-Kolonne bei Sidi Yousef 
zum Cberh^elireiten der tunesischen Grenze versammelt war. Erstere 
bestand aus der 3., 4., 5. Brigade unter General Delebecque und 
war 20 Batiiillone, 2 Schwadronen. 4 Batterien, 2 Compaguien 
Pionii're siark. 2 Schwadronen, 1 reitende Batterie und 1 T'ompagnie 
Pioniere dienten ihr zur Reserve. Die rechte Flügel-Kolonne unter 
General Logerot setzte sich aus der 1. und 2. Brigade und 1 Ka- 
vallerie-Brigade zusammen und /iihlte 12 Bataillone, 12 Schwadronen, 
5 Batterien, l Pionier-C<)nii>agnie und 1200 Guuis. Beide Kolonnen 
überschritten am 24. April die tunesische Grenze, während gleich- 
zeitig ein (Je.sch wader mit einem Landungs-Corp.s von 3 Bataillonen, 
2 Gebirgs-GcschUtzeu und 1 Piunier-Sektiou vor der Insel Tabarka 
erschien. 

Die rechte Flügel-Kolonne marschierte auf Kef, um dasfelbe als 
Stützpunkt des rechten Flügels zu gewinnen. Die Stadt ölViiete am 
2G. April ihre Thore; eine Besatziuig von 1 BalailUui und 2 (iebirgs- 
Batterien (zu denen später 1 Bataillon hinzukam, während 1 Batterie 
zurückging) blieben daselbst zurück. Die Kolonne marschierte dann 
nordwärts zur Medscherda, die sie am 29. April bei Suk el Arba 
erreichte. Die Kavallerie -Brigade Gaum streifte bis Bedscha, die 
Brigade Brem war im Tbale der Medscherda aufwärts bis zur Eisen- 
bahnstation Ghardimaon TorgerUckt 

Die Dirision Delefaeoqne muftte sich berrits am 26. April Ünen 
Yormarscb von £1 Ayonn ans dnrch Gefechte enwiogen. Di« 



*) Vgl Karte der BegentBchaft Tonis in 1 t HOOfiOO von H. Kiepert. 



Algerien und TtuMrieo. 



255 



Brigade Ritter (vom 2. Mai al) Caillot) war auf dem ätifsenten 
linken Fhlgel von El Thebout in der Richtung auf Tabarka ▼or> 

g^angen, ohne in ein Gefecht verwickelt zu werden. Dagegen 
gelangte die im Djenan-Thale vorrückende Brigade Vinceudou erst 
durch lebhafte Gefechte in den Besitz der Col Fedj Kaala und des 
Hadjer Mankoura nördlich davon. Die Knunirs lieüsen die Franzosen 
bis auf 150 and, 50 m lierankommen und gaben dann ihr Feuer 
ab. Teils gingen sie auch selijst zur Offeusive aber, so gegen die 
der vorigen folgende Brigade Galland, welche sie in deren rechten 
Flanke lebhaft angriffen. Die Witterung war höchst ungtinstig, 
d&s Gelände sehr unprangbar. Der Verlast der Division betrug 
5 Todte, 10 Verwundete. 

In den nächsten Tagen wurtle die Brigade Ritter vom linken 
Flügel über El Ayonn /.ur Division herangezogen. Rekognoszierungen 
ergaben, dafs dor i'eind nicht in r)st!ir1uT, sondern mehr in süd- 
östlicher Richtung sich saniTnelo, daher war cinf Iteclitsschicliuug 
der Division notwendig, welche nur dadurch bewerkstelligt werden 
konnte, dafs sie ii;uli Roum el .Sofik zuriirkt^ing. um von dort im 
Thale des W. Mst llem gi'gen den vom Feinde besetzten D. Abdallah 
vorzugehen. Hierbei sollte nun auch die Kolonne Logerot mitwirken. 
Von dieser war eine Abteilung des 1. Zuaven-Regiments und einige 
Gunis stromabwärts nach Bechir an der Mündung des Bou lleurtma 
gesell ickt, um Hl). April vom Feinde angegriÖVn und einem Echec 
nur dadurch entgangen, dafs die von der Brigade erbetene Unter- 
stützung mit der Eisenbahn ankam. Logerot erhielt den Befehl, 
im Heurtma-Tiiale aufwärts zu marschieren, um zu gemeinschaftlicher 
Aktion gegen den am D. AlMlallah stehenden Feind mitzuwirken. 
Die Kavallerie- Brigade (laum rückte bis Feruaua, Logerot toigtCi 
Brem deckte den Rücken bis Suk el Arba. 

Am 8. Mai wurde eine gröfsere Rekognoszierung mit 12 Ba- 
taillonen der Division Delebecque und 1 Bataillouen der Brigade 
Logerot uuteriioninien. Erstere .stellte fest, dafs der Feind bei Ain 
Draham, letzte re, dafs er ho\ Fedj Merids mit starken Kräften stehe. 
Die Operationen wurden durch fortdauernde Ungunst der Witterung 
selir erschwert. Am 11. ]\Iai früh brach die Brigade Logerot von 
l\'rnana auf, wohin General Forgemol sein Hauptquartier verlegt 
hatte, und verjagte namentlich dnrcb Mithülfe der Artillerie den 
Feind ans der Stellung bei Fedj Meridj, sodals er rieh auf das linke 
Lü-Ufer und die Hänge des D. B&lta aorficksog. 

Am 14. Mai sollte der konoentriache YonnarBcb anf Ain Draham 
erfolgen ; die Brigade Logerot worde in der rechten Flanke bei ben 



256 



Algwien ud Timesieii. 



Metir angegriCfen, wobei die Bataillone mehrfach en erhellons zurack- 
gehen innfsten, ehe die Unterstützungen aus der Tiefe herankamen. 
Das Kesseltreiben war nicht geglückt, die Brigaden Vina«ndon und 
Caillot erreichten in Folge der Terrainschwierigkeiten kaum ihr 
Marschziel bei ben Metir. Den Krumim stand der Weg nach Süden 
and Osten offen ; sie verschwanden in nordöstlicher Richtung gegen 
den D. Merkenfib. Die Brigade Logerot ging daher am 15. Mu 
anf demselben Wege nach Femana zurück and wendete sich Ton 
dort nach Skira am Südfufse des D. Balta. 

Inzwischen war die Besetzong der Insel Tabarka erfolgt. Vom 
Fort auf ihrer Nordspitze war am 16. April anf das kreuzende 
Kanonenboot »Ilyene« geschossen worden. Aufserdem wurde die 
Insel von den Krumirs als Waffen- und Munitions-Depot benutzt, 
daher erschien ihre Besetzung geboten. Ein Versuch, am 18. April 
zu landen, war imfgegeben worden. Am 25. April erfolgte trotz 
des Protestes des tunesischen Kommandanten die Be>sohie£suug, am 
2(>. die I^eset/nnfT der Insel, nm selben Abend die des Forts Bordj 
Djedid, welches aiii iltni Kestlamle bei der Kebir-Mündung p:elegen 
ist. Diese Aktion wurde in franzö-sischcn Blättern als Ilrldenthat 
goriilinit und von Rocliefort mit der fingierten Anrede des Coin- 
niundeurs an seine Truj»peu: »40 Pinguine schauen auf Kncli 
herab« persifliert. Nur kleinere Aktionen folgten zu Laude; im 
Allgenieiuen unterwarlen sich die umwohnenden Tribus. 

In Tunis protestierte der Bey gf'.^t'u diese (lewaltthat, in Kon- 
stuutinopel ebenso die Pforte gegen deji lC'm<^iill" iu ihre Souveränität. 
Ereterer hatte seine Beiliülfe zur Bestrafung der Krumirs verweigert, 
von seinen Truppen stünden 575 Mann und 2 Geschütze bei J^nk el 
Arba, wohin auch Irreguläre aus Susa herangezojren werden sollten, 
2;?<Ml Mann, 700 Reiter, 0 Geschütze unter dem damaligen Thron- 
folger bri liedscha. Am 20. .\pril vereinigten sich beide Abteilungen 
bei 8uk el Kmis in der Nähe der .Medscherda, sodafs etwa 5000 Tu- 
nesen zusammen waren. Von dort veranlafste Logerot den Sidi Aly 
unter IJütla.ssung der Irregulären zum Zurückgehen nach Medsehes 
el Rah, wo er die nächste Zeit mit 2000 Ilegulären, 200 Pferdeu, 
8 Geschützen und 1 Mitrailleuse verblieb. 

Da man sich inzwischen von der Gesinnung des Bey liberzeugt 
hatte, wurde am 13. April eine Veretärkungs-Brigadc von 7 Ba- 
taillonen, 6 Schwadronen, 5 Batterien, 2 Pionier-Compagnien mobil 
gemacht, wobd die Pfingst-Urlanber telegrapliisch einberufen werden 
mulsten. Am 1. Mai wurde Bizerta von der Flotte ohne Schub 
besetzt, in den folgenden Tagen landete die Verstärkuugs-Brigade. 



Algerien und Tonesieii. 



257 



Am 8. Mai ging dieselbe imter Zurücklassiing einer Besatzung von 
2 Bataillonen, 1 Schwatlrou, 1 Batterie in der Uiehtung auf Bu 
Schatir (Utika) und Funduk vor und lagerte am 12. Mai vor Ma- 
nuba. Am selben Tage unterzeichnete der Bey den ihm vom 
General Breart vorgelegten sogenannten Bardo- Vertrag, welcher 
Frankreich das Protektorat sichert, da nach Art. G dii' Uegierung 
des Bey sif Ii ver}iflichtet, keinen Vertrag, Konvention oder sonstigen 
internationalen Akt abzuschliofsen, ohne davon die Regierung der 
fran/üsischen Republik in Kenntnis gesetzt und sich mit ihr ver- 
ständigt zu haben. Nach Absclilnfs des Vertrages wandte sich 
General Breart unter Zuriicklassung einer Besatzung in Mauuba 
gegen die Aufständischen, welche sich bei Mater sammelten. Die- 
selben wurden am 18. Mai auf diesen Ort zurückgedrängt und 
fluchteten nach Westen. Der Ort wurde ohne Kampf besetzt. 
Während der Verfolgung und Beobachtung der aufrührerischen 
Mogodü IcBm es bei Bordj Saada zu kleinen, für die Franzosen aber 
Terliutreicheii Patronillen-Gefeehteii. 

Im Westen wnide der Venmeh, die «wischen Eebir und Zonara 
am D. Mferken&b in nner Siftrke von 10,000 K5pfen noch vor- 
bandenen Anfstandischen einznhraisen, noch einmal nnd zwar snm 
4. Bflale gemachi. Der Brigade Logerot fiel die Aufgabe zu, ihnen 
den W^ nach Osten m verlq^en. Sie ging dasa von Bedscha, 
wohin das Hauptquartier seit dem 20. Mai verlegt war, ftber el 
Gnerria am F^iJse des D. Bn Grin in das Thal des Zonara bis 
Bouaffia, wo am 25. Mai die Verbindung mit den anderen Brigaden 
nnd somit die Umzingelung der Feinde hergestellt war. Aber stett 
der 10,000 Mann, die man su finden hoffte, war die Bente eine 
sehr geringe. Die Feinde waren den Fransosen wiedemm nnter 
den H&nden entwischt. 

Statt dessen suchte man nun mit fliegenden Kolonnen die 
Gegend nördlich der Medscherda za poeiftcieren, was auch um die 
Mitte Juni gelang, sodab die französische Regierung, allerdings 
gegen die Ansicht des General Foigemol, mit dem Rücktransport 
der Toppen begann und nur 8 — 9000 Mann zur Beseteung Ton 
Tunesien znrfickzulassen beschlols. DaCs diese Mafiiregel eine ver- 
frühte war, zeigte sich sehr bald, als die Unternehmungen Bu 
Amemoa im Süden Ton Algoien, die Drohungen der Pforte mit 
Tnippensendungen von Tripolis und die Aufwiegelungen geistlicher 
Körperschaften, welche namentlich in Keruan den heiligen Krieg 
predigten, auch in Tunesien allgemeine Unzufriedenheit hervorriefen. 
Daher mdste in demselben Moment, als die Truppen aus Nord-Afrika 



258 



Alffliini und Tfliwrifu. 



nach Frankreich zurückkehrten, eine neue Verstärkung von 30 Ba- 
taillonen, 2 Kavalleric-Uegiraentem und 10 Batterien angeordnet 
werden. Die heifse Jahreszeit war der Kriegführung sehr ungünstig, 
dalun- lierrschte überall Verstiuimuiig ülier die tunesische Expedition, 
die sich liosonders in den heftigen Kämpfen der Deputierten- Kammer 
autwprach. 

Die zurückgebliebene Occupations -Armee war der DiTision 
Constantine zugeteilt und hatte mit der 1. Brigade unter General 
Maurand Manuba, Bizerta, Mater, Bedscha, mit der 2. Brigade unter 
General Caillot Ain Draham, Tabarka, Fernaua, Ghardimaon, Suk 
el Arba und Kef b«wtat. Wibrend in den Hafenorten bereilB 
maritime Arbeiten angeordnet wwen nnd m»n am 18. Jörn die Ter- 
meBBnng8arbeite& iBr die BahnUnie Tnnis-Siua wieder aafiMÜim, war 
der sSdliehe Teil dee Landes inzwischen von der Insurrektion er» 
griffim. Am 28. Jani war Süu im Besita der Insurgenten; am 28. 
wurden framSeische Offiziere und andere Enropfier Ton den Arabern 
angegrififen. Die dorthin gesehiekten tunesisehen Truppoi konnten 
nichts ausrichten. Am 6. und 7. Juli bombardierten firansSsiscfae 
Schiffe die Stadt; ein Landungsrersnoh am 8. Juli mifelang bei dem 
nngfinstigen Fahrwasser. Am 15. Juli stellte sieh das vereinigte 
Geschwader des Mittelmeers und der Levante in einer Entfernung 
von 2200—6000 m der Stadt gegenOber anf und begjann das Bom- 
bardement. Am 16. Juli früh erfolgte die T*ndung von 8000 Mann, 
die durch ernste Gefechte erst am Nachmittage in den gesicherten 
Besits der Stadt gebmgten. Die Repetier-Gewehre nach Kropatsehek- 
System, mit denen die fransösische Marine-Infanterie bewaffnet war, 
haben sich bei dieser Gelegenheit bewfthrt. Die Slnberong der 
Umgegend von Sfia bedingte in der nichsten Zeit noch mehrfache 
Anstrengungen. Am 24. Juli wurde Gabes, am 28. die Insel 
Dscherba besetat. 

Hiermit war jedoch der Aufstand nicht gedämpft; im Gegenteil 
pflanzte sich die Bewegung von Keman bereits Ende Juni weiter 
nach Norden fort, indem die Telegraphen-Leitungen unterbrochen 
wurden und Überfälle auf der Strafse von Tunis nach Hammamat, 
sowie an der Eisenbahn westlich der Hauptstadt sich häuften. 
Letztere seilet wurde bedroht, indeui Aufstandische bis zum Bardo 
und bis Goletta vordrangen, sodafs der Bey die Schiffbrücke an 
letzterem Ort abfahren und die Batterie auf die Strafso nach Harn- 
mam Lif richten liefii. Dabei deeertieHen seine Truppen zu 
Tausenden. Die Franzosen bezogen ein Lager bei der Kapelle dee 
heiligen Ludwig, wo am 30. Juli die 5. Verstärkungs-Brigade unter 



Algerien and Tnoesien. 



259 



General Sabattier erschien, aus G Bataillüin n, 4 Schwadronen, - Bat- 
terien bestehend. Sie wurde durch General Logerot, der seit dem 
1. Juli kommandierte, jufröfsteuteils zur 1). i kiing der lialm bei Suk 
el Arba verwendet, indem Extra-Züge die eiuaeluen Bataillone je 
nach Bedarf an die Bahnhöfe beförderten. 

Von gröfserer Bedeutung wurde der Kriegsschauplatz südöstlich 
der Hauptstadt, wo losorg^iten-Schaaren von Tausenden von Reitern 
die Gegend von Bades, Sliinan, Grumbelia beunrahigteu. Am 

11, August fibemahm General Sauseier den Oberbefehl und sah 
Meh eni mit besoDderer Rtlekiidit auf die Wünadie der Begiemng 
und des Yolka nach entscheidenden Theten zam Vorgehen yeranlafat. 
Er entsendete am 19. den Obetat*Lieatenant Gorr^ard mit 2 Ba- 
tailkmen, l Sebwndron nnd onigen Geschfitaen nach MÄrbain, nördlich 
Hammamatt wo sein Lager am 25. nnd 26. yon allen Seiten ange- 
giiffim wurde, sodab er sieh anf Gmmbelia sorOcfcsiehen mnbte. 
Anch dort wnrde er am 28. nnd 29. Yon den Aufständischen, die 
anf 8 — 10,000 Mann geschltat wurden, so lebhaft ang^;ri£ren, dais 
er am 30. sogar bis nach Hammam Lif snrfickweichen mnfirte, wo 
er sich Terschanite. Die tnnesisehen Trappen, welche ihn nnter 
Ali fiej begleiten sollten, waten teilweise dersertiat, teils hatten 
sie ach dem Rüchange anf Tunis angeschlossen, von wo sie zum 
Schntae der Bahn nach Medsch el Bab geschickt wurden. 

General Sabattier war mit dem Beste seiner Brigade und awar 
mit 1 Bataillon, 3 Schwadronen nnd I Batterie südlich im Miliana- 
Thal anfwirts entsendet, um namentlich die Wasserleitung von 
Zaghuan an schützen. Obwohl noch dnrch 2 Bataillone am 3. und 

12. September Tcrstirkt, war die Kolonne den Arabern gegenüber 
. in Tersweifblter Lage, da diejenigen AuistSndisohen, welche Corräird 

xurOckgedrftngt hatten, sich nunmehr gegen Sabattier wendeten und 
sich ihm teils bei Bn Ahmeda südwestlich von iZaghnan vorlegten, 
teils seine Verbindungen mit der Hauptstadt bei Bab KhaleÖ nörd- 
lich Zaghaan unterbrachen. In der Zeit vom 9. bis 14. Sq>tember 
hatte Sabattier emstliche Gefechte zu bestehen, die seine Lage au 
eaner so verzweifelten machten, dals man ihn in Tunis bereits gaoa 
umzingelt glaubte, zumal in wasserloser G^end, driui die Wasser- 
leitung war trota seiner liekognosziOTungen zerstört. Das Gefcclii 
bei Bint Saiden am 18. Septembor war namenUich verlnstreich für 
die Franzosen, denn tmbet 5 Todteu und Verwundeten sollen auch 
2 Geschütze verloren gegangen soin. 

Erst als der Oberst-Lieutenant Correard von Hammam Lif nach 
dem Eintreffen von Verstärkungen herangesogen werden konnte und 



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260 



Algerien und Tanmieo. 



um 17. rteptiiabiT seine Vereinignng mit Sabattier bewerkstelligt 
hatte, änderte sick die gefahrvolle Situation. Yerpflegiiugs-Trans- 
porte konnten die Strafse nach Zaghuan ungehindert piusäieren, die 
Wasserleitung war repariert und die G, Verstärkungs-Brigade unter 
General i*hilibert stand seit dem 14, September in der Stärke \oa 
6 Bataillonen, 4 Schwadronen, 2 Batterien, 1 Pionier-Corapagnie bei 
Goletta zur Verfügung. Sie wurde sogleich zur Besetzung des 
Bahnterrains westlich von Tunis in Anspruch genommen, wo sich 
die Insurrektion seit Ende AuguHt in erheblicher Weise ausgedehnt 
hatte nnd fast sSrntUcIie Bahnhofe von der Grenze bis an den 
8eld«ehnm-See bei Tnms bedrahte. Die tanesiachen Trappen waren 
in Tollon Rflekzuge vor ihr auf Tonis anagewidieB, nnd seihet die 
franidBisehen Truppen konnten ein Blutbad, wie es am 30. September 
von den Arabern an den Bahnbeamten der Station W. Zaigna ettd- 
aetUcb Yon Bedscba Torgenommen wnrde, nicht verbttten. Erst im 
Oktober wagten rieh die tanemschen Truppen wieder vor nnd achlugen 
die Aufetindiecben am 6. bei Testnr, am 10. bei Ain Tanga, worauf 
me in das Miliana-Thal zurflckgenommen nnd ans Erspamis-Bück- 
richten aufgelöst wurden. Statt ihrer wurde eritens der Franzosen 
eine gemeinsame Operation auf dem EriegsschauplatB sQdlich der 
Medscherda beechlossen. 

Oberst de la Rooque rfickte am 20. Oktober von Kef, das eben- 
falls mehrfach bedroht worden war, General Aubigny von Tebursuk 
ans im Kralled-Thale vor, säuberten das Land zwischen Mellcg nnd 
Siliaua unter mehrfachen Gefechten, sodafe die Insurgenten sich 
sQdlich in das Akhmeda-Ouled-Aya-Gebiige anrfickriehen mn&ten. 
Hier snchten die französischen Kolonnen, denen rieh von Osten, 
ans dem Miliana-Thal kommend, noch eine dritte unter Philibert . 
sugesellte, die Araber su umangeln, womit rie bis zum Dezember zu 
thun hatten. 

Vinihrend dessen hatte auf dem östlichen Kri^pschanplats die 
vereinigte Brigade Sabattier am Miliana-Tfaal mehrfache glückliche 

Gefechte mit den Aufständischen bestanden, so am 25. September 
bei Ben üamida, am 11. Okto)>er bei Dar Mehalla, am 13. Oktober 
!>ei Meschenga. Auch hatte sich der Gesnndhcitsznstand, der in 
Folge von Hit/e, schlechtem Wasser und schlechten Lazareth- 
Einrichtungen bedenklich geworden war, seit Ende September er- 
heblich gebessei*t. Die 7. Yerstärkung.s-Brigade unter General Etienne 
war seit dem 20. September in der Fnruiation b^riffen nnd setzte 
sich aus 7 Bataillonen, 3 Schwadronen, 9 Oeschützen nnd 1 Piouier- 
Compaguie zusammen. Sie wurde vom 26. bis 30. September zur 



jjgnleii und Tantden. 



261 



See iiacli Susa befördert. Die liorfits um 11. Septoiuber dorthin 
geschickte Abteilung von 3 Bataillonen und l Batterie wurde von 
der völlig in Aufstand befindlichen Ihnj^jef^end sehr in Anspruch 
genommen. Am ir>. September wurde Kalaa Keln'ra nordwestlich 
von Snsa besetzt und am 20. September fand ein lebhaftes Gefecht 
von li> Comj)agnien gegen 2000 Anfständisciie bei Sahalin im Süd- 
Osten statt. Nach Eintreffen der 7. Brigade wurde am 7. Oktober 
ein Zug nach Msekin in südwestlicher Richtung unternommen, auf 
dem Rückmarsch von dort gerieth die Kolonne am folgenden Tage 
bei Meureddin in einen Minterlialt, wobei den Franzosen die Munition 
ausging, da sie aus Sparsanikeits- Rücksichten nur 12 Patronen für 
jeden Mann mitgenommen hatten. In Hammamat waren am 
31. August 2 Bataillone gelandet, inufsten aber am 7. Oktober den 
Ort in Folge des ungesunden Klimas nach mehrfachen Kämpfen 
rüumen. 

Mit der nunmehr eingetretenen günstigeren Witterung beschlofa 
der kommandierende General Saussier eine gemeiusame Operation 
gegen den vermeintlichen Herd de.s Auf.standes, gegen die heilige 
Stadt Keman, zu welcher die Truppen in folgender Einteilung 
bereit standen: die Kolonne des rechten Flügels bei Tebessa auf 
algerischem (Jebiete bildete die West-Divison unter General Forgeraol, 
bestehend aus der 3. Brigade unter General Soujeole, 6 Bataillone, 
10 (Jeschütze, der 4. Brigade unter General Gislain, 6 Bataillone, 
6 Geschütze, der Kavallerie- Brigade unter General Bonie, 6 Schwar 
dronen stark. IMe GesBiiitrtirbe betrag 8000 fiiann nnd 600 Gums. 

Die Kolonne des Centnmw bei Zaghnan bestand ans der 5. Brigade 
nnter General Sabattier mit 6 Bataillonen, 4 Schwadronen, 2 Bat» 
terien nnd der 6. Brigade nnter General Philibert mit 6 Bataillonen, 
4 Schwadronen, 2 Batterien, 1 Pionier^mpaguie. 

Die Kolonne des linken Flügels bei Snsa, ans der 7. Brigade 
nnter General liitienne nnd Aet Garnison Yon Snsa bestdiend, mit 
10 Bataillonen, 3 Schwadronen, 9 Geschützen nnd 1 Pionier- 
Compaguie brach am 20. Oktober anf nnd hatte den kürzesten Weg, 
nnr 60 km anf ebenem sandigen Boden surficksnlegen; gleichzeitig 
hatte sie die Schienen für eine Pferdebahn zn legen, um den Be- 
bgwnngi-Fwk litnmmfahien. Gh»enl ^eDiie lum 26. Oktob«r 
Tor Keman an, das sich ihm, ohne Wideistand zu leisten, ergab; die 
feindlichen Streitkräfte waren nach Süden entwichen. 

Von der mittleren Kolonne blieben 3 Vi Bataillone nnd 2 Batterien 
zurück, welche am 10. Oktober dem ^urdo-Yertrage entgegen die 
Forts Ton Tunis besetzten, nm einen sicheren Rückhalt für die 



262 



Algerieii mid Tunssiai. 



Armee zn haben. Die Kolonne war am 21. Oktober bei El Ukanda 
südlich von Bii Akmeda versammelt und begfann don Vormarsch 
unter Führung dos ( Jcncrals Sanssier, ohne auf ernstlichen Widerstand 
zu stofseu. Dagegen wurde der Vormarsch durch die Wieder- 
herstellung der zerstörten Wasserleitung und durch Bedrohung der 
rückwärtigen Linien verzögert, sodafs <ienornl Pliilihert mit 3 Ba- 
taillonen, 2 f^cinvadronen, 1 Batterie bei Ukanda und Ben Ilaiuida 
zurückbleil)en mufste. Auch war der W^eg sehr schlecht und fast 
wasserlos, sodafs jeder Kavallerist einen Schlauch von 25 oder 50 Liter 
Wasser erhielt, die am D. Dschugar noch einmal zu füllen waren. 
Lehensmittel miifsten für 13 Tage mitgenommen werden. Am 
28. Oktober kam die Kolonne nach Bir el Bej, wo sie die bereits 
erfolgte Besetzung von Kernan erfuhr. 

Die rechte Kolonne hatte von Tebessa aus die Niederwerfung 
des Aufstandes von Westen vor/uueiinien und ein Ausweichen der 
Aufständischen nach Algerien zu verhindern ; sie hatte somit den 
weitesten Weg (200 km in der Luftlinie) und die schwierigste 
Aufgabe, sodafs sie fast täglich Gefechte bestehen mufste. Auf einem 
Convoi von 7000 Kamelen wurden Lebensmittel für 25 Tage mit- 
genommen. Der Vormarsch erfolgte am 16. Oktober und zwar über 
llidra, Thala, Skiba, Hadschcb el Ayoun und Aui Beida. Der 
bedeutendste Zusaninienstofs fand am 20. Oktober am W. el lleteb 
bei el Ayouii statt, wobei die von allen Seiten angegriffene Kavallerie 
in einem Hohlwege absitzen und Carre formieren mufste. Am 
28. Oktober traf die Kulunue vor Keruan ein. 

Daselbst wurde ciu befestigtes Lager errichtet und Kolonnen 
wurden ausgeschickt, um auch den Süden von Aufständischen zu 
säubern. So rückte General Saussier mit der West-Division über 
Beida, Ayouu, Dsehilma nach der Oase Gaifa, welche er am 20. No- 
Tember nach einem Kampfe mit der Avantgarde beeetste^ Von dort 
aas wurden fliegende Kolonnen gegen die kriegerieoluui Hammama 
ausgeschickt, aacb wnrde die Yerbindang mit der 2. Edemie bef^ 
gestellt, welche unter General Logerot direkt nach Sflden über den 
W. el Fekka auf Hahadeb Sstlich von der Sebcha Manioana rückte, 
Bazsias in den D. Donar nnd gegen el Hamma am Schott el Fejej 
nntemahm, wobei grofae Beute gemacht wurde, nnd am 29. No- 
vember aioh mit der Garnison T<m Gabes vereinigte, welches bereits 
am 24. Jnli von der Flotte beaetst war. 

Im Dezember zog General Saossier die im S&deo entbehrlichen 
Trappen nach dem Norden; die West-Division kehrte anter Zorodc- 
lassang einer Abteilang von 4 Bataillonen, 2 Schwadronen, 4 Ge- 




• 



Algerien und Tunesien. 



268 



schützen nach Tebessa zurück. Dagegen hatte General Logerot 
noch mit den Beni Zill südwestlich von Gabes und den besonders 
kriegerischen Ourghemas an der tripolitnnischen Grenze zu thun, 
sodafs er erst Knde Dezember, unter Zuriicklassung von 4 Bataillonen 
und 1 Sch Williron in Gabes, über Sfax nach Susa zurückkehreu 
konnte, wo er Ende Januar 1882 eintraf. 

Kurz nach st-iiifin Abmarsch empörte sich wiedernm der ganze 
Süden unter den Fülueni Ali ben Khalifa und ben Amar, sodafs 
die Besatzung von Galla sich defensiv verhalten nuifste, während 
diejenige von Gabes offensiv gegen den Süden vorging. Es war 
für die Aufständischen leicht, auf tripolitanisches Gebiet auszuweichen. 
Auch das Jahr 1882 ist bis jetzt im Allgemeinen ruhig verlaufen. 
Selbst der grofse Häuptling Ali ben Khalifa hat für sich und andere 
Flüchtlinge Begnadigung nachgesucht nnd bewilligt erhalten. Letztere 
pflegen Allerdings gewohnlich matt und anagdrangert nrackzakehren, 
aber, aobald rie noh wieder erholt haben, jede gfinetige Gelegenheit 
zur Aoflehnnng anch gegen die framBeisehe Herrscbaft zn bemntaen. 
Trotzdem hebt der Beriebt dee fianzSteisehen Minister-Residenten 
CSambon, welcher das Land bereist bat, hervor, dals nnnmehr auch 
die Niederwerfnng des AnfstnodeB in der Sfid*Begion der Regent- 
schaft und somit das Protektorat IVankieichs über Tonesien aJs 
gesichert zn betrachten sei Der am 28. Oktober 1882 erfolgte Tod 
des Bey Mohamed es Sadok hat in diesem VerhUtnis nichts ge» 
Sndert, da sein Nachfolger Ali Bey den mit seinem Vorgänger 
bereits abgeschlossenen geheimen Vertrag Frankreidis angenommen 
hat, weicher letztere bestimmen soll, dals ¥^nkreich die tunesische 
Schuld flbemimmt, wodurch die enropSische Finanz-Kommission in 
Tunis von selbst gegenstandloe wird, sowie dals die Kapitulationen, 
nach denen die Angehdrigen fremder Staaten von der Civil- und 
Kriminal-Gerichtsbarkeit der dgenen Konsuln abhingen, durch ein 
anderes einheitliches Gerichtsrerfahren ersetzt werden sollen. Dieser 
geheime Vertrag wäre von solcher Bedeutung, dals er mit Recht 
als die Krönung des ganzen Gebindes bezeichnet werden kann. Am 
5. November hat der neue Bey den General Forgemol zum Ober- 
befehlshaber der tunesischen Armee ernannt 



(ScUiib folgt) 



18^ 




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264 



IM« Erleg» der YendMe 



XV. 

Sie Kri^ der Yendte gegen die erste fran- 

zösisclie ILepublik 1793 bis 1796, 

ESne mflitirhiBtoriadM Skine 

TOB 

A. T. Croasu, 

M^or O. 



(FortBfltniitg*) 

Die Schreckcnsregit't uiitjj Frankreichs that für Zusammciihiiufung 
von Zerstöninfjfsniittolii allrr Art ihr Aiifeerstes; — wie aber dieses 
ungeheure Material sachgemäfs zu leiten und zwenkdienlich zu ver- 
werten sei, das erwog man viel weniger. Es wurdeu verschiedenartige 
(>l)<'rationsplüne entworfen, aber einer bekämpfte den anderen, 
endlich sie^jte eine zu Saumur entworfene Disposition. Nach j^ell^ii^cr 
sollten die Truppen aus Mainz, als Ilauptkoloune, bis C'lis.son*) 
vorgehen, währeiul rechts von ihnen eine andere Abteilung das 
pays de Retz und den Marais säuberte, links ein drittes Corps 
la Lou»? und Verton nehmen und sich bei Glisson mit der 
ITauptk<donne vereinigen werde. Parallel mit dieser Oi)eration der 
Armee von Brest sollten sechs Abteilungen derjenigen von La- 
Rochelle verschiedene Stellungen einiiehmen und /war: Mieskowsky 
bei Fulgent;**) Befroy, von Lucon her, bei Chantonnay; Chalbos, 
der von Niort kam, bei Chataignerai;***) Rey bei Bressuire; 
Santerre mit den Truppen aus Saumur bei Vihiers; Duhoux 
endlich, von Ponts de Ce, bei Beaulieu,-|-) wo sich die Haupt- 
ül>ergänge über den Layon befanden. So umschlofs man den Feiud 
siid- and ostwärts mit einem eisernen Gürtel und ging ihm gleicb- 
zeitig von Norden her mit drei starken Heeraaulen zu Leibe; wenn 

*) 8 H. tUdSatlich von Nantes, au der Sefreoantidie. 

**) 3'/, M. südsOdöstlicli von ClissoD. 
*"•) 2'/, M. nönllir}] von Fontenay. 
t) Nor l'/t südlich des im Meridiane von Augers liegeoden Punktes der 
Loire, am rechten Uftr dei Lajon. 



g«g»ii die «nie ftHiuQaiaefae Bepnlilik 1798 bis 1796. 



265 



er in diesem Treibjageii erlag, was man als ganz sicher Tonuusetztei 
80 hatte die gebotene Vorwiistung freien Spielraum. 

Die Vendeer ilirerseita konnten, dem Beginnen ihrer Feinde 
gegenüber, nur den Vorsatz einer äufsersten (u'gonwtlir hüben; es 
lag in ihrer Absicht, den ricf^nier, gerade da wo er sich am bedroh- 
lichsten zeigen würde, mit geschlossener Masse über deu Haofeu 
za werfen, — andere Erwäfjungen gab es für jetzt nicht. — 

General Bajfser durchstreifte von NantfS aus mit der linken 
Flügelkolonue dns Heeres von Brest das I*ays de Hetz und kam, 
Alles verwüstend, am 14. September nach Lege; von hier drängte er 
Charette bis Montaigu*) zurück, und auf diesem Punkte blieben 
sich beide, da Bayfser deu Erfolg der Hauptkolonue ubwarteu wollte, 
vorerst gegenüber. 

Mieskowsky rückte während dessen bis Fulgent nnd macliti' 
hier Halt; auch die übi i^'en Koluunen der Armee von La IuhIk Ilc 
erreichten teils zur bestimmten Zeit oder etwas später ihre Stelluiij^i u, 
teils hatten sie, als der Feind schon das Netz zu zerreifsen begann, 
jene angewieseneu Stellungen noch nicht eingenommen. Santerre 
befand sich, als ihm Talmont am 11. September entgegen trat, erst 
bei Doue; liey kam zu derselben Zeit den von Lescure ange- 
griffenen Nationalgarden von Parthenay zu Hülfe. — Diese Mifs- 
erlolge schreckten jedoch die Vendeer nicht ab, und sie sammelten 
und ergÜii/.teii sich vielmehr, um dann am 18. September, 12,000 Mann 
stark, die Avantgarde Santerre's zwischen Coron und Vezius**) an- 
zugreifen. Santerre's ganzes Corps wurde in diesen K'iunpf verwickelt 
und erlitt eine Niederlage. Unmittelbar darauf, also am 10., wurde 
Duhoux bei Beaulieu überfallen; sein Verlust war noch gröfser 
als derjenige Santerre's. 

Diese zwei Erfolge schufen deu Vendeern im Norden Spielraum, 
nnd auch für das Ganze stärkten sich dadurch Mut und Hofi'uung 
wieder in dem Grade, dafs zu Tiffauges, also ziemlich genau in 
der Mitte des Kriegsschauplatzes, ein ao lahhcdehos nnd wohl ver- 
sehenes Yendeeheer geiaiDinelt werden konnte, wie es hisher noch 
mcht gesehen wmr. Jede Abteilung der Repnblikaner konnte von 
ihm im Ange behalten, nnd jede, wenn es nötig war, leicht erreicht 
werden; die ümeohliefenng dnrch viele einzelne Corps schien jetst 
den Boynlisten nicht mehr bedrohlich zu sein, nnd wer die Sache 
ganz objektiv ansah, motate sagen, dab jene Zersplitterung der 
Streitkräfte, bei der augenblicklichen Sachlage, nur noch fehlerhaft 

*) Am Fl&lschen H&ine, 3 M. nonlösilich vou Lege. 
**) Coron etwa t*/« und Teiins 9 M, mtOich von Yiliien 



266 



Die £ri^ der Vendte 



erschien, und siel« für die lte|iublik;iiu'r, dem »starken Vendeelieere 
gegeniilier, ein Erfolg nur bei vcrliilltuismälÄiger Massieruug ihrer 
Streitkräfte iu Aussiclit nehmen liefs. 

Die rfauptkoloune der Armee von Brest war bis Glisson vor- 
gerdckt und verhielt sich liier abwartend; ihre Avantgarde unter 
General Kleber*) erschien am 19. September bei Torfou**) und 
wurde hier durch Charette angegriffen. Zwar gtbing es den 
erprobten Trupjien dieser Division den Angiiti' abzuweisen, doeh 
begegneten sie gleich darauf auch einem Vorstofse licseurc's, und das 
Gefecht kam '/um Stehen. Da auch noch andere Insurgeut^jn- 
abteilungen eiugrill'ou tmd d;v< hier überaus durchsclinittene (xelände 
ihnen günstig war, so brachte dies die Division Kleber in Nachteil 
und die Vendeer zu t^tünnischer Offensive. Es gelang nur mühsam, 
diese Abteilung geordnet zurückzuzielien, und die Vendeer freuten 
sich hier auch der moralischen Genugthuung, die gefiu'chtetcn 
Mainzer, welche man für unüberwindlich hielt, besiegt zu haben. 

War dieser Erfolg höclist wertvoll, so glaubten die VendcM?r 
doch, dem Hauptcorps der Armee yon Brest nicht eher gewachsen 
XU Bern, alfl bis sie ihm die Verbindung mit der jenseitigen rechten 
Flflgdkoloniie abgcsclimtte& hätion. Charette nnd Lescure sollten 
demnach nach Moniaiga eilen, damit Baylser geschlagen nnd ron 
der SevrenaniaiBe fem gehalten w&rde; Elb^ und Bonchampe aber 
wurden bestimmt, der Position von Glisson gegenüber m bleiben. 
Gelange das Unternehmen gegen ßayfser, so wfirde' man dann mit 
der ganaen* Macht gegen Glisson voigehen. 

Inawischeu hatte Bajiser von Gandaux die Weisung bekommen, 
auf Boussay***) Torzumarschieren; wäre dies recbtaeitig gesohehn, 
so wftrde er sich im Yortreff&n des Hauptcorps befunden haben und 
dieses dann uuangrsifbar geworden sein; aber Bayüser's Abmarsch von 
Montaigu TcrzÖgerte sich, und so wurde er am 21. September Nach- 
mittags hier von Charette nnd Leseure überfallen und in solcher 
Weise zersprengt, dab dig'enigen, welche sieh überhaupt su retten 
vermochten, nur einzeln und als Flüchtlinge nach Nantes gelangten. 

Das Landvolk om St Fulgent, welches durch Mieskow8k7*s 



*) Jean Baptiite Kleber, gehmva 1768 in Stiabbiri^, 1778—1768 io 

österreichischen Diensten, 1798 als Adjutant-gfacral hd der Verteidigung voa 
Mainz, nachmals b«deat6nd bei der Simbr«- nnd HaM-Annee, zoletst in Ägypten, 
t 1800. 

♦•) Torfou 2 M. südöstlich von Glisson, '/« nördlich von TilTauged. 
***} Boasaay am reditea Ulsr der SevieuuituBe, l'/t K. uotdfistllch von 
Uontaigii. 



ffgn di« «nto frwilhrfaclM BepnUllr 1798 Ms 179«. 267 

YerwftBiaiigen sehr su leiden hafcto, flehte die Sieger vou Montaigu 
an, ihm zu Hülfe zu kommen; diese folgten dem Rufe. Am 23. 
Abende wurde Mieskowsky bei St. Fulgent angegriffen, am 24. 
früh war er so ToUständig besiegt, dafs der Rest seines Corps sich 

erst in Lnyon sammeln konnte. Auch dieser Sieg war zwar wert- 
ToU, aber durch ihn entstand ein Zeitverlust und zu Reibigem mischte 
sich eine Irrung; beides zusammen bra<lit(' die Veud^r um ihren 
beabsichtigten Vernichtuugsschlag geg<>ii das Uauptcorps, von welchem 
so viel abhing. Als Charette und Lescnre nämlich ihre Diversion 
nach St. Fulgent mtvchten, sandten sie eine dies meldende Kurier- 
botschaft nach Tiffauges; — diese ging aber fehl, Elbee wnfete also 
nicht, wie er dran war, und brach endlich mit den ihm zur Ver- 
fügung stehenden unzulänglichen Streitkräften gegen Glisson auf, in 
dem er das Eintreffen Charctte's und liescure's stündlich erwartete. 
Inzwischen hatte Cauclaux, von der Niederlage Hnyfsers in Kenntnis 
gesetzt, die Stellung bei Clisson goruumt und begann auf Nantes 
zurückzu^plion. Den Vendreni aber la^ Alles an der Verniebtung 
dieses beilrohliclisteu Gegners; sie verfolgten ihn alsD mit gröfster 
Heftigkeit. Wären Charette und Lescnre zur Steile ireweseji, so 
würde das gowifs erfolgreich gewesen sein, mit dieser luilhen. Streit- 
macht aber kostctt' es nur Opfer, und der Zweck wurde doch nicht 
erreicht. Dieses Corps erreichte also ungefährdet Nantes, und in 
ihm wurde ein Hauptfaktor der repuldikanischen Streitmacht gerettet. 
Andrerseits stiftete die erwiilinte Irrung viel Mifsverständnis und 
Zwiespalt zwischen den ästlichen und westlichen Vendeeru, unter 
denen das Ganze litt. Lescure schlofs sich nach dem Siege von 
St, Fulgent, nun allerdings zu spät, der Hauptmacht wieder an; 
Charette ging mit dem ernsten Willen, dem Heere von Anjou hülf- 
reich zu sein, nach les Herbiers,*) aber seine Unterführer stimmten 
damit nicht übereiu, und er mnfste endlich, diesen nachgehend, 
wiederum nach Lege ziehen, wo er durch das nicht zu verhinderude 
Heimziehen der Landleute zunächst sehr geschwäclit wurde. 

Die Vendeer hatten vom 18. bis 24. September, Schlag uuf 
Schlag, fünf Siege errungen; der eiserne Ring, welcher sie um- 
schlossen hielt, war zersprengt, und wenn sich nicht Fehler und 
Übelstände eingemischt hätten, so würde in dieser Zeit die gegen 
die Vendee operierende Streitmacht der Republik ganz zu Grunde 
gerichtet worden sein. Der Konvent mufste erkennen, dafe die 
Zusammenhäufung grolser Menscheumasseu noch keinen Sieg sichert, 



*) Les Herbiers 2 M« s&ds&döstUch voa Tifianges. 



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268 



Die XrU)g« der Yesd^ 



uud Vertilgungspläne schneller ontworfou als ausgcfiihrt sind. In- 
dessen beruhte in jenem sechstilgiijen Siegeslaufe der \ enJeer doch 
cif^putlich die letzte Glanzzeit ihrer Kriegführung, und die aufser- 
ordeutlichen Heldenthaten, welche sie während derselhen vollljracht, 
aind toq deu uachherigen Wellen ihres Unglücks b^rabeu worden. 

Der unfreiwillige Kiuk/u<^r (.'harette's kreuzte die Pläne d«'r 
Ostvendt'er ; auch verlangteh die Überanstrengungen, welche sie 
zuletzt gehabt, und nicht minder die /urüstung fernerer Unter- 
nehmungen , eine Kriegspause. Diese Ijenutzte der Konvent sehr 
eifrig zur Wiederherstellung seiner Streitmacht, und aus der Art, 
wie das geschah, ging immerhin hervor: einmal dafs er sich nicht 
entmutigen licfs, zweitens dafs er aus seinen Mifserfolgen ^twa« 
gelernt hatte. Die Verluste wurden ergänzt und viele Mängel ab- 
gestellt; Ilossignol kam zur Armee von Brest und Canclaux ging 
über Bord; die Streitkräfte gegen die Vendee sollten hinfort in 
eijiem Heere beruhen und vom General Lechelle einheitlich befehligt 
werden; statt des vorigen Zersplitteruugssystems galten fortan die 
rriuzipien der Koncentrii lung und Offensive, j.i man rief sogar die 
den Truppen beigegebeneu Konveutsdeputierten nach Paris zu- 
rück u. 8. w. Das Alles hätte eine Anerkennung verdient, wenn 
es nicht teils unvollständig verwirklicht worden, teils ohne Dauer 
geblieben wäre. Mit solchen Einsichten des Konvents stand seine 
Proklamation vom 1, Oktober 1793, durch welche er die Ver- 
tilgung der Insurgenten bis Ende Oktober befahl,*) in 
grellem Gcgeusata^ Wie Galignla anf dem Gipfel seines geistigen 
Etmdi rieh selbst Tergdtterte, so hat jene Schnekensregieraiig, sich 
auf den Stahl der Yoisehmig ti&iimend, das ünhestimmhare Torans- 
zubestimmen gewagt! 

Ehe noch die neuen Bestimmungen antrafen , waren die bis- 
herigen Feldherm der Bepubtik schon wieder rar Olfonsive über- 
gegangen. Alle yerfagbaren Trappen marschierten von Nantes ab 
und erreichten am 1. Oktober Montaiga, wo ihnen, da ihre so schneOe 
Ruckkehr nicht erwartet worden war, vorerst kein Widerstand 
begegnete. Ehe hier etwas geschah, traf ein in Sanmur festgestellter 
Opeiationsplan ein, nach welchem Chalbos von la Chataigneraie bb 
Bressaire vorrficken and sidi dort mit deik Divirionen der Generale 
Rej and Santerre Terdnigen sollte; mit dieser groben Macht sollte 
dann Chatflion angegriffen werden, Betroy aber und Mieskowsky 



•) Hönitear 1181 1186 



g«gen di« ente framMsdhe Bqpablik 1793 Ut 1796. 



269 



wurden angcwieseo, ersterer in Ln^cm nnd letsterer bei Sablea 
d'Olonne stehen za bleiben. 

Während dies ins Werk ging, liefs Candaox am 6. Oktober 
seine Avantgarde unter Kleber gegen Tiffanges vorgehen; letztere 
traf aber schon bei Treize-Septiers*) den Feind und wurde von 
diesem sogleich angefafst. In diesem Gefechte unterlagen die Vend^er 
und mufisten nun bis Chollet znrGckgeben; in Moninigu traf aber sn 
dieser Zeit das die Entsetzung Canclaux^s verfügende Dekret ein, 
und Kleber übernahm nun, bis znr Aukonft des nenen Obeigeneials, 
das Kommando. 

Die drei vorltin erwähnten Kolonnen hatten sich unterdessen 
am 7. Oktober l)ei Bressniro wirklich vereinigt, uud Chalbo.s übernahm 
den (M)erbefohl. Er marschierte am 9. auf Chatillon, traf aber 
schon auf halbem Wege, auf den Hiihen von Moulin aux Chevres, 
den Feind. Die Kepu!)likaiier wurden von dessen heftigem Stofse 
zuerst erschüttert, (bu h ihre Ubermacht glich das aus, und es gebmg 
ihnen, aus der Verteidigung zum Angriffe überzugelien und durch 
letzteren endlich den Sieg zu erringen. Chatillon, hiermit preis- 
gegeben, wurde sogleich besetzt. 

Die Vendeer, durch zwei schnell auf einander gefolgte Nieder- 
lagen wiederum sehr beeinträchtigt, rafiTten jetzt alle Kräfte zu- 
sammen, und es gelang ihnen, mit einem am 11. Oktober gemachten 
wütenden Angriffe die lli'publikaner aus Chatillon zu werfen. 

Dieser Erfolg würde ihre günstige Kriegslage wieder hergestellt 
habeu, wenn er nicht durch einen ganz unvermuteten Vorfall als- 
bald zu Nichte gemacht worden wäre. Westermaun, dieser 
Hauptheld seiner Partei, aber für die Vendeer ein b<>ser Däuion, 
war wieder da. Im Schutze der Nacht kehrte er, mit einer kleinen 
Abteilung, alsbald nach Chatillon zurück und es gelang ihm, die 
Royalisten e-rfolgreich xn überfallen.**) Die Verwirrung, welche 
dieser Handstreich stiftete, war grenzenlos, uud das Hlut flofs in 
Strömen. Chalbos sandte alsbald Unterstützung, und Chatillon, 
welches am 11. Oktober den Republikanern verloren ging, gehörte 
ihnen schon in der Nacht vom 11. zum 12. wieder. Es erging 
dieser Stadt sehr übel, und Westermann selbst rühmte sich, sie in 
Asche gelegt und dadurch noch den Tod von 2000 Rebelleu, die 
nicht mehr entkommen konnten, bewirkt zu haben.***) 

Die Fahrer des Vendeevolkes eilten jetzt in die Distrikte, nm 

*) M. ("stlich von Mont.iiga. 
•*) Westerinann's erw. Schrift ö. 84. 
*••) Ebendaselbst S. 86. 



270 



Die Krieg« dar Teiid<e 



«lort Alles, was sich erreichen liefs, zuMliDmenzuraffen, denn schwere 
Wetterwolken bedrohten sie jetzt TOn allen Seiten. Die Sache der 
Vendee war auf eine schiefe Ebene gekommen uiid gin(^ reifsend 
beigab. Welche TrHgi')dien des Entsetzens und der iiacheglat iii Oasen 
SU dieser Zeit in den Häusern aller Beteiligten gespielt haben! — 

Als Lechelle am B. Oktober in Nantes eintraf, genehmigte 
er den letzten Operationsplun der Eepublikanor, fSgte aber hinza, 
da(i} die in La90ii stehende Division Befroy «ich an das Haaptheer, 
dessen Kommando er jetzt selbst übernahm, anzuschlielseD habe. 
Dies geschah am 15. Oktober und die Hauptmacht setzte sich dann 
über Mortagne g^en ChoUet in Bewegung. 

Die Vendeor ihrerseits riefen wiederholt nach Charette; aber er 
kam nicht, da er mit einem ( 'nternehmeu g^en die Insel Noirmoutier 
beschäftigt war. Man halt sich in Anjou, wie man konnte. Die 
Führer wankten keinen Augenblick; mit den Streitmittelu, welche 
sich erschwingen licfscn , wurde alles Denkbare versucht. Man 
b<»s(hlt)fs, dem gegt'n Cholli-t vorrückenden Gegner eine Schlacht zu 
liefern, und Lescure und llonchamp wollten ihn zunächst auf beiden 
Flügeln uni^elieii. Aber sie trafen am 15. Oktober Nachmittags, 
in Folge irrtümlicher Annahmen, zwischen Mortagne*) und 
Chollet nicht im Kücken, sondern vor der Front der Division von 
Lu(;on ein, und hier wurde alsbald Lescure schwer verwundet, (üeich- 
wolil warf man den (Jetfuer auf Mortagne zurück; da aber das 
republikanische llauptcorps jetzt mit eingriff, so mufsten die von 
grofser Lberniacht bedrängten Veudeer auf Chollet zurückgehen» von 
wo sie nach reiflicher l^rwägung sich nach Beaupreau zogen. Von 
hier au.s ent.siuulten sie am IG. Oktol«er 1000 Mann nach St. Florent, 
damit durch diese, für den ungünstigsten Fall, ein Übergang des 
Vendeeheeres auf das rechte Loireufer vorbereitet werden m(')chte; 
andrerseits wollte man mit dem ganzen übrigen Heere, welches sich 
noch auf 11,000 Mann**) belief, dem Feinde eine entscheidende 
(Schlacht liefern. 

Die Streitkraft der Republikaner l>ctrug nicht mehr als 
25,384 Mann***); die üufsere Überlegenheit der Veudeer konnte diesen 
aber keine Siegeszuversicht geben, da man zerrüttet, entmutigt und 
mehrerer Ffibrer beraubt war. Sie standen hier nicht blos mit jener 
Zahl ron Streitern, sondern eine grofsmächtige Menschenmasse, die 
ans dem Inneren geflüchtet war, befand sich bei ihnen; Fronen, 

•) l»/4 M. südwestlich von Chollet. 
**) Nach Angabe der Frau v. Laroche- Jacquclcin. 
Onerres des Tend4eni n. 230-233, 386. 



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gegen die erste fnosteiiche Bepublik 1793 bis 1796. 271 

Kinder und (irclse, Vieh und gurtittete Habseligkeiten, Alles das 
stand hier zusuinnieugedriingt und niufste die freie Bewegung und 
den fri.scheu Mut der stroitbareu Männer überaus lahmen. 

Das Vendeeheer brach am 17. Oktober von Beaupreau g^en 
Chollet auf und warf sich alsbald auf die dort iu weitläuftiger 
Stellung befindlichen Republikaner. Der Kampf war überaus 
hartnäckig und dauerte bis zur Nacht; wenn die Royalisten iu ihm 
Bchliefelich unterlagen, so hatte dies seinen hauptsächlichsten Grund 
darin, dafo Elb^ und Bonchamp schwer verwundet wurden.*) 
Eniterer wurde zn Charette und von diesem dann nach der Insel 
NoimMMitier gebracht; lefateen nahm das jetzt auf St. Florent 
snruckguhende Heer mit nob, er starb aber, ehe man dai rechte Loire» 
nfer erreieht hatte. 

Die y end^ hatten in dieser Schhu^ht Ton ChoUet an Menschen 
und Material greise, in Betreff ihrer Ffihrer ganz nnsrsetzliche Ver- 
luste. BeanpnSan war in jetzigen Umstanden nicht mehr haltbar, 
Heer and Volk drängten, von Weetermann yerfolgt, nach St. Florent; 
es blieb, als einziges Rettungsmittel, nur noch der Rficlosng fiber die 
Loire übrig; jenseits dieses Stromes aber hoffte man Sympathien and 
Haltpnnkte sn finden, Termfige deren die Streitmacht der Vend^ 
wieder siegreich werden würde. 

Welch* ein dOsteies Eriegsbild entrollte sich jetzt an der Loire. 
Der Übergang Aber dieselbe war am 17. Oktober vorbereitot worden; 
am 18. früh erschien bei St. Floreat eine wirre, sdireckensrolle 
Menschenmasse Ton vieUeieht 80,000 Menschen, die swischen ihre 
«rbarmungskieen Verfolger und den Strom eingeprebt war. Das 
Heer allein überzusetaen würde ▼erhaltnismalsig leicht gewesen sein; 
dieses chaotische sam Himmel schreiende Volk über den Strom zu 
bringen war sehr schwer. Der Übeigang, durch die noch kamp^ 
fiUiigen Trappen geschntst, dauerte zwei Tage und zwei Nichte; 
Qeschüts und Munition gingen bei Anoenis durch eine Fuhrt der 
Loire. 5000 gefangene Bepublikaner, welche das VendMeer mit 
sich fahrte, konnten, sowie die Lage hier war, nur entweder in 
SVeiheit gesetzt oder erschossen werden, und es gereichte den 
Vend^em zu grolser Ehre, dafr sie die erstere Auskunft wählten.**) 
Am 20. Oktob» befanden sich Heer und Volk der Vendee bei An- 
cenis und Verades***) am rechten Loireufer zunächst iu Sicherheit. 

*) Iq Betroff dieser Schlacht von ChoUct geben uns Klebers nach- 
gelassene Memoiren einigcrmaben verlabbaie AvAimfi 
*•) Qverres des Tend4eni a S78, 879. 

***) Verades V« ^ leehten LoixnllNr und 8t Fknent gende gogenlkber. 



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272 



Dia Eri^ der VeMlfe 



Die Republikaner manchierten am IR. Okiober aof Beaapreau 
und da ihnen ein Loireübergang für jetzt nlcbt ratsam schien, so 
teilten sich ihre Streitkräfte. £in Teil derselben begab sich nach 
Angers, das Hauptoorpe aber nach Nantos; Beauprean wurde nur 
schwach besetzt; was man von Verspätet on und Kranken des Vend^ 
Tolkes noch am linken Loireafer erreichen konnte, ist ausnahmaloe 
umgebraoht worden. 

Jetzt, wo man aus der Heimat heraus und in einen neuen 
Bereich trat, machten sich aucli alsbald die Nachteile uud Ge- 
fahren, drncn man entgegen ging, bemerkbar. Ein vor der jetzt 
legitimen Macht l'iHnkreichs fliehendes Iloer uinl Volk konnte den 
Bewohnern der Bretagne und Normandie nicht anziehend sein; nur 
der Glückliche fimlet Anhang. Man war zerrüttet und fand keine 
Zeit und Ruhe, sich zu ordnen; man schleppte einen langen Schweif 
wehrloser und kranker Menschen mit sich uud wufste, dafs jeder 
Zurückbleibende verloren war. A^orw'arts iseigte sich Alles dunkel, 
und der Rückweg schien verlegt zu sein. 

Da« notwendigste Bedürfnis war das einer gemeinsamen Ober- 
leitung, und man ging deshalb schon zu Verades an die Wahl eines 
Oberfeldhcrrn. Elbee war verschwunden, Bonchamps lebte nicht 
mehr und Lescure ging seinem Ende entgegen; da konnte, trotz 
seiner Jugend, nur l^aroch e- Jacqnelei n gewählt werden. Sein 
Heerführertalent war so grofs, wieseine Entschlossenheit; auch bcsafs 
er das volle Vertrauen des Vende'evolkes, das wirkte hier entscheidend. 
Seit dem grofsen Alexander hat man kaum je wieder einen 21jährigen 
Feldherrn gesehen, der, wie Laroche, in den schwierigsten Umstäudcu 
das Hervorragendste geleistet. 

Diese Wahl liehtete den gcsunkeneu Mut der Vend^r wieder 
etwas auf; mau entschied sich für einen \ onnarscli gegen Laval,*) 
der auch schon am 20. Oktober begonnen wurde. Die Vendeer 
zählten kaum noch 30,000 Streiter mit wenigem Geschütz; ihr Zug 
dehnte sich lang aus und hatte keine Seitendeckungen; wenn der 
Feind jetzt angriff, so hätte er ihnen eine Niederlage beigebracht. 
Aber vorwärts zeigten sich nur kleine Abteiluagen, welche man 
•na dem Wege schob; hinter Omen folgte, von Angers aus, sunachai 
nur General Aalanier, der rieh aber dann ostwärta log und stehen 
blieb. 8o «rrdditen die Vend^ am 28. Lsval; Leehelle aber 
setzte ach erst am 21. mit zwei Abteilungen von Nantes ans in 



*) LaTal Hanptriadt im OeparteuMnti der Uäjtnod, an dar Hayenne ad1»k 



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gegen die erste franzöBÜche Bcpublik 1793 bia 1796. 



273 



Bewegung. Die kletnere Kokmne unter Weefcennann ging anf 
Ghateau Ooatier*) nnd wnrde von Angen aus ventarkt; die 
giOlsere unter LecheUe eelbei fo^te Dir über Aneenia dorthin nach, 
nnd Bchon am 2&, rttekte Weekermann gegen Laval. Die Vend^ 
gingen ihm eogleich entgegen, der Znaammenetolb fimd in der Kaeht 
▼om 25. snm 26. statt, nnd die Republikaner worden anf Gfaatean 
Gontier rarfickgeworfen. Hier sog LeoheUe aneh den General 
Ankmier heran nnd unternahm dann mit vereinten Kräften einen 
Aagiiff anf Laval. Dieser vemni^llokte ganzf nnd Laroche ordnete 
dann, gegen den sonstigen Brauch der Vend^, eine so krSftige 
Verfolgung, dals der Bneksug des Gegners zur Fludit wurde und 
man ganie Abteilungen abschnitt und viel Gesehfitc und Material 
erbeutete. Die Überreste dieses republikaoiMshen Heeres, welches 
die Vendler austrieb, sammelten sich erst su Angeis und Nantes, 
und Leekelle selbst starb sdion im November an letzterem Orte. 

Das Vend^volk hatte seinen grausamen Verfolger fSr jetast 
zurackgeschlendert, aber seine Lage blieb dennoch sehr übel. Die 
Bevölkerung dieses Landstriches hier benahm sich ganz znrück- 
haltend; die Freiwilligen, welche man bekam, reichten nicht aus, die 
Verluste decken zu kdnnen; an Geld fehlte es ganzlich, und mit 
den Requisitionen machte man sich Feinde. Indessen konnte hier 
zu Laval doch eine notdürftige Erholung und Neuformation statt- 
finden; nach ihr kam es in Frage, was nun weiter anzufangen sei. 
Die extreme Partei wollte einen Vormarsch g^en Paris, — aber 
dazu fehlten die Machtmittel; andere Stimmen befürworteten die 
Wegnahme von Rennes,**) wo man die Bretagne insurgieren und 
den Engländern die Hand reichen würde, — Illnsionen, für die es 
keine rechte Brandung gab. Laroche wollte in die Vend^e zurück, 
und das wäre das Richtigste gewesen, aber er drang damit nicht 
dnrch. Wunderbar, dafs dieses royalistische Heer, viel mehr als 
diejenigen der Republik, jede SouTeraiuetäi des Heerführers aus- 
schlofs; hätte sich ein Bourbon oder ein Marschall von Frankreich 
an seine Spitze gestellt, so würde sich das gleich verändert haben. 
Nach lauger Beratung wurde man einig, nach Fougeres***) zu 
ziehen, von wo man, je nach Bewaudoissen, Bennes oder die Küste 
leicht erreichen werde. 

Die Republikaner organisierten zwischenzeitig wiederum ihre 
Streitkräfte. An der Loire wurden 16,000 Manu streitfähig; ein 

*) Chateae Qontier, nahe der Mayenne, 8 H. sQdlich von Laval. 
**) Renn es, Haapintadt der Bretagne, S'/f H westlkh TOO Laval 
Fongires 6 M. nordwestlich von LaTaL 



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274 



Die Eri«Be d«r Tendfe 



Aufgebot von 17,000 Mann unter Genoral Lenoir sammelte sich 
in Mayen ne*) und 6000 Mann der Armee von Chcrbourg rückten 
von Caen nach Vire.**) Anfserdeni war die Armee von Brest in 
viele kleine Abfeilnng'en, die du und dort, standen, zersplittert: der 
richtige Mann wür<le das Alles zu einer grofseu Streitmacht formiert 
haben — aber es fehlte an ilitn. Der Konvent legte den Oberbefehl 
gegen die Veiid«*er wiederum in Hossicfiiols Hände und liefs anch 
neuerdin^rs seine Deputierten, damit sie di*^ Truppenführung ver- 
wirren möcbtea, ins Feld ziehen; — daraus konnte nur Übles 
entstellen. 

Das Vendeevolk nahm seinen Weg narh Fongeres über Mayenue; 
Lendir räumte bei seiner Annäherung diesen Ort ohne Schwertschlag. 
Er zog sich auf Alencon,***) das Yendeeheer aber kam am 3, No- 
vember naeh Fougeres und zersprengte die hier stehende repu- 
blikanisrlii' Division, die sich nun nach Kermes zurückzog, gänzlich. 

Die Kepublik«ner waren über diese Unfälle sehr bestürzt, jedoch 
suclite llossignol seine Streitkräfte l>ei Kennes zu vorsammeln. 
Während dies geschah, erhielten die Vendeefeldherrn zn Fougeres 
eine neue Depesche der engliselien llegierung.f) Man bot 
ihnen abermals Hülfe an und wollte wissen, wo und wann eine 
jenseitige Expedition landen solle. Sie entschieden sich hierauf für 
eine Landung bei Oran ville,ff) verabredeten Zeit uiul Signale und 
baten auch, dafs man sie mit Geld und Kriegsbedürfiiissen unter- 
stützen und einen bourlxuiischen Prinzen an ihre Spitze stellen 
mochte. Nach der Erfahrung, die vor drei Monaten gemacht war, 
hätte das Vendeevolk auch diesem nenen Auerbiften nicht voll 
vertrauen, mindestens aber seine Einrichtungen so treffen sollen, 
dafs ein abernuiliger F. lilschlag es nicht schädigen konnte. 

Zu Fougi'res starb auch in dieser Zeit Lescure, — ein unersetz- 
licher Verlust f(ir die Vendeer, eine günstige Fügung für ihn 
.selbst, der .so den liuin seines Volkes nicht mehr mit ansehen 
durfte! Lescure's Wittwe, eine der heldenmütigsten Frauen, die es 
je gab, hat Alles mit durchgemacht und leerte den Becher bis auf 
die Hefe. 

Am 8. November brach das Vendeevolk von Fougeres auf, um 

*) dVt M. nordnordOfltlkli von LavaL 
**) 8 M. südwestlich von Caen. 
***) 7 M. ostnordöstlich von Mayonnc. 

f \ Vern;!. in Befr.-ff der ersten S. 173 des Ancjnst-Heftes. 
-ft) Auf gerader Liuie 8 M. nördlich von Foagires; auf dem Umwoge über 
Dol aber hatte man dabin 14 M. larackzolegen. 



uiyiiiZL 



gegen dfe ente franzSsiMlie Bepnblik 1793 bis 1796b 



275 



nch nach Gianvflle so wenden; nach Beechaffenheit der vorhandenen 
KommonikaHonen ging es dahin anf dem befarSchflichen Umwege 
fiher DoL*) Man traf so eisl am 14. vor GnuiTille an. Diese 
Ideme Seestadt war unr sehwach befestigt, aber stark besetzt und 
durch ?iel schweres Creschflta Terteidigt; man snohte sie sa starmen, 
aber das im Felde so bcaTC Vend^evolk beeals an Beli^^eningen 
wenig Lost, Gesohick and Hfll&mittel. Waren jetxt englische Schüfe 
in Sicht gewesen, so hfttte das ermutigend gewirkt. Lust und Peaer- 
geist fehlten, der Sturmangriff prallte ab, und Laroche veizicktete 
endlich auf ein Unternehmen, das ihn mit so viel Hoffiinng erfüllt 
hatte. Die Engländer hatten sich verspätet und kamen erst mit 
Anfang Dezember; als sich zu dieser Zeit nichts mehr Tom Vend^ 
beere sehen liefe, kehrten sie wieder zurück.**) 

Der Milserfolg von Granville giebt wieder einen Wendepunkt 
dieses Krieges. Bis hierher ging es vorwärts, jetzt trat man den 
ROcksug an; man siegte während d^sfelben noch hier uiul dort, 
aber im Ganzen hingen schon, die Flttgel ht ra]) uiul der Anfang 
vom Ende schien eintreten so wollen. T^roche wollte ins Innere 
der Normandie vordringen, aber das Volk widerstrebte ihm; ist doch 
selbst der grofimiAchtige Alexander einst, aus gleichem Anlafo, 9or 
Umkehr gezwungen worden. 

Die Vend^ gingen also zunächst anf Pontorson***) zurück, 
und hier begannen neae Kampfe mit den anf ihrer BäckzogsUnie 
stehenden Republikanern. 

Rossignol ging, nachdem ein Hulfscorps ans Angers in Reunes 
eingetro£EiBn war, von dort am 17. November mit gesammelter Streit^ 
macht gegen Antrainf) vor und entsendete hier, als er den 
Bnckzng dar Vend^er von Granville erfuhr, um ihnen alle Wege zu 
verlegen, eine Division nach Fougdres. Er selbst stiefs am 18. mit 
ihnen vor Pontorson zusammen, wurde zurückgedran^j^t und zog 
nun« si4^ zn einem neuen Angriffe bereitend, seine detachierte Di- 
vision heran. Das Vendeeheer gelangte inzwischen am 20. nach Hol. 
Hier kam es am Abende dieses Ta<^es zu einor sich bis Antrain 
ausdehnenden Schlacht. Auch in dieser /wiin«,' Laroche seinen 
Gegner zum Rückzüge, der aber am 10., nicht fern von Antniin. 
wieder Stellung uakm. Da aber demnächst der Heranzug eines 

♦) 6 M. nordwestlich von Foug^rea. 

**) Madame Laroche vgt II. 66—57. — Oserrea des Tend6ens II 
348— {S6a BMQdiaaq» Angaben ftlier diese TofgKng« aind nunfarltalg. 

♦♦*) 4'/» südlich von Granville. 
t) l'/t ^ aQdlidi von Pontoraon. 



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276 



Die Ksiagi der YenUe 



republikanischen Truppt iK orps aus der Normandie gemeldet wurde, 
so schwebten die Veudeer iu der (iefahr, zwischen zwei Feuer 
genommen, oder vor eine bedeutende l hermacht gestellt zu werden, 
und sie raufsten, um jener zu eni gehen, schnell handeln, Laroche 
griff deshalb die neue Stellung des Feindes am 22. November an 
und es kam zu einer überaus blutigen Hauptschlacht, die sich um 
Antrain zusammenzog. Die Republikauer erlitten liier eine ihrer 
gröfsteu Niederlagen und flüchteten nach Rcnnes; doch war ihre 
Kampfunfähij^keit momentan so grofs, dafs sie einer baldigen Ver- 
folgung Seitens des Gegners nicht Stiiiid gehalten haben würden. 

Die Vorsehung reichte deu Vendeera hier noch einmal ihre 
Hand; wäre sie von ihnen ergriffen worden, so konnte man über 
den schon geött'neten Abgrund dennoch hinwegkommen. Den ge- 
schlagenen Feind nicht mehr loslassend, wurden sie ihn vernichtet, 
den Weg nach Nantes frei gefunden und die Stadt gewonnen haljeu. 
Hier gab es Erholung niul Neuorganisation, und den Siegreichen 
würde dann auch Charette entgegengekommen sein; der ganze Bocage 
und Marais würde sie mit allen Kräften unterstützt haben. Die 
Republik wäre schliefslich zu einer Ausgleichung gezwnngen worden 
nnd liätte mindestens dieses dann ganz unbezwiuglich erscheinende 
Vendeevolk von der Kette ihrer ausschreitenden Politik loslassen 
müssen. Wie anders sieht dieses Hild aus, als dasjenige, welches 
sich dann wirklich entrollt hat; das Vendeevolk .stand bei Antrain 
auf dem Kreuzwege zwischen Heil und Unheil und ist, weil es falsch 
gewühlt hat, dein Tode^^lose verfiiUen. 

Die Vendeer wendeten sich, in unbegreiflicher Verblendung, 
über Fougeres und Laval nach La Fleche;*) sie zogen dabei nicht 
in Erwägung, dafs hiermit ihrem CJegner in liciines, welchem sie 
deu Rücken kehrten, ein voller Spielraum zu seiner Wiederherstellung 
gewährt sei, und man ihn bald wieder auf den Fersen haben Wierde. 
Sie trafen zu La Fleche am 1. Dezember ein, und dieser in schlimmer 
Wiiterang und Jahreszeit schnell ausgeführte Marsch schädigte sie 
flclion änfeerlich bemerkbar. Noch mehr sind sie durch alle Bilder 

VoirOstuilg, welche sich ihnen jetzt auf diesem schon einmal 
gemachten Wege darboten, irre geleitet worden. Ihre in deu ver- 
BcMedenen Orten siir&ckgelaaienen Kranken and Verwundeten waren 
Ton den »Kümpferu ffir Preiheit und Brüderliebkeit« ermordet, ihre 
Freunde ausgeplündert und vor Gericht geeebleppt worden n. s. w. 
Wie nngnnetig mnCste dies auf den Lebensmat nnd die moralische 
Haltung des Heeres wirken! — 

*) Am recht» Ufer dm Loir, 18 K. sftdöstUch von Antnin, 



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g«gen dift «nie fhunOabidtt Republik 1798 Iiis 1796. 277 

Schon am 3. Desember enefaien das Yend^eheer vor Angera 
imd begann deaaen BeacbieCning; so ein«in Stonnangriffo konnten 
diese Baaern durch niehta bewogen werden. So wSre anch ohne 
jede Dazwischenkonft hier nichts enreiGht worden; wie viel achlimnler 
wurde ea, da man nnn anch mit einem Entaatsheere so thnn 
bekam. 

Boaa^ol hatte sich za Rennes neu organisiert nnd entsandte 
schon geg^ Ende November die Divisionen Marcean nnd Kleber 
südwärts; anch die Division Sepher aus der Normandie, an welche 
sich Westermann schlofe, wurde dorthin entsendet; diese sehr be- , 
trachtlichen Streitkräfte erschienen schon am 4. Dezember im Bücken 
der Yendeer, die dadoreh aar Aufgabe der Belagerung gezwungen 
wurden. Westemiann sollte auf iliren Fersen bleiben, und ihm 
folgte nnter Oeneral Müller eine greisere Abteilung; die Division 
Kleber wandte sich nach Saumnr und ein drittes Trappenoorps nach 
Bcaufort;*) wenn die Vend^ nach Ancenis gegangen waren, 80 
worden sie sonachst nur einen Feind hinter sich gehabt haben, 
aber sie schlugen den Weg nach Beang^**) ein nnd waren hier 
sehr gefährdet. 

Das Vendeeheer entbehrte jetzt schon vielfach das Notwendigste, 
ea war erschöpft, entmutigt nnd durch Krankheiten dezimiert; es 
schleppte hinter sich einen langen Schweif Ilülfloser, nnd was TOn 
diesen in die Hände des nachsetzenden Feindes fiel, wurde erniordet. 
Anch die Spannkraft der Führer wankte schon, und sie, die Alles 
zu leiten und zu verantworten hatten, und denen gleichwohl in 
einem sich schon auflösenden Heerverbande nicht mehr unbedingt 
gehorcht wurde, waren wohl die Bedauernswfirdigsten. 

Der Zug dieser Flüchtlinge ging von Ueauge über La Fleche 
nach Le Mans.***) Der Ubergang über den Loir bot, bei steter 
Bedrängung durch den Feind, grofse Schwierigkeiten dar; Le Mans 
erreichte man am 10. Dezember. Wenn die Vendeer dieses Ruhe- 
pimktes und seiner Hülfsmittel nur einige Tage hätten t^eniofsen 
können, so würde das ihren Zustand ansehnlich verbessert haben; 
aber der Feiud lies nicht mehr von ihnen, und schon am 12. zwang 
sie der von der Division Müller unterstützte Westermann zu neuem 
Biauipfe. Die noch streitbare Mauuschaft zog ihm bis zur Höhe 



*) 8 M. nordfrastUeli von Saniirar. 

••) 5 M. oatiiordSstlieli vdii Angers. Hier starb Royrand an seinen Wunden, 
ILitiptstadt d«s Oepariementa der Sarthe, an d«ir oberen Sarthe, IS IL 

nörillich vrtTi Sanmiir 

Jahrbikcber fOr die DantMbe Armee uad M»ria«. Bd. XLVIlt., S. {'J 



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278 



Die Ktteg« der YwUb 



ron Pont-Lien*) entgegen, ein Brnchteil des Onnzen nur, hinter 
dem die grofiie Menge kampfnnf&hig and elend in der weitlinftigen 
Stadt blieb. Westermann und Müller wurden Tomet sar&cligedrilngt, 
ftber mit Hälfe einer nenen Di?ition gelang es ihnen endliofa, den 
linken Flügel der Yend^er sam Weichen za bringen, was dann die 
ganze Linie umwarf. Laroche*8 ganse &ldrahraft| die hier noch- 
mals eintrat, fruchtete nichts mehr, und mit Einbruch der Nacht 
drang das republikanische Heer, den fliehenden Vend^em nach, in 
die Stadt. In dieser gab es jetzt bei den Besiegten kein Urteil, 
keinen Gehorsam und keine Verteidigung mehr — nur Flacht und 
Chaos derer, die nich überhaupt noch regen konnten. Die Ver» 
wundeten und Kranken ermordete man in den Häusern; von den 
Fluchtenden wurden viele im Massnngewirr erdrückt; was in die 
Iläude des Feindes fiel, darunter die Mehrzahl aller Franen und 
Kinder, ist schon am nächsten Tage hingerichtet worden. 

Das war ein des Soldatenberufes unwürdiges Schlachten, welches 
vor dem Tribunale der ganzen Weltgeschichte wohl noch schlechter 
besteht, als vor dem einzelnen Autor. Der Verlust der Vend^ 
bei nnd in Le Maus wird auf 15,000 Mann angmeben.""") 

Der dem Blutbade von Le Mans entgangene Rest des vor- 
maligen Vendeeheeres war nur noch ein Haufe Unglücklicher, die 
man zur Schlachtbank trieb. Zuerst nacli Laval und dann wieder 
südwärts gehetzt, trafen sie am IG. Dezember in Ancenis tm, nm 
über die Loire zu gehen. Hierzu fehlte es an Fahrzeugen, aber 
jenseits sah man mehrere mit Heu beladene Barken, und Laroche 
und Stofflet schwammen mit nur wenig Mannschaft in zwei auf- 
gt'friebenen Kühnen hinüber, nm jene Fahrzeuge zu holen. Aber 
sie wurden mit Gewehrfeuer erapfiuigen und ein Kanonenboot <les 
(Jegnors erschien auf der Loire; die l?üekkehr zum rechten I.^fer 
wurde diesen Vorkäinpfern al)f?cschnitten , nnd sie mufsten, vom 
Hauptkörper losgetrcunt, sich im Lande zerstreuen.***) 

Am rechten üfer griff zu dieser Zeit Westermann die l'liiebtigen 
wieder an, und sie gingen jetzt auf Nort,!) wo sich ihuen aht^r 
ebensowenig wie anderwärts eine kSicherheit bot. Die Vendeer 
zählten jetzt nur noch etwa 10,000 Köpfe und waren auf demjenigen 

*) Ganz nahe an der Südostseite von Le Mans, zwischen 2 Armen der Sarthe. 
**) Nach Angabe dar Fiaa t. LsMcIie-Jaeqadeln. Tvntm gisbt m ««inen 
Memoiren dieie Zahl geringer an, aber der gaaie Znasinneahsag entachddet Ar 

eisterc Angabo. 

***) Madame La Roclu' II. 104 ff. 
t) An der Erdre, 3 M. nördlich von Nantes. 



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gtgn die ente firaasOiiMhe Bepnlilik 1798 bii 1790. 279 

Gipfel lies Elendes augelangt, wo von diesem bereits alle Bande und 
Rücksichten vernichtet sind. Mit dem Oberfeklherrn hatten sie 
ihren let/teii Halt|niiikt verloren. Die Zaghaften /erstohen in alle 
Winde, um einzeln zu verkommen; die Schliiuineii haderten unter 
sich; jeder wahrhaft Mntige bereitete seine letzte Arbeit des 
Schwertes vor. Was noch beweglich war. kam am 19. Dezember 
nach Blaiu und am 22. nach Savenav."*) Das war der letzte 
Ruckzng des noch vor Kurzem den Republikanern so furchtbaren 
Heeres von Anjon; hier sind, zum Weinacht-sfeste von 1793, seine 
letzten Kämpfer und Dulder begraben worden. Der nur noch 
7000 Köpfe zahlende Haafo wurde hier am 23, Dezember angegriflFen, 
und da prallten noch von ihm die feindlichen Divisionen vorerst 
zurück. Jede Strafse, jedes Haus wurde verteidigt, jeder Schritt 
mufste mit Blut erkauft werden, — bis endlich im ungleichen 
Kampfe auch der letzte hier befindliche Vendeekrieger gefallen war. 
Nach Angabe der Republikaner fielen bei Savenay, oder wurden 
gefangen und dann hingerichtet, über GOOO Vendeer; nur 200 
schlagen sich durch und kamen nach Ancenis, wurden aber noch 
im letzten Momente überfallen und niedergemacht Talmont irrte, 
als Landmann verkleidet, in der Bretagne nmher, wurde aber dann 
erkannt, gefangen nnd in dem Hofe seines eigenen Schlosses va 
IiBfal hingwichtet. Marigny entkam nach der Vend^ und tauchte 
dann dort wieder auf; Leseare*« Wittwe »t noch ?or der Katastrophe 
Ton Saveiiay Tetsteckt worden nnd ▼ermochte sieh dann in retten.^ 
Wenn Westermann, am Schlnls seines Berichtea fther diesen 
Feldzug, sagt: 

»So wnrde eine Armee, die noch bei Le Mans 80,000 
bis 90,000 Mann stark war, in swSlf Tagen dnrch dag 
Genie nnd den Mnt der republikanischen Soldaten Tdllig 
anfgerieben, die fast alle, von der den Feinden der 
Republik abgenommenen Bente, Schätse gesammelt 
haben.« 

BÖ iat das eine Übertreibung, ein nicht begrandetee Selbetlob und 
eine Anklage der eigenen Truppen. 

Das wirkliche Heer der Vend^ belief sieh im Oktober 1793 
beim Übergange fiber die Loire nur auf etwa 30,000 Mann; Heer 

*) Blain 8 M. weitnoidw«sllkh von Nort; SsTenay 511. weitsftdwflstUch 

von Nort. 

**) Über diese letzten Vorgange geben Auskanft: Madame Laroche>J. II, 
109—126 und 176—183. Querret dos Vondtfons IL 448— 4G0 imd sndi 
Woitermaon in seiner sdwn mehr&ch enrllmtea Sehxilt 



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280 Die Kriege der Vendi« 

und Volk znsammeii z&blteD damals Tielleicht 80,000 Köpfe.*) Da 
seitdem die Verluste viel gcolser waren, ab die Erglnsnngen, so 
konnte in Le Mans nur noch von einer Gesamtzahl von etwa 
30,000 Köpfen die Rede sein; in diese waren anch die Fraaen und 
Kinder, so wie die Verwundeten nnd Kranken mit eingerechnet. 
Was in Le Mans dann verloren ging nnd wie es verloren ging, Ist 
oben angegeben worden. 

Genie nnd Mnt der Republikaner Helsen in diesem Herbst- und 
Winterfeld7Aigc am zechten Loireafer viel zn wfinscheu übrig. Von 
Angers bis Le Mans nnd von dort bis Savenay haben sie über einen 
schon gans zen-Qtteten Gegner leicht zu si^n vermocht; hervor» 
springaüd war dabei nur ihre Übermacht und ihre Gransamkeit. 

Wenn die republikanisclieu Soldaten dnrch das, was sie den 
Vendeern raubten, wirklich Schätze gewonnen haben, so ist dies 
sehr kennzeichnend für die Art ihrer Kri^^hmng; noch charak- 
teristischer erscheint es, dab ein republikanischer General dies 
rühmend hervorheben konnte, 

Ea ist tragischer, als es sich in Worten ausdrücken läfet, ein 
treues streitbares Volk so gepeinigt und bis auf den letzten Mann 
hingeopfert zu sehen! — Und doch schlachteten die Republikaner 
diese Riesen hekatombe eigentlich nutzlos, denn Charette stand ja 
noch im Felde, Laroche-.Iacquelein und Stofflet hatten sich gerettet, 
die westliche Vendee war also noch unbe/wuiiifen und die östliche 
erhielt den Antrieb, bald wieder in Watten zu stehen. 

Charette hatte sich während des Feldzuges am rechten Loire- 
Ufer in seinem Revier behauptet. Er hatte sich am 11. Oktober 
der Insel Xoirnionfit^r bemächti<(t ;**) weiterhin, als das Heer von 
Anjou die Loire überschritt, .suchte er seine Eroberungen in Marais 
zu vollenden, prallte aber am 30. Okto))er von der sehr gut ver- 
schanzten Hafenstadt St. Gilles ab nnd begab .sich nach der Insel 
Bouin. Hier belianptete sieh Oharette geraume Zeit, als aber die 
Rc^publikaner, dieser westlichen Region wieder mehr Streitkräfte 
znwendeud, am 2r). November Machecoul, den steten Zankapfel beider 
Parteien, 7.iirüeken)l)ert hatten, begann am 5. Dezember auch ihre 
Operation gegen Bouin. Charette sah sich dort in bedenklicher , 
Weise zwischen das Meer und seine Eciude gedrängt; indessen 

*) YeixL S. 971 

**) Qnerres des Vendeen» II. 887. Philippesaz reponse a tous 
l -s d- ft'nvenrs officieuz des bourreanz de nos fröret daas Is Ten* 

de«; etc. 68. 



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gtgm die «nto fhuialktitehe Bepabltk 1793 Im 1796. 281 

wurde er durch Landleute auf einen versteckten Ausweg geleitet 
und erm^lichte es hiermit, plötslick im Buckeu der üepoblikanor, 
wo er diese erheblich schädigte, zu mcheinen. 

Gleichzeitig war Rossignol TOm Ober-Kommando gegen die 
Vendeer entbunden und nach Rennes zurückgewiesen worden; der 
neue Obergener&l Turreau vertrat einstweilen Marceau'") und da 
dieser zu den ausgezeichneten Heerführern der französischen Republik 
gehört hatf so mnlste in der allerdings nur kurzen Dauer seines 
Kommandos die Oberleitung aller republikanischen Truppen- 
bew^ungen, sowohl jenseits als diesseits der Loire, eine zweck- 
mäfsigere werden. Charette änderte deshalb auch seine Tiiktik und 
zog sich vorerst aus dem Bereiche eines Gegners, den pr stehenden 
Fufses und in geordnetem Gefechte doch nicht mehr bekämpfen 
konnte. Er wich jetzt den HauptstÖfseii des Gegners aus und war 
doch immer wieder da; er nährte den Aufstand in seinem «ganzen 
Bereich, vernichtete kleine Abteilungen ded Gegners, nahm ilnn, wo 
es ^mrr, Proviant und Munition und licfs seine Etablissements in 
Flammen aufgehn. Das ist eine auch den stärksten Feind langsam 
aufreibende Methode, und Charette kam, sich ihrer sehr geschickt 
bedienend, unter steten Handstreichen und Scharmützeln am 8. De- 
zember, fast zu derselben Zeit, wo daa Heer von Anjou .sicli gegen 
Le Mans wandte, nach Grand Luc.**) In dem Mafse, wie das 
Östliche Vendeeheer dort erlag, wurden dem westlichen gegenüber 
mehr repul)likanische Streitkräfte verfüg] »ar; der Spielraum im Marais 
verengte sich demnach auch diesem klugen Partisanenchef so sehr, 
dafs er jetzt in den Bocage hinfibergriff. Seine Bewegungen daliin 
waren selir schnell; sclion am 9. Dezember stand er bei Les Herbiers 
und wurde hier von den versammelten Führern des westlichen 
Vendeehecres zum Oberfeldherrn gewählt. Die Notwendigkeit wog 
schwerer als die Eifersucht; hatte man Catheliueau nach einem 
grofsen Erfolge gewiililt, so wählte mau Charette im Drangsal, aber 
doch beide vermöge der Zuversicht zu ihren Eigenscliaften. 

Der neue Oberfeldherr schädigte den Feind unablässig durch 
kleine Schläge; am 16. Dezember, während die Ostvendeer von 
Ancenis vertrieben wurden, hieb er bei Maule vrier***) eine feind- 
liche Abteilung nieder, und da seine Macht jetzt durch Zulauf des 
Landvolkes sehr erstarkt war, so wurde demnächst eni liauptschlag 

*) Geboren 1771, seit 1786 in d«r Armee, zeichnete sieh naddier bis 1796 

in der Sambre- and Maaa-Armco sehr aus. 

♦*) Am FlQfscbeu Boulognc, 1 M. südüstlich Ton Lege. 
***) 3'/s nordöfitUch von les Herbiers. 



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282 



Die Kriege der YeniKe 



gen;eii riiollel von ihm beabsichtigt. Dieses Vorhaben aber störte 
die Da/wiseheuk Hilft lUuU ror Begebnisse. 

Tiaroche-.Tacquekiu war um 10. Dezember gewiilUaiu von seinem 
Heere getrennt worden*) und erreiclite wenig Tage nachher, nach- 
dem er in dieser kurzen Zeit UnsügUches erduldet, Maulevrier, wo 
er mit Charette ziusaninienlmf. Er berichtete ihm, dafs die Besatzung 
von Chollet in letzter Zeit sehr verstärkt worden, und schon das 
sistierte jenes Projekt; aufserdem aber schaarte sich jetzt das Land- 
volk in BocAge sogleich wieder um seinen alten Führer, und da 
hiermit der Aufstand dieses Bereiches nocli mehr impulsicrt wurde, als 
es durch Charette hätte geschehen können, so zog sich dieser wieder 
in die westliche Vendee /urück. 

Laroche besals schnell wieder eine den Republikanern bedrohliche 
Streitmacht, aber diese reichte vorerst nur zu kleineren Unter- 
nehmungen. Sein Kriegstalent brauchte gröfserer Mittel und war 
also jetzt nicht im richtigen Falirwa-sser. Dennoch schädigte seine 
Kühnheit und Umsicht, nicht minder seine Popularität die Rejui- 
blikaner neuerdings sehr, und wenn dieser bedeutsame Lebenslauf 
nicht so früh geendet hätte, so würde wohl unter Laroche's Iläuden 
ein neues grofses Vendeeheer entstanden sein. 

Charette ging von Mattlevrier südwesiwärts, überschritt die 
Seyrenantuse und gelangte endlich nach la Boche snr Yon;*'^) da 
sich hier nicht« aaBffihren liefs, zog er nordwarU nach St. Denis 
en cheyasse***) und machte dann, L^e im nS^rdlkihen Bogen 
umgehend, einen Yonnarach gegen MaehecouL Hier traf er am 
81. Desember ganz übenraschend ein und gewann diese unaaflidrlloli 
bald den Boyalisten, bald den Bepnblikauem zufallende Stadt fast 
ohne Schwertechlag. Das war im Jahre 1793 das letzte, and immer 
noch ein den Yendeem günstiges Rriegsbegebnis; freilieh konnte 
Maoheoool jetzt nicht behauptet werden, aber es war immer ein 
gelungener kühner Handstreich, der anch überdies dnige Beate an 
Lebensmitteln, Waflfen und Munition einbrachte. 

So standen die Eriegsl>ewandnisse der Vendee mit Ausgang des 
Jahres 1793; sie war immer noch unbesiegt, obgleich sie aus allen 
Adern geblutet und ihr Hauptheer verloren hatte. Dals dieses eine 
Kriegsjuhr ereignisyoller, mit mehr Licht und Schatten und grelleren' 
Wechseln ausgestattet war, als anderwärts lange Kriegsperioden, 
ging wohl sbhon aus den kurzen Angaben hervor, die hier nur 

•) Vergl. S. 27& 

**) In gerader Linis 8 M. südwestlich von Maulevrier. 
*^*) 9 M. nOidlich von La Boisb» mr Ton. 



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geg«B die tnle ftiuMadis Bepnblik 1798 bis 1796 288 

gemacht werden kouuteu. E^s fanden in einer Dauer von katim 
10 Monaten 41 gröfeere riefethte, zum Teil Schlachten, statt und 
die Vendeer siegten in 24 und unterlagen nur in 17 derselben; die 
Uand^treiohe und Schurrnttizel Miellen unberechuct. Auch über die 
Uisaehen, ans denen dieses kleine Volk von Poitou und Anjou so 
viel und doch nicht genug siegte, und die Streitmacht der grofseu 
französischen Bepoblik so viel unterlag uiul (loiinoch im Vorteil 
blieb, kann man durch die gegenwärtige Ski/.ze klar geworden sein. 
Alle Vortrefflichkeit der Vendeer konnte die Fehler ihrer mangel- 
haften Kri^sorganisation nicht fortschaffen. Die Kraft und Be- 
geisterung eines Volkes thut viel, aber nur die organische Einigung, 
die volle Disziplin und das souveräne Kommando machen es ganz 
siei^esfdhig; es wird ohne sie einzelne Siege, aber nie einen end- 
gültigen Sieg erringen können. 

Die Truppen der Republik mufsteu die Verderbnis, welche in 
ihnen war, mit vielem Blute bezahlen. Es wiinle dcs-en iiru li mehr 
geflossen sein, wenn nicht auch gute KrPifte sich unter ihnen l)eiunden, 
und die endlos /,ustr(imendeu Ergünzuni^en sie über jede Niederlage 
hinweggesetzt hätten; bei gleichen Maclitnütteln und IIülfs(piellen 
beider Teile wäre die französische RepuUik schon im Sommer 1793 
von den Vendecrn in den Grund gebohrt worden. 

Die tüchtigen Truppenführer der Ri'publik standen sehr ver- 
einzelt und werden aus diesen Kämpfen und Zuständen üble Eindrücke 
mitgenommen haben. 

Desto interessanter zeigen sich die Vendeeführer: durch ihren 
Ursprung, ihr Heldentum und Schicksal. Es waren Edelleute und 
Volksmänner, eine seltene Vereinigung! Die meisten derselben er- 
griffen den ihnen ganz neuen Feldherrnstab und führten ihn, als 
er kaum in ihreu Händen lag, schon mit Auszeichnung; sie starben 
noch in demselben Jahre für ihr Vaterland, und ihre Uberzeugung. 
Ihr Heldenlauf ist zwar kurz, aber dennoch inhaltsschwer 
gewesen. So ging es mit Cathelineau, Bonchamp, Lescure und 
Royrand; Elbee stand schon am Rande seines Grabes; Charette, 
Laroche, Stoftlet hielten sich noch aufrecht, aber ihre Tage waren 
gezählt. Interessant und unglücklich sind sie alle; bevorzugt wurden 
diejenigen, welche den Soldatentod, sei es auf dem Sclilachtfelde 
oder in Folge ihrer dort empfangeiien Wunden, sterben konnten. 

Nur dieser Feldzug von 17PB li;it einen wirklichen Krieg aus- 
gemacht; was nachher kam, ist nur, bei uiivtruiinderter Grausamkeit, 
ein buntes Gewirr von Scharmützeln und Streifereien gewesen. 
Auch ist der historische 1 aden dort nicht mehr so kennbar, und 



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284 



Die ptenUselMii RoBamD bei der Annee d«r YsMndAtni 



es mu£s ihm, da und dort, mit der Schlufsfolge geholfen wordon; 
aber fürs Gauze bleibt es uuentbehrlich, und aus seinen Thatsachen 
wird, trotz Allem, immerhiu militärisch und politi^h noch Manches 
zu lernen sein. (SchloTiB folgt.) 



XVL 

Die preufsischen Husaren bei der Armee der 
Yerbündeten fnediich des Griolsen in den 

Jaliren 1758-1760.*) 



Während König Friedrich IL im J.ihrc 1757 mit seinen 
Preufsischcn Truppen gegen Österreich, Russlaud und Schweden 
focht, hatten seine wenigen Deutschen Verbündeten: Hannover, Brauu- 
schwcig, Hessen, Bückeburg und Sachsen-Gotha mit englischen Hülfs- 
geldern ein kleines Heer aufgestellt, welches bestimmt war, Frank- 
reich und das übrige dem Preufsenkönigc feindliche Deutsche Reich 
im Schach zu halten. Der Verlust der Schlacht bei Hastenbeck 
hatte jedoch am 9. September 1757 die Konvention von Kloster 
Seeveu zwischen dem Kommandierenden des Heeres der Verbündeten, 
Hersog von Cumberland, und dem franzSsischen OberfiiMierm, 
Henog von Bidielieu, zur Folge gehabt, nach deren Wortbuite die 
Feindseligiceiten aufhören und die Truppe der Armee der Ver- 
bündeten, ohne kriegsgefangon oder entwaffiiet zu werden, in ihre 
Heimathslander zurftddceliren sollten. Diese selbst wurden von den 
Franzosen besetzt, welche darin wie in Feindes Land hausten. 
Dies unnatürliche und unerträgliche Verhiltnis hatte endlich zur 
Folge, dals die Verbündeten wieder zu den Waffen griffen. Ende 
November zeigte das hanndversche Ministerium in einem Manifeste 
die Gründe an, welche es venuüalsten, die nur vom Herzog von 



*) Eutuomniea ehier uiufangrcichcn Arbeit über die Lcibhusareu- 
regimenter, wdehe in nfteliiiar Zeit verSffaiifliciht wizd. 



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Friedridi dea Groiwii b da Jalwen 1768—17601. 285 

Camberland persönlich abgeschloaeene KouTention nicht /u ratificieren, 
sondern die Truppen wit dcr znsammenzuziehen und die Operationen 
wieder zu beginnen. Am 24. November 1757 übernahm der Herzog 
Ferdinand von Braunschweig in Stade das Kommando der Armee der 
Verbündeten und z^gte dem Herzog von Richelieu in Lüneburg sofort 
an, dafs er angewiesen sei, die Feindsei i<,'keiten wieder zu eröfFnen. 
Die überraschten Franzosen wichen auf Celle zurück, der Herzog folgte 
ilnicn und bezog gegen Ende des Jahres 1757 Winterquartiere in 
dti Tingegend von Lüneburg. Er war nun eifrig bemüht, die Armee 
vollständig wieder auf den Kriegsfufs zu setzen, wozu die eng^sdie 
und hannoversche Regierung die Mittel gewahrten. Eine grofse 
und unmittelbare Unterstützung liefs aufserdem der König von 
Preufsen der Armee angedeihen, indem er, um dem fühlbaren 
Mangel an Kavallerie bei derselben abzuhelfen, im Februar 1758 
vom Lchwakl scheu roi})s aus Poramcni den General-Lieutenant 
Herzog Georg Ludwig von IIolstciii-Guttnrp mit den Dragoner- 
Regimentern Holstein und Finckensteiu und den Escadrnus von 
Baczko, von Beust und von Stentzsrh des IIusaren-Rog^monts von 
Ruescli, somc 2 Fscailioii^ des Tlusareu-Ref^imeuts von Malachowski 
unter Major von lieust des Reginu'uts von Ruesch dorthin outsendete. 
»Diese 15 Escadrous wirkten nicht nur durch ihre Zahl, denn sie 
waren trotz der ('aiiipague des Jahi'es 1757 uud der weiten Märsche 
von i'reufseu her ellectiv noch immer 1800 Pferde stark; sondern 
nameutUch audi dtneli die grofse Reputation einer preufsischen 
Kavallerie, theils aul' tlen I'eind, theils auf einen löblichen Wetteifer 
bei den Allüileu«, sagt ein bemfener zeitgenössiseh( r Gewährsmann. 
Der König selbst hegte grofse Erwartungen von ihren Leistungen. 
Er hatte darüber dem Herzog von Braunschweig im Januar geschrieben: 
>Le pr. de Hokteiu vous mene 10 Escadions de Dragons et 5 de 
liussards, mais ccs geus en valent 30 de rennemi. Le pr. de Holstein 
est un excellent general de Cavallerie au quel vous pouves couiier 
tout cc que vous ne pouves pas cxecutcr vous-meme.« 

Am 27. Januar aus der Gegeiul von Stralsund alnnai c hiert, 
gingen diese 15 Escadrous, nicht ohne grosse Beschwerlichkeit wegen 
des Eisiranijes, am 13. Februar 1758 in 2 Kolonnen bei Boytzenburg 
und Lauenburg über die Elbe und inickten dann vom 14. bis 
IG. durch die Cantonuemcnts der Armee der Verbündeten über 
Bardowieck bei Lüneburg nach EI>sdorf, nördlich Uelzen, um dort 
au der Tete der linken Plügelkolonne deren Vortrupp zu bilden. 

Die .\rmee der Verbündeten hatte zu Anfang Februar nach 
dem Etat die uachsteheude Stärke erreicht: 



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286 



Di« pwnlhiwJien EDMiaa bei der Amwe der JaMaAiAn 



27 Bat. 34E6cad. Ilannovenmer 24800 Mann Inftr. 6107 Pferde 

13 » 12 » Hessen 9900 » » 2100 > 

8 » — » Bniuiischweiger 6639 * » — » 

1 » — » Bückeburg 1067 > » — > 

1 » — » Sachsen-Gtotha 798 » » — » 

- — » 15 » l'reufson — » » 2560 » 



50 Bat 61 Escad. Summa 43204 Maimluftr. 10767MannKavaU. 

Zusammen 53971 Maun; dazu: 

leichte Truppen 1774 > 

Artillerie 1453 » 

Im Ganzen 57198 Mann mit 127 Geschützen. 
Der Vci-pflegungsetat der 15 prcuisisdien Escadrons belief sich 
auf monatlich 11388 Thlr. 9 Sgr. 6 Tf. 

Nach Angabe de.s Herzogs von Braunsdivveig betrug die 
Starke der Armee am 9. Februar aber nur etwa 30000 Mann. 

Ihr gegenüber stand die französische Armee, seit dem 14, F'e- 
bruar unter Kommando des Grafen von Clemiont, etwa 63000 Manii 
und 17000 Pferde mit 278 Geschützen, ganz zerstreut von Ost- 
friesland, durch das Breniensehc, lilugs der Aller und Ocker, an 
der oberen Weser im Hessischen, sowie in zweiter Linie bei 
Osnabrück, Münster, in Westphalen und den Kheingegeudcn. So- 
bald es die Retablierung der Armee nur irgend gestattete, eröffnete 
Herzog Ferdinand den Feldzng, indem er am 15. und 10. Februar 
bei Lüneburg und Uelzen 40 Bataillone und 56 Escadrons (etwa 
20000 Mann Infanterie und OÜOO Pferde) zusammenzug, aui 17. dies 
Heer bei Amelinghausen, 2 Meilen südlich von Lüneburg, vollends 
versammelte und damit am 18. nach iSclnieeveidingcii, am l'J. nach 
Neucnkirclien , am 20. nach Visselhoeveele marschierte. Die linke 
Flanke der Armee in der Richtung auf Celle deckte der Herzog 
von Holstein mit 4 Bataillonen und der preufsischen Kavallerie. 
Am 21. wurde das von den Franzosen verlassene Verden besetzt. 
Der Henog wollte nun die Aller Überschreiten; eine plötzliche 
Ueberscbwemmnng derselben, bis 5 Meilen oberhalb j madite dies 
jedoch bei Verden selbst unaosfOhrbar, so dab der Herzog am 22. 
mit der Armee 4 MeQen stromauf wBrta nadi Hiidemuhien mazsdiieieii 
musste, wo die Aller, in mehrere Arme geteflt, 8oiilo6 AUen 
gegenflber einen leichteren üebergaug gewährte. 

Der Migor yoa Beusi hatte an diesem Tage mit den 5 Escadrons 
prenbisdier Husaren die Ayantgarde und passierte, nadidem gegen 
4 Uhr Kachmittags mit unendlicher Muhe der Brüdranschlag ge- 
lungen war, den Flufs. Jenseits desfelben angelangt erüuhr er, 



Digiiizc 



r 



Friedrioh des Groleea iu den Jahren 1758—1760. S87 

dafs das 10 Escadrons starke franBösische Husaren-Regiment Polle- 
recki in Stocken-Drebber an der licine, 1 Vj Stunde südlich von 
Ahlen, im Quartier Hege, und fafete sofort den EutschlufSf dasfelbe 
«ufinibeVen. Zn diesem Zwecke setzte er sich noch am Abend des 
22. in Mandl. Als er bis auf 2000 Schritt an Stocken-Drebber 
herangekommen war, ohne feindliche Posten oder Patrouillen anzu- 
treffen, theüte er seine Leute in 2 Abteilungen und brach mit 
diesen ym zwei entgegengesetzten Seiten gleichzeitig in das Dorf 
ein. Auf diese Art gelang es, das feindlidie Regiment völlig zu 
überfallen und theik niederzuhauen, theUs gefimgan zu nehmen; 
nur einige wenige Leute entkamen unter dem Scbutze der Nacht 
zu FuJse. Der Brigadier Pollerecki, 2 Offiziere' und 150 Hu- 
saren wurden gefangen genommen, 1 Paar silberne Paucken, 
8 Standarten, 800 Pferde, die gesammte Bagage des Regiments 
nebst 15000 ThLr. in baarem Gelde erbeutet» Der eigene Verlust 
bestand nur in 4 Verwund^en. Am 23. setitten die Husaren ihren 
Marsch nach Hoya fort, das an demselben Tage durdi 
Corps unter dem Erbprinzen von Braunschweig mit Sturm genommen 
wurde. Am 24. hatten sie Ruhe und wurden am 25. nach Hemsen, 
Sonnenbostel und Steimke in der Riditung auf Nienburg vorgeschickt. 
Die Besetzung von Verden und Hoya hatte eine Trennung der 
franzfisischen Armee bewirkt; der zerstreute Stand der firanzösischen 
Truppen lieis nirgends einen kraftigen Widerstand zu, und deshalb 
bescUofs deren Oberfeldherr, General Graf Glermont, sie rfickwarts 
zu koncentrieren. Er marschierte am 26. Februar nach Hannover, 
am l. M&rz nadi Minden, am 3. Marz nach Hastenbeck sfidostUch 
von Hameln, wo er eine feste Stellung bezog. Die in Ost&iesland 
und im Bremenschen. stekenden firanzösischen Corps gingen gleich- 
zeitig nach Osnabrück zurück. Herzog Ferdinand hatte am 24. und 
25. bei Riedhagan und Hudemuhlen den üebergang über die Aller 
bewerkstelligt und operierte nun an der Weser aufwärts. Am 27. 
schilt er den Herzog von Holstein mit einem Corps, bei welchem 
sich auch die preußischen Husaren befanden, nach Drackenburg, 
nördlidi Nienburg, zur Dnterstüfanng des Erbprinzen von Braun- 
schweig, der nun diese Festung sofort benumte und schon am 28. 
zur Kapitulation zwang. Am 1. M&rz erhielt der Herzog von Holstein 
den Bdehl, mit den 15 preulsischen Escadrons nadi Sachsenhagen 
zu marschieren; am 8. sollte er mit der Avantgarde gegen Hameln 
vorgehen. Dab^ kam es zu heftigen Seharmützeln zwischen der 
prenfsischen Kavalleiie und den feindlichen Vortmppen bei Lauenau 



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288 IMe praoftuchan Hnsaran M dtr Annee der VerMndetaii 

und Hülsede. Die Avantgarde lagerte dann bei Bodenberg, 3 Meilen 
nördlidi tod Hameln. 

Am .4. erschien der Erbprinz von Braunschweig vor Minden 
und berannte den Platz. Da der Kommandant die üebergabe ver- 
weifjerto, rückte Herzog Ferdinand am 7. zur Deckung der Be- 
lagerung heran, die am 8. eröffnet wurde. Der Herzog von Holstein 
hatte mit 1 Bataillonen, 15 prcufsischen und 4 fremden Escadrons 
bei I/ülilKckc auf dem linken Weserufer, 2 7i Meile westlich von 
Minden, den rechten Hügel des Belagerungscorps zu decken; er 
sollte ein Detachcment Husaren auf dem rechten "Weserufer gegen 
Rinteln, Oldendorff und Visbeck patrouilliere» lassen, mit dem Reste 
aber und den Dragonern in der BaUej Rahden, nördlich Ton Lüb- 
becke, kantonnieren. 

Am 10. März standen die 3 Escadrons von Ruesch - Husaren 
in llolzhausen bei Hausberge, südlich Minden; am 12. wurden die 
15 preufsischen Escadrons in der Reserve vereinigt. Graf Clermont 
hatte nichts zur Rettang von Minden gethan; die Kapitulation dieser 
Stadt am 14. aber war fili die französische Armee das Signal 
zn allgemeiner Hucht. Sie räumte Hameln und alle noch übrigen 
festen Plätze nn der Weser; auch Osnabrück und Münster einer-, 
Hessen andererseits wurden eiligst verlassen. 

Graf Clermont ging nach Paderboni zurück; aber auch dort 
fühlte er sich noch nicht sicher, sondern marschierte unaufhaltsam 
weiter auf Düsseldorf. 

Die Armee der Verbtindeten folgte unabHissig dem fliehendeu 
Feinde, ohne ihn doch jemals erreichen zu können. 

Schon am 1.'. war der Heimzog von Holstein mit 6 Rutiiilonen, 
19 Escadrons, darunti-r die 15 preufsischen, und einigen Geschützen 
von Lübbecke gegen Osnabrück bis Witlage und Essen entsendet 
worden. Er wandte sich dann südUch über Melle auf Bielefeld 
und besetzte am 22. Rheda, während seine Husaren, die den 
Franzosen beständig auf den Fersen lagen mid bei allen Schar- 
mützeln beträchtliche Vortheile über sie gewannen, bereits Langen- 
berg vor Wiedenbrück und Rietberg, 3 Meilen nördlich von Lipp- 
stadt, erreichten. Am 26. räumte Graf Clermont, mit Zurücklassung 
▼on 10 metallenen 24 pfundigen Positions-Eanonen, Lippstadt und 
lieb aUe Uebergänge Über die Lippe zentören. Der anmittellMur 
darauf eintreffBude Migor Ton Beört setiEle mit einer AMüidlimg 
preufsischer Husaren und Dragoner durdi den Hufs und erbeutete 
die 10 Kanonen nebst dem dazu gehörigen Artfllerietrain lud eine 
Menge Bagage. Am 28. Man ereilte der Major Ton Beust mit der Anmtr 



uiyiii.ie<j by d'^ ' ' 



Friedlieh dM Giolk« in dm Jdina 1768—1760. 



289 



garde des Herxogs von Holsteiii in der Yontodt too Soest die Queue 
der aus 8 Bataillonen und 10 Eacadrons bestellenden Arriere-Garde des 
firaniösiächen Broglieschen Corps nnd warf sie sarttck. Er berichtet 
fiber die Ereignisse dieses Tages an den Hersog von Holstein: 
»Durchlauchtigster Herzog, 
Gnädiger Fürst und Herr! 
«Euer hochfürstlichen Durchlaucht melde ganz unterthäiiigst, 
dass heute nach Soest vorgerücket, das Corps des Duc de BrogÜo 
hat die Nacht hier gestanden, und Er selbst ist um 10 Uhr auf- 
gebrochen. Die Arrier-Garde von 10 Bataillons 1 Dragoner-Regiment 
und dem Kayserl. Seoenischen Husaren-Hegiment machte die Arrier» 
Gfarde; als ich ankam, so bekam Nachricht, dafs ein Theil des 
Secenischon Husaren-Regiments in der Stadt wäre, der Best stunde 
hinter der Stadt und die Dragoner desgleichen, da sie nun wirklich 
schon im Dorchiiehen durch die Stadt waren, einige auch noch 
Fourage empfingen, so rnnüste nun die ei-sten Troups Husaren nehmen 
und die Stadt forciren, sie waren aufm Markt und den Gassen 
theils Aufmarschieret, die Enge Wege und Defile^ hinderten, dafs 
man sie nicht anders als zu Zwei en front angreifen Konte, dieses 
Verursachte dafs das gantze Feuer im Anfang aus der einen strafse 
und vom Markt aushalten mufste, wobei gleich 1 Husar von Meiner 
Esquadron und einer von Malachowski blieb, inigl. 3 Mann Ijlessiii, 
worunter einer gefahrlich und zwei leicht, imgl. 4 Pferde blessirt, 
nachdem aber dieses überstanden so liefen Sie davon und ich ver- 
folgte sie bifs jenseits der Stadt durchs defilee, wo das Secenische 
Husaren -Regiment imd 1 Dragoner- Ixciriment fonniret stand; ich 
mufste also die Leute aufhalten und durftte sie nicht durchs deiilee 
lassen, weil da die Diagoner und die andern Husaren Esquadnms 
Kein terrain finden Konten aufzumarschieren und zu agiren. Ich 
Hefs gleich 100 Dragoner absitzen, und besetzte einige Gartens, 
dafs ich en faveur denen die Husaren so nachgesetzt hatten wieder 
an mi( h /.ielu n Konte. Der Feind machte zwar Bewegung als wenn 
er die Stadt wieder forciren wollte, in Specie die Husaren setzten 
unterschiedene Mahl an, allein da« terrain hinderte ihnen eben 
auch dafs Sie mit ihrer Force nicht agiren Konten, Ihre Infanterie 
aus 10 Bataillons bestehend, stund ein Viertelweges hinter einem 
Dorfe und einer Anhöhe und schaute von Weitem zu, reterirte 
Sich aber inimer nach und nach, die Cavallerie that ein gleiches, 
und die Husaren amiisirten Sich noch eine stunde mit einander. 
Darauf ging sie fort, und Wir begleiteten Sie noch mit einigen 
Zügen eine halbe Meüe. Dafs Gottlose terrain und defilees ist eiu 



290 



JÜB pnaAdwlMs Hmnii hA der AfmM der Ycililfaid^ai 



Glttdc vor den Feind und vor uns oben auch gewesen, der Feind 
war stark und die Arrier- Garde und das Corps hiervon hing alles 
aneinander imd wenn Sr. Hochfürstl. Durchl. die Stadt Soest sehen 
werden, so werden Sr. Hochfürstl. Durchl. erschrecken 8 bis 900 
Pferde d:irinn(>n m agiren, ich dankte Gott dafii mich aus der 
affidre sieheit Konto, ich liatte mir es nicht so TOrgestellt, wie es 
hemach gefunden, 1 ( "ornet von den Husaren, 4 Corpl^ 1 Trompeter, 
1 Fahnenschmidt und 32 Husaren sind ku Gefangenen gemacht 
TOm Secenischen Regiment was vor diesem Vestetitsch war, 1 Dra- 
goner und 13 Musquetier desgleichen Pferde Kann die Zahl nicht 
wi'^^fn. weil die meisten Pferde in der Stadt versteckt und Verkaufft 
schon heimlich worden, wie es immer zn gehen pflegt, doch gebe 
mir alle Mühe sie herauss zu bekommen, und habe dem Magistrat 
schaif aufgegeben liierinnen zu assistiren. Es sind im Hospital 
über 400 Kranke befindlich in Magazin an Roggen, Haber und 
Gerste über 100,000 Rationes, über 1000 RaHones Heu, und ein 
grofser Voirath an Stroh, sie wann im Begiili' Fonrage noch zu 
nehmen und sie waren Viele aufm Magazin, es sind auch noch 
Vi»'lf> (Jcfangene in der Stadt \''crsteckt, ich lasse aber die Thore 
sperren und genau visitiren, ich lia])e mich wieder hinter die Stadt 
gleich aufs Feld postiret nnd werde die Nacht da stehen bleiben, 
weil in der weitläufstigen Stadt und wegen elenden Weg und 
Strafsen mir nicht getraue die Leute darin zu verlegen, weil der 
Feind nahe stehet, das llauptquarliei- des Duc de Bro^ilio soll heute 
in Unna seyn und in Weile soll die Arrier - Garde bleiben, das 
Corps soll sei neu Weg gegen Düsseldorf nehmen, wie sie sich hier 
verlauten lassen. 

Ich erwarte Kw. Hochfürstl. Durcld. ordre, wo icli mich morgen 
hinwenden s<tll, wenn das Corps nicht nachrückt niorgen, so werde 
mich nicht weiter voi-wäi'ts machen können, sondern icli werde sie 
nur von weiten observiren uikI x lien ob nicht bey Gelej;enheit was 
ihnen an/uhabcn ist, wenigstens aber würde sehr gut sein wenn 
Ew. Hoihnirstl. Durchl. die Gnade hätten und die Sta<lt allhier mit 
Infanterie besetzten, Ich repondire davor, dafs sie nichts risquircn 
soll, das terrain ist tiarniclit vor Cavallerie nnd man risquiret 
würklich zu viel mit Pferden, ich ei-sterbe in tiefster Ehrfurcht 

Ew. IIoclirüi>.tl. Durchl. 

ganz unterthünigster Knecht 

Soest den 28. Merz 1758. (g<^z-) v. Beust. 

Erst am Rhein, der von ihm zwischen dem 2. und T». April 
bei W^etiel, Düsseldort und Cöln übei*sclnitten wurde, endete die 



Digitize 



Friedrich des Grofsen in den Jahren 1758—1760. 



291 



Verfol^ng des fliehenden Feindes, der in 16 Tagen über 30 Meilen 
BnrQckge wichen war, nnd welcher, obgleich er sich bei seiner 
RSckwürts-Eonoentrierung täglich Tertürkte, wShrend die Armee der 
Yerhfindeten dnrch nothwendige Entsendungen sich schwächen mufete, 
dabei an 15,000 Qe&ngene, Bagage, Artillerie, Magasine nnd Gdd 
in nnglanbiichen Mengen yetlor. 

0ie prenfeisdien Husaren hatten sich dem Feinde so fnichtbar 
gemacht, dafe ihr Name schon etnoi pamadien Schrecken ver- 
breitete, so nachhaltig, dass selbst 49 Jahre spftter, im Jahre 1807, 
die Todtenköpfe Ton den Franzosen nodi gefilnhtet waren. Die 
fransQsische Armee beiog nnn Quartiere hinter dem Rhein, von der 
hoUindischen Grenze bis zum Main, nur ein kleiner TeU unter dem 
Printen Soubise behielt Frankfurt und Hanau besetzt 

Henog Ferdinand, zum Uebergange Qber den Rhein nicht yor- 
bereitet, begütigte sich, in 6 Wochen alle LBnder der Verbfindeten vom 
Feinde geslubert zu haben, und gönnte nun seinen Truppen einige 
wohlverdiente Ruhe, indem er bei Mfinster Eantonnierungen bezog 
und so die Armee in den westphSÜsdien Bistümern auf Kosten 
des Feindes unterhalten konnte. Dort blieb er bis finde Blai stehen; 
nur der Herzog von Holstein war mit seinem Corps den Franzosen 
bis Lünen, zwischen Hamm nnd Dortmund, gefolgt nnd hatte seine 
Yortmppen bis zum Rhein poussiert. Am 3. und 9. April schannu- 
zierten diese bei Wesel; gjteich nach Mitte April besetzten ae Mfil- 
heim, Duisburg, Rees und Emmerich. Am 25. April wurden die 
3 Esoadrons Husaren von Ruesch in das Lager bei Dülmen, sud- 
westUdi von Münster, am 27. Mai ganz in die Reserve zurück 
genommen. Die Zeit der Wa£fenrahe benutzte Herwg Ferdinand 
eifng zur Verstärkung und Neuordnung seiner Armee, welche, 
nicht dnrch den Feind, sondern durch Krankheiten, bis auf 25,000 
Mann geschmolzen war. Anfser anderen Verstärkungen wurde auch 
auf eine Vennehnmg der preulsischen Husaren Bedacht genommen, 
deren Nutzen bi i der Armee sich so hervorragend bewährt hatte. 
Schon am 28. April bat der Herzog von Holstein yon Dälmen ans 
den König von Preufsen um die Erlauhnis, die 5 Escadrons auf 
ein volles Regiment von 10 Escadrons a 3 Offiziere, 10 Unter> 
Offiziere, 1 Trompeter und 108 Husaren, also 119 Mann, ergSazen 
zu dürfen. Er schrieb damals: »Der Nutzen der Husaren ist 
gegen den Feind, mit welchem wir allhier zu thun haben, besonders 
grofs«. Der König ^»tattete jedoch nur, die 5 Escadrons zusammen 
um 400 Pferde zn verstärken, welche später, bei Wiedervereinigung 
dieser Escsdrons mit ihren Regimentern, untergesteckt werden 



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292 



Ob pteafaifflbeii Haiaveit bei der Armee der Veribflndeten 



sollten. Dementsprechend wurde Lippstadt als Wcrbcplatz be- 
zeichnet, und dort waren am 21. Mai schon 100 Kokniton eingekleidet 
und beritten gemacht. Leider felilon weitere Anj^aben über die 
speziellere Ausnihrun}^ dieser Verstilt kuiip;; doch ergiebt sich aus 
mehrfachen Stärkeangalicn der 5 Kscadrons, dass dieselben in den 
nächsten Jahren immer mehr oder minder zahbeiehe Mannschat'ten 
tiber den Etat hatten. Beispielsweise weist ein Rapport vom 23. 
Juni die 15 preufsisehen Kscadrons in Stärke von 81 Offizieren, 
145 Unteroffizieren und 1942 Gemeinen nach, was auf die Kscadron 
also schon 129 Mann ergeben würde, wälii'end thatsüclilich die extra- 
ordinaire Ergänzung nur den 5 Husaren-Escadrons anzurechnen ist. 
Die kriegsgemafse Ausrüstung der Armee der Verbündeten war eben be- 
endet, die Iranzösisclie aber liatte sich noch keineswegs wieder ganz von 
ihrem fluchtähnlichen Rückzüge erholt, als Herzog Ferdinand, in Aus- 
führung eines aufserordentlieh kühnen Entsddusses, die Operationen 
wieder begann. Er wollte nämlich, Angesichts der numerisch sehr 
überlegenen feindlichen Armee, den Rhein überschreiten, den Gegner 
zwischen Rhein und Maas womöglich zur Schlacht zwingen und 
durch einen Sieg das Kriegstheater auf französischen Boden ver- 
legen. Demgemäfs liefs er, zur Beobachtung des Soubiseschen 
Coqia bei Franklint a/M., und um gegen etwaige Unternehmungen 
desfelben < inii;* nuarscn gesichert zu sein, den Prinzen von Ysen- 
buig mit einer klenicii Abteilung nach Marburg im Hessischen vor- 
rücken. Das Gros der Armee wurde am 2"). Mai bei Nottelu, 
zwisdun Münster und Coesfeld, versammelt; am 2u. ging die 
Avantgarde, zu welcher die preufsische Kavallerie gehörte, unter 
dem Erbprinzen von Braunschweig nach Coesield un<l am 30. be- 
setzte sie Emmerich, wo der Rhein, dicht an der holländischen 
Qrenze, überschritten werden sollte, während stärkere Abteilungen 
zur Deckung gegen das noch von den Franzosen besetzte Wesel 
standen. 

Der IMlckensdil&g war unterhalb Emmerich, bei Lobith, 
gegenüber Schenkenachaiize, vorbereitet worden. Auch die hollän- 
difwlie GreoM wurde hierbei nicht angstlich gerücksichtigt; doch 
durfte man dies bei der bekannten antifranzösisclien Gesinnung der 
Generalstaaten wagen. 

Am Sl. setete sich die Avantgarde gegen Lobith in Marsch; 
aus Mangel an Kühnen kam aber die Brücke an diesem Tage nodi 
nidit KU Stande, so dafs man bei Nieder-Elten stehen bleiben mulste. 
WIhrend nun in der nächsten Nacht, vom 1. zum 2. Juni, die 
Bräche geschlagen wurde, setzte der Erbprinz von Biaunsdiweig« 



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Friedrich des Grolfien in deo Jahren 1758—1760. 



293 



zur Sicherung df^r Arbeit, mit 2 Bataillonen und 4 Kanonen Abends 
11 Uhr auf Kähnen über den Strom. Urnen folgten in gleicher 
Weise unmittelbar, unter Küuimando des Major von Beust^ 300 Frei- 
willige von den preufsischen Husaren und Dragonern, welche sich 
sofort in verschiedene Trupps theilten und gegen die französischen 
Posten nnd Quartiere wandten. Eine feindliche Patrouille von 
5 Mann vrurde ohne Schufs aufgehoben, ein Posten von 50 Mann 
Infanterie von den schwarzen Husaren theils niedergehauen, theils 
gefangen genommen, ein in Biseuburg stehendes Konunando von 
15<^ Utam Infaiitene von denselben überfolleiL und mit Verlust 
aainer Bagage aus dem Dorfe gejagt; endlieh wurde dnrdi die 
gesammten 300 FVeiwüligen das in Dyffelsward liegende firarnsönsche 
KaTaUerie-Regiment Bellefonde daseübet noch bei seinem Abmancbe 
nach dem Sammelplafse überrascht nnd mit Verlust von 30 Todten 
und ebenso viel (befangenen, sowie seiner Panken und seiner 
Standarte in die Flucht geschlagen und zerstreut. Die Standarte 
behielten, mit Genehmigung des Herzogs von Braunschweigt die 
Husaren von Ruesch; die Pauken bekam das Dragoner-Regiment 
von Finckenstein; der Reitknecht des Rittmeister von Bacsko von 
Rueseb-Husaren, welcher persönlich Pauken nnd Paukenpferd erbeutet 
hatte, erhielt zur Belohnung 75 Ftiedrichsdor. Die zersprengten 
franzfisischen Vorposten flohen in Verwirrung nadi Cleve, wohin der 
Erbprinz von Braunschweig mit der inzwischen seit 7 IJhr Morgens 
voUst&ndig liberg^angenen Avantgarde folgte. Der Feind ging in 
der Nacht vom 2. zum 3. nach Galcar zurück; die Avantgarde, 
dabei die prenlsische Kavallerie, besetzte Cleve, wahrend nach 
glUcUich vollendetem Brückensdilage das Gros der Armee bis 
zum Abend des 8. Juni den Rhemübergang vollendete- und sich 
bei Djrffelsward sammelte. Die Schiffbrücke wurde dann abgebrochen 
und weiter oberhalb bei Rees wieder gesdilagen. Die Avantgarde 
ging am 3. noch bis Qoch, die Husaren bis Weeze, zwischen Goch 
und Kevelaer, vor, und nachdem die Armee dorthin nachgerückt 
war, streiften die Hosaren der Avantgarde über Kervenheim bis 
Wesel und bis Geldern, überall dem weichenden Feinde Gefangene, 
Pferde, deren 85 zurückgeschickt wurden, und Bagage abnehmend 
und mehrere seiner kleinen Magjudne zerstörend. Aus dem Lager 
bei Weeze schrieb Major von Beust am 3. Juni an den König: 
»Allerdurchlauchtigster, grossmSchtigster König, 
Allergnadigster König und Herr! 
Als ich mit 3 Escadrons vom Rueschen Regiment, ingleichen 
mit 2 Escadrons vom Malachowskischen Regiment die Surprise 




294 I^ic preubischen Hasaren bei der Armee der VerbÜDdeteD 

wider das feindliche, framSnsdie Poleretzkische Hmaien-B^giiiieiit 
untetnalim, und dabei ein Paar Paneken und 8 Estandarten «roijerte, 
woTon Euer Königliche Majestät die Paacken und 4 Estandarten 
an das Malachowddsche Regiment aUergnadigst aooordirt, da nun 
noch 4 Estandarten übrig sind, welche die Husaron Rnesdien Be- 
giments dabei eibeutet, so nnterwinde mich, Euer KSnif^idie 
MajeslSt allenmterthanigst zu Intten, dafe 4 Estandarten, welche 
die Husaren Rueschen Regiments auch erobert, solche dem Regiment 
▼on Rueach gnädigst xn aooordiren und zu erlauben, dab es solche 
fuhren möge. Und da gestern beim Uebeigange des Rheinstromes 
die Husaren Rueschen Regiments ein Paar Paucken und 1 Estandarte 
▼on der Französischen Gavallerie erbeutet, so will auch um diese 
Estandarte Euer Königliche Majestät allenintcrthSnigst anflehen, 
diese Estandarte gleichfalls dem Ton Ruescheu Regiment zu accordiren, 
welche Gnade das Regiment mit allernnterthinigstem Danke und 
Eifer vor Euer Königlidien Majestät Dienst erkennen wird, ich aber 
in tiefster Ehrfurcht ersterbe als Euer Königlichen MajestSt allei^> 
unterthänigster, treugehorsamster Knecht. 

(gez.) V. fieustc 
Der König genehmigte nicht nur diese Bitte, sondern gestattete, 
wie hier vorweg bemerkt sei, nuch später, noch zwä andere, eben 
so erbeutete Standarten gleichfalls zu führen. 

Graf Clermont hatte alle verfügbaren Truppen, etwa 32000 Mann 
Infanterie und'^lOOOO Mann Kavallerie, bei liheinberg und Kloster 
Camp versammdt und schien dort dem Vordringen der Verbündeten 
ein Ziel setzen zu wollen. Herzog Ferdinand verfugte nur über 
etwa 22000 Mann Infanterie und 8000 Mann Kayallerie, beschlola 
aber gleichwolü den Angriff. Er marschierte am 10. Juni nach 
Sonsbeck, während der Herzog von Holstein mit G Bataillonen und 
den 15 preufsischen Escadrons seinen rechten Flügel bei Issum 
und Steegen deckte. Eine grofse Rekognosciening am 11. ergab, 
dafs die ganze französische Armee bei Rheinberg lagerte. Während 
nun die Armee der Verbündeten noch in der Nacht vom 11, zum 12. Juni 
weiter vorrückte und am 12. Morgens d(*n Angriff begann, wurde 
der lleiv.og v«^n ITol'^tcin «xegen Kloster Camp entsondot. Das den 
ganzcji Tag hiiulurcli hartnäckig geführte Gefecht hatte, nufsci- der 
^V('gllahlllo des Postens von rnnip dnrcli die Verbündeten, zu einer 
endgültigen Entscheidung nielit geführt. Gleichwohl hielt Graf 
Clennnnt es für gerathen, in der Nacht den Rückzug nach Moers 
anzutreten, den er am 14. und 1.', über Crefeld bis Neu.ss fortsetzte, 
alle seine Magazine zwischen Rhein und Maas bis Rheinberg und 



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Friedrich des Grofsen in dcit Jahren 1758—1760. 295 

Geldern den Verbimdeten überlassend. Henog Ferdinand hielt es rai- 
nächst nicht flOr sweckmlliaigf mit seinen an Zahl dem Feinde nicht 
gewachsenen EiÜten seine Operationen anf dem linken Bheinufer 
weiter ausssudehnen. Er folgte daher mit der Annee nnr bis Benrdti 
in der lütte swischen Qeldem, Moers nnd Kempen, blieb dort Tom 
14. bis 19. stehen nnd beschlobt sich erst durch die Eroberung 
▼on Wesel som Herrn beider Bheinnfer zu machen. Unterdessen 
sollte einerseits der Erbprinz Ton Braonsohweig nach Roennonde 
vorgehen und den Feind durch einen Vorstob auf Jülich im 
Bücken bennruhigen, andererseits der Herzog von Holstein, der am 
18. Juni mit 3 Bataillonen und 12 preufsischen Escadrons, darunter 
die 3 Escadrons Husaren Ton Ruesch, nach Kempen entsendet wurde, 
den Feind über Crefeld beobachten. Der Feind hatte eine stSrkere 
Abtheflung nÜrdUch von Crefeld stdien lassen; zur Rekognosderung 
desselben ritt Herzog Ferdinand am 15. selbst gegen Tdoisberg, 
swischen Kempen und Moers, yor, gegen welches Dorf der Feind 
eben einen Angiüf zu beabslGhtigen schien* Hierbei kam es zu 
einem Ueinen Scharmützel, über welches beriditet wird: »Der 
Herzog befahl 30 Todtenkopfen, die er eben bei sich hatte, zu 
diesem Ende durch die Tiefong zu gehen; diese, anstatt an den 
Feind sich zu schleichen, fielen mit einer unzeitagen BraTonr auf 
die feindlichen Husaren. Die Turpins gingen ihnen mit dem I^Uiel 
in der Faust entgegen und jagten sie mit großem Ungestüm und 
so lebhaft zurück, dass der Herzog den ganzen Trupp, der sich in 
ein Dorf warf, abgeschnitten zu sein glaubte, als sie mit Verlust 
eines Mannes am andern Ende wieder erschienen. Der Major von 
Beust stiefs nun mit 50 andern Husaren zu ihnen, und der so ver^ 
stärkte Haufe, welchen die Scham der Flucht und die Gegenwart 
der gegenseitigen Genorale anfeuei'te, fiel auf die feindlichen Husaren 
mit solcher Wuth, dafs diese in vollen Sprüngen sich hinter die 
Cavallerie warfen, welche indels als zum Soutien vorgerficket war. 
Die Husaren machten einige wenige (Jofangene.« 

Graf Clemiont hatte sich en llich zu dem Entschlüsse aufgerafft, 
ans der Defensive, in der er bisher nur Nachteile erlitten hatte, 
zur Offensive übcr/.u gehen. Er war zu diesem Zwecke am 18. Juni 
▼on Neuss nach Osterath, am 10. in der Richtung auf Crefeld 
weiter mnrschirt. Herzog Ferdinand, froh, den Gegner endlich zur 
Entscheidungsschlacht sich stellen zu sehen, zog eiligst den Erb- 
prinzen von Braunschweig wieder an sich nnd 35 Batailh>ne und 
55 Escadrons zusammen, ging mit diesen dem Feinde ontg«'geii 
und lagerte am 20. dicht vor demselben zwischen Kempen und Hüls. 

20* 



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29G prculai&cheD Hosoreu bei der Armee der Yerbüudeten 

Graf denuont batte den Math snr OffensiTe schon wieder verloren 
nnd verblieb in seiner überaus festen, dnrch die sogenannte Land- 
wehr, einen hohen nnd breiten, sn beiden Seiten von tiefen Gr&ben 
eingeschlossenen Wall gedeclcten Stellung, fest fibeneogt, dafo der 
Feind ihn hier nur in der IVont angreifen, also, in Anbetracht des 
äniaerst starken Hindernisses, ihm unbedingt nichts anhaben könne. 
Herzog Ferdinand aber, obgleich nur 33000 gegen 47000 Mann stark, 
zögerte nun seinersdts nicht linger. In der Nacht Tom 22. zum 
23. ging die Armee in 3 Kolonnen vor. Die 3 Escadrons Husaren 
von Ruesch marschierten mit der linken Flügelkolonne (16 Bataillone 
nnd 20 Escadrons) unter Genend-Lieutenant von Spoerken direkt 
auf Crefeld; General von Oberg mit einer schwadien Abteilung 
sollte den Feind in der Front beschäftigen; die Hauptkoloone f&hrte 
Herzog Ferdinand inzwischen, von St. Tönis weit rechts ausbiegend, 
trotz kaum übersteiglicher Wegehindemisse, aber vom unnachtsamen 
Feinde völlig unbelastigt, durch einen üebergang über die Land- 
wehr hindurch und dann in des G^ers linke Flanke, üm 1 ühr 
Mittags des 23. erreichte diese Kolonne die Ebene von Anrath, ent- 
wickelte sich sofort und begann ungesSumt den Angriff. 

Die Franzosen, vom Terrain noch immer begünstigt, fochten 
nicht ohne Ausdauer. Die völlige Umgehung ihrer Flanke aber, 
verbunden mit den dadurch erleichterten Frontal-Angriffen, nötigte 
sie endlich dennoch zum Aufgeben ihrer Stellung, sie traten in der 
Nacht den Rückzug an. Die 3 Escadrons Husaren vcm Ruesdk 
hatten in dieser Schlacht zwar niclit Gelegenheit zu einem so schönen 
Gefechte gehabt, wie es den preufsisdiMi Dragonern auf dem andern 
Flügel gegen die fraii/.risiHchen Dragoner^R^mente Roussülon und 
Aquitaine und die C'arabini» i s v« rjrönnt gewesen war — Herzog 
Ferdinand erwähnt dieselben aber in seinem Gefechtsberichte lobend 
mit den Worte«: »Les Husards de Rusch avec Beist etaient rest& 
avec Sporcke ä la gauche de Tarm^e, et leur avoieut etä dWe 
grande utilite.c 

Graf Clemiont, obgleich nur teilweise ges( hingen und trotz des 
Verluütes von 4000 Mann, 3 Geschützen und G Falmeu mit seinen nicht 
an) Kampf beteiligt gewesenen Truppen allein noch der ganzen Armee 
<]< r Verbündeten überlegen, zog es dennoch vor, wieder zurückzugehen. 
Die Nacht hindurch marsclüerend, langte er am Morgen des 24. wieder 
in Neuss an, ging am nächsten Tage bis C5ln zurück und legte dann 
am 7. .hl Ii das so ruinnreich geführte Kommando über die fran- 
zösische Armee nii'der. Herzog Ferdinand liefs sfMii»» Arnipo ein 
Lager auf dem mit einem Verluste von etwa 1700 Manu erkämpiten 



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FUedricb des OioAien in den Jahren 175S— 176a 



297 



Boden beziehen, blieb dort bis mm 27. stehen, cnt'.tiHh't aber 
die preufsischcn Husaren so-^U-idi zur Verfolgung auf (h^n Wege 
nach Neuss und ])czog dann bis zum 2. Juli ein Lager dicht südlich 
von Osterath, auf lialbem Wege von Crefeld nach Neuss, wäliK iid 
der Herzog von Holstein mit der preufsischen Kavallerie nach 
Gladbach vorgeschoben wurde und von dort aus bis vor die Thorc von 
Jülich streifte, der Erbprinz von Braunscliweig Roeruionde wegnahm 
und von dort aus ein aus Infanterie und Husaren gemischtes 
Kommando unter Oberst von CoUignon sogar in die österreicliischrn 
Niederlande schickte, welches bis aus der Gegend von Loewcu, 
3 Meilen vor Brüssel, starke Kontributionen eintrieb. 

Inzwischen war Düsseldorf bombardiert worden und kapitulierte 
am 6. Juli. Herzog P'erdinand durfte nun hoffen, wenn es limi 
gelang, auch Wesel zu nehmen, eine feste Operationsbasis zu ge- 
winnen und dann weitere Fortschritte rheinaufwärts zu macheu. 
Um den Feind zunächst aas seiner Stellung bei Göln hinaus zu 
manöTerieren, ging er am 9. mit der Armee nach Grevenbroich, 
wSlur^d der Erbprinz ytm Brannsdiweig Ton Boermonde heran- 
beordert wurde nnd der Herzog yod Holstein von Gladbach bis 
Titz, 1 Vi MeÜen nördlich von Jfilich« Torrflcken musste. Hatto aber 
bisher die thatfaräftige Genialität ihres HeerfÖhrers den Verbündeten, 
trots ihrer numeiiBchen Schwiche, ein unwiderstehliches ITebergewidit 
über die durch erbannlidie Führung demoralisierten Franzosen yer- 
liehen, so trat nun hierin ein Wendepunkt ein, indem die franzosische 
Begierung, ihrer Armee endlich sich schimend, sich aufraffte, mit 
grossen Eifer und Erfolge alles that, um deren finfsere und innere 
SUrke zu heben, und im Ckneral-Lieutenant Marquis de Gontades 
einen befähigten und entschlossenen Führer an ihre Spitze stellte. 

Dazu kam, dass seit dem 10. Juli auch das französische 
Corps unter dem Prinzen Soubise, welches — eigentlich zur Unter- 
stützung der Österreicher nadi Böhmen bestimmt — seit Endo 
VJkn bei Frankfurt a./M. und Hanau gestanden hatte, nun endlich 
wieder in Thfitigkeit trat und, um der Hauptarmee Luft zu schaffen, 
nach Hessen einrückte, wo nur etwa 5000 Mann der Verbündeten 
unter dem Prinzen von Ysenburg bei Marbuiig standen. Vor der 
vierfachen TJeberlegenheit wich dieser zurück, räumte am 23. Juli 
Cassel, lieferte dem Feinde in dessen Nähe noch an demselben Tage 
ein rühmliches Glefecht bei Sandershansen, mufste aber dennoch 
am Abende nach HannÖTerisdhrMfinden und am 24. nach Eämbeck 
zurückweichen. 

Fast gleichzeitig mit dem Prinzen Soubise war General Gontades 



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298 ^ preuliüscheii Uiuareii bei der Armee der YerUtaideten 



am 13. von C<»ln nach Bcdbuig voif/egangcu. IItr/.i>g Ferdinand 
versuchte ilm dort anzugreifen, uiufste sich aber überaeugen, dafs 
keine Aussicht war, den überlegenen Gegnt r in vortheilhafter Stellung 
zu scldagen, und ghig daher am 17. hinter die V.vÜ /uniek nach 
Bedburgdik, nordlich Grevenbroich. General Cuntades folgte dort- 
hin; doch standen die Anneen bis zum 21. untlmtig einander gegen- 
über. Verpflegungsrücksiehten und der Umstand, dafs bei Lüttich 
/.usauiniengetreteue Vi r»tiu kungen des Feindes schon bis Roerniondo 
vorgegangen waren und seine Fhmke bedrohten, veranlafsten den 
IIciÄog I'erdinand, in der Nacht vom 24. zum 25. nach Wassenberg, 
zwischen Jülich und Roermonde, abzumarschieren und Roermonde 
wieder besetzen zu lassen; am 30. bezog er ein Lager bei dieser 
Stadt. Dort erlüelt er nicht nur die Nachricht vom Gefecht von 
Sandershausen, sondern erfuhr auch, dab General GontadoB den 
General Ghevert mit 12 Bataillonen und 4 Escadions bei Gdln fiber 
den Rhein geschickt hatte, um Dfiaseldoif za nehmen und dami 
die nur durch eine schwache Abteünng unt^ General Imhoff 
gedeckte BheinbrQcke bei Rees zu serotSren. Dam kam, dafe General 
Contades, der ndt dem Gros seiner Armee nach Erkelenz Torgerfickt 
war, gleichzeitig Gladbach, ja sogar schon Crefdd besetzen liels. 
Die Erfolge des Soubiseschen Corps in Hessen, die Bedrohung der 
einzigen verfügbaren Rheinbrucke, die Ge&hr, von derselben abge- 
sdmitten zu werden, endlich die feindlidien Streitkräfte bei Liittidi, 
dies Alles zusammen und die Rücksicht auf das unter solchen 
UmstSnden doppelt ungünstige St&rkeyerhiUtnis von nur etwa 82000 
gegen 50000 Mann veranlaiste den Herzog Ferdinand, an den 
Rüdomg über den Rhein zu denken. Auf die Nachricht hin, dafs 
General Ck>Dtades im Begriffe sei, gegen ihn vorzugehen, um ihn 
durch einen Marsch auf Dfllken gänzlich von seiner RückzugsUnie 
abzuschneiden, machte er noch einen Versuch, jenem entgegenzu- 
gehen, ihn auf dem Marsche anzugreifen und so vielleicht zu schlagen. 
Nachdem er am 30. Juli durch die preulsischen Husaren einerseits 
die Gegend von Süchteln und Dülken, sowie andrerseits nach Elmpts 
Rickelrath und Voldrop hatte aufklären lassen, um sich Ge- 
wilsheit zu verschaffen, ob die feindlidie Armee nicht etwa von 
Wassenberg her vorrückt, marschierte er um 9 Uhr Abends am 
1. August nach Waldniel, südlidi von DtÜken, ab, iriShrend der 
Herzog von Holstein mit der preufiaaschen Kavallerie die Ani^re- 
garde bildete. Am 2. wurden die daselbst eingetroffenen Vortmppen 
des Gegners zurückgeworfen und eine StcUung zwischen Waldniel 
und Dülken bezogen. Am 3. sollte der Angriff fortgesetzt werden. 



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Fiiedsidi da» GtoSaoa in den Jahren 1758— 176a 299 

Der Feind wich aber jeder Angnil?>l)eweguug uns, so dafs Herzog 
Ferdiuaiul, um üicht kobtV)ure Zeit zu verlieren, sich entschliefscii 
mufste, ohne weiteren Aufenthalt den Rück/Aig anzutreten. Seine 
Avantgarde nahm nodi an demselben Tage Wachtendonk, das der 
Feind schon besetzt liattc; am 1. überschritt die Armee daselbst die 
Niers und erreichte olnit \ ( rkist die Stellung von iiheiuheig ; der 
Herzog von Holstein mit 3 Bataillonen und der preufsischeu Kavallerie 
blieb auf den Höhen links der Niers, bei Hecringen, bis die Armee 
den Uebergang bcwerkstelUgt hatte, deckte dann weiterhin den 
Rückzug und lagerte bei Kloster Camp. Inzwischen hatte General 
Chevert Wesel erreicht und wollte am 5. den zur Deckung der 
Rbeinbrücke bei Rees aufgestellten General Imhoff augreifen. Dieser 
war ihm bis Mehr entgegengegangen, und trotz dreüadier Uebcr- 
legenheit des Feindes gelaug es der tapfem kleinen Abteilung, 
die Gegner mit blutigen Köpfen nach Wesel zurückzuweisen und 
ihnen sogar 400 Gefangene und U Geschütze abzunehmen; die 
Bheinbrficke war gerettet — Um sie jedoch nicht einer abermaligen 
Geiihrdung ausznaetzen, brach Herzog Ferdinand schon am 6. August 
▼on Bheinberg auf, marschierte nach Xanten, die Arri^garde, der 
Herzog von Holstein mit der ]>reu(8ischen Kavallerie, nach Sonsbeck 
und traf am 8. über Galcar bei Griethausen, zwischen Cleve und 
Emmerich, ein, während die Arrieregarde längs der Kiers über 
Weeze, Godi und Giere dorthin folgte. 

Da die Brücke bei Rees in Folge von Ueberschwemmungen un- 
zugänglich geworden war, so lieb Herzog Ferdinand sie dort ab- 
brechen und zwischen Griethausen und Spyk wieder scUagen. Am 
9. und 10. ging alsdann die Armee ohne Hindernis hinüber, 
nahm am 11* Stellung bei Millingen, liefe hierauf die Brücke zer- 
stören und alle dazu benatsten Falurzeuge Ternichten und marschierte 
über Bocholt, Gehmen und Velen nach Coesfeld, das am 10. 
erreicht wurde. Am 21. vereinigten sich dort fast alle entsendeten 
Abteilungen der Armee der Verbündeten, aulser .der Besatzung von 
Düsseldorf, welche diesen Ort geräumt hatte und nach dem befestigten 
Lippstadt znrüdkgegangen war. Am 21. traf audi das lange ver- 
sprochene englische Hül&oorps, freilich nur in Stärke von 8 — 10,000 
Mann, bei Coesfeld ein, das in Ostfiiesland gelandet und dann über 
Emden heranmarschiert war. Am 22. wurden die schwarzen Husaren 
nadi Dülmen vorgeschoben. 

Herzog Ferdinand, der nun wieder über etwa 38,000 Mann 
Infanterie imd 12,000 Mann Kavallerie verfugte, beschloß, in 
seiner Stellung abzuwarten, ob der General Contades, der am 11. 



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300 pieiifisjBcli«]! HasMten Im! der Armee der Torbttiideten 



bei Düsseldorf den Rliein Ubersihrittcn liatte, dann aber stehen 
geblieben war, Wcstithulrii angreifen werde. Denn trotz der eng- 
lischen IIilfsti*uppen blieb die Armee der Verbündeton an Zahl immer 
noc'li erheblich schwacher, da beide franzt)sischen Heere gh ii iilalls 
bedeutende Verstärkungen erliieltcn. Die Contadessche Armee 
erreiclite durdi Eintreffen eines meist aus dir prcufsischen 
Armee entlaufenen Sachsen gebihUtin Corps, einen Bestand 
von etwa 03,000 Mann Infanterie und 12,000 Mann Kavallerie, die 
Soubisesche Armee durch wüiitembcrgische Truppen die Stärke 
von etwa 21,000 Mann Infanterie und 1000 Mann Kavallerie. 

General Contadcs wollte nun die Verbündeten nach der Weser 
zurückdrängen. Er bezog zu diesem Zwecke am 25. eine Stellung 
bei Recklinghausen; Prinz Soubise sollte indessen über Göttingen 
und Eimbeck einen Yorstofe in das Hannoversche machen oder 
nach Umständen sich der oberen Lippe nahem und sich mit dem 
General Contades Tereinigen. 

Dem inzwifichen zum Marschall emannten Marquis de Contades 
gegenüber nahm Herzog Ferdinand am 29. August eine Stellung 
bei Dülmen. Zur Deckung von lippstadt wurde General von Oberg 
mit 10 Bataillonen und- 10 Escadrons dorthin entsendet, welcher als- 
dann Uber Paderborn nach Cassel weiterging. Prinz Soubise, der 
inzwischen Gdttingen und Eimbeck besetzt hatte und bis Hannover 
streifen liefe, wurde dadurch zu schleuniger Dmkehr veranlalst, 
erbat und erhielt ein bedeutendes Hül&coips vom Bfarscfaall Con* 
tades und schlug nun am 10. October den General von Oberg bei 
Luttembeig, zwischen Cassel und Hannoreiisch-Münden. 

Die beiden Haupt -Armeen hatten sich seit Ende August un- 
thätig gegenübergestanden; nur der Ueine Krieg zwisdien den Vor- 
posten wurde mit Lebhaftigkeit fortgeführt. Ein bedeutenderes 
Gefecht hatte der Herzog yon Holstein zu bestehen, weldier mit 
der preufsischen KaTsllerie bei Cappenberg, 2 Meilen ndrdlieh Ton 
Dortmund, lagerte und dort am 29. September von einer über- 
legenen feindlichen Abteilung angegriffen wurde. Der beab» 
sichtigte Ueberfall wurde yereitelt, und der Herzog ging am 30. 
ohne Verlust etwa 1 Meile weit nach Fuchteln bei Olfen zurück, 
wo er unbehelligt stehen blieb. 

Erst in Folge der Operationen des Prinzen Soubise in Hessen, 
und um sich diesem allmählich zu nahem, bezog Marschall Contades 
am 7. October eine neue Stellung bei Hamm, worauf Herzog Fer- 
dinand ihm gegenüber am 9. nach Münster ging. Der Herzog Ton 
Holstein wurde nach Lüdinghausen verlegt. Nach der Niederlage 



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Frifldrioli dm Groben in den Hhtm 17&8— 1700t. 301 

des General von Oberg bei Luttemberg aber brach H( i zng Ferdinand, 
am 15. October von Münster auf, um die nun drohende Vereini- 
gung der beiden französischen Armeen zu hindern. Die Ayantgaide 
unter dem Herzog von Holstein und dein Erbprinzen von Braun- 
schweig traf am 17. in Lippstadt ein und erreichte mit Tages- 
anbruch des 18. Soest. Dieser Ort war durch eine franzosische 
Abteilung besetzt, welches bestimmt war, die Verbindung zwischen 
der Contades sehen und Soubisescheu •\rmee herzustellen, aber auf 
die Nachiiclit von der Annäherung der Verbündeten schleunigst auf 
Hamm zurückging. Der Erbprinz von Braunschweig setzte sich 
jedoch au die Spitze der preufsischen schwar/en Husaren, denen 
einigt; Escadrons Dragoner zur Unterstützung folgten, und trotz des 
wegen vieler Gräben und Holüwegc ungunstigen Terrains gelang es, 
<lic feindliche Arrieregarde, die aus 1 Bataillon Infanterie und 
3 Dragoner - Regimentern bestand, bald hinter der Stadt noch 
einzuholen, sie über den Haufen zu werfen und 2G0 Mann zu Ge- 
fangenen zu machen. Das sehr durchschnittene Gelände hinderte 
. die weitere Vcrfoltjung. 

^Vährcnd am 19. das Gros der Armee Soest em ichtc, fiiiig die 
AvMiitii.irdo iiacli W<rl vor; auch dort wich der Feind zurück, 
und den vcitolgenden Husaren tiol nur nodi die Bagage des dort 
kommandierenden Prinzen vm Beauffremont in die Hiiinle. 

Am 21. bezog Herzog Ferdinand eine sehr feste Stellmi;^ 1 Meile 
nördlich von Soest, hinter dem Flüfsclien Ahse, liei Oestiiitishausen. 
Am nächsten Tage stiess dort der <MMieral von Oberg wieder zur 
Armee, d« i von Lutternberg i*iher Haiinöverijich-Müudeu, Holzmiuden 
und Paderborn lieranniai'schiert war. 

Bei seinem Aufliniche von Soest hatte der Herzog den Major 
von Beu.st mit den seiiwarzen Husaren dort zuriickgelassen, »welclies 
den folgenden Tag am 22. Octoher zu einem leldiaften Scharniiit/.el 
Anlafs gab. Denn als der Mai schall von der Bewegung der Alliirten 
Nachricht erhalten hatte und uiigewifs war, ob das ganze Heer 
marsihiret wäie, scjulete er 300 Mann zu Bierde und zu Fufs aus, 
die Gegend von Soest zu aul'zuklären. lUese .\btlieilung, nach- 
dem sie kein Heer mehr wahrnahm, fiel desto hitziger auf die 
Feldwache der Husaren und trieb soklie mit Vortheil zurück, Ins 
Beust mit 150 Plerdeu zum Ersatz kam und in wenig .Vugenhlicken 
die feindliche Cavallerie sprengte, worauf er auf die verlassene In- 
fanterie fiel, davon ein Thcil niedergehauen und der andere gefangen 
genommen wurde.« 

Die Stellung der Verbündeten in der rechten Hanke der Con» 



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302 Die preafkiacben HnMum bei der Amee der Yerbttndeten etc. 

tacles sehen Armee veriiiilafste fliese, zunruhst bis (licht vor Unna 
zorückzugelien, und vcrcitelte überdies alle Plane des Feindes. 
Eitle Vereinigung mit dem Soubise sehen lleere war nicht mehr 
möglich, ohne die Verbindung mit dem Bhein zu verlieren. Ein 
Versuch der Franzosen, am 25. Münster zu überrumpeln und da- 
durch die Verbündeten zum Kückzuge nach der Weser zu veranlassen, 
mifslang. Er bestimmte zwar den Herzog Ferdinand, zur Sichenmg 
der bedrohten wichtigen Festung am 26. nach Lippstadt, am 27. 
nach Rheda, am 28. nach Warendorf und am 30. nach Münster 
selbst zurückzugehen. 

Marschall Contades ahcr nun hWc wciton n Operationen 
auf, verliefs am 13. Nüvembur seine IStellung bei Uiuui und ging 
über Dortmund und Wesel in die Winterquartiere zwischen Rliein 
und Maas. Am 23. verliefs auch Prinz Soubise Cassel, beliielt in 
Hessen nur Marburg und Gielsen besetzt und bezog Winterquartiere 
zwischen Main und Rhein. 

Herzog Fcidinand verthcilte am 18. November seine Truppen 
in die Risthünier Osnabrück, Münster und Paderborn und rückwärts 
bis zur Weser. l>er Herzog von Holstein mit der preufsischen 
Kavalh'jie lag in und bei Haltern, zwischen Münster und Wesel. 
Zur Beobachtung des Rheins wurde ein Cordon gezogen. Am 
Schlüsse des Feldzuges blieben daher Niedersachsen, Westphalen 
bis zum Rhein und Hessen bis zur Lahn von französischer Besetzung 
befreit. 

Die geniale Fühnuii auf Seiten der Verbündeten in diesem Feld- 
zuge ilurch den Herzog Ferdinand verdient die höchste Bewundening; 
aber auch die Leistungen der Tru])peri sind der vollsten Anerkennung 
wert. »Doch«, so schreibt ein Zeitgenosse, der nach seiner per- 
söiili(lion Vertrauensstellung zum Herzog Ferdinand hervormgeud 
bciäliigt war, lichtig und unparteiisch zu urteilen: 

^ »Doch diente dem Heere nichts weder zum Rufe noch zur 
Stärke so sehr, als die Beybehaltung der preufsischcn Rueterey, 
welche der König von Prcufscn dem Herzog in diesen Tagen 
(Fnde Juni) noch länger liefs, nachdem er sie schon öfters, und 
eben noch nach seinem Abzüge aus Möhren, mit einiger Ungeduld 
zurückgefordert hatte.« 

Einen hervorragenden guten Ruf hatten sich die schwai^zen Husaren 
erworben ; gewaltig war allein schon der Eindruck der Unifom und 
des. Todteukopfes. Es erschien damals sogar ein kleines Buch über 
sie in holländischer Sprache, nebst Holzschnitt - Abbildung eines 
schwanen Husaren* Oar absonderliche Wunderdinge ei-zählte dies 



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Onmdiage fllr «im NenoidniiDg etc. 903 

Büchlein. So unter Auderem, dass diese Husaren zum Stormlaufen 
gebraucht würden, wobei sie ihre groCsen krummen Messw swischen 
das Mauerwerk oder in die Wälle zu stecken pflegten, um hinauf 
zu klettern. Ebeudort wird auch ( rziihlt, die schwarzen Husaren 
hätten einstmals zu Marienfelde, einem Kloster im Münsterschen, zur 
Strafe für ihre prenbenfeindliche und franzosenfireundliehe Geninnung 
die Mönche gezwungen, ihren besten Wein aus dem Keller in das 
Refectorium zu bringe, sie dann niederknien lassen nnd, unter 
Androhung kozperlicher Züchtigong, genötigt, auf das Wohl des 
Königs Ton Preufscn zu trinken. 

Gegen Ende des Jahres wurde der Führer der 5 Husaren- 
Escadrons, Major ipn Beust, der durch seine stets umsichtige und 
energiiM^e Führung den schwanen Husaren ihren wohlvci-dicnten 
Yorztiglichen Ruf wesentlich mit erworben hatte, zum Oberstlieute- 
nant ernannt und bald darauf nach Schwedisch Pommern zurück- 
berufen, um dort die Fühning des Regiments zu übernehmen. 

Die Führung der 5 Husaren-Escadrons bei der Armee der Ver- 
bünduten wurde dem Oberstlieutcnant von Narczynski des Ilusaren- 
Begiments von Malachowski übertragen. (Fortaetsuug folgt.) 



XVU. 

Grnmdzlige für eine Neuoidnimg unseres 
Ingenieur- und Testungswesens. 

Die Neuordnung unseres Ingenieur-Corps ist so oft Gegenstand 
der öffentlichen Besprechung gewesen, dafs der Nachweis ihrer Be- 
dürftigkeit hier wohl entbehrlich sein dürfte. 

Von besonders nachteiliger Wirkung ist bei den jetzt bestehenden 
Verhältnissen die liohe Inanspruchnahme des gesamten Offizier-Corps 
nach zwei durchaus verschiedeneu Richtungen, welche ein Sicher- 
werden in beiden nicht zuläfst und im besten Falle zur R<Hitiiio 
auf einem Gebieti; unter Versagung des andern führt. Der .stre}>- 
samste Teil verzehrt seine Kräfte ra.sch und /ienilich unfruchtbar 
an der fast uulosbareu Aufgabe, und die weuigeu Alles bewältigenden 



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304 



Onudtttge ftr eine Neoordnong 



Genies beweisen als Ausnahmen die l^egcl, dafs fiir das breite Fun- 
dament einer Organisation nur mit der Durchachnittsbejpibang 
gerechnet werden darf. 

Es ist eine starke Täuschung, wenn man glaubt, mit dem 
Ansdruck »Militärtocbuik« oder dorgl. die heutigen Aufgabf^ii des 
Pionier- und Fortifikations-Offiziers unter einen Hut gebraelit zu 
haben. Wenn letzterer eine Reibe von Jahren bindnrnh .seine Kraft 
daran gesetzt hat, beim Festungsneu l)!m mit allen Ban]iraktiken 
und Ilandwerkskniffen vertraut zu werden (xler in der fertigen 
Festuuf^ die laufende Unterliaitnufr der Werke, Yerwahrnngsräume 
und Dienst \v<din\ingen, die h'ayonp'ilizei n. s. w. wahrzunehmen, so 
kommt er, als Offizier nach keiner Richtung geftVrdert, zur Trupjie 
zurück, deren Fortentwicklung er aus Mangel an Zeit und Gelegenheit 
nicht folgen konnte und bei der er sich daher — und zwar meist 
in einer andern Dienststellung — aufs Neue einzuarbeiten hat. 

Kaum ist dies erreicht und damit die Vorbedingung für ein 
gedeihliches und befVieiligendcs Wirken errnngcn, so schlägt schon 
wieder die Stunde der A))lr)sunL(. und es wiederholt sich das Ein- 
arbeiten auf dem ihm untenlers fremd gewordenen und weiter 
fiu.sgestaU«'ten (iebiete des t estungsbauwesens, auf dem die wieder 
erworbene militärische und pionier-technische Beholfenbeit wenig 
nützt. — So geht es unerhittlieli weiter. Dieser »circnlns vitiosns«, 
die notwendige Folge eines Systems, dafs von Allen Alles verlangt, 
läfst allmählich einen Teil des Offiziere einsehen, dafs sie schlechter- 
dings nicht den beiden, so wenig verwand! en Zweigen ibr«s 
Dienstes gerecht werden können; sie entschliefsen sich daher, ihre 
Kraft auf die möglichste Ikberrschnng des einen zu verwenden. 
So entwickelen sich auf der einen Seite bauende Offiziere, deren 
oft umfangreiche Thätigkeit sich im (irunde wenig über die d^ 
Werkmeisters erhel)t, da ihnen für ein hidieres Wirken, wie es dem 
künstlerisch schalfendcn Architekten oder dem fach wissenschaftlich 
durchgebildeten Civilingenieur zu Teil wird, die Aufgaben und die 
Vorkenntnisse fehlen, und auf der andern Seite Pionier-Offiziere, 
die in dem engen Rahmen der technischen Wafle weder die Vor- 
bedingungen für eine militärische Bethätigung gröfseren Styles, wie 
sie den höheren Graden entspricht, erwerben konnten, noch auch 
den Raum für eine solche finden würden. — 

Die blofse Trennung der im heutigen Ingenieur-Corps zusamraen- 
gezw'ängten Dienstzweige würde somit noch keine befriedigende 
Losung ergeben, wenn auch die jetzt immer wiederkehrende Not- 
wendigkeit wegfiele, die Offiziere auch in der ihrer Befähigung und 



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vniesM logeuiiw- und FcstuugswcieiM. 



305 



Neigung abgewandten Bichtiiiig kq TorWieiidfiii, wodmch fngwfirdige 
Lektang^ auf bdden Gebieten geradesn herrorgerafen werden. 
£b handelt sieh gleicluani um die dnreli Snfeete Yerb&ltniese herbei- 
gefübrte nnglfickUche nnd nnfrncbtbare Ehe zwtinBC nicht so ein- 
ander paflMnder Naturen, die zur Einseleziatens nidit aelbetetSndig 
genug Teranlagt sind; nur die Scheidung und demnachstige Yer- 
bindung mit einem ihm innerlich verwandten und ihn ei^nzenden 
Wesen verspricht jedem Teile glQcklicheB Gedeihen nnd der Allge- 
meinheit die Früchte desfelben. — 

So ziemlich Alles, was der heutige Fortifikations-Offizier thut, 
kann fflgUch und mufs daher von Bau- nnd Verwaltungsbeamten 
wahrgenommen werden, damit erstercr sich voll seiner bislang 
zurückgedrängten militäriachen Aufgabe, dem Stadium des Festnngih 
krieges und deaeen Forderungen an die Gestaltung der Befestigungen, 
zu widmen vermag. In der Konzeption der letzteren bei ziel- 
bewufster Klarheit in der Abwägung aller mitsprechenden Gesichte- 
punkte liegt der Schwerpunkt der Thätigkeit d^ Ingenieur-Offiziers, 
der dazu nur eines unschwer zu erwerbenden Grades technischer 
Einsicht bedarf, nicht in der Festatellung des baulichen Details 
nnd der Bauleitung, die eine ihm unzugängliche oder ihn ab- 
sorbierende, technische Durchbildung verlangt. Diesen Aufgaben 
entsprechen daher wohl besser Baubeamte, jene vermag er allein 
zu losen. Er vermag es aber auch nur dann in wirklich zufrieden- 
stellender Weise, wenn er mit allen Faktoren des heutigen F-Jstungs- 
kampfes aufs Engste vertraut ist, vor Allem mit dem ausschlag- 
gebenden der Artillerie, deren Eigenart uiul Fechtweise in er.strr 
Linie bestimmend für seine Mafsnalimen zu Schutz nml Tnitz 
auftritt. Zur Zeit herrscht auf dem in Hede stehenden Gebiete ein 
historisch erklärlicher, aber deshalb nidit wenif^er sclilidlich wirken- 
der Dnalismiis, /u dessen scbärferem liervortrett n die selbstständit»;e 
Formienuig der Fiifs-Artillerie VeranlasMuiü; gegeben hat. Diese 
aufstrebende Waffe hat als Ange?punki ihre.s Daseins den Festungs- 
krieg, deasen Interessen sie sich das ganze Jahr hindurch hingiebt; 
was Wunder, wenn sie nun auch die Ausbildung der Kampflehre 
nnd die Führung auf diesem ihr eigenen Gebiete nstrclit, auf 
dem bis dahin die Ingenieure als Erl-aner der Festungen nnd als 
Leiter der kunstvollen Sappen- uml Minenarheiten das Wort führten, 
und was Wunder, wenn di»'se letzteren die ihnen überkommene 
Rolle in voller Würdigung ihrer Bedeutung mit allen Mitteln fest- 
zuhalten suchen V 

Aus diesen Verhältuisseu entspringt eine Gegensätzlichkeit der 



806 



GnmdzQge Ar eine Neoordumig 



Arini«n8teii und Ingentenro, die ein förderlicbes Ziuammenwh'ken 
beider Teile fiut nie eine anf penSnliehe VerhiltnisBe sarfick- 
mföbrende Aasnahme von der Regel eracheinen ttUst 

Zodm fehlt bei detu Mangel einer gemeiusamen VorbiHnng 
nur <n oft der Boden der Verstindigong; jeder Teil achtet bei dem 
andern Znnftgeheimnisae in Erwartang derselben Gegenleistung, oder 
er scheint sie an achten, um dem Gegner und mit einem solchen 
bat er leider zu thnn — - nicht in die »terra iucognita« seiner 
speziellsten Spezialitäten folgen an mttnen, hinter deren awingende 
Forderungen sich dieser daher verscbanaen kann. 

Da es nun keine, mit beiden Gebieten völlig vertraute und 
zugleich bemfene Instanit giebt^ um die widorstreitenden Meinungen 
nnd Interessen ausschlaggebend gegeneinander abzuwägen, so I)leiben 
diese gewissermafsen incommensnrabelf und so kommt es, dafis sich 
bei nns Artilleristen und Ingenieure in nelen Frsgen des Festung;?- 
Wesens fast als geschlossene Parteien gegen überstdien, nnd charak- 
teristischer Weise ist der an violen Orten unternommene Versuch 
eines gemeinschaftlichen Festnngskriegvpielee sehr bald wieder auf- 
gegeben worden. 

So drängt denn Alles — in Anlehnung an Scherff u. A. — 
dahin, das Oftizier-Corps der Feld-Pioniere mit dem der Infanterie in 
organischen Zusammeiibang zu bringen Und die Fortifikations-Offizicre 
mit dem der Fufs-Artillerie zu verschmelzen oder genauer gesagt: 
die Ingenieure in Zukunft als Elite aus der durch völlige Lostrennunj? 
von der Feld-Artillerie nnd Aufnahme von Festungs-Pioiiioreii zu 
bildenden Fe.stnn<?stnijtpe hervorgehen zu lassen nml ihnen, unter 
Knt1a.stiin^ nach der ))autec}ini8chen Seite, den gesamten Stalisdienst 
beim Festungsweseu zu ilbertrageu. 

Ein ans der Infant^'rie erlesenes (nnd /.ii ilir zu riu-k kehrendes) 
Offizier-Corps, das sich gänzlich den pinniiTtcclnuschen Aufgaben 
(Iis Feldkrieges widmen kann, wird zweifelsohiio die Truppe zu 
höheren Leistungen für die Feldarmee führen und namentlich ein 
sichereres Gefühl für die Forderungen der jeweiligen taktischen 
Sachlage h^kiinden. als «Iipm hilliger Weise jetzt erwartet werden 
darf. So widitig die Dipunte der Feld-Pioniere eintretendenfalls sein 
mögen, so selten werden sie heute lieansprucht, nachdem das zeit- 
gemäfse »Selbsteingrahen« ihre Aufgaben nach Zahl und Umfang 
vermindert hat. Man wird daher diese Truppe, die zudem nicht 
zum Kampf eingesetzt werden darf, nicht gröfser als durchaus nötig 
bemessen nnd demgeniäfs 1 Compagnie für jede Division als aus- 
reichend erachten mUsseu, Wiis ja die jetzige Orgaiiisaiiou im 



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nnaeres Iiigeniear- and Featangsv^flens. 



307 



Prinzip auch zugiebt. Die Feld-Pionier-Batailloiie konutcn im Frieden 
demnach 2 Compagnien stark sein, und würden sich bei der Mobil- 
machung 2 Resenre-Compagnien bilden lassen, die ihre Brücken- 
eqaipage am dem Corpsbrückentrain erhalten. 

Jetst formieren die Pionier -Bataillone anter Auflösung einer 
Gompagnie and starker Beeinträchtigung der übrigen noch Tele- 
graphen-Ableilungen nnd Feetanga-Pionier-Compagnien , die es im 
FVieden gar nicht giebt nnd die daher weder einen Rahmen vor- 
finden noch eine ihrer Kriegsbestimmung voll entsprechende Ana- 
hildnng genoesen haben, überweist man nun Ton den nach Obigem 
Terfttgbar werdenden 15 x 2 « SO Gompagnien etwa 4 dem ESisenhahn- 
Begiment als Stammtmppe für die Telegraphen-Abteilungen nnd 
verbindet die Qbrigen in etwa 6 Bataillonen ab Festnngs-Pioniere 
mit der Fnfii-Artillerie an einer Festnngstruppe, so steht jeder Teil 
anf seinem natfirUchen Boden nnd hat bei der Mobilmachung nor 
Gleichartiges in nonnalem VerhSltnia an bilden. — 

Die Offiaiere der Festnngs-Pioniere würden sich ebenso aus der 
Fnis-Artinerie ergfbiien, wie die der FeM-Pioniere aus der In&nterie. 

Es ist schwer Torhennuehen, welche Bedeutung f&r die Festungs- 
kimpfe der Zukunft der Minenkrieg haben wird, dem indels die 
EriegBgeschidite des Jahrhunderts und die den Zeitgewinn opferwillig 
erkaufende Kriegstheorie der JetstMit wenig Aussicht eröffnen — 
jeden&Us wud man mit der Behauptung nicht fehlgreifen, dab wir 
nur weniger Mineure bedürfen, und da(s ein Zusaaunenfassen der- 
selben an einer Mineurtruppe (welche das Seminenwesen umfassen 
und als Yersnchsstation (ttr Verwandtes dienoi köunte) eine gründ- 
lichere Entwickelung nnd AnsbOdung auf diesem Gebiete fördern 
und durch Entlastung der übrigen Truppen tou einer Spezialität 
weiter gehende Vorteile Tersprechen würde. 

Nach dem Ausscheiden dieses DienstsweigeB bliebe aber in dem 
Programm der Festungs-Pioniere als Besonderheit eigentlich nur das 
Sappieren übrig, das, schon jetit fortwShrend vereinfacht, bald im 
Wesentlichen anf die Leitung der der Influiterie lu&Ilenden 
Massenleistungen mrückgehen dürfte. Den jetaigen Pionier- 
Bataillonen ist Sur Einübung des Siqppierens etwa 1 Woche (12 halbe 
Tage) angesetflsi Diese Zeit würde der Fnfo-Artillerie, die sich in 
Theorie und Praxis fortwahrend mit ahnlichen und schwierigeren 
Arbeiten beschäftigt, rar Bewiltigung des Gegenstandes vollauf 
genügen und yon ihr verfügbar gemacht werden können. Ich 
möchte daher demnächst 1 Minem>Bataillon von 4—6 Compagnien 
formieren und hatte dann, bei Verrichtleistung anf besondere 



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308 



Chnmdiflge fBr tfne NenordDinig 



Festungs-Pioniere, etwa 5 Bataillone zur Verstarkaiig der nnsweifel- 
haft uuzulünglicben F ulk- Artillerie oder richtiger zur Bildang einer 
einheitlichen Feetangstrappe zur Verfügung. 

Eine weitere Vermehrnng der letzteren, achlielklicli selbst durch 
Umwandlung der nach mancher Richtung unbequemen Jägerbataillone 
(? die ßed*), ist das Endziel meiner Pläne. Dann würde die Festungs- 
tmppe, gegen den jetzigen Stand der Fufs-Artillerie etwa verdoppelt, 
im Kriegsfalle im Stande sein, die Festungswerke selbst — den ver- 
trauten Schauplatz ihrer Friedensthätigkeit — ansschliefslich zu 
besetzen, in denen jetzt der Zutritt von Infanterie und Pionieren 
die taktische und Ökonom isehe Saclilnge fühlbar erschwert. Dadurch 
würde aber nicht allein Infanterie in mindestens demselben Ver- 
hältnisse für den Feldkrieg frei, sondern es könnten auch viel eher 
minderwertige Formationen der letzteren den so gebildeten festen 
Kähmen ausfüllen und zugleich militäriscli erstarken, weil iiire 
Dienste mehr in den gewohnten Verbänden und eingelebten Kauipf- 
formen beansprucht würden. 

Es erübrigt zu begründen, weshalb ich das (iebiet des FestnnjL^s- 
krieges so scharf al)grenze, um eine eigentliche Festungstrupi)e und 
sogar ein besonderes, dem (leueralstabe nachgebildetes Corps als 
Organ für die höhere Führung und Verwaltung auf demselben zu 
fordern. 

Es sei vorausgeschickt, dafs ich diese Abgrenzung als ein not- 
wendiges Übel betrachte, das aber durchaus nicht zur Absonderung 
der Festungstruppe und des aus ihr hervorgehenden Ingenieur- 
Corps führen soll; wechselseitige Kommandierungen, die Teilnahme 
der hier verfügbar zu machenden Offiziere an den Feltluianövern 
und dergleichen Mafsnahmen sollen die Verbindung mit dem grolseu 
Körper der Armee aufrecht erhalten. — 

Der Festungskampf unterscheidet sich in fast allen Punkten 
sehr charakteristisch von den Aktionen des IVldkrieges, wenn auch 
beide denstdhen allgemeinen (iesetzen der Taktik folgen: hier als 
Zweck Niederkämpfen der feindlichen Streitkräfte, dort der Besitz 
eines bestimmten Punktes; liier grofse Bewegungen mit kurzen Zu- 
sammenstöfsen in unbekanntem (ndände, dort Stillstand mit un- 
unterbrochenen Kämpfen auf liman von langer llaud vorbereiteten 
CJefechtsfelde ; hier gröfste Einfachheit und liewt'glichkeit, dort Viel- 
gestaUigkeit und Schwei lallK^keit der Kampfmittel als l'ulge der 
auf das Höchste gesteigerten Kraltleistnng des Finzelneu. (Sturm- 
freie Wälle, bombensieh^re Hohlbauten, .schwerste Geschütze in 
stärksten Deckungen — Panzer — dann Sappen, Minen n. s. w.) 



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«nMiw logenienr- tud FestangsweMM. 309 

Nan erfordert aber das Stadium dieser Sehnt»- und TrotswaffeiL 
nach ihrer Eigenart und Handhabung in Angriff und Abwehr einen 
Arbeitsaufwand, der nicht leicht so nebenbei geleistet werden kann, 
und andrerseits ist doch das ToUe Vertrautsein mit diesen Waffen, 
deren Verwendnngslehren in ihrer Yersehmehang die Taktik des 
Feetangskrieges ergeben, die Vorbedingung iBr jedes förderliche 
Wirken auf diesem besonderen Oebiete — deshalb fordere ich ein 
in der B«gel aus der Feetongstrappe herrorgehendes, nach Dienst- 
bewlhrang nnd Intelligens ausgesuchtes Offisier-Cotps als Organe 
(und PflansBchule) fSr die höhere Ffihrung, für die Anordnung 
unserer Festungen und die Ausbildung unserer Angriffnnittel, för 
die Überwachung fremder Armeen nach diesen Richtungen u. s. w. 
— kurz far den gesamten Stabsdienst beim Festungswssen. 

Die Entlastung dieses Ingenieur-Corps nach der bautechnischen 
Seite ist so gedacht, dab die Ausführung der Bauten ganz in die 
Hände von Festungsbaubeamten gelegt wird, die auch die baulichen 
Einzelheiten der Entwürfe bearbeiten, und dafe in diesem Sinne 
nicht nur die Lokalbehörden, sondern auch die möglichst zu ver^ 
einfacheuden revidieronden, beratenden und entscheidenden Dienst- 
stelleu bi.s hinauf zu einem »Festungs-Departement« bedacht werden; 
die laufende Unterhaltung wäre einem aus den Walliueisteru hervor- 
gehenden, dem Zeug-Offisier-Corps entsprechenden Beamtenkörper 
zu übertragen. 

Hiernach wurde z. B. eine grölsere FeKtun«;, die jetzt an 
Ob^rpersonal 1 Ingenieur-Offizier vom Platz, 1 Artillerie-Offizier 
TOfD Platz und vielleicht 8 Fortifikations-Offiziere beansprucht, in 
Zukunft etwa bedacht werden mit 1 Genie-Direktor (oder dergl.), 
2 Iiigenieur^Offizieren (1 für die artillerintischen, 1 für die foiii" 
tikatorischen Ai^elegenlieiten, wie: generelle Entwürfe zu Defensions- 
bauten, Aruiierungsmafsregeln u. 8. w.), 

1 Festungs-ßuinneister Detailprojekte, Bauleitung, Dieust- 
1 Festung« Haufii}ir( r j Wohnungen n. s, w,, 
4 Kevierbeamte für die laufende Unterhaltung und Verwaltung. 

Beim Eintritt gröDaerer Um- oder Neubauten in diesem Platze 
wäre im Wesentlichen nur das Baubeamtenpersonal zu verstärken 
und Veränderungen dieser Art auf ganzen Kri^stheatem, wie sie 
nach jedem erge])ni.sreichen Kriege einzutreten pflegen, würden nicht 
fernerhin das Ofiizier-Corps auf Jahrzehnte hin technisch überlasten. 



iabfb&eh« Ifir dto Ovaltcite Armoe und Uwine. Bd. XLVIU., 2t' 



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310 



Italiens weatUcbe Verteidigungsfront 



xvm.- 



Italiens westliche Yerteidigungsfront und 
heutiges Befestigungssystem. 

Tm 

C. Wlnteclifirg. 



Seitdem Italien in die Reihe der eaiopaiechen Ghrolmtaaten ge- 
treten ist, ward seitens der Itegiemng die grflodliclie ümgestaltnng 
des Heerwesens dem Beispiel jener entsprechend als notwendige Be- 
dingung znr Behauptung der politischen Machtstellung dem Aus- 
lande gegenüber mit richtigem Gef&hle erkannt. Der Charakter 
aller ilarauf bezuglichen Maferegeln konnte jedoch, der augenblick- 
lichen Lage der Dinge gemäfe, nur ein defensiver sein. Die Defen- 
sive, auf welche neben der relativen Minderzahl an personellen 
Streitkräften auch die Natur des Landes hinzuweisen scheint, besieht 
sich nicht blos auf die Verteidigung der nördlichen Landesgrenzen, 
sondern in weit höhcrem Mafse auf die Sicherung der ausgedehnten 
Kü.sto. Erst dadurch, dass mittelst einer kraftigen Küsteuverteidigang 
die Möglichkeit einer Annäherung auf anderen als dem Landwege 
ansgeschlofsen bleibt, gewinnt die Grenzbefestigung ihre volle Be- 
deutung. In der Thut mufs bei einer Küstenläuge, welche, mit Aus- 
nahme der griechischen Halbinsel, mit dem territorialen Inhalt ver- 
glichen wohl nirgends in Europa wiederkehrt, die Notwendigkeit, 
den gröfisteuteils offen daliegenden Strand, der dazu fast überall 
eine leichte Annäherung grSfserer Sacschitfe bis in die unmittellmre 
Nähe des Meeresufers zuläfst, gegen unvermutete feiudliclie Land- 
ungen zu sichern, weit dringender erscheinen, als die Befestigung 
der durch die Natur schon ohnehin gesicherten Landesgrenzeu. 
Unter den Nachbarstaaten aber, welche einer bedeutenden Maeht- 
entfaltung zu Lande wie zur See gleich fähig sind, ist es vor allen 
Frankreich, worauf Italiens Blick in dieser Beziehung sich richten 
iiuifH. um so mehr, als unter den Komplikationen, welche die Er- 
eignisse der letzten Zeit im Gefolge gehabt, ein italienisch-frauzö- 
siscber Krieg trotz der StammTcrwandtschaft beider Nationen 



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uud heutiges Befestigungasystem. 



311 



kdiieBwegs za de» poKtLsehen Uiim5gliohkeiteii sn gehSren «dieiiii. 
Wie dner solcfaen ETentiuIii&t der italienische StMt gegendbertreien 
wird, und auf welebee System gestflizt er die Verteidiguug seines 
Teiritoritims dnrchzaftihren gedenkt, dürfte bei der fest Sagstlifihen 
Verschwi^enheit, welche Aber jene GegensiSnde dem PnUiknm 
gegenBber beobachtet sn werden pflegt, nicht ohne einiges Interesse 
sein. Das Folgende soll anf Grand eigener Ansebannngen nnd 
unter Bezugnahme auf die wenigen in die öffimtlichheit gelangten 
ofGsdellen Angaben eine Inirse Dariegnng nnd Kritik des yorer- 
wfihnten Systems bieten. 

Znr ToUst&ndigeren Orientienmg sei es erlaubt, die leitenden 
Ideen, welche die heutige itatienucbe MilitSrorganisation ins Leben 
gerufen, kurz in Erinnerung au bringen. Von dem Gedanken aus- 
gehend, dab nach Analogie froherer Kriege die Entscheidung eines 
solchen gegen einen Angreifer von Norden her in der Poebene Tor 
sich gehen werde, hat die italienische Regierung bei der neuen 
Heeresoi|^niBation den Nachdruck darauf gdegt, bei einer etwaigen 
Kriegserklärung eine möglichst grotn Trappeosahl in kflnester 
Fkist daselbst konoentderen an können. Diese Rücksicht hat bei 
der langgestreckten Form des Landes eine Abweichung von den in 
den greiseren Staaten Europas gebriLuchlichen Normen bedingt. 
Während dort gewöhnlich dem Ausmaisehe aus der Garnison die 
Mobilmachni^ TOiangdit, findet in der italienischen Armee das 
Umgekehrte statt. Da nämlich die einzelnen Regimenter, der Ver- 
schmelzung der verschiedenartigen Bevölkerung wegen, sich nidit 
aus der Provinz, worin sie stationiert sind, sondern aus der gansen 
Monarchie rekrutieren, so würde es bei eintretender Mobilmachung 
für dieselben nicht ohne Schwierigkeit und Zeitverhist zu erreichen 
sein, dafs jede^s die ursprüngiich ausgebildeten Maunschaften wieder 
erhielte. Diese Zeit aber ginge für den Eisenbahntransport zum 
Kriegsschauplatz verloren, wenn die Verstärkung in den Friedens- 
garnisonen abgewartet würde. Trotz der durch jene Mabregel 
erzielte Abkürzung wird iudefs die Truppenkoncentration an der 
Nordgrenxe unter allen Umständen mehr Zeit erfordern, als in den 
meisten enroi»ischen Staaten, und Italien würde einem unternehmen- 
den Gegner während jener Zwischenzeit wehrlos g^enübersteheu, 
wenn nicht Vorkehrangen cur vorläufigen Deckung der Alpenpässe 
durch mobile Truppen, die sogenannten »Compagnie alpine« getroffen 
wären, die bereits am dritten oder vierten Mobilmachungstage die 
bedrohte Stelle erreichen können. 

Unter dem Schuts dieser noch durch Bersaglieri und Gebirgs- 



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[ 

312 Italiens westliche VLrtcidigungsfront 

artiUerie TeratSrIden Truppen kann sich die Armee in der Poebene, 
insbesonderem-dem als Opcrationsbasu sowohl nach Norden wie nach 
Westen dienenden Festnngsdreieck Bologna — Ifantoa >- Piaoenia 
sammeln and dort anf Eriegsfulk gesetzt werden. Schon aus diesen 
Andeotuni,^ 11 erkennt man, welche wesentliche Bolle hei einem 
Feldzngt- gcgeu FiBiikreich bereits vom ersten Anb^nu nach 
erfolgter Kriegserklimng die Yerteidignng der westlichen Alpen- 
grenze spielen wird. Hat man italienischerseits bisher die Bedentang 
derselben auch nicht gerade unterschätst, so dürfte andererseits 
dem Umstand, dals nber die Art ihrer Ansfnhmng selbst in mais* 
gebenden Kreisen die Terschiedensten, oft widersprechenden An- 
sichten geherrscht, auch ein gewisser' Mangel an Srfahmng m 
Qmnde liegen, denn erst in letzterer Zeit schdnt die wahre Auf- 
{assnng Über jene Yonirteile den Bieg an erringen. 

Die Eigenthümlichkeiten des Gebirgskriegs erfordern bekannt- 
lich schon hinsichtlich der Organisation von Truppen nnd Krieg»» 
material nicht unwesentliche fifodifikationen. Wahrend in der Ebene 
leichte und schwere Truppen gleichzeitig Verwendung finden, kann 
im Oebiige, der schwierigeren Kommunikation wegen, nur die ewtere 
Art von Nutsen sein, um so mehr, weil alles hier weit mehr als 
unter andern Verhaltnissen auf grolse Bew^lichkdt ankommt. 
Von Artillerie kann deshalb im Hochgebirge der Westalpen nur 
das leichteste Kaliber des auf Maultieren transportabeln Gebiigs- 
geschfitzes benutzt werden — der einzige Art der BefSrderung 
auf schmalen Saumwegen, in Gebirgspässen, über Schluchten und 
Abgründe. Wie ferner beim Gefecht in der Ebene die gr5lsere 
Truppenzahl den Ausschlag zu geben pflegt, so ist im Gebirge dieser 
Faktor ganz unwesentlich. In der Kriegsgeschichte älterer wie 
neuerer Zeit fehlt es nicht an Beispielen, dais verhältoismiUsig 
wenige an geeigneten Stellen postierte Tnippen ganze Armeen im 
Vormarsch gehemmt. Dafs diese Möglichkeit die Natur des Landes 
auch an der westlichen Grenze Italiens gegeben, zeigt am deut- 
lichsten das Beispiel Piomont\s, welches auf engbegrenzteni Terri- 
torium während der ersten Jahre der französischen Revolution bis 
zur Sclilacht von Montenotte die Landeagrenzen siegreich gegen die 
französische Invasion verteidigte. Da uämlich der Vormarsch der 
feindlichen Armee Ober einen langen Gebirgszug nnr auf vo11> 
kommen gangbaren StraJsen geschehen kann, welche nicht blos den 
leichten Gebirgstruppen, sondern jeder Art dos militärischen Trans- 
ports zugänglich sind, fo folgt von selbst, daÜB die Verteidigung 
sich wesentlich nur auf die Hauptpasse zu erstrecken braucht, 



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uad heatigcs Bcfestigungssyntem. 813 

Ssmnp&de and Pnlsiteige aber nur fioweii in Betracht zn sdelien 
liat, als de direkt oder indirekt mit jenen in Verbindung stehen. 
Da femer die Gehir^hUer, dem Waaserhinf folgend, die natür- 
lichen Kommunikationen Aber den Kamm einer Bergkette bezeichnen, 
nnd sich infolge der Einmündung anderer GebirgswSsser oder deren 
ThSler am so mehr verzweigen, je weiter sie sich Tom Gipfel ent- 
fernen, ,80 wird sich offenbar diejenige Position für die Verteidigung 
am besten eignen, die dem letzteren m^lichst nahe, oder auf d«u 
Kamm der Hdhe selber vor der Ansmüudang des Passes liegt. 
Denn, w&hrend man hier mit einem einigen Werke ausreicht, 
welches zugleich alle tiefer liegenden Nebmthäler abschliebt, würde 
man im andern Falle zar Anlage fortifikatorischer Werke an jedem 
einzelnen Versweigungspunkte gezwnngen sdn. Für die Torge- 
sehobene liage spricht aber noch ein zweiter Umstand: die Über- 
höhung des innwhalb der wirksamen Schufeweite liegenden Terrains. 
Diese erleichtert nicht nur die Obeimcht, sondern erschwert dem 
tiefer stehenden Angrdfer das Zielen und schwächt die Perknssions- 
kraft der Geschosse. Derartige Stellungen aber finden sich begreif- 
licherweise weit seltener am Fuls der Gebirgsabhange als nach dem 
Gipfel zu. Wenn man trotzdem bisher in miUtarischen Kreisen 
sich nicht zur Aufgabe des bisherigen Systems zurückgeschobener 
Forts entschliefsen konnte, so muls der Grund dafür off<*nbar 
anderswo gesucht werden. In der That scheint die in weitem 
^Salbkreise gegen Ost nnd Sud- Ost gelagerte Alpenkette die Ver- 
tetdigung durch vorgesdiobene Werke wenig zu begünstigen. Denn 
offenbar würde sich ihr Umkreis mit der Entfernung vom Centmm 
erweitem, und infolge dessoi auch dar Bedarf an Trappen und 
foftifikatorischen Anlagen sich vermehren, abgesehen davon, dals die 
zur UnteistÜtzung notwendigen Soutiens um so weiter vorgeschoben 
werden müfeten, je grofeer die Di^tauce vom Gros. Allein diese 
Bedenken sind nur scheinbar. Da nlluilicli der militärisch brauch- 
baren Übergangsstellen gerade in den Westalpen nur wenige sind, so 
wird sich die zu ihrer Verteidigung nötige Trappenzahl augen- 
scheinlich sehr reducieren, sofern ein Zusnnunonhang der an Jonen 
Pässen postierten Trappen durch die Beschaffenheit des Terrains 
selbst unnötig erscheint. Zur Sperrung eines einzelnen Gebirgs- 
passes aber, welchen die Angriffskolunnen nur in Front von 2 bis 
3 Mann, mehr oder weniger erschöpft un l unter einem Hagel von 
Projektilen, erklimmen können, sind gevdfs schon 50 Mann hinter 
Verscbanzungen und mit den nötigen Reserven hinreichend. Ange- 
nommen nun auch, den dortigen Verhältnissen entsprechend, eine 



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314 IMkm «asäidi« V«rteidigaiigsflNNit 

etwa 2 bis 3 Meilen lange Gebirgsfrorit mit etwa 5 bis 6 zn verteidi- 
genden Pajssen oder einmündendon Flufsthälem, »0 würden scholl 
300 Mann Alpentrnppen mit einigen Batterien, insbesondere den 
für die PassrerteidigQng zu empfehlenden Mitrailleusen, zn ihrer 
Verteidigung genügen. Ein einiiges Alpenbataillon wurde somit 
die ganse westliche Alpenfront gegen einen an Znhl weit über- 
legenen Angreifer halten können. Die!« ergäbe auf den Mann Hne 
Lange Ton 20 Meter der zn verteidigenden Linie. Da aber von 
ihrer ganzen Lange überhaupt 10 bis 20 Meter, der numerischen 
Breite aller 6 Gebirgspässe entsprechend, als zugänglich zn be- 
trachten sind, so würden wiederum anf jeden einzelnen Meter dieser 
letzteren Strecke 20 bis 80 Verteidiger kommen. — Ganz anders 
stellt sich das Verhältnis bei zurfickliegendor Position. Unter den 
gleichen VerhäitnissfMi kann man zur Deckung der v0rausge.set7.tpn 
5 oder 6 Piis.sc, wenn diese auf dem Gobirgskamm entweder gar 
nicht oder uufrcnügond fjodcckt sind, nicht weniger als 4 bis 
Forts reclnien, die man womöglich auf eiiu'r ilem letzten n lie- 
naehhnrten, mindestens 4 bis 5 Kilometer rückwärts gelegenen, Hoch- 
ebene derart legen wird, dafs .sie die Zugänge der Plateaus beherr- 
schen, welche der Angreifer, um in die Niederung /.u gelangen, 
jedenfalls passieren niufs. Üa indefsen von solchen zurückliegenden Po- 
sitionen im allgemeinen anzunehmen ist, dafs sie von den vorliegen- 
den höheren Gebirgsrücken aus dominiert und durch Feldgeschütz 
wirksam bescho.ssen werden können, so erfordert ihre Verteidigung 
nicht nur eine stärkere Bauart, sondern auch eine gröfsere Truppen- 
zahl. Hierzu kommt ferner der Umstand, dafs die Thalsenknngen 
vom Gebirgskamm gegen die Verteidigungslrout hin dem Angi'eifer 
Stellen genug bieten werden, wo er, gegen das Feuer der letzteren 
gedeckt, dieselben umgehen kann. Dies zn verhüten wird man 
wiedennn neuer fortitikatorischer Anlatren bedürfen. Um alle Zu- 
gänge wirksam zu sperren, würden in der That nicht, wie bei ein- 
zelnen (iel)irgsthälern , wenige von den Hauptfort^ aus zu be- 
streichende Barrikaden genügen, sondern wegen des ununterbrochenen 
Zusammenhangs der ganzen Linie sind auf jedem durch zwei Thal- 
senkungen getrennten Bergrücken Detachcments mit der not- 
wendigen Artilleriebedeckung hinter pas.sageren Befestigungsanlagen 
zu postieren, welche sich, erforderlichen Falls auch allein und nur 
durch Flaukenfencr der benachbarten Werke unterstützt, zu halten 
vermögen. .\lle diese Mafsregeln aber würden unter den früheren 
Voraussetzungen mit Miii>thlufs der Besetzung der Forts wie der 
Beserven eine stärke von nahezu 3 Divisioneu oder 20 Batailtouen 



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und heutig» BeÜHHigiiiignjBtein. 



315 



mit der enisprechonden Gebirgsartillerie orfordern. Und trotzdem 
würde sich die Widerstandskraft in fliosoni Falle nur auf 1 Mann für 
jeden Meter belaufen. Der Vorwurf der Zersplitterung der Kräfte 
wurde somit in weit höherem Mafse djis letztere System tretfen, als das 
trotz gritfserer FVontatisdehuung kaum einen Mehrl)edarf an Truppen 
erfordernde mit vorgeschobener Verteidigungsfrunt. Eine amlerp 
wesentliche Kücksicht, welche bei der Beurteilung fortifikatnrischer 
Anlagen überhaupt und beim Gebirgskrieg insbesondere zu beachten 
ist, betrifft diejenigen Modifikationen, welche die infolge der Fort- 
schritte der Technik seit den letzten Jahrzehnten um mehr als das 
Doppelte vergri'fserte Wirkungss]diäre der Geschütze bedingt. 
Wenn in der That den Schiefsversuchen des General von Todtieben 
zufolge auf 2 Kilometer Dist«nce zehn Schufs zum Demontieren 
eines hinter Erdwall oder S< harten postierten tJescbiit/cs genügen, 
so wird die Anlage eines Forts sich in Zukunft notwendig danach 
richten, ob es möglich ist, die Anj^ritlsbatterien weiter als in jenem 
Abstand von ihm fern zu halten, infolge dessen werden viele v(»n 
den früheren Befestigungen, die damals als vollkomim n f^i ilerkt 
betrachtet werden konnten, heutigen Tags nicht mehr geniigen, 
denn viele Punkte, welche bei Anlage derselben der «rrofsen Knt- 
fernung wegen damals nicht uniir in Betracht gezogen werden 
brauchten, werden heute eine Beschiefsung derselben aus dominie- 
render Stellung schon auf jene Distauce gestatten. Derartige Posi- 
tionen müssen folglich den neuem Anforderungen gemiifs moditiciert 
oder, wenn dies nicht möglich, aufgegeben werden. 

Der weite Bogen der gegen Westen vorgelagerten Alpenkette, 
deren Rücken die Wasserscheide zwischen dem Stromgebiet der 
Rhone und des I'o und zugleich die politische Grenzlinie zwischen 
Italien und tVankreich bildet, theilt sich bekanntlich in drei Haupt- 
gruppen, deren südlichste, die Seealpen, obwohl sie sich kaum bis 
in die mittlere Alpenrcgion erheben, mit ihren zerklüfteten, gegen 
das Meer hin steil abfallenden Felswänden und oft ganz unpassier- 
baren Gebirgsstrafsen der Kommunikation nicht selten grofse 
Schwierigkeiten bieten. Wie diese nach Abtretung Nizzas gegen 
Süden, 80 bilden die cottiscfaen und nach definitiver Abtretung 
Sftvojens der Gebii^kamm der grajischen Alpen mit ihren in die 
hdcbste Alpenregion sich erhebenden Gipfeln die westlicheUmgrenznng 
bis gegen den Moni Blaue hin, wo ne «ioh gegen Norden an die 
Sehweiser Grenie anwhliefti. Nach Oiten hin ▼oUstandig Hoch- 
alpencharahter bewahrend, sinken die Westabhänge und Vorberge 
der letztgenannten Alpengruppe in die Region der Mittel- nnd Vor- 



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S16 



Itafiens wMtiiche VerMdigmigifroikt 



alpen and bieten infolge dessen der Kommmiikation von franzd- 
sischer Seite her geringere Schwierigkeit als von entgegengesetzter 
Richtung her. Durchgehend« be/eit hnet der H5henkamm der Ge- 
biige die heutige Grenzlinie, mit Ansnahmc der Socalpengnippe, 
von deren Südabhängen sie einen Teil mit amschliefst — ein Um- 
»tand| der für die Zwecke der Verteidigung nicht unwesentlich ist. 
Von dort in südlicher Richtung dem Thal der Roja, eines kleinen 
Gebir}:^bachs, folgend erreicht sie bei Ventimiglia unweit Meutoue 
den Saum der ligurischen Küste. Für Italiens Grenzverteidigung 
handelte es sich um zwoierlei: einmal um die Modifikation des bis- 
herigen Befestigungssystems an den seither unverändert gebliebenen, 
dann aber auch um eine Neubcrestignug der verschobenen Grenzen. 
In der That war seit der Abtretuuix 8avovens infolge des Ver- 
trags, unter dessen Bedingungen bekannt licli auch die Schleifung 
der dortigen Grenzfestungen entlialttn war, eine Sicherung der 
neuen ^Jren/en nicht vorhanden. Die ehemalige picmontesisch- 
savoyisclie (ircn/.befestigung, wesentÜoh dem vorher charakterisierlen 
System vorgescboltcner Werke angehöri«^, /eirrt noch heute ver- 
einzelte hier und dort über den Kamm de.s (irliirfjes verstreute 
Blockhäuser und an einzelneu Thalausgäugen angt le<i;{e Barraeken 
zur Unterbringung von Detachements, welche als permanente Wacht- 
])osten aus wenigen fortifikaf orisehen Anlagen zu verschiedenen 
Zeiten die Zugänge gesperrt und den \'orniarsch des Feindes 
unmöglieh gemacht haben. Nur wenige Neiianlagen sind, obwohl 
man sich in mjifsgebenden Kreisen über die Mängel des Vorhandenen 
wohl kaum Illusionen gemacht, zur Beseitigung derselben bis jetzt 
zur Ausführung gelangt. 

Bei weitem der wichtigste und in strategischer Hinsicht bedeut- 
samste unter den Ibissen der westlichen Alpenkette ist der von der 
Eisenbahn durchschnittene Pafs des I\Iont-Cenis. Den Ustabhaug 
hinauf, dem Flufsthal der Dora Uiparia fcdi^end, tritt er jenseits in 
das Thal des Are, eines reifsenden Gebirgsbachs und Nebcuflufses 
der Isere. Er hat, vom luilitäriseben Staudpunkt aus betrachtet, 
eine doppelte Bedeutung dureli seine dem PaLs des Mont-Genevre 
benaclil)arte Lage, durch welche es niöglidi, dafs ein und dieselbe 
Defeusivfrout beide um etwa 20 Kiluiueter auseinanderliegendeu 
Übergangsstellen umfafst. In der Gegtnd vou Cesaune, oberhalb 
der Festung Fenestrelle, zweigt sich die von Susa her über den 
.Mont-Ceuis führende Hauptstrafse von der durch das Waldenser- 
gebiet im Thal des Clusone von Perosa her kommendeu zweiten 
Stralse ab, die sich über deu Mont-Genevre nach der französischen 



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und heatiges BefettigQiignjrsteiii. 



317 



Grun/iestung Hriancon im Hochthal der Durauce fortsetzt. Die 
ältesten Befestigungen dieser Gebirgspässe, die sogenannten Longt)- 
hardenschlösser, lagen fast am diesseitigen Fufse des Gebirgs, wo 
die Dora Riparia dassellio verläfst. Die Tiiäler von Susa und 
Aosta wurden indefs den Longohardeu bald von den Franken ge- 
nommen und i)ildeton sodann Teile des fränkischen Reichs. Erst 
zur Zeit der jnemontesischen Herrschaft ward durch den snrdinischen 
General Bertulu die Befestigung bis in die (legend von Su.sa vor- 
geschohcn, da wo im obern Dora - Thal die Cenischia, ein kleines 
Gel)irgswasser, vom Mont-Cenis ihr zuströmt. Diese noch am dies- 
seitigen Abhang gelegenen Forts waren gegen Norden durch den 
Felshang der Höhe von Roccamelone (Rochemelon) gedeckt, der 
in der Nahe der Strafse über dem kleinen Plateau von San Nic(dä 
aufsteigt, gegen Süden von der vorerwähnten befestigten Höhe des 
Colle delle Finestre gestützt. Heutzutiige würde allerdings die Po- 
sition aus den sclion angegebenen Gründen kaum noch genügen. 
Denn der sechs Kilometer gegen Westen vorliegende Monte Gaglione 
überhöht diesell)e so liedeutend, dafs sie eines französischen Angriffs 
sich schwerlich zu erwehren vermöchten. Die Demolierung dieses 
Forts infolge des Friedensvertrags vom Jahre 185!) ist daher im 
Intere.sse der Verteidigung kaum als ein wesentlicher Nachteil zu 
betrachten. Die Dora 15;iUea hatte man übrigens schon früher 
weiter oberhalb bei Exilles abzusperren gedacht, wobei das Fort 
Lesseiion jenseits im Are-Thal zugleich von der savoyischen Seite 
im Norden das Thal der Cenischia vollkommen decken würde. Dieses 
am linken üfer des tief eingeschnittenen Bergwassers gelegene 
Fort, welches infolge .seiner Überhöhung nicht nur die Strafse, 
sondern das ganze umliegende Terrain weithin beherrscht, ist in- 
defs infolge des Friedensvertrags ebenfalls geschleift, und nm so 
dringende ward somit die Notwendigkeit eines Thalabschlusses 
gegen Norden. Dieser ist nun in der That neuerdings in Aus- 
fahrung gebneht. Die neoen Befestigungsaulagen befinden sich auf 
demRfleken desMoot-G^nis, ds wo sich dasThalderCemschifthinabKiehi. 
Nsch Norden darch den See gedeckt zugleich nach Westen weithin do- 
miniefend, mOehtefSr die Zwecke der Verteidigung hinsichtlich ihrer 
Lage kaum etwas m wünschen übrig bleiben. Die Position von 
Exilles dagegen, im unteren Dora-Thal sfldwSrts gegen die Höhe 
gerichtet, wfirde von den umliegenden Bergen her dem dominierenden 
Geschlitsfeuer seitens des Angreifers vollständig preisgegeben sein, 
und es wurde sich auch, wie es scheint, dieser Fehler durch Neu- 
anlagen kaum beseitigen lassen, denn die Ausdehnung des Rayons 



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318 



ItefieBs mstlii^ YerteidigvqgiflNmft 



über jene Höben und die von dort sich abzweigenden Seitonthäler 
würde einen nnTerhältnismäfsigen Aufwand an Streitmitteln erfor- 
dern, 80 dafs man früher oder später sich zur Annahme der weit 
vorteilhaftem Stellung am obem Thalansgange wird entschliefsen 
müssen. In der That dürfte sich eine nach Norden vom Mont- 
Chaherton gestützte, gegen Süden an den Thalranrl von Thures 
sich anlehnende Position um Ostabhang des Mont - ( it'-nevre aus 
doppeltem Grunde als dir' hrauchbarste emjifehlen, sofern sie zu- 
gleich die genannte Strafse des Clnsone - Thal entlang oherhMlb 
Fenesf rt-Ilc absperren und so von der Notwendigkeit einer beson- 
derpii Tlialspf'rre hierselbst befreien würde. Der Umstand, dafs die 
Breite <les lli^lienkainnis liier nur wenige Kilometer beträgt, kann 
dabei um so weniger ins Gewicht fallen, als sich zu beiden Seiten genug 
tloniinierende Punkte finden, von wo nicht nur der gröfste Teil der 
Höhe selbst, sondern auch die jenseitigen Zugänge frontal bestrichen 
oder flankiert werden können. Mit einigen stjtrken Forts und ent- 
sprechenden, gegen die umliegenden Hohen m()gli('list gedeckten 
Flankenbatterien würde man die in langen Windungen den Abhang 
sich hinaufziehen ile Strafse beherrschen und in Verbindung mit den 
tieferen Tbalstierren einen vollständigen Abschlufs der ganzen Linie 
des GebirLi;sriK keiis ohne Schwierigkeit herstellen können. — Kine 
Ausnahme vom obigen Prinzip scheint beim nördlichen Teile der 
Ravoyiscli-]>i''montesischen (Sren/e zulässiix. wo der I'afs des kleinen 
St. Bernhard den einzigen strategisrh wichtigen Übergang vermittelt. 
Den OstÄbhang der vielverzweigten grajisclu n Alj»enkett<», welche 
auf engbegrenztcni Räume von wenigen Quadrat meilen die höchsten 
(fipfel Europas trägt, durchfurcht hier das Tlial der Dora Baltea, 
durch welches sich der Engpafs hinaufwindet. Etwa 20 Kilometer 
jenseits Pont St. Martin, wo die Strafse das Thal des T/Vsbach, eines 
kleinen Nebenflufses der Dora. kreuzt, um von da in tiefer Schlucht 
zur Rechten des Flufses hinaufzusteigen, wird sie durch Fort Bard 
gesperrt. Diese nahezu 1000 Fufs liocli gelegene, fast ganz isolierte 
auf gewaltiger FcLsuKusse erbaute Bergfeste hat bekanntlich in 
früherer Zeit bereits eine grofse Rolle gespielt. Schon vor acht- 
hundert Jahren vom Herzog Amadeus von Savoyeu nach langer 
hartnäckiger Belagerung erobert, in neuerer Zeit wiederum durch 
eine geringe Besatzung von 400 österreichischen Soldaten verteidigt, 
die den Vormarsch der französischen Aruiee acht Tage lang ge- 
hemmt, wurde selbst heutzutage die Position bei ihrer dominierenden 
Lage als Pafssperre vollkommen genügen, sofern nur die den An- 
^ordemi^en der Neuzeit entsprechenden Modifikationen zur Aus- 



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dimI hratigM BefetUgiiDgnjiteni. 



fnhrung gelangt. HinsichMiVb des Passes vom Col di Tenda aber, 
welcher acht dem Flursthal des Tanaro folgend, über den Kamm der 
Seealpen jenseits durch das Thal des Var gegen Ninta hinzi^t, 
möchte es als ein Anachronisrans zu bezeichnen eein, wollte man 
sich, wie bisher nur anf die schwache Position von 'Vinadio be- 
schränken.*) Dies anf den Nordabhängen des Gebirges im obem 
Thal der Stura belegene Fort würde bei seiner zurückgeschobenen 
Lage nicht nur alle früher besprocheneu Nachteile einer solchen 
haben, sondern auch die Möglichkeit aus der Hand geben, den An- 
greifer schon am Erstoigen der jenseitigen Abhänge aus Positionen 
am südlichen IIi)henrande zu hindorn, dem, wenn er erst dpn 
Kamm der Alpenkette mühelos erstiegen, die weiten Flnfsthäler 
^e|[^pn Norden beim weiteren Vordrinpfon kaum nennenswerte 
S( hwiprigkeiten bieten. Das obcrp liojathal, steil abfallend dem 
jen-soitigen Abhang bis gegen Fontana der französischen Grenze 
folgend, bietet die durch das Terrain vorgezeichnete Position ynr 
völligen Beherrschung der in fünfzig Windungen die Höhe erklim- 
nu^nden Strafse, die. ohnehin weit weniger vollkommen als andere 
Alpenstrafsen, bei nur 12 F'ufs Breite die Kommunikation bei der 
vorherrscliend runlion Witterung doppelt beschwerlich macht, 
welche fast sechs Monate im .lahr die (loOO F'nfs hohen Gipfel mit 
Schnee bedeckt. — Die äufserste Grenzsperre im Süden, die Festmig 
Ventimiglia, bildet gewissermafsen schon ein Vorwerk von Genua, 
gegen welche sie den Vormarsch der Küste entlang verhindert. 
Durch überhöhende Liige ihrer Strandbatterien zur Abwehr eines An- 
griffs von der See her vollkommen geeignet, gewähren die nach 
^er Küste hin steil abfallenden FeLsniassen zugleich Deckung gegen 
Flankenangriff und Sicherheit gegen Umgehung. 

Dem heutigen Stande der Dinge zufolge .scheint es in der 
That, als ob eine Abänderung des bisherigen Befestigungssystems 
zum Zwecke einer energischen Verteidigung im vorher angedeutet<»n 
Sinne für den Augenblick kaum zu erwarten. Fa.st möchte man 
darin ein gewisses Mifstrauen erkennen, was in mafsgebenden Kreisen 
gegen den Gebirgskrieg überhaupt gehegt wird, und welches mehr 
oder weniger die leitenden Ideen des ganzen Verteidigun^'.'fsystems 
zu beeintlufsen scheint. Die am meisten populäre, dem Naiional- 
gefühl der Italiener schmeichelnde Idee eines etwaigen FcUlzugs- 
pians, worauf der heutige Heeresorganismns wesentlich ba.siert, läuft 
nämlich wesentlich darauf hinaus, den feindlichen Kolonnen, nach- 

•) Seitdem das Vorstoliendp iiioil'^rgoschricbni, sind, wie man hört, Neuanlagen 
auch hier projektiert and teilweise zur Aasfübrang gelangt. 



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320 



Ite1i«m wesUielie yertefdigongafirmit ato« 



dem sie« der allgemeinen Annahme zufolge, {raher oder spater das 
Gebirge überHchritten, mit dem Kern der Armee, welcher sich sa 
diesem Zweck iu der Poebene gesammeli, bei ihrem Debouohieren 

in dieser zu begegnen, ihre Teten zn sserstrenen ufid, wenn ihre 
Vereinigung auf die Daoer nicht zu verhindern, in gesicherter, durch 
f<Nrtifikatorische Anlagen verstärkter Position am rechten Ponfer 
den Angriff zu erwarten nnd mit energischem G^^enstols dea 
Feind in die Berge zorücksawerfen. Diesem allgemeinen Plan sa- 
folge würde der Gebirgskrieg ganz Nebensache sdn nnd die Grens- 
verteidigung somit eine im Vergleich zu ihrer strategischen Be- 
deutung untergeordnete Rolle spielen. Zu dieser Aufi'assnng stimmt 
iu der That die Ansicht anerkannter italienischer Autoritäten auf 
knegswiesenschaftlichem Gebiet, welche geradezu raten, die Ver- 
teidigung der Gebirgspässe nur bis zu dem Zeitpunkt fortzusetzen, 
wo die Armee in der Poebene sich gesammelt, um sie nachher 
ohne ernstlichen Widerstand zu räumen. Ohne Zweifel gehört das 
Defilieren und der Aufmarsch einer Arnioo aus einem Engpafs, an- 
gesichts einer gutl>efe8tigten Position und unter dem Feuer des 
Verteidigers, m den schwierigsten strategischen Operationen, um so 
schwieriger für den die Alpen passierenden (legner, je energischeren 
Widerstand er vorher im Gebirge gefunden. Wenn man aber prin- 
zipiell von jeder systoinatischen Verteidigung der natürlichen Landes- 
grenzeu Abstand niniuit, so giebt man damit die einzige fhancc 
des Krfolges aus der Hund, wobei die t 'berlegenheit des Angreifers 
nicht zur Geltung kommt. Dafs mifer solchen l anständen ein an 
Zahl überlegener onergiselier (legner früher oder sjiiltfr seinen Auf- 
niarseb in der Ebene ausführen wird, nachdem er widerstandslos 
dius Gebirge passiert, wird man auf Grund vielfaltiger Krfahrungeu, 
unter denen die Kämpfe um die Rulkanpässe im letzten nissisch- 
türki.selien Kriog(> ht isoliert dastehen, wohl kaum bezweifeln dürfeu. 
Es tritt aber noch ein anderer Faktor hinzu. Ein alter militürischer 
Grnndsat/ bt zcirlmet bekanntlicli als die beste Dcfen.sive die Offen- 
sive, oder eine derart gewählte Position, welche nicht Idos die Alv 
wehr, sondern auch die Verfolgung de.s zurückgeschlagenen Gegners 
leicht macht. Nun ist aber klar, dafs, wenn die eigentliche Ver- 
teidigungsfront auf grofsere Eutfernung hinter den Gebirgskuuirn 
verlegt, letzterer Hl)er durch eine Vorpostonkette nur schwach gedeckt 
wird, von einem offensiven Vorgehen über den jenseitigen Gehirgs- 
rand, nachdem der Feind geworfen, wegen der zu grofsen Eut- 
fernung vom Gros nicht wohl die Rede sein kann. Ganz anders 
iüt dies bei einer kräftigen Verteidigung des Kamms selber, welche 



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Die neuMto Stieftl-Fnge. 321 

nieht ntir die feindlicheD Eolonnen scliOD w&hrend des Herauf- 
steigens, also unter viel günstigeren UmalSiideii, zu bekämpfen, 
gonderu auch die Verfolgung durch die ans gedeckter Stellniig im 
geeigneten Moment hervorbrechenden Reserven viel leiohtor ermog- 
licbi. Und es darf bei der Beurteilung derartiger Positionen nicht 
etwft die Rücksicht auf den Grenznachbar in die Wagschale fallen, 
der sich vielleicht auf demselben Ilühenkamme in Friedpiiszeiten 
bereits dort befestigt, mit dessen Einriebtungen man somit durcb 
Anlage äbnlicher Werke zusammenstofsen würde. Die benachbarte 
Lage zweier auf gleichem Terrain, vielleicht nur wenige Kilometer 
entfernter feindlicher Qrenzforts würde allerdings eine Ananabme vom 
Gewöbnlichen bedingen und zu besonderen Mafsregeln zwingen, die 
im wesentlichen darauf hinauskommen wurden, das Terrain nicht 
for einon Kampf befestigter Positionen gegen Fold werke oder solcbe, 
die mit Sturm sa nehmen, scmdem for einen gleich starker permar 
DOiter Befestigungen gegen einander vorzubereiten. Diesem ans- 
znweicben würde einem Verzicht auf die natürlichen Vorteile des 
Terrains gleichkommen, die der Gegner allein ausnutzt, einem frei- 
willigen Oeffnen der Thür, um jenen im Hansflur zu empfangen, wo 
der Ausgang der Begegnung bei der jedenfalls vorauszusehenden 
numerischen Uberlegenlieit des letzteren mindestens sehr zweifelhaft 
sein dürfte. Erst dann, wenn alles Widerstandes ungeachtet der 
Angreifer den Durchgang errungen hat, wäre es an der Zeit, den 
Kampf mit dem jedenfalls gescliwächten Gegner iu der Kbene, ge- 
stützt auf die natürlichen Vorteile des Terrains, von Neuem auf- 
zunehmen. (Fortnetioug folgt) 



XIX. 

Sie neueste Süefel-frage. 

Rs ist nicht unsere Absicht, über die Anfertigung von .MilitUr- 
stiefeln oder über das » Verpassen « derselben an die Mannst haften 
hier etwas Neues beizubringen: iu beiden Beziehungen sind ja be- 
kanntlich bedeutende Fortschritte neuerdings in unserer Armee ge- 
macht, und Männer, wie der Oberstabsarzt Dr. Starcke u. a. werden, 
getragen durch die Fürsorge, die mau von oben her der Fufsbe- 



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322 



Die newBto StidU-lVafe. 



UeidQBg, zumal der der Infanterie, snwendet, dabin wirken, dafe 
wir noch weiter fortschreiien. 

Wir wenden uns der »neuesten Stiefel -Frage« zn, angeregt 
dorch einen Artikel in der No. 39 des Militär- Wochenblattes d. J. 
Derselbe b^'sprieht den Munitions-Elrsatz beim Angriffs-Gefecht der 
Infanterie und erwähnt dabei, wie z. B. in den beteiligten Kreiien 

die Meinungen darüber aufeinanderplatwn, »ob es angängig sei, das 
zweite, im Tornister zu tragende Paar kurzschäftiger Stiefel (»Schuhe«) 
für den Kriegsfall — dcmgemäCs auch im Frieden schon — antf der 
Adjustirung des Mannes eb&ch zu streichen.« 

Es ist di^ eine Frage von solcher einschneidenden Bedeutung, 
dalä es erwünscht sein muüa, dieselbe der gründlichsten Erörterung 
unterzogen zu sehen. Hier ein kurzer Beitrag, dem, da er etwas 
seit alten Zeiten Bestehendes abBUSchaflEen rät, vielseitiger Wider- 
Bpmch nicht fehlen wird. 

1. Wir halten den Wegfall der kurzschäftigeu Stiefel (Schuhe) 
und Einführung von Quartienschuhen aus wasserdichtem Leinenstoff 
(xnm Friedensgebraueli) für ))riiicipiell wünschenswert. 

Welchen Zweck und Nutzen luilien die jetzigen kurzschüftigen 
Stiefel? Bei allen nach Zeit und Hamii ausgedehnten Übungen 
(Felddienst, Märsche, Exer/.icnn im Terrain, Manöver n. s. w.) 
greift der Mann, wenn anders ihm die Stiefel gut paissen und ihm 
die Wahl gelassen ist, zu den langsch äftigeu Stiefeln, die ihm 
bei nassem und bei sandigem Boden, bei Kegen und Wind und 
strenger Kalte weitaus gröfseren Schutz trewähren, als die Schuhe. 
Letztere werden, trotz ilires geringereu (lewiclitM, seltener getragen, 
— mehr beim Turnen, beim Detaildienst au der Kaserne, l»eim 
Atisgehen nach dem L>iuiiytH. Diese beachttaiswerte Erscheinung 
veraulafet — da wohl iil»erall Stiefel und Schuhe in gleicher An- 
zahl geliefert werden — den Compaguie-Chei', mit Zwang darauf 
hinzuwirken, dafs nirlit vorwiegend die langschiiftigeu, sondern iu 
gleichem Mafse ilie kur/schäftigeu Stiefel von den Mauuschai'ten 
getragen und iib^rmut/t werden. 

Für die Zwecke von Quartiei'scbuhen als welche in lücken- 
büfseuder Weise z. Z. die kur/.scbäftigeii Stiefel huuhg benutzt 
werden und werden müssen — sind dieselben aber durchaus unge- 
eignet; es wäre iu Friudenszeiteu eine dienstlich gestiittete und 
dienstlich bescliaft'te, in rationelh-r Weise die Fufsi)floge unterstützende 
Quartier-Fulsbekleidung äufserst erwünscht. Material etwa wasser- 
dichter Leinenstoff. 

2. Mehmeu wir au, dals der Mann beim Ausrücken ius Feld 



uiyiiizeo b 



Die nmmte Stiefel-Frage. 



328 



Bone Qtiartier-Scliiihe abgiobt und niir mit dem emen Fkwr neoer, 
doppehohliger, nägelbeschlagener bngwliifliiger Stiefel ausgerüstet iat. 
Es würde doroh Wegfall der jeti^^ knnsschäftigen Stiefel 

a) das Kri^gep&ok des Mannes um 3 bis 3 V4 Pfd. leichter 
werden; 

b) sehr bedeutend ist die Ranmersparnis — grolise Schabe 
(und sie sind alle groüi) lassen sich nur mit Gewalt in den Tornister 
zwängen nnd beengen den Kasten ganz zur Ungebtthr, so zwar, 
daÜB die YOigeeoibriebenen Gegenstände kaum nnterzubringen sind; 

c) zusammenhängend mit der Baumerspamis ist der nicht zn 
nnterseh&tzende Vorteil leichteren nnd schnelleren Tomister- 
pacfcens. 

Gegenüber diesen bedeatoiden Vorteilen, besonders dem an 
erster Stelle aufgeführten, komm^ onseres Dafürhaltens die etwaigen 
Nachteile, welche die Mitnahme nur eines Paars Stiefeln im Gefolge 
haben kann und wird, nicht in Betracht. Gewährleistet ist, gegen 
früher, im Grofsen leichterer und rechtzeitiger Ersatz an Stiefeln 
durch Nachschub (Stiefel -Depots), in Feindesland auch durch Be- 
quisition. Im Kleinen, bei plötzlichem Unbrauchbarweiden einaelner 
Stiefel ist ja schon schneller Ersatz zur Hand. 

Nach dem >Feldgeräts-£tat< (S. 20 bezw. 22) werden anf dem 
Bataillons - Packwagen 300 Kg., auf jedem Compagnie - Packwagen 
50 Kg. »Reserve- Bekleidungen« geladen; es stände, da diese »Be- 
kleidungen« nicht spezialisiert sind, nichts im Wege, verhältnismäfsig 
mehr neue Stiefel, Sohlen u, dgl. mitzunehmen, als Röcke, Hosen 
u. 8. w., da die ganz neue (1.) Kriegs-Tuchbekleidung in den ersten 
Monaten doch selten einzelne Ersatzstücke fordoni wird. 

3. Der meist durch Eisenbahnen bewirkte strategische Auf- 
mursch der Armeen hat den grofsen Nachteil, dafs iW*' MHiinsrhufleii 
sich nicht mehr, wie früher, durch fortgesetzte l'ufsiniirsche nach 
und nach an die Last des Kriegsgepäcks gewöhnen und einmarschiert 
sind bei Bt^ginn der Feindseligkeiten; überdies treten bei den 
heutigen Massenaufgehuten viel mehr der jeweiligen Strapazen 
ungewohnte, viel mehr an sich schwächliche Leute in die 
Reihen der Ffldiuincc: da ist eine Gepäckerleiehterung von nur 
wenigen Pfuiulen eine gar nicht genugsam zu schätzende Bürgschaft 
für erhöhte Leistungen dvr Truppe, für die annähernde Vollzählig- 
keit, in welcher dieselbe un den Feind gelangt. Und deshalb sei 
hier der Ansicht Ausdruck gegeben, dafs man eintretenden Falles 
den gröfsten Teil der durch Wegfall der halbschäftigeu Stiefel 



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324 



Die nBOMte 8tiefU*Fngtt 



erzielten Gewichtserleichteniiig dem Manne sn gnte kommen lassen 
möge. 

Aber ein Anderes, wofür ein Teil der Erleichtenmg in An- 
spruch zu nehmen wäre: nicht Stiefelersatz, sondern die Ver- 
pflegung wird voraussichtlich bei den Riesenheeren der Zukunfte» 
Kriege die schwere Frage bilden. Der Soldat marschiert^ nach dem 
alten Wahrspruche, mit dem Magen. Wohl wird in Proviant- 
Kolonnen, vielleicht auf Verpflegungs - Wagen, der notwendigste 
Leh^ssmittel-Bedarf niitgefiihrt; aber gerade in den Zeiten gröfster 
Trnppenanhäufnngen auf engstem Kaum, vor der Schlacht, werden 
die Fuhrwerke dahiuteu bleiben müssen^); da kann und wird es 
zweifelsohne heifsen: mehrere Tage aus dem Tornister leben! Kon- 
serven halten sich lange, siinl hiebt zu ergänzen, wiegen nicht 
schwer, der Mann trägt sie gern, weil er bald merkt, wie wertvoll 
sie sind. Darum schlagen wir vor, dafe drei Viertel der Gepäcks- 
erieichterung (mit etwas über 2V4 Pfd.) dem Muun 7ai statten 
kommen solle, dafs derselbe aber mit dem Äquivalent für das letzte 
Viertel (etwa Pfd. oder 375 — 400 g) an Konserven dauernd 
melir belasti t werde, die, im Tornister getragen, üiu für längere 
Zeit unabhängig von der Bagage machen. 

Das Gewicht einer ßtägigen eiserneu Portion an frischen Lebens- 
mitteln und Zwieback beträgt 855 g, in Konserven nur etwa G30 g. 
Fügen wir zu 630 den oben vorgescb lageneu Zusatz von 375— 400 g, 
so erhalten wir als mitzunehmendes Konserveuqu;uitiuu etwas über 
1 Kg, welches zur Not für 5 Tage zum Lebensunterhalt des Mannes 
hinreichen würde. " 

Wir führen aus dem jüngst erschienenen Werke des Majors 
Freiherrn v. d. Goltz »Das A'olk in Waffen« eine Stelle an, 
welclie in dem eben so grümllich und znvorläf?.ig, wie interessant 
abgehandelten Kapitel sicli findet: » Verjifiegung, Versorgung und 
Ergänzung der Heere im Kriegt":. Nachdem die Vorliebe erwähnt, 
welche der Soldat für frische Lebensmittel luit, aber ancli die Nach- 
teile der letzteren aufgezählt worden sind grofser Hauman- 
spruch, leichtes Verderben, schweres Aufbewahren, schweres Zu- 



*) BestinimungsgemSr!) darf nur w5hron<l des Eisenbahii-Transimrts zain Kriege 
und während der ersten Tage nacli An s ^ <• Ii i ff n 11 p durch MitHiliniTiff einer 
grOrHerea Menge von Muudverpflegung und llatcr eine Mehrbela-stuiig (der 
Compagnie- iL 1. w. Paekwageu) eintreten. 

Die yerpflflgimgnchwierigkeite& treten aber ent spfter da, and mma], wem 
elien die W«gen nicht mehr rar Hand sind. 



Digitizc 



Die neuest« Stiefel-Fraga. 



325 



bereiten n. s. w. . . . . heilst ee: nlie künstlich Yorbereiteten 
LebeDsmittel sind daher* eine vortreffliche Anshfilfe. Sie nehmen 
nvr gerii^^en Raum fort und kommoi an Gewicht den fnachra 
nicht gleich, so dab der Soldat weit mehr Nahmngsmittel mit sich 
fahren kann, ohne eine grdlsere Last zu traigen . . • Die anlser* 
ordentlich leichte Fortscfaaflfong nnd Verwendbarkeit macht 'die 



Sie erUtnben es dem Soldaten, eine Reihe von Tsgen ans dem Tor- 
nister an leben, falls er im Lande nicht das Hinreichende findet. 
Dies kann aber in Zukunft bei den schnellen Koncentiaiionen 
groÜMr Blassen, oder unter besonders schwierigen Verhältnissen, wo 
der Feind die Kommunikationen durch Forts beherrscht, wo man 
vielleicht eben durch eine Kette sperrender Werke dorchgehrochen ist, 
um anr Schlacht zu schreiten, aber die Trains noch nicht nachsn- 
ziehen T«rmag, von geradezu entscheidender Bedeutung woden. 
In solchen Zeiten lassen sich Menschenmassen, wie die jetzt in 
Rede stehenden, mit frischem Brot, Zwieback, frischem Fleisch» 
Speck und Reis oder gar Erbsen und Kaffee nicht mehr verpflegen. 
Des kostbaren Mittels, sich fBr geraume Zeit von seinen Verpflegnngs- 
trains unabhängig machen zu können, mufe man sich in Znkaalt 
so energisch als mSglich bedienen. Es liegt ein Moment der Über^ 
Icgenheit dariu!« 

Wir sind also für Fortfall des nicht durchaus notwendigen zweiten 

Paars Stiefeln; 
für die dringend wünschenswerte Oepäckerieichterong 

und 

für die Erhöhung der Stiigigen eisernen Portion 
auf eine 5 tagige und zwar in Konserven be- 
stehende. 

A»n allerwenigsten aber darfte es sich empfehlen, an Stelle 
der 3 Pfd.-Schube dem Manne ein Gewichisäquivalent an Patronen 
aufzubürden. Wir befinden uns da im vollen Einklänge mit dem 
"obenerwiihnton Artikel des Militär-Wochenblattes, dessen Vorschläge 
hinsichtlich der gleichfalls höchst wichtigen Frage des Munitions- 
Ersatzes uns allseitiger Beachtung wert zu sein scheinen. 

Die Fälle des »Vprs<hiofsens« im letzten Feldzuge waren zu 
zählen — da hilft auch die Munition der gerade in solchen Gefechts- 
lagen zahlreichen Todten und Verwundeten mit aus; es würde nicht 
ratsam sein, weil ein Verschiefsen vorkommen kann, dauernd die 
.ganze Infanterie de? Vortpil? dor nopHrkorleichterung zu berauben. 

jAhrbfichcr fir di« DenttcHfl Axm— ud Maziae. Bd XLTIIL. 9. 22 




326 ^ Wort tber Anonymitit nud Fteadonymitit. 

ObOTdien wurde der Mehrbetrag an Patronen (fßr 8 Pfd.) noch 
keine Sicherheit gegen das Vereehie&en bieten. 

ünd wie würde ee denn damit Überhanpt werden, wenn wir 
erst — frnher oder sp&teTi aber sicherlich, trois alles Striuibens — 

Repetirgewehre haben werden? 

Sollte also die Frage sieh dahin zuspitzen, ob Fortfall der 
Schöbe und entsprechende Mehrbelastung an Mnnitiont SO stimmen 
wir anbedingt für Beibehaltung des Bestehenden. 



XX. 

Ein ¥ort ül)er Anonymität und 
Pseudonymität 



Sowohl in der militärischen, wie in der friedlich (?) wissen- 
schaftlichen Welt winl \(n\ Anonymität und Psouilonyniität viel 
Gelu'anch gemacht, iiulossen iiiclit ohne dafs dieser Gebrauch hier 
njul da scliarie Angrirte crtahrt. Wenn diese meistenteils von solchen 
auszugehen pflegen, die auf eine ihnen ani^idiUch oder wirklich 
zustehende Autorität pochen, und wenn diese dabei den vollen Beifall 
derjenigen linden, deren Beijueinlichkeit mit ihrem Autoritiitssinn 
Hand in Hand geht und es ilmen am wünschenswertesten erscheinen 
läfst, die zusagende geistige Kost (und jede andere schliefsen sie 
grnndsiitzlich von ilirem iSpeisozetiel ans) trleielj an dem Anshänge- 
schilde des bekannten Schriftsteller nann-ns /u erkennen, so fehlt 
es doch auch nicht an ideal angelegten Kämpen für Wahrheit 
und Recht, die da meinen, dafs auch im Kam})le mit der Feder nur 
oÖene Visiere und bekannte Wappeuschilde erlaubt seien. 

Ist doch ein solcher ritterlicher Kämpe in* neuester Zeit so weit 
gegangen, das völlige Verbot der Schriftsteller- Anonymität für die 
Offiziere unseres Heeres z.u befürworten. 

Sehen wir daher einmal zu, ob denn der Anonymität die 
Lichtseiten in solchem Gi'ade mangeln und ihre Schattenseiten so 
duukel sind, dafs sie ein deraii;iges Verdammuugsurteil rechifertigeu. 



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Ein Wort Uber Anonjmitftt and Paeadonynüt&t. 



827 



Win man unparteiisch sein, so wird man sanlehsi angeben 
müssen, dals ein Antor, der sich als Schnftsteller nicht nennt, 
aanachst anf jede Autorität, die ans seinem Namen oder seiner 
Stellung helgeleitet werden könnte, Teniditet Üm so mehr wird 
er sieh genötigt sehen, die ron ihm Tertretene Sache mit Ornnden 
SU stdtien, sie selbst und die ihr innewohnende Kraft in den Vorder- 
grund, alles blos derende Beiwerk aurflcktreten su lassen. Die 
Verauchung, etwas nur deshalb zu befürworten, weil es gerade 
opportun, in weitem Kreisen beliebt ist oder anch des Autors pet^ 
sönlichem Qeschmacke, seinen Neigungen entspricht, ohne dals es 
sieh durch Yemunftgrnnde hinlänglich rechtfertigen Heise, wird 
ihm femer liegen, als etwa einem Schriftsteller von anerkannter 
Autorität, der mit dieser auch fQr sich persönliche Erfolge enielen 
zu wollen nur au leicht verleitet werden kann. 

Abgesehen von dieser subjektiven Ndtigung zu einer strengem 
Forschung und Darstellung lOr den betreffenden Schriftsteller selbst, 
wird man die Anonymität auch als der objektiven Wahrheit 
förderlich anerkennen müssen. Wird doch der Kritik jeil weder 
Zwang abgenommen, wie solcher durch hohe Stellung und Bang 
des Antors o<ler durch seine in malflgebeuden Kreisen anerkannte 
Autorität sonst mehr oder weniger ausgeübt wird. Wenn Friedrich 
der Grobe seinen Antimachiavell urspranglich anonym erscheinen 
liefs, wenn vor nicht lauger Zeit ein preulnsoher Prinz seine tak- 
tischen Annchten ohne Nennung des Namens der Öffentlichkeit 
Obergab, wenn neuerdings ein nordischer König seine militärischen 
Schriften unter unscheinbarem Titel in die Welt sendet, so entsprang 
und entspringt dies sicherlich dem starken Bewu&tscin, nnr das 
W^ahre und Eeohte zn wollen, und enthält zugleich eine freimütige 
Einladung an die Kritik, ohne Sehen und frei von jeder Neben- 
absicht ihres richterlichen Amtes zu walten, lediglich im Sinne des: 
»flat institia et pereat munduslt 

Und die Kritik selbst, wie kann diese sich auch nur der 
Anonymität begeben, wenn sie den aufrichtigen und festen Willen 
besitzt, einerseits sich durch nichts, auch nicht durch konventionelle 
Rücksichten, von strenger W^altnng ihres hohen Richteramtes ab- 
halten y.ii lassoK über auch weder eine andre Autorität, als die der 
gesunden Vernunft, ausüben, noch für sich selbst eine solche als 
Quelle der Macht und gefürchteten Einllusses gründen zu wollen? 
Audrerseitö kann, darf und soll die namenlose Kritik, schon weil 
eine Vergeltung ausgeschlossen ist, eine im höchsten Grade un- 
parteiische seiu. Dals ich hier nicht vou jeneu Scheinkritiken 

22* 



828 



Ein W(nrt fAar Awmynittt und PaendoBymitit 



rede, die lediglich die wohlwollende Einfahmng eines Werkes in die 
Leserwelt bezwecken, ist Relbstrerstandlich. 

Gewicht» Richtigkeit und Würde des Urteils kaun durch do9<;en 
Anonymität nur gewinnen, ohne dafs darunter weder die Höflichkeit 
der Form noch selbst ein aufrichtiges Wohlwollen sa leiden braucht. 
Fällt das Urteil zustimmend und anerkennrad aus, so liegt der 
Verdacht einer schmeichelnden Absicht fern, enthält es Tadel und 
Ausstellungen, so bleibt ihr der Schein der Auiaabnng erspart, der 
sonst leicht denjenigen trifft, der über Andere, namentlich über 
Höhergeetellte urteilt. 

Aber, wenn die Anonymität nun eben bestimmt ist, den Mangel 
aller Autorität, jeder besoudereu l^eriM ]iti<rung zur Ansichtsäufiierung, 
wie sie etwa Stellung, Rang oder l)ekannte lEinge Erfahrung ver- 
leiben, so decken oder zu verdecken? Nun, ich meine, dann ist die 
Anonymitat erst recht erlaulit und am Platze! Sie verleiht keine 
andere Starke, als die, unerkannt das für wahr und richtig Gehalteue 
' anssprechen und begründen zu dürfen, und sie befreit den Leser von 
vielen ererbten oder anerzo<j;enen Vorurteilen, mit denen er dem 
Neuen entgegenzutreten ptitgt. Und wer wollte verkennen, wie 
vielfältig und wie müclitig unter Umständen diese Vorurteile sind? 
Das »si duo faciuut ideni, non est idem« gilt vor Allem in der 
Litleratur. Was aus dem Munde einer iiltbekannten Antoritilt, eines 
Mannes von hoher Stellun*; und triofwer Erfahrung selbst ungepi ütt 
leicht (ilauben lindet. wie scinver und wnelitii^ mnfs es mit Gründen 
gepanzert werden, wenn es nur der l'eJer eines überzeugten, aber 
vorzugsweise oder lediglich durch Ötudiuni nud Nachdenken zu 
seiner Überzeugung gelangten, jugendlichen Schriftstellers ent.sprintit, 
dennoch aber Grund und Boden gewinnen, ja überhaupt nur gew- 
iesen werden soll! 

»Was kann der Hauptmann X, der Lieutenant Y wcdil darüber 
zu sagen halten, was nicht von Aiulera schon iiesser gesagt worden 
wäre?« so sagen sich vorkommenden Falls w<»lil Viele und derer, 
die, wenn auch mit der Brille dieses Vorurteils der Sache entgegen- 
trettmd, sie doch wenigstens ihrer Kenntnisnahme würdigen, sind 
die Wenigsten. Die Mehrzahl spart sich diese Kenntnisnuhme ganz 
und fühlt sich vollkoinnien wohl in der Ansicht, deren historisches 
Prototyp lautet: »Was kann uns von Nazareth Gutes kommen?'; 

Ist es in solchem Falle nicht besser, durch Anonymität wenig- 
stens den Zweifel zu erregen, wer ei^^entlich der >Namenlose<- sei. 
und ob nicht doch eine schrift.stelleriKche Macht dahinter stecke, die 
aus ganz besouderu Gründen sich diesmal in den Schleier von Sai's 



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Ein Wort Aber AnooymiUit and Paeudonymität. 329 

gehüllt? Wer will es dem, weldier tod der lÜchiigkeit seiner 
Überzenguiig, von der Wahrheit seiner Gedaoken, ton dem hohen 
Werte sdnes Gegenstandes durchdrungen ist, yerargcn, irenn er, 
diesen seinen hochgehaltenen Sehatnn das Tolle Licht des Tages lu 
achem, sie tot dem Schatten sn bewahren sucht, den die Dunkelheit 
seines eignen »Ich« auf sie werfen k9nnte? 

Aber noch weit triftigere Grande können den Schriftsteller 
znr AttonymitSt Tcranknen, ja solche ihm geradeiu sur Pflicht 
machen. Wie die Welt nun einmal kt, toU ron geheil^^n Vor^ 
urteilen, so sind es eben diese, welche aller natnrgem&lsen und 
notwendigen Entwickelung sich anfo schärfste und leider auch aufs 
mächtigste cutgegenstemmen. Und der Kampf gegen sie ist ein 
Kampf, in welchem nur die gewaltigste RSstnng, die stärksten 
Waffen, die gröfste Krieepricunst den Sieg langsam und allmShlich, 
kaum jemals aber ohne Wunden und Opfer erringen kSnnen. Wer 
Wülste nicht, wie jede kldnste, wenn anch oft nur scheinbare 
Bl5fse, welche der Persönlichkeit des Streiters anhaftet, dann 
auch XU einer Schwäche der von ihm veriretenen Sache wflrde, wie 
schwer letatere leidet unter allen gegen ihren Ritter gerichteten 
Vorurteilen und Abneigungen? Ein jedes dieser geheiligten Vor- 
urteile hat ane mScfatige Schar von Anhängern, in der Mehrzahl 
ehrliche, harmlose Tielleicht, geftthrte oder düpierte, aber sicherlich 
fehlt es nicht an klar und hell sehenden Köpfen unter den Föhrem, 
an solchen, welche die innere Sohwiche ihrer Sache kennen, deren 
persönliche Interessen aber gerade mit dieser Schwäche aufs innigste 
verwebt und yerkufipft and. Und solche Gdster kämpfni in der 
Regel mit allen Mitteln, ihnen gilt es gleich, wie sie die Vertreter 
der Wahrhdt nun Schweigen bringen: wenn die Streiter unterliegen, 
unterliegt anch die Sache. 

»Aber, gerade in solchem Kampfe ist es ritterlich, brav und 
k&hn, mit offenem Visier zu kämpfen, sei es auch auf die Gefahr des 
Unterganges!« Gewils, und unritterlich wäre es, wenn ein Roland 
oder Ilnon sich verhflllen, wenn er den Kbing seines Namens, seines 
Schildes und Schwertes der guten Sache vorenthalten wollte. 

Aber wir sind eben nicht alle Rolande oder Paladine ohne 
Furcht und Tadel und haben doch den guten Willen, unser Scherf- 
lein beizutragen für die als gut erkannte, lioch und heiliggehaltene 
Sache. Warum diese verkleinern durch die Unscheinbarkeit ihrer 
Ritter? Oder soll man sich drängen zum vorzeitigen Fall, zum 
Martyrertum? lüs ist ein eigen Ding um das Martyrium. Wenn 
es verlangt wird von uns, wenn es übernommen werden muls, dann 



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Ein Woit ftbflv Anonymitife und Plendoiqriiiitli. 



darf sich ihm Niemand entziehen, der noch Anspruch macht auf 
Namen, Rechte und Pflichten eines echten Ritters. Aber Eines 
müssen wir klar vor Aiif^en halten: »Sich im gegebenen Falle 
dem Martyrium nicht entziehen, ist eine rein persönliche 
Ritterpflicht, der Märtyrer l)eweist durch sein Martyrium 
wohl die Reinheit seiner oi'^enen l'berzpngTinp, objektiv 
aber, für die Wahrheit der von ihm vertreteneu Sache 
beweist er dadurch gar Nichts! Der besten, wie der 
schlechtesten 8ache hat es an Märtyrern nie gefehlt. In 
letzterer Beziehung b^larf es wohl nur des Hinweises auf den 
russischen Nihilismus! 

Beweist aber selbst ein freiwilliges Märtyrertum nichts für die 
Güte einer Sache, wie viel weniger ein aufgezwungenes, vorzeitig 
herausgefordertes oder gar mutwillig heraufbeschworenes. Solch 
vorzeitiges Märtyrertum bringt die gute Sache nur um ihre Soldaten, 
es lälst die Kämpfer fallen vor der Schlacht, wie blofse Marodeure. 

Gerade da, wo es gilt, scharf bestrittenen Wahrheiten, die 
von Vorurteilen umdiistert und angefressen sind, freie Bahn zu 
schaffen, niufs mit Umsicht und Vorsicht, kann nicht objektiv 
genug verfahren werden. Rs ist daher auch alles zu vermeiden, was 
dem Kampfe ein persönliches Gepräge verleihen könnte. Und dies 
zu vermeiden dient vorzugsweise die Anonymität. 

Vielleicht begegne ich hier dem Einwurfe, dafs derartige Ver- 
hältnisse, dafs persönliche Anfeindungen oder gar Verfolgungen 
innerhalb der Armee undenkbar seien, dafs militärische Schriftsteller 
ohne eigene Schuld derartige Folgen schwerlich zu gewärtigen hätten. 
Das kann bis zu einem gewissen, ja bis zu einem ziemlich hohen 
Grade zur hohen Ehre unserer Armee zugegeben w^erden. Aber 
auch das Offizier- Corps der Armee besteht aus Menschen, und je 
höher der Elirenpunkt in der Armee gehalten, je feiner das Ehr- 
gefühl ausgebildet wird zum gewifs nicht hoch genug anzuschlagenden 
Nutzen des Ganzen, desto höher und reizbarer wird auch die 
Empfindlichkeit. Die persönliche Seite eines Federkampfes sollte 
danim gerade innerhalb der Armee aufs Sorgfältigste vermieden 
werden. Geschieht das nicht, so sind die Folgen meist um so 
trüber, obgleich sie auch dann freilich selten so drastisch zu Tage 
treten, dals sie jedem profanen Aoge richtbar werden. Wo dies 
deniHMii gesdiieht, da ist es wenigstens mm groben Teil die Schuld 
des oder der Strriter. Dagegen fehlt es den wichtigen Strritpnnkten, 
▼or allem denen, wo es rieh um weittragende Frinsipim handelt, 
wohl niemals an MotiTen und ADlSssen, welehe peraSnliche 



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Ein Wort fiber Anraymittt und pMndoiiymittt. 



331 



Heziuhungen tief anrflliren iiikI bei unvorsichtiger BehandloBg nnter 
Umständen wohl gar zu tragischen Konflikten nnd AuBgüngen führen 
können. 

Ob 2- oder Sgliedrige Stellang der Infanterie, oh Kürassiere, 
Ulanen, Dragoner und Husaren oder Einheits-Kavallerif, ob Trennung 
von Feld- und Festungs-Artillerie oder einheitliche Organisation, ob 
ein Kinheitsgeschütz der Feld-Artillerie oder mehr Kaliber, vielleicht 
sogar Geschützgattungen — das alles sind Fragen vom höchsten 
militärischen Interesse und auchgewils zar objektivsten Behandlung 
nicht nur geeignet, sondern einer solchen geradezu bedürftig. Aber 
welch' eine Fülle persönlicher Beziehungen knüpft sich an dieselben 1 
Ist nicht die Anhänglichkeit an das alte, lange geübte und gehegte, 
an alte Taktik, alte Organisation, ja Wafl'e und Uniform tief in dw 
menschlichen Natur begründet und an und für sich eine gewisse 
ehrende Rücksicht fordernd? Und doch, wenn diese mehr im 
Gefühl, als im Verstände wurzelnden Uücksichten zu anspruchs- 
voll nnftrtten oder von der andern Seite zu scharf angegriffen 
werden, weiche Konflikte orgeben sicli da. die zum Nutzen des 
Ganzen und dos Einzolnon besser vermieden würden! Ich erinnere 
nur an die Vertreter der glatten gegenüber den gezogenen Gewehren 
und Goschützen zu einer Zeit, als dem kundigen Auge schon der 
Sieg der letztern unzweifelhaft, ja als er schon endgültig entschieden 
war. Wenn Einzelne derselben in<^}ir oder weniger iVeiwillig von 
der militärischen Bildfläolio verschwanden, so mag mim dies als ein 
Schicksal, welches der i iHjrzeugungstreue stets beschieden ist, so 
V)ald sie sich der unterliegenden Sache zuwendet, nur eines raensoh- 
liehen Bedauerns wert erachten, sicher ist, dafs auch djilioi tiielitige 
Kräfte (lein Dienste des Königs und Vaterlandes vorzeitig vorloren 
gegangen sind, die ihm hätten erhalten werden können, hätten sie 
es verstanden, ihre, wie tief auch inuner gowuizolton Überzeugungen 
lediglich mit Gründen im kühlen Schatten der Anonymitut zu ver- 
fechten. War im Gruadc nicht doch vielleicht mit der Überzeugung 
von der Richtigkeit des vertrotonon Prinzips auch ein Gefühl per- 
sönlichen Ehrgeizes verknüpft, welches auf die Früchte eines evont. 
siegreichen Kampfausgangos auch für die eigene Persönlichkeit 
nicht verzichten wollte? Wurde letztere nicht wesentlich deshalb 
mit in den Untergang der Sache verwickelt, weil sie den Kampf 
nicht lediglich um der Sache willen, sondern auch für sich selber 
kämpfte? Sicherlich — inul Ivliiier der liitziasten Streiter (.•\reolav) 
fand sein tragisches Ende wohl kaum unverschuldet, nicht nur, weil 
er seine »Pseudonymität« allzu durchsichtig erhellte, sondern w^eseut- 



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832 



ISb Woft ttber Anonymitit und Pfeendoiijmitit. 



lieb, weil die Mafslosigkeit seiner Kampfesari in Form und Wesen, 
die personlichen Beschuldigungen der Gegner nach vielen und zum 
Teil empfindlichsten Seiten hin seine eigne Kampfstellung um so 
stärker prR( hütterten . luftiger und phantastischer sie von Hause 
aus gewesen war. Selb>>t, wpnn er sciiio PsPiidoiiymitat zu wahren 
gpwnfst, würde ihm sein eignes (ict'ülil ganz zwcifpllos }XP5sagt haben, 
d'fifs f's f(ir ihn keine Stelle mehr gab in den Keihea derjeuigen, die 
er so schwer, so unsühnbar beschuldigt. 

Die Pseudonymität kann ein solches Verfahren noch weniger 
decken, als die Anonymität. Sie unterscheidet sich von letzterer 
wesentlich durch den Anspruch, dem Hngiortt^n .\utornamen eine 
bestimmte Autorität, eine geistige Macht zu schaffen, der Leserwolt 
gegenüber gleichsam eine Firnui zu begründen, deren Klang ihr 
ungefähr sagt, was und wie viel sie zu erwarten habe. Die Pseu- 
donymität hat daher stets auch persönliche Zwecke im Auge, 
namentlich Begründung eim s luittstellerrufesl Oder, sie will die 
Maske der Anonymität noch verdichten, den Autor anderswo oder 
als einen andern erscheinen lassen, als er ist. Ob dies gerechtfertigt 
oder verwerflich, darüber kann im einzelnen Falle nur die Natur 
der Beweggründe entscheiden. 

Mahnt dies Alle« aber nicht, dafs gerade da, wo es sich um 
Dinge des Verstandes, der Überlegung handelt, und Dinge, über die 
nicht einmal grofse Erfahrung vorwiegend entscheidet, noch weniger 
aber (lefühl und Her/enst t regung, sondern lediglich Gründe, dafs da 
Alles fern zu halten ist, was der vollen Objektivität irgend f]intrag 
thun kann, dafs in der eigentlichen Kampfperiode daher auch die 
Persönlichkeit der Streiter am besten ganz zurücktritt in den tiefen 
Schatten selbstloser Anonymität? 

»Aber damit, so höre ich einwenden, wäre die Arena zu Vielen 
eröfliiiet, das Kampfgewühl würde zu dicht, wer hätte Lust und 
Zdt, sich in dem Qewirre zarecht za finden?« Icli meine, daa 
win nicht so arg. In militärischen Zeitschriften bürgt schon deren 
Ruf und die Pnraönlichkeit des bekannten Bedakiears dafür, dab 
Mittelmälsiges nidit überwuchert and, was die Broschürenlitteratnr 
betrifft, 80 bilden die Herrn Verleger eine Sdunnke, die nicht zu 
unterschfttKn ist und für ICenehen die AolMshrift trägt: »Lasciate 
ogni sperania!« 

Ein Andres ist es, wenn es sieh um Dinge handelt, welche 
wesentHcb anf persönlicher Eri»hrang and Bürgschaft bemhen, 
geschiehtliehen Oarstellnngen, Erinnerangeu, . wissetischaftlichen 
Systemen and Methoden. Wenn aach bei derartigen Enseugoissen 



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StaaiVk Msttr Baid Jom BMA ms gMehen. 



S88 



in der Litteratur häufig voo der Anonymität oder einer zeitweiseii 
PReudonyinitat (iebrauch gemacht wird, wohl am der (p'örsern 
Freiheit willen in Aufdeckung der Wahrheit, so mvSB etwa der 
innere Wert der VeröiFentliehung den in diesem Falle immerhin 
empfindlichen Mangel des Autornamens ersetKen. 

Znm Schlüsse aber mufs ich den Haupf vorwarf berühren, welchen 
man der Anonymität macht, nämlich dafs sie nur allzuoft dazu 
diene, persönliche Augriffe zu fähren und den Autor derselben vor 
der Verantwortung zu schlitzen. 

Ich meine, hier gilt der alte Grundsatz: »abusus non tollit 
usum.« Gewifs kommt dieser Mifshraiich vor, aber eben die Ano- 
nymität schwächt dann auch bekanntlich am meisten die Stärke 
des Ant^riflFs, Dafs letzterer aber unter allt-n Umständen schon des- 
halb ungerechtfertigt sei, weil anonym irfolge, kann nicht 
ziipof^eben werden. Die Anonymität kann auch eine Festung sein, 
welche die schwächere Stellung des einen Gelmers, der sich deshalb 
nicht u:»Tado im Unrecht zu l)efindou bnunlit, ^f^jjenübor dem 
mächtigern stärkt und dadurch die Kampfbedingungen einigermafsen 
ansploicht. Mindestens aber, so glaul^e ich, hat die Anonymität 
ebenso oft flazu Heigetragen, ihre Träger vor persönlichen Angriti'en 
und Gehässigkeiten zn schützen, als sie umgekehrt zum Schlendern 
hinterlistiger Pfeile gegen offen und ehrliche (Je^ner mifsbraucht 
w<ir(len ist. Im letztem Falle fliegt der Pfeil übrigens bekanntlich 
oft genug auf den Schützen zurück, den er zu treä'eu weils, auch 
wenn und obgleich er der Welt unbekannt ist. 

Und nun, geneigter Leser, wirst Du es dem Verfasser dieser 
Auslassung hoffentlich nicht übel nehmen, wenn er auch selbst 
anonym bleibt, da es ihm nur darauf ankam, sein un]mrteiisches 
Urteil in einer so sehr verschieden beurteilten Angelegenheit abzu- 
geben: »Keinem zu Lieb' und Keinem zu Leide!« 



Stuart's letzter Eaid vom Sattel aus gesehen. 

Der junge Georg Beale, Sohn des Generals gleichen Namens, 
Teilnehmer an jenem groIi*en strapaziösen Haid, hat an seine Eltern 



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834 Staut*« letiter Xteid vom Sattel ans gmhm. 

zu jener Zeit Briefe geschrieben, die deshalb sehr interessant sind, 
weil sie gewisserntafsen als Illustrationen zu jenem in .seiner Art 
fjist einzigen Kitte dienen, den wir früher einmal iti diesen Jahr- 
büchern lediglich aus den offiziellen Herichton znsammeugestellt hatten. 
Der jnnge Manu war gemeiner Kavallcri-^t und ansfjewIihU, jenen 
Raid mitzumachen. Er schreibt in seinen fesselnden Briefen u. A. 
folgendes: 

Am 24. Juni früh 3 Uhr gingen wir heim Thonuirrhiare Passe 
(vcrgl. die Kai-to in Hand XXXITl) ülter die Bull Run Ber^^'e und 
griffen einen fciiidliclien Wageutnün an, indem wir einige Granaten 
in den Zug feuerten. Die Nacht darauf war kalt und regnerisch, 
was um .so unangenehmer war, als wir dieselbe ohne Feuer im 
Freien zubrachten. Am näch.sten Tag sollten wir die Yankees bei 
Ih'istol Station angreifen, aber sie hatten sich schon vorher gedrückt. 
Naebdem wir den ganzen Tag marschiert waren, kamen wir Abends 
beim Flusse Occoquan an. 

Am Sonnabend frfih (den 28.) grifTen wir den Feind bei P^air- 
fax (C. H.) an, schlugen ihn in die Flucht, nahmen einige lietangene 
und Vorräte uml versahen uns mit frischen Hati(nien wie Portionen, 
da wir in den letzton Tagen grofsen Mangel gelitten hatten. Tn 
den Speidieru fanden wir prächtige, lanirentbebrte Delikatessen, mit 
denen un.>;ere »Rebelleuschnähcl« natürlich kurzen Prozefs machten. 
Leider mufsten wir in Erwartung eines Angriffs in Reih und Glied 
bleiben, so dafs wir manche laug vermifste Sachen, die dort lagen, 
nicht niitnehmen konnten. Bald In-adn n wir wieder auf und ritten 
in beschleunigtem Tempo nach Drainesville, wo wir bis zur ein- 
brechenden Nacht in Suhlachtordnung .standen, dann ritten wir /u 
>Eineni« auf schmalen Sidileichpfaden durch die stockfinsteren 
Wälder, gingen aut einer genihrlichon Furt durch den Potomak, 
ohne einen Unfall erleiden, uud erstiegen eine Höhe, auf der wir 
den He.st der Nacht in Reih und Glied zubrachten. Mit dem ersten 
Morgengrauen marschierten wir weiter, griffen etwa eine Viertelmeile 
von dem Flusse entfernt den Feind an, warfen ihn über den Hänfen 
und nahmen ihm einige (ieiangene ab; dann wurde so schnell wie 
möglich etwas gefuttert uud nach Rockville marschiert, in dessen 
Nähe General Hampton noch in Schlachtlhiie stand, da er so eben 
ein Gefecht gehabt, wobei er Wagen genommen und Gefangene 
gemacht hatte. Da General Hampton den Feind in grofoerer Silxlie 
vermutete, hatte er unsere Anknnft abgewartet, am einen allgemeinen 
Ai^pnff zu machen. Sobald wir heran waren, wurde sum Angriffe 
vorgeritten. Wir jagten die Strabe etwa 1 Vs deutsche Meile entlang 



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8tQart*b leteter Said 



335 



und nahmen 200 prichtige Wagen und 1200 der aehSnetea filaul- 
eael, die ich je geeehen lube, mit einer Menge von Gefongenen und 
Negnm, den leisten Wagen holten wir erst bei Georgetown (nieht 
weit von Washington) ein. Die gansse Äffaire war eine der merk* 
wfirdigiten des ganzen Krieges. Eine völligo Panik hatte sieh dee 
grofsen 1 (deutsche) Meile langen Trains bemächtigt, nnd die aben- 
teaerlichflien Seenen kamen vor. Viele Fahrzeuge fanden wir um- 
geworfen, zerbrochen oder verbrannt, deren Zagtiere (Manlesel) and 
Fahrpenonal (meist Neger) waren entwischt. 

Aber der Train, der noch im Marsche war, sollte uns nirht 
entgehen, deshalb jagten wir ihm nach. Das Gefecht wie die Jagd 
auf die Wagen nnd deren Eskorte war das Aufregendste and Spals^ 
hafteete, was ich in meinem ganzen Leben erlebt habe; obgleich es 
andererseits allerdings jämmerlich anzusehen war, wie hier und da 
in obontürzter Flucht die Wagen nnd Maulesel unter- und über- 
einander gestürzt waren and mitten auf der Strafse vollständige 
Barrikaden bildeten. An anderen Stellen hatten sich die Wagen so 
iBeinaiider gefahren, dafs sie gar nicht mehr anaeinander zu wickeln 
waren. Es sah dann wahrhaft erbärtnlich aus, wie die omgefaltenen 
nnd im Geschirr verwickelten Maulesel schrieen und strampelten, 
nm sich ans ihrer oft undenkbaren Lage herauszuarbeiten. 

Als wir von der lustigen Jagd nach Rockvitle zurückkamen, 
trafen wir General Fitz Lee, der so eben von einem ähnliehen 
Unternehmen auf einer anderen Strafse zurückgekommen war; auch 
er brachte, wie wir, eine Menge Gefangener zurück. 

Von Kockvilln marschierten wir die ganze Nacht hindurcli u;\c\\ 
Norden und kn iizten früh Morgens die Haltiniore-Ohio-Bahn, welche 
wir auf eine bedeutende Länge hin zerstörten. Trotz des Naeht- 
marsches wurde die Bewegung nicht unterbrochen, sondern wir 
ritten noch den ganzen Tag hindurch und hatten sogar Abends 
noch ein recht scharfes Gefecht bei Westminster, in wel( hein uu>er 
Regiment 2 Offiziere verlor. Der Feind aber wurde ^^esi hlageu nnd 
der gröfste Teil desfelben zu Gefangenen gemacht. Glücklicherweise 
erbeuteten wir eine Menge X'orräte, welche wir Verschmachteten 
uns trefflich munden lielseu. Was wir nicht brauchten, wurde 
verbrannt. 

Naturlich waren die Mannschaften auf das Anfserste erschö])ft; 
trotzdem aber konnte keine längere Ruhe als 4 Stunden gewährt 
werden, nach welcher wir sofort wieder im Sattel safseu uud nach 
dem StiUltchen Hannover in Pen.sylvanien ritten. Erst unmittelbar 
vor der Stadt erfuhren wir, da£s dieselbe vom Feinde stark besetzt 



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Stoart^ Mstar Btid vom Sattel aw gflaelMii. 



sei. Qfi'en gestanden, berührte uns diese Nachriebt sehr peinlich ; 
denn da Rofs und Mann vollständig ausgehungert waren, so erfüllte 
nns die Aussicht auf ein Gefecht mit einiger Beeoi^ius. Trotzdem 
mufste angegriffen werden. Während ich mit einem Ueinea Trupp 
anf den linken Flügel geschickt wurde, nni dort einem etwaigen 
Flankenangriff zu begegnen, griffen das 13. und 19. Virginia- und 
2. Carolina- Regiment den Feind in der Front an und machten sich 
tu Herren der Stadt; aber der Feind madife einen Gegenangriff und 
warf unsere in grofse Verwirrung gebrachten Leute wieder zum Orte 
hinam. Leider verloren wir bei dieser Gelegenheit eine Menge 
Kameraden. Wie gesagt, nahm ich an dem Gefecht keinen un- 
mittelbaren Anteil, aber die Meinung war, dafs wenn die Lonfc 
ihre Schuldigkeit gotlmn hätten, die Stadt gehalten worden wiire. 
Dir Schlappe, welche wir hier erlitten, hnichte uns, wie allgemein 
angenommen wnrde. in eine recht kritische Lage: In der Front 
gehitulert, weiter vor/u marschieren, kaum "> Meilen von der feind- 
lichen Hauptiuniee entfernt und beschwert durch die Mitnahme 
eines y^liUosen Wagentraiiis, und wir selbst nicht stärker als etwa 
1000 hall) /usaninu'ngel>i(^( heue Menschen und Pferde, war unsere 
Lage allerdings keine beneidenswerte, aber dadurch, dafs wir den 
Feind in der Front stark mit Scharfschützen belästigten und die 
Stiult auf das Heftigste bombardierten, bekamen wir so viel Luft, 
um mit unserem ganzen Ballast in weitem Bogen zu entkonmien, 
ohne verfolgt zu werden. In dem heutigen Gefechte nahmen wir 
dem Feinde ebenso viele üetangeue ab und tödteten ebenso viele 
derselben, als wir .selber verloren, obgleich Oberst Payne und ver- 
schiedene Offiziere auch unsererseits gefangen genommen waren. 
Von den Anstrengungen, welche wir zu erdulden hatten, möge der 
Umstand sprechen, dafs wir von Hanover aus die ganze Nacht und 
den näi listen ganzen Tag hindurch fortwähreiul nuirschierteu und 
erst gegen Abeiui die Stadt Carlisle zu (iesirht bekamen. Sicher 
hatten wir gehofft, hier unsere Armee unter den Befehlen des 
General Ewell anzutreffen; doch wie grofs war unser Erstaunen, ja 
Entsetzen, als wir erfuhren, dafs die Armee den Ort bereits seit 
24 Stunden verlassen hätte, und dafs die Stadt vom Feinde stark 
besetzt sei. 

Mir fehlen wirklich die Worte, Encli auch nur einen ungefähren 
Begriff zu geben von der gänzlichen Ermüdung, ja P^rschöpfnng und 
Eutnmtigung von Mann und Hofs. Dun h die grofsen Anstrengungen, 
die fortwährende ( iemütserrepung und deu Maugel au Schlaf und 
Nahrung waren unsere Leute so überanstrengt und so ermattet, dals 



Stoartli letetdr lUd vom Sattel «u g«Mli«a. 337 

sie fart betiobt warm und die meisieti nicht melir Wolsteii, was 
eigentlich am de her Tinging. Selbst in der Front, trots der Er- 
wartongt jeden Äagenblick ins Gefecht zu mfissen, fielen die Leute 
anf die Hälse ihrer Pferde und selbst auf den Boden, nm sofort 
einznschhifen; Qrdonnanaen, weldbe Offizieren BeCßhle zu flberbringen 
hatten, miren meist gezwnngai, dieselben anzurufen oder gar zn 
rflttelu, um sie zum Leben zuröckzurufen. 

Sobald wir die Stadt erreichten, forderte General Stuart dieselbe 
znr Übergabe auf, was abgelehnt wurde; zwar wurde ein AngriiF 
gemacht, derselbe abw abgeschlagen, indem der Feind aus den 
Fenstern der massiven HSuser schofs. In ¥o\^v dessen zog Stuart 
seine Artillerie heran und erößnete eine furchtbare Kanonade, 
welche nnr schwach beantwortet wurde. 

Schwach und half los, wie wir nun waren, liatt«^ unsere Be- 
sorgnis und Spannung einen geradezu peinlichen Cirad erreicht, der 
Gedanke, noch den Wageutrain /u retten, war längst fallen gelassen, 
und wir begannen nur noch darüber nachzusinnen, wie wir nus 
selbst retten möchten. Anders aber dachte unser Stuart, der 
»Freund der Frauen«; ihm kam der Gedanke nicht einmal nahe, 
daf^ unser Train in Gefahr, oder sein(> Leute etwa nicht fähig seien 
zn fechten. Er konnte nicht gleichmütiger erscheinen mit frischen 
Leuten und Pferden und in günstiger Lage, als jetzt in dieser ab- 
scheulichen Situation. Er gab die nötigen Befehle, und in Folge 
dessen mufsten die Meisten von uns bis 12 Uhr ^'efec htsbereit in 
den Sätteln bleiben; obgleich weder die Aussicht auf ein Hand- 
gemenge, noch der Donner der Artillerie, noch auch die helle rote 
Glut der breunenden Stftdi »zum ersten Mal in Feindesland« mich 
in jener Nacht wach zu halten vermochten. Uni Mitternacht, denn 
Ruhe und Rast gab es nicht, l)raclien wir witMlernni mit dem ganzen 
Wagentrain auf, woImm (Iciieral Fit/. Lee die Nachhut helehiigte, 
und erreichten nach unsäglich anstrengendem Marsche im ersten 
Morgenschimmer den Gipfel des Smith Momituin Gebirges. Das 
ganze Gebirge erglühte im Widerschiinr der In-ennenili-ii Stadt. 
Ermiiilet, erschöpft wie ich war, hatte ich keinen anderen (iedanken, 
beim Anblicke des breunenden Carlisle. als halb im Traume naeh- 
/iisiiinen über ilie Schlechtigkeit und tlie Schrecknisse dieses un- 
seligen Krieges. Erschreckte Frauen, welche mit sclireienden Kindern 
in Angst den brennenden Häu.sern entflohen, konnten nicht mehr 
im Innern erschüttert sein, als V^iele von uns in jener Nacht beim 
Anblick des Brandes der tVindlichen Stadt, und d.nn()ch sind wir 
von unseren Feinden »Vandalen« genannt worden! Die aufgebende 



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388 Stuirt*! leteter Biid tom Sattel am gnAm. 

Sonne beleuchtete oben auf dem Bei^ eine Truppe von Männern, 
so abgearbeitet und za Tode ermattet, wie ein Tag sie wohl selten 
beschienen hat; aber wir hatten wenigstens nnswen Train gerettet 
nnd dm Feind weit hinter uns gelassen. Doch noch immer war 
uns keine Rnhe vecgßnnt; denn wiederum wurden wir aufgeschracht 
und ritten vom Sonnenaufgang bis Mittag nach Westen und zwar 
in geschlossenen Gliedern» weil wir jeden Augenblick den Ueberfall 
der feindlichen Kavallerie zu erwarten hatten. Etwa nni 12 Uhr 
erreichten wir endlich die Vorposten unserer Hauptarraee! Dies 
hätte unter Umstiuiden an Grand der Freude und dankbaren 
Kntsückens i^ein können, aber wie aagenblicklich die Sachen lagen, 
war nir Freude auch nicht der geringste Grund vorhanden, denn 
unsere Armee war gerade an diesem Tage in die fürchterliche 
Sohlacht bei Gettysburg verwickelt, wohl ahnten wir, sobald als 
wir dies erfuhren, dafs trotz unserer unsagbaren Müdigkeit an die 
längst ersehnte Rast nicht eher zu denken wäre, als bis auch dieser 
Kelch noch ausgekostet war. Wir marschierten denn auch getreu 
unserer Ahnung sofort in die Schlachtordnung hinein und hatten 
bis zum Einbrüche der Nacht sogar noch kleine Gefechte z\i be- 
stehen. Als die Dunkelheit eintrat, kam der Befehl, dafs auch in 
der nilclist^n Nacht die Kavallerie in lieih und (^lied aufmarschiert 
bleiben sollte, um den Feind zurückzudrängen, im Falle er auf 
dieser Seite augreifen sollte. Als aber General Stuart von einem 
unserer Offiziere erfuhr, dafe unsere Kräfte schliefslich an der Grenze 
nienHchlicliHu Kiinnens angelangt seien, kam er selbst herbei, um 
sich von dcni Zustande der Truppe zu überzeugen. Bei dieser (ie- 
legenheit sah er zunillig, dafe ein Mann unserer Brigade, der den 
Versuch machte, über einen Zaun zu steigen, auf demselben liegen 
blieb, weil er plötzlich eingeschlafen war; er gab nun den Befehl, 
dafs wir diese Nacht ruhen möchten. Wir marschierten dazu nur 
einige 100 Schritt zurück, warfen unseren Pferden Futter vor und 
schliefen natürlich wie die Todten. 

Mit Tagesanbruch hörten wir schon den furchtbaren Donner, 
mit dem der heifse Tag bei Gettysburg die aufgehende Sonne bo- 
grüfste. Lauter und lauter wurde der Lärm der Geschütze, der zur 
Frühstiickszeit geradezu betäubend wunlc; dann wurde das Feuer 
etwas schwächer, und die Kavallerie in Folge dessen ganz aus dem 
Bereich des Feuers lierausgezogen und auf den Flügel gestellt; doch 
waren wir noch nahe genug, nm an dem immer wieder stärker 
werdenden Artilleriefeuer die Gewifsheit zu haben, daft> unsere 
Brüder und Kameraden in fürchterlicher Schlacht sich befanden, 



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Statrt^ letator-Bsid vom BtMA tw gwdieii. 



and Tod und Unheil ihre Ernte hielten. Obgleich wir auf dem 
ftnlsersten linken Flflgel den gansen Tag fiber eineu Angriff 
erwartet hatten, wurden wir doch erst nm 12 Uhr von der feind- 
lichen Kavallerie attackiert, und habe ich, obgleich das Gefecht nur 
3 bis 4 Stunden währte, iu dem guaen Kriege kein eo schweres 
Treffen erlebt. Der Feind focht gut; doch unsere Leute hatten 
nicht die Abeicht, auch nur einen Zoll zu weichen. Das (Jefecht 
fand auf einer grofsen Ebene statt, in welcher wir eine starke Linie 
abgesessener Scharfschiit/en vorgeschoben hatten. Der Feind ver* 
sachte diese Linie in die Wälder zurückzudrängen. Dies gelang ihm 
an einer Stelle, und suchte er die Gelegenheit auszubeuten, indem 
er unsere hart gedrängte, zurückgehende Schützenlinie durch seine 
Kavallerie angreifen liefe, um das ganze Feld von unseren Scharf- 
schützen zu säubern. In diesem Augenblicke aber stürzte unser 
Regiment und das 13., welche nach den herben Verlusfeen zusammen 
nicht mehr als 150&fcbel ins Gefecht brachten, vor, nm der Attacke 
der Yankee zu begegnen. Beide Limen stielSran gerade an einem Zaune 
aufeinander, der zu hoch war, um ihn Qbenpringen zu können. Der 
Feind war stärker wie wir und fing mit seinen Scharfschützen an, 
in unsere Reihen zu schiefscn. Aber wie der Blita waren wir von 
unseren Pferden herunter, rissen den Zaun ein und trieben die 
feindlichen Reiter aus dem nächsten Felde hinaus und über einen 
zweiten Zaun hinweg, so dafs sie sich schliefslich auf ihre Artillerie 
zurückzogen. Wir mufsten vor dem scharfen Feuer langsam zurück- 
weichen, wobei uns der Feind vorsichtig folgte, doch winden wir 
dadurch cntljvstnt, ilafs eine andere Truppe den Feind angriff und 
ihn gänzlich zuriickwarf. General Hampton, der diese Attacke an- 
führte, wurde schwer verwundet. Unsere Verluste wareu grofs, 
doch die des Feindes viel beträchtlicher. 

Nach der Attacke ritten wir etwa 2'/2 Meile zurfiek und halten 
dann Hube. Den nächsten Tag verbrachten wir in l'lrwartuuij eines 
Angrifi'es und setzten uns Abends in Bewegung, nm ilie feiiidlitlie 
Kavallerie, welche es auf unseren Wagentrain abijesehen haben 
.sollte, abzufangen. Wiederum ritten wir die ganze Nacht hindurch 
und hatten am Pafs bei Erametsburg ein Nachtgefecht mitten in 
den Bergen. Wir erreichten gegen Morgen Leitensburg, wo wir 
erfuhren, dafs wir dem Feinde schon auf den Fersen säfseu, der uns 
etwa 30 unserer Wagen mit manchen Gefangenen abgeknöpft hätte. 
Wir ritten deshalb wieder in den hellen Tag hinein und erreichten 
den Feind endlich bei Hager.stown, wo wir mit ihm handgemein 
wurden. Das Uefecht entspann sich denn auch sehr bald und 



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S40 



Stoftrk*! Ifltiter Btad vom Sattel ans getelMii. 



dauerte fast den gauzeu Tag über. Unsere Schwadron ritt im 
Verlaufe des Gefechts drei volle Attacken, \ye'\ dem wir eine Menge 
Yankeea TOn den Pferden hieben. In Allem nmchten wir 300 Ge- 
fangene. Am Abende gelang es nns endhch, die Feinde zum 
Weichen Stt luringeu, und (leneral Stuart gai) den Befehl zar 
Verfolgung. Unsere Brigade*) versuchte ein Geschütz zu nehmen, 
welches sich gerade vor uns auf der Strafse aufgestellt hatte. Wir 
ritten direkt auf dasfelbe los, obgleich daefelbe uns eine Lage 
Kartätschen ins Qesicht schofs. Jedoch, als wir dicht an dem Ge- 
schütze iiiigekommon wftren, fanden wir es so beschützt durch 
Scharfschützen und Kavallerie, dafs wir uns nicht halten konnten 
nnd deshalb rechts und links von der Strafse, auf welcher dasGeechütz 
stand, abbogen und das Feld aufsuchten. Jedoch gelang es uns mit 
Scharfschützen das (Sefecht so lange hinzuhalten, bis Unterstützung 
kam und den Feind gänzlich aus seiner Stellung warf, worauf wir 
die unterbrochene Verfolgung kräftig fortsetzten. Unsere ganze 
Schwadron bestand nur noch aus einer Hand voll Leuten. Wir 
verloren an Todten heute nur einen Mann. «1er aber eine Menge 
andrer aufwoi^. den Sergeant Washington, einen der tren>tfn und 
bravsten Märtyrer unserer J^aclie. Ich blieb einen Auifeiiblick bei 
dem gefallenen Kameraden, der mir noch einen letzten Liebesblick 
zuschickte, j^jircrlien konnte er nicht. Doch konnte ich ihm die 
letzten Liebesdienste erweisen nnd fühlte es wie Erleichterung, als 
ich die heitere Ruhe auf dem Todtenantlitz eines echten Christen 
und Soldaten, der in seinem Berufe gefallen war, verglich mit den 
Schrecken, Ängsten und fürchterlichen Strapazen, welche die Über^ 
lebenden zu erleiden hatten! »Friede seiner Asche.« 

In fürchterlichem Sturm wetter schritt die Armee über dem 
Potomac, und noch fünf volle Tage waren wir in täglichem 
Gefechte, bis auch uns endlich eine Zeit verhältnis'mäfsiger Ruhe zu 
Teil ward. Ein Zeichen, welcher Art unsere Marsche waren, möge 
Euch sein, dafs mein Pferd, das fünfte, das ich seit dem Aus- 
niarsrhe aus A'irgiuien bestieg, auch vollständig fertig und nicht 
mehr im Staude ist, Dieuste zu thun. 

*) Dien wtr be1cs&nfli«li anf «inlge hnndirt Slbd rasmiinieDgseehmolnn. 



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UnMeba« in der Hilitlr-Littenftiur. 



841 



XXIT. 

ümscliau in der Hßlitär-Litteiatiii. 



Die Anlage, Leitung und DnrclifUhrang von Feldnianövern. i 

Von A, von Boguslawaki, OberBt-Lieuteuaut. Mit 15 Skiazeu 
und 1 Figurpiitafel. 

Das Buch wird zweifellos weite Verbreitung linden: eintual wegen 
des Verfassers, der zu den bervori'agendsten Militäi-ächrifUtellem der 
Jetetaeit gehört, aodaan wegen dca Gegenstandes, denn in den Peld- 
nwnSfem gipfelt ja die Friedensvoitildnng der Trappen f&r den Krieg. 

ünd so ersebeint mir die ansftthrlidbere Besprechnng des Werkes nm 
so mehr geboten, als ich zahlreiche nnd bedeutende Ausstellungen zu 
machen hal^e; dieselben erfordern aber eine eingehMidere Begründung, als 
die Anerkennung, die ich vielen AosfiUunuigen des ManOverbnches 
zollen mufs. 

Zalillu.^ .sind zunächst in der vorliegenden Arbeit die ViMistiUse gegen ' 
den Geist der Sprache, gegen die Kegeln der Stilistik und der Grammatik, 
ünd doch tritt der Herr Verfasser ganz energisch als bprach r einiger 
auf! Er tadelt scharf »die aus früheren Zeiten stammende Verwelachung \ 
unserer so ungern^ reichen nnd schOnen Sprache" und bezeichnet es ab 
toaurig, dab man noch immer diese SchwKehe unserer Vtter vertmdigen 
iiSrt. nhideb ist ein gesunder Zug Torhanden. Das Generalstabsweik 
Uber 1870/71 und andere Schrtfteo sind mit gutem Beispiel Torangegangen» 
aber gerade in der eigentlichen GeschUfts- und Dienstsprache des Heeres 
wird noch sehr viel Unfug getrieben. Ein Zweig des Heerwesens ist ganz , 
zurückgeblieben in diesen Bestrebungen, das ist da.«i Befest igung.iwesen, 
wo fl) man von Änderungen in diesem Sinne absolut — (warum das Fremd- 
wurtV) — nichts zu erkennen vermag. Ich hoffe, auch in dieser Schrift 
zu zeigen, dais man ohne allen Zwang mit Leichtigkeit i'ai>t alle Fremd- ; 
Worte (soll beibait: FremdwIMer), abgesehen der (soll heifsen: von den) 
europäisch gMrordnuii, entbehnn kann." Und weiter wird in dem 
Buche stets ,|Abtsilnng'' gesagt für „Detaehement*; „denn letsteres Wort 
ist noch nidit als in unsere Sprache ttbergagangan an snehtm, wogegen 
Worte wie Corps, Division, Manöver es allerdings sind. (!) Es sind (!) | 
europiüsehe Ansdrileke und aufseidem deshalb von militürischen Schrift- 
steilem zu gebrauchen, weil sie dienstlich feststehende Bezeichnungen , 
sind (!), was bei dem Worte „Detachement" nicht der Fall ist. Wo das 
Wort „Abteilung" und die Bezeichnung „Artillerie-Al»teilung ' Milsver- 
ständuiase erzeugen konnte, haben wir „Truppen-Abteilung" gesagt. 



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S42 



Umiekaii in der ]lilitfr*Littmtiit. 



Der letzte Satz enthält de.-, Ihn in Verfassers sell>steigene Verurteilung 
seiner zu MifsverstUndnissen fülirenden Cberr-etzun^' des „Detachenients", 
eines Wortes, das ni. E. Bürgerrecht in der deutschen MilitHi-siiradie 
ejlangt hat. Der Herr Verfasser ist dem Schicksal aller Siuaclireiniger 
verfallen; er hat über das Ziel hinausgeschossen und neben manchen 
treffenden auch mehrere weniger glückliche Verdeotechungen auf dem Plan 
gebracht , deren Anwtodang wohl auf dies eine Bach beechrlolct hle&ben 
wird. Wie flbrigens daa Be&stigongswesen die altehrwQrdigen fininden 
Beieichnungen abstreifen soll, ohne grenzenlose Verwirrung bervorzarafen, 
weifs ich in der That nicht. Gestehen wir aber dem Herrn Ver&saer 
anstatt des „Detacheraents" die „ Abteilung" und andere Ül Ersetzungen 
zu: was soll man da/u sn^fon, dafs der^^ellje in seiner Darstellung die durch 
deckende lifzeit linmi^ft n dt-r „so ungemt-in reichen und schönen deutschen 
Sprache" leicht veriiieidliaren l'rcnidwii) ter anwendet: „Fixierung", „Ha^is", 
„htrici", „dingieren", „Passus"*, „engagiert", „radikal"*, „Elasticit^it'^, .,Ma- 
nQTerrealüät", „Waldparzelle**, „Impuls", „Skizze", „Karrikatur", „fingierte 
Ueldnngen", ntotal**, »in Scene eetsen", «Mechanik des Dienstgangea", 
„AafklXmngsaphKre*, „reell beaeiste Schonung*, „Phraaen", «genieren", 
« Verpflegun^isniodua'* ; — „diese Impotenx in der Verwendung war das 
Produkt eines langen Friedens" ; — „absolut natürliche Grundlage", wobei 
bemerkt sein mag, dafs das Wort «abeoiuf* auf manchen Seiten drei- bis 

viwmal Vftrkommt !*) 

Solche Fremdwörter finden sich im Generalstabswerk nicht; dort sind 
auch schwere Versündigungen an der deutüclien Sprache ausgeäciiiu.vsen, 
die Ijei dem vorliegenden Werke üppig wuchern und von denen nur einige 
hier angefilbii werden sollen. Ein ganz verzwickter Satzbau: „Es eräcbeint 
überhaupt sehr am Platze, dafs jeder an «ner aolchen Stelle stehende 
Offizier der Kunst der Selbstbescfafttnkung recht eingedenk sei, getade wk 
sie der Sdiriftsteller sehr oft an ttben nQtig hat, nnd sein Buch in der 
B^el durch dieselbe nur gewinnt, andemfims er von einem einsiehtigen 
Kritiker gegründete Aus,stellungen ZU hOren bekommen kann." — Da 
wird ein „krampfhaftes" anstatt eines „krankhaften" Bestreliens vor- 
L'cffllirt, ein „unordentlicher" statt fines ..nntrf'ordneten" Rückzuges; ..die 
am l»t;>ten au.sgebildetsten 'Irupiicn'"; „ein verleit]i_L/uug>artiger Auftragt; 
„ein Vorfahren, was" anstatt „das oder \selches''; ungeinein be- 

zeichnend", obgleich eine Steigerung durch „so" bei dem BegrüTe ungemein 
nicht möglich; freilich heiftt es sogar dnmal: „so unendlich*'! Da wnide 
fkUher vea Vielen „die Artillerie als eme terra incognita angesdien", 
wShrend sie dies höchstens fllr Viele war. Da faeibt es, unier Beiadte- 
lassnng des pluralis migestatis: „Es ist weder mttne Aufgabe • . • sondern 

*) Nach dem Henn Verüueer aagt man »von Alten her**; «le atjle c*e8t 
nKmuDe" fSlachlich, da, beilinfig gesagt, ee heiben mots: Je 'B^le c*est de 

rhoninie". Schade, dafii der Herr Verfasser seine T>^sart nicht begrfindct. Meines 
WL^Rens sagt Baffen in seiner Antrittsrede in der Akademie: „le style eet 
rhouuue mömeh 



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UnMohM iD der Hilitär-LitleMtiir. 



SIS 



nur . . !" Da wird nicht die Batterie, sondern „der Verlust dei- Batterie 
aufs Spiel f^eset?!." Da lieifst es „anders wie", „nichts wie", anstatt „als". 
— Da „kann Niemand von dem Gebrauch (!) der Reiterei gerade in dieser 
liiolitung mehr durchdrungen sein, als wir"; wahrscheinlich ist gemeint: 
„von der Nüivvendigkeit, Nützlichkeit des Gebrauches überzeugt sein!" 
Da soli mau finden, „dafs dieser sofort auszugebende Befehl in den meisten 
Flllen eine grolse Unnatar in aieh eehltcfst' Die nUnaatnr" bedarf 
des Znsatxee ttgrofs", im Übrigm whliebt nicht »der BefeU**, sondern die 
Nötigung, den Befehl sofort aoanigebett, eine Unnatur in eieli, am die 
gesduaaUe Redewendung bttzubehalten. — „Oegenttber des ZneammeB'- 
wirk«»'' ist ein grober Fehler! — Die Führer mögen den Abscbmtt 
rekognoszieren. „Es ist dies ihre Sache, nicht die des Leitenden, es 
für sie zu thun.** — „Fin wahres kriegsmlifsiges Veriahren" wthrle richtig 
zu bezeichnen sein: „wirklich krieg-suiäfsiges." — Man soll n;i< Ii ileui Sturuie 
„die Kavallerie vurbrechen lassen und diese Waffe dort ausnutzen, wo ihre 
Kraft kein vergebliches Opfer erscheint." W'ah heilst das'i Dieser Satz 
erinnert an den andern: „welche Bestimmung uns zu verwickelt und nicht 
ein&ch genug enebeiut^*^ £ine pittehtige Tautologie t 

„Man muDs festhalten, dafs dn Angriff der Kavallerie auf Infuiterie 
in guter Verfassung in der Begel als aligewissen su erklJtren ist". . . 
offenbar soll die :ngute Verfassung" sich auf Infanterie beziehen, während 
sie .sich, nach der fcsatzlehre, auf das Subjekt „(Kavallerie-) Angritf bezieht. 
Nach dei-selben Lehre würde in dem Satze: „TTat eine Truppe den Kand 
eines Busches <<enominen, so kann sie nicht warten, bis es dem Gegner 
gefiilli^' ist, ah/.n/ielien, sundern .sie mnfs, wie im Ern.stfalle, denselben 
mit dem Hujunett in den Rippen aus deiu Busche werfen" — es würde nach 
der Satzlehre wiederum das Subjekt, der Sieger, das Bajonett in seinen 
Bippen babsa, intmeriiin eigeuiflmlichl 

Genug der Beispiele, die dch Terviel&ohmi Uefsen. Vom Sprach- 
lichen aum Sachlichen. 

Die Schrift stdlt sich zuerst die Aufgabe, den Einflufs der Aller- 
höchsten Veroi*dnungcn Uber die Ausbildung der Truppen für den Feld- 
dienst und über die gröfseren Truppenübungen vom Jahre 1«70, deren 
Ausgabe für Deutschland einen bedeutsamen Abschnitt einer Entwickelung 
von etwa 120 Jahren bildet, die Ausführung der t,'egelicuen Vorschriften 
ihre praktische Verwertung und die F>rfu lir ungen zu betrachten, 
welche in Deutschland und in andern Staaten seit 1870/71 gemacht worden 
sind; — das Buch soll ferner die Frage erörtern und zu beantworten 
andhen, ob unsere Feldmandver einer weiteren Entwickelung fthig 
sind und ob Reformen geboten erscheinen. 

Prttfl man nach dieser Ankündigung des flerm Verfiwsers das 
Werk, so findet man sehr Vieles, was in losem, ja in kaum nachweisbarem 
Zusammenhange mit dem Thema steht. Was soll die geschichtliche Ent- 
wickelung der WaffenüVmngen von den ältesten Ztnten bis zu Ludwig XIV? 

Was ü'ommt uns die Mitteilung, daik die alten Ägypter, leerster, Griechen 

28* 



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I 




344 ünnohan in der Mi]itir^Llttan.tDr. 

„sowohl EinzelUbungen als auch clempniaro tn.iincon in Schaaren aus- 
geführt hallen müssen?" In \vi*' fern fordert uns »lie Forschung Uber die 
L^on^^n nntci- den rijmischt'ii Knisern: „es findet sirii — soweit uns l)ekannt 
— nirgends eine Andeutung, dals man in zwei Parteien gegeneinander 
geübt hat; dagegen ist es nicht unwahrscheinlicfa — (wamm nkbtf) — dsfs 
man des ttftereii eine feindtieh« Linie dnreh «nzelne Leute markierte.'' . . 

Und wie die eisten, „ab ovo" beginnenden lütteilnngen Überflüssig 
sind, so gehören die Kapitel 17 and 18 nach dem eigenen Programm des 
Herrn Verfassers nicht mehr in sein Manöverbuch. „Der Angriff und seine 
Fomien. Die Verteidigung. Beispiel aufsei gf'wühnlichcn Verhaltens. Ver- 
stellter Rück/ug. Hinterhalt. Oebt;in( Ii der Waffengattungen". . . Ta, 
alle diese Kapitel tragen den Cham ktei eine> liundsohreibens, einer St ifit- 
sjclnift, in weldier d<T Herr Verfasser seine taktischen Ansehauungt^n 
gegenUlMir etwelehen Angriflen bezw. gegenüber neu aufgestellten, von den 
seinigen abweichenden Ansichten verteidigt. Ich bekenne gern, dafa idi 
in den meisten Fragen anf des Herrn Yerikssers Seite stehe, dals sdne 
BrOrtertmgen interessant sind, dafe seine lebhafte Schreib- und Feditweise 
mir unbedenklich erseheint, wo die Geister anfeinanderplatzen nnd die 
Gegner noh wehren m(Sgen: aber in das ManOverbueh gehOren diese Ans* 
einandenetanngoi nicht. 

Zu noch weiteren «Abstrichen*' gelange ich durch eine andere Br- 
wBgung. 

Gewifs hat jeder Schriftsteller das Recht , seinen Gegenstand zu 
behandeln, wie er will; aber er unterliegt der Kritik! Wenn der Herr 
Verfasser über „Anlage, Leitung und Durchführung von Feld- 
manövern * schreibt, wenn er Uber diese Punkte die Ansiditen kttren, 
wenn er anregen nnd belehren will, so bat er als HSrer und Leser sn- 
nlcbst die Generale und Stabsoffiziere des dentseben Heeree Torauasusetsen, 
sodann die Genenlstabsoffisiere, die höheren A4}utanten, die Kriegs- 
akademiker und solche Frontoftiziere, welche ihr wissenschaftHcliPS Streben 
zu derartiger Lektüre antreibt, jedenfalls also einen Kreis von Fachleuton, 
die allenneist lant^'jHbrige ])rakti.sche Erfahrung mit Kenntnis der Theorie 
verbinden oder wenigstens die letztere in ausreichendem Mafse besitzen; 
für diese mufste er schreiben, für diese nur das Notwendige, das 
Jsülzliche! Er mufste sorgfältig forschen und prüfen, wo sich trotz 
des grünen Buches, trotz der Werke eines Bronsart Sohellendorf, 
Verdj, Kühne, Osrdinsl Widdern, Meekd noch Llloken finden, wo sich 
Fehler nnd VerstSfse gegen die KriegsrnftCsigkeit bei unsem Manövern 
eingesdiliehen oder behauptet haben, wo Erg&nzungen, AbSnderungen 
notig oder wtlnschenswert geworden. Diese Bemerkungen, kurz und sach- 
lich gehalten, mit knapper Begründung, creordnet nach bestimmten Ge- 
sichtspunkten, konnten in ihrer Kürze, Bestiinmtli< il. Objektivität (soweit 
letztere möglich!) der Sache von nngenieineni Nutzen sein nnd die Armee 
zu Dank verpflichten. Das Miinöverlmch wiire nach Umfang und Preis 
um vier l^Hinftel heruntergegangen; es wäre überall gern gelesen worden. 



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Umiduu in IGHttNUttemtiiT. 



345 



Dtr Herr Vcrfass. r hat sich keine Besch ränkuncr liinsirhtlich des Leser- 
kreises und der lieliandlnng seines Stoffes auferlegt. Die Darstellung ist 
eine derart tiriindliclic. hroifo. dafs ein gel>ildeter hn'w l>einalie, jedenfalls 
a^er der Oltizior einer fVcmden Armee vollständig^ den gesamten Verlauf 
eines Manövers, wie er in Deutschland sieh gestaltet oder nach des Herrn 
Verfabüers Ansicht gestalten sollte, zu begreifen und zu durchdringen 
Tennag. Sicherlich wird das Bach in die Sprache der andern grofsen 
Anueen ttbeneUi, nnd aogesichtB dieser Gewißheit ist, worClber mehrere 
ausdrückliche Hinweifle nicht fehlen» wohl die gritadlidie Behaadliing 
des Q^eostaodes für erforderlieb erachtet. 

Damit aber hat das Buch fUr den von mir vorhin hezcichnetenf 
eigenilicfa zuständigen Leaerki'eis an Wert und Interesse erheblich verloren; 
denn es hat dueli geringen oder p»r keinen Heiz, Dinge zu lesen, in 
lehrhaftem Tone vtuj^'e tragen zu hören, die üian seit langen Jahren kennt 
und ttl't, die befohlen und allgemein anerkannt sind! Ich bedaure, dafs 
der Herr Verfasser die „Kunst der SelbstbeschrUnkung" nicht geübt und 
dadurch seiner Sache geschadet, den Erfolg seine« anerkennenswerten 
Strebens und Fleifses sich selbst gesohnAlert bat. Mnfste denn ein dickes 
Buch geschrieben werden? Genügte Uber die historische fintwiokelong 
nnurer FelduianOver, Uber Auswahl des Terrains, Aber die Vorarbeiten 
hinsichtlich der Einquartierung, des Planes u. s. w. nicht das, was Bron- 
sart V. Schellendorfs J)ienst des Generalstabos" bietet u. s. w. u. s. w.? 
Schade, dafs die vielen trefl'lichen Gedanken und Vorschlüge, die das l^uch 
zu Tage fordert, nun so versteckt, zerstreut sind auf den 20G St iien! 
Wohl werden sii Ii matK lie dieser Vom-hlilge als unausführbar erweisen, 
viele einen mehr odei weniger l)estimmten Widerspruch erfahren; aber der 
i'iüfung wert sind sie alle, der Annahme und Beachtung nicht wenige. 

So wird Q. A* S. 27 hinsichtlich des Exerzierens and der Felddienst- 
Übungen gesagt, es wflre am vorteilhaftesten, wenn man sich enttddieben 
könnte, den Gang der Ausbildung auf dem Ezenderplatae und im Gelinde 
als ein untrennbares Ganse auftufassen und die Tmppsneinheiten von 
unten auf in beiden erst fertig vorzustellen, ehe man an den 
Übungen der nilchst höheren Einheit Uberginge. 

S. 29 wird eine genauere Feststellnn<_' des Wesens, der Ziele und 
Zwecke der „garnisonweisen Felddien>t(ll'uii;/en" xerlangt und die Heraus- 
gabe einer stratfeicn . loojisch ^icll eutwickelmii n oftizicUen Anleitung,' für 
die Ausbildung der lutanterie für da* Gefecht im Gelände als unbedingte 
Notwendigkeit hingestellt. 

S. 41 wird gefordert, dab nicht, wie dies fiut immer geschieht, bei 
den Feldmanövem die beiden Gegner gleich stark an Truppen gemacht 
werden, sondern dafs «n Teil sine bedeutende Übermacht erhalt. 

8. 42 heilst es: „Uuk nebt jetzt häufig während des Anmarsches 
zum Manöver Kri^märsche und klmnc Gefechtsübungen ausfuhren* Es 
ist aber keine Frage, dafs eine zu grofse Ausdehnung der ersteren, wie 
sie jetzt oft bewirkt (?) wird, bedeutende Nachteile hat Dicht aufge- 



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ÜDUoIuui in der Hilf ttr-UMeratiir. 



ßt hlossen wHlzt sich die Kolonne viele Meilen daliin. Dies iMiei Freadigkeii 
und Lust am Marsche. . . . Hat man also einen Kriegsmarsch gemacht, 
80 sei man zufrieden und verlege diese Ül mng in die Manöver selbsi." — 
Hingewiesen mufs dabei werden auf S. 55 des piUnen Buches, welches 
über diese Kriegsmäniche spricht und ftU' dieselben allerdings kllrzere 
Etappen gewährt. 

Anf B* 49 wird m im AUgemeinen auch ftlr die UanOver in der 
Division (wie bei den DeUcbements-Übiuigen) als das angemessenste er- 
achtet, den einen Teil mit dem Angriffe zn betrauen, den andern in die 
Yerteidigong in Terweisen. iJ)m Begegnungsgefechte werden im Dnrch- 

sehnitt viel zu häufig angewendet.** 

8. 58. nEine enge BelegODg, Unterbringung in Alarm häosem am Nach- 
niitfa<:^e vor Beginn des Manövers nebst Au3.<et/pn von Vnrjvtsten 
würde ein jia.ssender Anfang des Manövers sein und dem jungen Ol'H/iev 
das Bild des Krieges bieten." Ferner: .,die strengste Geheimhaltung 
nicht nur der Aufgaben, sondern auch aller andeni Mafsnabmen müfste 
Ofßzieren und Mannschaften zur Pflicht gemacht werden, damit man nicht 
schon in den Wirtshinsem am Abend voriier sowohl die Vereammlongs- 
punkte der. Ftateien, als auch die der Trains, Biwaksbedflrfiusse n. s. w. 
an^laodem hQrt, welohe Naohriditen dann dem 0«gner Anhalt geben ftr 
seine Befehle." 

8. 59 u. ff. werden die für die kriegegemUfsc Gest&ltung der Manöver 
geeigneten „Verftl^'unfr^t nippen" eingehend und ticffend besprochen; 816 
sind allerdings seilen und luit «.^rnfsester Vorsieht anzuwenden. 

8. 71 wird es für ganz unrichtig erklärt, die Vorposten der Parteien 
am nächsten Morgen /u snpponieren; die Befehle für den niich.sten Morgen, 
besonders da» Rendezvous, sollen nicht bei der Kritik am Mittage, sondern 
am Abend des voihexgehendeii IfanSvertages ausgegeben werden (S. I2b% 
«n nSohiedsriofater vom Tagesdienst** mnls bestimmt und snr Stelle sein 
von der llittagskritik an bis nadi dem Aossetnn der Vorposten, aneh am 
iritchsten Morgen in aller Frühe (S. 127); — Alarmierungen und nächt- 
liche üntemehroungen (S. 131), auch Nachtmftrsche (S. 202) sollten öfter 
vorkommen; Heimlichkeit, Tiiuschnng des Feindes, Verschlagenheit müssen 
eine gröfsere Holle bei uns^rn Manüv-rn spielen 167). Es erscheint 
angemessen, die Aussonderung einer Keserve in der Verteidigung nicht 
erst bei Eintritt des Gefechts zu gestatten, wie dies allerdings seit 1871 
in der deut.schen Armee üblich und auch nach Seite 161 des grünen Buches 
vorgeschrieben ist (S. 159). — Es wird «der nngeheore Hübbraneh" erwthnt, 
der jetat bei den HanOveni mit Offizterpatronülen der Kavallerie getrieben 
wird (8. 168). Beiltnfig wird der Vorschlag bekSmpft (8. M\ einem 
Ifanne pro Sektion ftlr die Übung 60 Patronen su geb«i, den andern gar 
keine. — Warum sollen in den Berichten Uber die einaehien HanBver 
seitens der Führer keine Beweggründe für ihre Handlungen angegeben 
werden? (S. 191.) Der Herr Verfiuser ist daftUr, daCs in dem Berichte die 



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ümacliaQ in d«r IfOitlr-Iittttator. 



847 



BewegKHlnde, „wie auch in wirklichen Kriegsbericbteii stets geschiabi**, 

einen Plufz finden dürfen. 

nie in dem Sclilufskapilel liesonders zusammengestellten und be- 
grilndctcn „Vorsrhlllue" dos Herrn Verfassers zielen ab auf Einführung 
von Übungen grülterer HeerosindSi<en, ah nur zweier Corp.s ; Erhöhung des 
MannticbaftsstauGles der (Kompagnien für die Zeit der Manöver; Abscbafifung 
des Priniipe einer fttr Iwide Teile ^eidilantendea Generalidee, an deren 
Stelle eine aUgemeine Orientiemng jeder Phrtei ttber die Kriegslage und 
den Gegner treten wflrde; kriegsgemlLlse^ d. b. je nach dem Verlaufe des 
Manövcrtages stattfindoide enge Einquartierung, i>oweit nicht biwakirt 
wird; straffen, kriegsgeniftrsen Wachtdienst in den Cantonnements, Vei^ 
l)es.serung des Manöver- Vf-rpflegungs- und des Marketenderwesens; mehr 
Freiheit in der Versammlung der Parteien vor Tleginn der Bewegungen; 
Teilung überrasehcnder An^rille der ganzen versaiiiniclt en Abteilung mit 
Morgengrauen, auch niichtliciier Angriffe; stiirkere Verwendung der Pioniere, 
Zuteilung von Telegrapbenabteilungen und Telephon Vorrichtungen an die 
Truppen, schSrlsre MaimMBBCht in Hwaks. . . 

Die Vorsohllge des Herrn .Yer&asers sind hiennit noch keineswegs 
ersehSpft; welche Anregung, weldien 8t(^xu Erörterungen bieten sie! . . . 

Gewils b^hen die unsere Mandver leitenden oder als Flthrer nnd 
Schiedsrichter auftretenden Generale und Ulteren Stabsoffiziere Fehler, undf 
das wird so bleiben, diewoil sie Menschen sind. — Gewifs bedürfen 
manche, nieht diireh die Friedensrttcksichten vernr^achtcn Miingel und 
Mifsbriiu» Iii' i ei den Manövern der Abhtilfe; es ist i\x andern und /u 
l^essern überall! Gewifs i^t ts das Recht und die Pflicht eines Jeden 
unter uns, durch Wort und That und Schrift, soweit seine Macht und 
üeine llefUbigung reicht, dabin zu wirken, dals unsere Herbstübungen ein 
möglichst kriegsgetrenes l^d geben, nnd insbesondere sind Männer Ton 
der Krisgsei&hning, von dem Urtml nnd Ansehen des Henrn Verfiusers 
berufen, ihre Meinung su HufiMra. Aber diese MeinungsKu(serung darf 
keine schrankenlose, sie mufs mafsToU, vornehm, sachlidi sein. Gegen 
die^e Bedingungen aber verstufhi der Herr Verfasser von der ersten bis 
zur letzten Seite seines Manöverbuches — ganz gewifs nicht mit 
Absicht — aber tliatsüchl ich. Ein soldatisch -schöner Trieb, der 
Kampfescifer. hat ihn tVn tgerissen in eine unhaltbare Stellung; der Schrift- 
steller von Hut' hat einen schweren Fehler Viegangen . . . Das Buch ist 
nun da; litera scripta manet. Ich bin ein Verehrer dee Taktikers Bogus- 
lawski; von dessen jüngstem Werke aber wende ieh mich, trots seiner 
Vonsttge, ab, wml es nicht in allen Stücken den Anforderungen der 
Kameradschaft vollständig entspricht, welche — Gott sei Dank! 
auch im literansehen Verkehr der deutschen Offisiere herrschen 1 Der 
Herr Vei-fasser schlugt einen Ton der Überlegenheit an — um nicht zu 
sagen, der ünfehll)arkeit ; — er behandelt die vorliegenden heiklen Fragm 
nicht akademisch, sachlich, sondern persönlich-gereizt, ganz einseitig; — 
er greift Beispiele aus seiner Erfahrung auf und generalisiert die ent- 



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348 



UnschM in der Uffitii^Littentw. 



deckten Mängel und Schwüdien. So kommt pr /u pes.-imistischen Schilde- 
rungen! Wer das Duch aufmork'^am lifst, drr empfängt den Eindiuck, 
als ob bei ansern Manövern Alles drunter und drüber ginge, als ob die 
«leitente* 6au»le mangelhaft voiierebüdel, lauinnh, aaeUlirig, in Vor- 
urteilen befimgm wttren, — die nntergebenen nFObrer* desgleiclMBy dasa 
ebanücterloe, unselbstotitad^, — die hodisten Chargen aogar ohne Plan 
nnd Vecsttndn»! Wftie ea so, wie der Herr Verfiasser scbildert, dann 
mUFsien wir ohne Weiteres aus dor Zahl der ernsthaften Armeen ge- 
strichen werden. Um Alles in der Welt nur keine Ruhmredigkeit, keine 
Selbstüberschfitzung von solcher bat sich unser Heer ja auch nach 70 
freigehalten; aber ebensowenig Kleinmut, Pecsimismub, Mangel an Selbst- 
bewufstsein — wie >olclier m. E. in dem Manöverbucbe in erschreckendem 
Grade zu Tage tritt; dafs wir bescheiden bleiV»en, it?t zu wünschen, aWr 
dab wir uns selbüt herabsetzen, ist anklag nach verschiedenen Richt- 
ungen hin! 

Mein Urteil klingt hart, hftrter aber ist, was der Herr Verbasar ttber 
▼iele höhere nnd i^eidigestellte Offiaere ttnCnni. Die eimelnen Stellen 
hier anzuführen, erachte ich nicht fEür angemessen; der anfoierksame Leser 
wird sie leicht herausfinden. 

Die Sehiirfe der At)wehr war »ho lediglieh dureh die Schürte der Angrif!*e 
bedingt, deren gewifs nicht beabsichtigte Heftigkeit mich >tark 
verletzt hat. Vielleicht — ich m^k-hte sagen hottVntlidi - ^ind Andere 
weniger empfindlich, sehen heller, urteilen milder als ieli, der ich zu der 
Überzeugung gelangt bin: der Herr Verfasser hat i>ein reiches Talent \m 
seinem HanOvsrbndie nidit in einer Weise an verwenden guwofst, die 
nnaerera Heere, insbesondere nnserem Ofifisier-Corps, den beabsichtigt«! 
Kntien an bringen im Stande ist. 

Jahresberichte über die Yeründeruugen und Fortschritte im 
Militärwesen. IX. Jahrgang 1882. — Herausgegeben von U. 

V. Löb^ll, Olierst /. Disp. 

Kühn und bewufsl (iberschreitet liand Nr. IX der Lübell schen .lahres- 
berirhte die selli^itgesteckte Grenze, indem er den Bericht^sn über das 
Miiitiirwesen einen solchen über die Entwickehuig der deutschen Marine 
im letzten Jahrzehnt vorausgehen lädst. Interessant mag solch ein Bericht 
immerhin sein, interessant rind anch Beridite Aber die firanafieische, 
Ssterreiohrache» üalieniscbe, russische Marine n. a. w. ~ Aber — entgegen- 
gesetat der im Vorwort niedergelegten Ansicht — »angwnessen* kann es mir 
nicht erscheinen, in einem Werke, wie das hier in Bede stehende, siidi mit 
der Marine zu beschäftigen. Unrichtige Bezeichnungen, wie „Heci-weaen 
neutöchlands", hftlt der IX. Jahresbericht natürlich auch diesmal fest. 
In den bisherigen Berichten über das Heerwesen u. s. w. ist der über Mexiko 
hinzugetreten, 8< h;>n getarbt, aber doch nur Zukunfttiuiusik ! Je nach der 
iicdeutung der Armeen sind die einzelnen I^erichte in ihrer Ausdehnung sehr 
verschieden; so uiufafst der über Frankreich — wie immer der längste — 



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UihmImii in d«ff liflilir>Litl«ni(tor. 



340 



mehr Seiten (69), aK^ d^r ü^or Montenegro Zpilen cnthHlt. Tn F?etreff des 
Stoffes unrl des.^en Griipiiierunp hat die Redaktion den einzelnen Ver- 
fdt^sern bei der Berichterstattung vollstilndirr freie Hand gelassen; der 
Bericht ül)cr das Heerwesen Spaniens bringt sogar genaue Angal>en über 
Scbiefsversnche mit einem Stablbronce'GeäcbUtz, ein Gegenbland, der für 
die Mideni Armeen eine oft mebr wie erforderliche BerOdnridiiigung in 
dem «Beriebt ttber dee Material der Artillerie" gefanden hat 

In dem «weiten Teile dee Werkee ^Berichte Ober die einaelnoi 
Zweige der Kriegswissensohaften" ftllt der „Bericht Uber die Taktik der 
Infanterie** wiedemm besonders auf. Naeh demselben ini „die nicht zum 
Abäcblufs gekommene taktische Bew^ping" des Vorjabres mit ihrem 
^Problem der Fragen" vollständig vei^sch wunden und hat der „AuKarbeiinng 
im l>etail" Platz peniacht. „Statt (Iber neue Reglements in den einzelnen 
Staaten hahm wir ciiisinal darüber zu referieren, wie ihre Aunftlbrung 
gebandhabt wird, wie die Urteile der Truppen darüber lauten/' — 

ZunMcbat mfissen wir — gesttttst auf die anderweitigen Angaben dar 
Jahresberiehte -~ berforheben, dab ftet in allen gröberen Armeen im 
Lanlb dee Berichlgahree neue Reglementa erschienen sind» welche Beang 
anf die Taktik der Infanterie haben. (Man sdie nur in den vorliegenden 
Berichten über das Heerwesen Frankreiclis, Italiens, Rasslands n. 8. w. 
nach.) Was dann die „Urteile der Truppen", also doch wohl ,die Liierator** 
anbelangt, so bringt der Bericht kunte Angal>on über 7.wei neu erschienene 
und zwei in 2. Auflage vorliegende Bücher taktischen Inhalts. Aufserden» 
werden die Titel von vier anderen Büchern genannt und diesen 'einige 
Notizen l)eigefügt. In dem Abschnitt über Franki-eicb befindet sich dann 
zum Si-hlufs auch noch kurz erwübnt, dafs der General Lewal „die Kund- 
sohaftetaktik'' vezOffentliobt hat, nnd eind andi diesem Buche einige Zeilen 
gewidmet Das sind die Stimmen der Truppen. Über die ffAusfllhrung 
der Beglements* bringt dann der Bericht unter der Übcnchrift KDeniech- 
land* die Angabe, dafs „Vorschriften Aber das Ba|jonettfechten der In- 
bnterie" (Ist das Taktik?) erschienen sind. Waa der Herr Verfasser 
dazu bemerkt, \»t ungefähr schon S. 60 gesagt. Dieser Angabe scbliefsen 
sich 4'/i Zeilen über Ausbildung der Ersatz-Reserven an. Damit müssen 
wir uns begnügen, wenn wir wissen wollen, wie sich die Ansichten über 
die Taktik der Infanterie in Deutsehland lum Ausdruck gebmcht haben. 
Welche taktische Eischemungen u. A. bei den Manövern, namentlich bei 
den Kaiser •Manövern, zu Tage getreten sind, hlUt der Herr Ver&eser 
nicht für eirwtthnenswert. 

Bei nBnsdand* heibt es dann enigOgeD den einleitenden Worten: 
«EineKeihe nener Bestimmungen und Beglements* ist erlassen; ftir die 
Infiinterie i.st in taktischer Beziehung das Wichtigste: „Das Reglement 
über den Felddienst vom 16. November 1881". — Wer sich des NRberen 
darüber unterrichten will, dem werden die No. 53 55 des MilitJir-Wochen- 
blattf für 1882 empfohlen. IVr Abdruck des l^erichtes eines russischen 
iCorrespondenten aus der ^Internationalen Kevue"* bildet dann den Rest 



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350 



XJvmikm in dnr XHitibwIiittentiir. 



dos ülifi dif ruf^sihche Armee Gesagten. — Bei „England" beifst e^: ^Die 
Schlacht von Tel p1 Kibir am 13. September 1882 gicbt sehr viel lehr- 
reiches MHierial /ur Hoiintwortung der taktischen FrajT'e: ^Wie wird dfin 
verniflitenden l'enor der lieuti^i^en l^efeofiive gegenüber der entscheidende 
Angrirt' im freien Felde durchgeführt."* — Dio Antwort des Homi Ver- 
fotiäers besteht darin, einige Stellen aus dem Berichte des Generals Wol- 
seley anmfilhrai, ans dflaeii lehmaohe taktitdie MafeMgdii moht henror- 
gehen, soDdern wdcbe uar die Angaben enthalten» dafs die nenglische 
Armee in eehr dnnUer Naclit dofch die WUste gegen die i^adlidie Stellnng 
macscbierte" . . n^iuwre Trappen avancierten, fui ohne einen Schafe 
za thon, gernüf 1 -n erhaltenen Befehl, und als sie dicht bei den Werken 
waren, warfen >'w Arh gerade am» auf dieselben mit schallenden Rnfeu'*. 
Ist hierin das lohrreii he Material enthalten? Nun dann mögen die vor- 
liegenden Jahresberichte selbst antworten, die auf S. 82 sagen: „Die 
englisehe Kx)iedition naoh Ei/ypten ist kein „Ereigui.>j vom militarist'hen 
Standpunkt und die „Schiaeljf bei Tel ei Kebir ein taktisch unbedeutender 
Vorgang, ein w) hoch bedeatungsschweres politiecbes Unternehmen eie 
auch abeehlieben mag". ~ Der Berieht fiber die Tbktik der In&aterie in 
Frankreich bringt uns den Abdraek eines Anfsatiee ans Strefflenr's Öster- 
reichischer Militftr-Zeitschrift Aber grOftere SehielsverBache, gemacht bereits 
im Sommer 1^81 zu Bourges und Fontainebleau. Auch enthält dieser 
Bericht 8'/$ Zeilen über franxüsische Manöver und 4'/4 ülx'r taktische 
Be>;tinuiiuiigen. — Erfrischend ist es nach demtiellMjn den Heiicbt ül)or die 
Taktik der Kavallerie zu lesen, iler saehgemürs \in(l aus einem Gufs 
gearlnitet i>t. Der „Bericht üIki- die Taktik dei Feld-Artillerie" lie- 
sehränkt sieh auf die eingehende Besprechung einiger literarischer Er- 
scheinungen; doch giebt der Herr Verfasser hierbei mehi fach seine eigenen 
Ansichten ab^ so dafe er die wichtigsten takUschen Frage der Feld*Artillerie 
SU Genttge beleuchtet. Sehr interessant, lehrreich und ausftlhrlich ist der 
Bericht fiber die „Taktik des Festnngskrieges'*; der HerrTerfiMser zeigt 
sich als ein begeisterter und geschickter KHmpe ifür die Bedeutung der 
Festungs-Artillerie und liebt es, doi Zankapfel Ul)er die Bedeutung der 
ein/einen Waffen inmier von Neuem unter die Menge /.n werfen. Den 
„Bericht über da;s Befestigungswesen" nujchte ich, je nach der geistigen 
Fertigkeit (U's lii'.seis, i-nt weder mit einer Cnrn-^nufs vergleiclien, bei der 
Iii (11 nach mCihevoller Entfernung der verschiedenen Schalen endlich den 
bülsen Kern erhall, oder mit einer Attrapiie, die nach y.eit raubender Be- 
seitigung zahlreicher nutzlose ITmhflllungen ein kleines winziges Geschenk 
in der Hand des Suchenden zurttckl'lfst. Jeden&Us besitzt der Herr 
Verfasser im hoben Qrade die Fertigkeit, mit vielen Worten wenig zu 
sagen. Mehr wie ein Drittteil seines Berichtes ist aus Anmerkungen 
zusammengesetzt, Angaben also, die. streng genommen, nicht zur Sache 
gehören. Etwas kühn erscheint mir die Behauptung, dafis „man nahe 
daran war. bei Tel el Kebir ein /weites Plewna /u erwarten". Im 
Uebrigen Ubei lasse ich dem geneigten Leser, sich die Hauptgedanken 



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Unuchau in der Militär-Litteratur. 



851 



dm Berichtes selbei heituunobolen. Man mnb niolii für Andere Nttsse 
auf knacken! — Etwas trocken tmd weit ausgreifend, ancb hier und da 
Iris 1880 rarttckgehend, ist der Bericht Aber die kriegsgeschichiUebe 
Litterator. Ann an kri^erischen Ereignissen war das Jabr 1882, und 
mufs man, wenn Überhaupt für diese Zeit von solchen die Rede sein soll, 
die Unterdrückung von Aufstünden, die Vertreil'un«^ afrikanischer Horden 
n. dergl. schon als „Krie<,'" bezeichnen. So dürften denn jetzt nach 
Ahlauf eines Jahres und mein- die Berichte über dir französische Expe- 
dition nach Tunesien, über die Unruhen in Algerien, Uber die Insurrektions- 
kämpfe in der Bocca dl Cattara und über den Krieg der Engländer in 
Egypten nur anf ein sehr besebrttnktes Interesse rechnen; solche Geg«i' 
stHnde fesselnd danostellen, ist eine liut unerreichbar« Aufgabe. ^ Her^ 
Torragende Offiziere seheinen nach dem „Nekrolcge* der vwliegendenBeriebte 
im J. 1882 aolser dem bdgischm Oberst Adan nur unter den Generalen 
gestorl>en zu sein. W«m die n^ilitirische Gu-onik" sich darauf be- 
srhrflnkeVi wollte, nur wirklich der Erinnerung werte Ereignis.^« und That- 
sachen zu verzeichnen, könnte Baum gespart und die Benutzung derselben 
erleichtert worden. — 

Ein so umfanf^reirheis und vieliieitij^'es Werk, wie die .TahreBberiehte, 
wird stets zu Aubstellungen Veranlassung geben. Ich habe mich auch 
niemals gescheut, dieselben nach bestem Wissen und rsifiMMer öeber- 
legung Öffentlich pflichtgemlb xur Sprache sn bringen. Ss ist ihnen und 
den wiederholt gcÄaberten Wtlnscbsn, die meistens mehr als die Ansicht 
* meiner Wenigkeit hinter sich hatten, bislang, so weit es die Bedaktion 
betrifft, niemals Rechnung getragen worden. — Das soll aber nicht 
abhalten, an der Pflicht festzuhalten und mit dafür zu sorgen, dafs das 
übpi iV\n (ircnzen des Vaterlandes hinaus rtlhmlicbst bekannte Werk 
immer %am Besseren strebt. 

Ble Mb* und Hnflelden der Pferde^ ihre Batetehniig» Ter- 
liitaiigr und ärmellose HeUmig. Von Spohr, Oberst- 
Lieatenant z. D. 

Die vorliegende Schrift soll, nach dem Wunsche des Herrn Ver&ssers, 
»ein praktisches Handbuch Ab: gebildete und doikende Pferdebesiixer, die 

sich ihre Thiere gesund erhalten, bezw. derm Oesundhsit wiederherstellen 
wollen'', sein. Sie will dies, indem sie im Gegensatoe snr „arzneilichen'' 
Behandlung, im Gegensatze zu Salben und Sclnnieren, zu "Brennen nnd 
Schneiden, auf dei-selben Grundlage wie die pbysiolncjische St hule, Ttat- 
schlHge erteilt, wie ohne Mixturen und Arznei mit dem illierall voihandenen 
natürlichen Wa.'^-ier dem Ileiltriel) der Natur zu Hülfe gekommen werden 
kann. Prin^iip steht liier dem l'rinzip gegenüber. Das eine hat seine Be- 
grOndung in der vorliegenden Schrift gebi-acht, das andere wird sie 
▼ieUeieht bald m bringen versuchen. Versnohenl Der Leser sehliebt 
hieraus wahrscheinlich und nicht mit Unreeht» dab der Kritiker einen 
etwas subjektiven Standpunkt einnehmen und sieh auf die Seite des 



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352 Umtdiaa in der MOiAir-Liitetmtiir. 

Verfassern stellen wird. Das thun wir allerdin^f: und mit voller Ueber- 
zf^ugung, da auch uns die Erfahrung Jieispiele von ^'Uii klidien Kcsultaten 
der euij'foMenen Heilinetliode in grofser Zahl vor Aup;en geführt. Ein 
Kninj)roiöifs /.wischen ar/.neiliclier und ar/neiloser Dehaudlung ist nicht 
denkbar, diu UesprtMihung und der Pferdebeäitzer können aich nur für das 
eine oder andere eufanheiden* Aas dem reichen Inhelt des Boches seien 
hier in knizen Zttgen als besonders charakteristisch die im 6. Abschnitt 
am^lpnproehenen Gmndfiftiaw, Mittel nnd Formen der nataiigeiidUsen Heil- 
iketbode hervorgehoben: 6«6iindhoit ist derjenige Zustand des thieiischen 
Oiganismus, in welchem alle Organe desselben normal funktionieren. 
Krankheit entsteht, wenn eine Hexumung dieser normalen Funktionen, 
»►der eine Aliweiclmng von denselben stattfindet; Heilung nennen wir eine 
Zill ü( kfiilinuiLr der Funktionen in den normalen ZnJ^tfind. Sic tritt er^t 
dann ein. wenn der innere tirund der Krankheit gelioKm ist, ein Schwinden 
der ihr Vorhandensein anzeigenden Symptome tritt dann von selber ein. 
Eine Beseitigung der Symptome Innn anch die Anwendung von Fremd- 
stoffen (Armeien) oder die gewaltsame Oi)ei-ation ertielen, den eigentlichen 
Grund der Krankheit hebt die mit Medikamenten vorgehende Thierheil- 
knnde nicht Dem entgcigen geht die natnigemnfse Heilmethode gegen 
den Krankheitsgrund selber vor, die Symptome sind ihr lediglich Weg- 
weiser für die Heilung. Den Grund der Krankheit findet die Natur- 
heilkunde entweder in dem Vorhandensein eines, dem Organismus feindlielien 
Krankheil.-btoffes - der entweder von auf^en einu'edrungen oder dunli .iuff^ere 
Einwirkungen auf den Organi-mus innerhalb de.-felben entstehen kann — 
oder al»er in einer uieehanijHhen Verletzung de.> Organe«. Es wird das 
Vorhandensein eines materiellen Krankheitästoffes angenommen und die 
Heilung nur auf äem Weg» de« Stoffwechsels angestrebt, indem der 
Krankheitsstoff ausgeschieden und neuer, dem Oiganismus autriiglicher an 
seine Stelle gesetat wird. Die NaturheUkunde will dies auf direktem 
Wege, indem sie sich 1) nur solcher Mittel bedient, die auch dem gesunden 
Körper nicht nur nicht schaden, sondern seine Funktionen in natürlichster 
Weit-e ITxdorn, durch Anwendung nattlrlichen Getränkes, einfacher Nahrungs- 
mittel unter AusMhlufs aller Ar/neien, die in den C^rganismus neue 
Krankhtitsur.sachen /,u den alten bringen; 2) indem .sie ^u chirurgischem 
Kin.-( im if en nur in iiufser>ten F'illen ihre Zufliuht nimmt; indem sie die 
Krankheitsursache selb,>t /u lieben ^ucht, V»ewahrt sie so viel als möglich 
vor Bttckfilllen, sie strebt ja dahin, die Fremdstoffis aus .dem Organismus 
auszusondern. Was die Mittel anbetrifft, so gelangen innerlich nnr die 
gewöhnlichen Nahrungsmittel, zuweilen in etwas reduziertem Quantum, 
und Wssser als Getrftnk zur Anwendung. ÄuCserlicb bedient sie sich des 
Wassers m mehr oder minder kdlilt n Waschungen, Qamr oder Teilbadern 
(Schwemmen, temperierte Reinbttnder, StiefelbSider, wanne Bäder), feuchten 
Wickelungen f wovon 3 Arten: erregende, ausziehende, beruhigende Ein- 
wicklunj^en ), kühlenden FnischlUgen. feiner in Form von allgemeinen oder 
partiellen Douchen, liegielsungen oder nassen Abreibungen. Auch wird 



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ünuieluui in dw IßlitiiwLitlflntiir. 353 

WasBerdampf als Dampfbad oder Dampfdoaeh« auf Grund engliacber Er- 
fahrnngen empfohlen. Ein woteres Bufseres Bfittel bildet die auf Resorption 

bei Kontusionen. Zerrungen u. p. w. wirkende Massage, sowie die Bewegung 
bei »'in/einen Kranklieitsznstlinflpn , Knite und Wiirnif^. innerhalb gewisser 
Grenzen l>eschleuni<,'cnd und anregend auf den 8lolRve< lise! wirkend. 
Sonne, Lidd und Luft spielen f,deichfnlls eine wichtige Holie. — So weit 
in Kurzem die Grundj^iitxe, Formen und Mittel. Aus der P^rlahrung 
»precbend, begnügt sich der Verfasser nicht mit theoretischen Aui«inander- 
setiangen, giebt Tielmehr gans bestimmte Voreoiiriften flir die Anwendunfr 
der ein&cben Mittel: Waesertemperatur, Besehaffenbeit» Geetalt und An- 
legung der Binden, Fntterquanta, Dauer der Bewegung u. s. w. Die 
Symptome der betreffenden Kranklieiten der Extremitäten findet der Leser 
kun, knapp und klar auseinandergesetzt. Voll und ganz unterschreiben 
wir aueh das Kapitel über den Hufbeschlag, die Ansirhten über daa 
Barfufsgehen und dif Tfeilung von DniekscliUden, Sehwellungen u. s. w. 
Hufsalhen und Schmieren. Beispiele, in grof^er Zahl aus der reichen Er- 
fahrung des Herrn Veriasserü aufgezeichnet, lieleuchten die Anwendung 
der Mittel und liclern Beweise für die erzielten liesultate. — 

Wir begrüfaen die Sebrifb mit Freuden und ßadm in ihr durdiaua 
das» ivas am sein soll — ein praktisches, leicht verstilndliehes Handbuch. 
Die eigne Br&hnmg hat uns, wie gesagt, eone Heilmethode wttrdigen 
gelehrt, die iwei&llos den Vorteil hat, dab ihre Mittel anftche, natflr- 
liehe, überall zu findende sind, dafs ihre Anwendung bei einte' r Auf- 
merksamkeit eine leichte und aueh aufser ihrem Heilerfolge noch in ftofem 
gUnstig wirkende i^it, n.h sie den Pferdebesitzer, der sonst zuweilen dfra 
Tierarzte sein krankes Rofs völlig überläfst, zur HeaufsiichtiLning der Kur, 
damit zu höhei*em Interesse für .«-ein Tier zwingt und ihn 1 inen schliiferen 
Blick gewinnen iHfst, der seinem Geldbeutel zu gute kommt. Wer erst 
selbst die vom Verfasser vorgeschlagene natargemftlise Heilmethode zum 
eignen Vorteil und- xu d«n seiner Pforde erprobt, wird mit uns zu der 
Ansii^t gdangm, daft die oben genannte Schrift jedem Pfardebesitier 
aufk WSrmste «npfohlen werden kann. 

Die prenfsische Armee yon den Utesten Zeiten bis zur Gegen- 
wart* — Geschichte unseres Heeres in Wort und Bild. — 
Bearbeitet von Friedrich Krippeustapel und Bichard 
Kn&tel. — Mit einem Titelbild. — Aulserdem ein Bild 
in Buntdruck beigegeben. 

Zwei der Armee nidit AngdiOrende beginnan mit dem vorliegenden 
Bande eine Idee mt That sn madhen, welche in der Armee und Ober 
dieselbe hinaus sicherlich groben Beifall und allgemeine Teilnahme finden 
wird. Die in jeder Beziehung reiche und gelungene Ausstattung des 

Textes nimmt el>enfio für das Untemehmen vorweg ein, wie das bei- 
gegeWne Bild, das eine künstlerische Leistung beetei* Art genannt wer- 
den darf. 



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854 



Umolkan in dar ]liIittr-Iitt«niiiK 



In dem vorliegenden ersten Rantle hat der Verfasser des Textes auf 
197 Folio-Seiten die Gesrhiclite der preuf^i^cben Husaren /.u Pa]iier t^e- 
lirarht. Die Husaren sind desliall» als die ersten ^'ewiihlt, weil einerseits 
das Material über diese Truppe aiu vtdlstUndigsten beisammeu war, anderer- 
seits Uber die Huaaren etwas zusammenhängendes bis zur Zeit nicht 
erschienen ist, 

FtUr die Art der Duvtellcing sind die alten StammÜBben mm Muster 
genommett. Der erste Teil des Bodbes handelt fllier „die Husaren der 
alten Armee", vom Jahre 1721 bis 1806, und bringt von jedem Hosaren- 
Begiment eine kurze Geschichte, enthaltend Garnisonen, Formation, B^eld- 
züge und Chefs. Ein besunderes Kaiiitel beschäftigt sich mit der üni- 
fonnierung und der BewaffnunLT der Husaren wiilirend de» l»ezuLrbabcnden 
Zeitabsf'bnitts; ihm sclilieiseu sich zwei weitere Kapitel über die Standarten 
und die Hemontierung an. 

Der zweite Teil „die Husaren der neuen Armee" ist genau wie der 
Torhefgehende gegliedert nnd hier wie dort den nur fUr besondere Ver- 
hlltnkse gesofaaflbnen Formationen ein eignes Kapitel gewidmet. Der 
Geeamtündmck der Arbdt ist dn flberana gOastiger und jede Seite des 

Buches sagt deutlich „ «~ die Lost ist grolsl*' Sin abgeschlossenes 

Urteil UV)er die dem Werke zugewendete Sorgfalt und Uber seine Zuver- 
lässigkeit iRfst sich bei diesem einem Bande aber noch nicht abgeb«sn. 
Der Verfasser hat eine sehr schwierige Arbeit ül»ernonimen — die ganz 
aufserordentliche Kräfte voraussetzt und einen ^n-orsen Forscihungstrleb, 
andauernden SammelÜeifü, verbunden mit Saciikeiuitiii-, /.ur Vorbedingung 
liat. Das Quellenmaterial, welches der Verfa.sjser benutzt bat, ist ein sehr 
reiehes» aber es ist nioht untrügliches mit su Rate gezogen, aneii das vor- 
handene nicht ToUstRndig erschöpft. Wenn das Werk allen AnsprQehea 
gerecht werden will, so darf behnft Besettigong der kleinsten Zweifal oder 
WidensprOche in d«a Yenchiedenen Qaellen keine Mflhe nnd Arbeit ge- 
scheut wei*den. Der Verfasser mag nur an der richtigen Stelle anklopfen 
and fragen. Man wird ihm sicherlieh aufthun und Antwort geben. Schon 
ein flüchtiges Durebbliittern des vorliegenden Bandes beweist uns, dafs nach 
dieser Seite nicht genug gethau ist. So sind u. A. der GeV)urt.stag und Sterbe- 
tag Zietens nicht ri( litig angi gel en; statt des 14. Mai und 27. Januar 
führt der Vcrfahser den 18. Mai und 2G. .lamiar an. Der Stiftungstag 
des Königs -Husaren-Regiments (1. Bheinischea) No. 7 ist nioht der 14. April 
1815, sondern der 7. IfSn. Zur Formation des 3. rheinischen Hnmienr 
Regimoits No. 9 wnrde n. A. eine Schwadron des 1. sehlesischen Hnsaren- 
Begiments verwendet, nicht des scblesischett, wie Verfasser angiebt; Jenn 
es bestanden damals v.wvl schlesisohe Husaren - Regimenter. Bei AngaVie 
der Garnisonen des 2. rheinischen Husaren-Regiments No. 9 sind die drei 
letzten, in der Anmerkung auf 8. 107 angeführten Garnison Wechsel mit 
ganz falseben /.eitaugabcn versehen (1800 — 1865 — 1870 st. 1851 — 
1860 - Auf S. 173 ist gesagt, 11 Schill'sche Offiziere seien in 

Wesel erscbosäuu Wörden; bekanntlich waren es deren nur 10. In der 



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Umschau ia der Militär- Litieratur. 355 

Amnerlniiig auf dexBelben Saite wifd das Hasaren-Bcgimciit Ko. S fbr die 
Zttt der tUieiii-GRiningiie als R«giineiit „von Plets* aa^eftlhrti irtlhrend 
es 8 Seiten spftter nach seinem damaligen Chef richtig „von Köhler** ge- 
nannt wird. — Der bekannte Freicorps-Fohrer Hellwig war 1813 nicht» 

wie angegel»€n, Rittmeister, sondern Major; er wurde hol Errichtung des 
2. scblesischcn Husaren -Regiments nicht dessen Comiiiaudeur, sondern 
Rskadi-ons-Chef im Regiment u. s. w. — Ziemlich viel Druck fehler he- 
hnden sich in dem liuclu! naiuentlich betrert^ d»n' franzö-sisi ln-n l )rt.snaiiu'ii. 
S. 84 mufs es z. B. heiüieu liazuches; Ilh Galiüraudet> ät. Ba/.uche nur (Jaile- 
rsndeSf S. 90 Artenay st. Artenays, S. 102 Wakkersdoif sL Wackendorf, 
S. 106 Oberst-Lieateoant v. d. Lancken st d. Lenken, S. 112 Oivet 
st. Givetsy 8. 113 Hontmorency st. Monimereni^. 

Was die Angaben Uber die FeldzQge anbelangt, so «rttre tu. wOnschen, 
dab bei den Kriegen dit^ses .Talnhunderts zum wenigsten gesagt wUrde, 
welchem grüfseren Verbände das Regiment angehört hat. Auch eiii[>fiehlt 
es sich fdr die Gefechtsnamen des Krieges 1870/71 den Oefechtskalender 
zu (ininde /u h'gen, welcher dem (icntu'ulstali.swt'rk lieiifci^cli»-!] ist. Dieser 
erwülmt allerdings ni(;lit die kleinen Scliarmüt/.el der einzelnen l'atiouillen 
u. fi. w. — um so mehr ist aber nach dieser Richtung hin Vorsicht ge- 
boten. Z. B. die Einnahme von Reims beim Hasaren-Regiment No. 11 
als eine besondere Tbat aa&nfilbren, erscheint entschieden ka weit ge- 
gangen. Bekanntlieh sprengte Rittmeister y. Vaerst mit seiner Sehyradron 
in die nicht besetste Stadt und lieb sich von der OrtsbebSrde die ScblQssel 
Übergeben. Was auf S. 102 beim KCnigs IIusaren-Rogiment „Einscbliefäung 
von Metz 22. — 24. August" sagen soll, ist geradezu unergrümlli. h Von 
der Reteilignng des Husaren-Regiments No. 8 am Uombardcment des 
Forts Guise 24. Juni 1815 schweigt die Si)ezialgeschiehte jenois Rogiiiients 
vollständig u. s, w., u. s. w. — Der Herr Verfas.ser wird au.s dicren 
Bemerkungen ei"sehen, dafs er noch viel zu thun hat, um billigen 
Anforderungen zu gentigen. Aber es wäre schade, wenn ein in der Idee 
80 trelfiiehes, ein SnÜBerlich so prSchti^ ausgestattetes, ein mit sichtlicher 
Bqjeistemng für die Sache ins Leben gemfene Werk nnn nicht auch 
vortiefflich in jeder Beiiehung werdni sollte. 

Das Titelbild des Buches bringt nns in kflnstlerischer Auflassung 
Husarentyiten der einzelnen HanptieitabFchnitte, das Reiterbild un>;eres als 
Chef des Königs-Husaren Regiments dargestellten Kaisers ufngebend. Über 
jedes Lob erhaben ist das grofse dem Bande beigegebene Bild in FarV>endrnnk, 
welches in 43 verschiedenen malerisch gruppierten Figuren das Ihanden- 
burgij-che Husaren-Heginient (Zietensche Husaren) Nt). 3 in seinen ver- 
schiedenen ünilorinen seit 1732 zeigt. Der alte Zieten und l'rin/. Friedrich 
Oarl, ans der Menge besonders hervortretend, sind nicht gut getroffen. 
Das Bild ISCit anf eine begabte KUnstler-Natnr sehlieben, die hier mit 
kecken Striches dem HosarMileben Ausdmek an geben gewnbt hat. 'Bh 
m die kleinsten fiinielheiten hinein, sei es die bölxeme mit I^eder ttber- 
Bogene Lederseheide, oder die henflJrmigen Ausschütte an den Scha- 



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856 



ümtolutt in der 11 iUt&r-LitterAtor. 



rawaden u. s. w., u. s. w., scheint das Bild genau zu sein, wird aber auch, 
was noch besonder» lobend hervorgehoben werden mvSa, in dieser Hicbtung 
TOD dm ausgedehnten unA sehr sorgfältigen Angaben des Textes beetens 
unteratfitst» 

Wir sweifelB nidity dab es den Verfiwsem gelingen wird, aUgemeiaes 
Interesse ftkr ihr TortreffUohes Werk su erwecken, das im Selbstveriage 

des Herrn Rrippenstapel erscheint. Wird das Buch das, was es zu werden 
ver.si)richt, .so darf e« in keiner gröfieien Bibliothek fehlen. Hoffentlich 
werden auth die einzelnen Bünde und Bilder küuflith sein, so dafs die 
besondere Beteiligten, wie hier die Husaren, auch ihr besondei'ea Inteiesäe 
für den Bezug habenden Band bethtttigen können. 



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